Wordschatzerweiterung

Projekt Gutenberg hat ein Digitalisat des “Dictionary of the vulgar tongue” von 1811 online gestellt, welches – Überraschung – damalige Schimpfwörter, Beleidigungen und sonstige Beschimpfungen versammelt. Meine Favoriten nach einem kurzen Querlesen:

BAG OF NAILS. He squints like a bag of nails; i. e. his eyes are directed as many ways as the points of a bag of nails. The old BAG OF NAILS at Pimlico; originally the BACCHANALS.

TO BOX THE JESUIT, AND GET COCK ROACHES. A sea term for masturbation; a crime, it is said, much practised by the reverend fathers of that society.

COLD PIG. To give cold pig is a punishment inflicted on sluggards who lie too long in bed: it consists in pulling off all the bed clothes from them, and throwing cold water upon them.

BLEEDING CULLY. One who parts easily with his money,
  or bleeds freely.

BLOWEN. A mistress or whore of a gentleman of the scamp. The blowen kidded the swell into a snoozing ken, and shook him of his dummee and thimble; the girl inveigled the gentleman into a brothel and robbed him of his pocket book and watch.

A BLOWSE, or BLOWSABELLA. A woman whose hair is dishevelled, and hanging about her face; a slattern.

TO BLUBBER. To cry.

BLUBBER CHEEKS. Large flaccid cheeks, hanging like
  the fat or blubber of a whale.

CATCH FART. A footboy; so called from such servants
  commonly following close behind their master or mistress.

SHERIFF’S BALL. An execution. To dance at the sheriff’s ball, and loll out one’s tongue at the company; to be hanged, or go to rest in a horse’s night-cap, i.e. a halter.

TO SHOOT THE CAT. To vomit from excess of liquor; called also catting.

http://www.gutenberg.org/cache/epub/5402/pg5402.html

Wenn einer meiner Leser ein entsprechendes Wörterbuch aus dem deutschen Sprachraum kennt, dann immer her damit in die Kommentare!

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Tonfilme, Pferde und veraltete Geschäftsmodelle. Sowie ein böser Roboter

Das Argument taucht in jeder Diskussion um Raubkopien, neue, digitale Geschäftsmodelle und das Ende der alten Verwertungslogik auf: Das Pferdeargument. Nach der Erfindung des Automobils hätten sich die bisherigen Transportunternehmer dem technischen Fortschritt anpassen müssen – eine Gesetzgebung, welche etwa Postkutschenbetreiber, Pferdeställe oder Pferdehändler vor den heute überall üblichen  Autos geschützt hätte, würde uns heute einfach absurd erscheinen. Dabei gab es etwa Gesetze, die Geschwindigkeitsbegrenzungen einführten und in diversen Sammlungen von “lustigen Gesetzen aus den USA” taucht immer wieder das wunderbare Gesetz auf, nach dem ein Mann mit einer roten Fahne vor einem Automobil laufen muss, um andere Verkehrteilnehmer zu warnen. Je nach Quelle gilt dies nur, wenn eine Frau am Steuer sitzt.

Die Intention ist klar: Ein gesetzlicher Schutz von Haferproduzenten, Hufschmieden und Pferdezüchtern erscheint absurd. Ebenso soll die jetzige Verwertungsindustrie nicht durch Gesetze wie ACTA, SOPA & Co geschützt werden. Der technische Fortschritt erfordert dies und am Ende sind wir ohne Pferde doch schneller und bequemer unterwegs und die Straßen sind nicht voller Pferdeäpfel.

Dieser Vergleich hinkt natürlich. Interessanter und vielleicht vergleichbarer ist der Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm. Stummfilme werden heute – wenn sie überhaupt geschaut werden – wirklich ohne Tonuntermalung geschaut, dabei saßen damals Musiker in den Kino, welche die Filme musikalisch begleiteten. Und dann kam der Tonfilm mit fertigen Tonspuren und bedrohte das Einkommen der Künstler.

Daher starteten diverse Initiativen Kampagnen, welche diese Entwicklung aufhalten sollten. Das wunderbare Blog Paleofuture hat jetzt die Werbekampagne der American Federation of Musicians ausgegraben, welche alleine in ihrer Bildsprache beeindruckend ist.

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Abgesehen davon, dass ich jetzt auch so einen bösen Musikroboter haben will: Die Betonung von Authentizität, von wahrer Kunst gegen “canned music” kommt einem erstaunlich bekannt vor. Heute sind es die Indie- und Alternativeszenen, die vielen semiprofessionellen Hobbymusiker im Internet, die authentischen Musikgenuss versprechen. Die kleinen Bands, welche auf kleinen Bühnen vor einem kleinen Publikum spielen und “echte Musik” machen. Der Gegensatz dazu sind die großen Castingstars, die Boybands, One Hit Wonder und sonstigen Produkte der Musikindustrie, die aus reinem Profitinteresse zusammengestellt werden, um möglichst massenkompatible Musik zu machen. Wenn jemand das Schild “Canned Music in Theatres” durch “Musikindustrie” ersetzt, dann hat er das perfekte Protestplakat für die nächste Anti-ACTA-Demo.

Entsprechende Kampagnen gab es übrigens nicht nur in den USA. Auch in Deutschland wurde gegen den Tonfilm argumentiert und auch hier wurde versucht, das Publikum auf seine Seite zu ziehen:

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Freedom has a new sound

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Düsenjäger machen Lärm? Unsinn, das ist Freiheit! Tragischerweise wurde diese Werbekampagne nicht fortgeführt und tragischerweise wurde sie auch nicht nach Westdeutschland gebracht. Und so wusste ich meine Kindheit über nicht, dass diese Rotten von Tornados und sonstigen Kampfjets, welche den Himmel über dem Münsterland im Tiefflug durchflügten, eigentlich nur Freiheit bringen wollen. Und nicht Krach.

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Datenschutz und Hinterhältigkeit

Es ist ein weiteres wunderbares Beispiel dafür, dass es mittlerweile fast unmöglich geworden ist, die eigenen Daten irgendwie unter Kontrolle zu halten: Angefangen hat es mit der iPhone-App Path, bei der jemand entdeckt hat, dass sie das eigene Adressbuch ausliest und erstmal alles auf den eigenen Server zieht. Natürlich ist Path damit nicht alleine: Auch Twitter, Facebook, Instagram, Foursquare und diverse weitere Apps bedienen sich fleißig an den privaten Daten der Nutzer.

Das Adressbuch ist dabei eine der sensibelsten Datenbestände überhaupt: Noch besser als die häufig recht wahllosen Kontakte etwa auf Facebook trennt es den Freundeskreis vom Bekanntenkreis. Es versammelt wichtige Telefonnummern, die z.T. auch geheim bleiben sollen. Wenn sich Apps dort bedienen – egal ob unerlaubt oder vom Nutzer bestätigt – dann ist diese eine Sauerei. Nach deutschem Datenschutzrecht dürfte die Weitergabe personenbezogener Daten an ausländische Firmen, die sich nicht an deutsches Datenschutzrecht halten, verboten sein. Nur weil ich dir meine Telefonnummer und Adresse gebe und du meinen Geburtstag in dein Adressbuch gespeichert hast, damit du ihn nicht vergisst, bedeutet das noch lange keine Einwilligung, dass das auf den Server irgendeines US-amerikanischen Startups geladen werden darf – vor allem nicht unverschlüsselt.

Die Apps machen dies, um den Social Graph der Nutzer importieren zu können – wer sich etwa bei einer App mit sozialen Features wie Instagram anmeldet, will natürlich Fotos mit seinen Freunden austauschen. Der Abgleich mit dem Adressbuch ist da eine praktische Variante, um eben diese schnell zu finden – gibt es im Adressbuch eine Mailadresse auf die auch ein Account beim Anbieter registriert ist? Gerade für kleinere Anbieter ist dies eine schnelle und einfache Möglichkeit, um eine aktive Community herzustellen.

Auf jeden Fall sollte jeder damit rechnen, dass seine Daten plötzlich bei irgendwelchen Startups auf dem Server liegen. Irgendeiner der Freunde ist im Zweifelsfall blöd genug, um so eine Funktion zu nutzen.

Das Problem ist natürlich nicht nur auf iOS beschränkt, welches blöd genug ist, Apps den ungefragten Zugriff auf’s Adressbuch zu erlauben. Android macht dies leicht besser, aber auch nicht perfekt: Im Market wird vor der Installation einer App angezeigt, welche Berechtigungen sie fordert. Da steht dann “Zugriff auf das Adressbuch” oder “Uneingeschränkter Internetzugriff” und Apps dürfen auch nicht mehr als sie verlangen, aber dem Nutzer selbst hilft dies recht wenig: Er hat die Wahl auf eine App zu verzichten, wenn er mit den geforderten Berechtigungen nicht einverstanden ist. Das hilft auch nicht viel.

Abhilfe verschafft Besitzern eines gerooteten Gerätes die App LBE Privacy Guard oder ein Custom Rom wie Cyanogen. Damit lassen sich die Berechtigungen manuell setzen. Will man also etwa die Facebook App nutzen, ihr aber den Zugriff auf den eigenen Standort entziehen. Oder Twitter den Zugriff auf’s Adressbuch verbieten.

Das ist allerdings nur eine halbgare Lösung, die nur das eigene Gerät schützt. Es schützt nicht die eigenen Adressdaten, welche auf fremden Handys liegen. Technische Lösungen helfen wenig, solange es kein Bewusstsein für den Datenschutz gibt – und das scheint bei den Techfirmen und Startups im Silicon Valley nicht vorhanden zu sein. Path und die ganzen anderen Apps sind ja kein Einzelfall, eine ganze Industrie lebt vom Datensammeln. Google sammelt alles, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist (und manchmal wird auch schon auf Zwei gesammelt…), Facebook löscht grundsätzlich nichts, selbst Inhalte, welche die Nutzer löschen wollen und andere Dienste stehen da nicht hinten an. Und einflussreiche Branchenblogs veröffentlichen Artikel mit Titeln wie “The Truth about online privacy: Who cares?

Solange diese Haltung besteht und Daten als Ressource, als irgendwie monetarisierbarer Rohstoff angesehen werden, wird weiter gesammelt werden. Und dann wird der Supermarkt in Zukunft eher wissen, ob eine Frau schwanger ist als die Eltern…

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Ein Berg Wissen

Eines der großen Probleme eines jeden Lesehungrigen ist es, dass man gar nicht so viele Bücher lesen kann wie es gibt. Selbst wer viel liest, wird maximal je nach Dicke und Inhalt nur ein oder zwei Bücher pro Woche schaffen. Dann darf man aber kaum ein anderes Hobby mehr haben und Freunde ebenfalls nicht. Wer beruflich viel lesen muss, schafft vielleicht ein oder zwei Bücher pro Woche mehr, aber dann ist irgendwann das Ende der Fahnenstange erreicht. 100 Bücher pro Jahr schafft kaum einer.

Doch es gibt unglaubliche Mengen an Büchern selbst über kleinere Themen. Das Center for Education and Leadership des Ford’s Theater hat dies gar wunderbar visualisiert und einen Turm von Büchern errichtet, die alle von Abraham Lincoln handeln. Hier stapeln sich insgesamt 6800 Titel zu einem Turm von über 10 Meter Höhe:

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The majority of the titles are histories and biographies about Abraham Lincoln. Also included are books of Lincoln’s speeches, books of quotations or quips and one or two travel titles (i.e.: Indiana’s Lincolnland by Mike Capps and Jane Ammenson). Several children’s titles also are included, though not much in the way of adult historical fiction.

Dabei ist dies nur ein Teil aller Literatur über Lincoln: Diese wird auf 15.000 Titel geschätzt, dazu kommen dann noch Zeitschriftenaufsätze, Kinofilme, Dokumentationen und Archivalien. Hat man dies alles gelesen (was bei den oben angedachten 100 Büchern pro Jahr immerhin 68 Jahre pro Turm dauert), dann darf man sich noch die Literatur zum Amerikanischen Bürgerkrieg anschauen und in irgendeinem Kolloquium wird jemand sitzen, der einen fehlenden globalgeschichtlichen Horizont vermisst.

Oder um es anders zu sagen: Es hat einen Grund, warum Wissenschaftler nicht alles lesen. Und warum Filter so wichtig sind.

Mehr Bilder des Turmes gibt es hier.

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Ein Augenzeuge des Lincoln-Attentats tritt im Fernsehen auf

Die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland betrug im Jahr 2010 für neugeborene Jungen 77 Jahre und 4 Monate, neugeborene Mädchen werden mit 82 Jahren und 6 Monaten wohl etwas mehr vom Leben haben. Dies bedeutet aber auch, dass heute geborene Kinder gar nicht so schlechte Chancen haben, im Jahr 2100 noch zu leben.

Dies funktioniert auch anders herum: Erst diesen Monat etwa ist die letzte bekannte Veteranin des Ersten Weltkrieges gestorben. Auch die Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges werden weniger, uns aber doch noch eine Weile erhalten bleiben.

Am 9. Februar 1956 trat Samuel J. Seymour in der CBS-Quizsendung “I’ve got a secret” auf. Sein Geheimnis? Er war der letzte überlebende Augenzeuge des Lincoln-Attentates:

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In Focus wirft einen Blick auf den amerikanischen Bürgerkrieg

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In Focus, das Fotoblog der US-amerikanischen Zeitschrift The Atlantic, wirft in einer dreiteiligen Serie einen Blick auf den amerikanischen Bürgerkrieg. Die Auswahl der Bilder ist wie gewohnt gekonnt und die hohe Auflösung von 1280 Pixeln Kantenlänge lässt die Wucht der Bilder erst richtig wirken.

Der erste Teil der Serie wirft einen Blick auf die Orte des Krieges, der zweite Teil stellt die Akteure vor während der dritte Teil Stereographien zeigt – richtig gelesen, es gibt hochauflösende 3D-Bilder aus dieser Zeit.

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Für alle, die sie noch nicht kennen: Die zwanzigteilige Fotoserie über den Zweiten Weltkrieg gehört nicht nur wegen Spitzenbildern wie diesem hier definitiv zu den besten online verfügbaren Bilderserien über den Krieg. So umfangreich, so detailreich und gleichzeitig persönlich emotional ist der Krieg selten dargestellt worden. Weitere sehenswerte Bilderserien von In Focus sind When we tested nuclear bombs und Documerica: Images of Anerica in Crisis in the 1970s.

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Elephantographia Curiosa

Da hat Archivalia_EN etwas richtig tolles ausgegraben: Die Elephantographia Curiosa von Georg Christoph Petri von Hartenfels ist ein frühes Werk über Elefanten. Es versammelt die im 18. Jahrhundert bekannten Fakten über Elefanten und die enthaltenen Stiche sind sehenswert.

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Weitere Stiche gibt es auf den Wikimedia Commons (was gibt es da eigentlich nicht?) und das ZVDD bietet auch ein Komplettdigitalisat.

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Landkarten des Barocks

Jeder, der wie ich begeistert von Landkarten ist, sollte einen Blick auf die Online-Ausstellung “Going for Baroque: The Iconography of the Ornamental Map” der Universität Harvard werfen. Die Ausstellung versammelt einige richtig tolle Karten, etwa Nicolas de Fers Werk “Carte de la Mer du Sud et de la Mer du Nord” von 1713 oder die spannende “Imperium Japonicum” von Adriaan Reelant aus dem Jahr 1740.

Die Ausstellung bietet auch einige Videos, welche die einzelnen Karten erklären. Das ist etwas, das ich gerne häufiger sehen würde!

Mehr Karten aus Harvard gibt es hier, ansonsten lohnt sich ein Blick in das Bibliodyssey-Archiv und Victoria Johnsons toller Artikel über die “Maps we wandered into as kids“.

[via]

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Frankreich, die Türkei, ein Völkermord, Wahlkampf und Geschichtspolitik

Die momentan spannenste geschichtspolitsche Auseinandersetzung tobt gerade zwischen Frankreich und der Türkei. Frau Steinbach kann da mit ihren unhaltbaren Linguistikstudien einfach nicht mithalten: Das französische Parlament hat ein Gesetz verabschiedet, welches das Leugnen des Völkermordes an den Armeniern unter Strafe stellt. Und das ist eben eine der Lieblingsbeschäftigungen der türkischen Regierung.

Aber fangen wir von vorne an: Während des Ersten Weltkrieges, in den Jahren 1915 und 1916, begeht die damalige jungtürkische Regierung des Osmanischen Reiches eines der bis dahin größten Verbrechen: Zwischen 300.000 und 1,5 Millionen  Armenier werden durch Massakern und Todesmärsche getötet. Aufgrund von Planungen der Regierung. Nach dem Krieg, der Niederlage und des Zerfalls des Osmanischen Reiches kam die strafrechtliche Aufarbeitung unter dem Druck der siegreichen Entente nicht sehr weit – die sogenannten Unionistenprozesse führten zu 17 Todesurteilen, von denen  allerdings nur drei vollstreckt wurden. Danach schwand das Interesse an einer weiteren Strafverfolgung und die Leugnung des Verbrechens begann – obwohl es genügend belastende Zeugenaussagen und Dokumente gibt.

Ausführlichere Informationen liefern dieser Zeit-Artikel, die Wikipedia oder die NDR-Dokumentation Aghet – Ein Völkermord, welche wohl die einflussreichste Doku zum Thema ist. Außerdem lohnt sich natürlich immer der Besuch einer guten Bibliothek.

 

Die Geschichte dieses Mordens gehört zu den wohl umstrittensten weltweit. Eine aktive, lautstarke und einflussreiche armenische Diaspora fordert die offizielle Anerkennung als Völkermord während die türkische Seite kräftig dagegen hält. Immerhin sind die Jungtürken, deren Abwehr der Entente bei Gallipoli und natürlich Staatsgründer Kemal Atatürk die ideologischen Grundpfeiler des türkischen Nationalismus. Eine Anerkennung des Völkermordes würde dieses Bild nachhaltig beschädigen.

Zwischen die Fronten geraten immer wieder ausländische Regierungen. Gerne werden etwa in Parlamente Resolutionen eingebracht, welche eine Anerkennung des Völkermordes durch das jeweilige Gremium erreichen wollen. Und wer kann das aufgrund der großen Faktenlage schon ablehnen? Vor allem, wenn ein gewisser Adolf Hitler 1939 fragte “Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?” Auf der anderen Seite steht dann die türkische Diplomatie, welche die harten Bandagen auspackt, um eben solche Resolutionen zu verhindern. Es ist immer wieder interessant, zu sehen wie sich diverse Politiker um klare Worte winden.

Jetzt also Frankreich. Die Rolle des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy ist dabei elementar und zweifelhaft zugleich: Im Wahlkampf 2007 gab er – wie auch Ségolène Royal – das Versprechen, eben dieses Gesetz durchzusetzen. Angesichts von einer halben Millionen armenischstämmiger Wähler in Frankreich ist dies ein cleverer Wahlkampftrick. Wikileaks enthüllte aber 2010, dass er einen Tag nach seiner Amtsübernahme der türkischen Regierung durch seinen diplomatischen Berater mitteilen ließ, dass er das Gesetz auf die lange Bank schieben und einen stillen Tod sterben lassen werde.

Nun stehen erneute Wahlen an und für Sarkozy läuft es nicht gerade gut – Umfragen verorten ihn deutlich hinter dem sozialistischen Kandidaten François Hollande. Ihm kann nur eine Nicht-Zulassung der rechten Kanditatin Marine Le Pen helfen – und die halben Millionen armenischen Stimmen.

Plötzlich kam daher Bewegung in das Gesetzgebungsverfahren, welches fünf Jahre auf Eis lag und ja eigentlich einen stillen Tod sterben sollte. Jetzt besitzt Frankreich ein im Parlament beschlossenes Gesetz, welches das “Leugnen eines in Frankreich anerkannten Völkermordes” unter Strafe stellt. Neben dem Holocaust ist dies nur der Genozid an den Armeniern. Wer leugnet, kann bis zu einem Jahr ins Gefängnis wandern oder mit einer Geldstrafe von bis zu 45.000€ belegt werden.

Noch ist das Gesetz allerdings nicht in trockenen Tüchern: Letzte Woche Dienstag legten 77 Senatoren und 65 Abgeordnete der Nationalversammlung eine Beschwerde beim französischen Verfassungsgericht, dem Conseil constitutionnel, ein. Das Gesetz sei verfassungswidrig, da nur ein Gericht und kein Parlament einen Völkermord als Tatsache anerkennen könne. Sarkozy kündigte daraufhin an, das Gesetz notfalls zu modifizieren, es werde auf jeden Fall von ihm unterzeichnet.

Erwartungsgemäß tobt die türkische Seite: Es wird mit dem Abbruch der diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen gedroht, gerne auch mal etwas mit dem Säbel gerasselt und vor allem verbal kräftig ausgeteilt. So  verkündete Ministerpräsident Erdogan, dass das Gesetz ein “Massaker an der Meinungsfreiheit” sei und “null und nichtig”. Im Internet schäumen die nationalistischen Kommentatoren, es wird fleißig gepöbelt und die in solchen Fällen üblichen Hackerattacken laufen natürlich auch schon.

Wie bewertet man sowas? Einerseits ist es natürlich begrüßenswert, dass militanten Leugnern etwas entgegengesetzt wird. Nicht nur die Türkei, sondern auch viele andere Staaten tun sich schwer mit der Anerkennung von Völkermorden – nicht ganz zu Unrecht keilt die türkische Seite zurück und wirft den Franzosen einen Völkermord in Algerien vor. Und wer freut sich nicht, wenn militante Neonazis wegen Holocaustleugnung in den Bau wandern? Wieso soll dies bei militanten Armenienleugnern nicht auch so sein?

Auf der anderen Seite läuft hier natürlich ganz klar etwas schief: Es ist einfach falsch, Gesetze als so derart durchsichtiges Wahlkampfmanöver zu erlassen – dagegen sind selbst die Hotelgesetze der FDP subtil. Die Bewertung eines solchen Verbrechens ist zuerst Aufgabe von Historikern. Parlamentarier besitzen einfach nicht die Quellenkenntnis und das historische Wissen, um solche Vorgänge bewerten zu können. Dazu kommt, dass Gesetze, welche eine bestimmte Sicht auf die Vergangenheit vorschreiben und andere Sichtweisen bestrafen, in den meisten Fällen nicht zur Aufklärung, sondern zur Unterdrückung der historischen Tatsachen benutzt werden. So gibt es etwa in der Türkei den Artikel 301 des Strafgesetzbuches, welcher die “Beleidigung der türkischen Nation, des Staates der türkischen Republik und der Institutionen und Organe des Staates” unter Strafe stellt. Wer den Völkermord an den Armeniern Völkermord nennt, hat daher schnell einen Prozess am Hals. Ebenso schwierig ist die Lage in Russland. Die Liste könnte man fast beliebig weiterführen. Gesetze, welche eine bestimmte Sicht der Vergangenheit ferstschreiben, sind immer kritisch und brandgefährlich. Die Frage ist, ob man einer Völkermordleugnung nicht besser mit Fakten, historischer Forschung, Aufklärung und Information entgegnet anstatt dieses gefährliche Werkzeug zu nutzen.

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