Baut die Synagogen wieder auf!

Umriss der alten Synagoge in Freiburg, 2017 als Brunnen rekonstruiert und höchst umstritten

Der aktuelle Trend in der Innenstadtgestaltung beinhaltet häufig die Rekonstruktion von kriegszerstörten Gebäuden. Sei es das Stadtschloss in Berlin, die Frauenkirche in Dresden, das Residenzschloss in Braunschweig, Schloss Herrenhausen in Hannover, das Stadtschloss und die Garnisionskirche in Potsdam oder Teile der Frankfurter Altstadt: Rekonstruktion ist in, die alten Gebäude sind nicht nur bei Stadtplanern, sondern auch in der Bevölkerung beliebt. In den letzten Jahren wurden wohl in Deutschland mehr Schlösser errichtet als jemals zuvor.

Dazu kommen die ganzen Gebäude, die bereits im Nachgang des Weltkrieges wieder aufgebaut wurden. Von Würzburger Residenz über die Freiburger Altstadt hin zum Münsteraner Prinzipalmarkt wurde vieles zerstört und dann mehr oder weniger originalgetreu wieder aufgebaut.

Der SPD-Politiker Rahed Saleh schlägt in der FAZ nun vor, die in der Reichspogromnacht zerstörten Synagogen ebenfalls wieder aufzubauen. Es ist ein Vorschlag, der einen gewissen Charm hat. Zum einen gehörten auch die Synagogen zum damaligen Stadtbild und prägten dieses enorm. Wer Freiburg kennt und den Platz der alten Synagoge vor seiner Umgestaltung kennt, der darf sich gerne hier anschauen, wie die alte Synagoge auf dem Platz gewirkt hätte. Bei der Neugestaltung hätte man an Stelle des sehr merkwürdigen Brunnens in Form der Synagoge, der dann bei heißen Wetter zum Plantschen benutzt wird, auch auf eine Rekonstruktion setzen können.

Von daher gefällt mir der Vorschlag sehr, sehr gut. Wer Burgen, Schlösser, Kirchen und Rathäuser historisierend wieder aufbaut, sollte die Synagogen nicht vergessen. Denn ohne sie fehlt ein Teil der Stadt.

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Der Muff von 1000 Jahren – schlechte Raumluft mit Technik bewerfen

Es wird Winter und draußen wird es kalt, dunkel und schmuddelig. Wir hocken also vermehrt drinnen. Historiker und sonstige Stubenhocker sitzen sogar in den schönen Sommermonaten die ganze Zeit am Schreibtisch und lesen Bücher, schreiben hochwissenschaftliche Texte und grübeln über die Vergangenheit. Aber wie bereits unsere Mütter uns beibrachten: Ständig drinnen hocken ist nicht gesund und man sollte regelmäßig lüften, um nicht im eigenen Mief zu hocken.

Ich bemerke es aber zu selten, wenn die Luft schlecht wird. Genau wie ein Frosch im sich nur langsam erhitzenden Wasser gewöhne ich mich an schlechte Luft. Zeit, das Problem mit etwas Technik zu bewerfen – denn Luftqualität lässt sich natürlich messen. Luftqualitätssensoren gibt es in mehreren Varianten. Zum einen als Standalonegeräte, zum anderen als Modul für Bausatzsysteme wie die üblichen Arduinos. Als dritte Alternative gibt es Sensoren, die sich in komplette Hausautomatisierungslösungen eingliedern und als vierte Möglichkeit sündhaft teure Profigeräte.

Die Standalonegeräte sind recht langweilig – sie zeigen die Luftqualität auf einer Skala von Gut bis Schlecht an.

Das abgebildete Gerät kostet ca. 26 Euro, kann durch Piepsen schlechte Luftqualität melden und macht ansonsten nichts Spannendes, außer man findet Temperatur und Uhrzeit spannend.

Meine technischen Skills reichen jetzt nicht aus, um einen Sensor an Arduinos und sonstigen Bastelplattformen zu betreiben. Daher kann ich nichts dazu sagen. Auch komplette Heimautomatisierungslösungen werde ich mir erstmal nicht in die Wohnung holen und Profigeräte sind einfach zu teuer.

Spaßiger ist hingegen der Rehau Raumluftsensor USB Stick. Dieser hat die Form eines herkömmlichen Sticks, lässt sich an jeden PC anschließen und bietet daher  die Möglichkeit, die Messwerte auszulesen und -werten. Mit ca. 30 Euro ist er einfach ein nettes Spielzeug.

Die Bedienung ist simpel. Idealerweise wird der Stick mit einem Verlängerungskabel an den PC angesteckt, damit die Raumluft nicht unter dem Schreibtisch, sondern auf Kopfhöhe gemessen wird. Dann muss man nur noch die Windows-Software installieren, die zwar recht spartanische Optionen bietet, aber trotzdem ein konfuses UI besitzt. Im Kern muss ich die Länge der Aufzeichnung festlegen, wobei es hier ein hartes Limit von 20000 Einträgen gibt sowie den Messintervall. Mit den unten festgelegten 20000 Messpunkten und einer Messung alle 5 Sekunden kann ich also 20000*5 Sekunden = 1666 Minuten = 27,7 Stunden messen. Wer den Intervall höher setzt, kann länger aufzeichnen. Alle weiteren Optionen kann man ignorieren, außer man will in Comic Sans messen.

Das Ergebnis sieht dann folgendermaßen aus:

Man sieht, dass die Luftqualität in meiner Wohnung bei geschlossenem Fenster kontinuierlich schlechter wird. Um 13 Uhr habe ich daher einmal kurz gelüftet, was nur einen geringfügigen Effekt hatte – bereits 20 Minuten später lag der Messewert wieder auf dem Vorniveau und stieg weiter an. Um 13:50 habe ich daher längere Zeit gelüftet, was einen wirklichen Effekt zeigte – die Messwerte gingen deutlich und dauerhaft zurück. Im Anschluss daran stiegen sie wieder fleißig an bis sie gegen 16:30 den roten Bereich erreichten. Dies zeigt der Sensor auch mit Hilfe einer LED direkt am Stick an – im grünen Bereich bei ordentlicher Luft leuchtet er Grün, bei schlechter Luft rot. Zusätzlich sendet das  Programm im Systemtray Nachrichten, wenn die Luft schlechter wird.

Ich kann also wunderbar sehen, wie die Luftqualität gerade ist, wie sich die Luft im Laufe der Zeit verändert und mich bei schlechter Luft benachrichtigen lassen. Man sieht auch, wo die Empfehlung, alle paar Stunden mal kräftig zu Lüften, herkommt.

Ein weiteres Beispiel: Man sieht, dass die Luftqualität im Laufe des Vormittags langsam schlechter wird, dass ich um 17:40 gelüftet habe und das sie ab 19:00 schlagartig schlechter wurde. Lüften hat das Problem dann für eine Weile gelöst, aber so wirklich befriedigend ist die Luftqualität gerade nicht. Vor dem Schlafen werden also noch einmal die Fenster aufgesperrt.

Aber was misst das Gerät eigentlich genau? Es misst sogenannte VOCs („volatile organic compounds“ / Flüchtige organische Verbindungen). Wie Wikipedia uns freundlicherweise aufklärt, handelt es sich dabei laut Richtlinie 1999/13/EG vom 11. März 1999 über die Begrenzung von Emissionen flüchtiger organischer Verbindungen um „eine organische Verbindung, die bei 293,15 Kelvin einen Dampfdruck von 0,01 Kilopascal oder mehr hat oder unter den jeweiligen Verwendungsbedingungen eine entsprechende Flüchtigkeit aufweist.“ Aha. Besser erklärt es die Hilfefunktion der Luftsensor-Software:

Was sind VOC?
Die englische Abkürzung VOC (Volatile Organic Compounds) bezeichnet die Gruppe der flüchtigen organischen Verbindungen. VOC umschreibt gas- und dampfförmige Stoffe organischen Ursprungs in der Luft. Dazu gehören zum Beispiel Kohlenwasserstoffe, Alkohole, Aldehyde und organische Säuren. Viele Lösemittel, Flüssigbrennstoffe und synthetisch hergestellte Stoffe können als VOC auftreten, aber auch zahlreiche organische Verbindungen, die in biologischen Prozessen gebildet werden. Viele hundert verschiedene Einzelverbindungen können in der Luft gemeinsam auftreten.

Was sind die Quellen für VOC?
VOC entstehen aus sehr unterschiedlichen Quellen. Außenluftquellen sind z.B. technische Prozesse, in denen Stoffe aus unvollständiger Verbrennung entstehen (besonders Kraftverkehrsabgase) oder als flüchtige Nebenprodukte aus industriellen und gewerbemäßigen Vorgängen. Mögliche Innenraumquellen sind Produkte und Materialien zum Bau von Gebäuden und zur Innenausstattung (zum Beispiel Fußboden-, Wand- und Deckenmaterialien, Farben, Lacke, Klebstoffe, Möbel und Dekormaterialien). Bedeutsam sind zudem Pflege-, Reinigungs- und Hobbyprodukte, auch Tabakrauchen, selbst die Nahrungsmittelzubereitung sowie der menschliche Stoffwechsel.

Welche gesundheitlichen Wirkungen können VOC haben?
üblicherweise sind die einzelnen VOC-Konzentrationen sehr gering und gesundheitliche Beeinträchtigungen nicht zu befürchten. Konzentrationen, die gesundheitliche Beeinträchtigungen bewirken, können unmittelbar nach Bau- und umfangreichen Renovierungsmaßnahmen auftreten, sowie bei unsachgemäßer Verarbeitung und massivem Einsatz wenig geeigneter Produkte. Geruchsbelästigungen, Reizungen und Symptome, die nicht unmittelbar einer Krankheit zugeordnet werden können, wurden als akute Wirkungen auf Menschen beschrieben. Diese Effekte müssen vermieden werden, ebenso mögliche chronische Wirkungen

Luftschadstoffe also, die man nicht in der Bude haben will. Interessanterweise stimmen diese VOC-Werte meistens auch grob mit den CO2-Werten des Raumes überein:

Wir erinnern uns: Steigt die CO2-Konzentration in einem Raum, macht uns dies müde und träge. Wir werden unkonzentriert und können schlechter arbeiten. 

Ein paar weitere Dinge zu diesem Sensor:

  • Standardmäßig kalibriert sich der Sensor jedes Mal, wenn Ihr ihn mit Strom versorgt, neu und nimmt den aktuellen Messwert als Wert für gute Luft. Startet Ihr den Stick also in einem bereits total vermieften Raum, wird das wenig helfen.
  • Wenn man bei gedrückter STRG-Taste doppelt auf das Rehau-Logo klickt, kommt man in ein spezielles Optionsmenü, in dem man diversen Krams einstellen kann:
  • Wie man sieht, kann man das Gerät auch in einem Servermodus starten und per Telnet abfragen. Das habe ich nicht ausprobiert.
  • Eine ausführliche Anleitung dazu befindet sich im Installationsordner in der engineering.txt
  • Es lassen sich Logdateien speichern und dann in anderen Programmen auswerten. Diese sehen so aus:

„Date time[yyyy-mm-dd Hh:Nn:Ss]“ „CO2/VOC level[ppm]“
2017-11-07 16:43:10 1220
2017-11-07 16:43:21 1219
2017-11-07 16:43:31 1224
2017-11-07 16:43:41 1226
2017-11-07 16:43:51 1213
2017-11-07 16:44:01 1223
2017-11-07 16:44:11 1231
2017-11-07 16:44:22 1231
2017-11-07 16:44:32 1230
2017-11-07 16:44:42 1231
2017-11-07 16:44:52 1228
2017-11-07 16:45:02 1200

  • Das Gerät lässt sich auch ohne PC etwa an einer USB-Powerbank betreiben. Die LED zeigt die Luftqualität an.
  • Gerade Historiker, die viel mit Archivalien arbeiten, haben häufig Kontakt mit Staub und Schimmel. Dies ist ebenfalls gesundheitsschädlich und kann zu extremen Problemen führen. So ein Stick hilft hier natürlich nicht weiter, man muss sich anders schützen. Fragen Sie Ihren Arzt oder Archivar.

In einem irgendwann folgenden Beitrag basteln wir uns dann aus einem alten Raspberry Pi eine Luftmessstation.

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Brothers in Arms

Ich wurde von Moritz mit etwas bedacht, was man so um 2007 herum „Blog-Stöckchen“ genannt hat. Und wenn dann noch die Europeana involviert ist, dann muss ich einfach mitmachen.

Kurz zusammengefasst: Es geht um dieses Bild aus dem Fundus der Europeana und die „Aufgabe“ ist ein freies Assoziieren zum Bild.


John Heywood; John Heywood. Victoria and Albert Museum. CC BY.

Der erste Eindruck, den das Bild hervorruft, ist ein „das hätte es bei uns früher nicht gegeben“. Wir sind zwar als Kinder auch mit Fahrrädern durch die Nachbarschaft gefahren, aber Spielzeugpistolen waren in diesen vielleicht speziell westdeutschen 80er und frühen 90er Jahren meiner Kindheit ein ewiger Streitpunkt zwischen meinen Eltern und mir. Ich fand die als kleiner Steppke total toll, meine Eltern fanden das jedoch deutlich weniger gut. Derartig große Spielzeugwaffen hätten sie mir mit Sicherheit weggenommen. Gleichzeitig zeigt dieses Bild auch, was sich allgemein geändert hat – die Spielzeugwaffen auf dem Bild sehen nämlich doch recht echt aus. So werden Spielzeugwaffen gar nicht mehr hergestellt, weil es eine Verwechselungsgefahr mit echten Waffen gibt und die Polizei auf solche entsprechend schießwütig reagiert. Eine Gesellschaft, in der Kinder mit solchen Spielzeugwaffen auf dem Fahrrad rumcruisen können, ist also auch eine Gesellschaft, in der keiner auf die Idee kommt, dass diese Kinder gerade mit echten Waffen herumlaufen und die Polizei rufen. Eine Gesellschaft ohne Schulamokläufe und ja, auch ohne Terrorismus. Bzw. mit einem anderen Terrorismus, denn das England der 80er Jahre war mit Lockerbie und IRA kein Hort des Friedens.

Recherchiert man dem Bild etwas hinterher, zeigt es sich schön und schnell, warum ich die Plattform Europeana als Blogger so selten nutze und welche Probleme sie hat. Zum einen ist der Autor falsch verknüpft. Klickt man auf den Autoren John Heywood, dann wird ein buntes Sammelsurium von Treffern von Leuten mit diesem Namen angezeigt. Laut Europeana hat dieser im 16. Jahrhundert mehrere Bücher geschrieben, über die im 19. Jhd weitere Bücher geschrieben wurden und dann hat der gleiche Autor angeblich in den 1980er Jahren das Alltagsleben in England fotografiert. Weiterhin werden auch Treffer angezeigt, bei denen nur der Nachname identisch ist. Das ist ärgerlich, weil anscheinend bei der Erstellung der Plattform nicht auf eine saubere Zuordnung von Personendaten geachtet wurde.

Ein größeres Problem ergibt sich aus den angegebenen Bildlizenzen. Europeana gibt eine CC-BY-SA 4.0 als Lizenz an:

Klickt man aber auf den Quelllink zum Victoria & Albert Museum, steht dort

Und jetzt stehe ich hier als armer Blogger, der keine Lust auf einen großen Rechtsstreit mit einem britischen Museum hat: Welche Lizenz ist denn jetzt richtig? Urheberrecht braucht Eindeutigkeit – ansonsten werden die Inhalte nicht genutzt, weil jede noch so grobe Lizenzprüfung scheitert. Ich gönne mir jetzt die Einbindung oben, aber ich kann auch jeden Verlagslektor verstehen, der eine entsprechende Bildnutzung ablehnt.

Weiterhin erweist sich das Interface der Europeana einfach als etwas konfus. Direkt beim V&A browsen sich die tollen Bilder von John Heywood deutlich besser.

 

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Wie man ein Drogenkartell leitet

Vom Tellerwäscher zum Millionär soll es ja so manch einer gebracht haben, aber es gibt nur wenige Geschichten, in denen jemand vom Geisteswissenschaftler zum Millionär wird. Zeit also für einen anderen Job. Ich habe daher  Narconomics – How to run a drug cartel von Tom Wainwright gelesen.

Wainwright war beim Economist als Mexiko-Korrespondent beschäftigt, als in Mexiko die Konflikte zwischen den Drogenkartellen besonders heftig tobten. Auf dem Höhepunkt der Gewalt starben in Mexiko mehr Menschen als parallel im Irak während des zweiten Golfkrieges. Schießereien, spektakuläre Massenmorde, Einschüchterung und Angst bestimmten das Klima und selbst der mexikanische Staat wurde durch die enorm finanzstarken Kartelle herausgefordert. Es ist leicht, den Polizisten vor Ort zu bestechen oder einzuschüchtern, wenn man praktisch unbegrenzte Mengen an Dollar besitzt.

Auch als Wirtschaftsjournalist konnte er sich diesem Thema nicht verschließen und so entstand dieses Buch, das die Geschäfte mit den Drogen aus einer ökonomischen Sicht in den Blick nimmt und versucht, die Ökonomie des Kampfes gegen die Drogen zu untersuchen.

Dies hat z.B. auch Roberto Saviano in seinem großartigen Buch Gomorrha ähnlich gemacht, in dem er die unglaublichen Profite und Wertsteigerungen des Drogenhandels und -schmuggels anschaulich darstellte. Wainwright treibt dies jetzt etwas auf die Spitze und macht das höchst unterhaltsam.

Er startet bei den Produzenten des Kokains, den eher ärmeren Bauern in den Anden und arbeitet heraus, dass alle Versuche, den Fluss der Drogen durch die Störung des Anbaus scheitern müssen. Zum einen fehlt es im Andenraum an wirklichen Alternativen zum Koka-Anbau. Die Bauern landen so trotz aller Bekämpfungsversuche immer wieder bei dieser Pflanze, weil sie ihre Familien ernähren wollen. Zum anderen verhielten sich die Kartelle hier wie der US-Supermarktriese Walmart, der seine Lieferanten auch möglichst ausquetscht und sie auf steigenden Kosten sitzen lässt. Zudem sind die Gewinnmargen im Drogengeschäft so hoch, dass auch stark gestiegene Koka-Preise sich nur geringfügig auf die Endpreise auswirken.

In einem weiteren, launigen Kapitel beschreibt er die Probleme der Kartelle in der Personalbeschaffung – denn fähiges Personal ist auch für ein Drogenkartell nur schwer zu finden. Hier versteckt sich sogar eine Beobachtung, die wohl einiges über den kapitalistischen Umgang mit den „Human Resources“ aussagt: In den Industrieländern fällt es den Kartellen schwer, fähiges Personal zu finden. Denn immerhin gibt es andere Erwerbsmöglichkeiten für Leute mit etwas Grips im Schädel und Drogenhandel ist ein Beruf mit hohem Risiko, irgendwann im Knast zu landen. Entsprechend ist ein Job etwa als Drogenkurier nicht sonderlich attraktiv. In ärmeren Ländern sieht dies schon wieder anders aus: Dort gibt es aufgrund mangelnder Alternativen jede Menge potenzieller Bewerber. Aus diesen Gründen ist der Umgang mit den „Mitarbeitern“ ein völlig anderer: Wainwright schildert den Fall eines europäischen Drogenkurieres, der aus eigener Unfähigkeit eine größere Menge an Drogen verschlampt und trotzdem eine zweite Chance bekommt und kontrastiert dies mit den brutalen Gepflogenheiten in Lateinamerika.

Solche manchmal sehr überraschenden Erkenntnisse machen das Buch zu einer erhellenden Lektüre. Durch die Konzentration auf das Geschäft und den Vergleich zu normalen Firmen schafft es Wainwright, einen neuen Blick auf das Geschäft mit den Drogen zu werfen. Nur eines lernt man in diesem Buch nicht: Ein Drogenkartell wird keiner der Leser mit den Informationen aus dem Buch starten können.

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Internet Archive digitalisiert 25.000 78rpm Schellack-Platten

Das Internet Archive hat (mal wieder) einen gar wunderbaren Schatz digitalisiert und frei verfügbar gemacht: 25.000 alte Schellack-Platten . Die Sammlung enthält sehr unterschiedliche Musikstile von Jazz über Blues zu Country hin zu Big Band und weiteren. Mehr Informationen über die Inhalte und die Geschichte der Sammlung(en) gibt es hier.

Besonders cool ist, dass für die Digitalisierung ein spezieller Plattenspieler mit vier Armen benutzt wurde. Da es zu 78rpm-Zeiten keinen genauen Standard für die Größe der Nadel des Tonabnehmers gab, existierten Plattenspieler mit verschiedenen Nadeldicken. Dies macht sich auch im Klang bemerkbar – die einzelnen Nadeln hören sich auf ordentlichem Audioequipment durchaus unterschiedlich an.

Es gibt also jede Menge völlig unbekannter Musik zu entdecken – und das ist ein riesiger Spaß!

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„Luther und die Deutschen“ auf der Wartburg

Es ist Lutherjahr und zum 500. Jahrestag der Reformation (bzw. zum 500. Jahrestag von Luthers nie stattgefundenem Thesenanschlag) kann man Martin Luther kaum entkommen. Positiv ist, dass wir alle dieses Jahr einen extra Feiertag bekommen. Negativ ist, dass wir alle viel zu viele schlechte Artikel zu lesen bekommen und Reden hören müssen über das, was Luther uns heute zu sagen hat („Interpretiert im heutigen Kontext, kann [die Reformation] unser Leitfaden, unser inspirierendes GPS, unser globales Positionierungssystem für die nächsten 500 Jahre werden.“ [1] )

Zusätzlich gibt es so viele Sonderausstellungen zum Thema, dass man sie gar nicht alle anschauen kann. Gleich drei aufeinander Bezug nehmende nationale Sonderausstellungen in Berlin, Wittenberg und Eisenach widmen sich dem Reformator und dazu kommen dann noch unzählige weitere Ausstellungen in lokalen Museen, an Luther-Orten und touristische Initiativen, welche diese Orte etwa mit Wander- oder Fahrradwegen vernetzen wollen. Es luthert also gewaltig.

Die Ausstellung auf der Wartburg in Eisenach widmet sich dem Thema „Luther und die Deutschen“, also der Rezeption Luthers über die Jahrhunderte. Sie quetscht sich etwas ungünstig in die alten Gemäuer der Burg und wird immer wieder von der Burg selbst unterbrochen.

Der blaue Kasten gehört zur Ausstellung und ist blau

Denn die Wartburg ist auch ohne Luther-Ausstellung immer einen Besuch wert und so springt der Besucher immer wieder von der Ausstellung zu den einzelnen Räumen der Burg. So spektakuläre Werke des Historismus wie der Festsaal ließen sich nicht mit Luther-Bezug in die Ausstellung integrieren und stehen wie ein Bruch in der Ausstellung. Ist man gerade bei einem Reformationsthema, steht man dann plötzlich in einem Raum, der nicht zur Ausstellung gehört, aber auch Geschichte hat. Ein anderer Ort für die Ausstellung hätte hier wohl der Ausstellung an sich gut getan, aber der Ort selbst zieht natürlich die Besucher an.

Die Ausstellung ist in Ordnung, aber sicherlich keine lange Anreise wert. Wer bereits etwas Ahnung von der Reformation und Luther hat oder vielleicht mal einen Artikel zur Luther-Rezeption gelesen hat, wird hier wenig Neues finden. Dann findet sich das Highlight der Ausstellung bereits in den ersten Räumen: Es werden beeindruckende Bücherschätze ausgestellt. Zu sehen gibt es u.a. Luther-Bibeln in Erstausgabe, die Wartburg-Bibel mit eigenhändiger Widmung Luthers oder ein originales Redemanuskript Luthers für den Wormser Reichstag. Das sieht man selten und das macht richtig Spaß. Der weitere Verlauf ist dann eher weniger spektakulär und bringt weniger Erkenntnisse.

Wirklich unterhaltsam wird es dann aber wieder am Ende im Museumsshop. Es gibt nicht nur die üblichen Bücher, die üblichen Holzschwerter für Kinder und die üblichen Stifte und Postkarten. Im Lutherjahr geht der moderne Kapitalismus All In und verluthert so ziemlich alles. Die Fülle an Luther-Merchandising ist es daher mehr als wert, hier einmal dokumentiert zu werden.

Martin Luther Plätzchenausstecher

Luther Energy Drinks

Martin Luther Badeenten, im Hintergrund ein Stapel Playmobil Luther-Figuren

Das Reformations-Skat

Luther Schnaps und Luther Schnapsgläser

„Luther’s gewürzte Äpfel“ und „Luthers Wein-Punschkonzentrat“

Luther Wein Marke „Eine feste Burg – Luthers guter Niersteiner“ und Luther Büsten

„Lutherol – Breitband-Theologicum für Geist & Seele mit 4-fach-Wirkformel Sola Gratia, Sola Fide, Solus Christus, Sola Scriptura“

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Bayrische Polizei geht gegen Antikenhändler vor

Die bayrische Polizei ist auf einer Münzenmesse in München gegen Händler vorgegangen, die Münzen und sonstige Antiken mit unklarer Herkunft gehandelt haben:

Am 04. und 05. März 2017 fand in München eine bedeutende Messe für den Verkauf historischer Münzen statt.

Da der Verdacht bestand, dass im Umfeld und auf dieser Messe illegal erworbene Kulturgüter, insbesondere in Form von Münzen, veräußert werden, und somit Verstöße nach dem Kulturgutschutzgesetz und aus dem Deliktsbereich der Hehlerei begangen werden, entschlossen sich die Kunstfahnder des Bayerischen Landeskriminalamtes hier am Samstag, 04. März 2017 eine Schwerpunktaktion durchzuführen. Unterstützt wurden sie durch einen Kulturgutexperten des Hessischen Landeskriminalamtes und durch Einsatzkräfte des Polizeipräsidiums München.

Dabei waren 30 Kriminal- und Polizeibeamte im Einsatz.

Der Verdacht bestätigte sich sehr schnell, als im Außenbereich der Veranstaltung ein 49-jähriger bulgarischer Staatsangehöriger und drei serbische Staatsangehörige im Alter von 30 bis 47 Jahren kontrolliert wurden, die für ihre mitgeführten altertümlichen Münzen keine Herkunftsbelege vorweisen konnten und diese zum Teil versteckt mit sich führten. Bei ihnen wurden die Münzen, die einen geschätzten Wert von ca. 1600 Euro haben, sichergestellt. Alle Vier wurden nach Beendigung der polizeilichen Maßnahmen wieder entlassen. Sie erwartet nun ein Strafverfahren.

Der bedeutendste Aufgriff gelang den Fahndern jedoch an einem Stand auf der Messe. Ein Händler aus Dänemark bot eine Vielzahl von Münzen und auch Antiken, wie z.B. Speerspitzen und Schmuckgegenstände zum Verkauf an.

Nach einer ersten Einschätzung der Objekte am Messestand durch zugezogene Experten stammt der Großteil der Münzen aus dem Iran, Afghanistan und Indien. Afghanistan ist eines der Länder, das seit Jahrzehnten in den Kriegswirren massiv geplündert wird.

Für die ca. 6000 Münzen und über 1000 anderen Objekte konnte der 54-Jährige, in Afghanistan geborene und aus Dänemark kommende Händler keinerlei Dokumente vorweisen, die einen legalen Besitz bzw. die legale Einfuhr nach Deutschland belegen.

Daher besteht der dringende Verdacht, dass es sich hier um Plünderungsobjekte handelt, die bei illegalen Schatzsuchen geborgen und zum Nachteil der Herkunftsstaaten unterschlagen worden sind.

Alle Gegenstände wurden sichergestellt und werden nun begutachtet. Der Wert der angebotenen Ware liegt einer ersten Schätzung nach nicht unter 50.000 Euro.

Die Staatsanwaltschaft München I beantragte gegen den 54-Jährigen einen Haftbefehl unter anderem wegen des Verdachts der Hehlerei und des Verdachts eines Verbrechens nach dem Kulturgutschutzgesetz, da er in dringendem Verdacht steht, gewerbsmäßig handelnd Kulturgüter in Verkehr zu bringen, die abhandengekommen sind oder von denen er wusste, dass sie rechtswidrig ausgegraben oder unrechtmäßig eingeführt wurden. Der Ermittlungsrichter am Amtsgericht München erließ am Sonntag Haftbefehl.

Damit handelt es sich um den ersten Haftfall in Deutschland nach dem seit August 2016 geltenden Kulturgutschutzgesetz.

Da kann man nur eins sagen: Gut so! Man kann sich nicht hinstellen und sich beklagen, dass es in Syrien, Afghanistan und zahlreichen anderen Ländern zu massiven Raubgrabungen kommt und dass sich etwa ISIS auch durch den Verkauf von Antiken aus Raubgrabunden finanziert ohne dass man die andere Seite betrachtet. Ohne Abnehmer würden diese Fundstücke wenig wert sein. Erst die Nachfrage von Käufern gibt ihnen Wert und damit auch den Raubgräbern ihre Motivation und ihr Einkommen. Daher kann es eigentlich keinen anderen Weg geben als diesen Markt auszutrocknen. Alle Versuche, in Krisengebieten archäologische Fundstätten zu schützen, sind zwecklos, wenn die aus Raubgrabungen stammenden Fundgüter dann in Münchener Messehallen offen gehandelt werden.

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Ein Update für PlanetHistory

Es war mal wieder an der Zeit, Planet History zu aktualisieren. Folgende Blogs wurden neu aufgenommen:

Mittelalter entdecken
Das Blog Mittelalter entdecken von Björn Schultz macht genau das, was der Titel verspricht – der Autor bloggt über das Mittelalter

Siegelblog
„Sphragistik als Historische Hilfswissenschaft“

beruf:geschichte
„Und was machst du damit später einmal?“

366xgrün
Blog des Grünen Archives zum dreißigjährigen Jubiläums des Einzuges der Grünen in das österreichische Parlament

Berliner Archive
„Blog der Berliner Archivarinnen und Archivare – Netzwerk und fachlicher Austausch“

Rheinische Geschichte – wissenschaftlich bloggen
Regionalgeschichtler scheinen mittlerweile zu den fleißigsten Bloggern zu werden – hier geht es um die Geschichte des Rheinlandes

Stadtarchive in der Metropolregion Nürnberg
Wenn die Blogs so aussagekräftige Titel haben, fällt mir wenig ein, was ich dazu schreiben soll

Forum Archive KOD
„Forum für Archive katholischer Organisationen Deutschlands“

Leibnizarc
Gemeinschaftsblog des Arbeitskreises Archive in der Leibniz-Gemeinschaft

Sparkassengeschichte:BLOG
Ein schickes Blog, das zeigt, was man aus Randthemen herausholen kann

Universitätsarchiv Leipzig
Hier bloggt das … Universitätsarchiv Leipzig

Stadtarchiv Koblenz
Ja, hier bloggt das Stadtarchiv Koblenz

Weimar – Wege zur Demokratie
Ein Blog, das den Aufbau eines Quellenportales des Bundesarchives zur Weimarer Republik begleitet

Archive in Innsbruck
Auch in Innsbruck gibt es Archive. Diese bloggen hier

Archive Rheinland-Pfalz / Saarland
Es wäre eine Untersuchung wert, ob es am Rhein die größte geschichtswissenschaftliche Blogdichte gibt und wenn ja, woran das liegt

VdA-blog
Auch der Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e.V. besitzt ein Weblog mit – Überraschung – Themen rund ums Archivwesen

Adolf-Reichwein-Hochschule
„Blog zur Geschichte der PH Celle/Osnabrück (1945-1973) – Vorgängereinrichtung der Universität Osnabrück

Blog des Fachbereichs Archiv- und Bibliothekswesen der HföD
Die HföD ist die Hochschule für den öffentlichen Dienst in Bayern

Marchivum Blog
Das Stadtarchiv Mannheim bekommt einen Neubau und begleitet den Bau mit einem Blog

Gerhard Richter Archiv
„Vom Sammeln und Forschen in einem Künstlerarchiv“

Blog des Staatsarchivs Basel-Stadt
Auch in der Schweiz gibt es Archivblogger

Hochschularchiv der RWTH Aachen
Klaus Graf ist mit Archivalia noch nicht ganz ausgelastet und daher bloggt er auch an seinem Arbeitsplatz

Augias
Auch der Archivsoftwarehersteller Augias betreibt ein Blog zu archivarischen Themen

Die vielen Archivblogs sind natürlich kein Zufall, sondern einem Beitrag von Klaus Graf geschuldet, der eine Übersicht über die archivarische Blogszene veröffentlicht hat. Solche Übersichten sind für mich immer sehr hilfreich, da ich nicht jedes Blog in jeder Fachrichtung kennen kann.

Ansonsten habe ich den Twitter-Account und die Facebook-Seite wieder repariert. Dort sollten jetzt die neuen Beiträge zeitnah erscheinen.

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Internet Archive mit Volltextsuche

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Das Internet Archive wird 20 Jahre alt – und hat ein wirklich großartiges Geschenk für alle Nutzer. Ab sofort gibt es eine Volltextsuche über alle dort gehosteten, digitalisierten Bücher.

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Histocamp 2016

hiDas erste HistoCamp 2015 in Bonn war ein voller Erfolg und ein großer Spaß. Daher stand sofort fest, dass es auch im nächsten Jahr ein weiteres BarCamp geben wird und jetzt ist es endlich wieder soweit:

Am 4. und 5. November 2016 treffen sich die coolen Historiker in Mainz zum zweiten Histocamp. Es gibt bereits einige interessante Vorschläge für eine Session, die bunt gemischt sind: Von klassischen historischen Themen über das HistoBingo hin zu Geschichtsvermittlung mit YouTube, einer Schreibwerkstatt, Recherchevermittlung oder Geschichte in Computerspielen. Die Themenvielfalt sprudelt bereits jetzt vor Kreativität und ich freue mich schon.

Zusätzlich hat sich das HistoCamp als ein großes Klassentreffen der digitalen Historiker erwiesen – letztes Jahr war ein Großteil meiner Twittertimeline anwesend und es war eine super Gelegenheit, diese endlich einmal in real kennenzulernen.

Mehr Informationen und Tickets gibt es auf

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