Walter Kohl – Leben oder gelebt werden

Bundesarchiv_Bild_183-P0819-306,_Leipzig,_Besuch_Helmut_Kohl_mit_Familie  Die öffentliche Seite einer Kindheit: Familie Kohl im Jahre 1975 in Leipzig (Bundesarchiv, Bild 183-P0819-306 / Raphael (verehel. Grubitzsch), Waltraud / CC-BY-SA 3.0)

Die SPIEGEL-Bestsellerliste besteht meistens aus Müll. Auch wenn es etwas snobistisch klingt – unsere Mitmenschen scheinen größtenteils absoluten Schrott zu lesen. Oder ihn wenigstens zu kaufen. Ab und an verirrt sich allerdings auch ein gutes Buch an die Spitze der Charts und momentan befindet sich ein bemerkenswertes, kleines Buch dort oben: Walter Kohls „Leben oder Gelebt werden“. Walter Kohl ist, wie der Name es schon sagt, der älteste Sohn des Alt-Bundeskanzlers Helmut Kohl und versucht mit seinem Buch sein Verhältnis zum überlebensgroß erscheinenden Vater zu klären. Die Verhältnisse in der Familie Kohl haben nach dem Selbstmord von Hannelore Kohl, welche die Familie zusammengehalten hat, anscheinend eher verschlechtert: Helmut Kohl hat wieder geheiratet, mit Walter hat er sich zerstritten und diesen auch nicht zu seiner Hochzeit eingeladen und auch das Erscheinen eines derartigen Buches zu seinen Lebenszeiten spricht Bände.

„Für meinen Vater war und ist die Politik seine eigentliche Heimat. Seine wahre Familie heißt CDU, nicht Kohl.“

Die politische Karriere seines Vaters prägte Walter von Kindheit an. Er schildert eindrücklich, wie die Menschen um ihn herum ihre Abneigung gegenüber seinem Vater an ihm auslebten. So wollte er als er als Kind in den örtlichen Fußballverein eintreten. Sein Vater hatte aber Jahre zuvor als Kommunalpolitiker den Bau einer Umgehungsstraße, welche dem Klub Land genommen hätte, befürwortet und diese Entscheidung bekam der Sohn später zu spüren. Pfälzer haben wie Elefanten ein langes Gedächnis und so wurde Walter von einem erbosten Vereinsmitglied mit einer Bierflasche aus der Vereinskneipe gejagt. Auch an anderen Orten bekam er es stellvertretend ab und vor allem die Schule wurde schnell zur Hölle. Lehrer piesakten ihn besonders und auch seine Mitschüler hatten den „Sohn vom Kohl“ im Visier. Wer diese Schilderungen heute liest, ist vor allem über das Ausmaß der Gewalt erschreckt, welches noch in den 60er und 70er Jahren die Schulhöfe dieser Republik geprägt hat.

„Am Schultor wurde ich aus der Bewachung entlassen. Meine dortige Ankunft geriet nun regelmäßig zum Spektakel, zumindestens für bestimmte Mitschüler. Sie begrüßten mich sogleich mit Hänseleien, manche gefielen sich darin, auszutesten, ob die abziehenden Polizisten wohl umkehren würden, wenn sie mir Fausthiebe auf die Oberarme versetzten oder mich mit dem Ellbogen in die Rippen knufften. Fast jeden Morgen erwartete man mich mit dieser Art des Willkommens. Es war wie ein Spießrutenlaufen, bis ich mein Klassenzimmer erreicht hatte. Übrigens kehrten die Polizisten nie um.“

Diese Diskriminierung aufgrund seiner Herkunft blieb auch nach der Schule bestehen: Seine Einberufung zum Wehrdienst wird zu einem kleineren Medienereignis und er muss sich in der Bundeswehr gegen Schickanen wehren – bzw. kann sich eben aufgrund der Befehlsgewalt seiner Vorgesetzten nicht wehren, wenn er ohne Grund die Extrarunden über den Hindernisparkours laufen muss, weil er der Sohn des verhassten Bundeskanzlers ist.
Erst nach der Bundeswehr fand er einige Jahre Ruhe, indem er zum studieren in die USA ging und später dort als Investmentbanker an der WallSteet arbeitete. Doch auch hier holte ihn der lange Schatten seines Vaters ein – interessierte sich lange Zeit dort keiner für Deutschland, änderte sich dies 1989 schlagartig und in Mitten der Kontroverse stand – natürlich – Helmut Kohl. Und sein Sohn bekam es wieder zu spüren. Ebenso wie später beim CDU-Spendenskandel, als man auch dem Sohn unterstellte, so korrupt zu sein wie der Vater.

Die zweite prägende Entwicklung in Walter Kohls Kindheit waren die immer schärfer werdenden Sicherheitsmaßnahmen. Helmut Kohls Karriere verlief parallel zur Terrorkarriere der RAF und diverser anderer linksterroristischer Organisationen und natürlich war nicht nur Helmut Kohl ein potenzielles Ziel, sondern auch das Kind Walter. Er schildert eindrücklich, wie die ständige Bedrohung in sein Leben zog. Das Elternhaus wurde abgesichert. Das verwilderte Nachbargrundstück, auf dem er mit seinem Bruder immer gespielt hatte, gerodet und von der Polizei okkupiert. Polizisten begleiten ihn auf dem Schulweg. Er wird darin unterwiesen, was er im Falle einer Entführung machen soll. Und er bekommt mitgeteilt, wie hoch das maximale Lösegeld ist, dass der Staat bereit ist, für ihn zu zahlen. Und dass politische Forderungen nicht erfüllt würden.
Die Schilderung dieser Entwicklung und der Ängste, die sich in einem Kind dadurch aufbauen, gehört zu den absoluten Stärken des Buches und ist ein Kapitel der Geschichte der RAF, welches noch viel zu wenig beleuchtet wurde. Terror geschieht nämlich nicht nur durch die Gewaltakte, sondern Terror ist auch die Angst, die sich in eine Gesellschaft schleicht. Walter Kohl hatte Angst. Und es wird auch anderen Kindern bedrohter Familien so gegangen sein.
Dazu kommt, dass im Hause Kohl mit der Bedrohung nur schwer umgegangen werden konnte. Mit seiner Mutter konnte Walter sich austauschen, aber eben nicht mit der Person, die diese Bedrohung verursacht hat – seinem Vater. Helmut Kohl blieb ein distanzierter Vater, der die Ängste seines Kindes vor dem Terrorismus und auch die durch ihn in Schule & Co verursachte Ablehnung nicht verstand oder nicht auf sie einging.

„Stand er für vertrauliche Gespräche, wie sie sich wohl jedes Kind mit seinem Vater wünscht, leider nicht zur Verfügung. Er hatte schlicht keine Zeit, seine Prioritäten lagen woanders. Auch an den Wochenenden war er häufig nicht zu Hause, und wenn, dann hing er oft endlos am Telefon fest, oder er beugte stundenlang den Kopf über seine Papiere. Ihn dabei zu stören, war undenkbar für uns Söhne. Kam Besuch, wurden wir kurz vorgestellt und dann meist zum Spielen weggeschickt. Vater und Mutter sprachen viel miteinander, aber fast immer über Dinge, die ich nicht verstand.“

Mut zugesprochen bekam Walter erst 1977 als er im Vorzimmer seines Vaters jemanden trifft, der ihm einen wichtigen Rat gibt, wie er selbst mit der terroristischen Bedrohung umgeht.

„Es ist völlig normal, Angst zu haben. Mut zu beweisen heißt nicht, keine Angst zu haben, sondern sich von seiner Angst nicht unterkriegen zu lassen. Und außerdem besteht nur eine sehr kleine Gefahr, wirklich von Terroristen entführt zu werden. Deshalb habe ich selbst eigentlich gar keine Angst.“

Und wer war es? Ausgerechnet Hans-Martin Schleyer, der wenige Wochen nach diesem für Walter aufmunternden Gespräch entführt und ermordet wird.
Die Sicherheitsmaßnahmen werden nur langsam weniger und im Prinzip ist Walter Kohl erst frei, als er sein Elternhaus verlässt.

Und so beherrschte der Vater immer als große, aber unnahbare Person das Leben des Sohnes, welcher überall von seiner Herkunft verfolgt wurde. Walter Kohl hat es erst nach einer massiven Lebenskrise geschafft, sich aus dem Schatten des Vaters zu lösen, ein eigenes Leben zu beginnen und zu leben und nicht gelebt zu werden. Ihm ist so ein unglaublich intimes Buch gelungen, das gerade diese Selbstfindung reflektiert. Vielen Stellen merkt man dies deutlich an, er spricht sich selbst Mut zu, reflektiert hin und her, schildert eindrücklich seine Gefühle und durch den Akt des Schreibens scheint er sich viele Dinge selbst klar zu machen. Damit ist es ihm gelungen, den entscheidenden Schritt aus dem Schatten des Vaters zu machen. „Leben oder gelebt werden“ ist kein Buch über Helmut Kohl, sondern eins über Walter Kohl. Wer will, kann natürlich auch etwas über den Alt-Bundeskanzler erfahren, aber im Kern geht es um die Auseinandersetzung mit einem schier übermächtigen Vater. Wer das Buch nur auf Anekdoten aus dem Leben des Kanzlers reduziert, tut ihm unrecht. Walter Kohl schafft es aber natürlich trotzdem, ihn treffend zu charakterisieren – gerade weil er sich auf das Private bezieht, weil er seine Charakterzüge genauer kennt und weil die politischen Winkelzüge wegfallen. So gibt er die wohl beste Charakterisierung dessens, was einen konservativen Politiker ausmacht:

„Neues bedroht für ihn vor allem erst einmal bewährte alte Strukturen, insbesondere die zuvor von ihm selst etablierten und sorgfältig ausbalancierten Machtmechanismen. Erst wenn das Neue sich als unschädlich für die eigene Machtstruktur erwiesen hat, kann einer Veränderung zugestimmt werden. Möglicherweise.“

Das Buch liest sich schnell, es bleibt einem aber längere Zeit im Kopf, gerade da es zwei Sachen klar aufzeigt: Zum einen, wie Elitenbildung in einer Gesellschaft funktioniert. Walter Kohls Problem war nämlich nicht nur der berühmte Vater, sondern auch dessen Bestreben, trotz politischer Karriere und Kanzlerschaft ein scheinbar normales Leben zu führen. Damit symbolisiert die Familie Kohl genau die alte Bundesrepublik, hat es ihren Söhnen aber nicht leicht gemacht. Man fragt sich ständig, wie es Walter Kohl ergangen wäre, wenn er statt auf eine normale Schule auf eines dieser feinen Eliteinternate geschickt worden wäre, wo sich auch die Kinder anderer höherstehender Personen versammeln.
Zum anderen zeigt dieses Buch, wie schwer der Schatten eines berühmten und „großen“ Vaters sein kann. Damit reiht sich Walter Kohl in eine lange Reihe von Büchern von Söhnen ein, die sich mit ihren Vätern auseinandersetzen und damit gewaltige Probleme haben. Mich hat das Buch extrem an Kurt Meyers „Geweint wird, wenn der Kopf ab ist“ erinnert, in dem der Autor sich mit seinem als Nazi-Kommandeur berühmt gewordenen Vater auseinandersetzt. Und es erinnert auch an das etwas bizarre, aber lesenswerte Interview des Honecker-Enkels Roberto Yáñez Betancourt y Honecker in der Zeit. Thomas Harlans „Veit“ habe ich noch nicht gelesen, aber die Rezensionen scheinen auf einen ähnlichen Prozess hinzuweisen.

Bonusmaterial:

Die Medienseite von Walter Kohl mit diversen Interviews, Fernsehauftritten etc.

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Ein Kommentar zu Walter Kohl – Leben oder gelebt werden

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