Planungsstopp für das neue Kölner Stadtarchiv

Es ist ein wahrer Schildbürgerstreich: Zuerst baut der Kölner Klüngel eine U-Bahn, die teurer ist als Stuttgart 21 und der BER zusammen. Beim Bau wird kräftig gepfuscht, so dass das Stadtarchiv einstürzt und unzählige historisch wertvolle Dokumente vernichtet werden. Dann ist der Katzenjammer groß und man verspricht, in Zukunft alles besser zu machen. Das vorher unterfinanzierte Archiv soll ein Vorzeigeprojekt werden und damit der angerichtete Schaden wieder gut gemacht werden. Die Archivalien sollen aufwändig restauriert werden, mehr Stellen geschaffen und vor allem soll ein schicker, toller Neubau entstehen. Die Geschichte des Archiveinsturzes hätte so ein gutes Ende nehmen können.

Aber es ist gekommen, wie es zu befürchten war: Ein paar Jahre später, jetzt wo die Aufmerksamkeit weg ist, werden die großen Versprechungen klammheimlich zurückgenommen. Wie Archivalia berichtet, gibt es nun sogar einen Planungsstopp für den Neubau. Die Begründung dafür ist denkbar lächerlich: Angeblich wird ein größerer Bau nicht benötigt, da ja ein größerer Teil der Nutzer online auf die Bestände zugreifen würde und daher weniger Kapazitäten benötigt würden.

„Aber der Trend zur Recherche am eigenen Computer und auch die spärliche Kundschaft im behelfsmäßigen Lesesaal am Heumarkt sprächen dafür, die kostspielige Planung eines Bürgerarchivs zu hinterfragen.“

Was soll man dazu sagen? Zum einen dürften die Besucherzahlen des Stadtarchives geschrumpft sein, weil es bekanntlich eingestürzt ist. Ein kaputtes Archiv, dessen Bestände zum größeren Teil nicht zugänglich sind, wird immer Probleme mit niedrigen Besucherzahlen haben. Ein Kino, welches aufgrund eines Projektorschadens keine Filme zeigen kann, wird auch keine Besucherrekorde aufstellen.

Das zeigt ein fehlendes Verständis der Vorteile des Internets und der Bedeutung von Besucherzahlen. Natürlich senkt etwa ein Online-Findbuch die Zahl der Besucher im Lesesaal. Und das ist auch gut so – immerhin muss man nicht extra nach Köln fahren, um dort festzustellen, dass dort nichts Relevantes vorhanden ist. Und natürlich erspart auch jedes Digitalisat den Weg ins Archiv – das ist benutzerfreundlich. Wer das als Begründung für Kürzungen nimmt, erweist der Digitalisierung einen Bärendienst. Dann ist Nutzerfeindlichkeit der beste Selbstschutz für Archive vor sparwütigen Kommunalpolitikern. Das wollen wir sicher nicht.

Mittlerweile gibt es eine Petition gegen den Planungsstopp, die man unterzeichnen sollte:

Es ist skandalös, dass wichtige Politiker im Kölner Stadtrat damit beginnen, Bedeutung und Folgen des Archiveinsturzes vom 3. März 2009 zu missachten. Neuerdings wird der Wiederaufbau des Historischen Archivs der Stadt Köln in der geplanten Form in Frage gestellt, Sogar der Standort des Neubaus wird in Frage gestellt. Warum soll ein neuer Standort gefunden werden? Der Standort ist ideal. Eines der wertvollsten Gebäude der Stadt wird in den inneren Grüngürtel aufgenommen. Dort besteht übrigens auch die Möglichkeit einer Erweiterung. Diese Möglichkeit besteht nicht, wenn das neue Archiv in eine Häuserzeile integriert wird, weshalb eine Erweiterung am Waidmarkt ja auch nicht möglich war. Warum soll also ein neuer Standort gefunden werden?
Mit dieser Diskussion sendet die Stadt ein verheerendes Signal an alle, die sich um die Wiederherstellung des Archivs bemüht haben und weiterhin bemühen. Kölns Bild ist schon geschädigt, nun droht die nächste Blamage.

Was vor knapp zwei Jahren – als der Neubauentwurf in einem Wettbewerb gekürt wurde – noch vollmundig erklärt wurde, soll nun nicht mehr gelten: Der Neubau sei ein wichtiger Schritt zur „Wiedergutmachung“, hieß es noch im Juni 2011, und Oberbürgermeister Jürgen Roters sagte damals: „Die Stadt Köln hat es sich zum Ziel gesetzt, das sicherste und modernste Archiv Europas zu errichten. Diesen Anspruch haben wir an die Architekten gestellt, und ich bin zuversichtlich, dass wir dies jetzt auch erreichen werden.“ Nun plädieren Sprecher der Stadtratsfraktionen, die auch in der Wettbewerbsjury vertreten waren, für „mehr Sachlichkeit“ und wollen „die kostspielige Planung eines Bürgerarchivs hinterfragen“, wie in den Kölner Medien berichtet wird.

Dieser Ruf nach mehr „Sachlichkeit“ ist eine Zumutung für alle, diejenigen, die bald nach dem Einsturz ehrenamtlich oder auf dem Wege der Amtshilfe die ersten Maßnahmen der Archivgutbergung mit unterstützt haben. Er ist ein Schlag ins Gesicht aller, die dem Kölner Archivgut seither, meist ohne Kosten zu berechnen Asyl, gewährt haben und noch oft genug bis an die Grenze der Belastungsfähigkeit Asyl gewähren. Vertrauen ist verloren gegangen und kann nur durch überzeugende Handlungen wieder gewonnen werden.

Wir appellieren nun an die Mitglieder des Stadtrates, die Bedeutung der Wiederherstellung des Stadtarchivs als Bürgerarchiv dauerhaft anzuerkennen und den verhängten Planungsstopp zurückzunehmen.
Das viel beschworene Kölner „Stadtgedächtnis“, ein europaweit bedeutendes Kulturgut, wird noch lange unter dem Einsturz zu leiden haben; die Restaurierung der Objekte wird noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Noch ist ungesichert, wie diese Arbeiten finanziert werden können. In dieser Situation wäre ein Rückzug des Stadtrates verheerend.
Den Neubau des Stadtarchivs – einschließlich der städtischen Kunst- und Museumsbibliothek und des Rheinischen Bildarchivs – zügig fertig zustellen ist das absolute Minimum.

Begründung:

Denn eine neue Planung, ein neuer Entwurf oder sogar ein neuer Standort müssen erst einmal finanziert werden. Und selbst wenn sich eine abgespeckte Lösung finden ließe: Eine neue Planung würde mit großer Sicherheit dafür sorgen, dass der angepeilte Eröffnungstermin Ende 2017 nicht zu halten sein wird. Das wiederum verursacht zusätzliche Kosten für die Lagerung der 23 Regalkilometer Archivgut, das momentan in 14 Asylarchiven untergebracht ist. Die Verträge mit den Asylarchiven enden spätestens 2016, danach würde eine Lagerung nach aktuellen Schätzungen des Stadtarchivs bis zu sechs Millionen Euro jährlich kosten.
Zudem kann die Restaurierung der beschädigten Archivalien erst erfolgen, wenn die Güter wieder zurück in Köln sind.
Schließlich benötigt die Etablierung des Historischen Archivs der Stadt Köln als Bürgerarchiv zeitnah einen Raum für die nicht nur wissenschaftliche Nutzung der Archivalien, für Veranstaltungen im Rahmen der historischen Bildungsarbeit und der Archivpädagogik, für die weitere Öffnung des Archivs zur Stadtgesellschaft hin..”

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7 Kommentare zu Planungsstopp für das neue Kölner Stadtarchiv

  1. Margret Ott sagt:

    Endlich mal einer der die Sache auf den Punkt bringt. Danke! Btw: Ich kenne das nur als Kölscher Klüngel 😉 http://www1.wdr.de/themen/panorama/dom130.html

  2. @colognella sagt:

    RT @MschFr: Gebloggt: Planungsstopp für das neue Kölner Stadtarchiv http://t.co/LjjGVpbvEn

  3. RT @mschfr: Gestern gebloggt: Planungsstopp für das neue Kölner Stadtarchiv http://t.co/lYM39e22Cf

  4. Hintergrund zum Planungsstop beim Neubau des Kölner Stadtarchivs bei @MschFr – http://t.co/jDTCoYxnlU

  5. Pingback: Mit der Bitte um kurze Aufmerksamkeit | Leben im 21. Jahrhundert

  6. Pingback: Netzfunde der letzten Tage (18.4.-21.4.) | "Nächstens mehr."

  7. @jtheibault sagt:

    Background on Cologne archives story (in German) from @MschFr http://t.co/c1G1Edpa1b A petition to stop the transfer https://t.co/N4iiJXhlTG

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