Zur Kritik an @1914tweets

Seit Anfang des Jahres twittert @1914tweets genau das, was der Name verspricht: Um 100 Jahre zeitversetzte Beiträge, die im Juli/August dann in den Ersten Weltkrieg münden werden. Der Account wurde mit einiger Kritik empfangen, vor allem von Seiten meiner Mitstreiter des ähnlich und doch anders gelagerten @9nov38-Projektes. Charlotte führte ein Interview mit den Machern Christian Soeder und Dirk Baranek und Moritz äußerte zum Projekt:

Wenn Baranek sagt, dass Ziel von @1914Tweets wäre, “dem bunten, manchmal etwas hermetisch informierten Twittervölkchen eine deftige Portion Geschichte nahe zu bringen und zwar so, dass es für sie konsumierbar bleibt”, dann bleibt er den Nachweis dieses Zieles bislang schuldig. Denn was er bislang liefert, ist keine Geschichte. Das hat nichts mit einem akademischen Elfenbeinturm zu tun, aus dem gegen “Laien” geschossen wird (was sie ja sowieso nicht sind, beide haben einmal Geschichte studiert), sondern mit einem übergeordneten Bewusstsein dessen, was wir Geschichte nennen und was wir damit machen wollen. @1914Tweets surft auf der Welle verschiedener Trends und hat sich damit selbst die Verantwortung aufgehalst, dieses Medium für zukünftige Historikerinnen und Historiker nicht zu desavouieren. Erst Recht, wenn man zumindest ein indirektes kommerzielles Interesse unterstellen kann.

Ich sehe das etwas anders. @1914tweets folgt genau den Konventionen des Genres mit all seinen Möglichkeiten und Problemen. Schaut man etwa in meine Liste der Reentweetment-Projekte, stellt man schnell fest, dass die Kritikpunkte an @1914tweets so auch auf die meisten anderen Projekte zutreffen: Auch sie verzichten auf Quellenangaben und auch sie befassen sich mit einem längeren Zeitraum und agieren v.a. mit „Informationsschnipseln“, die ab und an in die Timeline geschubst werden.

@9nov38 agierte hingegen mit einer ganz anderen Dramaturgie – Konzentration auf einen kleinen Zeitraum und ein einziges Ereignis. Wir mussten keine „Geschichte“ erzählen, denn diese wurde uns von den Nazi-Großmeistern der Propaganda quasi schon vorgegeben. Die inhaltliche Reduktion macht vieles einfacher – und wir hatten uns ganz bewußt dagegen entschieden, das Projekt über einen längeren Zeitraum fortzuführen. Damit ist @9nov38 eher die Ausnahme unter den Reentweetment-Projekten.

Ist dieses Vorgehen mit „Informationsschnipseln“ jetzt schlecht? Eine vergleichbare Diskussion hatten wir bereits 2011 rund um @RealTimeWWII. Jan Hodel schrieb damals:

„Hat Herr Collinson in Oxford mal was von Historismus gehört? Aber selbst historistisch orientierten Kolleg/innen muss es verquer anmuten, wenn eine 140-Zeilen-Nachricht wie [(21.11.) Noon. Hitler & German generals/staff officers meeting now in the Berlin Chancellery. Hitler: I wish “to give you an idea of my thoughts”] ohne Angabe von Kontext oder Quelle durch die Welt getwittert wird – was nicht behoben wird durch den Umstand, dass zuweilen mehrere Twitter-Meldungen zum gleichen Thema aufeinander folgen. Das Argument, dass hier die Ereignisse in einer Form nacherlebbar würden, wie sie sich für die damaligen Zeitgenossen dargeboten hätten (schon der Anspruch ist bestreitbar), verfängt unter diesen Umständen in keiner Weise.“

und etwas später

„Ein zweites Problem mit der konkreten Anwendung von Twitter sehe ich darin, dass hier Narrative in kleinste Fragmente zerstückelt werden, die eine ereignisgeschichtliche Perspektive ohne jegliche Kontextualisierung Urständ feiern lässt. Wollen wir das: Geschichte als atemloses “dann geschah das, dann geschah das” einer Chronik, die in endloser Reihe Kriegshandlungen und Tötungsakte, Leid und Menschenverachtung darstellt? Haben wir das nicht vor vierzig Jahren mit den historischen Sozialwissenschaften versucht hinter uns zu lassen? Denn umgekehrt ist das auch keine Mikrogeschichte, was uns im besagten WWII-Twitterfeed über den zweiten Weltkrieg berichtet wird: ein einzelner Mensch hatte ja eben nie die Möglichkeit zu einer solchen Gesamtschau, wie sie die Twitter-Narration, trotz aller Fragmentierung, eben doch vermittelt: so werden Details aus aller Welt getwittert, die der Erzähler/die Erzählerin aus dem Jahr 2011 für relevant hält – über die aber ein Erzähler/ eine Erzählerin in den 1940er Jahren so gar nicht verfügen konnte. Eine solche Nutzung von Twitter ist meiner Meinung nach unzulässig.“

Als Fazit hält er insbesondere für Projekte, die sich mit historischen Personen befassen und diese selbst sprechen lassen, fest:

„Zusammengefasst lässt sich diese vorläufige Befundaufnahme darüber, an welchen Kriterien sich gewitterte Geschichtsdarstellungen messen lassen müssen, wie folgt zusammenfassen:

Klarheit: Autor/innen der Twitter-Darstellungen von Geschichte sollten deutlich machen, ob sie einen Anspruch auf Authentizität (“Was hat Napoleon in der Schlacht zu Waterloo aufgrund der Quellenlage wann gesagt?”) erheben oder ihre Tweets eher fiktiven Gattungen zuordnen lassen wollen (“Was könnte Napoleon in der Schlacht von Waterloo gemäss unserer Vorstellung – auf der Basis der vorhandenen Quellen – gesagt haben”).
Kontext: Twitter-Darstellungen von Geschichte sollten entsprechend den Kontext deutlich machen, in dem die Mitteilungen stehen: Bei Anspruch auf Authentizität sind hier Literaturnachweise und Quellenbelege Pflicht. Aber auch bei stärker fiktiven Darstellungen ist der Kontext von Bedeutung, um den Lesenden eine Einschätzung davon zu ermöglichen, auf welcher Grundlage und mit welchem Ziel (beispielsweise dem bereits angeführten) Napoleon zu einer Twitter-Stimme verholfen wird.
Eindeutigkeit: Problematisch ist eine Anlage, bei der verschiedene Personen oder Quellen im gleichen Twitter-Account an die Öffentlichkeit treten: die verschiedenen Identitäten müssten dann in jeder Mitteilung klar gekennzeichnet werden. Einfacher ist es, um wieder auf das Beispiel zurückzukommen, wenn Napoleon und Blücher je mit einem eigenen Twitter-Account versehen werden, um die Schlacht von Waterloo zu rekapitulieren (und der einfache Soldat und die unbescholtene Bäuerin auch). Analoges gilt für Quellenbestände: einmal aus einer Aktennotiz einer Sitzung, dann aus einem Verhör, dann aus einer Pressemitteilung zu zitieren, führt bei den Lesenden zur Verwirrung über den Charakter der jeweiligen Aussagen.
Angemessenheit der Medienwahl: Die Verwendung von Twitter für die Darstellung von Geschichte ist dann gelungen, wenn für die Lesenden deutlich wird, warum gerade dieses Medienformat für die Darstellung ideal ist. Es bietet nämlich – neben der Einschränkung der begrenzten Zeichenzahl – auch spezifische Kommunikations- und Interaktionsmöglichkeiten (Re-Tweet, Answer, Links, Bilder, Hash-Tags), die sinnvoll in die Darstellung eingebunden werden sollten.“

Manchmal ist es erstaunlich, wie geschichtsvergessen auch Historiker sind und die gleichen Diskussionen wenige Jahre später nochmal führen. Aber muss man sich eigentlich an Hodels Kriterien halten? Er nimmt eine sehr fachwissenschaftliche Sicht ein. Ein Reentweetment-Projekt fällt in den meisten Fällen allerdings eher in die Kategorie „Geschichtsvermittlung“. Hier sieht es generell mit den geforderten Kriterien schlecht aus. Eine Geschichtsdokumentation im Fernsehen bringt generell keine Quellen und auch die Angemessenheit der Medienwahl ist den Machern schlicht und einfach egal – sie machen Fernsehen, weil sie halt Fernsehmacher sind. Auch „einestages“, welches von den Leserzahlen her wohl alle fachwissenschaftlichen Angebote locker in den Schatten stellt, verzichtet auf Fußnoten und ähnliche Dinge. Selbst die durch und durch seriöse ZEIT verzichtet auf ihrer Geschichtsseite auf entsprechende Dinge – sie schreibt als Zeitung über Geschichtsthemen und eben nicht als Fachpublikation. So weh es manchmal auch tut – Fachwissenschaft ist nicht alles und nicht der Maßstab für alles. Außerhalb des Elefantenstoßzahnturmes gibt es auch noch eine andere Welt, in der (berechtigte) fachwissenschaftliche Standards keine Rolle spielen – und @1914tweets ist dort angesiedelt. Die Frage ist daher, ob man wirklich von einem Twitter-Account verlangen kann, alle fachwissenschaftlichen Standards einzuhalten. Er ist nämlich doch eher mit anderen Methoden der Geschichtsvermittlung vergleichbar, die ebenfalls nicht an den Standards fachwissenschaftlicher Publikationen gemessen werden.

Kehren wir zurück zu Moritz Kritik:

Selbst wenn es aber theoretisch möglich wäre, sämtliche Ereignisse eines Jahres zu erfassen und aufzuschreiben, würde uns das nicht helfen, dieses Jahr zu verstehen. Im Kern setzt genau hier die Arbeit von Historikerinnen und Historikern an. Die Beschaffung und Sichtung von Quellen ist nur der erste Schritt – die richtige Arbeit beginnt mit der Auswahl der relevanten Informationen, um überzeugende Belege für eine These oder ein Narrativ zu finden. Dieses Narrativ benötigt zugleich eine Kontextualisierung seiner Inhalte, eine Erklärung des historischen Vorgangs in seiner Welt und seinen Rahmenbedingungen.

Das ist das größte Problem von @1914Tweets:  Bislang ist nicht einmal im Ansatz ein Narrativ erkennbar. Jeder Tweet für sich alleine könnte Teil eines großen Ganzen sein, zusammen ergeben sie ein vermeintlich gegenwartreproduzierendes Chaos:

Das sehe ich völlig anders. Ein hypothetischer Historiker ohne Zeitdruck und mit viel Fleiß müsste sich auch erstmal alle Ereignisse eines Jahres anschauen, um darum ein Narrativ zu formen. Es stellt sich allerdings die Frage, warum ein historisch interessierter Laie das nicht auch schaffen sollte. Weiterhin sind auch scheinbar irrelevante Informationen, die Historiker aus Platz- und Narrativgründen beiseiteschieben, häufig auch interessant und lehrreich (Wer sich etwa einmal eine Zeitung aus der Zeit des Ersten Weltkrieges anschaut, der sollte mal einen Blick in die Anzeigensektion werfen.) Dazu kommt, dass die Chronik ein seit Jahrtausenden etabliertes Genre ist. Wenn ich auf Ziegenleder einfach Ereignisse chronologisch aneinanderreihen darf, warum sollte ich es auf Twitter nicht dürfen?

Was bei mir aber am meisten Bauchschmerzen verursacht, ist, dass diese geforderten Ansprüche irgendwann dazu führen, dass entsprechende Projekte undurchführbar werden. Demnach müsste man für ein entsprechendes Projekt folgendes machen:

  • Überlegen, ob Twitter das richtige Medium ist oder ob man nicht etwas anders nutzt.
  • Erstmal alle Sekundärliteratur und Quellen sichten. Im Fall des Ersten Weltkrieges ist das nahezu unmöglich oder nur mit lebenslanger Erfahrung realistisch
  • Daraus ein passendes Narrativ erstellen, welches natürlich irgendwie im Rahmen des geschichtswissenschaftlichen Konsenses steht
  • Daraus die entsprechenden Tweets mit der passenden Dramaturgie formulieren
  • Multimediale Inhalte suchen, Rechte klären oder selbst digitalisieren
  • Mit den Lesern interagieren

Kurz: Mit einer längeren Vorbereitungszeit, als Vollzeitjob und mit einer soliden Finanzierung im Hintergrund und vielleicht einem kleinen bis mittelgroßen Team geht das. Als Nebenprojekt oder Hobby ist es unmöglich. Damit verliert man aber einen der großen Vorteile des Digitalen: Die Möglichkeit, einfach und schnell ohne Bürokratie und  Kommissionen etwas zu starten. Dirk Baranek hat den Spirit wunderbar zusammengefasst:

Es gab keinen Plan, keine langfristig ausgeheckte Großstrategie, sondern im Grunde handelt es sich um ein spontane Idee. Wir machen es, weil wir Lust darauf haben und weil wir es können.

Im Prinzip ist es wie mit dem geisteswissenschaftlichen Bloggen: Da überlegen sich auch zu viele erstmal lang und breit, was sie mit ihrem Blog machen wollen und nehmen sich zu viel vor anstatt einfach mal loszubloggen und zu experimentieren.

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7 Kommentare zu Zur Kritik an @1914tweets

  1. „Es gab keinen Plan“ (@baranek) | #achwas RT @MschFr Gebloggt: Zur Kritik an @1914tweets http://t.co/fMOyx7Q20X

  2. [http://t.co/9Oyr2HIDYS] Zur Kritik an @1914tweets http://t.co/g9fA3AUrq4

  3. RT @Planet_History: [http://t.co/9Oyr2HIDYS] Zur Kritik an @1914tweets http://t.co/g9fA3AUrq4

  4. lese gerade die interessante positive Kritik von @MschFr an @1914tweets http://t.co/J8nPVhCsDv – 1/2

  5. RT @Sascha_Foerster: Keine Twitter-Experimente wie @1914tweets zum #1WK? Doch, sagt @mschfr! http://t.co/8nYRdolA18

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