Bayern stoppt historisch-kritische Ausgabe von Mein Kampf

Die Querelen um eine kritische Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“ gehen in eine weitere Runde. Was bisher geschah:

1) Adolf Hitler schreibt im Gefängnis nach seinem Putschversuch in München das Buch und wird später Diktator. Mein Kampf wird als das zentrale Buch des Nationalsozialismus gehypt und etwa an Paare bei der Eheschließung verteilt.

2) Er begeht Selbstmord ohne direkte Erben zu hinterlassen. Die Urheberrechte werden daher von den Alliierten an den Bayrischen Staat übertragen, da dies sein letzter offizieller Wohnort war.

3) Der bayrische Staat nutzt in den folgenden Jahren das Urheberrecht, um die Verbreitung des Werkes zu verhindern. In der Folge werden Neuauflagen international mit juristischen Mitteln verhindert. In letzter Zeit und v.a. im Internet wird das immer schwieriger.

4) Dummerweise laufen die Urheberrechts am 1. Januar 2016 ab und danach ist Hitlers Machwerk gemeinfrei. Die alte Strategie funktioniert also nicht mehr. Jeder darf dann das Buch nachdrucken.

5) Daher wurde nach langen Streitigkeiten eine historisch-kritische Ausgabe des Buches vom IfZ in Angriff genommen. Der Freistaat Bayern hat dies mit einer halben Millionen Euro gefördert.

Doch die bayrische Regierung rudert nun zurück. Projekt gestoppt.:

Das Buch sei volksverhetzend. Wenn Verlage das Buch in Zukunft veröffentlichen wollten, werde die Staatsregierung Strafanzeige stellen.

Das ist schlicht und einfach das falsche Vorgehen. Das Buch ist, wenn man etwas sucht, überall verfügbar. Jede UB hat es, es ist antiquarisch erhältlich, im Ausland wird es fleißig nachgedruckt und wenn man mit Google sucht, bekommt man gleich bei Suchtreffer 3 einen Volltext inkl. Download angeboten. Mit der Strategie der Volksverhetzungsklagen kann die bayrische Staatsregierung auch nicht gegen ausländische Anbieter vorgehen.

Völlig absurd ist hingegen der Vorwurf der Volksverhetzung gegen Historiker, die an einer historisch-kritischen Ausgabe eines Werkes arbeiten. Es ist elementar, dass die Geschichtswissenschaft mit den originalen Quellen arbeiten kann und eine historisch-kritische Ausgabe ist hier einfach Pflicht. Es ist auch für Historiker unbedingt notwendig, dass wir Quellen aus dem Nationalsozialismus benutzen und veröffentlichen können. So haben wir für @9nov38 Zeitungsartikel gescannt, welche zeigten, wie die antisemitische Hetze funktionierte. Einzelne Zitate wären nicht ansatzweise so eindrucksvoll und plastisch gewesen und gleichzeitig gebietet es auch die wissenschaftliche Redlichkeit, dass man seine Quellen umfänglich zur Verfügung stellt. Das tun auch etablierte Instututionen, auf deren Webseiten man etwa Reden von Hitler oder Himmler findet. Streng genommen sind die auch volksverhetzend, aber mit der passenden pädagogischen Begleitung sind sie auch sehr lehrreich.

Das gilt auch für die historisch-kritische Ausgabe von „Mein Kampf“. Besonders abstrus ist, dass die CSU das Problem erst bemerkt, nachdem sie es mit 500.000€ finanziert hat. Das hätte man auch früher bemerken können.

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16 Kommentare zu Bayern stoppt historisch-kritische Ausgabe von Mein Kampf

  1. RT @MschFr: Gebloggt: Bayern stoppt historisch-kritische Ausgabe von Mein Kampf http://t.co/mQkHfSV8ev

  2. Bayern stoppt historisch-kritische Ausgabe von Mein Kampf http://t.co/wxI2eV0A8T

  3. Florian Sepp sagt:

    Die Argumentation mit der Volksverhetzung wird massiv von Charlotte Knobloch vertreten. Knobloch, die ursprünglich die Edition befürwortete, hat vor einem Jahr ihre Meinung geändert und bekämpft seitdem dieses Vorhaben und genau mit dem Argument der Volksverhetzung. Dass der Widerstand aus dieser Richtung entscheidend war deutet die Presseerklärung von Staatsminister Spaenle an. Einge gute Zusammenfassung bietet: http://www.cicero.de/berliner-republik/wende-im-streit-um-hitlers-hetzschrift-seehofer-stoppt-mein-kampf/56628

  4. RT @MschFr: Gebloggt: Bayern stoppt historisch-kritische Ausgabe von Mein Kampf http://t.co/mQkHfSV8ev

  5. Pingback: Sprachlos, irgendwie… | Zurück in Berlin

  6. mokoko sagt:

    Der Konjunktiv bei „Das Buch sei volksverhetzend“ ist witzig. Noch witziger: dass die CSU das erst jetzt gemerkt hat.

  7. CSU findet für 500.000€ heraus, dass „Mein Kampf“ volksverhetzende Texte enthält: http://t.co/R4He2QtuY7

  8. Martin sagt:

    Der Witz ist: Das Ding ist unlesbar! Ich hab‘ es mir mal besorgt, weil ich dachte, dass man vieles besser versteht (z.B. die beiden Klassiker meiner Großelterngeneration „Wir wussten ja nicht, was da wirklich vorging“ und das Gegenargument „Man hätte ja nur das Buch lesen müssen“). Hätte, hätte, Fahrradkette. Wirklich unlesbar. Schlecht geschrieben, langatmig, zäh, sinnlos. Ich hab mehrfach und an verschiedenen Stellen des Buches versucht, mich reinzukämpfen (sozusagen mein Kampf). Ich behaupte: Es gibt (gab) wenige Bücher, die im Verhältnis zur Auflage so ungelesen blieben. Staubfänger halt. Somit kann es sein, dass der Satz „wir wussten ja nicht etc., s. oben“ berechtigter ist, als ich es früher je glauben wollte. Wertfrei!

  9. @VivaBavaria sagt:

    RT @wolkesinnfrei: CSU findet für 500.000€ heraus, dass „Mein Kampf“ volksverhetzende Texte enthält: http://t.co/R4He2QtuY7

  10. RT @wolkesinnfrei: CSU findet für 500.000€ heraus, dass „Mein Kampf“ volksverhetzende Texte enthält: http://t.co/R4He2QtuY7

  11. @VMann666 sagt:

    http://t.co/Pk1okd6smp achja die bayern mit ihrer falschen auffassung, das verbote sachen weniger interessant machen

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