@bundesedit

In den letzten Tagen sind gleich mehrere Twitter-Accounts entstanden, welche Wikipedia-Edits aus Parlamenten veröffentlichen. Für die USA gibt es congressedits, für England @parliamentedits, Kanada hat @gccaedits, Schweden @RiksdagWikiEdit und in Deutschland streiten mit @bundesedit und @regierungsedits gleich zwei Accounts um die Gunst der User. Diese sind recht einfach aufzusetzen, entweder per IFTTT oder per OpenSource-Script und daher ist es logisch, dass in den nächsten Wochen wohl jedes Parlament seinen eigenen Beobachtungsaccount haben wird.

Doch was sagen diese Accounts eigentlich aus? Zum einen spricht aus ihnen natürlich zuerst ein enormes Misstrauen gegenüber den Parlamentariern und den Behörden. Es ist ja nur nötig, diese zu beobachten, weil man ihnen alles mögliche zutraut. Regierungspropaganda. Manipulation. Kritikunterdrückung. Diffamierung politischer Gegner. Es wäre kein Problem, einen entsprechenden Account für jede deutsche Universität aufzusetzen, aber gegenüber diesen besteht anscheinend nicht dieses Misstrauen. @bundesedit ist also Ausdruck einer Imagekrise unserer Staatsdiener.

Die deutschen Parlamentarier sind auch nicht als großartige Vandalen aufgefallen: Der Wikipedia-Kurier berichtet von zwei entsprechenden Fällen, in denen aus dem Bundestag vandaliert wurde. Zwei Fälle in über 10 Jahren Wikipedia.

Gleichzeitig muss man die Grenzen dieser Accounts kennen: Sie zeigen nur Edits nicht angemeldeter Benutzer aus den entsprechenden IP-Räumen an. Editiert ein Parlamentarier also als registrierter Benutzer, fällt dies nicht auf. Ein oder gleich mehrere Accounts sind schnell erstellt und dürften bei regelmäßigen Wikipedia-Autoren schon alleine aufgrund der Komfortfunktionen wie der Beobachtungsliste weit verbreitet sein. Zahlen dazu gibt es keine – Wikipedia-Administratoren können herausfinden, von welchen IPs ein Benutzer editiert, der normale Nutzer nicht.

Weiterhin hilft die Transparenz per Tweet-Bot nur gegen die wirklich dummen Wikipedia-Manipulatoren. Es gibt sicherlich irgendwo den Sachbearbeiter im Forstwirtschaftsministerium, der Kritik an seinem Minister löschen will, aber dies ist noch lange keine groß angelegte Manipulation. Es ist sogar gewissermaßen logisch, dass Mitarbeiter eines Ministeriums die Seite des eigenen Ministeriums oder Themen, die dieses behandelt, bearbeiten, da sie sich mit dort eben am besten auskennen und dass ein Mitarbeiter die Arbeit seiner Behörde nicht so kritisch sieht.

Wer wirklich großflächig manipulieren will, der wird anders vorgehen: Am heimischen DSL-Anschluss hat man eine unverdächtige dynamische IP und auf diesen kann man z.B. per VPN auch aus den finstren Katakomben des Bundeswikipediamanipulationsministeriums zugreifen und so sämtliche Überprüfungsverfahren per IP ins Leere laufen lassen. Das Bundesmanipulationsministerium kann sich auch gleich mehrere, quer über Deutschland verteilte DSL-Anschlüsse mehrerer Provider leisten und auch sämtliche Identifikationsversuche per Browser-Fingerprint verhindern, indem es einfach Virtual Machines einsetzt. Technische Lösungen helfen gegen Amateure und Privatpersonen, gegen wirklich finanzstarke Akteure helfen sie hingegen nichts. (Anmerkung: Es wäre extrem verwunderlich, wenn der GCHQ Onlineumfragen und Klickzahlen manipulieren würde, aber nicht in der Wikipedia herumfummelt)

@bundesedit wird daher ein paar kleine Skandälchen produzieren, aber das Bundesmanipulationsministerium in seinem Atombunker in der Eiffel ist daher nicht zu entlarven. Die Accounts zeigen eher den gelangweilten Sachbearbeiter Hans Krawuttke, der in seinem Büro die Zeit mit Wikipedia-Edits totschlägt. Es zeigt die menschliche Seite des Staates oder seiner Institutionen, wenn diese Tippfehler in der Liste der Baudenkmäler in Zellingen bearbeiten. Damit ist @bundesedit genau das Gegenteil der großen bösen Staatsverschwörung – nämlich recht banal und langweilig.

Dieser Beitrag wurde unter Wikipedia veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Kommentare zu @bundesedit

  1. „@bundesedit ist das Gegenteil der großen Staatsverschwörung – nämlich recht banal und langweilig.“ Sagt @MschFr: http://t.co/sUVaVvisYp

  2. RT @SimonHurtz: „@bundesedit ist das Gegenteil der großen Staatsverschwörung – nämlich recht banal und langweilig.“ Sagt @MschFr: http://t.…

  3. Liesel sagt:

    „Wikipedia-Administratoren können herausfinden, von welchen IPs ein Benutzer editiert, der normale Nutzer nicht.“ Diese Aussage ist falsch. Herausfinden können das nur die so genannten Checkuser. Und auch diese dürfen in der deutschen Wikipedia die IP nur ermitteln, wenn ein Verdacht auf Sockenpuppenmissbrauch o. ä. vorliegt.

  4. Cornelius sagt:

    Auch wenn ich deinen Argumenten grundsätzlich folgen würde, wäre dieser Vorfall doch ohne diese Twitter-Bots nicht aufgetaucht:
    http://www.theverge.com/2014/7/18/5917099/russia-spotted-editing-wikipedia-page-of-downed-malaysia-air-jet

  5. Pingback: Die 7000 Wikipedia-Edits der russischen Regierung · Global Voices auf Deutsch

  6. Pingback: Wikipedia im Visier von Staaten und Unternehmen – Wächterprogramme sollen Manipulationen erschweren | Wiki-Watch-Blog

  7. Pingback: Brokkoli (@krokodilgemuese)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.