Gurlitt 2

Im Laufe der letzten Tage sind einige Artikel über den Fall Gurlitt erschienen, die einige interessante Hintergrundinformationen bieten:

Götz Aly erläutert in der ZEIT, wie der Kunsterwerb in den besetzten Gebieten funktionierte und wie diese durch geschickt-perfide Finanzierungstricks es schafften, den Erwerb der Kunst durch das Reich den besetzten Staaten in Rechnung zu stellen.

Zunächst erhielten ausgesuchte Kunsthändler (und generell deutsche Aufkäufer aller möglichen Waren) einen bestimmten Geldbetrag in Reichsmark von ihrem Auftraggeber, der ihnen bei der Reichskreditkasse in dem besetzten Land gutgeschrieben wurde. Die Reichskreditkassen waren Filialen der Deutschen Reichsbank. Sie dienten dazu, die unterworfenen Länder finanziell und wirtschaftlich auszuplündern. Im internen Verkehr bezeichnete der Geschäftsführende Vizepräsident der Reichsbank, Emil Puhl, die von seinen Kassen ausgegebenen Geldscheine der jeweiligen nationalen Währung als „in Geldform gekleidete Requisitionsscheine“.

Das ist eine wichtige Bemerkung, denn es zeigt einen zu häufig unbeachteten Teil des Kriegsgeschehens. Daher fordert Aly, dass die Kunstwerke eben nicht an Cornelius Gurlitt zurückgegeben werden, sondern an die entsprechenden Staaten, in denen sein Vater sie erworben hat.

In die gleiche Kerbe schlägt Willibald Sauerländer in der SZ und beschreibt das ungute Gefühl bei Schnäppchen in seiner eigenen Bibliothek, bei denen er davon ausgehen muss, dass sie aus geplündertem jüdischen Besitz stammen:

Die Expropriierung der jüdischen Mitbürger zwischen 1933 und 1939 bezog sich nicht nur auf den Kunstbesitz, sondern auf das ganze geistige und praktische Inventar des alltäglichen Lebens: Häuser, Möbel und eben auch Privatbibliotheken. […] Nein, Gurlitt war gewiss nicht allein. Der Fund in der Schwabinger Wohnung erinnert an einen Raubzug, der weit über die besonders aufsehenerregende „Raubkunst“ hinausging. Hieran sollten die Letzten, welche das noch in Kindheit und Pubertät erlebt haben, erinnern.

VICE hat Michael Hulton, den Großneffen und Erben des jüdischen Kunstsammlers Alfred Flechtheim befragt. Dieser hatte sich bereits zuvor bei der Versteigerung eines Kunstwerkes aus der Sammlung Gurlitt mit diesem geeinigt:

Was für einen Eindruck macht Cornelius Gurlitt auf Sie?
Er ist für mich ja schon ein sehr merkwürdiger Typ. In jedem Falle wusste er, dass er sich ruhig verhalten muss. Er wusste, dass er schuldig ist. Man fährt nicht in die Schweiz und verkauft da ein einzelnes Kunstwerk und sagt dann, wenn man im Zug mit 9.000 Euro erwischt wird: „Wenn man mir das gesagt hätte, hätte ich nie den Zug genommen.” Er ist kein einsamer alter Mann, für den man besonders viel Mitleid aufbringen müsste.

In der NZZ darf sich die beteiligte Galerie Kornfeld verteidigen. Die Verteidigung zielt auf eine „Medienhysterie“ und natürlich habe man mit Gurlitt selbst kaum eine Geschäftsbeziehung. Hier wird auch enthüllt, wie es zu der Behauptung kam, dass Gurlitt in einer völlig vermüllten Wohnung lebte:

Es wird eine Hausdurchsuchung angeordnet, auf dem Esstisch des Junggesellen liegen Essensreste und geöffnete Konserven, vorhanden sind auch Lebensmittel mit abgelaufenem Verfalldatum. In nahezu allen Presseberichten ist deshalb von «einer vollkommen vermüllten Wohnung» die Rede.

Der Fall geht weiter und wird sicherlich auch in den nächsten Wochen und Monaten seine Kreise ziehen.

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5 Kommentare zu Gurlitt 2

  1. AndreasP sagt:

    Ich finde den Ansatz von Sauerländers Aritkel interessant. Es wurde ja damals viel mehr gestohlen als nur Kunstwerke. Der Unterschied ist eigentlich nur, dass z. B. der Hausrat der jüdischen Familien a) mangels Einzigartigkeit und Bekanntheit der Objekte nicht eindeutig zuzuordnen ist und b) inzwischen meist entsorgt oder auch sonst so gut wie nichts mehr wert sein dürfte (jedenfalls im Vergleich zu Dix-Gemälden etc.)

  2. Pingback: Gurlitt: Ernüchterung | Carta

  3. Follow up in Germany to Gurlitt case (the stash of art taken in the Nazi era)http://t.co/qsEfu0khO2 from @MschFr (in German)

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