Ausstellung: Afghanistans gerettete Schätze

Afghanistan gilt gemeinhin als ein von der Geschichte vergessenes Land. Krieg, Taliban, Bin Laden, Warlords, Drogenanbau, unwirtliches Gelände – kurz gesagt: Man könnte auf Landkarten auch „Hier wohnen Drachen, bitte nicht betreten“ schreiben und die meisten Menschen würden nicht protestieren.

Die letzten 30 Jahre Bürgerkrieg haben das andere Afghanistan aus den Gehirnen der Menschen verschwinden lassen. Nur noch selten taucht das Afghanistan vor 1979 in der öffentlichen Wahrnehmung auf. Umso interessanter sind die wenigen Momente, die diesen Eindruck einer stetigen Barbarei durchbrechen. Bittersüße Berichte aus einem liberaleren und bürgerlichen Afghanistan der 60er beispielsweise. Oder die Ausstellung „Afghanistans gerettete Schätze. Die Sammlung des Nationalmuseums in Kabul“ in der Bundeskunsthalle in Bonn. Der Hintergrund dieser Ausstellung ist spannend, traurig und toll zugleich: Das Nationalmuseum in Kabul wurde während des Bürgerkrieges und der Herrschaft der Taliban geplündert und zum Teil zerstört. Einige Exponate konnten glücklicherweise in die Schweiz gerettet werden. Einige der wertvollsten und kostbarsten Gegenstände galten aber als verloren – entweder zerstört oder für viel Geld im illegalen Kunstmarkt verschwunden. Umso erfreulicher war die Nachricht, dass mutige Afghanen einen Teil davon in Sicherheit gebracht hatten. Die Ausstellung in Bonn zeigt diese Artefakte jetzt einer breiten Öffentlichkeit.

Präsentiert werden Fundstücke aus vier verschiedenen nordafghanischen Ausgrabungsstätten. Den Anfang bildet der bronzezeitliche Zufallsfund aus Tepe Fullol , welcher in die Frühzeit des Landes führt. Drei goldene und aufwändig verzierte Gefäße verweisen auf den frühen Reichtum des Landes schon um ca. 2000 v.Chr. Die Gefäße sind mit geometrischen Mustern und Tiermotiven reichhaltig geschmückt.

(Leider ist das Fotografieren in der Ausstellung verboten und auch im Internet findet man keine CC-Bilder dieser Gefäße. Der Ausstellungskatalog bietet zwar gute Bilder, aber diese darf ich hier aus Urheberrechtsgründen nicht verwenden.)

Üppiger wird es in Ai Khanum, einer griechischen, kurz nach dem Feldzug Alexanders gegründet. Hellenistische Städte am Rand der Steppe waren zumindest für mich eine kleine Überraschung. Ich wusste zwar, dass Alexander bis nach Indien zog, aber mit einem bleibenden kulturellen Einfluss in dieser Gegend hätte ich nicht gerechnet. Schön konnte man an den ausgestellten Kunstgegenständen sehen, wie sich griechische und orientalische/lokale Stile vermischten. So zeigte die Ausstellung eine bronzene Mondsichel mit der Darstellung eines männlichen Gottes – in Griechenland ist die Mondgottheit weiblich, im Orient männlich. Hier kann man bildlich sehen, wie sich die verschiedenen Kulturen vermischten.

(Auch hier gibt es leider kein Bild, Beschwerden bitte nicht in die Kommentare, sondern an die Ausstellungsleitung)

Das Highlight der Ausstellung ist aber eindeutig das baktrische Gold aus Tillya Tepe. 1978/79 fanden russische Archäologen in einer Festung sechs Gräber, in denen anscheinend wohlhabende Nomaden ungeklärter Herkunft begraben wurden. Dieser Schatz ist der absolute Wahnsinn – selten hat mich etwas in einem Museum so begeistert. Er könnte auch aus der Requisite eines Fantasy-Filmes stammen. Opulenter, kiloschwerer Goldschmuck in einem höchst ungewöhnlichen Stil.

(Wenigstens von diesem Schatz gibt es – leider etwas unscharfe – CC-Bilder. Danke World Imaging (CC-BY-SA 3.0) Mehr hier

Auch dieser Kunststil schwankt zwischen griechisch-römischen, indischen, lokal-baktrischen und z.T. sogar chinesischen Stilen. So ist eine Aphrodite-Statue mit indischem Schönheitsfleck und den Flügeln eines baktrischen Gottes zu sehen, die nicht nur durch ihre kunstvolle Ausführung begeistert. Über das baktrische Gold könnte ich noch deutlich mehr schreiben, aber manchmal darf man auch ganz faul zu ausführlichen Wikipedia-Artikeln verlinken.

Den vierten Teil der Ausstellung bilden Funde aus Begram. Die indo-griechische Herrschaft, welche durch Ai Khanum in der Ausstellung repräsentiert wurde, verschwand um 30 n.Chr im Ansturm von kushanischen Nomaden. Die Funde aus Begram zeugen von der Macht dieser neuen Herrscher. Aber auch hier sind die Kontakte und Einflüsse nach und von Ost und West deutlich sichtbar. Zu sehen sind einige der ältesten erhaltenen Beispiele der griechischen und römischen Glaskunst, die in einer unerwarteten Farbigkeit erstaunlich lebendige Szenen zeigen. Indisch anmutende Elfenbeinschnitzereien zeigen intime Palastszenen. Ein schier unglaubliches römisches Wasserbassin ist zu sehen, auf dessen Oberfläche bronzene Fischschwänze zu sehen sind, die von dem Wasser im Bassin bewegt wurden. Und die Flussgöttinnen im indischen Stil zeigen aufgrund ihrer leichten Verwitterung einen verstörenden Blick.

Bunte Szenen auf einer römischen Vase aus Begram

Alle vier Teile der Ausstellung zeugen nicht nur von der frühen Kultur Afghanistans, das alles andere als ein kulturloses Land voller Barbaren und Islamisten ist, sondern an der Schnittstelle zwischen Europa, dem Orient, den Steppen Russlands und Asien eine bedeutende Position besaß. Umso tragischer erscheint die neuere Geschichte des Landes. In der Ausstellung hängt ein aktuelles Bild aus Ai Khanum neben einem Bild der Ausgrabungsstätte vor dem russischen Einmarsch: Von Raubgräbern geplündert, zerstört und vernachlässigt ist die Stätte nur noch eine Schutterfläche. Der Gedanke, dass Kostbarkeiten wie der Goldschatz aus Tillya Tepe nur durch großen Einsatz mutiger Menschen und viel Glück gerettet werden konnten, hinterlässt einen bitteren Beigeschmack, denn vieles andere konnte nicht gerettet werden.

Wer die Ausstellung noch sehen will, sollte sich beeilen: Sie schließt am 2. Januar 2011. Wer Bilder sehen will, die ich hier leider nicht zeigen kann, der darf sich diese Audio-Slideshow von National Geographic ansehen.

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Eine Antwort auf Ausstellung: Afghanistans gerettete Schätze

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