Zur Lage der Archive in Indien

Archivare hierzulande neigen manchmal zu einem gepflegten Pessimismus: Die Finanzierung wird immer weiter zusammengestrichen, die Regale quellen über, die Flut an neuen Dokumenten wächst und wächst, aber die Planstellen sinken, das Papier ist säurehaltig, die klimatischen Bedingungen sind in manchen Gebäuden mies und die Forderung nach einer umfassenden Digitalisierung stört ebenfalls.

Im Vergleich zu anderen Ländern ist die Situation in Deutschland hingegen paradiesisch: Das allgemein lesenswerte India Ink-Blog der New York Times wirft in einem vierteiligen Bericht einen Blick auf die Lage der Archive in Indien. Und die ist geradezu katastrophal. Gelähmt von einer extremen Unterfinanzierung und einer erdrückenden Bürokratie, in die unfähige Beamte abgeschoben werden, verrottet selbst im Nationalarchiv massig Archivgut. In den Archiven auf lokaler Ebene sieht die Situation noch schlechter aus. Dazu kommt ein warmes, teilweise tropisches Klima, Termiten und zum Teil auch Affen in Archivräumen (!). Dazu kommt ein häufig inkompetentes und nicht gerade forscherfreundliches Personal. Und Diebstähle. Ein Archiv besitzt als Feuerschutz nur einige Eimer – die zudem noch mit Müll gefüllt sind.

So ist mittlerweile ein nicht ganz unwesentlicher Teil der indischen Archivgüter verloren oder stark beschädigt:

The damage has been significant. At the National Archives, letters penned by Mohandas K. Gandhi, B.R. Ambedkar, Gopalkrishna Gokhale, and other eminent Indian nationalists have suffered from exposure to humid weather, staff negligence and mishandling, and improper preservation methods. Many government records for the 19th and 20th centuries are untraceable. In the words of one of the most senior historians of Indian political history, S.R. Mehrotra, the National Library of India in Kolkata—India’s equivalent of the Library of Congress—is “a national disgrace.”

Es gibt aber anscheinend auch noch einige Hoffnung und im Gegensatz zu den doch recht zögerlichen deutschen Archivaren nutzen indische die Digitalisierung als Notrettung für ihr Archivgut. Mikrofilme scheint dort keiner zu nutzen. Aber was soll ich hier jetzt lange einen Artikel zusammenfassen? Hier sind die Links:

In India, History Literally Rots Away
Repairing the Damage at India’s National Archives
India’s Archives: How Did Things Get This Bad?
The Parsis, Once India’s Curators, Now Shrug as History Rots

Zum Schluss will ich noch eine vielleicht etwas ketzerische Frage zur Diskussion stellen: Kann es sein, dass der in der Geschichtswissenschaft viel beklagte Eurozentrismus auch mit solchen Forschungsbedingungen zu tun hat? Wenn die Quellen verrottet sind oder “dank” wenig hilfsbereiter Archivare nicht zugänglich, dann kann auch keine ernsthafte Forschung betrieben werden. Und damit wird auch die Integration der indischen Geschichte in eine globale deutlich erschwert. Dies betrifft übrigens nicht nur Indien – gesperrte Archive in Russland oder China verhindern eine effektive Wissenschaft und die Lage vieler Archive etwa in afrikanischen Krisenländern dürfte katastrophal sein. Wie soll man etwa eine Geschichte des Kongos sinnvoll schreiben?

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3 Antworten auf Zur Lage der Archive in Indien

  1. Erbloggtes sagt:

    Der Bericht passt gut zu den gängigen (Vor?)Urteilen über die Quellenlage zur indischen Geschichte: Anders als in Europa, wo selbst im finsteren Mittelalter Urkunden als rechtliche Garantien sorgfältig aufbewahrt (oder zerstörte nachfabriziert) wurden und auch das Reich und die Proto-Nationalstaaten Interesse an (historisch legitimierenden) Archivgütern hatten, sei die politische Lage im vorkolonialen Indien grundsätzlich anders gewesen, so dass Archivalien weniger zur historischen Legitimierung benutzt werden konnten.
    Und dass historische Legitimierung früher wenig Bedeutung hatte, könnte die Ursache für heute (aus europäischer Historiker-Sicht) beklagenswerte Zustände in Archiven sein. Dass hingegen in Europa historische Legitimationsmuster stets so hoch im Kurs standen, erklärt zwar, warum wir die Geschichte und die Quellen auch heute noch so wichtig finden. Es begründet aber nicht (normativ), dass dies so sein müsse. Man kann mit Nietzsche in Europa ja durchaus eine historische Krankheit diagnostizieren.
    Dass Archive in Indien und Afrika den europäischen Ansprüchen nicht genügen, hat also nicht zuletzt damit zu tun, dass es sich dabei um koloniale Ansprüche handelt. Aus der Sicht der Kolonialmächte waren die Kolonien stets defizitär und mussten sich noch weit entwickeln, um den Stand der “Mutter”länder zu erreichen. Aber warum man ihren “Entwicklungsstand” – etwa in archivarischer Hinsicht – überhaupt an europäischen Ansprüchen messen sollte? Damit Indien nicht nur eine britische Verwaltung habe, sondern das Verwaltungsschriftgut auch britisch archiviert werde? Damit Indien auch eine Geschichte im Stil der britischen Geschichte bekomme?
    These: Eine Geschichte des Kongo soll man ganz anders schreiben als eine Geschichte der Landgrafschaft Hessen-Kassel.

  2. admin sagt:

    Die Frage ist aber, wie man ohne Quellen eine “herkömmliche”, vllt. “westliche” Geschichtsschreibung überhaupt betreiben kann. Man kann jetzt vieles über einen “Wissenschaftskolonialismus” schreiben, aber ohne irgendeine Grundlage geht es eben nicht. Sind die Quellen erstmal verloren, kann man keine Geschichte mehr schreiben. Zumindest keine neue, man kann natürlich die alten Interpretationen ohne das Vetorecht der Quellen fortschreiben.

  3. Erbloggtes sagt:

    Es liegen ja nicht alle Quellen in Archiven. Neben verrotteten Quellen gibt es ganze Quellengattungen, die sich noch nie in Archiven fanden.
    Ich will natürlich nicht sagen, man sollte die Quellen bitteschön der Vernichtung anheim fallen lassen. Aber dass für indische Archive die selben Archivnormen gelten sollten wie für deutsche, das scheint mir nicht gut begründbar.

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