Planet History

Author Archive for Hiltibold aus Graz

Einmaliges Schnäppchen: Gewaltiges Pompeji-Buch stark verbilligt zu haben

Aus speziellen Gründen, die ebenso kompliziert wie absurd sind, besitze ich das gewaltige 5-kg-Buch Houses and monuments of Pompeii doppelt. Eines davon biete ich daher stark verbilligt zum Kauf an.
– Der Neupreis beträgt 150 Euro (siehe Amazon). 
Ich gebe ein neuwertiges Exemplar (Abmessungen: 8,9 x 40,6 x 48,3 cm! – inklusive Originalkarton) für lediglich 105 Euro ab. 
Miteingerechnet sind hier bereits die nicht unerheblichen Versandkosten. Ein echtes Schnäppchen also 😊
– Bei Interesse schicke man einfach eine E-Mail an HILTIBOLD [at] gmail.com
Wer zuerst kommt, mahlt zuerst!
– Meine reichhaltig bebilderte Rezension zum Buch findet sich übrigens hier

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Anmerkung: Der Beitrag bleibt solange stehen, bis das Buch einen Käufer gefunden hat. Danach wird er gelöscht.

Hörbares: Die Illuminaten — Fährtenleser helfen Archäologie — Steinzeit und Eiszeit — usw

Die Illuminaten – Eine bayerische Geheimgesellschaft | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download
Im Interview: Robert Darga vom Naturkundemuseum Siegsdorf über Steinzeit und Eiszeit | Spieldauer 82 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download
Fußspuren aus der Vergangenheit: Fährtenleser helfen Archäologen | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

Im Interview mit dem BR: Kreisheimatpflegerin für Archäologie Monika Weigl | Spieldauer 71 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download
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"… so wird ein schöner Körper desto schöner sein, je weißer er ist." – Über den Mythos der marmorweißen Antike

Ich mach‘ mir die Welt widdewidde wie sie mir gefällt …

Nein, die in der Hauptüberschrift des Blogbeitrages zitierten Worte stammen nicht vom Ku-Klux-Klan 😉, sondern vom Begründer der wissenschaftlichen Archäologie: Dem Kunstschriftsteller Johann Joachim Winckelmann (Bild). Das vollständige Zitat lautet:

„Da nun die weiße Farbe diejenige ist, welche die mehresten Lichtstrahlen zurückschicket, … so wird ein schöner Körper desto schöner sein, je weißer er ist.“
Ganz in der Tradition von Renaissance-Künstlern wie Michelangelo erklärt der im 18. Jh. lebende Winckelmann Weiß bzw. den weißen Marmor zum bildhauerischen und architektonischen Schönheitsideal schlechthin. Damit beeinflusste er nicht nur den damals gerade aufkommenden Klassizismus, sondern auch die Altertumsforschung, welche aufgrund Winckelmanns fachlicher Autorität lange Zeit den Umstand ignorierte, dass Skulpturen und Reliefs in der Antike überwiegend bemalt waren. Dieses Ausblenden von Fakten – aufgrund subjektiven ästhetischen Empfindens – wirkt bis heute in den Köpfen vieler Menschen nach. Abzulesen etwa daran, dass in Sach- und Schulbücher zeichnerisch rekonstruierte Tempel der Antike zumeist unbemalt bleiben. Auch in Spielfilmen huldigt man dergestalt dem überholen und unwissenschaftlichen Ideal des Klassizismus.

Gegenbeweise in antiken Schriftquellen

Archäologische Belege für die Vielfarbigkeit (Polychromie) antiker Bildhauerwerke gibt es etliche. Einiges davon war natürlich auch Winckelmanns bekannt und wurde von ihm sogar genau beschrieben, wie etwa eine 1760 in Pompeji entdeckte Statue der Göttin Artemis. Trotzdem redete er sich – zumindest öffentlich – gerne darauf hinaus, dass solche Funde lediglich „barbarisch“ anmutende Ausnahmen seien, die beispielsweise aus der Frühzeit stammen oder den Etruskern zugerechnet werden könnten. Dieser Realitätsverweigerung widersprachen freilich antike Schriftquellen: Z.B. ist von Plinius d. Ä. eine Anekdote über den berühmten griechischen Bildhauer Praxiteles überliefert, der einst auf die Frage, welche seiner marmornen Statuen ihm am besten gefallen, geantwortet haben soll:

„Diejenigen, an die Nikias (ein berühmter Maler) Hand angelegt hat.“ 

Auch der Philosoph Platon spricht in seiner Politeia klar von bemalten Statuen:

„Wie, wenn nun jemand, indem wir [eine Statue] bemalten, herzutreten würde und uns tadelte, dass wir den schönsten Teilen des Körpers nicht auch die schönsten Farben auflegten, weil die Augen, als das Schönste, doch nicht mit Purpur bestrichen wären, sondern mit Schwärze, [wie] wir glauben würden, uns ganz angemessen gegen diesen zu verteidigen, wenn wir sagten: Du Wunderlicher, verlange nur nicht, dass wir so schöne Augen bemalen sollen, dass sie gar nicht mehr als Augen erscheinen, und so auch die anderen Glieder; sondern sieh nur darauf, ob wir bei jedem das Gehörige anbringen und so das Ganze schön machen.“

Und in der Tragödie „Helena“ des Dramatiker Euripides heißt es:

„Mein Leben und mein Schicksal sind ein Grauen. Daran trägt […] meine Schönheit Schuld. Könnt ich die nur vertauschen gegen hässliche Gestalt; so hässlich wie ein Marmorbild mit abgewischten Farben.“



Die Lebenslüge des Klassizismus beginnt zu bröckeln

Spätestens im frühen 19. Jahrhundert ließ sich Winckelmanns wackelige Argumentation von den angeblichen „Ausnahmefällen“ nicht mehr rechtfertigen (auch er selbst dürfte davon in seinen späten Jahren schon nicht mehr restlos überzeugt gewesen sein, wie u.a. private Notizen belegen). Damals kaufte der Kunstagent Johann Martin von Wagner für den bayerischen König Ludwig I. diverse Giebelfiguren des Aphaia-Tempels von Ägina an und entdeckte darauf etliche Farbanhaftungen. Er schrieb darüber:

„Wir wundern uns über diesen scheinbar bizarren Geschmack und beurteilen ihn als eine barbarische Sitte […]. Hätten wir vorerst unsere Augen rein und Vorurteilsfrey, und das Glück zugleich, einen dieser griechischen Tempel in seiner ursprünglichen Vollkommenheit zu sehen, ich wette, wir würden unsere Vorurteile gerne wieder zurücknehmen.“

Damit war sozusagen aus klassizistischer Sicht die Büchse der Pandora geöffnet worden. Von nun an war es kein ‚Tabu‘ mehr, die Polychromie antiker Plastiken gezielt zu erforschen und ausgiebig darüber zu diskutieren. Im Jahr 1830 erschien das erste Werk, das sich explizit mit dieser Thematik beschäftigte – sein Titel: „De l’architecture polychrome chez les grecs“, vom deutsch-französischen Architekten Jacob Ignaz Hittorff. Auch der berühmte Architekt Gottfried Semper verfasste, nachdem er für längere Zeit Griechenland bereist hatte, zwei einschlägige Publikationen: „Vorläufige Bemerkungen über die bemalte Architektur und Plastik bei den Alten“ (1834; Onlineausgabe) und „Über die Anwendung der Farben in der Architektur und Plastik“  (1836).
Doch es dauerte geraume Zeit, bis sich zumindest in Gelehrten- und Künstler-Kreisen die Ansicht endgültig durchsetzte, dass antike Architektur und Bildhauerei nicht monochrom sondern polychrom war. Selbst noch 1868, als in Prima Porta die berühmte gleichnamige Statue des Augustus ausgegraben wurde, reagierte der anwesende Maler Arnold Böcklin regelrecht geschockt, nachdem er feststellte, dass das Kaiserbildnis Spuren von Farbe aufwies. Er soll damals gesagt haben: 

„Der Klassizismus, wie ich ihn kennengelernt habe, ist falsch und unzutreffend.“

Und trotzdem änderte sich in der Praxis wenig. Auch weiterhin wurde in der klassizistischen Architektur zumeist auf Farbe verzichtet. Das Bild von der vermeintlich marmorweißen Ästhetik der Antike hatte sich bereits viel zu sehr in den Köpfen der Intelligenzia festgesetzt.
Freilich, es gab Ausnahmen. So thematisierte beispielsweise der britisch-niederländische Maler Sir Lawrence Alma-Tadema in einigen seiner Gemälde sehr zutreffend die Buntheit der Antike – siehe etwa das nachfolgende Bild.

Wie viel Farbe vertrug die Antike? 

Nachdem für die meisten Gelehrten zweifelsfrei feststand, dass in der gesamten antiken Kunst und Architektur die Vielfarbigkeit einen festen Platz hatte – also auch abseits der ohnehin schon lange bekannten Wandmalereien – begann sich die Debatte zunehmend um die Frage zu drehen, in welchem Ausmaß koloriert wurde (dazu trugen wohl auch Textstellen wie jene von Platon bei, die bereits oben zitiert wurde). Aufgrund des sehr beschränkten naturwissenschaftlichen Methodenapparats des 19. und frühen 20. Jahrhunderts war das keinesfalls leicht zu beantworten. Ja selbst in heutiger Zeit fällt es mitunter schwer. Ein gutes Beispiel dafür ist der (in ein riesiges Zelt verpackte) griechische Apollontempel bei Bassae (Bassai). Einige Forscher vertreten die Meinung, die Platten des Frieses wären ursprünglich komplett in leuchtenden Farben bemalt gewesen. Andere glauben, Farbe sei vor allem zur Hervorhebung wichtiger Details verwendet worden. Und eine dritte Gruppe spricht gar davon, dass nur der Hintergrund mit einer zarten Tünche überzogen war, um die Figuren des Reliefs deutlicher hervortreten zu lassen. Die bisherigen Untersuchungen lassen jedenfalls – wie es heißt – noch keinen eindeutigen Schluss zu. Und das trotz all der modernen technischen Möglichkeiten, mit deren Hilfe Farbanhaftungen auf antiken Objekten bereits in vielen anderen Fällen entdeckt und analysiert wurden.

Wissenschaftliche Methoden der Farbanalyse

➤ Von einiger Bedeutung für die Ermittlung der einstigen Bemalung sind Verwitterungsreliefs. Farben die weniger haltbar sind – wie Ocker – geben relativ frühzeitig den blanken Stein frei, während z.B. Blau und Zinnoberrot besonders lange schützend anhaften. Mittels Streiflicht kann die darauf zurückzuführende unterschiedlich starke Verwitterung der Oberfläche sichtbar gemacht werde. Aus den daraus erlangten Ergebnissen lassen sich wiederum Rückschlüsse auf die ursprünglich verwendeten Farben/Pigmente ziehen (mineralische Farbstoffe sind zumeist beständiger als pflanzliche).
➤ Der Einsatz eines Auflicht-Stereo-Mikroskops dient dem Aufspüren von winzigen Überresten der einstigen Bemalung
➤ Die Zusammensetzung von Farbreste kann unter bestimmten Voraussetzungen mithilfe der Infrarotspektroskopie oder Röntgendiffraktometrie bestimmt werden
➤ Bei Verwendung der sogenannten UV/VIS-Reflexionsspektralphotometrie ist eine Bestimmung der Pigmente und Farbwerte ohne die Entnahme von Proben möglich. Wegweisend auf diesem Gebiet waren entsprechende Untersuchungen, die in den 1960er-Jahren bei Objekten der Münchner Glyptothek durchgeführt wurden

Restbestände klassizistischer Ignoranz

Im Angesicht der aktuellen technischen Möglichkeiten, den eindeutigen Hinweisen in antiken Schriftquellen und der langen Forschungsgeschichte ist es ärgerlich, dass bei der ikonographischen Deutung antiker Werke ihre einstige Bemalung immer noch kaum Berücksichtigung findet.
Auch werden Museumsbesucher nur in Ausnahmefällen darauf hingewiesen, dass manch ausgestelltes Objekte aufgrund des Fehlens jedweder Farbe uns heute einen völlig anderen optischen Eindruck vermittelt als den Menschen der Antike.

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Weiterführende Literatur / Quellen: 

  • Ritchie Pogorzelski | Der Triumph. Siegesfeiern im antiken Rum und ihre Dokumentation auf Ehrenbögen in Farbe | Nünnerich-Asmus | 2016 | Infos bei Amazon
  • Mary Beard | Kleine Einführung in die Altertumswissenschaft |  J.B. Metzler | 2015 | Infos bei Amazon


Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

Krimskrams: Bücher, Bücher, Bücher! — Prinzipienreiterei — Fund in den Logfiles

Bücher, Bücher, Bücher!
Ich möchte an dieser Stelle auf meine Buchrubrik hinweisen, in der alle Rezensionen aufgelistet sind; vergangene sowie zukünftige (d.h. die bis Jahresende geplanten): Klick mich
Wie man sieht: Da kommt einiges! Was bis zu einem gewissen Grad daran liegt, dass ich vermehrt Angebote für Rezensionsexemplare erhalte. Außerdem habe auch ich damit begonnen, selten aber doch nach diesem oder jenem Buch zu fragen.
Freilich, ich schreibe hier sicher nicht lauter 5-Sterne-Lobhudeleien, um mir die Verlage auf Teufel komm raus gewogen zu stimmen. Die meisten Fach- und Sachbücher die von mir besprochen werden bekommen zwar immer noch recht gute vier Sterne, aber das war auch schon so, bevor Rezensionsexemplare für mich auf dem Radar erschienen sind. Der Grund: Viel falsch machen kann man bei dieser Art Literatur nicht, außerdem achte ich im Vorhinein darauf, was ich lese.
Es gibt, das lehrt langjährige Erfahrung, Verlage wie Theiss oder Friedrich Pustet – und Autoren wie den Althistoriker Karl-Wilhelm Weeber – die für Qualität stehen. Deshalb sind in solchen Fällen böse Überraschungen kaum denkbar. 
Selbst ein Verlag wie Marix (Verlagshaus Römerweg) – der mir früher mit seinen Reprints von Uraltübersetzungen antiker Texte eher weniger gut aufgefallen ist (z.B. Herodots Historien) – hat sich mittlerweile zu einem echten Geheimtipps entwickelt, nachdem dort Fachleute wie der Althistoriker Kai Brodersen moderne, gut leserliche Neuübersetzungen erstellen, die man sonst nirgendwo zu bezahlbaren Preisen erhält (Klick mich).
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Prinzipienreiterei

Der Online-Standard berichtet von einer spanischen Galleone, die 1708 vor der Küste Kolumbiens in einem Gefecht auf den Meeresgrund befördert wurde. Was freilich keine Absicht der gegnerischen Royal Navy gewesen sein dürfte, denn an Bord befanden sich laut Allwissender Müllhalde 344 Tonnen Gold- und Silbermünzen sowie 116 Kisten mit Smaragden (das hätte eine saftige Prise abgegeben). Der heutige Wert: Mehrere Milliarden (!) Euro. Dass sich die Regierung Kolumbiens über diesen gewaltigen Schatz vor der eigenen Haustür freut, dürfte wenig überraschend sein. Nach der Bergung des Schiffs soll dieses konserviert und ein  Teil des Schatzes veräußert werden.
Eine vernünftige Lösung, oder? Nicht in jedermanns Augen, denn aus den Reihen der Archäologen ist Nörgelei zu vernehmen. Einer Art Messie-Syndrom frönend, wird ernsthaft die Forderung erhoben, dass nichts von diesem geradezu absurd großen Edelmetall- und Edelsteinhaufen verkauft werden dürfe.

Breaking apart unity of the galleon and her cargo, dissolving essential parts of this heritage for market value, as the 2013 Colombian Law allows, damages its historical value and the benefit for Colombian people. The scientific community, universities and academic centers worldwide, and billions of people -especially the Latin American- who celebrate this culture in our countries, are watching very close what happens in Colombia these days. 

Faszinierend – oder besser gesagt anmaßend – wie hier ein kleines Grüppchen behauptet, im Namen von Milliarden (!) Menschen zu sprechen, ohne je von diesen in irgend einer Form legitimiert worden zu sein.
Jede Wette, dass die Mehrheit der Bevölkerung Kolumbiens für einen teilweisen Verkauf des Schatzes ist. Und für die Wissenschaft macht es, nachdem alles ordentlich dokumentiert wurde, ohnehin keinen Unterschied, ob in den Schaufenstervitrinen des geplanten Museums – in dem das Schiff ausgestellt werden soll – hunderte, tausende oder zehntausende Münzen gleicher Prägung liegen; für Kisten voller Rohedelsteine gilt das noch viel mehr.

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Fund in den Logfiles dieses Blogs:

http://webfilter.schule.local:4290/denied.rhtml?DENIEDURL==http%3a%2f%2fhiltibold%2eblogspot%2ecom%2f2013%2f04%2fhaare%2dfarben%2dim%2dantiken%2drom%2ehtml::IP==10.31.241.228::USER==-::CATEGORIES==::GBYPASS==8D61068920F6BFB04372DCC9BDE34ED21498030001::REASON==%5bDOMAINBAN%5d%20Verbotene%20Dom%c3%a4ne%3a%20blogspot%2ecom 

Da versucht man irgendwo von schulischer Seite die Domain Blogspot.com zu blockieren, also die größte Blogplattform der Welt. Spinnen die ein bisschen? 

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Buch: Historien, von Herodot (Neuübersetzung)

Der um 485 v. Chr. geborene Herodotos von Halikarnassos – normalerweise kurz und bündig „Herodot“ genannt – verfasste ein aus neun Büchern bestehendes Geschichtswerk, das heute zu den bedeutendsten Schriftquellen der Antike zählt: Die sogenannten Historien. Ihr mehr oder weniger chronologisch geordneter Inhalt  reicht von der mythischen Zeit der alten Griechen bis zu den Perserkriegen im ersten Drittel des 5. Jahrhunderts (eine übersichtliche Inhaltsangabe findet man hier).
Herodot war ein ‚Wissenwoller‘ (‚wissen wollen‘ ist die eigentliche Bedeutung des griechischen Wortes historein, woher beispielsweise ‚Historie‘ stammt). Auf ausgedehnten Reisen – wie etwa nach Ägypten – lernte er viele fremde Kulturen und deren Besonderheiten kennen. Geschickt verwob er die gewonnenen Informationen in seinem Werk mit Berichten über Herrscher, Schlachten und Politik. 
Auch wenn Herodot nicht gerade den Qualitätsstandards der modernen Geschichtsschreibung gerecht wird, so sind seine Historien aufgrund ihres farbigen Detailreichtums für die Altertumsforschung von unschätzbarem Wert. Ein paar Beispiele: Im 1. Buch wird vom Drogenkonsum der Massageten (ein iranisches Volk) gesprochen, die bestimmte Früchte verbrannten, um den dabei entstehenden Rauch zu inhalieren. An anderer Stelle beschreibt Herodot die Bauweise von Schilden und erzählt von einem bei Ausschachtungsarbeiten entdeckten menschlichen Skelett, das sieben Ellen lang gewesen sein soll (= ca 3,36 m).
Kurz gesagt: Die Historien sind zwar bereits rund 2500 Jahre alt, doch kommt beim Lesen der abwechslungsreichen Schilderungen nur selten Langeweile auf. Zumindest mir ging es so.
Die vorliegende, im Alfred Kröner Verlag erschienene Übersetzung stammt vom Philologen Heinz-Günther Nesselrath. Sie enthält etliche, mitunter recht ausführliche Anmerkungen (Endnoten) und ein Namensregister. Das Deutsch der Übersetzung ist zeitgemäß, allerdings muss ich ich einen Stern abziehen, weil hier, anders als beispielsweise bei der Ausgabe des Reclam Verlages, der griechische Originaltext nicht enthalten ist. Freilich, Reclam hat es andererseits bisher nicht geschafft, alle Teile/Bücher der Historien zu veröffentlichen. Seit dem Jahr 2002 trödelt man herum, sodass trotz dieses langen Zeitraums erst sieben der neun Bücher erhältlich sind. Die von Kröner publizierte Ausgabe ist hingegen vollständig. Auch ist sie mit knapp 28 Euro deutlich günstiger als die beim ‚Wucherer‘ De Gruyter (Sammlung Tusculum) erschienene Gesamtausgabe; zwar ist diese wiederum zweisprachig, aber aus meiner Sicht rechtfertigt das keinesfalls einen Preis von saftigen 110 Euro.
Fazit: Wer den altgriechischen Text nicht zwingend benötigt, der ist mit dieser einsprachigen und modernen Übersetzung bestens bedient. Der verlangte Preis ist für das in Leinen gebundene, mit einem Schutzumschlag versehen Buch sehr gut. 
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Weiterführende Informationen:

Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

Hörbares: Burgen — Mittelalter-Darsteller im Interview — Der Golem — Wie die Götter auf die Welt kamen

Burgen – Schutz und Hut des Landes | Spieldauer 24 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download
Mittelalter-Darsteller Andrea und Norbert Sturm erzählen von ihrem Hobby | Spieldauer 31 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download
Archäologie des Glaubens: Wie die Götter auf die Welt kamen | Spieldauer 28 Minuten | ARD/SWR | Stream & Info | Direkter Download
Der Golem – Erschaffen aus Lehm und Sprache | Spieldauer 24 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download
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Pfusch am Bau in der Antike: Der römische Ingenieur Nonius Datus und ein (fast) misslungener Aquädukt-Tunnel

An der Küste Algeriens lag in römischer Zeit die Stadt Saldae. Dort war im 2. Jh. n. Chr. von den lokalen Autoritäten der Bau einer Fernwasserleitung beschlossen worden. Aus einem 17 Kilometer (Luftlinie) entfernten Quellgebiet sollte Trinkwasser herangeführt werden. Für die Bewältigung dieser Aufgabe wurde beim Militär um die Entsendung eines geeigneten Bauingenieurs angesucht (was darauf hindeutet, dass derlei Profis vor allem dort, und nicht im zivilen Umfeld zu finden waren). Der Bitte wurde entsprochen und man schickte einen Ingenieur namens Nonius Datus. Dieser begann die Arbeiten zwar, zog sich aber zu einem unbestimmten Zeitpunkt wieder zurück. Wer ihm nachfolgte ist nicht bekannt, doch traten nach einiger Zeit beim Bau eines Tunnels gröbere Probleme auf. Selbst ein Abbruch sämtlicher Bauarbeiten wurde deshalb schon in Betracht gezogen. Und obwohl seit dem Beginn des Aquäduktbaus ca. 15 – 20 Jahre vergangen waren, erinnerte man sich noch an jenen Mann, der ursprünglich Planung und Arbeiten geleitet hatte: Nonius Datus. Der mittlerweile in den Ruhestand getretene Veteran sollte den Karren noch einmal aus dem Dreck ziehen. Darüber berichtet er auf seinem Grabmonument in einer ausführlichen Inschrift, die unter anderem auch den Brief eines römischen Statthalters beinhaltet, wie aus nachfolgender Übersetzung hervorgeht.
Brief des Procurators (Statthalters) Varius Clemens an den Legionslegaten Valerius Etruscus: Sowohl die herrlichste Stadt Saldae als auch ich mit den Salditanern bitten Dich, Herr, dass Du Nonius Datus, Feldmesser und Veteran der Legio III Augusta, aufforderst, nach Saldae zu kommen, um von seinem Werk fertig zu stellen, was noch aussteht.

Nonius Datus: Ich habe mich aufgemacht und bin auf dem Wege unter Räuber geraten; ausgeraubt und verwundet bin ich mit den meinen entronnen; ich bin nach Saldae gekommen und habe den Procurator Clemens aufgesucht. Er hat mich zu dem Berg geführt, wo man über den misslungenen Tunnelbau klagte; man glaubte, ihn aufgeben zu müssen, weil der Vortrieb der beiden Stollen bereits länger ausgeführt war, als der Berg breit war. Es war offensichtlich, dass man mit den Vortrieben von der Trasse abgekommen war; so wie der obere Teil des Tunnels nach rechts, also nach Süden abwich, so ist in ähnlicher Weise der untere Teil ebenfalls nach rechts, also nach Norden abgewichen; beide Baulose haben also die Richtung verfehlt, weil man der Trasse nicht gefolgt war. Die exakte Trassenlinie war aber mit Pfählen von Ost nach West über den Berg abgesteckt worden. Damit aber beim Leser kein Missverständnis bezüglich der Stollen entsteht, wenn es hier ‚oberer‘ und ‚unterer‘ heißt, so ist das so zu verstehen: Mit ‚oberer‘ ist der Teil gemeint, in dem der Tunnel das Wasser aufnimmt, mit ‚unterer‘ der Teil, wo das Wasser wieder herauskommt. Als ich die Arbeiten zuteilte, damit sich jeder darüber im Klaren war, welche Strecken des Vertriebs er aufzufahren hatte, habe ich die Flottensoldaten und die Soldaten aus gallischen Hilfstruppen um die Wette arbeiten lassen (von beiden Seiten her), und so haben sie sich beim Durchstich des Berges getroffen. Ich also war es, der zuerst das Nivellement gemacht und den Bau der Wasserleitung organisiert und in die Wege geleitet hatte nach den Plänen, die ich dem Procurator Petronius Celer gegeben hatte. Das vollendete Bauwerk hat der Procurator Varius Clemens durch die Einleitung des Wassers seiner Bestimmung übergeben. [Die Transportleistung des Aquäduktes beträgt ?] Fünf Scheffel. Damit mein Bemühen um diesen Aquädukt von Saldae deutlicher erscheint, habe ich einige Briefe angefügt […]. 

(CIL 8,1 2728 | Übers.: Klaus Grewe)

Die für die heutige Forschung hochinteressante Grabinschrift deutet darauf hin, dass Nonius Datus sehr daran gelegen war, der Nachwelt nicht als Verantwortlicher für die Schwierigkeiten beim Tunnelbau des Aquädukts von Saldae in Erinnerung zu bleiben. Vielmehr präsentiert er sich – wohl zurecht – als Problemlöser. Da die beiden Bautrupps des im Gegenort-Verfahren geplanten Tunnels aneinander vorbeigegraben hatten (siehe Grafik), ließ Nonius Datus neue Vermessungen vornehmen und eine Querverbindung zwischen den beiden Teilstücken herstellen.
Nach ihrer Fertigstellung war die Fernwasserleitung 21 km lang und transportierte pro Tag ca. 10000 Kubikmeter Wasser. Jener Tunnel, der so ungemein viele Schwierigkeiten bereitet hatte, war 428 Meter lang und lag bis zu 86 Meter unter der Erde.

Misslungener Tunnelbau im Gegenort-Verfahren. Beide Bautrupps wichen unbeabsichtigt vom geplanten Trassenverlauf des unterirdischen Aquädukts von Saldae ab und verfehlten sich.
Keine Rechte vorbehalten, aber um die Nennung der Quelle wird gebeten: HILTIBOLD.Blogspot.com
Dieses Beispiel zeigt, dass selbst die für ihre Bauten auch heute noch berühmten Römer keinesfalls Wunderwuzzis waren, denen keine gröberen Fehler unterliefen. Im Gegenteil, die Bauforschung kennt längst etliche ähnlich gravierende Missgeschicke.

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Weiterführende Literatur:


Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

PDFs: Helme, Helme, Helme!

Der keltische Waffenfund von Förk in Kärnten | Markus Egg | Academia.edu

Die ältesten Helme der Hallstattzeit | Markus Egg | Academia.edu

Ein hallstattzeitliches Grab mit Schüsselhelm aus Budinjak in Kroatien | Markus Egg | Academia.edu

Zum hallstattzeitlichen Helmfragment von Magdalenska gora | Markus Egg | Academia.edu

Die Waffen (Helme, Schwerter,…) der „Lepontier“ | Markus Egg | Academia.edu

Ein antiker Bronzehelm vom Ufer des Sempachersees | Markus Egg | Academia.edu

Ein Helmhut mit zusammengesetzter Kalotte | Markus Egg | Academia.edu

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Krimskrams: Campus Galli entdeckt Stein der Weisen und erzeugt Eisen aus Bohnen! — usw.

Campus Galli entdeckt Stein der Weisen und erzeugt Eisen aus Bohnen!
Schon wieder die Mittelalterbaustelle Campus Galli: Laut Schwäbischer Zeitung – von Einheimischen auch liebevoll Schäbige Zeitung genannt – scheinen die Klosterbaumeister in Meßkirch eine geradezu sensationelle Entdeckung gemacht zu haben. Folgendes wird nämlich im Zusammenhang mit dem Besuch einer Schülergruppe berichtet:

Eisen aus Bohnen gewinnen? Echt jetzt? Oder handelt es sich hier lediglich um eine peinliche Verwechslung mit dem lokal im Boden vorkommenden Bohnerz? Höchstewahrscheinlich! 😄
Es wird aber noch besser: Nachdem ein Leser der Schwäbischen Zeitung die Frage aufwarf, wie man denn bitteschön aus Brechbohnen Eisen herstellt, wurde seine Kommentar gelöscht sowie die betreffende Stelle im Artikel leicht geändert; wobei man den einen Unsinn durch einen anderen ersetzt hat:

Es stellt sich die Frage: Ist die hier zutage tretende Dummheit wirklich nur beim Campus Galli zu verorten oder spielt eventuell auch der ‚Pressepartner‘ des Projekts – die Schwäbische Zeitung – eine unrühmliche Rolle?

Ein Leser dieses Blogs (derselbe, dessen kritische Frage von der Schwäbischen Zeitung gelöscht wurde) bekam auf Nachfrage von der Redaktion die Antwort, dass den Schülern gegenüber „bewusst von ‚Brechbohnen‚ als Synonym für kleine Steine gesprochen wurde“. 
Also dürfte hier doch der Campus Galli selbst die Quelle dieses haarsträubenden Blödsinns sein. Was wiederum äußerst peinlich ist, schließlich wird dieses mit Steuergeld subventionierte Projekt der Öffentlichkeit als pädagogisch wertvolle  ‚Bildungseinrichtung‘ verkauft.

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Doof wie ein Sack Zement …
…. aber – wir mir scheinen will – für dieses Milieu nicht ganz untypisch 😄
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„Citizen Science“ oder …. ?

Zu 03:33 springen und die Ohren spitzen!  Klick mich
Handelt es sich hierbei wieder einmal um eine deutsche Dialekt-Besonderheit – so wie der „Arschäologe“? 😂
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Kunstkalender: Römische Fresken

Mal etwas ganz anderes: Römische Fresken sind das Thema eines vom KV&H Verlag vertriebenen Kalenders, den ich kürzlich bei Amazon entdeckt habe.
Auf 12 Blättern (plus Deckblatt) sind ebenso viele Wandmalereien / Fresken dargestellt, die hauptsächlich in den antiken Vesuv-Städten wie Pompeji, Boscoreale, Stabiae usw. von Archäologen ausgegraben wurden. Die Rückseite des Kalenders zeigt eine entsprechende Übersicht zu den einzelnen Motiven, in der u.a. Bezeichnung, Fundort und Datierung genannt werden. 
Wegen des überaus großen Formats von 49 x 68 cm kann man sogar einzelnen Pinselstriche unterscheiden, was mir persönlich sehr gut gefällt.
Die Monate und Tage hat man dezent am unteren Bildrand platziert, wo sie nicht stören bzw. kaum zu erkennen sind (siehe das Übersichtsbild unten). Die Kalenderfunktion stellt daher meiner Ansicht nach eher eine Art Alibi dar, denn so einen Kunstkalender hängt man sich vor allem wegen den schönen Motiven an die Wand (wer das aktuelle Datum wissen möchte, schaut heutzutage ja sowieso meist aufs Handy). Im Prinzip wäre es hier ohne weiteres möglich, die Kalendertage wegzuschneiden und das dadurch kaum beeinträchtigte Bild kostengünstig zu rahmen, um damit eine kahle Wand zu verschönern.
Zum Schluss ein winziger Kritikpunkt, der die Zuordnung der Motive zu den einzelnen Monaten betrifft. Beispielsweise hätte ich den Vogel in üppiger grüner Natur nicht im Winter bzw. Dezember platziert, sondern eher im Frühjahr oder Sommer. Aber das ist wohl auch eine Frage des persönlichen Geschmacks; es gibt nämlich sicher auch den einen oder anderen, der es gerade im Winter gerne grün hat 😊. Der Kaufpreis beträgt knapp 40 Euro.

PS: Mein Wunsch an den Verlag wäre es, auch einen Kalender mit enkaustischen Mumienporträts aus römischer Zeit zu veröffentlichen. In dem Bereich gibt es etliche wunderschöne Darstellungen!

Hörbares: Was Mumien über Diäten verraten — Sabbatruhe seit Antike umstritten — Archäologie in Jordanien — Karl Baedeker


Udo Pollmer: Abnehmen mit Kleopatra – was die Mumien über Diäten verraten | Spieldauer 5 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download


Sabbatruhe seit Antike umstritten: Gespräch mit Bibelforscher Reinhard Achenbach | Spieldauer 10 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download

Jordanien: Endlichkeiten von Kulturen trotzen einem endlosen Konflikt | Spieldauer 18 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download

Steinmetz-Training in Jordanien – Schlagkräftige Kulturhilfe | Spieldauer 5 Minuten | ARD/DF | Stream & Info | Direkter Download
(Off-Topic) Karl Baedeker – Welche Lust gewährt das Reisen | Spieldauer 23 Minuten | ARD/DF | Stream & Info | Direkter Download
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Hörbares: Was Mumien über Diäten verraten — Sabbatruhe seit Antike umstritten — Archäologie in Jordanien — Karl Baedeker


Udo Pollmer: Abnehmen mit Kleopatra – was die Mumien über Diäten verraten | Spieldauer 5 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download


Sabbatruhe seit Antike umstritten: Gespräch mit Bibelforscher Reinhard Achenbach | Spieldauer 10 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download

Jordanien: Endlichkeiten von Kulturen trotzen einem endlosen Konflikt | Spieldauer 18 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download

Steinmetz-Training in Jordanien – Schlagkräftige Kulturhilfe | Spieldauer 5 Minuten | ARD/DF | Stream & Info | Direkter Download
(Off-Topic) Karl Baedeker – Welche Lust gewährt das Reisen | Spieldauer 23 Minuten | ARD/DF | Stream & Info | Direkter Download
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Buch: Die deutschen Königspfalzen – Band 5.3 – Bayerisch-Schwaben

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Eines der Hauptmerkmale des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation war das Reisekönigtum. Deutschen Könige (und Kaiser) des Mittelalters verfügten über keine feste Residenz, sondern reisten quer durchs Land, um von verschiedenen Orten aus ihre Regierungsmacht auszuüben. Wichtige Voraussetzung hierfür waren ausreichende Unterbringungsmöglichkeiten für das oft sehr umfangreiche königliche Gefolge. Diesen Aufenthaltsorten – man spricht von sogenannten Pfalzen – widmet sich die vom Verlag Vandenhoeck & Ruprecht veröffentlichten Repertoriumsreihe Die deutschen Königspfalzen.
Beim vorliegenden Buch handelt es sich um den Teilband 5.3, in dem die Königspfalzen bzw. die dazugehörenden Siedlungen in Bayerisch-Schwaben einer näheren Betrachtung unterzogen werden. Konkret sind das:

🔼Augsburg 🔼Donauwörth 🔼Günzburg
🔼Hohenaltheim 🔼Holzkirchen 🔼Memmingen
🔼Mering 🔼Zusmarshausen

Die in diesem Band behandelten Pfalzorte werden nach zwei verschiedenen Schemata behandelt. Schema A – für Königspfalzen, Königshöfe und andere Besitzungen des Reichs zum Zeitpunkt der ersten Aufenthalts; und Schema B – für Aufenthaltsorte der Könige ohne nachweisbare Existenz einer Königspfalz, eines Königshofes oder anderer Besitzungen des Reichs zum Zeitpunkt des ersten Aufenthalts.

Folgende Informationen beinhaltet Schema A (von mir gekürzt wiedergegeben):
I. Name des Pfalzortes
II. Historisch-geographische Beschreibung (Lage in Landschaft; Verkehrslage; Lage des Pfalzortes in der Wirtschaftsgeographie, der kirchlichen Geographie, der Wirtschaftsgeographie und der politischen Geographie)
III. Siedlungsgeschichte des Pfalzbereichs (Frühgeschichte, Bezeichnung der Siedlung in den Quellen, Beziehung zwischen Siedlung und Pfalz)
IV. Topographie der Pfalz (Bezeichnung der Pfalz in den Quellen; Lage der Pfalz in ihren Bestandteilen; Bauten und Ausstattung)
V. Königtum und Pfalz (Aufenthalt der Könige in der Pfalz und am Pfalzort; Nichtkönigliche Aufenthalte in der Pfalz und am Pfalzort; Königserhebungen, Hoftage, Heeresversammlungen, Synoden; Versammlungen und Landtage in der Pfalz und am Pfalzort; Gerichtstage am Pfalzort; Empfang von Päpste; usw. )
VI. Besitz, Serviten und Aufgaben (Königsgut und Pfalz; auf der Pfalz erhobene Abgaben; besondere Reichsaufgaben der Pfalz)
VII. Späteres Schicksal der Pfalz
VIII. Bedeutung der Pfalz in den einzelnen Perioden

IX. Bibliographie und Hilfsmittel (Häufig zitierte Quellen, Quellensammlungen und Regestenwerke; Bücher und Aufsätze; Karten; Bilder)  

Folgende Informationen beinhaltet Schema B (von mir gekürzt wiedergegeben):
I. Name des Pfalzortes
II. Historisch-geographische Beschreibung (Lage in Landschaft; Verkehrslage; Lage des Pfalzortes in der Wirtschaftsgeographie, der kirchlichen Geographie, der Wirtschaftsgeographie und der politischen Geographie)
III. Geschichte des Ortes (Siedlungsgeschichte; Institution oder Person, die den König beherbergte, und ihre Beziehung zum Königtum
IV. Örtlichkeit der Königsaufenthalte (Bezeichnung; Lage; Bauten)
V. Königtum vor Ort (Aufenthalt des Königs am Ort; Nichtkönigliche Aufenthalte von Bedeutung; Königserhebeungen, Hoftage, Heeresversammlungen und Synoden …; Versammlungen und Landtage …; Gerichtstage des Königs; Empfang von Päpsten, …; Geisliche Festfeiern des Königs; Weltliche Festfeiern des Königs; usw.)
VI. Besitzverhältnisse, Servititen und Reichsaufgaben
VII. Nachwirkungen der Funktion des Ortes für das Königtum

VIII. Bedeutung als Aufenthaltsort von Königen in den einzelnen Perioden
IX. Bibliographie (Häufig zitierte Quellen, Quellensammlungen und Regestenwerke; Bücher und Aufsätze; Karten; Bilder)

Der oben dargelegte Aufbau der Schemata ist stringent und übersichtlich. Das erleichtert das Arbeiten mit diesem Repertorium sehr. Mehrere ausklappbare Karten stellen zusätzlich ein nützliches Hilfsmittel dar.
Die großzügig zitierten Textstellen der historischen Quellen wurden im lateinischen Original wiedergegeben. Für Leser mit vergleichsweise bescheidenen Lateinkenntnissen (ego) ist dieser Umstand etwas problematisch. Da die essentiellen Informationen aber immer auch in deutscher Sprache genannt werden, kann man von keiner gravierenden Hürde sprechen.
Die Ausführungen zu den unterschiedlichen Pfalzorten unterscheiden sich sehr in ihrem Umfang. So beansprucht beispielsweise alleine Augsburg rund die Hälfte der Seiten des vorliegenden Bandes. Was freilich im Angesicht der herausragenden historischen Bedeutung dieses Ortes wenig verwunderlich ist (außerdem galt mein spezielles Interesse ohnehin Augsburg).

Trotz des schönen Leineneinbandes mit Goldprägung, der sich unter dem Schutzumschlag verbirgt, dürfte der Preis von 130 Euro vielen Interessenten ziemlich happig erscheinen – deshalb vier statt fünf Sterne.

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Weiterführende Informationen:

Weitere interessante Themen auf diesem Blog: 

Krimskrams: Die faszinierende Prioritätensetzung à la Campus Galli — Archäologe als Sozialversicherungsbetrüger — usw.

Prioritätensetzung à la Campus Galli: Die Mauer für den Obstgarten geht vor!
Beim quasi im Frühmittelalter angesiedelten Klosterbauprojekt Campus Galli wird gerne der Eindruck erweckt, man würde sich sehr an den historischen Fakten orientieren. Geradezu gebetsmühlenartig weisen deshalb die Verantwortlichen darauf hin, dass Mönche, die im 9. Jahrhundert ein neues Kloster gründeten, zuerst rasch eine kleine provisorische Kirche errichteten, bevor sie für sich selbst feste Wohnquartiere bauten. Und genau aufgrund dieses Sachverhaltes (für den freilich die Quellenlage eher dünn ist) handhabe man es auch beim Campus Galli so. 
Nach mehreren Jahren (von wegen ‚rasch‘) ist nun besagte Holzkirche zumindest äußerlich fertig. Es scheint daher naheliegend, dass jetzt endlich der Zeitpunkt gekommen ist, Schlafsaal, Toiletten und andere essentielle Einrichtungen eines mittelalterlichen Klosters zu bauen – nicht wahr? 
Falsch gedacht! Beim Campus Galli lässt man sozusagen die Mönche weiterhin in zugigen Zelten hausen und errichtet stattdessen eine Mauer für den Obstgarten   😂 
Eine solche Prioritätensetzung ist besonders in Hinblick auf die ständig insinuierte historisch korrekte Baureihenfolge reichlich absurd. Dementsprechend setzte es kürzlich auf der Facebook-Seite des Campus Galli wieder einmal Kritik an diesem projekt-inhärenten Bullshit Nonsen. Und wie so oft reagieren die Betreiber (bzw. der hier anonym agierende Geschäftsführer Hannes Napierala) wenig glaubwürdig bzw. souverän. Wer kritisch nachfragt, wird sofort als Meckerer abgestempelt – selbst wenn es sich um jemanden vom Fach – wie etwa eine Archäologin – handelt.

Quelle: Facebook-Seite des Campus Galli

Ich dokumentiere derlei Facebook-Diskussionen übrigens deshalb immer wieder hier im Blog, weil sie von den Verantwortlichen des Campus Galli schon mal gerne im Nachhinein gelöscht werden, um nicht allzu blöd in der Öffentlichkeit dazustehen. In dem Zusammenhang darf man auch die absurde Aufforderung sehen, kritische Fragen höchstens in E-Mail-Form an den Campus Galli zu richten.

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Archäologe als Sozialversicherungsbetrüger
Der Donaukurier berichtet vom Prozess rund um eine archäologische Grabungsfirma, deren beide Geschäftsführer, einer davon ein Archäologe, die Öffentliche Hand laut erstinstanzlichem Urteil um Sozialversicherungsabgaben in der Höhe von 500.000 Euro betrogen. Eine Mitarbeiterin, die wohl von den Vorgängen wussten, wurden gegen eine vergleichsweise geringe Zahlung von 2500 Euro vom Haken gelassen, während die Hauptangeklagten jeweils eine über zweijährige Haftstrafe ausfassten: Klick mich
Was lernen wir daraus? Auch in der Archäologie gehts schon mal um persönliche Bereicherung – und nicht immer nur im Milieu der bösen „Raubgräber „…

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Woah …

… sind hier aber aufmerksame Leser und Kunstexperten unterwegs! Da hat doch tatsächlich jemand bemerkt, dass ich der betenden Ägypterin auf dem Header-Bild eine Nasen-OP spendiert habe. 😊

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Weitere interessante Themen auf diesem Blog: 

Video: Der Experimentalarchäologe Dominique Görlitz im Gespräch

Ein Leser hat mich auf nachfolgendes Gespräch mit dem bekannten Experimentalarchäologen Dominique Görlitz aufmerksam gemacht, der, wie sein Vorbild Thor Heyerdahl, von einer weit in die Prähistorie zurückreichenden Hochseefahrt überzeugt ist. Zurzeit bereitet er sich auf seine vierte Expedition mit einem großen Schilfboot vor. Ziel ist die nicht ungefährliche Überquerung des Nordatlantiks, um dadurch die Möglichkeit eines frühen vorgeschichtlichen Kulturaustauschs zwischen Europa/Afrika und Amerika zu belegen.
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Videos: Archäologen graben Schmuck in Haithabu aus — Friedhof aus Bajuwarenzeit — Wie gesund ist "Urgetreide"? — Der Mittelalter-Check — Der Römer-Check



Haithabu: Archäologen graben Schmuck aus | Spieldauer 3 Minuten | ARD | Stream & Info

Archäologen entdecken Friedhof aus Bajuwarenzeit | Spieldauer 1 Minuten | ARD | Stream & Info
Der Mittelalter-Check | Spieldauer 24 Minuten | ARD | Stream & Info
(Die Sendung bewegt sich ein wenig auf Kindergartenniveau, aber man ist unter anderem beim Geschichtspark Bärnau-Tachov unterwegs, wo die Zugochsen scheinbar ähnlich gut erzogen sind wie die beim Campus Galli 😄. Der Reporter hatte Glück, dass er nicht ein Huf abbekommen hat …)
Der Römer-Check | Spieldauer 24 Minuten | ARD | Stream & Info
(Gleiches Konzept wie das der obigen Sendung. Wer Lust hat, darf Fehler und Anachronismen zählen 😃)
Wie gesund ist „Urgetreide“? | Spieldauer 24 Minuten | ARD | Stream & Info
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Hörbares: 30 Mumien entdeckt — Pharaonen-Forscher — Latein für Angeber — Archäologie im Kloster Lorsch — Das Lehensgesetz — usw.

Der Pharaonen-Forscher Dietrich Raue | Spieldauer 29 Minuten | WDR | Stream & Info | Direkter Download
Schatzkammer Ägypten – wieder 30 Mumien entdeckt | Spieldauer 6 Minuten | WDR | Stream & Info | Direkter Download

Latein für Angeber | Spieldauer 58 Minuten | Freies Radio Freistadt | Stream & Info
Archäologie im Kloster Lorsch | Spieldauer 5 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download

28. Mai1037 – Das Lehensgesetz wird unterzeichnet | Spieldauer 15 Minuten | WDR | Stream & Info | Direkter Download
Deutscher Archäologe unterrichtet syrische Kinder | Spieldauer 4 Minuten | WDR | Stream & Info | Direkter Download
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Plinius zu Gast bei einem üblen Geizhals

Zu den wichtigsten Quellen der römischen Antike zählt zweifellos die Briefsammlung von Plinius dem Jüngeren (ca. 61 – 115 n. Chr.). Seine Epistulae decken eine große Bandbreite an Themen ab – wie z.B. Geldangelegenheiten, Naturkatastrophen (Vesuvausbruch im Jahr 79 n. Chr.), Gerichtsprozesse usw. Ja sogar über die Teilnahme an einem Gastmahl berichtet Plinius und gewährt uns damit Einblick in die – aus heutiger Sicht – mitunter recht kuriosen Gepflogenheiten der herrschenden Klasse Roms.
Plinius grüßt seinen Avitus!
Es wäre zu umständlich, weiter auszuholen, und es ist auch unwichtig, wie es dazu kam, dass ich als keineswegs guter Bekannter bei einem Mann speiste, der nach seiner Meinung großzügig und bedachtsam, nach meiner aber geizig und verschwenderisch zugleich war. Denn sich und einigen Wenigen tischte er allerhand köstliche Gerichte auf, den übrigen aber nur billige Speisen und kleine Portionen. Auch den Wein hatte er in drei Sorten in sehr kleinen Flaschen verteilt – nicht, damit man die Möglichkeit habe auszuwählen, sondern damit man nicht das Recht habe abzulehnen; die eine Sorte für sich und uns, eine zweite für geringere Freunde – er hatte nämlich Freunde nach Rangstufen – und eine dritte für seine und unsere Freigelassenen.
Das alles bemerkte mein Tischnachbar und fragte mich, ob ich das billige; ich verneinte es. 
Er fragte daraufhin: „Wie ist es bei dir üblich?“ 
„Ich setze allen dasselbe vor. Denn ich lade zu einem Essen, nicht zu einer Zensur, und in jeder Hinsicht behandle ich die gleich, mit denen ich Tisch und Speisesofa geteilt habe.“
„Auch die Freigelassenen?“
„Ja, denn dann sehe ich sie als Gäste, nicht als Freigelassene an.“
„Das kostet dich aber viel.“
„Keineswegs.“
„Wie ist das möglich?“
„Weil meine Freigelassenen nicht dasselbe trinken wie ich, sondern ich dasselbe wie sie.“ (😄)
Bei Gott, wenn man seine Esslust zügelt, ist es nicht lästig, was man braucht, mit anderen zu teilen. Sie also musst du einschränken, sie gleichsam in Schranken halten, wenn du Kosten sparen willst. Dafür sorgst du viel richtiger durch eigene Enthaltsamkeit als durch Zurücksetzung anderer.
Wozu sage ich dies? Damit dich, einen jungen Mann in besten Anlagen, nicht der Tafelluxus gewisser Leute, die sich unter dem Deckmantel der Sparsamkeit zeigt, beeindruckt. […]. Denke also daran, dass man nichts mehr meiden muss als diese neuartige Verbindung von Verschwendungssucht und Geiz; sind schon beide Laster für sich alleine höchst schändlich, so noch schändlicher, wenn sie sich verbinden.
Lebe wohl!

(Plinus, Epistulae, 2. Buch, 6. Brief)

Plinius hält es offensichtlich für charakterlich fragwürdig und ein Zeichen mangelhafter Umgangsformen, nicht allen geladenen Gästen dieselben Speisen und Getränke zu servieren. Er unterstreicht dies mit der spöttischen Bemerkung, dass er selbst es völlig anders handhabt, da er schließlich zu einem Essen – und nicht etwa zu einer Zensur – einlädt. Womit hier auf den im alten Rom üblichen Vorgang Bezug genommen wird, von Seiten der staatlichen Verwaltung die männlichen Bürger nach ihrem Vermögen bestimmten Klassen zuzuteilen; dies wurde „Zensur“ (censura) genannt.
Plinius meint weiters, die Sitte seine Gäste ungleich zu behandeln sei „neuartig“. Mir stellt sich bei diesem Punkt allerdings die Frage, was genau unter „neuartig“ zu verstehen ist, denn bereits in Quellen, die rund ein halbes Jahrhundert vor Plinius‘ Brief zu datieren sind, gibt es einschlägige Hinweise. So etwa im Schelmenroman Satyricon. An einer Stelle der turbulenten Geschichte bewahren zwei Gäste einen Haussklaven vor der Auspeitschung. Dieser verspricht ihnen daraufhin für das kurz bevorstehende Gastmahl folgendes:

„Ihr werdet bald merken“, sagte er, „an wem ihr eine gute Tat getan habt. Der Wein des Herren ist des Schenken Dank.“

(Petronius, Satyricon 31)
Daraus kann geschlossen werden (sofern die obigen Zeilen nicht nur im übertragenen Sinn zu verstehen sind), dass es bereits damals (zu Neros Zeiten) nicht unüblich war, Gästen – abhängig vom jeweiligen Status – unterschiedliche Weine zu kredenzen. Das ist in diesem speziellen Fall umso wahrscheinlicher, weil die beiden Retter des Sklaven keine Freunde des Hausherren (namens Trimalchio) waren, sondern Wildfremde, die quasi von der Straße weg zum Gastmahl eingeladen wurden.Ein weiteres Beispiel für die Doppelstandards mancher Gastgeber – nun wieder aus der Zeit des Plinius – liefert der Satirendichter Juvenal. Über einen gewissen Virro spottet er:
Den Freunden, die er gering schätzt, wird er recht zweifelhafte Pilze vorsetzen. Der Herr hingegen bekommt Champignons. Natürlich solche, wie sie Claudius aß, bevor ihm seine Frau einen servierte, nachdem er überhaupt nichts mehr aß. Dann lässt sich Virro und seinen Mit-Virronen herrliche Äpfel geben […]. Du aber bekommst einen vergammelten Apfel […]

Juvenal, Satiren 5, 30-38
Lustig ist natürlich, wie sich Plinius selbst als Gastgeber davor schützt, allzu viel für Speisen und Getränke ausgeben zu müssen, ohne dabei gleichzeitig einen Teil seiner Gäste zurückzusetzen bzw. zu kränken: Er gibt einfach allen Anwesenden – auch sich selbst – gleich wenig zu essen sowie den gleichen mittelmäßigen Wein zu trinken. Freilich, so verfuhr er wohl vor allem bei umfangreicheren Banketten. Anderenfalls hätte er sich im Kreis seiner noblen Freunde rasch den Ruf eines Geizhalses eingehandelt. Er scheint jedoch, nach allem was wir wissen, ein beliebter und hochangesehener Mann gewesen zu sein.
Unterscheidungen nach Rang, gegen die wohl auch Plinius nichts einzuwenden hatte, waren bei der Positionierung der Gäste rund um den Esstisch (mensa) seit jeher üblich. Ein idealtypisches Beispiel soll mit der folgenden Grafik veranschaulicht werden: Auf jedem Speisesofa lagen maximal drei Personen (hier durch Pfeile repräsentiert). Für den Ehrengast oder den gesellschaftlich am höchsten stehenden Gast war der unterste Platz des mittleren Speisesofas (lectus medius) vorgesehen. Man sprach hier auch vom locus consularis oder locus praetoris – also dem Platz, der gegebenenfalls einem anwesenden Konsul oder Praetor zustand. Direkt gegenüber, am linken Rand des untersten Speisesofas (lectus imus) lag der Gastgeber.
Konsul oder Praetor lagerten übrigens wohl deshalb traditionell am Rand und nicht in der Mitte des zentralen Speisesofas, damit Boten leichter Zugang zu diesen wichtigen Amtsträgern hatten.


Idealtypische Anordnung römischer Speisesofas

Nach einer Darstellung in Altag im alten Rom – Das Leben in der Stadt
Keine Rechte Vorbehalten – doch um die Nennung der Quelle wird gebeten: HILTIBOLD.Blogspot.com
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Quellen und weiterführende Literatur: 
  • Plinius / H. Philips, M. Giebel (Übers.) | Epistulae | Reclam | 2014 | Infos bei Amazon
  • Petronius / Harry C. Schnur (Übers.) | Satyricon – Ein römischer Schelmenroman  | Reclam | 1968 | Infos bei Amazon
  • Juvenal / Harry C. Schnur (Übers.) | Satiren | Reclam | 1969 | Infos bei Amazon
  • Karl-Wilhelm Weeber | Alltag im Alten Rom – Das Leben in der Stadt | Patmos/Primus | 2000/2012 | Meine Rezension | Infos bei Amazon
Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

Krimskrams: Pseudo-Rezensionen bei Amazon — Stoffe für Beutel und frühmittelalterliche Mütze — Frühmittelalterdorf Unterrabnitz

Es geht langsam los: Stoffe für Beutel und Mütze


Letzte Woche habe ich ja davon geschrieben, dass ich nach einer halben Ewigkeit wieder einmal etwas nähen möchte: Und zwar einen Leinenbeutel sowie eine Phrygische Mütze für meine ottonenzeitliche Ausstattung.  Zum Glück hatte ich noch noch passende Textilreste auftreiben können. 
Für den Beutel werde ich einen ziemlich robusten, weißen Leinenstoff verwenden (linkes Bild), der bereits für eine meiner Thorsberghosen benutzt wurde (Blogbeitrag). 
Die Mütze wird aus grünem Schurwollstoff genäht (rechts), aus dem auch meine „Übertunika“ ist (Blogbeitrag). Gefüttert wird die Kopfbedeckung mit weißem Leinen, das von einem alten Leintuch stammt (in Deutschland überwiegend „Bettlaken“ genannt 😉). Alte bzw. lange benutzte Leintücher sind nämlich schön weich (aber aufpassen, dass das wirklich Leinen ist, und nicht Baumwolle oder irgend ein modernes Mischgewebe!). Den unteren Mützenrand besetze ich mit einem gelben Leinenstoff, der schon seit ein paar Jahre in meiner Näh-Kiste liegt. Ursprünglich wollte ich zwar roten Stoff verwenden, aber Gelb passt meiner Ansicht nach doch besser zu dem Grün der Mütze. Außerdem überlege ich mir noch, besagten Besatz dezent zu besticken – und zwar mit Fäden aus dem grünen Wollstoff der Mütze. Das sollte an sich ganz gut hinhauen, denn beispielsweise auch beim Teppich von Bayeux wurde mit Wolle auf Leinen-Untergrund gestickt. Doch ist es sinnvoll, den Besatz vor dem Anbringen an die Mütze zu besticken oder erst hinterher? 
Bezüglich des Schnittmusters werde ich mich an meiner anderen phrygischen Mütze orientieren (Blogbeitrag), aber diesmal mit den Abmessungen etwas großzügiger sein.
In den kommenden Tagen wird alles zugeschnitten und dann beginne ich (seeeehr) langsam, die Einzelzeile zusammenzunähen. Wobei ich zuerst die Mütze und später die Beutel angehe.
Das Nähgarn werde ich direkt aus den verwendeten Stoffen gewinnen, indem ich bei diesen am Rand Fäden heraustrenne. Das ist besonders beim Besatz von Vorteil, weil hier aufgrund der Gleichfarbigkeit von Stoff und Garn die Nähte so gut wie unsichtbar sein werden.

Einen ausführlichen Blogbeitrag zum Mützenprojekt – inklusive historischen Quellen, Fotos usw. – gibt es dann, wenn alles fertig ist. Ob ich über die simplen Leinenbeutel auch etwas schreibe, weiß ich noch nicht. Es zahlt sich ja fast nicht aus.

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Frühmittelalterdorf Unterrabnitz
Auf das kleine, aber schön gelegene burgenländische Frühmittelalterdorf Unterrabnitz habe ich hier vor wenigen Monaten schon einmal hingewiesen, Nun findet dort vom 5. bis zu 13. August 2017 eine Dorfbelebung durch die Frühmittelalter-Gruppe Solibacher statt.  Am 5. und 6. August wird überdies die Austrian Longbow Society vorbeischauen und Einblicke ins Hochmittelalter geben.
Eintritt: freie Spende zur Erhaltung des Dorfs.

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Pseudo-Rezensionen bei Amazon

Ich habe im Rahmen des Blogs ja schon mehrmals auf kuriose bzw. auffällige Rezensionen bei Amazon hingewiesen. Auch die folgende verdient hier zweifellos Erwähnung. 
Den Screenshot habe ich gemacht, nachdem das betreffende Buch gerade einmal zwei Tage im Handel erhältlich war. Und schon 79 Rezensenten wollen bereits zu diesem Zeitpunkt die 256 Seiten gelesen haben? Sehr fleißig … ^^
Nicht, dass ich den Autor – einen in seinem eigenen Zensur- und Ideologiewahn abgesoffenen Irrwisch – verteidigen möchte, allerdings sagt mir meine Erfahrung, dass die meisten Rezensenten das Buch gar nicht gelesen haben, sondern hier bloß ihren Ärger über die Politik dieses Herren zum Ausdruck bringen wollten – u.a. daran abzulesen, dass sich bei den Rezensionen der Anteil an verifizierten Käufen meilenweit unterhalb des üblichen Niveaus bewegt (das gilt mehr oder weniger auch für die vereinzelten positiven Rezensionen). Weiters ist bei den von mir stichprobenartig gelesenen Rezensionen kaum je ein klarer Bezug zum Buchinhalt feststellbar. Einer dieser Nicht-Leser schreibt sogar ganz offen: „Endlich mal ein Buch, von dem ich bereits den Inhalt kenne, ohne es lesen zu müssen.“
Wieso wird so etwas nicht entfernt? Der Rezensionsbereich von Amazon ist schließlich nicht zum Ablassen von politischem Frust da. Dafür gibt es längst eine viel geeignetere Einrichtung: Ihre Bezeichnung: Wahlzelle!

Wer am aktuellen Stand der Bewertung interessiert ist, der klicke bitte hier.
Übrigens, wie ich einen Tag nach dem Erstellen des Screenshots gelesen habe, soll das Rezensieren mittlerweile nur noch Nutzern erlaubt sein, die das inkriminierte Buch bei Amazon gekauft haben (= verifizierte Käufe). Bezeichnenderweise wurden seit dieser Teilsperre kaum noch Rezensionen veröffentlicht.

Ach ja, wer Zeit hat, kann sich durch die hochgeladenen Kundenbilder des Buch klicken. Sehr lustig 😃

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Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

PDFs: Die römische Staatstracht — Archäologische Textilien — Gefärbte Textilien im vorgeschichtlichen Europa — Römerzeitliches Wagengrab — Maskendarstellungen der Wikingerzeit — The Thorsberg Trousers — Metallklebemasse an römischem Reiterhelm

(Langsam aber sicher stellt sich mir die Frage, wozu ich das Buch „Die Macht der Toga“ gekauft habe, denn mittlerweile habe ich nahezu alle Beiträge daraus auf Academia.edu entdeckt ^^)


Maskendarstellungen der Wikingerzeit Thorsten Lemm | Academia.edu

The Thorsberg TrousersSunnifa Gunnarsdottir (Charlotte Mayhew) | olvikthing.org
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Hörbares: Banausen — Ist die Archäologie eine seriöse Wissenschaft? — Inschriftenkunde — Feudalismus im Mittelalter — Römische Thermen


Banausen – die Helden der athenischen Demokratie | Spieldauer 22 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download 
Ist die Archäologie eine seriöse Wissenschaft? | Spieldauer 40 Minuten | Youtube | Stream & Info
Feudalismus im Mittelalter | Spieldauer 22 Minuten | ARD/NDR | Stream & Info | Stream & Info | Direkter Download
Römische „Thermae“ – Badezimmer einer ganzen Stadt? | Spieldauer 60 Minuten | Freies Radio Freistadt | Stream & Info
Inschriftenkunde – Epigraphik (Teil 1) | Spieldauer 60 Minuten | Freies Radio Freistadt | Stream & Info
Inschriftenkunde – Epigraphik (Teil 2) | Spieldauer 60 Minuten | Freies Radio Freistadt | Stream & Info
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Buch: Einführung in die antike Ikonographie

Wer die Antike möglichst gut verstehen möchte, kommt nicht drumherum, sich näher mit den in dieser Epoche entstandenen Bildwerken bzw. deren Deutung auseinanderzusetzen. Man spricht in diesem Zusammenhang von der sogenannten Ikonographie. Der Begriff setzt sich zwar aus den altgriechischen Wörtern eikon (=Bild) und graphein (=schreiben, beschreiben) zusammen, stammt jedoch – wie man vorschnell annehmen könnte – nicht aus der Antike, sondern ist modernen Ursprungs.
Im Buch Einführung in die antike Ikonographie (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) erläutert der Archäologe Patrick Schollmeyer die inhaltliche Bedeutung bzw. Aussagekraft antiker, von Menschenhand geschaffener Bildwerke. Dazu zählen unter anderem Statuen, Reliefs, Wandgemälde, Vasenmalereien usw. 
Wohl weil es sich um ein Einführungswerk handelt, beschränken sich die Ausführungen des Autors fast ausschließlich auf die Blütezeit der griechischen und römischen Welt (wobei ich meine, eine gewisse „Griechen-Lastigkeit“ festgestellt zu haben).
Da sich viele antike Darstellungen auf die Mythologie bzw. die Götterwelt beziehen, nimmt diese Thematik einiges an Raum ein: Welche bedeutenden Götter gab es? Was war ihre ‚Aufgabengebiete‘ und was ihre Attribute? 
Neben den Göttern sind uns aus der Antike vor allem Darstellungen der Eliten und Herrschenden überliefert, sodass auch auf sie ein genauerer Blick geworfen wird: Welche Funktion sollten beispielsweise in der Öffentlichkeit aufgestellte Statuen erfüllen? Welche Schlüsse lassen sich aus Kleidung und Gestik der Dargestellten ableiten? Usw.

Unterm Strich sind die Erläuterungen allgemein verständlich formuliert. Will heißen, auch wenn es punktuell sicher nicht schadet, so muss der Leser über kein einschlägiges Vorwissen verfügen. Der Sinn und Zweck einer Einführung in das weite Feld der Ikonographie wird damit erfüllt. Zwei kleinere Kritikpunkte gibt es aus meiner Sicht aber: 1. Man hätte von Abbildungen etwas großzügigeren Gebrauch machen können, was mir gerade in Anbetracht des Buch-Themas sinnvoll erscheint. 2. Die mittlerweile als bewiesen geltende Buntheit antiker Bildwerke wird so gut wie nicht berücksichtigt; das ist schade.


Inhaltsverzeichnis:

Vorwort
I. Einführung in Gegenstand, Fragestellung und Methoden
II: Themen
  1. Mythos versus. Lebenswelt
  2. Mythische Einzelgestalten
   2.1 Göttinnen und Götter
   2.2 Personifikationen
   2.3 Göttliche Trabanten
   2.4 Mythische Mischwesen und Ungeheuer
   2.5 Heroinnen und Heroen
  3. Der Mensch und seine Rolle
   3.1 Allgemeine Körper und Verhaltensideale
   3.2 Spezifische soziale Rollen und ihre Handlungszusammenhänge
  4. Darstellungen von Tieren, Landschaft und Architektur
III. Fubnktion
  1. Repräsentation der herrschenden Eliten
  2. Gegenbilder und Traumwelten
  3. Magische Funktion
  4. Trost- und Trauerbilder
  5. Feier und Memoria historischer Ereignisse
  6. Bild-Räume
  7. Erotische Aspekte
IV. Bilddetails
  1. Körperbilder
  2. Alterstufen
  3. Mimik
  4. Gestik
  5. Klidung
  6. Frisuren
  7. Attribute und Insignien
  8. Waffen
  9. Pferde und Wagen
 10. Möbel, Gefäße und Geräte
 11. Kompositorische Gestaltungsmittel
 12. Formen des Erzählens
V. Kontexte 
  1. Tempel und Heiligtümer
  2. Öffentliche Plätze: Agora und Forum
  3. Öffentliche Bauten
  4. Palast, Haus und Villa
  5. Grabanlagen
VI. Auftraggeber, Künstler Publikum
Epochen der griechischen und römischen Kultur
Bibliographie
Abbildungsnachweis
Register
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Weiterführende Informationen:

Krimskrams: Satyricon — Mittelaltermarkt oder seriös? — Kleines Nähprojekt — Diebstahl in Pompeji — Unachtsame Archäologin

Satyricon
Im Laufe der Jahre ist mir in Sach- und Fachbüchern über die Antike eine Quelle auffällig oft untergekommen: Petrons Schlemenroman Satyricon bzw. die darin enthaltene Episode „Das Gastmahl des Trimalchio“.
Der antike Text ist vollgepackt mit Detailinformationen zum römischen Alltagsleben – ganz besonders zur Esskultur. Ich werde daher die von mir kürzlich gelesene Reclam-Übersetzung (die gewisse ‚Eigenheiten‘ aufweist) hier in den kommenden Monaten noch detailliert besprechen.

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Mittelaltermarkt oder seriöse Museumsveranstaltung?

Was meinen die Leser; handelt es sich beim jüngsten Event der Klosterbaustelle Campus Galli um eine seriöse Veranstaltung (von einem Lokalmedium als „Historischer Markt“ bezeichnet) oder haben wir es hier unterm Strich eher mit einer mittelaltermarkt-mäßigen Histotainment-Lärmerei zu tun? Klick mich
Mit dabei war übrigens auch wieder die legendäre gürtellose Arbeitsanleiterin, über deren Beweggrüde für den Verzicht auf einen Gürtel auch nach bald 5 Jahren modischer Eigenwilligkeit keinesfalls spekuliert werden darf 😉

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Kleines Nähprojekt

Ich habe schon länger nichts mehr für meine beiden Living-History-Ausstattungen genäht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ich vom Nähen relativ leicht Kopfschmerzen bekomme (wegen der gebückten Haltung). Wenn ich allerdings nicht wesentlich mehr als 20 Minuten am Stück nähe, dann geht es. 

Geplant sind zwei Beutel aus naturfarbenem Leinen und eine phrygische Mütze aus Wolle mit Leinenfutter; ich habe übrigens zum jetzigen Zeitpunkt noch überhaupt keine Ahnung, wie man das Futter sauber in die Mütze hineinfummelt (die Naht mit der das Futter befestigt wird, sollte mehr oder weniger verdeckt sein),
Außerdem brauche ich für besagte Mütze noch einen passenden roten Schurwollstoff, aus welcher der aufgenähte Saum gemacht werden soll. Mal sehen, ob ich irgendwelche Stoffreste dafür auftreiben kann. Weil extra etwas zu bestellen lohnt sich sich bei der minimalen Menge nicht, die ich benötige.
Im Sommerurlaub, wenn das Blog für einen Monat pausiert, soll es losgehen. Bei meinem üblichen Schneckentempo bin ich vermutlich irgendwann knapp vor Weihnachten damit fertig 😊. Auf jeden Fall möchte ich dann auch einen Beitrag über die Arbeiten an Beuteln und Mütze verfassen, in dem Arbeitsschritte, Schnittmuster, verwendete Nähstiche usw. genau und leicht nachvollziehbar dargelegt werden.
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Diebstahl in Pompeji


Ein wertvolles Bronzeobjekt – genauer gesagt ein Türbeschlag – wurde in der antiken Ruinenstadt Pompeji entwendet, schreibt die Zeitung der Standard: Klick mich
Interessant, dass es eine solche Meldung überhaupt in die Zeitung schafft. Mir hat nämlich eine gute Freundin mit besten Verbindungen nach Pompeji erzählt, dass dort und im Archäologischen Nationalmuseum von Neapel (wo viele Funde aus Pompeji ausgestellt sind) immer wieder Objekte verschwinden. Das hätte sich innerhalb der letzten 100 Jahre dermaßen summiert, dass man mit all dem Diebesgut eine stattliche Ausstellung bestücken könnte …

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Unachtsame Archäologin

Die vorangegangene Meldung erinnerte mich an eine andere Geschichte. Dieselbe Freundin, die mir berichtete, dass das Abhandenkommen von Funden in Pompeji eine gewisse Tradition besitzt, war vor nicht allzu langer Zeit in Wien unterwegs. Wie es der Zufall so wollte, kam sie beim Shoppen an einer archäologischen Ausgrabung vorbei und stellte sich zu ein paar Schaulustigen, die das Treiben beobachteten. Da meinte jemand neben ihr, dass eine der Ausgräberinnen in der Grube ständig über etwas Schmutzig-Weißes latscht, und ob das nur ein Stein oder ein Knochen sei?
Als gelernte Archäologin schaute meine gute Freundin nun genauer hin und erkannte, dass es sich dabei eventuell um das mehr oder weniger kugelförmige Ende (Epiphyse) eines Langknochens handelt. Sie rief daher die Ausgräberin, die keinen Meter daneben kniete an, dass da etwas sei. Doch die junge Frau hörte nichts, da sie Ohrhörer in den Ohren hatte; als nächstes stand sie auf und trat wieder genau auf die Stelle mit dem Knochen, woraufhin dieser teilweise zerbröselte. Jetzt wurde die Freundin unrund; am liebsten wäre sie in die Grube hinuntergesprungen. Stattdessen knüllte sie ein Prospekt aus ihrem Einkaufssack zusammen und warf es dem Mädel in der Grube direkt vor die Nase. Endlich nahm diese die Ohrhörer heraus und blickte auf. 
Wie sich daraufhin bald herausstellte, war das weiße Objekt im Boden tatsächlich ein Kochen. 

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Bier zum Inhalieren 😂

Videos: Archäologisches Grab geschändet — Pompeji — Bau von antikem Römerboot — Hochmittelalterliches Schlachtengemälde — El Dorado der deutschen Archäologen — Der Schrecken der Archäologen

Bau von antikem Römerboot nimmt Form an | Spieldauer 4 Minuten | BR | Stream & Info
Hochmittelalterliches Schlachtengemälde erstrahlt im neuen Glanz | Spieldauer 3 Minuten | MDR | Stream & Info
El Dorado der deutschen Archäologen | Spieldauer 3 Minuten | SWR | Stream & Info
Raubgräber – der Schrecken der Archäologen | Spieldauer 4 Minuten | SWR | Stream & Info

Archäologisches Grab geschändet | Spieldauer 3 Minuten | BR | Stream & Info
Eine ziemlich rabulistische Umschreibung dafür, dass hier ein unbekannter Depp einen Schädel von einer archäologischen Ausgrabung gemopst hat. Wenn man sich schon auf den in diesem Zusammenhang aberwitzigen Begriff „Schändung“ versteigt, dann sollte man darauf hinweisen, dass diese in Wirklichkeit bereits mit der Freilegung der sterblichen Überreste durch Archäologen ihren Anfang genommen hat. Desweiteren ist es mehr als nur fragwürdig, dass mit der Trivialität eines entwendeten mittelalterlichen Schädels die Kriminalpolizei behelligt wird. Als ob die nicht wichtigere Dinge zu tun hätte, als morschen Knochen hinterherzujagen – jeder Wohnungseinbruch besitzt größere Relevanz. Übrigens, es geht beim konkreten Fall um eine Ausgrabung des Archäologen Matthias Hensch (Schauhütte Archäologie), zu dessen Youtube-Videos ich hier erst kürzlich verlinkt habe. 
Wiederauferstehung Pompejis am Computer | Spieldauer 5 Minuten | Youtube/Altair4

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Hörbares: Die mittelalterliche Globalmacht Hanse — Winckelmann-Ausstellung — Archäologische Sammlung Trier — 500 Jahre Reformation



Handel im Mittelalter – Die Hanse als globale Macht | Spieldauer 28 Minuten | ARD/DF | Stream & Info | Direkter Download
Kulturnacht: Winckelmann-Ausstellung in Weimar | Spieldauer 42 Minuten | ARD/MDR | Stream & Info | Direkter Download
Von Amphoren und antiken Skulpturen: Archäologische Sammlung der Universität Trier | Spieldauer 4 Minuten | ARD/SWR | Stream & Info | Direkter Download

Landesausstellung „500 Jahre Reformation – Die Epoche des Umbruchs“ | Spieldauer 4 Minuten | ARD/BR | Stream & Info | Direkter Download
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Buch: Chronik des Campus Galli 2017 – Von "Mohamedanern" und lässig verteiltem Steuergeld

Im baden-württembergischen Meßkirch soll in den kommenden Jahrzehnten mit dem Campus Galli ein Kloster nach dem Vorbild des karolingerzeitlichen Klosterplans von St. Gallen errichtet werden. Wie wenig ich von diesem medial gehypten Vaporware-Projekt halte, dürfte hinlänglich bekannt sein.
Einer meiner zentralen Kritikpunkte ist dabei seit jeher die extrem dürre Dokumentation der Arbeiten, sodass für Außenstehende eine Überprüfbarkeit nach wissenschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten schwierig bis unmöglich ist (ein Schelm, wer dahinter Absicht seitens der Verantwortlichen vermutet 😉).
Neben den überwiegend nicht sehr detailfreudigen Blogbeiträgen auf der Homepage des Projekts, wird jährlich eine knapp hundertseitige Chronik veröffentlicht. Nun sollte man eigentlich annehmen dürfen, in diesem Heft würden die Betreiber vor allem das vergangene Arbeitsjahr Revue passieren lassen, um das (wenige) Erreichte zu dokumentieren. Doch Pustekuchen, die angebliche Chronik entpuppt sich als verkappte Anthologie; will heißen, es handelt sich um ein Sammelsurium aus größtenteils wenig relevanten Allerwelts-Informationen. Ich habe das ja bereits bei meiner kurzen Rezension der 2013er-Chronik kritisiert. Doch sehen wir uns die Beiträge diesmal etwas genauer an.
➤ Das Heft beginnt mit einem Vorwort des ehemaligen Landrats Dirk Gaerte, der sich in seiner politisch aktiven Zeit an der Errichtung jenes Förderdickichts beteiligte, ohne dessen beständige Unterstützung der ‚pseudo-private‘ Verein Campus Galli wahrscheinlich längst in die Insolvenz geschlittert wäre. Dem Vernehmen nach wirkt Herr Gaerte auch als Vorsitzender des Freundeskreises der Karolingischen Klosterstadt bis heute eifrig daran mit, die defizitäre Mittelalterbaustelle mit Geldern aus dem Topf des Steuerzahlers zu alimentieren.
65 755 Besucher hätten den Campus Galli 2016 besucht, jubelt der gute Mann. Er ‚vergisst‘ dabei freilich, dass es laut der ursprünglichen Prognose – mit welcher man der Lokalbevölkerung das Projekt einst schmackhaft gemacht hatte – rund 150 000 hätten sein sollen…

➤ Nachdem man sich durch die schöngefärbte Alternativrealität des Altpolitikers gelesen hat, gelangt man zum Beitrag eines gewissen Herrn Wolff, der 2014 in der ‚klösterlichen‘ Schmiede das Ruder übernahm, nachdem sein Vorgänger der Möchtegern-Klosterstadt fluchtartig den Rücken gekehrt hat – wie übrigens auch einige andere Mitarbeiter der ursprünglichen Kernmannschaft längst kündigten, da sie wohl von den Arbeitsbedingungen und/oder der Bezahlung wenig angetan waren: Darunter eine Steinmetzin sowie ein den Medien gerne als Vorzeigemitarbeiter präsentierter Ochsenführer, der bei mehreren Gelegenheiten behauptete, die Anstellung beim Campus Galli sei ein Job fürs Leben. Tja, so kann man sich täuschen.
Doch zurück zum aktuellen Schmied des Projekts: Der berichtet davon, wie er an seinem neuen Arbeitsplatz unzählige Werkzeuge vorfand, die aus historischer Sicht größtenteils völlig unpassend für eine karolingerzeitliche Schmiede waren. 90 Prozent davon mussten deshalb im Laufe der Zeit aussortiert werden – darunter jener moderne Amboss, der manch Beobachter des Projekts noch in unguter Erinnerung sein dürfte. Schon fast symbolhaft stand nämlich dieser überdimensionierte Metallklotz für das umfangreiche Geschluder der Verantwortlichen, die treuherzig versprochen hatten, es würde nur mit Werkzeugen des 9. Jahrhunderts gearbeitet werden.
Einiges an Hirnschmalz scheint in die Konstruktion von Blasebälgen geflossen zu sein, deren Aufgabe es ist, das Schmiedefeuer mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen. Es dauerte laut Herrn Wolff geraume Zeit, bis man eine möglichst effiziente und haltbare Konstruktion entwickelt hatte. Freilich, ob hier echte Experimentalarchäologie betrieben oder lediglich das Rad neu erfunden wurde ist eine durchaus berechtigt Frage, denn gut funktionierende Rekonstruktionen von mittelalterlichen Blasebälgen wurden anderenorts schon vor vielen Jahren gebaut.
Neben Werkzeug und Blasebalg bereitete aber vor allem die als Grubenhaus errichtete Schmiede selbst Probleme, sodass diese bereits nach wenigen Jahren radikal renoviert werden musste. Details dazu wurden hier keine genannt, lediglich auf das Konstruieren einer neuen Esse ging man noch näher ein.

➤ Es folgt ein längerer Beitrag des Archäologen Tilman Marstaller, der seine Ideen zum schon lange angekündigten, aber von den Projektverantwortlichen immer wieder verschobenen Bau einer (mit viel Steuergeld finanzierten) Scheune darlegt. Hierzu sei übrigens angemerkt, dass dieser Text auch auf der Homepage des Campus Galli abgerufen werden kann.

 Der St. Galler Klosterplan und das Gozbertmünster lautet die Überschrift eines Beitrages, für den der St. Galler Stiftsbibliothekar Cornel Dora verantwortlich zeichnet. Obschon inhaltlich durchaus nicht uninteressant, so ist dergleichen in einer Chronik eher deplatziert.

➤ Es folgen einige Foto-Collagen mit Impressionen von der Baustelle – dies passt nun endlich wieder einmal zu einer Chronik. Einleitend heißt es jedoch:

„2016 konnte mit der Holzkirche das erste Bauwerk der karolingischen Klosterstadt fertiggestellt werden.“
In Wirklichkeit ist die Kirche selbst jetzt – Mitte 2017 – noch nicht fertiggestellt, wie man anhand verschiedenster Quellen problemlos feststellen kann. Werden wir hier möglicherweise mit dem Dunning-Kruger-Effekt konfrontiert? So bezeichnet man nämlich eine kognitive Verzerrung, bei der relativ inkompetente Menschen unter anderem dazu tendieren, das eigene Können massiv zu überschätzen …
Eventuell hat die obige ‚Postfaktizität‘ aber auch andere Gründe. Benötigt man etwa verzweifelt ein vermeintliches Erfolgserlebnis, um in den Augen der Öffentlichkeit nicht als träger Haufen von ‚Steuergeld-Schnorrern‘ dazustehen? Man darf nämlich keinesfalls außer Acht lassen, dass es besonders in der Lokalbevölkerung Kritiker gibt, denen die immer wieder in die Verlängerung gehende Bezuschussung des Campus Galli längst gehörig gegen den Strich geht.
➤ Als nächstes kommt der Leser in den Genuss eines Beitrages des Historikers Matthias Becher, der den Lebensweg und das Wirken Karls des Dicken nachzeichnet. Wer keinen Computer bedienen und beispielsweise Wikipedia aufrufen kann, der dürfte aus Herrn Bechers Einlassungen einen gewissen Nutzen ziehen …
➤ Ähnlich deplatziert wie der vorangegangene Text ist jener über die heilige Scholastika (ja, die Frau wird von der Kirche tatsächlich so genannt).
➤ Nun wird es wieder etwas interessanter: Drei Gästeführer des Campus Galli berichten von ihren überwiegend positiven Erfahrungen. Eine Dame schränkt dabei allerdings ein:

„Es gibt jedoch auch Gruppen, in denen jemand negativ oder zweifelnd gegenüber Campus Galli eingestellt ist. Da kommen bereits an der Kasse negative Bemerkungen.“

Wenn der Gästeführerin dieser Umstand eine Bemerkung wert ist, dann legt dies den Schluss nahe, dass negatives Feedback weitaus häufiger vorkommt, als die Geschäftsleitung der Öffentlichkeit gerne weismachen möchte.
An anderer Stelle berichtet ein Kollege der Frau sinngemäß, sogar eine ganze Gruppe von Besuchern hätten bei der Führung über das Gelände des Campus Galli ein großes Maß an offenkundigem Desinteresse gezeigt. Verständlich, bei dem bescheidenen Angebot, das noch am ehesten kleine Kinder und Senioren auf Kaffefahrt zu beeindrucken vermag. 
➤ Vor allem für jene, die mit den hohe Kosten des Projekts wenig Freude haben, ist der Text von Rüdiger Semet – seines Zeichens Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Werkstättle – interessant. Das Werkstättle stellt nämlich einen wichtigen Aspekt des weiter oben erwähnten Förder- und Abpumpdickichts dar: Wird nämlich in den Medien über die vom Campus Galli eingestreiften Zuschüsse  berichtet, dann bezieht sich dies zumeist auf Gelder, die direkt von der Stadt Meßkirch beigesteuert werden (sogenannte Betriebskostenzuschüsse). Unerwähnt bleibt hingegen, dass sich freilich auch hinter der Hilfe des Werkstättle hohe Summen aus dem Topf des Steuerzahlers verbergen. So wird beispielsweise von Herrn Semet berichtet, dass das Jobcenter Sigmaringen dem Werkstättle bereits zu Beginn seines Campus-Galli-Engagements finanziell massiv unter die Arme griff (=Steuergeld). Darüberhinaus wurden und werden Förderungen aus dem Europäischen Sozialfond lukriert (=Steuergeld).
Die Beteiligung des Werkstättle am Campus Galli sei aber eine Erfolgsgeschichte. Neun Langzeitarbeitslose – acht davon nach der ersten Saison – wurden vom Campus Galli in ein festes, sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis übernommen. Und in der Tat wirkt das auf den ersten Blick positiv. Schaut man hingegen genauer hin, dann stellt sich die Frage, wie viele Langzeitarbeitslose dem gegenüber nach Ablauf ihrer befristeten Anstellung (1-Euro-Jobs) nicht behalten, sondern schnurstracks zum Jobcenter zurückgeschickt wurden? Es dürften in den letzten vier Jahren etliche gewesen sein.
Und wurde eigentlich je eine seriöse Projekt-Evaluierung vorgenommen, in der prozentuell aufgeschlüsselt ist, wie viele dieser Langzeitarbeitslosen aufgrund ihres vom Campus Galli erhaltenen Arbeitszeugnisses zumindest anderenorts eine Anstellung fanden bzw. in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden konnten (was nämlich das angebliche Ziel ist)? Nein, dazu gibt es bisher nichts, nada, nihil.
Es entsteht daher aus meiner Sicht der unschöne Verdacht, dass beim als ‚teil-kommunal‘ zu bezeichnenden Campus Galli vor allem das Ausnutzen der Arbeitskraft von Langzeitarbeitslose im Vordergrund steht; ermöglicht durch eine Art ‚public-privat partnership‘.

➤ Der nächste Beitrag stammt aus der Feder des Mineralienhändlers Schinko. Er betreibt auf dem Gelände des Campus Galli eine kleine Verkaufsbude, in der allerlei Nippes auf Steinbasis angeboten wird. Und so sinnfrei seine Anwesenheit auf einer frühmittelalterlichen Baustelle ist, so sinnfrei sind größtenteils auch seine oberflächlichen Einlassungen zu Mineralien in diesem als „Chronik“ bezeichneten Heft.
Darüber hinaus unterliefen Herrn Schinko Fehler, wie etwa auf Seite 82, wo er die karolingische Epoche zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert ansiedelt – vermutlich eine Verwechslung mit der Wikingerzeit …
So weit, so schlecht. Doch dann – beim Barte des Propheten! – wird’s spannend! Der gute Mann schreibt nämlich folgendes:
Große religiöse Bedeutung erlangte Bernstein bei […] den Mohammedanern für die Fertigung von Gebetsschnüren (Teshbi).“
Mohammedaner„? Was für ein schlimmer Fauxpas, ist doch dieser Begriff laut offiziöser Sprachpolizei abwertend konnotiert und sollte daher tunlichst vermieden werden (fast schon handelt es sich dabei um ein Äquivalent zum „Neger(kuss)“).
Freilich, von mir aus kann der Verfasser Mohammedaner oder wahlweise auch gerne Muselmanen schreiben, so viel er will. Mich stört das nicht im Geringsten. Doch auf der anderen Seite ist der quasi staatsnahe Campus Galli selbstredend Teil der politisch korrekten Blase, in der man für gewöhnlich großen Wert auf derlei Feinheiten legt. Was mögen demnach die Mitglieder der Geschäfts- und Vereinsleitung für Gesichter gemacht haben, als ihnen beim erstmaligen Durchlesen des Hefts diese Wortwahl ins Auge sprang? 
Nachdem der Autor mit seinen Ausführungen zu einem Ende gelangt ist, zieht er folgenden Schluss.

„Zusammenfassend kann gesagt werden, dass viele der heute beliebten Edelsteine bereits im frühen Mittelalter gehandelt und bearbeitet wurden.“ 

Wow, wer hätte das gedacht?! 😊

➤ Natürlich darf der Aufruf, Mitglied des Freundeskreises der Karolingischen Klosterstadt (=Campus Galli) zu werden, nicht fehlen. Für 36 Euro pro Jahr erwarten einen: ermäßigter Eintritt, regelmäßige Informationen über das Fortkommen der Arbeiten sowie – kein Scherz – ein gutes Gefühl …
Wer mag, so heißt es weiter, kann auch einfach nur so drauflos spenden. Ja dann …

➤ Den Abschluss des Hefts bildet der Bericht über ein Treffen des Freundeskreises, bei dem mittelalterartiges Brot gebacken wurde. Kein übermäßig spannendes Event, aber zumindest ‚on-topic‘.

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Wie bereits eingangs erwähnt, ist dieses Heft keine Chronik, sondern vielmehr eine verkappte Anthologie. Empfehlenswert allenfalls für Vereinsmitglieder und Hardcore-Fans des Projekts. Wobei erstere das Heft ohnehin kostenlos erhalten (bzw. mit ihrem jährlichen Beiträge bezahlen ^^).
Übrigens, vom Freundeskreis wurde in den Medien bejammert, dass es schwer fällt, kompetente Autoren für diese Publikation zu finden. Äußerst schwach und eigenartig will mir daher erscheinen, dass hier weder der Geschäftsführer des Projekts – Hannes Napierala – noch der Haushistoriker – Erik Reuter – einen Texte beisteuerten. Man sollte schließlich annehmen, dass gerade diese beiden Herren einiges darüber zu berichten hätten, was sich 2016 auf der Klosterbaustelle tat. Freilich, gerade letzerer ist aufgrund seiner reduzierten rhetorischen Fähigkeiten nicht gerade dafür prädestiniert, sich als Autor zu betätigen. So nimmt es auch nicht Wunder, dass er möglicherweise in nicht allzu ferner Zukunft seines Jobs verlustig geht – wie mir zugeflüstert wurde. Für diesen Fall steht mit Matthias Hofmann ein möglicher Nachfolger in den Startlöchern. Er ist bereits seit einiger Zeit als Gästeführer für den Campus Galli tätig und soll auch gute Beziehungen zur Vereinsleitung unterhalten.

Ich vergebe für die vorliegende Pseudo-Chronik zwei statt nur einen Sterne, weil nicht alle Beiträge eine Themenverfehlung darstellen. Außerdem zeige ich mich für jede gute Gelegenheit erkenntlich, den Campus Knalli und seine Living-History-Legastheniker in die Pfanne zu hauen 😏

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Verwandte Blog-Beiträge:
26: April 2013: Campus Galli: Freilichtmuseum, oder doch verkapptes Disneyland?
18. November 2013: Geurtens Mund, tut Nonsens kund
15. Jänner 2014: Bund der Steuerzahler kritisiert Campus Galli
22. April 2014: Die  Zahlenmagier vom Campus Galli
29. April 2014: Der Campus Galli – Ein pseudowissenschaftliches Laientheater
02. Juni 2014: Campus Galli: The show must go on!
04. August 2014: Hannes Napierala – Der neue Geschäftsführer des Campus Galli
10. September 2014: Der Campus Galli ist kein wissenschaftliches, sondern ein touristisches Projekt!
12. Dezember 2014: Der Campus Galli und seine Mittelalterversteher – Ein Fass ohne Boden
26. Jänner 2015: Gastbeitrag von Hannes Napierala: Zum Selbstverständnis des Projekts Campus Galli
30. Jänner 2015: Campus Galli: Nachbetrachtungen und neuer Unsinn von einem alten Bekannten
23. März 2015: Des Klosters neue Kleider – außen hui, innen pfui
12. Oktober 2015: Das potemkinsche Dorf Campus Galli – Ein kritischer Jahresrückblick
25. Oktober 2015: Weltsensation – Campus Galli rekonstruiert mittelalterlichen Traktor!
01. November 2015: Kauf dir ein paar Kritiker: Die fragwürdigen Jobangebote des Campus Galli
10. April 2016: Campus Galli: Offener Brief an den Geschäftsführer Hannes Napierala
28. August 2016: Der Campus Galli – Ein tolldreistes Medienmärchen
20. November 2016: Finanzmarode Mittelalter-Baustelle Campus Galli wird Prognosen wieder nicht erreichen!
19. Mai 2017: Chronik des Campus Galli 2017 – Von „Mohamedanern“ und lässig verteiltem Steuergeld

Alle meine Beiträge über den Campus Galli – inkl. der hier nicht gelisteten Kurzmeldungen


Ausgewählte externe Beiträge und Artikel:

Karfunkel: Causa Galli – Was ist los am Bodensee? – OFFLINE
Aachener Zeitung: Dunkle Wolken über der Klosterstadt – Klick mich

Bund der Steuerzahler: Kommt die Kloster-Katastrophe? – OFFLINE
Zollern-Alb-Kurier: Meßkirch muss nachschießen – OFFLINE
Tribur.de (Geschichte und so Zeugs):  Die Akte Campus Galli – Klick mich
Agis kritischer Bildbericht vom Campus Galli: Klick mich
Tribur.de (Geschichte und so Zeugs): Spiegel Geschichte und der Campus Galli – Klick mich

Badische Zeitung: Mittelalter-Stadt „Campus Galli“ – Weniger Besucher, mehr Kritik – Klick mich

Krimskrams: Kassian, der prügelnde Heilige — Mein Kaiser, mein Herr — Fernsehprogramm à la ZDF — usw.

Kassian, der prügelnde  Heilige

Kassian von Imola war nicht nur Schulmeister, sondern dürfte auch ein echter Sympathieträger gewesen sein. Der christliche Heilige wurde, nachdem er im Zuge spätantiker Christenverfolgung seiner Religion nicht abschwören wollte, zum Tode verurteilt. Die Vollstreckung der Strafe überließ man seinen eigenen Schülern, die ihn erbost mit ihren metallenen Schreibgriffeln marterten. Kassian soll sie als Lehrer körperlich oft gezüchtigt haben …
Nun war das Verprügeln von Schülern freilich fester Bestandteil antiker Pädagogik. Allerdings dürfte es der heilige Kassian damit ordentlich übertrieben haben, wenn ihn seine Schüler deshalb gleich mit Freude abstachen. Jedenfalls würde der gute Mann heutzutage wohl nicht mehr so ohne Weiteres die Kriterien zur Heiligsprechung erfüllen. ^^

Übrigens: Der beinahe zeitgleich mit Kassian lebende Augustinus berichtete mit Abscheu und Unbehagen von seiner eigenen Erfahrungen als Schüler. Prügel wurden von den Alten zwar gelobt, meinte er, aber durch diese Erziehungsmethoden „vervielfachte man nur die Mühe und Not der Kinder Adams.“ 


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Mein Kaiser, mein Herr (Zufälle gibt es …)

Ich lausche seit ca. einer Woche dem Hörbuch Mein Kaiser, mein Herr, das vollständig auf dem gleichnamigen Roman von Siegfried Obermeier beruht. Der Leser/Hörer begleitet darin Gerold – den fiktiven illegitimen Sohn des bayerischen Herzogs Tassilo – durch sein langes, abwechslungsreiches Leben, das er vor allem im Dienste Karls des Großen verbringt. Dabei übernimmt Gerold verschiedene Aufgabe, wie die des Soldaten, des Lehrers, des Dolmetschers oder des Gesandten.
Irgendwann im Verlauf der Geschichte büxt Gerold mit seiner Geliebten Hildtrud – einer Tochter Karls des Großen – aus. Um nicht erkannt zu werden, verkleiden sich die beiden. Gerold mimt dabei einen zur Pilgerfahrt verdonnerten Händler, während Hildtrud ihr Haare schert und sich als Diener ausgibt, der  – man glaubt es kaum – den Namen Hiltibold trägt 😊.
Ein wirklich lustiger Zufall, denn ich habe mir genau diesen Namen ja ursprünglich deshalb ausgesucht, weil er vor allem in dieser Schreibweise recht selten ist.

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Fernsehprogramm à la ZDF

Hmmm, handelt es sich bei der folgenden Zusammenstellung, die einen Ausschnitt aus lediglich sechs Tagen ZDF-Programm zeigt, um ein starkes Indiz für einen veritablen Dachschaden der Verantwortlichen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens? Klick mich
Im Angesicht dieser immensen Schlagseite ist es jedenfalls kein Wunder, dass große Teile der Menschheitsgeschichte im deutschen Fernsehen nur unter ferner liefen abgehandelt werden. Freilich, der ORF ist da noch viel schlimmer! Abseits von Natur-Dokus bekommen die Fernsehmacher auf dem Küniglberg so gut wie nichts auf die Reihe. Am besten man meldet den ORF ab und spendet die eingesparten Gebühren guten Alternativmedien der eigenen Wahl.

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Forscher entdecken in österreichischem Kloster ältestes Schriftstück auf Deutsch …

… schreibt die Berliner Zeitung: Klick mich

Übrigens, am 14. Mai hat auch die Kronenzeitung in ihrer Druckausgabe dazu einen Beitrag gebracht. Da heißt es in einem Interview unter anderem:
Frage: Warum ist dieser Fund so einzigartig?
Antwort: Es handelt sich um die erste Verschriftlichung der deutschen Sprache.
Nein, richtigerweise müsste es heißen, dass es sich um die bis dato älterste entdeckte Überlieferung handelt …

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Das fetzt

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Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

    Hörbares: Johannes Fried über die Karolinger — Forschungstaucher — Götterdämmerung im Römischen Reich — Homo Naledi — usw.



    Interview mit Johannes Fried – Thema „Karolinger“ | Spieldauer 42 Minuten | ARD/HR | Stream & Info | Direkter Download
    Interview mit dem Forschungstaucher Florian Huber | Spieldauer 37 Minuten | ARD/RB | Stream & Info | Direkter Download
    „Gegen Julian“ – Götterdämmerung im Römischen Reich | Spieldauer 8 Minuten | ARD/DF | Stream & Info | Direkter Download
    Der Archäologe Johann Joachim Winckelmann und ein historischer Geheimcode | Spieldauer 14 Minuten | ARD/RBB | Stream & Info 
    Homo Naledi: Frühmenschen lebten zeitgleich mit Homo Sapiens | Spieldauer 6 Minuten | ARD/WDR | Stream & Info | Direkter Download
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    Videos: Römischer Streitwagen gegen Ferrari — Scheiterhaufen — Weltkulturerbe Uruk — Steinzeit-Siedlung entdeckt — "Einzischartische" antike Kostbarkeiten

    Römischer Streitwagen gegen Ferrari | Spieldauer 3 Minuten | MDR/ARD | Stream & Info

    Erinnerungen an den Scheiterhaufen | Spieldauer 2 Minuten | SWR/ARD | Stream & Info | Direkter Download


    7500 Jahre alte Steinzeit-Siedlung entdeckt | Spieldauer 2 Minuten | SWR/ARD | Stream & Info

    Archäologisches Zentrum in Mainz: „Einzischartische“ antike Kostbarkeiten ziehen um | Spieldauer 2 Minuten | ARD/SWR | Stream & Info | Direkter Download


    Weltkulturerbe Uruk – Trainingsprogramme des Iraqi-German Expert Forum | Spieldauer 11 Minuten | DAI / Youtube

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    Mysteriöse Erdställe als Klangräume und Orte der Heilung? – Ein Interview mit der Forscherin Birgit Symader

    Erdställe sind ein archäologisches Phänomen, das erst seit wenigen Jahren in den Fokus einer etwas breiteren Öffentlichkeit geraten ist – obschon die Forschungsgeschichte bis mindestens in das 19. Jahrhundert zurückreicht. 
    Der von der modernen Wissenschaft verwendete Begriff „Erdstall“ führt freilich ein wenig in die Irre, denn hier ist keineswegs von einem unterirdischen (Tier-)Stall die Rede. Nein, vielmehr ist damit eine Stelle unter der Erde gemeint; genauer gesagt eine Ansammlung von miteinander verbundenen Hohlräumen, deren tatsächlicher Sinn und Zweck bis dato Rätsel aufgibt.
    Auch bei der Datierung dieser Anlagen herrscht unter den Erdstallforschern keine Einstimmigkeit. Einige sprechen von einer möglichen Errichtung im Mittelalter, andere wiederum verorten zumindest einzelne Bauten im Magdalénien (ausgehende Altsteinzeit). Möglicherweise ist beides richtig, denn mit der Bezeichnung „Erdstall“ könnte die Forschung unwissentlich zeitlich weit auseinanderliegende Anlagen unter einem Oberbegriff zusammengefasst haben.
    Über die Erdstallforschung in der Steiermark wurde hier bereits mehrmals berichtet (Links dazu finden sich am Ende des Beitrages). Doch auch in Bayern gibt es engagierte Forscher, die sich dieses spannenden Themas annehmen. Eine von ihnen ist Birgit Symader, die den Arbeitskreis für Erdstallforschung e.V. leitet. In folgendem Gespräch wird sie Einblick in ihre wissenschaftliche Tätigkeit geben.


    Liebe Frau Symader, wie sind Sie dazu gekommen, sich intensiv mit Erdställen zu beschäftigen?
    Mein Hobby ist seit etwa 25 Jahren die Höhlenforschung und Archäologie. Gerade bei der Höhlenforschung stolpert man immer über andere unterirdische Anlagen, wie Bergbau, Wassergänge oder eben auch Erdställe. Durch eine örtliche Veränderung in die Oberpfalz wurde das Thema, aufgrund der räumlichen Nähe zu den Erdställen, ein größeres Anliegen für mich – bzw. fast schon mein zweiter Job.   


    Wie viele Erdställe konnten bisher in Bayern dokumentiert werden? 

    Die Mitglieder in unserem Verein haben bisher gut 50 Anlagen dokumentiert und weiteren 580 Anlagen Aufgrund von Hinweisen oder Überlieferungen in eine Datenbank aufgenommen. Die Dokumentationen enthalten meistens eine detaillierte Gangbeschreibung, Pläne und Bilder. 


    Wie hoch ist ungefähr der Anteil jener bayerischen Erdstall-Anlagen, die archäologisch sorgfältig erforscht werden konnten? Ich könnte mir nämlich vorstellen, dass bei der überwiegenden Anzahl aus Kostengründen nur ein eine rudimentäre Dokumentation stattfindet, oder?

    Archäologisch wurden bisher nur wenige Anlagen untersucht. Und zwar die Anlage in 🔼Mitterschneidhart (Lkr. Kelheim), Prof. Rind / Kaulich; 🔼Höcherlmühle (Lkr. Schwandorf), Schaller; 🔼Grasfilzing (Lkr. Cham), Symader; 🔼Aumbach (Lkr. Cham), Symader; 🔼Sierning (Oberösterreich) Traxler (Landesmuseum) in Zusammenarbeit mit AK-Erdstallforschung. 
    Die archäologische Dokumentation ist für Laien eine Herausforderung. Die Vorgaben für die ehrenamtlichen Helfer sind exakt die gleichen wie für Grabungsfirmen. Viele Ehrenamtler schrecken vor dieser ungemein wichtigen Arbeit zurück. Nicht die Kosten, sondern das Know-How und die Zeit sind das Problem. Nur wenige Mitwirkende in unserem Arbeitskreis nehmen dies auf sich.

    Es gibt verschiedene Arten von Erdställen: Gemauerte (Trockenmauer-Bauweise) und in den Fels oder in loses Gestein/Erdreich gegrabene. Dominiert eine bestimmte Bauform in Bayern? Und ist es überhaupt wahrscheinlich, dass beide Bauformen zur selben Zeit ‚en vogue‘ waren? Können nicht relativ lange Zeiträume zwischen dem Entstehen von gemauerten und gegrabenen Erdställen liegen? Werden hier mitunter gar Dinge in einen Topf geworfen, die keinen besonders engen Bezug zueinander haben, außer dass es sich um unterirdische Gänge handelt?

    In Bayern sind die Anlagen aus dem anstehenden Fels geschlagen. Trockenmauern sind ganz selten. Die Datierung der Arbeitspuren ist nach jetzigem Stand nicht möglich, es ist lediglich anhand der Bearbeitungsspuren das Arbeitsgerät zu eruieren und dies ist zeitlich einzuordnen.
    Ich persönlich würde unterschiedliche Zeitstellungen auf keinen Fall ausschließen. Wir konnten wenige Spuren von unterschiedlichen Bauphase belegen, aber warum sollten die Anlagen nicht auch in unterschiedlichen Epochen genutzt worden sein …


    Sind die Erdställe Ihrer Meinung nach für einen längeren Aufenthalt geeignet? Bei künstlichen Höhlen ist ja speziell die Belüftung häufig ein Problem. Und gibt es bezüglich des Raumklimas bei den verschiedenen Erdstall-Bauformen spürbare Unterschiede? 

    Ich denke nicht, dass die Erdställe für einen längeren Aufenthalt gebaut wurden. Der Mensch ist bequem und hätte es sich sicher für längere Zeit auch gemütlich gemacht. Es gibt aber keine Befunde, die auf einen längeren Aufenthalt des Menschen oder anderer Lebewesen hindeuten.
    Für kürzere Aufenthalte, als Versteck, sicher eine gutes Plätzchen. Ich habe bei meinen vielen längeren Aufenthalten in Erdställen, aufgrund von Grabungen und Dokumentationen, den Ort immer als angenehm empfunden. Die Belüftung war nur bei stark gestörten Anlagen, durch äußerliche Eingriffe,  ein Problem. 


    Sie vertreten die Meinung, dass sich Erdställe – entgegen einer immer wieder geäußerten These – nicht gut als Verstecke vor Räubern oder ähnlich bösen Gesellen geeignet haben. Als Grund führen Sie unter anderem an, dass die in Erdställen oft vorhandenen Schlupfe (siehe obiges Bild) zu eng für dicke Menschen oder Schwangere sind; und das obwohl Frauen in den vergangenen Jahrhunderten – verglichen mit heute – relativ häufig schwanger waren. 
    Auch gibt es bisher keine eindeutigen Belege, die eine religiöse Verwendung der unterirdischen Gangsysteme beweist. Als Vorratsräume seien sie ebenfalls nur sehr bedingt geeignet, heißt es.
    Stattdessen könnte Ihrer Meinung nach manch Erdstall eventuell zum Kurieren von Krankheiten verwendet worden sein, was sehr spannend klingt. Hat diese Überlegung etwas mit Ihren Versuchen zu tun, das Verhalten von Schwingungen/Resonanzen in Erdställen zu beobachten? Vielleicht können Sie davon Einzelheiten berichten?

    Ja, es würde wenig Sinn machen ein Versteck für eine bestimme Zielgruppe zu bauen. Auch als Lager ist es für unser heutiges Verständnis gar nicht gut geeignet, würde man meinen. Leider hat sich bisher niemand wissenschaftlich mit der Theorie Lagerhaltung/Verstecke auseinandergesetzt. Sei es um diese zu belegen oder auszuschließen. Das wäre die normale Vorgehensweise.
    Es gibt aktuell eine Wissenschaftlerin, die sich speziell mit dem Thema Lagerhaltung bzw. welches Lagergut zu dem Erdstall passen würde, auseinandersetzt. Wir können jetzt schon auf die Publikation gespannt sein. Allerdings wird dabei immer davon ausgegangen dass wir uns im Mittelalter befinden.  Lebensmittel des Mittelalters, Lebensumstände etc.
    Es gibt zwar einige Befunde für das Mittelalter, diese weisen aber auf eine Zeit hin in der die Erdställe nicht mehr für den ursprünglichen Zweck genutzt worden sind. Stattdessen hat man sie als Abfallgruben zweckentfremdet. Meiner Meinung nach sollte man den zeitlichen Rahmen nicht einengen, sondern fragen „wie war es vor 1000 n. Chr.“.
    Aber für was ist der Raum Erdstall noch geeignet? Man kennt z.B. aus Ägypten Klangräume. Eine Frage die ich gerne klären möchte: Welche Frequenzen werden im Erdstall aufgebaut, wenn dort z.B. ein Ton eines Instruments abgesetzt wird? Und wie reagiert der menschliche Organismus darauf? In der Elektrotherapie wird mit verschiedenen Frequenzen geheilt, selbst das Schnurren einer Katze hat heilende Wirkung. Diese Tests lassen sich sehr einfach durchführen, sofern man das Equipment und Know-How hat.
    Weitere medizinische Aspekte: Der Raum Erstall weist ähnliche Merkmale wie eine Naturhöhle auf, z.B. bei der Luftfeuchtigkeit. Also ein idealer Platz für einen Asthmatiker. Und wie verhalten sich Vierenstämme unter diesen Bedingungen? Welche Krankheiten lassen sich hier besonders gut ausheilen? Alles Fragen mit denen sich bisher noch niemand beschäftigt hat. Es liegt noch viel Forschungsarbeit vor uns. 

    In alten österreichischen Kirchendokumenten tauchen Hinweise auf Erdställe („Schratteln“) auf. Wie sieht es bezüglich schriftlichen Überlieferungen in Bayern aus? 
    Schlecht. Ein Schriftstück aus dem Bistum Passau soll vorhanden sein, erst letztes Jahr wurde um Einsicht gebeten. 
    Lokale Sagen handeln oft von Wesen (z.B. Zwergen), die in Höhlen unter der Erde hausen, woraus bis zu einem gewissen Grad auch ein Zusammenhang mit tatsächlich vorhandenen Erdställen abgeleitet werden kann. Wie stark beziehen Sie solche Informationen bei Ihrer Forschung mit ein? 

    Sehr. Wenn es eine Geschichte gibt, ist auch irgendetwas Unterirdisches zu finden – allerdings nicht immer ein Erdstall. Die Geschichte der Schrazeln, Zwerge, Erdweibl, Erdmannli gibt es überall wo es unterirdische Anlagen gibt. Es war für die Menschen ja auch eine gute Erklärung, denn wer sonst soll dort gelebt haben? In Arnschwang in der Oberpfalz gab es im letzten Jahrhundert jemanden, der den „Schrazn“ noch etwas zum Essen und sogar Kleidung hingelegt hat.
    Fakt ist, die kleinen Wesen sind in den Erzählungen allesamt nett zum Menschen. Dann macht der Mensch einen Fehler und sie verschwinden. 

    Ein kritischer Punkt ist die Datierung. Manch Forscher meint, die Erdställe stammen allesamt aus dem Mittelalter. Als ‚Beweis‘ führt man einige wenige Holzkohlereste aus Erdställen an, die mittels C14-Methode untersucht bzw. datiert wurden. Äußerst Problematisch hierbei ist freilich, dass diese Holzkohlestückchen genauso gut im Zuge einer Sekundärnutzung der Anlagen eingebracht worden sein könnten, die ja bei nicht wenigen Erdställen tatsächlich dokumentiert ist. Die verlässliche Absolut-Datierung eines Erdstalls ist mir dieser Methode daher nicht möglich, oder?

    Nein, das denke ich nicht. Wir können davon ausgehen dass die Erdställe etwa ab dem 12. – 13. Jhd. nicht mehr zu dem ursprünglichen Zweck genutzt wurden. Eingebrachte Funde belegen dies, und diese sind in der Regel aus dem 11-14 Jahrhundert. Die letzte Datierung aus dem Erdstall Grasfilzing belegte sehr gut eine mögliche Nutzung bis in das 13. Jhd. Eine eingebrachte Pflanzenschicht die direkt auf dem Boden auflag ist mir der Nutzungszeit in Verbindung zu bringen.
    Eine Datierung zur Entstehung gibt es im Ansatz nur bei dem Erdstall Höcherlmühle bzw. einem dort befindlichen Bauschacht (um 1000 n. Chr.) – sofern man davon ausgeht, das letzerer direkt im Anschluss an seine Fertigstellung verschlossen wurde. Aber bei lediglich einem gegrabenen Bauschacht ist es nicht sinnvoll, die Befunde auf alle Erdställe umzulegen. Wenn wir 20 archäologisch untersuchte Bauschächte haben, könnte man sicher eine Aussage treffen, doch jetzt ist so etwas eigentlich noch nicht möglich. 


    Im Falle einer intensiven Sekundärnutzung der Erdställe kann von der Möglichkeit ausgegangen werden, dass älteres Material im Zuge von Reinigungsarbeiten entfernt wurde. Selbiges könnte bei späteren Erweiterungen der Anlagen – die in einigen Fällen nachweisbar sind – geschehen sein. Erschweren diese Unwägbarkeiten verlässliche Aussagen zum Alter einzelner oder gar aller Erdställe nicht ungemein?

    Ja natürlich. Bei den meisten bestehenden Anlagen ist es schwierig noch Befunde zu rekonstruieren Es wurde auch meistens bei den ersten Begehungen davon ausgegangen dass die Funde nicht zur Nutzzeit gehören und somit nicht wichtig sind. Das ist schade, denn auch diese Funde wären wichtig gewesen. Daher kommt übrigens auch die allgemeine Aussage „Erdställe sind fundleer“. Sie sind definitiv nicht fundleer, 


    Erdstallforscher in der Steiermark erklären, dass sie mittels der sogenannten TCN-Methode (Terrestrial Cosmogenic Nuklides), die seit einigen Jahren in der Archäologie angewendet wird, in der Lage sind, unter bestimmten Umständen das bearbeitete Gestein von Erdställen direkt zu datieren. Und zwar dann, wenn diese in Trockenmauer-Bauweise errichtet wurden. Sie kommen hierbei auf ein Alter, das einen Entstehungszeitpunkt nahelegt, der etliche Jahrtausende vor der Zeitendwende angesiedelt ist. Wie sehen Sie die Sache? Wäre TCN eine (zugegebenermaßen nicht gerade billige) Untersuchungsmethode, die zukünftig auch für Ihre Forschung in Bayern eine Option darstellen könnte?

    Für die Datierung mit der TCN-Methode sind unserer Erdställe nicht gut geeignet. Es bedarf eingebauter Steine/Platten, die an der Oberfläche gebrochen wurden. Wir haben z.B. lediglich eingebrachte Mühlsteine, die sicherlich an der Oberfläche gefertigt wurden. Es fehlen aber die Referenz-Steinbrüche dazu.
    Außerdem muss ich gestehen, fehlt es uns am Know-How, die Proben zu entnehmen und für mich wäre eine Interpretation das noch größere Problem. Meiner Meinung nach kann ich nicht davon ausgehen – nehmen wir das Beispiel mit dem Mühlstein – dass dieser mit der Bauzeit unmittelbar in Verbindung steht. Er kann ja auch schon Jahrhunderte lang anderweitig benutzt worden sein.

    In der Steiermark (Raum Vorau) wurden von Heinrich Kusch sogenannte Lochsteine in Zusammenhang mit Erdställen gebracht. Hat man in Bayern ähnliches beobachtet oder sind Lochsteine bei Ihnen nicht weit genug verbreitet, um solche Schlüsse zu ziehen?

    Lochstein-Reihen, wie sie das Vorauer Gebiet durchziehen, haben wir in Bayern nicht. Erst kürzlich bin ich aber über einen „gestolpert“. Und zwar im Gebiet Untergriesbach bei Passau. Dort wurde ich für eine Expertise zu einem unterirdischen Gang gerufen. Vorab waren einige interessante Indizien bekannt:
    🔼 Unmittelbar nördlich ein ehemaliger Burgstall aus dem Hochmittelalter.
    🔼 800 Meter südwestlich ein ehemaliger Herrensitz.
    🔼 Ein unterirdischer Gang soll lt. Überlieferung die beiden Anwesen verbinden.
    Die Fakten waren:
    🔼 Ein Gang existierte etwas südlich des Burgstalls.
    🔼 Es handelte sich um einen Bergbaustollen aus dem Mittelalter und der Verlauf ging in Richtung des Herrensitzes, war aber nach 70m verschüttet.
    🔼Im Ort stand ein Lochstein. Dieser Lochstein stand ursprünglich am ehemaligen Herrensitz mit noch zwei weiteren.
    Jetzt könnte man natürlich spekulieren. Ich bin jedenfalls sehr froh, durch Dr. Kusch auf Lochsteine sensibel zur reagieren. Sie werden auch immer eingemessen und in den Berichten mit beschrieben. Wer weiß, wann diese Information von Nutzen sein wird.

    Immer wieder stößt man bei Bauarbeiten auf Erdställe; oder Bauern brechen mit ihren Traktoren in diese Hohlräume ein. Manch Entdecker wird sie einfach verfüllen, ohne den Denkmalschutz zu informieren. Und das wohl nicht nur aus Unwissenheit, denn dem Grundstückseigentümer drohen in Bayern bei einer Meldung erhebliche Kosten, die ihm für die fachgerechte Dokumentation eines solchen Bodendenkmals aufgebrummt werden können. Doch hier springen nun Sie und Ihr gemeinnütziger Verein helfend ein und erledigen die anfallende archäologische Arbeit quasi kostenlos. Sind Ihnen deshalb die kommerziellen Grabungsfirmen, die so um Aufträge umfallen, ein bisschen böse? Oder besteht hier keine direkte Konkurrenz?

    Dies kann ich jetzt nicht so einfach beantworten. Üblicherweise wird bei einem Bodendenkmal, das z.B. bei Erschließung eines Baugebiets gefunden wird, eine Grabung durchgeführt. Das Bodendenkmal wird dabei zerstört, somit muss es entsprechenden den Vorgaben dokumentiert werden. Die Kosten übernimmt in diesem Fall der Eigentümer. Dies kann bei einer Grabung schon in die Tausende gehen. Die Entscheidung was gegraben wird und was nicht, trifft das Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) oder die Kreisarchäologie. Die Erdställe, die bisher einer Baustelle gewichen sind, wurden leider nicht gemeldet, sie waren dann halt einfach mal weg. Es wurden keine archäologischen Dokumentationen durchgeführt.
    Sehr schade, denn wir als Verein würden so etwas für den Eigentümer übernehmen. Die Zerstörung eines Erdstalles ist leider per Gesetz nur eine Ordnungswidrigkeit und kostet nicht besonders viel Strafe.
    Es ist traurig wie viele Erdställe die letzten 30 Jahre schon weichen mussten und nicht mehr dokumentiert werden konnten. Dies ist eine große Aufgabe, die der Arbeitskreis zusammen mit dem BLfD stemmen möchte. Es gab schon Gespräch mit den Zuständigen der Bodendenkmalpflege und ein Konzept für die Erdställe wird die nächsten Jahre umgesetzt werden. Das beinhaltet unter anderem die Erdställe in die „Vorgaben zur Dokumentation“ speziell mit einzubinden, damit sichergestellt ist, Erdställe vor Raubgräbereien zu bewahren. Diese Dokumentationen könnten dann natürlich auch Grabungsfirmen durchführen.
    Bisher, bei all meinen Erdstall Sicherungen und archäologischen Dokumentationen, wurde der Eigentümer nicht belastet (Im Detail nachzulesen in unseren Jahresschriften 41 und 42). Die Gelder wurden von uns vom Bezirk, Gemeinde oder vom BLfD beantragt. Die Arbeiten wurden vom AK geleistet. Ich hoffe sehr, dass es uns so gelingt weitere Zerstörungen der Erdställe zu verhindern.
    Tja, und ob uns die Grabungsfirmen böse sind, weiß ich nicht. Ich arbeite ja selbst in einer und ich kann nur sagen, viele meiner Kollegen haben mit dem Thema Erdstall noch „Berührungsprobleme“. Trotz meiner Aufklärungsarbeit ist eben ein neolithisches Gräberfeld interessanter 😊


    Das Thema Erdstall dem Ottonormalbürger zu vermitteln, ist eine Aufgabe, die Ihr Verein ebenfalls in Angriff genommen hat. Neben einigen für die Öffentlichkeit begehbaren Anlagen ist mittlerweile sogar ein europäisches Erdstall-Forschungszentrum in Planung. Was hat es damit auf sich?

    Ja, es wird ein Europäisches Erdstallforschungszentrum mit archäologischer Dokumentation – wie der offizielle Titel lautet – geben.
    Mitten in der Oberpfalz – in Neukirchen-Balbini – hat die Gemeinde ein denkmalgeschütztes Haus, mit einem Erdstall im Keller, erworben, das ab 2019 als Museum vorgesehen ist. Die Forschungsergebnisse unseres deutsch–österreichischen Vereins und der europäischen Schwestergesellschaften werden zusammengeführt und bilden somit die Grundlage für die weiterführende Erdstallforschung in Europa. Das Museum dient damit als Basis-Station für die Mitglieder des Arbeitskreises e.V. und als Informationsquelle für die zuständigen Ämter, für Universitäten, Schulen und heimatgeschichtlich interessierte Privatpersonen. Es werden archäologische Funde ausgestellt und ein Periskop gibt einen Blick in die Endkammer des Erdstalls. Die Themen werden von den Sagenwelten bis zu der Erbauung eines Erdstalles das Komplette Spektrum abdecken. Im Haus sind auch unser Archiv und eine Bibliothek untergebracht, die wir dem Fachpublikum zur Verfügung stellen.
    Derzeit beschäftigen wir uns noch mit dem Konzept, das wir zusammen mit der Firma archaeotext ausarbeiten. Bis zur Museumseröffnung 2019 werden steht uns noch viel Arbeit bevor.


    Was sind, neben dem Erdstall-Forschungszentrum Ihre Pläne für die Zukunft? Gibt es etwas, das Sie besonders gerne näher erforschen würden?
    Derzeit arbeite ich meine letzte Erdstall-Grabung auf. Dabei werde ich versuchen, einen Abdruck der Bearbeitungsspuren zu machen. Es geht mir darum, eine größere Fläche des Felsens mit einer Abformmasse abzubilden. Dieses könnte z.B. in Gips gegossen ein prima Ausstellungsstück für unser Museum abgeben. In der Anlage sind auch schöne Kienspanlöcher, die abzuformen mir hoffentlich ebenfalls gelingt.
    Außerdem möchte ich gerne weitere Resonanz-Tests durchführen. Leider ist mein bisheriger Partner für dieses Experiment plötzlich verstorben, somit musste ich es erst mal auf Eis legen. Es wird sich hoffentlich noch jemand finden.
    Mir ist sehr daran gelegen, die Erdställe in den nächsten Jahren als ernstzunehmendes Forschungsobjekt zu etablieren. Es gibt noch viel zu erforschen.
    Dann werde ich weiter daran arbeiten, dass die Erdstallbesitzer mit uns und den BLfD kooperieren, um weiter Zerstörungen der Erdställe zu verhindern. Es wäre schön, wenn sich mehr Menschen für das Thema begeistern könnten und uns im Arbeitskreis unterstützen. 

    Diesem Wunsch schließe ich mich an. Und vielen lieben Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, das interessante Thema Erdstall hier näher zu erörtern. 

    Weiterführende Informationen:
    Weitere interessante Beiträge in diesem Blog:

    Krimskrams: Antike Mode — Attila, der Menschenfreund – Wikipedia und die Quellen

    Antike Mode


    Der eine oder andere Leser dürfte den Autor Ritchie Pogorzelski kennen. Von ihm stammen beispielsweise die beiden bei Nünnerich-Asmus erschienen Bücher „Die Prätorianer. Folterknechte oder Elitetruppe?“ sowie „Der Triumph: Siegesfeiern im antiken Rom – Ihre Dokumentation auf Ehrenbögen in Farbe“. Letzteres Buch habe ich kürzlich mit Interesse gelesen und werde es in nicht allzu ferner Zukunft im Blog besprechen.

    Nun hat Ritchie Pogorzelski ein neues Projekt in Angriff genommen, das den Titel „Antike Mode“ trägt. Es soll diesmal – abseits eines Verlages – mittels Crowdfunding finanziert werden (siehe hier den bisherigen Fortschritt). Explizit wird darauf hingewiesen, dass auch Reenactors zur Zielgruppe dieser wohl mehrteiligen Publikation gehören.

    Mein persönliches Resümee zu diesem Video lautet folgendermaßen 😉  Klick mich

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    Wikipedia und die Quellen


    Im Wiki-Watch-Blog widmet man sich der Frage, wie sorgfältig bei Wikipedia mit Quellen umgegangen wird. Es ist beispielsweise fraglich …

    „…wie viele Wikipedia Autoren tatsächlich vorrangig nach möglichst neutralen, aktuellen und fachlich hochwertigen Buchveröffentlichungen als Belege für ihre Artikel suchen.“ 

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    Attila, der Menschenfreund

    Eines der Hauptprobleme der offiziösen Geschichtsforschung ist seit jeher ihr Hang, dem jeweils herrschenden Zeitgeist nach dem Mund zu reden. Unter anderem äußert sich das durch den Versuch, für ein in der Gegenwart beheimatetes Anliegen Belege in der Vergangenheit zu finden. Quellen, die das erhoffte Bild nicht bestätigen, werden zuerst relativiert und im Laufe der Zeit aussortiert. Beispielsweise wird Nero seit einigen Jahren zum missverstandener Pazifisten umgemodelt und selbst die große Völkerwanderung in der Spätantike soll in Wahrheit nur den Charakter einer etwas außer Kontrolle geratenen Strand-Party gehabt haben (demzufolge dürften die unzähligen Brandhorizonte jener Zeit bloß von übergroßen Barbecues herrühren).
    In dieselbe Kerbe schlägt nun ein Artikel des Online-Standard, in dem es unter der beschönigenden Überschrift Hunnen brachten einen neuen Lebensstil wie folgt heißt:

    „Der Einfall der Hunnen ließ das spätrömische Reich erzittern. Ihre Begegnung mit der Bevölkerung der Grenzregionen war aber nicht nur von Gewalt geprägt.“ […] Dies ging sogar so weit, dass Angehörige der lokalen Bevölkerung hunnische Bräuche aufgriffen. Wie die Forscher […] berichten, besaßen einige pannonische Bauern einen künstlich verlängerten Schädelknochen, eine Praxis, die unter zentralasiatischen Reiterstämmen weit verbreitet war. Während römische Schriften fast ausschließlich Konfrontationen mit den Hunnen schildern, zeigen unsere Funde, dass es in Grenzgebieten offenbar bis zu einem gewissen Grad auch zur Koexistenz und Kooperation gekommen sein muss“ […]. In den dunklen Zeiten am Rande des Untergangs dürften viele Menschen die plötzliche Wahlfreiheit zwischen zwei Lebensstilen als neue Chance angesehen haben.“

    Diese sogenannte „Wahlfreiheit“ stand freilich unter dem Motto: Willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein. Entweder man biederte sich an die neuen Machthaber an oder man war – wenn schon nicht sofort tot – so doch zumindest ein Art Mensch zweiter Klasse mit geringen Aufstiegschancen und zumeist rechtlich minderem Status. Dieser soziale Mechanismus war bereits ein zentraler Aspekt der antiken Romanisierung. Zig andere Kulturen liefern dafür ebenfalls Beispiele.
    Ein Leser kommentiert und entlarvt die naive Relativiererei des Artikelautors mit folgenden Worten:

    😆

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    Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

    Videos: Neues Wikinger-Museum — Außergewöhnliche Mehrfachbestattung des Mittelalters

    Ein Neues Wikinger-Museum | Spieldauer 6 Minuten  | ARD | Stream & Info

    Im erklärenden Text zum Videobeitrag heißt es:

    „Blonde Hünen mit gehörnten Helmen, die brandschatzend durch die Welt zogen. So werden die Wikinger gerne dargestellt.“
    Von den Hörnerhelmen abgesehen ist daran auch nichts falsch (und selbst die gab es, wenn wohl auch nur im kultischen Bereich).  Und weiter:

    „Ein neues Museum in Stockholm zeichnet nun ein umfassenderes Bild und betont auch die Bedeutung der Wikinger-Frauen.“

    Bitte die Kirche im Dorf bzw. das Drachenschiff im Hafen lassen 😉. Es sollte nämlich bedacht werden, dass sich die Tätigkeiten der Wikingerfrauen nicht wesentlich von ihren Geschlechtsgenossinen in anderen Kulturen des frühmittelalterlichen Europas unterschieden: Man schaute auf Haushalt und Kinder, wenn die Männer nicht zuhause waren. 
    Alles sehr wichtig, keine Frage. Aber die häuslichen Leistungen der Frauen haben die Wikinger nicht dermaßen bekannt gemacht, sondern die von ihren Männern durchgeführten Raubzüge; der hierbei entstandene Schaden für die europäische Kultur ist immens – vom verursachten menschlichen Leid gar nicht zu reden. Entsprechend haben sich diese außergewöhnlichen Vorgänge in der Geschichtsschreibung niedergeschlagen.
    Was hingegen herausgekommen wäre, wenn diese kriegerische Aufgabe weibliche Wikinger übernommen hätten, lässt sich anhand eines relativ aktuellen Videos erahnen, dass drei schwedische Polizistinnen in Aktion zeigt. Man weiß nicht, ob man darüber lachen oder mitleidig den Kopf schütteln soll …
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    Eine außergewöhnliche Mehrfachbestattung des Mittelalters an der Spitalkirche von Amberg | Spieldauer 11 Minuten  | Schauhütte Archäologie | Stream & Info

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    Hörbares: Katharina von Bora — Der deutsche Bauernkrieg — Die römische Familie — Giganten der Vergangenheit — Mörderische Mode — usw.

    Katharina von Bora – Luthers bessere Hälfte? | Spieldauer 23 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

    Der deutsche Bauernkrieg – Aufstand des gemeinen Mannes | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

    Die römische Familie: Begriffsdefinition „Familia“ – Nomenklatur – Agnetisches Prinzip – Zentrale Rolle des „pater familias“ | Spieldauer 59 Minuten | Freies Radio Freistadt | Stream & Info
    (Off-Topic) Höhlenbär, Säbelzahn und Co. – Giganten der Vergangenheit | Spieldauer 21 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download
    (Off-Topic) Löwe und Flusspferd in Mitteleuropa – Ein Gespräch mit dem Paläontologen Wighart von Koenigswald | Spieldauer 27 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download
    (Off-Topic) Todschick – Mörderische Mode | Spieldauer 14 Minuten | Das geheime Kabinett | Stream & Info | Direkter Download
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    Der Amphoriskos als antiker Vakuum-Korkenzieher?

    Große Transport-Amphore mit 
    aufgesetztem Amphoriskos
    Keine Rechte vorbehalten, doch um die Nennung der
    Quelle wird gebeten: HILTIBOLD.Blogspot.com

    .

    Was ist ein sogenannter Amphoriskos? An sich handelt es sich dabei lediglich um die Bezeichnung für eine kleine Amphore. Ähnlich wie im Falle des Alabastrons, so bewahrten die Menschen der Antike auch in einem Amphoriskos  gerne Salböle oder ähnlich kostspielige Flüssigkeiten auf. So weit, so gut.

    Nun las ich kürzlich allerdings das äußerst interessante Buch Pompeji – Die Größte Tragödie der Antike; dort wird der Begriff Amphoriskos in einen anderen, mir bisher unbekannten Zusammenhang gebraucht. Der Autor Alberto Angela verweist nämlich auf den spanischen Archäologen Emilio Rodríguez Almeida, der bestimmten Amphoriskoi (mit relativ großen Öffnungen) einen recht erstaunlichen Verwendungszweck zuschreibt: Sie könnten als Vakuum-Korkenzieher für große Amphoren benutzt worden sein. Es heißt dazu:

    „Auf den mit Korken oder Terrakotta verschlossenen Deckel wurde eine Schicht kochenden Pechs aufgebracht. Dann stülpte man die Öffnung der kleineren Amphore auf. Das Pech wurde hart, der Amphoriskos war untrennbar mit dem Amphorendeckel verbunden. Die Luft im Amphoriskos erkaltete und zog sich dadurch zusammen. Dies führte zu einem Saugeffekt, mit  dessen Hilfe man ohne große Mühe den mit Gips oder Mörtel versiegelten Amphorendeckel abheben konnte. Die Amphore wurde dabei kein bisschen beschädigt.
    Bestätigt wird diese These durch den Fund von Amphoriskoi in Castrum Novum (Santa Severa), die noch Spuren von Pech tragen.“    

    Eine interessante Überlegung, der man noch hinzufügen sollte, dass die Deckel von Amphoren und anderen Tongefäßen z.T. Griffe aufwiesen. Man benötigte in diesem Fall keinen ‚Korkenzieher‘.
    Auch gab es Verschlüsse, die weniger als Deckel, sondern richtigerweise als Pfropfen bezeichnet werden sollten – siehe etwa hier und hier.

    In der Praxis darf man sich den Vorgang des ‚Entkorkens‘ vielleicht so ähnlich vorstellen, wie meine Skizze zeigt: Der festgesaugte Amphoriskos (hier eine Variante ohne Henkel) wird ein klein wenig hin und her gedreht, um den Pfropfen zu lockern, während man gleichzeitig kräftig daran zieht. Es bleibt eigentlich nur noch die Frage: Was würde wohl Otto von Guericke dazu sagen? 😉
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    Weiterführende Literatur / Quelle: 

    Buch: Der Flammenträger – von Bernard Cornwell

    Nach rund 50 Jahren und unzähligen Kämpfen für Wessex und Mercien ist der angelsächische Kriegsherr Uhtred endlich am Ziel seiner Träume angelangt: Die Rückeroberung des alten Familiensitzes Bebbanburg in Northumbria liegt in greifbarer Nähe!
    Doch bevor er sich daranmachen kann, seine räuberische Verwandtschaft aus der alten Festung zu vertreiben, muss ein Dickicht aus Täuschungen, Intrigen und Fallen überwunden werden. Nicht nur norwegische Wikinger, sondern auch Schotten und Westsachsen setzen alles daran, Uhtreds Pläne im allerletzten Moment zu durchkreuzen.
    Mindestens ebenso hart wie Uhtred dürften auch viele Leser auf den Tag gewartet haben, an dem ihr lieb gewonnener Held wieder Herr seiner ererbten Ländereien ist. Eventuell hat der Autor Bernard Cornwell ja bemerkt, dass etliche Fans der Reihe seine seit neun Romanen andauernde Verzögerungstaktik mittlerweile mehr ärgerlich als spannend fanden.
    Besser spät als nie – könnte man nun sagen. Ich bin allerdings der Meinung, dass der beste Zeitpunkt für die Verwirklichung von Uhtreds Zielen längst verpasst wurde. So richtig glaubwürdig ist es nämlich nicht, wenn ein mittlerweile rund 60 Jahre alter Mann im vordersten Schlachtengetümmel einen Gegner nach dem anderen niederhaut. Aber vielleicht fühlt sich der über 70jährige Autor ja selbst etwas jünger, wenn er in seinen Büchern einem Herrn in fortgeschrittenem Alter solche Fähigkeiten zuschreibt 😉
    Bernard Cornwells Rezept für einen unterhaltsamen historischen Roman bleibt auch beim 10. Uhtred-Band unverändert: Eine meist mit hoher Geschwindigkeit vorangetriebene Handlung; brutale Kämpfe mit Liebe zum blutigen Detail; einige mehr oder weniger überraschende Wendungen; kein oder kaum Liebesschmalz (im Gegensatz zu so vielen anderen Mittelalterromanen); und eine oft vulgäre, mit rauem Humor gewürzte Sprache („Bei den meisten Leuten kommt die Scheiße aus dem Arsch, bei euch jedoch kommt sie aus dem Mund“.).
    Einerseits sind diese Zutaten ein offensichtlicher Erfolgsgarant für den Autor – die Uhtred-Romane verkaufen sich nämlich wie warme Semmeln und wurden jüngst sogar fürs Fernsehen verfilmt. Andererseits hinterlässt das immer gleiche Schema bei manch langjährigem Leser zunehmend einen etwas schalen Beigeschmack. Dementsprechend werden die ersten drei bis vier Teile häufig als die besten angesehen. 
    Immerhin unterscheidet sich die Handlung des aktuellen Romans insofern von den vorhergehenden, dass Uhtred hier ausschließlich in eigener Sache kämpft – also nicht für die Sachsen, um deren Land gegen räuberische Wikinger zu verteidigen. Das ist durchaus erfrischend.
    Im Nachwort des Autors heißt es, er habe diesmal besonders viel hinzugedichtet, was historisch nicht belegt ist. Sei’s drum, ich empfinde diese Hinzufügungen als wenig problematisch. Kritikwürdig ist da eher, dass Cornwell offensichtlich glaubt, man könne einen eisernen Helm mit einem Schwert spalten. Auch sind Formulierungen wie „in zwei Minuten“ für eine im Mittelalter angesiedelte Handlung unsinnig. Aber das sind letztendlich nur Kleinigkeiten, die mir persönlich ins Auge sprangen. Auf das Lesevergnügen wirkt sich so etwas nicht nennenswert aus.
    Fazit: Ja, ich fühle mich von Uhtred trotz gewisser Ermüdungserscheinungen immer noch gut unterhalten. Nicht mehr so sehr wie zu Beginn der Reihe, aber ausreichend, um noch 4 Sterne vergeben zu können.
    Übrigens: Obwohl Uhtred seinen langjährigen Traum nun endlich verwirklicht hat, werden laut Autor weitere Romane über ihn erscheinen. Auf der Homepage beantwortete Cornwell die Frage eines Lesers folgendermaßen: I will likely write the next book of Uhtred’s tale next year. Das wäre 2018. Möglicherweise erscheint daher die deutsche Ausgabe erst 2019.

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    Anmerkung: Es hat zwar überhaupt keinen Einfluss auf die Rezension, trotzdem möchte ich der Vollständigkeit halber noch ein wenig Erbsen zählen und auf folgende Details hinweisen: Das Cover passt nicht so ganz zum Inhalt des Buchs, denn dessen Handlung spielt im frühen 10 Jh., der Helm auf dem Bild entspricht allerdings dem von Sutton-Hoo und ist rund 300 Jahre älter. Die zuständige Grafikerin wird sich gedacht haben: Merkt eh keiner. Doch, ich habe es bemerkt – und sicher auch einige andere Leser 😏
    Nun könnte man freilich anmerken, der Abgebildete ist gar nicht Uhtred, sondern Ida der Flammenträger – eine halb sagenhafte Gestalt aus dem 6. Jh., die im Buch kurz Erwähnung findet und auf die auch der Titel Bezug nimmt. Dann würde man mit dem Helm lediglich um knapp 100 Jahre daneben liegen …
    In jedem Fall unpassend ist jedoch die im Hintergrund abgebildete Steinburg. Bei diesem ‚out of time objekt‘ handelt es sich nämlich um das nordenglische Bamburgh Castle wie es sich heute präsentiert. Zur Zeiten der Romanhandlung – und auch zur Zeit von Ida – bestand der damals noch als Bebbanburg bezeichnete, deutlich kleinere Bau jedoch überwiegend aus Holzpalisaden, Erdwerk und nur wenigen Steinmauern; Cornwell selbst beschreibt die Festung so in seinen Büchern. Warum blieb das aber bei der Cover-Gestaltung unberücksichtigt? Schade, dass man hier nicht etwas mehr Hirnschmalz investiert hat.

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    Weiterführende Informationen:



    Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

    Krimskrams: "Intellektuelle Prostituierte"

    „Intellektuelle Prostituierte“
    Jemand hat meinen Blogbeitrag über das Medienmärchen Campus Galli gelesen und gemeint, ich täusche mich darin in einem Punkt: Die Massenmedien wurden nicht erst in den letzten Jahrzehnten schlechter, sondern waren schon immer für die Tonne. So sprach laut Leser der einstige Chefredakteur der New York Times – John Swinton – bereits 1880 die folgenden bemerkenswert offenen Worte:

    „Bis zum heutigen Tag gibt es so etwas wie eine unabhängige Presse in der Weltgeschichte nicht. Ich werde jede Woche dafür bezahlt, meine ehrliche Meinung aus der Zeitung, bei der ich angestellt bin, herauszuhalten. Wenn ich meine ehrliche Meinung in einer Ausgabe meiner Zeitung veröffentlichen würde, wäre ich meine Stellung innerhalb von 24 Stunden los. Es ist das Geschäft des Journalismus, die Wahrheit zu zerstören, unumwunden zu lügen, zu pervertieren, zu verleumden, die Füße des Mammons zu lecken und das Land zu verkaufen für Ihr täglich‘ Brot. Wir sind die Werkzeuge und Vasallen der reichen Männer hinter der Szene. Wir sind intellektuelle Prostituierte…“

    In unserer Gegenwart sind die meisten Journalisten nicht einmal mehr intellektuell – und schon gar nicht intelligent -, sondern vor allem Schwätzer, die sich vornehmlich aus den Laberfächern rekrutieren. 

    Es heißt oft überspitzt: Wer nichts wird, der wird Wirt. Mittlerweile könnte man auch sagen: Wer nichts kann, der macht „irgendwas mit Medien“. ^^

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