Wissenschaftsblogs – keine Arme, trotzdem Kekse

Dies ist ein Beitrag für die Blogparade #wbhyp, die sich zu einer aktuellen Standortdebatte zum geschichtswissenschaftlichen Bloggen entwickelt hat. Ein Blick in die anderen Beiträge lohnt sich.

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Ihr werdet nicht Professor werden. Ihr könnt nach dem Studium eine Doktorarbeit schreiben. Ihr könnt eine Habilitation versuchen. Ihr könnt euch Jahre mit schlecht bezahlten Lehraufträgen und Stipendien über Wasser halten. Dann braucht ihr doch noch eine gehörige Portion Glück, dass genau zum passenden Zeitpunkt ein Lehrstuhl in eurem Spezialforschungsgebiet frei wird – und dass nicht ein anderer Kandidat besser ist, die bessere Vernetzung hat oder dass südböhmische Landesgeschichte nicht mehr der heiße Scheiß ist und der Lehrstuhl plötzlich eingestampft oder umgewidmet wird. Ihr werdet einfach nicht Professor werden – und im akademischen Umfeld gibt es keine Stellen für euch, auf denen ihr bis zur Rente existieren könnt. Wer sich einmal frustrieren lassen will, liest diese Diskussion. Oder die Linkliste. Sorry.

Daher ist es höchst wahrscheinlich, dass ein großer Teil von euch irgendwann die Wissenschaft verlässt. Sei es direkt nach dem Studium, sei es nach der Promotion, irgendwann nach den 12 Jahren § 57 b HRG, nach denen ihre dann unsanft rausgeworfen werdet. Oder irgendwann zwischendurch, die Zahl der abgebrochenen Promotionen ist immens. Auch in Museen, Stiftungen, Bildungseinrichtungen oder Gedenkstätten ist nicht genügend Platz, um alle Absolventen unterzubringen. Und selbst wenn ihr den Job habt – nach der 4. befristeten Stelle und dem 7. Umzug innerhalb kürzester Zeit leidet der Idealismus dann doch etwas. Irgendwann wird der Großteil von euch trotz eurer Liebe zur Geschichte etwas anderes machen. Journalismus. PR. Taxifahren. Was auch immer.

Auch ich habe die Geschichtswissenschaft mittlerweile verlassen und mache in meinem Beruf etwas völlig anderes. Bloggen hat dazu beigetragen, dass ich mich aber auch weiterhin noch mit der Geschichtswissenschaft beschäftigen kann. Bloggen ist eine Möglichkeit, um am Ende doch Historiker zu bleiben.

Digitale Projekte werden wahrgenommen, mehr als man denkt. Ich bekomme erstaunlich häufig E-Mails von diversen Leuten zu Einträgen in diesem Blog und … naja, wie soll man es am besten ausdrücken? Es ist nicht unbedingt normal, dass ein Doktorand, eine Archivarin, zwei Geschichtsstudenten und ich, der nichtmal mehr in der Geschichtswissenschaft arbeitet, ein Buch in einem renommierten Verlag veröffentlichen können, das dann bundesweit in den Buchhandlungen zu kaufen ist. Ich war mittel schockiert, als ich in die örtliche Buchhandlung in meinem 50000 Seelen-Städtchen ging und dort unser Buch fand. Wir haben sicherlich mit @9nov38 und jetzt mit @digitalpast einen Glückstreffer gelandet und weltweite Medienberichterstattung (New York Times!) ist definitiv nicht jedem Blogger vergönnt. Aber es ist möglich, wenn man tolle Sachen macht. Und wenn es nicht gleich die New York Times ist, dann reicht auch erstmal die Lokalzeitung. Besser als in irgendeinem GRK herumzugammeln und irgendwas in einem obskuren Sammelband zu veröffentlichen ist es definitiv. Geschichtsbloggen ist auch ein super Hobby.

Wenn wir also über wissenschaftliche Anerkennung für das Bloggen reden, sollten wir auf keinen Fall die nichtwissenschaftliche Anerkennung für das Bloggen vergessen. [klischee] Verstaubte, grauhaarige Anzugträger mit Lederärmelschutz [/klischee] sind halt nicht das einzige Auswahlgremium, auch wenn sie zu häufig über die akademischen Fleischtöpfe entscheiden. Neben McDonalds gibt es aber noch Burger King und satt wird man auch in der Dönerbude. Anerkennung für das Bloggen ist auf jeden Fall bereits seit langem da, man muss es einfach nur machen und nicht immer nur auf die Menschen mit den Lederärmelschutzaufnäher achten. Die Anerkennung als Nachwuchswissenschaftler? Vergesst sie, ihr werdet eh nicht Prof werden. Aber ihr könnt Historiker bleiben.

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21 Kommentare zu Wissenschaftsblogs – keine Arme, trotzdem Kekse

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  2. Lucas sagt:

    Ich mag Realismus, aber mit Fatalismus habe ich so meine Probleme. Ich bin – im Gegensatz zu den meisten anderen Wissenschaftler*innen – gewerkschaftlich organisiert und neben dem extrem geringen Organisationsgrad kann ich sagen, dass der in der Wissenschaft vorherrschende Fatalismus und Galgenhumor ist wesentlich einer Verbesserung der Umstände im Wege steht. Ich sage Fatalismus, weil die Umstände tatsächlich bedenklich, aber alles andere als in Stein gemeißelt sind. Sie ändern sich ja auch durchaus zum Schlechten: In den letzten 8 Jahren ist der unbefristete Mittelbau auf die Hälfte zusammengeschrumpft. Deutschlands Wissenschaft besteht im Vergleich zu Ländern wie Großbritannien, USA und Frankreich in allererster Linie aus befristet Angestellten – das ist der eigentliche Grund, weswegen sich Menschen überhaupt mit der Frage beschäftigen Prof. zu werden, während es in allen anderen Branchen nur wenige interessiert „Chef“ zu werden.

    Ja, ich weiß, man muss nicht jede Polemik auch ernst nehmen, das ist schon richtig und möglicherweise werden mich nur die verstehen, die sich auch wissenschaftspolitisch engagieren, wenn ich sage, dass ich es bedenklich finde, wenn Akademiker*innen, die die Umstände ja sehr genau kennen, zu eben der Resignation aufrufen, die letztendlich für die desolaten Zustände in der Wissenschaft verantwortlich ist.

  3. Lucas sagt:

    Irgendwas ist da mit dem Blockquote daneben gegangen, wäre nett, wenn du es ausbessern könntest!

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  9. dot tilde dot sagt:

    ich kann nicht mal die diskussion lesen, um richtig frustriert zu sein, quia nisi facebook frustra!

    dem rest des artikels stimme ich gerne zu.

    .~.

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  17. Sabine Meyer sagt:

    Dem Punkt, dass die Lage schwierig ist, speziell in den Geschichtswissenschaften, ist zuzustimmen – diesen schwierigen Zustand zu erkennen, da bedarf es einfach nur an Realismus.
    Angenommen aber jeder einzelne würde denken, es sei unmöglich Prof. zu werden, dann würde daraus folgen, dass irgendwann dieser Berufszweig der Geschichts-Profs. an Unis komplett wegstirbt. Sofern dieser Berufszweig erhalten bleiben soll, muss es also Personen geben, die Prof. werden wollen, unabhängig davon, zu welchem Zeitpunkt ihrer akademischen Ausbildung sie diese Entscheidung treffen – schließlich geschieht es nicht selten, dass diese Entscheidung erst gegen Ende einer Dis. getroffen wird und nicht schon etwa während des BA.
    Weil die realistische Betrachtung als Ergebnis hervorbringt, dass die Lage jedoch sehr schwierig ist, braucht es natürlich besonders viel Optimismus und damit verbunden Durchhaltevermögen für diejenigen, die sich entscheiden diesen Weg zu beschreiten. Pessimismus oder sogar Fatalismus – s.o. – ist nicht angebracht in der Situation, ganz im Gegenteil, sogar kontraproduktiv – wohl aber die Bewusstheit darüber, wann man bereit sein sollte Pläne evtl. auch aufzugeben, wenn man es ernsthaft vielfach versucht hat und merkt, dass es auf die Zukunft betrachtet nichts mehr werden kann und sich vielleicht sinnvollere Alternativen anbieten.
    Fazit: Der Autor des Textes sollte sich also nochmal Gedanken machen über sein Verständnis von Pessimismus, Realismus und Optimismus – sofern er letzteres besitzt – und insbesondere über die Wechselbeziehung der drei genannten untereinander, die Auswirkung dieser Geisteshaltungen auf den beruflichen Werdegang und auf die eigene psychische Verfassung, die in ihrer Konsequenz die entsprechende Wahrnehmungs- und in weiterfolgender Konsequenz Handlungsweise bestimmt, deren Ergebnis wiederum der obige Text zu sein scheint.
    Daher besticht mich das Gefühl, dass der Autor mit dem Text eher vermehrt subjektiv etwas über sich selbst aussagt, als über die von ihm angeblich objektiv beschriebene akademische Umwelt in der Geschichtswissenschaft.

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  20. Ghostwriter sagt:

    Ich kenne das Leid sehr gut. Ich führe seit Jahren ein Ghostwriting-Unternehmen und bekomme es oft von meinen Kunden zu hören. Auch Bekannte und Freunde (Dozenten) erzählen mir die gleichen Tatsachen. Das war auch für mich ein Grund nicht mit der Promovierung anzufangen . Das ist ist wirklich schade, somit vergraulen sie sich viele Menschen, die einen Beitrag zur Wissenschaft gerne leisten würden. Schlussendlich tun sie sich selbst auch keinen Gefallen, aber so weit wird leider nicht gedacht.

  21. Norbert sagt:

    Wir sind seit vielen Jahren als Ghostwriter und Coaching-Agentur etabliert und können dem Artikel bzw. dessen Aussagen nur zustimmen. Viele unserer Autoren haben gemerkt, dass sie kaum Perspektiven haben als Nachwuchswissenschaftler, möchten aber dennoch wissenschaftlich arbeiten und schreiben. Sie arbeiten dann als „Schreibgeist“, was sicherlich nicht die gewünschte Anerkennung bringt, da dies meist im Hintergrund geschieht. Aber zumindest können Sie mit ihrer vertieften akademischer Ausbildung und ihren „handwerklichen“ wissenschaftlichen Kenntnissen und Fähigkeiten ihr Auskommen sichern und dabei ihre intellektuelle Herausforderung suchen.

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