Das Mittelalter im Ruhrgebiet – Aufruhr 1225

Das Ruhrgebiet – qualmende Schlote, Nachkriegsinnenstädte, leicht bis schwer proletig und momentan in einer Phase, die häufig „Strukturwandel“ genannt wird – das ist das übliche Ruhrpott-Stereotyp. Nur wenige Menschen sind sich bewusst, dass das Ruhrgebiet auf eine lange Geschichte zurückblicken kann, die nur durch das rasante Wachstum im 19. Jahrhundert überdeckt wird. Städte wie Dortmund oder Essen blicken aber auf eine jahrhundertealte Tradition zurück und das Rheinland ist natürlich bereits zu römischen Zeiten besiedelt gewesen. Und wer weiß schon, dass es im Ruhrgebiet mal 400 Burgen gab, von denen immerhin noch 100 mehr oder weniger erhalten sind?
Das LWL-Museum für Archäologie in Herne rückt die Geschichte des Ruhrgebietes im Mittelalter in den Blickpunkt. Aufruhr 1225 heißt die aktuelle Ausstellung, die nach Eigenwerbung die „größte Mittelalterausstellung, die es jemals im Ruhrgebiet gegeben hat“ ist. Ausgangspunkt ist ein historischer Kriminalfall: Am 7. November 1225 wird der Erzbischof von Köln, Engelbert, bei dem Versuch, ihn in einem Hohlweg bei Gevelsberg gefangen zu nehmen, ermordet. Verdächtigt wird sein Kontrahent Friedrich von Isenberg, welcher sich mit Engelbert um die lukrative Vogtei des Klosters Essen stritt. Der Konflikt eskaliert weiter, aber viel zu viel soll an dieser Stelle nicht über den weiteren Verlauf und den Ausgang geschrieben werden, da die Ausstellung diesen als Anknüpfungspunkt nimmt, um parallel dazu die Strukturen und die Welt des Mittelalters zu beleuchten. In einer gut gelungenen Verknüpfung aus Ereignis und Allgemeinem gelingt es der Ausstellung das Mittelalter gut zu erklären. Ritter, Burgen, Städte, Justizwesen, Krieg, Religion, Handel und noch vieles mehr werden auch anhand von hochkarätigen Ausstellungsstücken vermittelt.
Ein weiterer Teil der Ausstellung widmet sich den Burgen im Ruhrgebiet, welche in ihrer heutigen Gestalt gezeigt werden. Das geschieht zum einen über eine riesige Karte auf dem Boden, auf dem die Standorte der Burgen eingezeichnet sind und die bei so manchem Besucher für ein Aha-Erlebnis sorgen wird und zum anderen über Luftbildaufnahmen der erhaltenen Burgen. Und eine wurde gleich neu gebaut: Hinter dem Museum reckt sich eine Motte in den Himmel über der verregneten Stadt Herne. Wer bislang die Motten immer als kleine Holzburgen für Dorfpotentaten abgetan hat, bekommt hier die Augen geöffnet.

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Ein paar Kleinigkeiten gibt es aber auch an der Ausstellung zu meckern. Zum einen sind viele der Ausstellungsstücke Urkunden oder Münzen, werden aber unzureichend präsentiert. Mittelalterliche Urkunden sehen einfach schön aus, noch interessanter ist aber ihr Inhalt. Der wird aber leider nicht in Text und Übersetzung geboten und da die Urkunden natürlich in Vitrinen liegen, sind sie natürlich schlecht zu lesen. Texte & Übersetzungen könnten diese wichtigen Dokumente für mehr Besucher erschließen. Noch schlechter zu erkennen sind die Münzen – wenn man eine kleine Münze in eine schlecht beleuchtete Vitrine legt, dann kann man absolut nichts von der Prägung erkennen. Eine Lupe oder wenigstens vergrößerte Fotos hätten hier einiges mehr rausholen können. Das ist schade, vor allem da bei der allgemein schwierigen Präsentation von Büchern das bestmöglichste herausgeholt wurde – da gibt es Computerterminals, um im Sachsenspiegel zu blättern und die großartigen Illustrationen des Nequambuches werden per Beamer an die Wand projiziert. Alles in allem ist die Ausstellung gut gelungen. Weite Anfahrten lohnen sich nicht unbedingt, aber wer eh im Ruhrgebiet unterwegs ist, darf ruhig einen Abstecher nach Herne machen.

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