Wenn Historiker campen gehen

Letztes Wochenende fand in Bonn das erste HistoCamp statt. Und auch bei mir herrscht gerade Post-HistoCamp-Blues. Das Camp war so spannend, interessant und toll, dass man danach einfach hart im Alltag landen muss. Zeit für eine kleine Nachbetrachtung

(Disclaimer: Ich gehöre zum Orgateam des HistoCamps und bin Gründungsmitglied von OpenHistory e.V., welcher dieses organisiert hat. Ich würde das HistoCamp also auch in höchsten Tönen loben, wenn es gähnend langweilig gewesen wäre)

Das HistoCamp hat sich als großes Klassentreffen der twitteraffinen Historiker erwiesen. Aus praktisch allen Ecken Deutschlands sind Menschen angereist. Ich habe jede Menge Leute endlich mal „live“ getroffen mit denen ich schon seit Jahren auf Twitter kommuniziere. Und… alle waren nett. Im Prinzip hätten wir auch auf sämtliche Organisation und die Sessions verzichten und alle in einer dieser hübschen Bonner U-Bahnstationen rumhängen lassen können und es wäre trotzdem toll geworden. Schon alleine dafür hat sich das HistoCamp gelohnt. Wenn dich also deine Mama davor warnt, fremde Menschen aus dem Internet zu treffen, dann glaube ihr nicht.

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Das nächste HistoCamp wird einfach hier stattfinden

Was aber durch die Bank immer Thema war, sowohl in den einzelnen Sessions als auch in den vielen Gesprächen in den Pausen, ist ein ganz gehöriger Frust mit den bestehenden Strukturen innerhalb der Geschichtswissenschaft. Das HistoCamp wurde natürlich v.a. von jungen Geschichtsinteressierten besucht und gerade da sind prekäre Arbeitsverhältnisse, unklare Zukunftsperspektiven, befristete Verträge, miese Bezahlung und Abhängigkeiten in den universitären Strukturen ein großes Thema. Vielleicht liegt es daran, dass viele Teilnehmer in dieser Zwischenphase Ende Zwanzig, Anfang Dreißig waren, in der das Studium oder die Promotion sich dem Ende neigt und sich jetzt die Frage nach der Zukunft stellt.

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Es blieb auch noch genug Zeit, um das romantische Rheinufer zu besichtigen

Aus dem Frust kann aber auch viel Neues und Tolles entstehen. Das HistoCamp, aber auch andere Projekte zeigen, dass es problemlos möglich ist, dass junge und engagierte Historikern die Rolle einnehmen, die eigentlich etablierte Institutionen einnehmen sollten. Im Prinzip ist es eigentlich katastrophal, dass sich erst via Twitter eine wild zusammengewürfelte Horde aus Studierenden, freien Historikern, Doktoranden und „Fachfremden“ zusammenfinden musste, um das erste Barcamp für Historiker in Deutschland zu organisieren. Denn BarCamps sind ja bereits ein 10 Jahre altes Konzept und eine benachbarte Disziplin wie die Bibliothekswissenschaft hat bereits 8 BarCamps seit 2008 hinter sich. Es ist vielleicht symptomatisch für den aktuellen Zustand der Geschichtswissenschaft, dass keine etablierte Organisation auf die Idee gekommen ist, einmal etwas anderes zu versuchen und ein BarCamp zu organisieren. Aber als wir dann mit der Idee anklopften, waren alle begeistert.

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Menschen, die auf Smartphones starren

Gleichzeitig ist das gut so: Es gibt momentan die Möglichkeit, in diese Lücke zu stoßen. So zeigen viele interessante Projekte, Webseiten oder Podcasts, was alles jenseits der institutionalisierten Geschichtswissenschaft möglich ist. Das ist sehr lebendig und spannend. Daher kann man sich eigentlich freuen dass die „neuen Medien“ für viele alte Akteure noch neu sind (auch wenn der Begriff Neue Medien jetzt schon über 30 Jahre alt ist und bereits Anfang der achtziger Jahre heiß diskutiert wurde) Im Digitalen, auf Twitter, Facebook oder in Blogs bieten sich die Freiräume, die es anscheinend in den Institutionen nicht gibt.

Daher wäre es sogar schade, wenn jetzt alle plötzlich Social Media & Co. machen würden. Dann würde uns etwas verloren gehen und gerade diese zärtlichen Pflänzchen einer jungen, in dem Sinne unabhängigen Geschichtswissenschaft zertrampelt. Wie schade wäre es, wenn alle Nischen schon besetzt wären!

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Auch ohne HistoCamp ist die Innenstadt von Bonn eine Reise wert

Wirklich zukunftsfähig ist das Ganze aber natürlich auch nicht – es fehlt natürlich an Geld. Ohne die Möglichkeit solche Projekte irgendwann einmal zum Beruf zu machen bleiben Sie Hobbyprojekte. Das ist völlig in Ordnung – ich betreibe ja auch meine Seiten hier oder Planet History als Hobby. Aber natürlich nimmt der „Brotberuf“ die meiste Zeit in Anspruch und so kommt alles immer erst an zweiter oder dritter Stelle. Daher bleibt das Potenzial vieler Projekte nicht ausgeschöpft.

Und was steht jetzt als Fazit? Es hat Spaß gemacht, zu helfen, das HistoCamp mitzuorganisieren. Ich bin immer wieder überrascht, wie reibungslos die Zusammenarbeit mit „wildfremden“ Menschen läuft, die man nur via Twitter kennt. Sei es bei DigitalPast oder jetzt bei OpenHistory, das ist einfach toll. Gerne wieder, gerne weitere tolle Projekte und Aktionen!

Und es hat Spaß gemacht, das HistoCamp zu besuchen. Daher wird es 2016 sicherlich ein zweites HistoCamp geben. Wenn alles gut läuft, wird das HistoCamp auch weitere Früchte tragen: Es werden bereits Pläne für ein RememBarcamp für Gedenkstätten und ein ArchiCamp geschmiedet. Das ist wohl das beste Lob, was man als Veranstalter für so eine Veranstaltung bekommen kann.

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17 Kommentare zu Wenn Historiker campen gehen

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  12. Daniel sagt:

    Schöner Artikel, danke dafür. Lediglich die Sorge um die Nische teile ich nicht – wenn der Mainstream (also eher FALLS überhaupt ) die „Nische“ für sich entdeckt, wird die Nische entweder „nischiger“, und/oder setzt sich ab, weil sie authentischer ist. An Ende lieben die sozialen Medien ohnehin jene, denen man ihr Nischenwissen und Herzblut für Ihre Sache anmerkt. Da braucht man meines Erachtens gar keine Sorge um „true First Class citizens“ haben.

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