Christian Lindner und die Chilling Effects

Vor einer Weile bloggte ich über die hohe Kunst der Wikipedia-Manipulation. In dem Artikel versammelte ich drei aktuelle Fälle, in denen jemand versuchte, die Wikipedia in seinem Sinne zu editieren. Nun lese ich auf Heise, dass in einem der von mir beschriebenen Fälle der Protagonist per Anwalt fleißig dabei ist, die Berichte aus dem Internet zu klagen. Ich hatte mich beim Verfassen des Artikels auf drei Quellen verlassen: Zum einen die Berichterstattung in der Wirtschaftswoche, zum anderen die entsprechenden Diskussionen in der Wikipedia und drittens die Wikipedia-Edits selbst. Entsprechend sicher bin ich mir, was die Vorwürfe betrifft. Die Begründung der Anwälte ist dabei auch wenig überzeugend:

Zwei Site-Betreiber haben unabhängig voneinander bei der Wirtschaftswoche angefragt, um welche falschen Tatsachenbehauptungen in dem gelöschten Artikel es sich handle. Beide erhielten ihren Angaben zufolge die Auskunft, dass es hauptsächlich um die Menge der Änderungen am Lindner-Wikipedia-Eintrag im Jahr 2012 gegangen sei: Während die Wirtschaftswoche von 500 Änderungen schrieb, seien es tatsächlich weniger als 400 gewesen.

Ich habe allerdings auch keinerlei Lust auf eine gerichtliche Auseinandersetzung oder eine Abmahnung durch den FDP-Politiker Lindner. Hier setzen die Chilling Effects und die Schere im Kopf ein. Bislang hat sich die entsprechende Kanzlei bei mir (noch?) nicht gemeldet, im Zweifelsfall kämpfen wir aber mit ungleichen Waffen: Auf der einen Seite ich als kleiner Blogger, auf der anderen Seite ein gut verdienender MdL mit viel Finanzierung. Selbst wenn ich mich am Ende durchsetzen würde, ich hätte doch einige Nächte schlecht geschlafen.

Aus diesem Grund habe ich den entsprechenden Absatz aus dem Artikel mit schweren Herzen entfernt. Die Informationen sind natürlich noch im Internet: Wer sich über das Thema informieren will, darf sich direkt beim Corpus Delicti informieren: Der Wikipedia-Artikel und die entsprechende Diskussion versammeln Informationen. Archive.org hat einen Mirror des Artikels. Die Edits sind natürlich immer noch in der Versionsgeschichte des Artikels nachweisbar. Und nicht zuletzt darf man sich gerne über zwei Dinge Gedanken machen: Zum einen den Tatbestand, der erst die Edits in der Wikipedia auslöste und zum anderen die Frage, ob eine Partei, die derartiges Verhalten von Funktionsträgern akzeptiert, im September wählbar ist.

Ich stelle mir hingegen gerade die Frage, ob es nicht doch sinnvoller sein kann, anonym zu bloggen. Wenn man einfach keinen Namen angibt und das Blog in den USA hostet, hat man einfach mehr Freiheit und muss sich nicht mit so etwas herumschlagen.

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2 Kommentare zu Christian Lindner und die Chilling Effects

  1. Till sagt:

    Hmm. Ich habe, nachdem es mich nicht betrifft, gut reden – aber muss das sein?

    1. Ich habe die Passage nicht in Erinnerung, aber ist nicht bei einer anderen Quellen zugeschriebenen Tatsachenbehauptung das Schlimmste, was passieren kann, dass C.L. eine Gegendarstellung einfordern kann (wir haben in DE ja kein britisches Verunglimpfungspresserecht (libel).

    2. Du bist gar kein ganz kleiner Blogger (die Abrufe pro Tag, die du neulichs gepostet hast, fand ich jedenfalls eindrucksvoll). Meine Einschätzung: das Netz würde in deinem Fall das Geld für ein Gerichtsverfahren finden.

    3. Wie würdest du damit umgehen, wenn es kein Blogeintrag, sondern ein zeitgeschichtlicher Text wäre? Auch rausschneiden?

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