Leben mit der Drossel

Dieser Beitrag ist etwas älter und lag eine Weile unveröffentlicht auf meiner Festplatte. Aufgrund der Ankündigungen von Congstar und Vodafone, dass sie wie die Telekom ihre DSL-Anschlüsse nach einer bestimmten Datenmenge drosseln wollen, ist er leider wieder aktuell.

Manchmal ist es so: Der Nachbar, dessen WLAN man mitbenutzen konnte, zieht aus, man selbst weiß auch, dass man nicht mehr lange in der Wohnung bleiben wird und daher lohnt sich ein eigener DSL-Anschluss nicht mehr. Und die neuen Nachbarn sind Senioren, die tragischerweise das Internet nicht nutzen. Mir ist das letztens passiert.

Als Ausweg bot sich ein UMTS-Stick von Aldi Talk an – und dieser Weg führt direkt in die Hölle der Drosselungen. Die Tarifstruktur sieht vor, dass die „Monatsflatrate“ für 14,99€ einem satte 5GB Traffic zugesteht. Danach greift die Drosselung. Als Alternative bietet der Discounter eine 24 Stunden-„Flat“ für 1,99€ an. Diese bietet immerhin 1 GB pro Tag an, so dass man zum Schäppchenpreis von 60€ im Monat immerhin 30GB durch den Äther jagen darf. Zur Ehrenrettung von Aldi Talk muss man allerdings sagen, dass sie ihre Drosselung normalerweise nicht direkt bei Erreichen des Trafficlimits drosseln, sondern deutlich später. Gerade mit der Tagesflat kann man durchaus mehrere Gigabyte übertragen und wird trotzdem nicht gebremst.

Als Alternative für die Wochenenden, an denen ich versäumt hatte, einen Prepaid-Aufladecode zu kaufen, bot es sich an, das im O2-Netz funkende Smartphone zu tethern und dann nach 100 MB ebenfalls auf die wunderbare Geschwindigkeit von 64kbit/s gedrosselt zu werden.

Wie ist das Internet im Drosselmodus? Mit diesen Geschwindigkeiten ist es nicht nur unglaublich langsam, sondern größere Teile funktionieren schlicht und einfach nicht mehr. Dienste, welche größere Datenmengen verbrauchen, wie etwa YouTube, Skype, Musikstreaming, Onlinegaming, die Dropbox oder sonstiger Cloudstorage verbieten sich von selbst. Die Schere im Kopf surft immer mit, da die Drosselung droht. Man überlegt es sich genau, ob man den verbleibenden Traffic für ein Video benutzt oder das Video nicht schaut, dafür aber den Rest der Zeit vernünftig im Web surfen kann.

Wirklich erstaunlich ist aber, dass diverse Dienste schlicht und einfach nicht auf diese langsamen Geschwindigkeiten ausgelegt sind. Natürlich kauft man sich dann nicht bei Steam Spiele, die 20GB oder mehr groß sind. Überraschend war aber vielmehr, dass die Spieleplattform sich weigert, bei einer gedrosselten Verbindung überhaupt zu starten. Sie überträgt anscheinend beim Start einiges an Daten an Valves Server – und der Timeout ist so konfiguriert, dass ein Login schlicht und einfach nicht möglich ist. Der Offline-Modus verschafft hier etwas Abhilfe, die integrierten Features wie Chat, Spielzeitberechnung und so weiter sind dort allerdings nicht verfügbar.

Ähnliches gilt für diverse Webseiten – einige laden halbwegs schnell, andere lassen sich gar nicht erst aufrufen. Sie laden sich nicht nur langsam, sondern laden sich einfach gar nicht. Um dies auszuprobieren habe ich einfach mal ein paar Seiten aufgerufen und bin dann einkaufen gegangen – es ist nicht so, dass sie sich mit gewaltiger Verzögerung laden, sondern sie laden einfach gar nicht. Facebook und Twitter funktionieren etwa, Google+ lädt nicht. Dies gilt unter anderem auch für einige der großen Nachrichtenseiten. Populistisch formuliert: Wer per UMTS-Stick surft, kann sich nicht umfassend informieren und wird nach 5GB in seinem Recht auf Information ausgeschlossen.

Dazu kommt, dass das Internet ein kastriertes, beschnittenes ist. So funktioniert etwa Gmail nicht im normalen Modus, sondern nur im Modus für langsame Verbindungen und hat einen geringeren Funktionsumfang. Wer chatten oder die schicken, neuen Features benutzen will: Pech gehabt.

Wie Satre es so schön formuliert hat: Die Hölle, das sind die anderen. Wenn man eine dermaßen langsame Verbindung besitzt und der Rest ungebremstes Breitband, dann stößt man schnell auf Probleme. So ist es etwa durchaus üblich, riesige Anhänge per Mail zu verschicken. 10MB laden dann erstmal eine Weile. Normalerweise freut man sich, wenn einem jemand Fotos schickt, jetzt kommt Frust auf. Leute ärgern sich, wenn man die zugeschickten YouTube-Links nicht anschaut. An Google Hangouts kann man nicht teilnehmen, weil sich das gesamte Netzwerk nicht lädt und Videochats eh unmöglich sind. Auch Onlinegaming mit Freunden wird unmöglich, nicht nur, weil Steam nicht lädt, sondern auch weil der Ping jenseits von gut und böse ist. Höhere dreistellige Pingzahlen machen definitiv keinen Spaß. Das Internet wird durch geringere Bandbreite definitiv unsozialer – jeder darf sich überlegen, wie er das Netz nutzen würde, wenn es etwa 5 Minuten dauern würde, um ein Foto hochzuladen und dadurch die gesamte Bandbreite blockiert wird.

Die 384 Kbit/s bzw. neuerdinge 2 Mbit/s, welche die Telekom ihren gedrosselten Nutzern androht, sind natürlich deutlich schneller als die gedrosselten Mobilfunkverbindungen. Es ist aber abzusehen, dass bis zum Jahr 2016, in dem die Telekom die Drosselung umsetzen will, die Entwicklung des Internets rasant weitergeht. Bis dahin werden viele weitere Webseiten darauf bauen, dass ihre Nutzer noch höhere Bandbreiten besitzen. Dabei spielt der deutsche Markt häufig eine geringe Rolle – die Impulse kommen meistens aus dem Ausland und selbst wenn wir hier alle immer noch mit 56K-Modems online gehen würden, YouTube, Dropbox, Spotify & Co gäbe es trotzdem.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass gedrosselte Internetverbindungen nicht nur keinen Spaß machen, sondern dass sie wirklich funktional kaputt sind. Der Trafficcounter surft immer im Hinterkopf mit und viele Dienste lassen sich darüber nicht nur sehr langsam nutzen, sondern gar nicht. Ebenfalls lassen sich datenintensive, neue Internetanwendungen nicht sinnvoll nutzen.

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5 Kommentare zu Leben mit der Drossel

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