Bayrische Polizei geht gegen Antikenhändler vor

Die bayrische Polizei ist auf einer Münzenmesse in München gegen Händler vorgegangen, die Münzen und sonstige Antiken mit unklarer Herkunft gehandelt haben:

Am 04. und 05. März 2017 fand in München eine bedeutende Messe für den Verkauf historischer Münzen statt.

Da der Verdacht bestand, dass im Umfeld und auf dieser Messe illegal erworbene Kulturgüter, insbesondere in Form von Münzen, veräußert werden, und somit Verstöße nach dem Kulturgutschutzgesetz und aus dem Deliktsbereich der Hehlerei begangen werden, entschlossen sich die Kunstfahnder des Bayerischen Landeskriminalamtes hier am Samstag, 04. März 2017 eine Schwerpunktaktion durchzuführen. Unterstützt wurden sie durch einen Kulturgutexperten des Hessischen Landeskriminalamtes und durch Einsatzkräfte des Polizeipräsidiums München.

Dabei waren 30 Kriminal- und Polizeibeamte im Einsatz.

Der Verdacht bestätigte sich sehr schnell, als im Außenbereich der Veranstaltung ein 49-jähriger bulgarischer Staatsangehöriger und drei serbische Staatsangehörige im Alter von 30 bis 47 Jahren kontrolliert wurden, die für ihre mitgeführten altertümlichen Münzen keine Herkunftsbelege vorweisen konnten und diese zum Teil versteckt mit sich führten. Bei ihnen wurden die Münzen, die einen geschätzten Wert von ca. 1600 Euro haben, sichergestellt. Alle Vier wurden nach Beendigung der polizeilichen Maßnahmen wieder entlassen. Sie erwartet nun ein Strafverfahren.

Der bedeutendste Aufgriff gelang den Fahndern jedoch an einem Stand auf der Messe. Ein Händler aus Dänemark bot eine Vielzahl von Münzen und auch Antiken, wie z.B. Speerspitzen und Schmuckgegenstände zum Verkauf an.

Nach einer ersten Einschätzung der Objekte am Messestand durch zugezogene Experten stammt der Großteil der Münzen aus dem Iran, Afghanistan und Indien. Afghanistan ist eines der Länder, das seit Jahrzehnten in den Kriegswirren massiv geplündert wird.

Für die ca. 6000 Münzen und über 1000 anderen Objekte konnte der 54-Jährige, in Afghanistan geborene und aus Dänemark kommende Händler keinerlei Dokumente vorweisen, die einen legalen Besitz bzw. die legale Einfuhr nach Deutschland belegen.

Daher besteht der dringende Verdacht, dass es sich hier um Plünderungsobjekte handelt, die bei illegalen Schatzsuchen geborgen und zum Nachteil der Herkunftsstaaten unterschlagen worden sind.

Alle Gegenstände wurden sichergestellt und werden nun begutachtet. Der Wert der angebotenen Ware liegt einer ersten Schätzung nach nicht unter 50.000 Euro.

Die Staatsanwaltschaft München I beantragte gegen den 54-Jährigen einen Haftbefehl unter anderem wegen des Verdachts der Hehlerei und des Verdachts eines Verbrechens nach dem Kulturgutschutzgesetz, da er in dringendem Verdacht steht, gewerbsmäßig handelnd Kulturgüter in Verkehr zu bringen, die abhandengekommen sind oder von denen er wusste, dass sie rechtswidrig ausgegraben oder unrechtmäßig eingeführt wurden. Der Ermittlungsrichter am Amtsgericht München erließ am Sonntag Haftbefehl.

Damit handelt es sich um den ersten Haftfall in Deutschland nach dem seit August 2016 geltenden Kulturgutschutzgesetz.

Da kann man nur eins sagen: Gut so! Man kann sich nicht hinstellen und sich beklagen, dass es in Syrien, Afghanistan und zahlreichen anderen Ländern zu massiven Raubgrabungen kommt und dass sich etwa ISIS auch durch den Verkauf von Antiken aus Raubgrabunden finanziert ohne dass man die andere Seite betrachtet. Ohne Abnehmer würden diese Fundstücke wenig wert sein. Erst die Nachfrage von Käufern gibt ihnen Wert und damit auch den Raubgräbern ihre Motivation und ihr Einkommen. Daher kann es eigentlich keinen anderen Weg geben als diesen Markt auszutrocknen. Alle Versuche, in Krisengebieten archäologische Fundstätten zu schützen, sind zwecklos, wenn die aus Raubgrabungen stammenden Fundgüter dann in Münchener Messehallen offen gehandelt werden.

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Ein Update für PlanetHistory

Es war mal wieder an der Zeit, Planet History zu aktualisieren. Folgende Blogs wurden neu aufgenommen:

Mittelalter entdecken
Das Blog Mittelalter entdecken von Björn Schultz macht genau das, was der Titel verspricht – der Autor bloggt über das Mittelalter

Siegelblog
„Sphragistik als Historische Hilfswissenschaft“

beruf:geschichte
„Und was machst du damit später einmal?“

366xgrün
Blog des Grünen Archives zum dreißigjährigen Jubiläums des Einzuges der Grünen in das österreichische Parlament

Berliner Archive
„Blog der Berliner Archivarinnen und Archivare – Netzwerk und fachlicher Austausch“

Rheinische Geschichte – wissenschaftlich bloggen
Regionalgeschichtler scheinen mittlerweile zu den fleißigsten Bloggern zu werden – hier geht es um die Geschichte des Rheinlandes

Stadtarchive in der Metropolregion Nürnberg
Wenn die Blogs so aussagekräftige Titel haben, fällt mir wenig ein, was ich dazu schreiben soll

Forum Archive KOD
„Forum für Archive katholischer Organisationen Deutschlands“

Leibnizarc
Gemeinschaftsblog des Arbeitskreises Archive in der Leibniz-Gemeinschaft

Sparkassengeschichte:BLOG
Ein schickes Blog, das zeigt, was man aus Randthemen herausholen kann

Universitätsarchiv Leipzig
Hier bloggt das … Universitätsarchiv Leipzig

Stadtarchiv Koblenz
Ja, hier bloggt das Stadtarchiv Koblenz

Weimar – Wege zur Demokratie
Ein Blog, das den Aufbau eines Quellenportales des Bundesarchives zur Weimarer Republik begleitet

Archive in Innsbruck
Auch in Innsbruck gibt es Archive. Diese bloggen hier

Archive Rheinland-Pfalz / Saarland
Es wäre eine Untersuchung wert, ob es am Rhein die größte geschichtswissenschaftliche Blogdichte gibt und wenn ja, woran das liegt

VdA-blog
Auch der Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e.V. besitzt ein Weblog mit – Überraschung – Themen rund ums Archivwesen

Adolf-Reichwein-Hochschule
„Blog zur Geschichte der PH Celle/Osnabrück (1945-1973) – Vorgängereinrichtung der Universität Osnabrück

Blog des Fachbereichs Archiv- und Bibliothekswesen der HföD
Die HföD ist die Hochschule für den öffentlichen Dienst in Bayern

Marchivum Blog
Das Stadtarchiv Mannheim bekommt einen Neubau und begleitet den Bau mit einem Blog

Gerhard Richter Archiv
„Vom Sammeln und Forschen in einem Künstlerarchiv“

Blog des Staatsarchivs Basel-Stadt
Auch in der Schweiz gibt es Archivblogger

Hochschularchiv der RWTH Aachen
Klaus Graf ist mit Archivalia noch nicht ganz ausgelastet und daher bloggt er auch an seinem Arbeitsplatz

Augias
Auch der Archivsoftwarehersteller Augias betreibt ein Blog zu archivarischen Themen

Die vielen Archivblogs sind natürlich kein Zufall, sondern einem Beitrag von Klaus Graf geschuldet, der eine Übersicht über die archivarische Blogszene veröffentlicht hat. Solche Übersichten sind für mich immer sehr hilfreich, da ich nicht jedes Blog in jeder Fachrichtung kennen kann.

Ansonsten habe ich den Twitter-Account und die Facebook-Seite wieder repariert. Dort sollten jetzt die neuen Beiträge zeitnah erscheinen.

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Internet Archive mit Volltextsuche

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Das Internet Archive wird 20 Jahre alt – und hat ein wirklich großartiges Geschenk für alle Nutzer. Ab sofort gibt es eine Volltextsuche über alle dort gehosteten, digitalisierten Bücher.

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Histocamp 2016

hiDas erste HistoCamp 2015 in Bonn war ein voller Erfolg und ein großer Spaß. Daher stand sofort fest, dass es auch im nächsten Jahr ein weiteres BarCamp geben wird und jetzt ist es endlich wieder soweit:

Am 4. und 5. November 2016 treffen sich die coolen Historiker in Mainz zum zweiten Histocamp. Es gibt bereits einige interessante Vorschläge für eine Session, die bunt gemischt sind: Von klassischen historischen Themen über das HistoBingo hin zu Geschichtsvermittlung mit YouTube, einer Schreibwerkstatt, Recherchevermittlung oder Geschichte in Computerspielen. Die Themenvielfalt sprudelt bereits jetzt vor Kreativität und ich freue mich schon.

Zusätzlich hat sich das HistoCamp als ein großes Klassentreffen der digitalen Historiker erwiesen – letztes Jahr war ein Großteil meiner Twittertimeline anwesend und es war eine super Gelegenheit, diese endlich einmal in real kennenzulernen.

Mehr Informationen und Tickets gibt es auf

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Wer bloggt eigentlich wie viel?

Welche Geschichtsblogs schreiben eigentlich besonders viel? PlanetHistory enthält momentan die stolze Anzahl von 40706 Beiträgen.

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Unter diesen stechen einige besonders aktive Vielschreiberblogs hervor, die für einen Großteil der Gesamtzahl an Beiträgen verantwortlich sind. Die Top 109-Blogs verfassten insgesamt 20393 Beiträge und damit ziemlich genau die Hälfte der Beitragszahl:

Blog Beiträge
Archivalia 7266
L.I.S.A. 3876
VÖBBlog 3674
DDR Museum 1246
netbib 1220
H.R. Lavater 967
Burgerbe 770
Geschichte Bayerns 731
Hiltibold 643

Die Zahlen stimmen so natürlich nicht – so ist zum einen der Zeitpunkt der Aufnahme in den Aggregator wichtig. Wer bereits länger dabei ist, hat natürlich auch mehr Beiträge enthalten. Zum anderen ist auch die Länge des RSS-Feeds entscheidend – davon profitieren hier v.a. das DDR Museum, dessen Beiträge ab 2009 enthalten sind und L.I.S.A., dessen Beiträge ab 2010 aggregiert wurden, obwohl es damals PlanetHistory noch nicht gab. Gleichzeitig publizieren beide Seiten aber auch regelmäßig und viel.

Die Verteilung sieht folgendermaßen aus und zeigt, wie viel mehr die beitragsstarken Blogs posten:

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Beiträge pro Blog

Der Vergleich ist natürlich etwas gemein: Ein langer, ausführlicher Artikel mit eigenen Forschungsergebnissen ist natürlich etwas anderes als ein kurzer Artikel, der nur einen Link und ein kurzes Zitat enthält. Auf der anderen Seite gibt es unter den 253 momentan enthaltenen Geschichtsblogs natürlich auch viele, die ihren Betrieb eingestellt haben, die verwaist sind oder nur noch sporadisch alle paar Monate etwas schreiben.

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Ein neuer Tiefpunkt

Überall in Deutschland toben momentan Debatten um Straßennamen. In tausenden Städten und Dörfern gibt es noch Straßen, die nach Antisemiten und Naziunterstützern benannt sind. Die Debatte, ob diese umbenannt werden sollen, tobt heftig und endet häufig in Volksentscheiden. Nun hat aber die CDU Hannover sich eine bemerkenswerte Entgleisung geleistet:

Wenn wir Straßen umbenennen, dann werden arme, hilflose Omas von bösen Einbrechern geschändet. Damit setzt die CDU einen neuen Tiefpunkt in dieser Debatte, die man sicherlich sachlicher und weniger emotionalisiert führen könnte. Bei solchen Wahlkampfentgleisungen besteht aber keine ernsthafte Grundlage mehr für eine Diskussion. Gleichzeitig zeigt es aber auch, dass den Umbenennungsgegnern irgendwie die Argumente ausgehen. Da geht es nicht mehr um die Sachfrage, ob man diese spezifische Person wirklich mit einer Straße ehren sollte, sondern um etwas ganz anderes.

Was dies aber ist, bleibt unklar. Ich glaube nicht, dass die CDU wirklich die Anwohner für so dumm hält, dass diese sich einen neuen Straßennamen nicht merken kann. Eigentlich müssten auch die lokalen Rettungsdienste vehement protestieren, weil sie als unfähig dargestellt werden – als ob etwa in Münster die Polizei nicht auf einen Notruf am Hindenburgplatz reagieren könnte, auch wenn dieser jetzt in Schlossplatz umbenannt wurde.

Daher würde ich mir etwas mehr Ehrlichkeit wünschen: Warum ist man wirklich gegen eine solche Umbenennung? Die Sorge um die Oma ist es nicht.

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Hieronymus Bosch in ’s-Hertogenbosch – Die Hölle, das sind die anderen

Das Noordbrabants Museum hat etwas praktisch unmögliches geschafft: Es ist ein kleines, regionales Kunstmuseum in der niederländischen Provinz in ’s-Hertogenbosch. Und es hat es geschafft, zum 500-jährigen Geburtstags des berühmtesten Sohnes der Stadt eine wirklich bemerkenswerte Ausstellung auf die Beine zu stellen. 20 von 25 noch existierenden Gemälde von Hieronymus Bosch und 19 von 25 Zeichnungen sind momentan in einer monumentalen Ausstellung zu sehen.

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Die Ausstellung ist ein gigantisches Event – die Verantwortlichen gehen All-in und nutzen den Besucheransturm, um ihre Stadt zu bewerben. Es gibt eine Bosch-Route durch die Stadt, in der zahlreiche Statuen mit Kreaturen aus Boschs Werken platziert wurden. Vor dem Museum warten Mitarbeiter der Touristeninformation und geben Besuchern Tipps zum weiterführenden Besuch. Die lokalen Geschäfte verkaufen diverses Bosch-Merchandising. Es gibt praktisch alles mit Bosch-Motiven zu kaufen: Postkarten, Figuren, Kaffeetassen, T-Shirts, Handyhüllen, Lampen, Kalender, Vogelhäuser (!), Teller, Puzzles,   Kleidung, Taschen, Bücher, Notizhefte, Poster und sogar Käse, Bier, Schokolade, Wein und Kaffee. Nachts wird der Marktplatz mit Bosch-Motiven angestrahlt und man kann eine Bootstour mit Bosch-Thema machen. An die (sehr sehenswerte) Kathedrale wurde ein Gerüst gebaut, um Interessierten die Figuren auf dem Dach zeigen zu können. Das alles wird von einem gigantischen Veranstaltungsprogramm und dem manischen Lachen lokaler Hoteliers begleitet.

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Der Erfolg ist überwältigend: Die Ausstellungsmacher rechneten ursprünglich mit 250.000 Besuchern und weiteten aufgrund des Ansturms die Öffnungszeiten aus. Jetzt sind 380.000 Tickets verkauft und die Öffnungszeiten werden für den Endspurt nochmal ausgeweitet:

During the May holiday, from April 22nd to May 6th, the museum will be open everyday from 8:00 a.m. to 1:00 a.m. On the exhibition’s final weekend, May 7th and 8th, the museum will even be open all night – 37 hours straight.

Und wie ist jetzt die Ausstellung? Zuerst einmal ist sie – Überraschung – voll. Gerappelt voll. Gedrängelt voll. Genauer gesagt ist sie leider zu voll.

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Die bekannteren (und beliebtesten) Werke von Bosch wie etwa der Garten der Lüste sind mit den modernen Wimmelbildern verwandt. Sie strotzen nur so vor Details und ihnen fehlt häufig sogar ein klares Objekt im Zentrum. Bosch malt Landschaften, in denen buchstäblich die Hölle los ist. Überall wimmelt es und selbst weit im Hintergrund gibt es etwas zu entdecken. Fantastische Kreaturen, Menschen zwischen Erlösung und Hölle, Höllenszenen, die kaum zu übertreffen sind und eine Bildwirkung, die den Betrachter fast erschlägt. Bosch schuf seine Gemälde zu religiösen Zwecken und diese erfordern eine intensive Beschäftigung, lassen sich nicht einfach schnell konsumieren und ihre Botschaft erschließt sich erst nach längerem Nachdenken. Dazu kommt, dass sich viele der enthaltenen Anspielungen genau wie in Pieter Bruegels d.Ä. Gemälde Die niederländischen Sprichwörter nicht sofort erschließen, da uns mittlerweile der kulturelle und religiöse Background fehlt. In einer Menschentraube dicht gedrängt vor einem Gemälde fehlt leider die nötige Muße, um die Bilder in Ruhe betrachten und entdecken zu können. Das gilt auch für Boschs Zeichnungen, die deutlich unbekannter sind. Sie sind aber deutlich kleiner als seine großformatigen Triptychen, bestechen durch feine Details, sind zum Teil absolut spektakulär und auch sie kann man nicht angemessen würdigen.

Im Kern stellt sich die Frage, ob hier nicht der Fetisch des authentischen Objektes zu einem irgendwie unrühmlichen Spektakel wird. Wer unbedingt einen echten Bosch als Original im Museum sehen will, der sollte sich die letzten Tickets für die Timeslots mitten in der Nacht besorgen und sich in die Schlange einreihen. Eine derart hochkarätige Bosch-Ausstellung wird es die nächsten Jahre definitiv nicht mehr gehen. Die Ausstellung wandert ab Anfang Mai ins Prado in Madrid und danach muss man sehr, sehr weit in verschiedene Museen reisen. Wann man die neu entdeckte Zeichnung aus Privatbesitz das nächste Mal sehen kann, ist unbekannt.

Neu entdeckt und bald wieder gut versteckt in einer Privatsammlung - Zeichnung von Hieronymus Bosch

Neu entdeckt und bald wieder gut versteckt in einer Privatsammlung – Zeichnung von Hieronymus Bosch

Wer sich aber „nur“ für die Werke Boschs interessiert, ist bereits am richtigen Ort: Der heimische PC ist das bessere Museum. So gibt es etwa den (in der Ausstellung nur als zeitgenössische Kopie zu sehenden) Garten der Lüste als wunderbare Webseite. Diese bietet eine Auflösung, die man am Original/an der Kopie mit bloßem Auge so nicht sehen kann und glänzt dazu noch mit weiterführenden Erläuterungen und Kontextualisierung. Die Wikimedia Commons haben den Heuwagen in einer Auflösung von 9843×6475 Pixeln und im Vergleich stellt man fest, dass die digitale Version mehr Details erkennen lässt als das Original. Beim Bosch Research and Conservation Project kann man sogar Röntgenaufnahmen der Bilder betrachten und so sehen, was sich unter der Farbe versteckt. Besonders interessant ist das beim Triptychon von St. Wilgefortis, der während der Entstehung stark umgearbeitet wurde. Das Google Art Project hat weitere hochauflösende Scans. Die Wikipedia-Artikel übertreffen in ihrer Informationsfülle sowohl den Audioguide als auch den Ausstellungsführer. Der Ausstellungskatalog selbst druckt die Bilder leider in zu geringer Größe.

Alles in allem muss man den Hut vor dem Noordbrabants Musem ziehen: Ein kleines Museum in einer kleinen, praktisch unbekannten niederländischen Stadt muss quasi permanent geöffnet sein, weil ihm die Besucher die Bude einrennen und in der Stadt sprudelt die Begeisterung für einen Renaissance-Künstler an allen Ecken. Falls sich demnächst mal wieder jemand über fehlendes Interesse der Öffentlichkeit für Kunst oder Museen beschwert, darf man gerne auf das verweisen, das das Noordbrabants Musem geschafft hat. Es hat nicht nur einen gigantischen Erfolg gelandet, sondern auch seine Stadt auf die Landkarten gebracht und ihre Identität massiv gestärkt.

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Gleichzeitig zeigen sich aber auch die Grenzen moderner Sonderausstellungen: Europa ist trotz aller aktuellen Rückschläge europäischer als je zuvor. Hochgeschwindigkeitszüge, Billigflieger und Autobahnen ermöglichen problemlos auch einen Museumsbesuch in den Niederlanden, Grenzkontrollen und Visa-Beantragungen kennen wir nicht mehr und dank des Internets schaffen solche Ausstellungen auch ein überregionales Publikum zu erreichen. Ich habe etwa davon aus dem britischen Guardian erfahren. Entsprechend ist dann der Andrang. Dies ist ein Problem, dem sich auch die besucherstarken Häuser wie der Louvre oder das Berliner Neue Museum stellen müssen. In diesen verläuft sich der Besucheransturm etwas mehr, aber das Internet, dieses Netzwerk, das eigentlich dazu gedacht ist, dass Menschen miteinander kommunizieren, bietet hier einen Ausweg: Denn es bietet genau das, was wir beim Museumsbesuch wünschen. Privaten, individuellen Zugang zu den Werken, ungestört von anderen Besuchern und mit weiterführenden Informationen nur einen Klick entfernt. Und trotzdem ist es leider irgendwie etwas anderes nach Nordbrabant zu fahren, Boschs Werke als Original zu sehen und dann die wirklich sehr schöne Stadt zu erkunden. Der Fetisch des Originals, es gibt ihn einfach.

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„Kunst aus dem Holocaust“ im DHM

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Karl Robert Bodek/Kurt Conrad Löw Ein Frühling, 1941 © Collection of the Yad Vashem Art Museum, Jerusalem

Es gibt Ausstellungen, die Spaß machen. Ausstellungen, die den Besucher in opulente Bilderwelten eintauchen lassen, die alte und spannende Objekte ausstellen, bei deren Anblick einem die Kinnlade herunter klappt. Und es gibt Ausstellungen, die wirklich hart sind. Die weh tun, die verstören und einen an der Menschheit zweifeln lassen.

Aktuell zeigt das Deutsche Historische Museum in Berlin die Ausstellung Kunst aus dem Holocaust, welche zur Kategorie „sehr schwer zu verdauen“ gehört. Sie versammelt 100 Gemälde und Zeichnungen aus der Sammlung von Yad Vashem, die von Künstlern jüdischen Glaubens in Gettos und Konzentrationslagern geschaffen wurden. Werke, die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit ausdrücken. Werke, die auf Packkarton, Rückseiten, Zetteln und was gerade sonst alles in der Not verfügbar war, gemalt wurden. Werke, die dokumentieren wollen. Werke, die verzweifeltes Warten  zeigen.

Leo (Lev) Haas Ankunft eines Transports, 1942 © Collection of the Yad Vashem Art Museum, Jerusalem

Leo (Lev) Haas
Ankunft eines Transports, 1942
© Collection of the Yad Vashem Art Museum, Jerusalem

Und immer wieder, in den Künstlerbiografien, die Worte „Gestorben 1941. Gestorben 1942. Gestorben 1943. Gestorben 1944. Gestorben 1945.“

Diese Ausstellung ist wirklich nicht einfach zu „verdauen“. Sie ist ein Schlag in die Magengrube und genau das macht sie so sehenswert. Denn aus der Kunst strahlt Emotion. Und nicht nur Verzweiflung, Abscheu, Wut, sondern auch Hoffnung. Hoffnung auf ein normales Leben außerhalb der Lager, auf ein Leben nach den Nazis, nach der Verfolgung. Erinnerungen an das Leben vor den Nazis. Die Kunst schafft es, das Ziel der Vernichtungsmaschinerie zu stören: Der Mensch, das Individuum, tritt wieder aus der entmenschlichten, anonymen Masse hervor. Sonst betrachtet man in der Ikonografie des Holocausts Fotos von Leichenbergen, lange Trecks von Menschen, überfüllte Eisenbahnwagen, Erschießungsszenen, hungernde, ausgemergelte Menschen in Baracken oder an Lagerzäunen. Es sind Bilder, die den Menschen in der Masse zeigen. Hier tritt der Mensch mit seinen Emotionen, Hoffnungen und Ängsten in den Vordergrund und tritt wieder aus der Masse hervor. Und dann immer wieder: „Gestorben 1941. Gestorben 1942. Gestorben 1943. Gestorben 1944. Gestorben 1945.“

Bedřich Fritta Hintereingang, 1941–1944 © Collection of the Yad Vashem Art Museum, Jerusalem

Bedřich Fritta
Hintereingang, 1941–1944
© Collection of the Yad Vashem Art Museum, Jerusalem

Die Ausstellung läuft noch bis zum 3. April 2016, mehr Informationen gibt es auf der offiziellen Webseite.

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Alte Globen in 3D

Landkarten haben das Problem, dass sie eine 3D-Umgebung in 2D darstellen müssen. Die Verzerrungen, die dabei entstehen, sind bekannt. Ein Globus ist daher die deutlich bessere Wahl, um unseren Planeten realistisch darzustellen.

Aber wie geht man bei historischen Globen vor? Eine Landkarte kann man problemlos scannen und auf 2D-Bildschirmen darstellen. Und was macht man mit einem Globus? Man scannt ihn natürlich trotzdem ein! Die Gallica hat eine Sammlung von alten Globen digitalisiert und auf eine interaktive, zoombare Kugel projiziert. Das ist eine tolle Idee und perfekt für Spielkinder, die bereits als Kind gerne mit ihrem Globus gespielt haben.

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Gemeinfreitag #4: Was darf die Satire?

Deutschland 2016: Im Karneval fahren Wehrmachtspanzer aus Pappe durch die Straßen, auf denen „Asylabwehr“ und „Asylpaket III“ steht. Nachgebildete Lokomotiven mit der Aufschrift „Balkan-Express“ und „Die Plage kommt“. Und ein „mobiles Asylantenheim“ fährt durch Igling.

Die Empörung ist natürlich groß. Außer in Ilmtal, wo Lokalpolitiker lieber die Panzerfahrer in Schutz nehmen und den Nestbeschmutzer attackieren, welcher die Dreistigkeit hatte, den geschmacklosen Panzer auf seiner eigenen Facebook-Seite zu kritisieren.

In Diskussionsspalten tauchte aber auch immer wieder ein anderes Argument auf: „Das ist Karneval. Das ist Satire. Satire darf alles.“ Der Spruch „Satire darf alles“ stammt natürlich von Kurt Tucholsky und es ist sehr wahrscheinlich, dass die Panzerverteidiger bislang noch nicht Tucholsky gelesen haben.

Kurt Tucholsky starb 1935 und seine Werke sind daher gemeinfrei. Neben dem Text über die Satire von 1919 findet man z.B. auf Wikisource, aber auch auf diversen weiteren Webseiten praktisch alles, was er geschrieben hat. Es lohnt sich zu stöbern, denn Tucholsky ist ein begnadeter Schriftsteller, ein scharfer Analyst seiner Zeit, ein flammender Kritiker der Nazis und ein Beobachter des menschlichen Wesens.

Daher hier ohne weitere Umschweife Tucholsky selbst über Satire:

Was darf die Satire?

Frau Vockerat: «Aber man muß doch seine Freude haben können an der Kunst.»
Johannes: «Man kann viel mehr haben an der Kunst als seine Freude.»
Gerhart Hauptmann

Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel.

Satire scheint eine durchaus negative Sache. Sie sagt: „Nein!“ Eine Satire, die zur Zeichnung einer Kriegsanleihe auffordert, ist keine. Die Satire beißt, lacht, pfeift und trommelt die große, bunte Landsknechtstrommel gegen alles, was stockt und träge ist.

Satire ist eine durchaus positive Sache. Nirgends verrät sich der Charakterlose schneller als hier, nirgends zeigt sich fixer, was ein gewissenloser Hanswurst ist, einer, der heute den angreift und morgen den.

Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.

Die Satire eines charaktervollen Künstlers, der um des Guten willen kämpft, verdient also nicht diese bürgerliche Nichtachtung und das empörte Fauchen, mit dem hierzulande diese Kunst abgetan wird.

Vor allem macht der Deutsche einen Fehler: er verwechselt das Dargestellte mit dem Darstellenden. Wenn ich die Folgen der Trunksucht aufzeigen will, also dieses Laster bekämpfe, so kann ich das nicht mit frommen Bibelsprüchen, sondern ich werde es am wirksamsten durch die packende Darstellung eines Mannes tun, der hoffnungslos betrunken ist. Ich hebe den Vorhang auf, der schonend über die Fäulnis gebreitet war, und sage: „Seht!“ – In Deutschland nennt man dergleichen ‚Kraßheit‘. Aber Trunksucht ist ein böses Ding, sie schädigt das Volk, und nur schonungslose Wahrheit kann da helfen. Und so ist das damals mit dem Weberelend gewesen, und mit der Prostitution ist es noch heute so.

Der Einfluß Krähwinkels hat die deutsche Satire in ihren so dürftigen Grenzen gehalten. Große Themen scheiden nahezu völlig aus. Der einzige ‚Simplicissimus‘ hat damals, als er noch die große, rote Bulldogge rechtens im Wappen führte, an all die deutschen Heiligtümer zu rühren gewagt: an den prügelnden Unteroffizier, an den stockfleckigen Bürokraten, an den Rohrstockpauker und an das Straßenmädchen, an den fettherzigen Unternehmer und an den näselnden Offizier. Nun kann man gewiß über all diese Themen denken wie man mag, und es ist jedem unbenommen, einen Angriff für ungerechtfertigt und einen anderen für übertrieben zu halten, aber die Berechtigung eines ehrlichen Mannes, die Zeit zu peitschen, darf nicht mit dicken Worten zunichte gemacht werden.

Übertreibt die Satire? Die Satire muß übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.

Aber nun sitzt zutiefst im Deutschen die leidige Angewohnheit, nicht in Individuen, sondern in Ständen, in Korporationen zu denken und aufzutreten, und wehe, wenn du einer dieser zu nahe trittst. Warum sind unsere Witzblätter, unsere Lustspiele, unsere Komödien und unsere Filme so mager? Weil keiner wagt, dem dicken Kraken an den Leib zu gehen, der das ganze Land bedrückt und dahockt: fett, faul und lebenstötend.

Nicht einmal dem Landesfeind gegenüber hat sich die deutsche Satire herausgetraut. Wir sollten gewiß nicht den scheußlichen unter den französischen Kriegskarikaturen nacheifern, aber welche Kraft lag in denen, welch elementare Wut, welcher Wurf und welche Wirkung! Freilich: sie scheuten vor gar nichts zurück. Daneben hingen unsere bescheidenen Rechentafeln über U-Boot-Zahlen, taten niemandem etwas zuleide und wurden von keinem Menschen gelesen.

Wir sollten nicht so kleinlich sein. Wir alle – Volksschullehrer und Kaufleute und Professoren und Redakteure und Musiker und Ärzte und Beamte und Frauen und Volksbeauftragte – wir alle haben Fehler und komische Seiten und kleine und große Schwächen. Und wir müssen nun nicht immer gleich aufbegehren (‚Schlächtermeister, wahret eure heiligsten Güter!‘), wenn einer wirklich einmal einen guten Witz über uns reißt. Boshaft kann er sein, aber ehrlich soll er sein. Das ist kein rechter Mann und kein rechter Stand, der nicht einen ordentlichen Puff vertragen kann. Er mag sich mit denselben Mitteln dagegen wehren, er mag widerschlagen – aber er wende nicht verletzt, empört, gekränkt das Haupt. Es wehte bei uns im öffentlichen Leben ein reinerer Wind, wenn nicht alle übel nähmen.

So aber schwillt ständischer Dünkel zum Größenwahn an. Der deutsche Satiriker tanzt zwischen Berufsständen, Klassen, Konfessionen und Lokaleinrichtungen einen ständigen Eiertanz. Das ist gewiß recht graziös, aber auf die Dauer etwas ermüdend. Die echte Satire ist blutreinigend: und wer gesundes Blut hat, der hat auch einen reinen Teint.

Was darf die Satire?

Alles.

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