Wer bloggt eigentlich wie viel?

Welche Geschichtsblogs schreiben eigentlich besonders viel? PlanetHistory enthält momentan die stolze Anzahl von 40706 Beiträgen.

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Unter diesen stechen einige besonders aktive Vielschreiberblogs hervor, die für einen Großteil der Gesamtzahl an Beiträgen verantwortlich sind. Die Top 109-Blogs verfassten insgesamt 20393 Beiträge und damit ziemlich genau die Hälfte der Beitragszahl:

Blog Beiträge
Archivalia 7266
L.I.S.A. 3876
VÖBBlog 3674
DDR Museum 1246
netbib 1220
H.R. Lavater 967
Burgerbe 770
Geschichte Bayerns 731
Hiltibold 643

Die Zahlen stimmen so natürlich nicht – so ist zum einen der Zeitpunkt der Aufnahme in den Aggregator wichtig. Wer bereits länger dabei ist, hat natürlich auch mehr Beiträge enthalten. Zum anderen ist auch die Länge des RSS-Feeds entscheidend – davon profitieren hier v.a. das DDR Museum, dessen Beiträge ab 2009 enthalten sind und L.I.S.A., dessen Beiträge ab 2010 aggregiert wurden, obwohl es damals PlanetHistory noch nicht gab. Gleichzeitig publizieren beide Seiten aber auch regelmäßig und viel.

Die Verteilung sieht folgendermaßen aus und zeigt, wie viel mehr die beitragsstarken Blogs posten:

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Beiträge pro Blog

Der Vergleich ist natürlich etwas gemein: Ein langer, ausführlicher Artikel mit eigenen Forschungsergebnissen ist natürlich etwas anderes als ein kurzer Artikel, der nur einen Link und ein kurzes Zitat enthält. Auf der anderen Seite gibt es unter den 253 momentan enthaltenen Geschichtsblogs natürlich auch viele, die ihren Betrieb eingestellt haben, die verwaist sind oder nur noch sporadisch alle paar Monate etwas schreiben.

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Ein neuer Tiefpunkt

Überall in Deutschland toben momentan Debatten um Straßennamen. In tausenden Städten und Dörfern gibt es noch Straßen, die nach Antisemiten und Naziunterstützern benannt sind. Die Debatte, ob diese umbenannt werden sollen, tobt heftig und endet häufig in Volksentscheiden. Nun hat aber die CDU Hannover sich eine bemerkenswerte Entgleisung geleistet:

Wenn wir Straßen umbenennen, dann werden arme, hilflose Omas von bösen Einbrechern geschändet. Damit setzt die CDU einen neuen Tiefpunkt in dieser Debatte, die man sicherlich sachlicher und weniger emotionalisiert führen könnte. Bei solchen Wahlkampfentgleisungen besteht aber keine ernsthafte Grundlage mehr für eine Diskussion. Gleichzeitig zeigt es aber auch, dass den Umbenennungsgegnern irgendwie die Argumente ausgehen. Da geht es nicht mehr um die Sachfrage, ob man diese spezifische Person wirklich mit einer Straße ehren sollte, sondern um etwas ganz anderes.

Was dies aber ist, bleibt unklar. Ich glaube nicht, dass die CDU wirklich die Anwohner für so dumm hält, dass diese sich einen neuen Straßennamen nicht merken kann. Eigentlich müssten auch die lokalen Rettungsdienste vehement protestieren, weil sie als unfähig dargestellt werden – als ob etwa in Münster die Polizei nicht auf einen Notruf am Hindenburgplatz reagieren könnte, auch wenn dieser jetzt in Schlossplatz umbenannt wurde.

Daher würde ich mir etwas mehr Ehrlichkeit wünschen: Warum ist man wirklich gegen eine solche Umbenennung? Die Sorge um die Oma ist es nicht.

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Hieronymus Bosch in ’s-Hertogenbosch – Die Hölle, das sind die anderen

Das Noordbrabants Museum hat etwas praktisch unmögliches geschafft: Es ist ein kleines, regionales Kunstmuseum in der niederländischen Provinz in ’s-Hertogenbosch. Und es hat es geschafft, zum 500-jährigen Geburtstags des berühmtesten Sohnes der Stadt eine wirklich bemerkenswerte Ausstellung auf die Beine zu stellen. 20 von 25 noch existierenden Gemälde von Hieronymus Bosch und 19 von 25 Zeichnungen sind momentan in einer monumentalen Ausstellung zu sehen.

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Die Ausstellung ist ein gigantisches Event – die Verantwortlichen gehen All-in und nutzen den Besucheransturm, um ihre Stadt zu bewerben. Es gibt eine Bosch-Route durch die Stadt, in der zahlreiche Statuen mit Kreaturen aus Boschs Werken platziert wurden. Vor dem Museum warten Mitarbeiter der Touristeninformation und geben Besuchern Tipps zum weiterführenden Besuch. Die lokalen Geschäfte verkaufen diverses Bosch-Merchandising. Es gibt praktisch alles mit Bosch-Motiven zu kaufen: Postkarten, Figuren, Kaffeetassen, T-Shirts, Handyhüllen, Lampen, Kalender, Vogelhäuser (!), Teller, Puzzles,   Kleidung, Taschen, Bücher, Notizhefte, Poster und sogar Käse, Bier, Schokolade, Wein und Kaffee. Nachts wird der Marktplatz mit Bosch-Motiven angestrahlt und man kann eine Bootstour mit Bosch-Thema machen. An die (sehr sehenswerte) Kathedrale wurde ein Gerüst gebaut, um Interessierten die Figuren auf dem Dach zeigen zu können. Das alles wird von einem gigantischen Veranstaltungsprogramm und dem manischen Lachen lokaler Hoteliers begleitet.

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Der Erfolg ist überwältigend: Die Ausstellungsmacher rechneten ursprünglich mit 250.000 Besuchern und weiteten aufgrund des Ansturms die Öffnungszeiten aus. Jetzt sind 380.000 Tickets verkauft und die Öffnungszeiten werden für den Endspurt nochmal ausgeweitet:

During the May holiday, from April 22nd to May 6th, the museum will be open everyday from 8:00 a.m. to 1:00 a.m. On the exhibition’s final weekend, May 7th and 8th, the museum will even be open all night – 37 hours straight.

Und wie ist jetzt die Ausstellung? Zuerst einmal ist sie – Überraschung – voll. Gerappelt voll. Gedrängelt voll. Genauer gesagt ist sie leider zu voll.

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Die bekannteren (und beliebtesten) Werke von Bosch wie etwa der Garten der Lüste sind mit den modernen Wimmelbildern verwandt. Sie strotzen nur so vor Details und ihnen fehlt häufig sogar ein klares Objekt im Zentrum. Bosch malt Landschaften, in denen buchstäblich die Hölle los ist. Überall wimmelt es und selbst weit im Hintergrund gibt es etwas zu entdecken. Fantastische Kreaturen, Menschen zwischen Erlösung und Hölle, Höllenszenen, die kaum zu übertreffen sind und eine Bildwirkung, die den Betrachter fast erschlägt. Bosch schuf seine Gemälde zu religiösen Zwecken und diese erfordern eine intensive Beschäftigung, lassen sich nicht einfach schnell konsumieren und ihre Botschaft erschließt sich erst nach längerem Nachdenken. Dazu kommt, dass sich viele der enthaltenen Anspielungen genau wie in Pieter Bruegels d.Ä. Gemälde Die niederländischen Sprichwörter nicht sofort erschließen, da uns mittlerweile der kulturelle und religiöse Background fehlt. In einer Menschentraube dicht gedrängt vor einem Gemälde fehlt leider die nötige Muße, um die Bilder in Ruhe betrachten und entdecken zu können. Das gilt auch für Boschs Zeichnungen, die deutlich unbekannter sind. Sie sind aber deutlich kleiner als seine großformatigen Triptychen, bestechen durch feine Details, sind zum Teil absolut spektakulär und auch sie kann man nicht angemessen würdigen.

Im Kern stellt sich die Frage, ob hier nicht der Fetisch des authentischen Objektes zu einem irgendwie unrühmlichen Spektakel wird. Wer unbedingt einen echten Bosch als Original im Museum sehen will, der sollte sich die letzten Tickets für die Timeslots mitten in der Nacht besorgen und sich in die Schlange einreihen. Eine derart hochkarätige Bosch-Ausstellung wird es die nächsten Jahre definitiv nicht mehr gehen. Die Ausstellung wandert ab Anfang Mai ins Prado in Madrid und danach muss man sehr, sehr weit in verschiedene Museen reisen. Wann man die neu entdeckte Zeichnung aus Privatbesitz das nächste Mal sehen kann, ist unbekannt.

Neu entdeckt und bald wieder gut versteckt in einer Privatsammlung - Zeichnung von Hieronymus Bosch

Neu entdeckt und bald wieder gut versteckt in einer Privatsammlung – Zeichnung von Hieronymus Bosch

Wer sich aber „nur“ für die Werke Boschs interessiert, ist bereits am richtigen Ort: Der heimische PC ist das bessere Museum. So gibt es etwa den (in der Ausstellung nur als zeitgenössische Kopie zu sehenden) Garten der Lüste als wunderbare Webseite. Diese bietet eine Auflösung, die man am Original/an der Kopie mit bloßem Auge so nicht sehen kann und glänzt dazu noch mit weiterführenden Erläuterungen und Kontextualisierung. Die Wikimedia Commons haben den Heuwagen in einer Auflösung von 9843×6475 Pixeln und im Vergleich stellt man fest, dass die digitale Version mehr Details erkennen lässt als das Original. Beim Bosch Research and Conservation Project kann man sogar Röntgenaufnahmen der Bilder betrachten und so sehen, was sich unter der Farbe versteckt. Besonders interessant ist das beim Triptychon von St. Wilgefortis, der während der Entstehung stark umgearbeitet wurde. Das Google Art Project hat weitere hochauflösende Scans. Die Wikipedia-Artikel übertreffen in ihrer Informationsfülle sowohl den Audioguide als auch den Ausstellungsführer. Der Ausstellungskatalog selbst druckt die Bilder leider in zu geringer Größe.

Alles in allem muss man den Hut vor dem Noordbrabants Musem ziehen: Ein kleines Museum in einer kleinen, praktisch unbekannten niederländischen Stadt muss quasi permanent geöffnet sein, weil ihm die Besucher die Bude einrennen und in der Stadt sprudelt die Begeisterung für einen Renaissance-Künstler an allen Ecken. Falls sich demnächst mal wieder jemand über fehlendes Interesse der Öffentlichkeit für Kunst oder Museen beschwert, darf man gerne auf das verweisen, das das Noordbrabants Musem geschafft hat. Es hat nicht nur einen gigantischen Erfolg gelandet, sondern auch seine Stadt auf die Landkarten gebracht und ihre Identität massiv gestärkt.

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Gleichzeitig zeigen sich aber auch die Grenzen moderner Sonderausstellungen: Europa ist trotz aller aktuellen Rückschläge europäischer als je zuvor. Hochgeschwindigkeitszüge, Billigflieger und Autobahnen ermöglichen problemlos auch einen Museumsbesuch in den Niederlanden, Grenzkontrollen und Visa-Beantragungen kennen wir nicht mehr und dank des Internets schaffen solche Ausstellungen auch ein überregionales Publikum zu erreichen. Ich habe etwa davon aus dem britischen Guardian erfahren. Entsprechend ist dann der Andrang. Dies ist ein Problem, dem sich auch die besucherstarken Häuser wie der Louvre oder das Berliner Neue Museum stellen müssen. In diesen verläuft sich der Besucheransturm etwas mehr, aber das Internet, dieses Netzwerk, das eigentlich dazu gedacht ist, dass Menschen miteinander kommunizieren, bietet hier einen Ausweg: Denn es bietet genau das, was wir beim Museumsbesuch wünschen. Privaten, individuellen Zugang zu den Werken, ungestört von anderen Besuchern und mit weiterführenden Informationen nur einen Klick entfernt. Und trotzdem ist es leider irgendwie etwas anderes nach Nordbrabant zu fahren, Boschs Werke als Original zu sehen und dann die wirklich sehr schöne Stadt zu erkunden. Der Fetisch des Originals, es gibt ihn einfach.

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„Kunst aus dem Holocaust“ im DHM

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Karl Robert Bodek/Kurt Conrad Löw Ein Frühling, 1941 © Collection of the Yad Vashem Art Museum, Jerusalem

Es gibt Ausstellungen, die Spaß machen. Ausstellungen, die den Besucher in opulente Bilderwelten eintauchen lassen, die alte und spannende Objekte ausstellen, bei deren Anblick einem die Kinnlade herunter klappt. Und es gibt Ausstellungen, die wirklich hart sind. Die weh tun, die verstören und einen an der Menschheit zweifeln lassen.

Aktuell zeigt das Deutsche Historische Museum in Berlin die Ausstellung Kunst aus dem Holocaust, welche zur Kategorie „sehr schwer zu verdauen“ gehört. Sie versammelt 100 Gemälde und Zeichnungen aus der Sammlung von Yad Vashem, die von Künstlern jüdischen Glaubens in Gettos und Konzentrationslagern geschaffen wurden. Werke, die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit ausdrücken. Werke, die auf Packkarton, Rückseiten, Zetteln und was gerade sonst alles in der Not verfügbar war, gemalt wurden. Werke, die dokumentieren wollen. Werke, die verzweifeltes Warten  zeigen.

Leo (Lev) Haas Ankunft eines Transports, 1942 © Collection of the Yad Vashem Art Museum, Jerusalem

Leo (Lev) Haas
Ankunft eines Transports, 1942
© Collection of the Yad Vashem Art Museum, Jerusalem

Und immer wieder, in den Künstlerbiografien, die Worte „Gestorben 1941. Gestorben 1942. Gestorben 1943. Gestorben 1944. Gestorben 1945.“

Diese Ausstellung ist wirklich nicht einfach zu „verdauen“. Sie ist ein Schlag in die Magengrube und genau das macht sie so sehenswert. Denn aus der Kunst strahlt Emotion. Und nicht nur Verzweiflung, Abscheu, Wut, sondern auch Hoffnung. Hoffnung auf ein normales Leben außerhalb der Lager, auf ein Leben nach den Nazis, nach der Verfolgung. Erinnerungen an das Leben vor den Nazis. Die Kunst schafft es, das Ziel der Vernichtungsmaschinerie zu stören: Der Mensch, das Individuum, tritt wieder aus der entmenschlichten, anonymen Masse hervor. Sonst betrachtet man in der Ikonografie des Holocausts Fotos von Leichenbergen, lange Trecks von Menschen, überfüllte Eisenbahnwagen, Erschießungsszenen, hungernde, ausgemergelte Menschen in Baracken oder an Lagerzäunen. Es sind Bilder, die den Menschen in der Masse zeigen. Hier tritt der Mensch mit seinen Emotionen, Hoffnungen und Ängsten in den Vordergrund und tritt wieder aus der Masse hervor. Und dann immer wieder: „Gestorben 1941. Gestorben 1942. Gestorben 1943. Gestorben 1944. Gestorben 1945.“

Bedřich Fritta Hintereingang, 1941–1944 © Collection of the Yad Vashem Art Museum, Jerusalem

Bedřich Fritta
Hintereingang, 1941–1944
© Collection of the Yad Vashem Art Museum, Jerusalem

Die Ausstellung läuft noch bis zum 3. April 2016, mehr Informationen gibt es auf der offiziellen Webseite.

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Alte Globen in 3D

Landkarten haben das Problem, dass sie eine 3D-Umgebung in 2D darstellen müssen. Die Verzerrungen, die dabei entstehen, sind bekannt. Ein Globus ist daher die deutlich bessere Wahl, um unseren Planeten realistisch darzustellen.

Aber wie geht man bei historischen Globen vor? Eine Landkarte kann man problemlos scannen und auf 2D-Bildschirmen darstellen. Und was macht man mit einem Globus? Man scannt ihn natürlich trotzdem ein! Die Gallica hat eine Sammlung von alten Globen digitalisiert und auf eine interaktive, zoombare Kugel projiziert. Das ist eine tolle Idee und perfekt für Spielkinder, die bereits als Kind gerne mit ihrem Globus gespielt haben.

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Gemeinfreitag #4: Was darf die Satire?

Deutschland 2016: Im Karneval fahren Wehrmachtspanzer aus Pappe durch die Straßen, auf denen „Asylabwehr“ und „Asylpaket III“ steht. Nachgebildete Lokomotiven mit der Aufschrift „Balkan-Express“ und „Die Plage kommt“. Und ein „mobiles Asylantenheim“ fährt durch Igling.

Die Empörung ist natürlich groß. Außer in Ilmtal, wo Lokalpolitiker lieber die Panzerfahrer in Schutz nehmen und den Nestbeschmutzer attackieren, welcher die Dreistigkeit hatte, den geschmacklosen Panzer auf seiner eigenen Facebook-Seite zu kritisieren.

In Diskussionsspalten tauchte aber auch immer wieder ein anderes Argument auf: „Das ist Karneval. Das ist Satire. Satire darf alles.“ Der Spruch „Satire darf alles“ stammt natürlich von Kurt Tucholsky und es ist sehr wahrscheinlich, dass die Panzerverteidiger bislang noch nicht Tucholsky gelesen haben.

Kurt Tucholsky starb 1935 und seine Werke sind daher gemeinfrei. Neben dem Text über die Satire von 1919 findet man z.B. auf Wikisource, aber auch auf diversen weiteren Webseiten praktisch alles, was er geschrieben hat. Es lohnt sich zu stöbern, denn Tucholsky ist ein begnadeter Schriftsteller, ein scharfer Analyst seiner Zeit, ein flammender Kritiker der Nazis und ein Beobachter des menschlichen Wesens.

Daher hier ohne weitere Umschweife Tucholsky selbst über Satire:

Was darf die Satire?

Frau Vockerat: «Aber man muß doch seine Freude haben können an der Kunst.»
Johannes: «Man kann viel mehr haben an der Kunst als seine Freude.»
Gerhart Hauptmann

Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel.

Satire scheint eine durchaus negative Sache. Sie sagt: „Nein!“ Eine Satire, die zur Zeichnung einer Kriegsanleihe auffordert, ist keine. Die Satire beißt, lacht, pfeift und trommelt die große, bunte Landsknechtstrommel gegen alles, was stockt und träge ist.

Satire ist eine durchaus positive Sache. Nirgends verrät sich der Charakterlose schneller als hier, nirgends zeigt sich fixer, was ein gewissenloser Hanswurst ist, einer, der heute den angreift und morgen den.

Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.

Die Satire eines charaktervollen Künstlers, der um des Guten willen kämpft, verdient also nicht diese bürgerliche Nichtachtung und das empörte Fauchen, mit dem hierzulande diese Kunst abgetan wird.

Vor allem macht der Deutsche einen Fehler: er verwechselt das Dargestellte mit dem Darstellenden. Wenn ich die Folgen der Trunksucht aufzeigen will, also dieses Laster bekämpfe, so kann ich das nicht mit frommen Bibelsprüchen, sondern ich werde es am wirksamsten durch die packende Darstellung eines Mannes tun, der hoffnungslos betrunken ist. Ich hebe den Vorhang auf, der schonend über die Fäulnis gebreitet war, und sage: „Seht!“ – In Deutschland nennt man dergleichen ‚Kraßheit‘. Aber Trunksucht ist ein böses Ding, sie schädigt das Volk, und nur schonungslose Wahrheit kann da helfen. Und so ist das damals mit dem Weberelend gewesen, und mit der Prostitution ist es noch heute so.

Der Einfluß Krähwinkels hat die deutsche Satire in ihren so dürftigen Grenzen gehalten. Große Themen scheiden nahezu völlig aus. Der einzige ‚Simplicissimus‘ hat damals, als er noch die große, rote Bulldogge rechtens im Wappen führte, an all die deutschen Heiligtümer zu rühren gewagt: an den prügelnden Unteroffizier, an den stockfleckigen Bürokraten, an den Rohrstockpauker und an das Straßenmädchen, an den fettherzigen Unternehmer und an den näselnden Offizier. Nun kann man gewiß über all diese Themen denken wie man mag, und es ist jedem unbenommen, einen Angriff für ungerechtfertigt und einen anderen für übertrieben zu halten, aber die Berechtigung eines ehrlichen Mannes, die Zeit zu peitschen, darf nicht mit dicken Worten zunichte gemacht werden.

Übertreibt die Satire? Die Satire muß übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.

Aber nun sitzt zutiefst im Deutschen die leidige Angewohnheit, nicht in Individuen, sondern in Ständen, in Korporationen zu denken und aufzutreten, und wehe, wenn du einer dieser zu nahe trittst. Warum sind unsere Witzblätter, unsere Lustspiele, unsere Komödien und unsere Filme so mager? Weil keiner wagt, dem dicken Kraken an den Leib zu gehen, der das ganze Land bedrückt und dahockt: fett, faul und lebenstötend.

Nicht einmal dem Landesfeind gegenüber hat sich die deutsche Satire herausgetraut. Wir sollten gewiß nicht den scheußlichen unter den französischen Kriegskarikaturen nacheifern, aber welche Kraft lag in denen, welch elementare Wut, welcher Wurf und welche Wirkung! Freilich: sie scheuten vor gar nichts zurück. Daneben hingen unsere bescheidenen Rechentafeln über U-Boot-Zahlen, taten niemandem etwas zuleide und wurden von keinem Menschen gelesen.

Wir sollten nicht so kleinlich sein. Wir alle – Volksschullehrer und Kaufleute und Professoren und Redakteure und Musiker und Ärzte und Beamte und Frauen und Volksbeauftragte – wir alle haben Fehler und komische Seiten und kleine und große Schwächen. Und wir müssen nun nicht immer gleich aufbegehren (‚Schlächtermeister, wahret eure heiligsten Güter!‘), wenn einer wirklich einmal einen guten Witz über uns reißt. Boshaft kann er sein, aber ehrlich soll er sein. Das ist kein rechter Mann und kein rechter Stand, der nicht einen ordentlichen Puff vertragen kann. Er mag sich mit denselben Mitteln dagegen wehren, er mag widerschlagen – aber er wende nicht verletzt, empört, gekränkt das Haupt. Es wehte bei uns im öffentlichen Leben ein reinerer Wind, wenn nicht alle übel nähmen.

So aber schwillt ständischer Dünkel zum Größenwahn an. Der deutsche Satiriker tanzt zwischen Berufsständen, Klassen, Konfessionen und Lokaleinrichtungen einen ständigen Eiertanz. Das ist gewiß recht graziös, aber auf die Dauer etwas ermüdend. Die echte Satire ist blutreinigend: und wer gesundes Blut hat, der hat auch einen reinen Teint.

Was darf die Satire?

Alles.

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Gemeinfreitag #3: Carta Marina

Das Konzept "Gemeinfreitag" stammt von Moritz. Die Idee 
ist simpel: Jeden Freitag wird ein gemeinfreies Werk vorgestellt. 
Egal ob Bild, Buch, Karte, Musikstück oder Gemälde - es geht darum 
zu zeigen, welche Schätze sich in den Public Domain verstecken. 

Nachmachen ist erwünscht!

Eine alte Karte, langweilig. Google Maps ist genauer, die Menschen damals hatten außerdem noch kein StreetView, keine Vermessung mit GPS und Satellitenbildern und außerdem sind da die neue Umgehungsstraße und der Kreisverkehr vor’m Penny noch nicht eingezeichnet. Ab ins Altpapier damit!

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Die Carta Marina von Olaus Magnus aus dem Jahre 1539 ist natürlich ein echtes Kunstwerk und viel zu schade für die Altpapiertonne – wobei man Altpergament höchstwahrscheinlich ja eh in der Biotonne entsorgen müsste. Sie zeigt Skandinavien und Teile der heutigen baltischen Staaten und Russlands. Herausragend sind dabei die vielen kleinen Details, die sich erst beim genauen Hinschauen entfalten.

Wale!

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Kämpfende Ritter!

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Was auch immer!

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Großkatzen und Fische!

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Bootsbau!

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Jagen auf Eisschollen!

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Jagdszenen!

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Und Walfang!

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Es gibt vieles zu entdecken und genau das macht diese Karte so großartig.

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Gemeinfreitag #2: Rosie the Riveter

Das Konzept "Gemeinfreitag" stammt von Moritz. Die Idee 
ist simpel: Jeden Freitag wird ein gemeinfreies Werk vorgestellt. 
Egal ob Bild, Buch, Karte, Musikstück oder Gemälde - es geht darum 
zu zeigen, welche Schätze sich in den Public Domain verstecken. 

Nachmachen ist erwünscht!

Die Männer ziehen in den Krieg und die Frauen bleiben zu Hause. Moderne Kriege erfordern aber eine Menge an Material: Munition, Waffen, Panzer, Jeeps, Schiffe, Flugzeuge, Versorgung und so weiter. Wenn die Männer aber im Krieg sind, fehlen Arbeiter in den Fabriken, die eben die Versorgung dieser Männern mit der zum Kämpfen nötigen Ausrüstung sicherstellen. Im Zweiten Weltkrieg sind daher praktisch alle Staaten dazu übergegangen, Frauen in die Industrieproduktion zu holen.

In den USA arbeiteten 3 Millionen Frauen in der Kriegsindustrie. Viele dieser Frauen waren bereits vor dem Krieg berufstätig, aber auch Hausfrauen wurden berufstätig. Die US-Regierung unterstützte dies fleißig durch Werbung und Propaganda. Zum Symbol dafür wurde „Rosie the Riveter“, eine fiktive, toughe, arbeitende Frau. Das „We can do it“-Plakat findet sich heute praktisch überall, auf Postkarten, Brotdosen, Geschirrtüchern, Partyflyern und ungefähr 300mal in jedem 1€-Laden.

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Neben diesem berühmten Poster und weiterem Propagandamaterial stechen vor allem die Fotos des Office of War Information heraus. Sie sind in Farbe aufgenommen und schon alleine aus fotografischer Sicht einfach beeindruckend.

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Die Bilder sind natürlich Propaganda – sie zeigen fröhliche, junge, hübsche Frauen, die ihren Job mit Begeisterung und einer sorgfältigen Aufmerksamkeit erledigen. Die wahren Arbeitsbedingungen in den Fabriken stehen natürlich auf einem anderen Blatt. Auch die Motivation, eine Arbeit aufzunehmen, dürfte in vielen Fällen nicht Patriotismus, sondern wirtschaftliche Not gewesen sein.

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Aber egal: Die Bilder aus der amerikanischen Kriegsproduktion der 1940er Jahre sind schon alleine ästhetisch beeindruckend. Und da es in den USA das Gesetz gibt, dass alle von Regierungsmitarbeitern geschaffene Werke gemeinfrei sind, können wir sie auch jetzt schon genießen. (Andere Staaten sind so blöd und stellen ihre Propaganda nicht unter freie Lizenzen, so dass keiner sie weiterverwenden darf. Darauf muss man erstmal kommen)

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Weitere Bilder gibt es in der Library of Congress oder in den Commons.

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Die Leichen der Somme

Somme Leichenkarte

Wer Krieg führt, muss nachher aufräumen. Binsenweisheit. Die obrige Karte zeigt die Aufräumarbeiten nach der Schlacht an der Somme im Ersten Weltkrieg. Die großen Quadrate besitzen ein Ausmaß von 1000×1000 Yards, die kleineren in ihnen messen 166×166 bzw. 83×83 Yards. In richtigen Einheiten macht das 914×914 Meter / 152×152 Meter bzw. 76×76 Meter.

Das Schlachtfeld wurde nach dem Krieg durchsucht, die dort gefundenen Leichen gezählt und auf Friedhöfe umgebettet. Die Karte zeigt in blauer Schrift, wo wie viele Leichen gefunden wurden.

Das zeigt dann kühl und nüchtern das Ausmaß des Schlachtens: In den vier Monaten der Schlacht starben 108000 britische Soldaten, auf deutscher Seite waren es mindestens 65000. Die Zahl der Verwundeten, Verstümmelten, der Gaskranken und Traumatisierten liegt noch deutlich höher. Ein Fußballfeld misst 105×68 Meter. Alleine die Vorstellung, dass auf der Fläche eines Aldi-Parkplatzes 829 Tote liegen, ist unvorstellbar. Die Karte zeigt die Dramen und Katastrophen: Fehlgeschlagene Angriffe, umkämpfte Gebiete, Orte, an denen gestorben wurde.

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Gemeinfreitag #1: KDR-100

Das Konzept "Gemeinfreitag" stammt von Moritz. Die Idee 
ist simpel: Jeden Freitag wird ein gemeinfreies Werk vorgestellt. 
Egal ob Bild, Buch, Karte, Musikstück oder Gemälde - es geht darum 
zu zeigen, welche Schätze sich in den Public Domain verstecken. 

Nachmachen ist erwünscht!

1878 beschlossen die Staaten im neu gegründeten Deutschen Reich, eine Karte ihrer Territorien im Maßstab 1:100.000 zu erstellen. Das Reich wurde zwischen 1878 und 1904 vermessen und das Ergebnis waren 674 Kartenseiten, die das Gebiet in enormer Detailfülle zeigen. Das Kartenwerk wurde dann mit Neubearbeitungen und Aktualisierungen bis 1945 fortgeführt.

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Die Karte ist mittlerweile gemeinfrei und lässt sich in beeindruckender Auflösung online anschauen oder auch in Google Earth betrachten.

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Das Tolle an dieser Karte ist natürlich die Auflösung: Das gesamte Deutsche Reich ist bis in die kleinste Bauernschaft und in die letzte Seitenstraße kartiert. Das ist natürlich ideal für eine kleine lokalhistorische Entdeckungsreise – wie sah die Heimatstadt zu der Zeit aus? Gab es die Straße, in der man aufgewachsen ist, schon? Welche Stadtviertel sind neu gewachsen? Der Blick wandert zwangsläufig zu den Bahnhöfen, die sich an den Stadtrand schmiegen. Bahnhof? Stadtrand? Richtig, Deutschlands Städte waren klein zu dieser Zeit. Ganze, vertraute Stadtviertel gab es einfach noch nicht. So manche Großstadt war nur ein kleines Dorf und so manch ein kleines Dorf ein noch kleineres Dorf mit einer handvoll Häusern. Die Altstadt war die ganze Stadt. Flüsse sind noch nicht begradigt, Kanäle nicht gegraben, Straßen und Autobahnen existieren noch nicht und wo früher Wald ist, ist jetzt ein Feld. Es lohnt sich also, auf historische Entdeckungsreise zu gehen!

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