Kurt Tucholsky über Geschichtswissenschaft

Man sollte ja generell mehr Tucholsky lesen und sein Text über Geschichtswissenschaft aus dem Jahr 1927 ist ein guter Einstieg.

»Glauben Sie an Geschichte?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil ich nicht einmal daran glaube, dass man von Stockholm bis nach Berlin restlos übertragen kann, was sich da ereignet hat. Die Ereignisse wohl – die Zahlen wohl – aber das Letzte nicht. Das nicht, worauf es eigentlich ankommt. Die Nuance, mehr: die Farbe, der Ton, die Musik – ohne die das Tun der Menschen nicht verständlich gemacht werden kann. Ich sehe, dass man es nicht übertragen kann. ›Chameau‹ heißt nicht immer: Kamel; das englische ›fair‹ ist nicht das, was die Deutschen mit ›fair‹ bezeichnen; ›Humor‹ heißt nicht ›humour‹ – es geht nicht. So schwer ist es nun schon bei gegebener Gleichzeitigkeit – bei räumlichen Unterschieden von ein paar hundert Flugkilometern. Soll es da mit der Zeit besser sein?

Zwischen Stockholm und Berlin gibt es immerhin eine Menge vermittelnder Faktoren – ganz abgesehen von der Ähnlichkeit der Kulturen, vor allem den, der im ständigen Verkehr von Reisenden besteht. Der Berliner war in Stockholm, der Stockholmer kennt vielleicht Berlin – da nähert sich so etwas schon rascher. Aber bei Verschiedenartigkeit der Epochen?

Ich glaube nicht an Geschichte, weil ich sehe, wie wir auf die Nachwelt kommen. Wie mag sich da ein Historiker in tausend Jahren herausfinden! An Hand der offiziellen Geschichtsschreibung? Aber Sie lächeln selbst. Und die andern zeitgenössischen Werke? Diese Flut von Tendenz, von versuchter Tendenzlosigkeit, die es ja nicht gibt, nicht geben kann – die verkappte Tendenz, die verlogene, umgelogene; alles ist viermal, fünfmal pro Gattung da. Und wie viele haben überhaupt keinen Delegierten in der Geschichtsschreibung! Wie viele Menschen, Stände, Klassen gibt es, über die wird geschrieben – aber sie schreiben niemals selbst. Sie sind also stets Objekte der Geschichtsschreibung, Wer soll da urteilen! Wer soll sich herausfinden! Der Historiker?

Er kocht eine Suppe, die ist zusammengesetzt aus: den trüben Quellen, die er zu benutzen gezwungen ist; aus den Fehlern, die durch lange Überlieferung entstanden sind, denken Sie an die Zeit der unvollkommenen Druckerkunst; aus der mehr oder weniger willkürlichen, zufälligen, von tausend Umständen abhängigen Wahl, die er unter diesen Quellen trifft; aus seiner Person; aus der Erziehung, die er genossen hat; aus seinen politischen Ansichten, die er verheimlichen, aber nicht verstecken kann – aus alledem setzt sich die Geschichtssuppe zusammen.

Was dann herauskommt, nennen wir: Geschichte. Es ist übrigens jene, die da – nach dem Dichterwort – ›richten‹ wird. So möchte ich auch einmal gerichtet werden. Es tut nicht weh. Ich soll an Geschichte glauben? Ich glaube nicht daran. Glauben Sie an Geschichte?«

»Ja.«

»Sie glauben daran? Warum?«

»Weil es gar nicht so schlimm aussieht, wenn Sie in allem recht hätten. Ich will es annehmen. Ich glaube an Geschichte, weil die Variationen, die mit der Menschheit spielen, nicht so zahlreich sind. Alles kommt einmal wieder – immer wieder. Die Motive, die Leidenschaften, die Beziehungen zwischen Frau und Mann – ja, sogar die Formen, unter denen sich das abspielt, werden stets aus demselben großen Schrank geholt. Es ist ein Kaleidoskop – es gibt da eine Menge Nuancen, das ist wahr, aber die Steinchen sind doch immer dieselben.

Sicherlich ist es unmöglich, genau dieselbe Atmosphäre noch einmal herzustellen, die bei einem römischen Wagenrennen geherrscht hat. Das gibt es nicht – niemand kann das. Auch der gescheiteste Franzose bekommt eben das nicht heraus, wenn er Spottverse vom Hof Ludwigs des Fünfzehnten wiederholt, neu aufzeichnet – irgend etwas fehlt, natürlich. Aber ich glaube doch, dass wir das Wesentliche der alten Geschichte verstehen können, wenn wir uns nicht belügen und nicht belügen lassen.

Ich glaube an Geschichte, weil jede Epoche lange nicht so neu, so interessant, so einmalig, so grundsätzlich von allen andern verschieden ist, wie sie sich das einbildet. Jede Zeit hält sich für einen Anfang, für etwas ganz und gar Großartiges. Schade, dass man nicht achthundert Jahre leben kann – schade, daß, wenn man es könnte, man jenen Greisen bei Swift gliche, die nur über ihre ersten vierzig Jahre gut im Bilde sind. Aber wenn man es könnte, wäre man ein ewig agiler Mann, kein alter Mann, sondern ein wirkender, schaffender, stets neu aufnehmender … Was sähe man –?

Was man sähe? Die Gleichartigkeit, die Struktur unter dem Formenwechsel, die Wiederholung, die Gesetzartigkeit des Ablaufs – vielleicht die Gesetze selbst. Es verändert sich viel – es ändert sich nichts. Ich glaube an Geschichte.«

»Ich glaube nicht an Geschichte. Was machen wir da –?«

»Einigen wir uns wie bei einem gesunden Konkurs.«

»Bitte: klar und bestimmt! Ist an Historie etwas daran – ja oder nein –?«

»An der Geschichtswissenschaft ist nichts dran, was nicht an ihr dran ist.«

Peter Panter

Vossische Zeitung, 21.07.1927.

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