Helmut Kohl

Helmut Kohl, Birne, der Kanzler der Einheit, der korrupte Patriarch mit verdächtigen Gedächtnislücken, der große alte Mann der CDU steht momentan nach Jahren in der Versenkung wieder im Rampenlicht. 30 Jahre ist es her, dass die FDP ihn zum Kanzler machte und Helmut Schmidt absägte. 16 Jahre Kohl folgten. Anfangs eher beschwerlich und unter ständiger, hämischer Kritik der Medien, die zu gerne auf den manchmal recht unbeholfen wirkenden Mann aus Oggersheim einschlugen. Im Zusammenhang mit dieser Zeit wird häufig der Begriff der „Bleiernen Jahre“ verwendet. Linke befürchteten ein konservatives Rollback (Stichwort: Geistig-moralische Wende), die Wirtschaft brummt nicht mehr so und nicht nur im Ruhrpott schlägt der Strukturwandel voll zu. Nicht nur der Wald stirbt, auch vorhandene Utopien gehen endgültig verloren. Und 1986 fegt auch noch der radioaktive Fallout von Tschernobyl über die Bundesrepublik, in der sich zu allem Überfluss auch noch zwei hochgerüstete Weltmächte bis an die Zähne bewaffnet gegenüberstehen.

Kohl ist in dieser Zeit Machtmensch, baut auf seine Partei als Basis und einen loyalen Kreis von Politikern. Er schafft es, Strauß in Bayern zu behalten, die FDP sich wieder regenerieren zu lassen, aber ein wirklich „großer“ Kanzler war er in der 1. Hälfte seiner Regierungszeit nicht.

Dann aber die Wende: Nicht nur für Honecker & Co kommt die Revolution in der DDR völlig überraschend, auch Westdeutschland rechnet nicht damit. Eine meiner Lieblingssendungen aus dieser Zeit ist die Tagesschau von 9. November 1989, 20 Uhr. Zuerst wird über die Ankündigung der Grenzöffnung berichtet, dann folgt ein langer Bericht über die just an diesem Tag vom Bundestag beschlossene große Rentenreform, die nur weniger Stunden später schon wieder Makulatur ist. Kohl ergreift die Gelegenheit und setzt ganz schnell auf eine Wiedervereinigung Deutschlands. Das ist nicht selbstverständlich – es gab auch andere Stimmen, die gerne zwei deutsche Staaten behalten hätten oder wenigstens ein langsameres Tempo der Einheit erwünscht hätten. Kohl spielte sie an die Wand, überzeugte die internationalen Regierungschefs von Gorbatschow über Bush zu Thatcher und setzte auf die deutsche Einigung auch noch den Versuch der europäischen Einigung. Und gerade dieses Lebenswerk droht ihm gerade zu zerbrechen, ohne dass er noch ins Geschehen eingreifen kann: Im Rückblick zeigt sich, wie chaotisch die deutsche Einheit gemanagt wurde. Es wird spannend, was passiert, wenn die Treuhand-Akten freigegeben werden. Und auch in Europa wurde klar gepfuscht: In Brüssel entstand eine gigantische, undemokratische Verwaltungsbürokratie, die von den Bürgern mit Leidenschaft gehasst wird. Und der Euro steckt in einer tiefen Krise, die auch auf die von Kohl verhandelten Grundlagen zurückgehen. Wieso gibt es etwa keine Pläne, wie ein Land aus ihm aussteigen kann? Wer hat Griechenland trotz schon damals klarer Finanzmauscheleien überhaupt in die Eurozone gelassen? Die Regierung Kohl trägt daran eine Mitschuld. Noch ist die Kritik daran verhalten, aber die Geschichte des Euros ist auch noch nicht geschrieben.

Und dann folgen auf den großen Triumph und zwei weiteren gewonnenen Wahlen anderthalb Jahrzehnte der Demütigungen und Niederlagen für Kohl: Zuerst die Wahlniederlage 1998 gegen Gerhard Schröder und der Vorwurf, dass er es verpasst habe, zur passenden Zeit die Macht aus den Händen zu geben. Dann die CDU-Spendenaffäre, die jetzt hartnäckig an ihm klebt. Die alten Mitstreiter und die von ihm geförderten Politiker, die gegen den Patriarchen bissen und ihn absägten, um selbst voranzukommen. Sein Unwille, die Namen der Spender zu nennen. Das politische Abseits, der Quasi-Rauswurf nach Jahrzehnten in der Politik und vor allem der CDU, die sein Leben war. Im Radio lief die Comedy-Sendung „Don Kohleone“. Private Schicksalsschläge folgten: Hannelore Kohl begeht 2001 Selbstmord. Nicht aufgrund einer Lichtallergie, wie es lange Zeit hieß, sondern wohl wegen einer ausgeprägten Depression. Helmut Kohl ist unfähig seiner Frau zu helfen, im zwischenmenschlichen Bereich fehlen ihm oft die Worte. Er zerstritt sich mit seinen Söhnen, von denen einer in einem sehr persönlichen Buch über seine Kindheit im Schatten der Politik und die fehlende Empathie seines Vaters schrieb. Ein Vertrauensbruch, der schmerzt.

Er heiratet noch einmal und seine Gesundheit spielt nicht mehr so mit. 2008 stürzt er, erleidet höchstwahrscheinlich einen Schlaganfall. Das Sprechen fällt ihm schwer. Ihm, der zeit seines Lebens immer viel geredet hat. Er ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Und der Kampf um ihn ist jetzt endgültig in der Öffentlichkeit angekommen: Ältere Mitstreiter werden seiner neuen Frau unverhohlen vor, den Zugang zu ihm zu kontrollieren, ihn zu isolieren, ihn sogar gefangen zu halten. Wer mehr über diesen Rosenkrieg wissen will, soll den aktuellen Spiegel-Titel lesen, manchmal sollte man die Klatschthemen den Printmedien überlassen.

Und was ist jetzt das Fazit der 16 Jahre Kohl? Wie bewertet man sie? Ist er der große Kanzler, der Deutschland wiedervereinigte und Europa zusammenbrachte? Der gefeierte Kanzler der Einheit? Oder zeigt sich jetzt in der Rückschau, dass seine Politik vielleicht zu wenig solide war? Die deutsche Einheit wurde schnell und bestimmt, aber auch mit gewaltigen handwerklichen Fehlern durchgezogen. Die Skandale um die Treuhand, die Deindustrialisierung Ostdeutschlands und die darauf folgende massenhafte Abwanderung der Bevölkerung wirft einen Schatten auf den Kanzler. Oder der Euro: Ist die gemeinsame Währung die Basis für ein geeintes Europa? Oder haben Helmut Kohl und seine Regierung die Euro-Verträge schlampig verhandelt und blauäugig gehandelt? Immerhin muss irgendwer Griechenland und die anderen Krisenstaaten in die Eurozone gelassen haben – und der Kanzler dabei war immer Helmut Kohl. Hat er uns die 16 Jahre vor brutaler neoliberaler Politik bewahrt, wie sie Reagan und Thatcher betrieben bis dann Schröder kam? Oder hat er die notwendigen Reformen einfach nur verzögert, um keine Wähler zu verprellen, ein Schicksal, das dann seinen Nachfolger traf? Die Kanzlerschaft Kohls war vielleicht zu lang, um sie einfach so bewerten zu können. Die Historiografie steht hier gerade erst am Anfang (Lesetipp: Andreas Wirsching: Geschichte der Bundesrepublik) Es fehlen noch zahlreiche Detailstudien, die klären müssen, wo Kohl Akteur war, wo er nur auf große außen- und wirtschaftspolitische Trends reagieren konnte und so weiter.

Kohl hat allerdings noch ein anderes Problem: Während sein Vorgänger Helmut Schmidt jedes Jahr gefühlte 27 Bücher und 64 Artikel in der ZEIT verfasst und fleißig von Talkshow zu Talkshow reist, kann Helmut Kohl nur selten in der Öffentlichkeit auftreten. Der andere Altkanzler übernimmt die große Rolle als Elder Statesman und moralische Autorität, ist überall präsent und erstaunlich beliebt. Kohl nicht.

Wir können also zwei Interpretationen Kohls schreiben: zum einen die des visionären Einigers, der Deutschland und Europa einigte. Oder die des tragisch Gescheiterten, dessen Vision noch zu Lebzeiten zusammenbrach und der auch zwischenmenschlich versagte. Die Zukunft des Euros wird wohl entscheiden, welche Interpretation sich durchsetzt – die Tragik Helmut Kohls ist, dass er nur noch von der Seitenlinie zuschauen kann.

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4 Kommentare zu Helmut Kohl

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