Liebe Archivare,

wenn man sich mit einigen von euch über Digitalisierung unterhält oder den Fachdiskurs im Internet verfolgt, dann stößt man immer wieder auf große Skepsis. Alles sei noch neu und unerprobt und man wisse ja überhaupt nicht, ob die Daten in 10, 20 oder 30 Jahren überhaupt noch lesbar seien. Wirklich?

Ich habe am Wochenende bei mir in der Wohnung einige alte Datenträger gefunden und da wird es mal Zeit, zu schauen, wie es mit der Lesbarkeit aussieht. Als Untersuchungsobjekt dienen:

  • Eine alte 3,5″ Diskette mit alten Spielständen des großartigen Sim City 2000, ca. 1996
  • Ein Rohling, auf der u.a. eine digitale Version des Debütalbums von Britney Spears enthalten ist, ca. 1999
  • Eas alte Computerspiel Elite 2: Frontier, erschienen 1993, Datenträger müsste von 1996 sein

Die Diskette mit den damals erstellten Sim City 2000-Städten lässt sich in dem aus irgendeinem mir völlig unerfindlichen Grund in meinem Rechner enthaltenen Diskettenlaufwerk noch lesen und die Spielstände landen so auf meiner Festplatte. Die Originaldisketten für das Spiel liegen irgendwo bei meinen Eltern auf dem Dachboden, es ist aber auch recht problemlos im Internet zu finden, läuft aber unter einem aktuellen Windows natürlich nicht. Abhilfe schafft hier entweder der kommerzielle Anbieter „Good Old Games“, der das Spiel direkt in einer unter Windows 7 lauffähigen Variante anbietet oder die gute alte DosBox, eine Software, die MS-DOS emuliert. Damit gelingt es ohne größere Umstände das Spiel zum Laufen zu bringen und die Städte zu laden.

Der Rohling wirkt hingegen schon etwas lädiert, weißt einige Kratzer und einen dunklen Fleck auf, lässt sich aber auch noch auslesen. Nach kurzer Zeit dröhnt hier Britney Spears Debütalbum „Hit me baby one more time“ als MP3-Datei in hochauflösenden 64kb/s aus den Lautsprechern. Die Daten laufen, auch wenn ein Dateiverlust hier jetzt vielleicht zu begrüßen gewesen wäre.

Bei Elite 2: Frontier zeigt sich das gleiche wie bei Sim City 2000 – DosBox erledigt den Job völlig normal und die ordentlich gepresste CD-Rom, die auch in einer ordentlichen Hülle gelagert wurde, zeigt im Gegensatz zum Billig-Rohling keinerlei Verfallserscheinungen. Das Experiment endet damit, dass ich die nächsten zwei Stunden damit verbringe, mal wieder den Weltraum zu erkunden und nach der Diskette mit den Spielständen von damals zu suchen.

Bislang ist es also kein Problem, die 14-17 Jahre alten Daten auch auf einem aktuellen Rechner zu verwenden. Ältere Datenträger liegen hier nicht herum, der Commodore 64 müsste ebenfalls bei den Eltern irgendwo stehen. Aber schauen wir doch mal ins Internet und gucken, ob wir Dokumente aus noch älteren Zeiten öffenen können. Die ältesten Computer mit Massenverbreitung waren Apple II, Commodore PET, 64 und Amiga, diverse Ataris und dann die IBM-Kompatiblen. Für alle diese Rechner findet man schnell diverse Emulatoren, welche sie fast perfekt emulieren. Schaut man in die (nicht wirklich legalen) Softwarearchive, dann findet man nicht nur fast alle damaligen Spiele, sondern auch diverse Anwendungsprogramme. Wer also Daten hat, die auf dem Commodore 64 mit PageFox aus dem Jahre 1987 geschrieben wurden oder VisiCalc-Daten vom Apple II von 1983, der kann diese auch heute noch öffnen. Auch die Windows-Welt wird abgedeckt – mit den handelsüblichen Virtual Machines wie VMWare oder Parallels kann man auch ältere Versionen der Windows-Betriebssysteme problemlos auf halbwegs aktuellen Rechnern laufen lassen.

Dies gilt auch für Bilder und Fotos – der JPEG-Standard stammt von 1992 und BMP von 1990. Beide Formate kann immer noch jedes Grafikprogramm lesen. Auch das erste, jemals ins Internet hochgeladene Foto aus dem Jahr 1992 zeigt jeder handelsübliche Browser problemlos an. Alles andere wäre ja auch vollkommen irrsinnig, da mehrere Billiarden JPEG-Bilder durch’s Internet geistern und der Standard gut dokumentiert ist. Solange es Computer oder computerähnliche Geräte gibt, wird man JPEGs anzeigen können.

Ja, digitale Langzeitarchivierung hat ihre Probleme. Ich weiß, Archive haben kein Geld für Digitalisierung. Ja, Mikrofilme sind auch ohne Computer und damit auch nach dem globalen thermonuklearen Krieg oder dem Weltuntergang kommenden Freitag lesbar. Ja, Datenträger können verrotten. Wir brauchen eine brauchbare Strategie, wie wir unser kulturelles Erbe erhalten, das analoge wie das digitale. Aber bitte, liebe Archivare, erzählt mir nicht, dass ein Scan, den ihr jetzt von einer Archivalie anfertigt, in 10, 20 oder 30 Jahren nicht mehr lesbar sein wird. Wenn er das nicht ist, dann habt ihr einiges falsch gemacht.

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4 Kommentare zu Liebe Archivare,

  1. RT @MschFr: Gebloggt: Liebe Archivare… http://t.co/zMAnGaJ2 #digitalisierung #archiv #langzeitarchivierung

  2. Kai Naumann sagt:

    Lieber Herr Schmalenstroer,
    im Namen der Angesprochenen: Stellen Sie sich mal vor, Sie sind nächste Woche nicht mehr auf dieser Welt. Und es geht nicht um irgendwelche Spiele, sondern um Ihre eigenen Aufzeichnungen, z.B. hier im Blog oder auf Ihrem Laptop. Wer sagt uns Archivaren, wie Ihr Passwort hieß, wo Sie ihre Backups haben, wo wir den letzten Entwurf Ihrer Diss finden?
    Sie haben ja Recht: das Risiko des Signalverlusts ist wirklich geringer also oft dargestellt. Das Risiko des Bedeutungsverlusts ist aber bei digitalen Unterlagen in der Größenordnung von 100 größer, als wenn Sie nur Papier hinterlassen hätten. Und darum sehen Sie uns bitte nach, wenn wir mal aus professioneller Leidenschaft, und um in der Presse Gehör zu finden, die Situation an der einen oder anderen Ecke etwas dramatisieren. Oder Sie werden gleich selbst Archivar, würde uns freuen 🙂
    Ihr Kai Naumann

  3. admin sagt:

    Ich bin da ehrlich – wenn ich morgen das zeitliche segne, dann werden meine Nachlassverwalter enorme Probleme haben, an meine digitalen Daten zu kommen. Schon alleine, weil wirklich wichtige Daten natürlich verschlüsselt sind und das Passwort nicht am Monitor klebt. Von der Ordnung auf meiner Festplatte will ich gar nicht sprechen, da müsste ich dringend mal aufräumen…
    Ich gehe aber mal davon aus, dass ein herkömmliches Archiv eben Verwaltungsdaten bekommt und keine chaotischen Privatdaten. Die wohl eher im Rahmen von Nachlässen, da würde mich das Vorgehen in der Archivpraxis durchaus interessieren, wenn etwa der Laptop des lokalen Ex-Bürgermeisters als Nachlass auftaucht. Die Verwaltungsdaten sollten aber im Idealfall doch geordnet sein, nicht auf Disketten ankommen und am besten auch nicht als TrueCrypt ohne Passwort abgeliefert werden. Gut, ich will eigentlich gar nicht so genau wissen, was da alles ankommt 😉

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