Hieronymus Bosch in ’s-Hertogenbosch – Die Hölle, das sind die anderen

Das Noordbrabants Museum hat etwas praktisch unmögliches geschafft: Es ist ein kleines, regionales Kunstmuseum in der niederländischen Provinz in ’s-Hertogenbosch. Und es hat es geschafft, zum 500-jährigen Geburtstags des berühmtesten Sohnes der Stadt eine wirklich bemerkenswerte Ausstellung auf die Beine zu stellen. 20 von 25 noch existierenden Gemälde von Hieronymus Bosch und 19 von 25 Zeichnungen sind momentan in einer monumentalen Ausstellung zu sehen.

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Die Ausstellung ist ein gigantisches Event – die Verantwortlichen gehen All-in und nutzen den Besucheransturm, um ihre Stadt zu bewerben. Es gibt eine Bosch-Route durch die Stadt, in der zahlreiche Statuen mit Kreaturen aus Boschs Werken platziert wurden. Vor dem Museum warten Mitarbeiter der Touristeninformation und geben Besuchern Tipps zum weiterführenden Besuch. Die lokalen Geschäfte verkaufen diverses Bosch-Merchandising. Es gibt praktisch alles mit Bosch-Motiven zu kaufen: Postkarten, Figuren, Kaffeetassen, T-Shirts, Handyhüllen, Lampen, Kalender, Vogelhäuser (!), Teller, Puzzles,   Kleidung, Taschen, Bücher, Notizhefte, Poster und sogar Käse, Bier, Schokolade, Wein und Kaffee. Nachts wird der Marktplatz mit Bosch-Motiven angestrahlt und man kann eine Bootstour mit Bosch-Thema machen. An die (sehr sehenswerte) Kathedrale wurde ein Gerüst gebaut, um Interessierten die Figuren auf dem Dach zeigen zu können. Das alles wird von einem gigantischen Veranstaltungsprogramm und dem manischen Lachen lokaler Hoteliers begleitet.

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Der Erfolg ist überwältigend: Die Ausstellungsmacher rechneten ursprünglich mit 250.000 Besuchern und weiteten aufgrund des Ansturms die Öffnungszeiten aus. Jetzt sind 380.000 Tickets verkauft und die Öffnungszeiten werden für den Endspurt nochmal ausgeweitet:

During the May holiday, from April 22nd to May 6th, the museum will be open everyday from 8:00 a.m. to 1:00 a.m. On the exhibition’s final weekend, May 7th and 8th, the museum will even be open all night – 37 hours straight.

Und wie ist jetzt die Ausstellung? Zuerst einmal ist sie – Überraschung – voll. Gerappelt voll. Gedrängelt voll. Genauer gesagt ist sie leider zu voll.

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Die bekannteren (und beliebtesten) Werke von Bosch wie etwa der Garten der Lüste sind mit den modernen Wimmelbildern verwandt. Sie strotzen nur so vor Details und ihnen fehlt häufig sogar ein klares Objekt im Zentrum. Bosch malt Landschaften, in denen buchstäblich die Hölle los ist. Überall wimmelt es und selbst weit im Hintergrund gibt es etwas zu entdecken. Fantastische Kreaturen, Menschen zwischen Erlösung und Hölle, Höllenszenen, die kaum zu übertreffen sind und eine Bildwirkung, die den Betrachter fast erschlägt. Bosch schuf seine Gemälde zu religiösen Zwecken und diese erfordern eine intensive Beschäftigung, lassen sich nicht einfach schnell konsumieren und ihre Botschaft erschließt sich erst nach längerem Nachdenken. Dazu kommt, dass sich viele der enthaltenen Anspielungen genau wie in Pieter Bruegels d.Ä. Gemälde Die niederländischen Sprichwörter nicht sofort erschließen, da uns mittlerweile der kulturelle und religiöse Background fehlt. In einer Menschentraube dicht gedrängt vor einem Gemälde fehlt leider die nötige Muße, um die Bilder in Ruhe betrachten und entdecken zu können. Das gilt auch für Boschs Zeichnungen, die deutlich unbekannter sind. Sie sind aber deutlich kleiner als seine großformatigen Triptychen, bestechen durch feine Details, sind zum Teil absolut spektakulär und auch sie kann man nicht angemessen würdigen.

Im Kern stellt sich die Frage, ob hier nicht der Fetisch des authentischen Objektes zu einem irgendwie unrühmlichen Spektakel wird. Wer unbedingt einen echten Bosch als Original im Museum sehen will, der sollte sich die letzten Tickets für die Timeslots mitten in der Nacht besorgen und sich in die Schlange einreihen. Eine derart hochkarätige Bosch-Ausstellung wird es die nächsten Jahre definitiv nicht mehr gehen. Die Ausstellung wandert ab Anfang Mai ins Prado in Madrid und danach muss man sehr, sehr weit in verschiedene Museen reisen. Wann man die neu entdeckte Zeichnung aus Privatbesitz das nächste Mal sehen kann, ist unbekannt.

Neu entdeckt und bald wieder gut versteckt in einer Privatsammlung - Zeichnung von Hieronymus Bosch

Neu entdeckt und bald wieder gut versteckt in einer Privatsammlung – Zeichnung von Hieronymus Bosch

Wer sich aber „nur“ für die Werke Boschs interessiert, ist bereits am richtigen Ort: Der heimische PC ist das bessere Museum. So gibt es etwa den (in der Ausstellung nur als zeitgenössische Kopie zu sehenden) Garten der Lüste als wunderbare Webseite. Diese bietet eine Auflösung, die man am Original/an der Kopie mit bloßem Auge so nicht sehen kann und glänzt dazu noch mit weiterführenden Erläuterungen und Kontextualisierung. Die Wikimedia Commons haben den Heuwagen in einer Auflösung von 9843×6475 Pixeln und im Vergleich stellt man fest, dass die digitale Version mehr Details erkennen lässt als das Original. Beim Bosch Research and Conservation Project kann man sogar Röntgenaufnahmen der Bilder betrachten und so sehen, was sich unter der Farbe versteckt. Besonders interessant ist das beim Triptychon von St. Wilgefortis, der während der Entstehung stark umgearbeitet wurde. Das Google Art Project hat weitere hochauflösende Scans. Die Wikipedia-Artikel übertreffen in ihrer Informationsfülle sowohl den Audioguide als auch den Ausstellungsführer. Der Ausstellungskatalog selbst druckt die Bilder leider in zu geringer Größe.

Alles in allem muss man den Hut vor dem Noordbrabants Musem ziehen: Ein kleines Museum in einer kleinen, praktisch unbekannten niederländischen Stadt muss quasi permanent geöffnet sein, weil ihm die Besucher die Bude einrennen und in der Stadt sprudelt die Begeisterung für einen Renaissance-Künstler an allen Ecken. Falls sich demnächst mal wieder jemand über fehlendes Interesse der Öffentlichkeit für Kunst oder Museen beschwert, darf man gerne auf das verweisen, das das Noordbrabants Musem geschafft hat. Es hat nicht nur einen gigantischen Erfolg gelandet, sondern auch seine Stadt auf die Landkarten gebracht und ihre Identität massiv gestärkt.

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Gleichzeitig zeigen sich aber auch die Grenzen moderner Sonderausstellungen: Europa ist trotz aller aktuellen Rückschläge europäischer als je zuvor. Hochgeschwindigkeitszüge, Billigflieger und Autobahnen ermöglichen problemlos auch einen Museumsbesuch in den Niederlanden, Grenzkontrollen und Visa-Beantragungen kennen wir nicht mehr und dank des Internets schaffen solche Ausstellungen auch ein überregionales Publikum zu erreichen. Ich habe etwa davon aus dem britischen Guardian erfahren. Entsprechend ist dann der Andrang. Dies ist ein Problem, dem sich auch die besucherstarken Häuser wie der Louvre oder das Berliner Neue Museum stellen müssen. In diesen verläuft sich der Besucheransturm etwas mehr, aber das Internet, dieses Netzwerk, das eigentlich dazu gedacht ist, dass Menschen miteinander kommunizieren, bietet hier einen Ausweg: Denn es bietet genau das, was wir beim Museumsbesuch wünschen. Privaten, individuellen Zugang zu den Werken, ungestört von anderen Besuchern und mit weiterführenden Informationen nur einen Klick entfernt. Und trotzdem ist es leider irgendwie etwas anderes nach Nordbrabant zu fahren, Boschs Werke als Original zu sehen und dann die wirklich sehr schöne Stadt zu erkunden. Der Fetisch des Originals, es gibt ihn einfach.

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9 Kommentare zu Hieronymus Bosch in ’s-Hertogenbosch – Die Hölle, das sind die anderen

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  5. Viola sagt:

    In einer Menschentraube dicht gedrängt vor einem Gemälde fehlt leider die nötige Muße, um die Bilder in Ruhe betrachten und entdecken zu können.

    Sehr wahr. Wobei sich in unserem Zeitfenster (abends um 9) die Massen irgendwann etwas verliefen und man dann noch ausreichend Gelegenheit hatte, die Ausstellung nochmal rückwärts oder kreuz und quer zu erkunden und dabei dann irgendwann auch vor jedem Werk mal weiter vorne zu stehen kam.)

    Daher empfiehlt sich, wenn man schonmal in Den Bosch ist, der Besuch des Jheronimus Bosch Art Centers: Dort werden die wichtigsten Werke und viele Zeichnungen als Replikas gezeigt, an die man sich ganz dicht dranstellen und in Ruhe erkunden kann. Die Altarbilder kann man zudem auf- und zuklappen, für den selbst getakteten Zu-Auf-Effekt.
    Danach kann man sich in der Sonderausstellung dem Fetisch des Originals dann ganz entspannt hingeben. 🙂
    http://www.jheronimusbosch-artcenter.nl/

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