Historikertag: Der traurige Stand der digitalen Geschichtswissenschaft

In der Sektion Virtuelle Grenzen der Geschichtswissenschaft. Stand und Perspektiven der digitalen Geschichtsforschung diskutierten Peter Haber, Malte Rehbein, Georg Vogeler und Patrick Sahle über genau das, was auch der Titel der Sektion verspricht. Ich versuche mich jetzt nicht an einer genauen Widergabe des Panels, sondern schreibe einfach frei über ein paar Aspekte, die mir aufgefallen sind und die so nicht unbedingt in der Sektion behandelt wurde – und dafür lasse ich auch einige Dinge weg, die behandelt wurden. Wer eine genauere Zusammenfassung des Panels will, findet diese auf histnet.

Digitale Geschichtswissenschaft behandelt eigentlich zwei Themenbereiche gleichzeitig: Zum einen die Frage, wie die enormen Möglichkeiten der Computertechnik für die historische Arbeit genutzt werden können und zum anderen die Frage, welche Auswirkungen diese auf die Geschichtswissenschaft hat. Es ist natürlich klar, dass sich ein Text mit Word leichter und effektiver schreiben lässt als mit der Schreibmaschine. Es gibt auch jede Menge andere Hilfsmittel, die weitere Arbeit abnehmen: Diverse Datenbanken präsentieren vor allem antike, mittelalterliche und frühneuzeitliche Quellen, mit Programmen wie LitLink oder Citavi lassen sich ganze Berge von Literatur halbwegs bequem verwalten und das Internet macht das Recherchieren zu praktisch jedem Thema deutlich einfacher. Das ist aber auch nur die eine Seite der Medaille.

Etwas flapsig wurde das Vorgehen der Historiker im Panel als "Lesen, Denken, Schreiben" beschrieben und es ist klar, dass die digitalen Arbeitstechniken unsere Arbeit bereits radikal revolutioniert haben. Literaturrecherche erfolgt praktisch nur noch online. Das kann man einfach über den OPAC der UB erledigen oder sich in riesige Datenbanken, Worldcat, Google Books & Co stürzen, aber einen Zettelkasten benutzt keiner mehr. Und auch das Schreiben erfolgt mittlerweile komplett digital. Nur das Denken wird noch nicht digital unterstützt, auch wenn bereits über Virtual Research Environments (VRE) nachgedacht wird, die einem zumindestens etwas Gehirnleistung abnehmen könnten. Ebenfalls gibt es bereits jede Menge Quellen online, es hat sogar den Eindruck, dass momentan fasst alle Anstrengungen auf diesen Bereich fokussiert werden. Besonders Mediävisten und Frühneuzeitler tuen sich hier hervor – die Quellen der Alten Geschichte gibt es bereits seit langem online und in der Neuesten Geschichte und der Zeitgeschichte gibt es enorme Urheberrechtsprobleme. Mittelalterliche Urkunden kann man ohne Sorge vor Klagen online stellen, in der Zeitgeschichte sitzt man ganz schnell auf einem Haufen Abmahnungen. Die großen Verlage wittern natürlich auch ein enormes Geschäft und basteln an eigenen Datenbanken, die sie dann für teures Geld an Bibliotheken verschachern. So war die FAZ mit einem eigenen Stand auf dem Historikertag vertreten, um für ihr Zeitungsarchiv zu werben. Ich trinke gerade Kaffe aus einer Tasse, die großzügig verteilt wurde und die für das Archiv 1949-1992 wirbt – dieses Werbebudget zeigt, dass jede Menge Geld im Spiel ist, was es für Historiker nicht immer einfacher macht. Trotzdem – Volltext-Archive sind großartig.

Warum bezeichne ich den Stand der digitalen Geschichtswissenschaft in der Überschrift dann als traurig? Dafür gibt es mehrere Gründe:

Zum einen benutzt die Geschichtswissenschaft bereits seit ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert eine etwas krude Variante des Hypertextes. Was heute im Internet als bahnbrechende Neuigkeit verkauft wird (oder besser: Was Mitte der 1999er als bahnbrechende Neuigkeit verkauft wurde), ist eigentlich für uns Historiker ein alter Hut. Eine Fußnote mit einer Literaturangabe ist im Grundprinzip ein Hyperlink. Fußnoten mit weiter erläuternden Texten sind im Prinzip wie Unterseiten. Literaturverzeichnisse unterscheiden sich nicht groß von Linklisten. Im Prinzip arbeitet die Geschichtswissenschaft seit 150 Jahren mit Hypertexten. Traurig ist es aber, dass sie damit auch bei den Möglichkeiten von vor 150 Jahren stehen bleibt. Das Buch als Format ist immer noch unangefochten, was auch an den institutionellen Hürden liegt. Wer ein Blog führt, bekommt weniger wissenschaftlichen Credit als jemand, der ein Buch schreibt. Im Panel herrschte etwas Ratlosigkeit, wie der bestehende Publikationszyklus zu durchbrechen ist oder ob dies überhaupt sinnvoller ist. Genau hier stellt sich natürlich das Problem der Archivierung digitaler Publikationen, die bisher ungelöst ist. Ein Buch ist ohne Hilfsmittel zu lesen, hält sich längere Zeit ohne sonderliche Pflege und ist nicht durch den rasanten Wandel der Technik bedroht. Wenn ich aufhören würde, jeden Monat meine paar Euro für diesen Server zu zahlen, dann wäre auch dieses Blog im digitalen Nirwana verschwunden. Andererseits wurde auch völlig zurecht darauf hingewiesen, dass es nicht an der generellen Haltbarkeit von Büchern liegt, dass sie länger erhalten bleiben, sondern weil es mit Bibliotheken Institutionen gibt, die den Auftrag der Erhaltung, Lagerung und Zugänglichmachung von Büchern haben. Wenn die ersten Gutenberg-Bibeln nicht in Bibliotheken gelandet wären, dann wären sie auch verloren gegangen. Ein Buch, das in den Wald geworfen wird, ist innerhalb weniger Tage zerstört. Und es wurde auch darauf hingewiesen, dass wir eigentlich bereits Institutionen haben, die rechtlich verpflichtet sind die wissenschaftlichen digitalen Daten zu sichern – Archive. Hier ist einiges ungelöst.

Es ist leider auch so, dass die wenigsten Historiker die nötigen PC-Kenntnisse besitzen, um die bereits vorhandenen Möglichkeiten voll auszunutzen. Ich erlebe es auch bei Studenten häufig, dass selbst einfache Dinge wie das Erstellen eines automatischen Inhaltsverzeichnis nicht genutzt werden. Den Vogel schoss ein Kanidat ab, der seine Fußnoten nicht per Fußnotenfunktion erstellte, sondern manuell über die Enter-Taste. Die Technikfähigkeiten vieler Historiker sind wenn überhaupt nur rudimentär vorhanden. Das ganze spiegelte sich im Panel mit der bangen Frage "If we build it, will they come?" wieder. Was nützt die schickste und praktischste Software, wenn die Zielgruppe sie nicht annimmt? Das gleiche gilt meiner Meinung nach auch für weitergehende Technikfähigkeiten – im Panel wurde es nicht ausführlich vorhanden, aber wer schicke digitale Lösungen bauen will, muss eigentlich auch programmieren können. Oder zumindestens Zugriff auf Programmierer haben. Ansonsten hechelt er immer hinter der technischen Entwicklung hinterher oder kann seine Projekte nicht so durchführen, wie er es gerne hätte. Im Panel wurde dies kurz angesprochen: Das Projekt Historisches Unterfranken der Universität Würzburg versuchte, die Entwicklung von Städten eben dort zu kartographieren, dummerweise boten die bestehenden Softwarelösungen keine befriedigende Lösung, zeitliche Abläufe anzuzeigen, da sie eben für andere Anwendungsbereiche entwickelt wurden. Erst als der Hersteller schließlich eine entsprechende Funktion einbaute, konnte das Problem gelöst werden. Historische Institute und Projekte haben allerdings dummerweise nicht die Marktmacht und die finanziellen Ressourcen, um größere Änderungen an bestehender Software durchzusetzen oder eigene zu entwickeln. Fehlende PC-Kenntnisse sind auch ein Problem, weil dadurch ein Kreis entsteht: Wenn die Lehrenden die Kenntnisse nicht besitzen, können sie sie auch nicht den Studenten vermitteln.

Alles in allem bleibt daher ein etwas deprimierender Beigeschmack zurück: Es gibt viele tolle Möglichkeiten und viele Chancen, Wissenschaft zugänglicher zu machen, mehr Leute zu erreichen, sich die eigene Arbeit zu erleichtern und Neues auszuprobieren. Viele dieser Möglichkeiten stecken aber noch in den Kinderschuhen und werden von institutionellen Hürden blockiert. Im Prinzip bleibt nur eine Sache übrig: Einfach anzufangen, diese Möglichkeiten auszuprobieren. Der größte Hemmschuh ist das Argument, dass wir es schon immer so gemacht haben. Warum also nicht mal eine neue Software ausprobieren?

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2 Kommentare zu Historikertag: Der traurige Stand der digitalen Geschichtswissenschaft

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