Streit um Helmut Kohls Privatarchiv

Jürgen Habermas formulierte es anlässlich seines 85. Geburtstages treffend: “[Man] erlebt die Historisierung der eigenen Generation so, als würde einem bei lebendigem Leib die Haut abgezogen.” Nicht nur Habermas, auch Helmut Kohl erlebt das gerade schmerzhaft. Während er kränkelt und nicht mehr öffentlich agieren kann, zerbröckeln rings um ihn die Grundlagen seines politischen Vermächtnisses. Die Spendenaffäre der CDU beschädigte ihn massiv und die handwerklichen Fehler, die bei der Wiedervereinigung und der Euroeinführung gemacht wurden, fallen langsam auf ihn zurück. Kohl scheint aber unfähig zu sein, jetzt etwa zu erklären, warum die Aufnahme Griechenlands in die Eurozone eine politisch gewollte Entscheidung zur Integration Europas war und dass bereits damals klar war, dass das Land aus rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht hätte aufgenommen werden dürfen. Um sein Erbe zu verteidigen, müsste er sich wie Helmut Schmidt immer wieder in die Debatten einmischen. Er kann es aber anscheinend gesundheitlich nicht mehr.

Dazu kommt die Schlammschlacht zwischen seinen Söhnen und seiner zweiten Ehefrau, die mittlerweile in mehreren Büchern gipfelte und in der Öffentlichkeit ausgetragen wird. Nun beginnt schon vor seiner Beerdigung der schmutzige Kampf um sein Erbe, genauer um seine Notizen, Aufzeichnungen und Papiere. Diese vermachte er nach seiner Abwahl zuerst der Konrad Adenauer Stiftung, dann holte er sie allerdings zum Schreiben seiner Memoiren in sein Haus nach Oggersheim. Und jetzt keilen diverse CDU-Politiker aus und fordern offensiv die Rückgabe der Akten. Grund dafür ist Kohls zweite Ehefrau Maike Kohl-Richter, die den Zugang zum CDU-Patriachen anscheinend strikt kontrolliert und gegenüber der innerhalb der Partei massive Vorbehalte bestehen.

Aber: Weder Maike Kohl-Richter noch die Konrad Adenauer Stiftung sind die richtigen Orte für diese Dokumente. Wenn sie privat in den Händen Kohl-Richters blieben, wird Forschern kein ungehinderter Zugang möglich sein – schon alleine, weil ein Privathaus kein Archiv mit Lesessaal ist. Aber auch die Konrad Adenauer Stiftung ist der falsche Ort – sie hat sich selbst als Archiv disqualifiziert, weil sie ebenfalls kritische Forscher aussperrt und ihnen die Dokumenteneinsicht verwehrt.

Idealer Ort für die Akten wäre damit z.B. das Bundesarchiv, welches nach dem Bundesarchivgesetz agiert und auch nicht verdächtig ist, nur positive Akten zur Kanzlerschaft Kohls freizugeben und kritische unter Verschluß zu behalten.

Die taz sieht das übrigens anders und verteidigt den Altkanzler:

“Helmut Kohl sagt, dass er ohne seine Ehefrau nicht mehr leben würde. Nichts lässt darauf schließen, dass er mit ihrem Vorgehen nicht einverstanden wäre. Ist das egal? Hat eine Person der Zeitgeschichte kein Recht mehr, über das eigene Vermächtnis zu bestimmen – weil sie eben eine Person der Zeitgeschichte ist?

Der Anspruch ist maßlos, den die Öffentlichkeit inzwischen auf prominente Persönlichkeiten erhebt. Gemessen an diesem Anspruch sind alle Überwachungsmethoden von Geheimdiensten im In-und Ausland harmlos. Auch die, die Edward Snowden enthüllt hat. “

Hier kann man wieder die Brücke zu Habermas schlagen: Helmut Kohl weiß genau, dass es unangenehm für die Betroffenen sein kann, wenn Historiker die privaten Unterlagen erforschen. Im Zweifelsfall finden sich immer unangenehme Kommentare, Entscheidungen, die (nicht nur) im Rückblick schlecht aussehen und auch das Privatleben gerät in den Fokus. 1998, als Kohl seine Dokumente an das KAS-Archiv übergab, sah etwa familiär noch einiges anders aus bei ihm. 2001 beging Hannelore Kohl dann Selbstmord und in der Folge zerbrach auch sein Verhältnis zu seinen Söhnen – die daraufhin öffentlich gegen seine zweite Frau keilten und den Kampf per Buch in die Öffentlichkeit zerrten. Ein Gesinnungswandel ist nach einer solchen Vorgeschichte durchaus denkbar und sogar verständlich. In einem Punkt muss man der taz aber widersprechen:

Im Spiegel war zu lesen: Sollte sich Maike Kohl-Richter zur „Türhüterin“ des Kohl’schen Erbes aufschwingen, dann – „so sehen es die meisten in der CDU“ – werde eine unvoreingenommene Geschichtsschreibung über den Riesen der Christdemokratie „unmöglich“. Ernsthaft? So gering sollte man die Zunft der Historiker denn doch nicht schätzen. Es gehört zu ihrem Handwerk, verlässliche von weniger verlässlichen Quellen zu unterscheiden.

Es geht um einzigartige Unterlagen und nicht um die Frage, ob die Kohl’schen Unterlagen zuverlässig sind.  Wenn bestimmte Akten nicht verfügbar sind, können Historiker auch nicht ihre Zuverlässigkeit beurteilen und entsprechend entsteht eine Lücke in der Geschichtsschreibung. Wenn etwa Max Brod, wie von Kafka in seinem Testament verfügt, seinen Nachlass verbrannt hätte, wäre dieser unwiederbringlich verloren. Dieses Recht auf die Verbrennung des eigenen Nachlasses hat auch Helmut Kohl – so tragisch es auch klingt.

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6 Kommentare zu Streit um Helmut Kohls Privatarchiv

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