Der aussichtslose Kampf einer mutigen Historikerin gegen die Grobiane der Wikipedia

Eines der großen Probleme des Urheberrechtes ist, dass nicht nur zu viel geschützt ist, sondern auch, dass zu wenige Leute wissen, was überhaupt geschützt ist. Ein Beispiel aus der Wikipedia verdeutlicht das wunderbar.

Eine Historikerin forschte über Johann Wilhelm Völker, einen Maler des Biedermeiers und schrieb einen Artikel für eine Beilage des rennomierten geschichtswissenschaftlichen Fachblattes „Wertheimer Zeitung“. Eine fiese Wikipedianerin mit dem Namen „Dem Zwickelbert sei Frau“ las diesen Artikel und tat das undenkbare – sie verfasste einen Artikel über Völker in diesem Internet. Und das, das geht ja gar nicht! Ja, sie wütete noch schlimmer: Sie scannte einige Bilder aus dem Artikel und lud sie in das #Neuland hoch.

Aufgrund dieser schändlichen Vorgänge empört und schockiert versuchte die Historikerin, diese widerrechtliche Veröffentlichung löschen zu lassen.

Sehr geehrte Autorin unter dem Pseudonym „Dem Zwickelbert sei Frau“, voller Entsetzen entdeckte ich vor einigen Wochen, dass Sie ohne auch nur mit mir in Kontakt zu treten, einfach bei Wikipedia eine Abwandlung meines Artikels über Johann Wilhelm Völker (1811-1873), den ich 2011 für die Messebeilage der Wertheimer Zeitung geschrieben habe, eingestellt haben. Da die Messebeilage der Wertheimer Zeitung nicht online erschien, wie ich definitiv von der Chefredaktion der Wertheimer Zeitung weiß, die übrigens über Ihr Vorgehen auch nicht erfreut ist, steht zu vermuten, dass Sie meinen Text mit einigen Abwandlungen abgeschrieben und dann hier, auf Wikipedia, veröffentlicht haben; ebenso haben Sie, bis auf eine, sämtliche Abbildungen aus meinem Artikel, für deren Besorgung und Veröffentlichung ich Gebühren entrichten musste, aus der Wertheimer Zeitung abgescannt, wozu Sie auch kein Recht hatten; ich durfte einen Großteil der Fotos nur nach Rücksprache mit den besitzenden Institutionen und nur einmalig für diesen Zweck, sprich meinen Artikel für die Messebeilage der Wertheimer Zeitung, veröffentlichen, da der Artikel ein heimatgeschichtlich-wissenschaftlichen Zweck erfüllt. Mit Ihrem Vorgehen schaden Sie meinem Ruf und meinem Versprechen gegenüber diesen Instituionen, dass ich die Bilder ausschließlich nur für den genannten Zweck verwendet habe.

Ich bitte Sie und fordere Sie hiermit dringend dazu auf, diesen Artikel samt den Abbildungen schnellstmöglich zurück zu nehmen und aus Wikipedia zu entfernen! Ich forsche, m. W. derzeit als einzige Kunsthistorikerin, seit über zehn Jahren über den Maler und Schriftsteller Völker und plante und plane eigentlich immer noch, eine Monografie über Völker zu veröffentlichen; Sie haben mir allerdings durch Ihre Vorgehensweise und die Veröffentlichung auf Wikipedia einen Strich durch die Rechnung gemacht, indem Sie durch die Veröffentlichung große Teile meiner mühevollen Recherchen und Transkriptionen vorweg genommen haben und damit meiner Reputation und meiner beruflichen Karriere als Wissenschaftlerin geschadet haben. Ich, als Urheberin dieses Artikels, sollte meines Erachtens doch die Verfügbarkeit über mein geistiges Eigentum haben und selbst entscheiden können, wo und wann ich was und wieviel davon veröffentliche. – Hätte ich gewollt, dass mein Beitrag über Völker auf Wikipedia erscheint, hätte ich den Artikel selbst eingestellt!!! Sie haben meine Arbeit von vielen Jahren zunichte gemacht; es wird sich wohl jetzt kaum noch ein Verlag finden, der druckt, was schon online zu lesen ist und was sich auch schon über andere Plattformen weiter verbreitet hat. Ich betrachte Ihre Vorgehensweise als Urheberrechtsverletzung. Ich kann ja auch nicht hergehen und z. B. das Buch eines berühmten Autors wie etwa Günter Grass’s Blechtrommel in Auszügen und mit einigen Abwandlungen abschreiben, eine kurze Literaturangabe machen und das so in Wikipedia einstellen, so geht es nicht! Im Handumdrehen würden Grass’Anwälte mich zu Rede stellen und Unterlassung und ggf. Schadensersatz einfordern und das zu Recht!

Sie suggerieren mit dem Einstellen der Hauptauszüge meines Artikels, dass der Beitrag von Ihnen stammt, also von Ihnen recheriert und geschrieben wurde, auch wenn Sie rudimentär eine Literaturangabe machen – damit ist es jedoch nicht getan! In meinem Fall ist auch ein großer finanzieller Schaden entstanden, denn für meine Recherchen musste ich mehrfach ins Ausland reisen, da fallen Reisekosten, Übernachtungskosten, Gebühren für Kopien und Veröffentlichungsrechte an, haben Sie darüber mal nachgedacht? Wollen Sie dafür aufkommen? Wahrscheinlich nicht! Aus den genannten Gründen, über die ich Sie einmal nachzudenken bitte, fordere ich Sie auf, eine Stellungnahme abzugeben und den Artikel binnen 14 Tagen zurückzunehmen. Ich behalte mir rechtliche Schritte vor.

Doch… doch… diese ungewaschenen Neulandbewohner kamen dieser verständlichen und freundlich formulierten Forderung nicht nach. Sie löschten den widerrechtlichen Artikel nicht und ließen ihn weiter online. Zum Glück sprangen die hilfreichen und heldenhaften Qualitätsjournalisten des Main-Echos der übelst misshandelten Historikerin bei: In einem ausführlichen Artikel, einem Interview mit einem Juraprofessor und einem Kommentar wird die Wikipedia angeprangert: Auch sie muss sich an Urheberrechte halten!

So vermittelt die Art und Weise, wie mit dem Löschbegehren der Wertheimer Wissenschaftlerin umgegangen wird, einen inzwischen weit verbreiteten Eindruck: Urheberrechte zählen in Deutschland nur noch wenig. Fast jeder meint, sich im Netz bei jedem bedienen zu dürfen. Das geistige Eigentum ist schlechter geschützt, als die gut versicherte Luxuskarosse.

Da bleibt doch zu hoffen, dass unser neuer Internetminister mindestens mit Kampfdrohnen gegen dieses widerspenstige gallische Lexikon vorgeht!  Wir brauchen einen Bundeswehreinsatz im Neuland!

Eigentlich hätte jemand beim Main-Echo zwischendurch bemerken müssen, dass die Wikipedia hier völlig im Recht ist und legal handelt. Es gibt kein Urheberrecht auf Fakten. Wenn ich etwa ausführlich die Lebensdaten eines Malers recherchiere und sie veröffentliche, dann sind sie nicht geschützt. Geschützt ist mein Text, aber jeder darf die enthaltenen Fakten benutzen. Es wäre ja noch schöner, wenn man sich die Lebensfakten historischer Personen urheberrechtlich schützen könnten – dann würde ich mir jetzt sofort Caesar, Hitler, Napoleon und Shakespeare sichern und mir vom Erlös einen original Schweizer Banktresor mit genügend Geld zum drin schwimmen kaufen. Es ist völlig legal, mit Bezug auf eine Zeitungsbeilage einen Lexikonartikel zu verfassen. Man darf nur nicht den ganzen Artikel wortwörtlich übernehmen – und das ist in diesem Fall nicht passiert. Es gibt auch kein Recht, dass jemand zuvor gefragt werden muss, bevor er zitiert werden darf. Gäbe es das, wäre wissenschaftliches Schreiben nicht mehr möglich.

Und die Bilder? 2D-Reproduktionen von gemeinfreien Werken sind nunmal nicht urheberrechtlich geschützt. Die Originalfotos aus dem 19. Jahrhundert sind mittlerweile gemeinfrei und ein Scan begründet kein neues Urheberrecht. Man darf also entsprechende Bilder aus Zeitungsartikeln scannen. Natürlich behaupten diverse Archive, Autoren, Museen, dass sie ein Urheberrecht für die entsprechenden Bilder besitzen, dies ist aber völlig irrelevant. Ich kann auch behaupten, dass ich die Rechte an diesem Bild oder an Goethes Faust besitze, rechtlich relevant ist das aber nicht. Neue Rechte gibt es nur im Fall einer Editio Princeps, welche hier aber nicht nachgewiesen wird.

Irgendwann hätte also auffallen sollen, dass die große Anklage gegen die Wikipedia auf falschen Vorstellungen vom Urheberrecht besteht und das die Wikipedianer sich völlig richtig verhalten haben. Ich sehe auch nicht, dass ein Schaden entstanden sein soll. Bestenfalls ist ein Wikipedia-Artikel mit Nachweis Werbung für die eigene Publikation. Ich glaube auch nicht, dass sich ein Buch schlechter verkaufen sollte, weil es einen Lexikonartikel zu der Person gibt, in dem ein paar Bilder vorhanden sind.

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12 Kommentare zu Der aussichtslose Kampf einer mutigen Historikerin gegen die Grobiane der Wikipedia

  1. RT @MschFr: Gebloggt: Der aussichtslose Kampf einer mutigen Historikerin gegen die Grobiane der #Wikipedia http://t.co/UD78kRxT1w

  2. Der aussichtslose Kampf einer mutigen Historikerin gegen die Grobiane der Wikipedia http://t.co/dmlLTkL7NG

  3. Hat jemand Zugriff auf die Leserkommentare des Main-Echos? Die Antworten auf den Erklärungsversuch des ersten Kommentators würden mich interessieren.

  4. @artbap sagt:

    @jf_woll – Argh: Der aussichtslose Kampf einer mutigen Historikerin gegen die Grobiane der #Wikipedia. http://t.co/0nROzdnTnd via @jensbest

  5. @MaxGawlich sagt:

    RT @JW_Fr: Nett ironischer Artikel von @MschFr über das eigenartige Urheberrechtsverständnis einer quixotischen Historikerin http://t.co/WC…

  6. @vanwieb sagt:

    RT @jensbest: Der aussichtslose Kampf einer mutigen Historikerin gegen die Grobiane der #Wikipedia. http://t.co/64qAzD3yVT

  7. Urheberrechtsposse in und mit Wikipedia: http://t.co/fLBy48J7Qm Doch so einfach ist es nicht: http://t.co/JZrFDqKpe3 cc @MschFr

  8. Pingback: Der aussichtslose Kampf einer mutigen Historikerin gegen die Grobiane der Wikipedia | netzlesen.de

  9. Eine ebenso aufschlussreiche wie abgründige Dokumentation zum Umgang einiger Wikipedianer beim Biographieren lebender Personen finden Sie hier: http://www.meine-biographie.com/category/wikipedia-casus-mackler/

    Die Anonymität der Autoren und die Globalisierung des Internets bieten kaum noch rechtliche Handhabe in solchen Fällen, gleichwie man dazu steht. Einen „Verantwortlichen“ bei Wikipedia zu ermitteln, ist bereits fast aussichtslos. Da kämpfte Don Quixote zumindest noch gegen Gegner, die physisch präsent vor Augen waren.

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  11. Der aussichtslose Kampf einer mutigen Historikerin gegen die Grobiane der Wikipedia 🙂 http://t.co/Wur7x2wuQK

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