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Author Archive for Rainer Schreg

Erstmals Tübinger Förderpreis für Historische Archäologie ausgeschrieben

In diesem Semester wird zum ersten Mal der Tübinger Förderpreis für Historische Archäologie ausgeschrieben. Durch den Preis soll der wissenschaftliche Nachwuchs insbesondere in der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit gefördert werden.
(Foto: R. Schreg/RGZM)

Er wurde gestiftet von Prof. Dr. Dr. h. c. Barbara Scholkmann, bis 2007 Inhaberin der Professur für Archäologie des Mittelalters an der Universität Tübingen. Verliehen wird er von der Abteilung Archäologie des Mittelalters des Instituts für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters zusammen mit dem Verein zur Förderung der Archäologie des Mittelalters Schloss Hohentübingen.

Der
Verein zur Förderung der Archäologie des Mittelalters Schloss Hohentübingen und 

 die Abteilung Archäologie des Mittelalters des Instituts für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters der Universität Tübingen 
verleihen zum ersten Mal den *Tübinger Nachwuchsförderpreis für Historische Archäologie.
 
Ausgezeichnet werden herausragende und innovative Arbeiten von Nachwuchswissenschaftlern und Nachwuchswissenschaftlerinnen auf dem Gebiet der Historischen Archäologie, die einen erkennbaren Forschungsfortschritt angestoßen haben. Eingereicht werden können Studienabschlussarbeiten (Dissertationen und Masterarbeiten, ggf. Bachelorarbeiten) mit einer Bewertung von mindestens magna cum laude, bzw. Abschlussnote 1,3 sowie Publikationen der letzten 5 Jahre. 
Vorschläge können von Hochschullehrern und promovierten Fachwissenschaftlern eingereicht werden, im Falle von Studienabschlussarbeiten sind auch Selbstbewerbungen möglich.
Die Preissumme beträgt 2 000 Euro. Der Preis kann geteilt werden. 
Die Bewerbungsfrist endet am 28.02. 2018. 
Die Bewerbungsunterlagen müssen enthalten: 
– Begründung des Vorschlags für den Preis bzw. Begründung des Bewerbers/der Bewerberin, warum er/sie seine/ihre Arbeit für preiswürdig hält. 
– Masterzeugnis bzw. Promotionsurkunde 
– Curriculum Vitae 
– Zusammenfassung der Arbeit von max. 20 Seiten 
 – Nachweise über den Impact der Arbeit auf die Forschung (bei Nicht-Abschlussarbeiten) 
 

Bewerbungen müssen in digitaler Form an die folgende Adresse eingereicht werden: archmatue@gmx.de

Die Ehre des Antikenhändlers

Begonnen hat alles mit einer Verkehrskontrolle, bei der der Polizei ein byzantinisches Öllämpchen verdächtig vorkam. Gefunden wurde es im Auto des Kunsthändlers Ali Aboutaam, der zusammen mit seinem Bruder Hicham zu den bedeutendsten Antikenhändlern gehört. Sie führen die Phoenix Ancient Art Gallerie mit Sitz in Genf und New York.
Die Behörden stießen bei den folgenden Ermittlungen in Genf auf ein Depot von antiken Funden, deren Wert auf 50 Millionen Schweizer Franken geschätzt wurde. Kurz darauf versuchten Ali Aboutaam, seine Frau und sein Fahrer, Objekte aus dem Lager „an einen sicheren Ort“ zu bringen – und wurden dabei von Überwachungskameras gefilmt.
Gebäude des Genfer Freihafens
(Foto: MHM55 [CC BY SA4.0] via WikimediaCommons)

Alis Ehefrau und Chauffeur wurden nach der misglückten Räumung verhaftet  und – was Ali heute betont – erst frei gelassen, als er auf eine Revision gegen ein Gerichtsurteil verzichtet habe, das Ihn zur Rückgabe eines antiken Sarkophags an die Türkei gezwungen hat. Schon 2010 waren im Freihafen von Genf drei antike Sarkophage vom Zoll sicher gestellt worden. 2014 wurden zwei nach Gerichtsverhandlungen dem Händler zugesprochen, einer aber musste nach einem Fachgutachten, das die Herstellungsregion recht genau bei Antalya lokalisieren konnte, an die Türkei zurück gegeben werden, was auch öffentlichkeitswirksam im Juni 2017 geschah. Als Provenienz des Sarkophages wurde Sleiman Aboutaam, der Vater der beiden Brüder Ali und Hicham angeführt, der 1968 die heute in Genf und Manhattan ansässige Phoenix Ancient Art Gallerie gegründet hatte. Sleiman Aboutaam ist bei dem Absturz des SwissAir Fluges SR111 im September 1998 umgekommen (wikipedia mit Gerüchten um die angebliche Fracht von Gold und Diamanten an Bord dieses Flugs).

In der Vergangenheit waren beide Brüder bereits in Fälle verwickelt, bei denen der Verdacht der Antikenhehlerei im Raum stand:

2004 gab Hicham Aboutaam vor Gericht sogar zu, Papiere gefälscht zu haben, die die Provenienz eines antiken silbernen Greifengefäßes aus dem Iran verschleierten und stattdessen eine Herkunft aus Syrien  belegen sollten, woher damals Importe in die USA einfacher zu bewerkstelligen waren.

Die Brüder weisen solche Anschuldigungen in einem Artikel von LeTemps weit von sich. In diesem wie in früheren Fällen gab Hicham Aboutaam stets an, nichts mit den kriminellen Aktivitäten zu tun zu haben, sondern nur im Dienste seiner Kunden gehandelt zu haben. Ermittlungen gegen Ali Aboutaam in Ägypten – und ein inzwischen wieder aufgehobenes Urteil zu 15 Jahre Gefängnis – seien auf Betreiben neidischer Konkurrenz zustande gekommen. 2009 war Ali Aboutaam in Bulgarien wegen eines von Ägypten veranlassten internationalen Haftbefehls festgenommen, aber mangels Auslieferungsvertrag zwischen den Staaten freigelassen worden.

Gegenüber Le Temps betont Ali Aboutaam, dass die Tatsache, dass sich unter den in Genf sicher gestellten Objekten auch eine unrestaurierte Statue aus Syrien oder dem Irak befindet, nichts beweise, denn das sei seit 20 Jahren ein Trend des Marktes.“

Der in New York ansässige Bruder  Hicham Aboutaam wehrt sich unterdessen gerichtlich, mit Antikenhehlerei und Terrorfinanzierung in Verbindung gebracht zu werden.Er geht gerichtlich gegen das Wall Street Journal vor, das im Mai 2017 darüber berichtet hatte, dass Schweizer Behörden nach dem Fund eines antiken Öllämpchens Ermittlungen aufgenommen haben.

In der Klageschrift gegen das Wall Street Journal, das diesen Verdacht schon im Mai 2017 ausgesprochen hatte, betont Hicham Aboutaam, nie in den Handel mit geplündertem Kulturgut involviert gewesen zu sein und betont seine Integrität.  Durch den Artikel, der über die Ermittlungen schweizer, französischer, belgischer und US-amerikanischer Behörden und einen Zusammenhang mit der Terrorfinanzierung berichtet habe, sei seine Reputation geschädigt, da daraufhin das Toledo Museum of Art eine Spende von 50.000$ zurück gewiesen hätte.

Interessanterweise bleibt im Bestreben, die eigene Lauterkeit darzustellen ein Fall unerwähnt, bei dem Hicham Aboutaam bei der Wiederauffindung einer sumerischen Statue geholfen hat, die während des Irak-Kriegs aus dem Nationalmuseum in Bagdad gestohlen wurde.

Literaturhinweis

  • Amineddoleh, Leila Alexandra, Phoenix Ancient Art and the Aboutaams in Hot Water Again (2009). Spring 2009, Vol. I, Issue No. V Art & Cultural Heritage Law Newsletter of the Art & Cultural Heritage Law Committee of the ABA Section of International Law. Available at SSRN: https://ssrn.com/abstract=2370731

A decapitated Persian warrior

Recently an article in the New York Times reported of a police raid at the European Fine Art Fair (TEFAF) in New York last week:

The European Fine Art Fair at the Park Avenue Armory is an elegant event during which wealthy collectors browse through booths of stunning art pieces, from ancient sculptures to works by early 20th-century masters.

So it raised a few eyebrows on Friday afternoon when two prosecutors and three police officers marched into the armory at 2 p.m. with stern expressions and a search warrant, witnesses said.
A few minutes later, cursing could be heard coming from a London dealer’s booth, breaking the quiet, reverential atmosphere.
On order of New York prosecuting attorney Cyrus Vance jr., the police seized the ancient Persian relief of a warrior, which has been illegaly exported from Persia todays Iran. 

According to TEFAF New York Fall, the Rupert Wace Ancient Art in London  is „one of the top dealers in the field“. Among their clients is the British Museum, the Louvre in Paris, the Metropolitan Museum of Art in New York, the Museum of Fine Arts in Boston, the Antiken Museum Basel and „the Staatliche Museum, Munich“.
The piece is well known to scientists, as it is part of the famous Apadana reliefs from Achaemenid site of Persepolis. In the past, the object was repeatedly discussed in the Art Crime Blog.

Excavation and restoration at Persepolis

The provenience of the relief is well known with only some gaps. 1935 it was still in the Apadana palace in Persepolis. It was excavated in 1930 and part of a restoration program in 1933.
Photographs freely available in the web, taken in the early 1930s show the now seized warrior as part of a balustrade close to the eastern stairs of Apadana palace in Persepolis. One of the pictures even shows its restauration in 1933.

Relief during restoration in 1933. The now seized warrior can be seen on the left of the wooden blank.
(picture: Courtesy of The Oriental Institute der University of Chicago, Photo 61379/ Neg.Nr. 41057
https://oi-idb.uchicago.edu/id/f8395971-9cba-42c1-807e-90e2d11e52f4)
The eastern stairs at the Apadana palace in Persepolis 1933.
Within the relief the now seized warrior is situated leftof the dark hole.
(Foto: Courtesy of The Oriental Institute der University of Chicago, Photo 23188/ Neg.Nr. 12822
https://oi-idb.uchicago.edu/id/bec348b2-7e3c-49fd-8fd6-e9f057c92c4e)
High resolution pictures, kindly provided by the Oriental Institute of the University of Chicago allow us to compare the damages in detail and to verify the identification. Speculation, the relief could be a fake, is surely wrong (http://paul-barford.blogspot.de/2017/10/us-court-suspends-auction-of-ancient.html).

detail of previous picture
(Courtesy of the Oriental Institute of the University of Chicago)
detail of previous picture
(Courtesy of the Oriental Institute of the University of Chicago)

Achaemenid relief of guard in Montreal Museum of Fine Arts
(picture: press release The Globe and Mail  via Wikipedia)


More detailed photographs of the seized relief:

The first robbery

As provenience of the relief TEFAF refers to the Canadian millionaire and collector Frederick Cleveland Morgan (wikipedia), who gifted the piece to the Montreal Museum of Fine Art in 1950. Cleveland Morgan was a volunteer curator at the museum and contributed more than 7000 objects to its collection. The first robbery has to be dated therefore between 1933 and 1950. Pictures from later restoration in the late 1960/early 1970s show a rectangular gap, where the relief has been sawn out probably by a machine. Currently the original location is not open to the public.
As the export of antiquities was forbidden in Persia since 1930 the export of the relief has to be illegal, if there are no officialpapers available.
It is interesting to see, that Frederick Cleveland Morgan maintained good contacts with Arthur Upham Pope (wikipedia), who was a renowned expert of Persian Art and deeply involved in the trade with Persepolis reliefs in the early 1930s.

Paul Barford illustrates how the relief has probably been cut out of the wall.In fact, pictures of a restoration in the late 1960s/early 70s show rectangular cuts instead of the missing piece.

The second robbery

During the opening hours at 3rd of September 2011 the wall-mounted relief was stolen from the museum in Montreal. A few weeks later, a Roman-Egyptian marble statuette was stolen probably by the same thief. Museum, police and the assurance company made this public only some months later. They offered a sgnificant reward, and published a wanted poster as well as a sequence of their surveillance video.
Whereas the marble is still missing today, the warrior relief was discovered in a cheap shelf between stuffed animals and plastic star wars figurines in a private apartment in Edmonton. A 33-year old man  According to Wikipedia (whose cited sources don’t have this information!), the relief was visible occasionaly in a video, shoot by TC-channel CBS, who interviewed the inhabitant, a 33 year old man, who worked as a yoga teacher. Considering it was a good replica, he bought the object fo 1400$ from a friend of a friend. In fact, the value of the relief was estimated at around 1,2 Mio $, probably around the sum, which the museum got from the assurance company.

Money, no ethics

When the relief was returned to the museum, its board decided to keep the assurance money. They transferred the warrior to the assurance company, which offered him on the art market. In 2016 the object was at the Frieze Fairs in London priced 2,2 Mio £, offered by an art dealer, who is normally specialized in medieval art and manuscripts. However Rupert Wace declared that he bought the warrior directly from the assurance company.

Persepolis reliefs

Persepolis is probably the most prominent archaeological site in modern Iran. It has a very high meaning for the national identity. The reliefs date to the late 6th and 5th. c. BC. They depict warrior and guards but as well as delegates of the conquered nations.  Excavations and restoration have been conducted by German, American and Italian teams. Since 1979 Persepolis, former capital of the Achaemenid Persian Empire is part of the UNESCO world heritage.

Even in more recent times, the Persepolis reliefs suffered from damage. There are many parts of the Persepolis reliefs in western museums in Europe and Northern America. A small number has been brought out of the country already in the 19th century before systematic excavations started. In the 1920s, the looting of the site increased. Therefore an antiquities law was enacted in 1930 prohibiting the export of archaeological finds.
However, the looting continued and there are good reasons to suppose, that prominent archaeologists were involved. Arthur Uphan Pope, author of several volumes on Persian Art had good contacts with art dealers and there is also evidence for relations to Frederick Cleveland Morgan, who has donated the warrior relief in question to the Montreal museum. In 1934 Ernst Herzfeld, who assisted the Persian government with the creation of the Antiquities Act and was responsible for the excavations based in Chicago university, was banished from Persia. This was probably the result of intrigues, which intended to replace him by someone, who was more open for exporting artefacts. Rich financial supporters of excavations often got precious finds as presents.

Another relief from Persepolis was offered in 1971 by Sothebys and 2005 by Christies. It has been smuggeled from Iran before the 1970 UN-convention on cultural heritage. This convention invented some rules for international trade but neglected earlier restrictions of the exporting countries. Repeated invention of even later due dates as in the German Kulturgüterschutzgesetz are an attempt to legalize even more recently looted material Therefore Iran was not successful in claiming the repatriation of the relief offered in 2005.
In the face of the weak law enforcement, lootng is still profitable.When in 2006 a film team damaged two warrior reliefs at the site of Perspeolis by iron tools, there was soon the suspicion, that they attempted to steal the  reliefs.

Lessons by the decapitated warrior

The recent case is meaningful by various reasons:

  1. As it is documented, that the relief was still at the site in the early 1930s, it is clear, that it has been brought out of the country illegally.
  2. Investigation and securing concern a case going back for several decades, signalizing that export restrictions by exporting countries have to be respected by traders. The common practice of referring to the last owners is insufficient. The case has some chances to become a test case. James Ratcliffe, director of the art loss register questions whether a repatriation claim by Iran can be successful, whereas the object was publicaly displayed since the 1950s.
  3. The fact, that a simple internet research allows us to verify the original situation of the relief, demonstrates that the commitment of the art trade to carefully investigate proveniences is by far not sufficient. Especially TEFAF claims to value the legal provenience of its antiquities. Obviously their understanding of legal trade neglects the restrictions of the exporting countries, which in general go far back before the UN convention.
  4. The idea, that archaeological artefacts were better preserved in Western museums than in their countries of origin is not only colonialist, but also wrong, because their removal represents in most cases an irreparable damage to the historical contexts, which are crucial for their nature as historical data. The present case clearly demonstrates, that the art work was destroyed by the demand of western collectors for nice portable pieces. The head was cut out of the architecture by force. Furthermore the western museum was neither able to protect the relief from being stolen, nor was it interested in taking over his responsibility.
  5. The case highlights, that repatriation of finds is not the solution for the problem. The problem is the looting of the sites, which is triggered by the market demand. The problem is not the legal question of ownership, but the destruction of scientific and historical data by the removal of objects. In the present case, where a very prominent site has been looted (possibly under the cloak of restoration works), there is the extraordinary situation, that the finds have been documented, before they have been brought out of the country. Therefore in this specific case a restoration would be possible. However, it is also obvious, that the looting substantially damaged previous restoration work.
  6. Finally the case clearly contains the political message, that the USA is commited to the protection of cultural heritage – even after leaving the UNESCO. In the Trump era this is not a matter of course any more (comp. Archaeologik v. 12.10.2017). It’s probably remarkable, that it is the justice making that case, which is not only in contrast to Trumpian cultural policies. Investigating in the interest of the state of Iran is also opponent to the current foreign affairs of the Trump administration, which currently puts all recent progress in good bilateral relations between US and Iran at risk.

Bibliography

  • M. G. Majd, The great American plunder of Persia’s antiquities, 1925-1941 (Lanham, Md. 2003). 
  • L. Allen, ‚The Greatest Enterprise‘: Arthur Urphan Pope, Persepolis and Achaemenid Antiquities.  In: Y. Kadoi (ed.), Artur Upham Pope and A New Survey of Persian Art (Leiden, Boston: Brill 2016) 127-167

This is en extended English version of the German blogpost Persischer Krieger mehrfach geklaut und jetzt beschlagnahmt. Archaeologik (2.11.2017)

    Australische Diplomatengattin plündert den Vorderen Orient – und ist auch noch stolz darauf

    und die Presse feiert Sie:

    Auch in den 1960er Jahren war es in den meisten Staaten des Vorderen Orients verboten, Antiken zu exportieren. Joan Howard nutzte den Diplomatenstatus ihres bei der UN tätigen Mannes aus. Die australischen Strafverfolgungsbehörden sollten hier dringend Ermittlungen aufnehmen. Eine Rückgabe wird die Schäden am historischen Quellenwert nicht wieder gut machen, aber wenigstens die Ungerechtigkeit des Raubs anerkennen. Der bereits lauernde Händler, sollte jedenfalls wissen, dass er es mit unethischer Ware zu tun hat.

    Der Fall erinnert mal wieder an Herrn Thoma:

    Klimawandel als denkmalpflegerisches Problem

    Parks Canada plant Maßnahmen gegen den steigenden Meeresspiegel, der Fort Louisbourg, einen für die Geschichte der französischen Präsenz in Kanada bedeutenden Platz, bedroht. Die Kosten werden mit 9.2 Millionen $ kalkuliert. 
    Der – unbestreitbare – Klimawandel hat Folgekosten auch in der Denkmalpflege.

    Fortress of Louisbourg National Historic Site
    (Foto: James Sherar [CC BYSA  3.0] via WikimediaCommons)

    Der Aquaedukt auf der Betonbrücke

    Für die archäologische Denkmalpflege in Mainz ist die römische Wasserleitung seit langem ein Schwerpunkt. Von Westen kommend quert die im 1. Jahrhundert angelegte Wasserleitung auf Pfeilern (sog. Römersteine) das Zahlbachtal und erreicht dann das Kästrich-Plateau, auf dem das Legionslager lag. Dort wurden bereits 1928 bei der Erweiterung des Klinikums die Pfeiler freigelegt, aber schließlich im Boden belassen. Jetzt, beim Neubau der Zahnklinik wurden sie wieder freigelegt und sollen wiederum erhalten bleiben – allerdings ist dieses Mal ein Untergeschoß vorgesehen.

    Dafür wurde nun für 3,5 Mio € ein Betonkasten gebaut, der die konservierten Pfeilerreste in ihrer Originalposition hält.

    Die Einhausung des römischen Aquaedukts nach Mainz in der Oberen Zahlbacher Straße
    In einem eng begrenzten Betonkasten werden die Pfeiler des Aquaedukts in originaler Lage erhalten.
    (Foto: R. Schreg, 2017)

    Die Frage, inwiefern das eine sinnvolle Maßnahme ist, drängt sich auf. Der Standpunkt der Denkmalpflege, dass die Wasserleitung als Gesamtdenkmal gesehen werden muss, die man so lange anknabbern kann, bis nur noch einzelne Belegpfeiler übrig sind, ist sicher richtig. Denn die Linienführung der Wasserleitung ist ein ganz wichtiges Kriterium, um diese insgesamt zu verstehen.

    „Das Aquädukt ist in seinem gesamten Verlauf ein Kulturdenkmal. … Der Erhalt von historischer Substanz ist sinnvoll, da sonst ein Denkmal immer stärker reduziert werden könnte – bis zum Schluss quasi nur noch ein ‚Belegpfeiler‘ übrig bleibt. Es käme ja auch keiner auf die Idee zu sagen: Der Dom kann abgerissen werden, zwei Türme oder eine Wand genügen, um zu wissen, wie er gebaut ist.“ erklärte Dr. Marion Witteyer, Leiterin der Mainzer Dienststelle der Direktion Landesarchäologie der GDKE (Generaldirektion Kulturelles Erbe) Rheinland-Pfalz. Tatsächlich wurde die Wasserleitung in den letzten Jahren an verschiedenen Stellen bei Baumaßnahmen aufgedeckt, aber wohl in situ belassen.

    freigelegter Abschnitt des Aquaedukts in einem Abschnitt weiter westlich
    Allerdings argumentiert Witteyer weiter: „Künftige Generationen machen vielleicht etwas aus der Gesamtleitung. Wenn wir sie vorher teilweise zerstören, zerstören wir auch die Möglichkeit, etwas zu tun.“ – Das ist durchaus richtig, doch stellt sich die Frage, ob der Betonsarg genügend übrig lässt, um diese Möglichkeiten zu erhalten. Entscheidend ist, welche künftige Möglichkeiten das sein sollen, solche der bloßen Visualisierung oder auch solche der Forschung?

    Die Hoffung auf künftige neue Möglichkeiten ist in der Archäologie nicht unrealistisch, wie die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnten gezeigt hat. Wir verfügen nun über früher ungeahnte neue Methoden der Erfassung und Dokumentation, etwa in der Geophysik, der digitalen 3D-Dokumentation oder auch in der Geoarchäologie, die uns wesentliche Informationen über vergangene Landschaftszustände vermittelt. Immer war es dabei jedoch Voraussetzung, dass möglichst viel von der Originalsubstanz erhalten war. Restaurierte Pfeiler von ihrem Kontext isoliert in einem Betonkasten sind nicht gerade vielversprechend, dass damit künftig viel Wissenschaft zu betreiben ist. Georeferenzierte 3D-Modelle sind hoffentlich bereits jetzt angefertigt worden.
    Nun ist es allerdings so, dass es durchaus einige Fragen gibt, die man an die Wasserleitung  herantragen könnte und müsste. So wäre es nicht uninteressant, näheres über die Mikrotopographie des Aquaeduktes zu wissen.  Über was für ein Land führte die Wasserleitung hinweg? Ackerland oder Brachland? Gab es eine Nutzung unter den Brückenbögen des römischen Aquaedukts? Gab es eine begleitende Straße? Wo kreuzten Wege die Wasserleitungstrasse? Vielleicht könnte man sogar feststellen, ob das Aquaedukt dicht war, oder ob sich im Boden Feuchtigkeitsmarker oder Kalkanreicherungen lange nicht behobener Schäden finden.
    Es bestehen hier tatsächlich realistische Chancen, dass man in wenigen Jahren diese Fragen mit geoarchäologisch-bodenkundlichen Fragen wird angehen können – allerdings nicht innerhalb eines kleinen Betonkastens. Vielleicht wäre es daher sinnvoller gewesen, das Geld in entsprechende Forschungen zu stecken, als in eine Einhausung, die eben diese Chancen (wenn nicht bereits die Freilegungen von 1928 die relevanten oberen Bodenschichten abgetragen haben) verbaut. Geoarchäologiche Untersuchungen könnten schon heute mit der Analyse von Bodencheme und Biomarkern  erste Erkenntnisse zu den genannten Fragen liefern und ggf. gezielt an der Methodenentwicklung arbeiten, um wenigstens nach bestem Wissen entsprechende Beprobungen vorzunehmen, die ggf. erst einmal eingelagert werden müssen, ehe sie später untersucht werden können. Untersuchungen wären hier in einem Streifen beidseits des Aquaedukts notwendig, in eben jenem Bereich, der nun durch die Baugrube zerstört ist. 

    Es sscheint immer wieder ein Problem, dass wir Bodendenkmale (vielleicht aufgrund des Begriffs) als Monumente und Objekte misverstehen und dabei iihren Charakter als historische Quellen aus den Augen verlieren. Dieser Quellenwert wird maßgeblich durch den Kontext und die möglichst unberührte Originalsubstanz bestimmt.

    Links

    Abriss-Versehen in Bayern

    Zwei aktuelle Fälle des Denkmalverlustes, die angeblich niemand wollte, die im Sommer 2017 aber dennoch passiert sind.

    München-Giesing: Abriss als Unfall?

    In Giesing, einem ehemaligen Bauerndorf, das sich schon früh zur Arbeitersiedlung wandelte und 1854 nach München eingemeindet wurde, wurde am 30.8./1.9. das Gebäude Obere Grasstrasse 1 abgerissen, das in der bayerischen Denkmalliste unter der Nummer D-1-62-000-4866 als „Ehem. Handwerkerhaus, zusammengesetzte Baugruppe bestehend aus einem erdgeschossigen, verputzten Massivbau mit Satteldach im Norden und einem zweigeschossigen, verputzten Massivbau mit Satteldach und großer Schleppgaube, im Kern um 1840/45, nach Kriegszerstörung 1944 wiederaufgebaut.“ gelistet war (BLfD Baudenkmäler München). Das Haus war Teil der sog. Feldmüller-Siedlung, die schon 1840 als Arbeiterwohnquartier entstand und ein wichtiges Zeugnis des sozialen Wandels in der frühen Industrialisierung darstellte. Die 1840 bis 1845 angelegte Feldmüllersiedlung war eine Kleinhaussiedlung, die abseits des bäuerlich geprägten alten Ortskerns entstand . In den 1980er und 200er Jahren flossen viele Gelder in eine Sanierung des Viertels. 

    München-Giesing, Obere Grasstrasse1
    (Foto. Rufus46 [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)
    Angeblich versehentlich hat nun eine Baufirma das Gebäude abgerissen. Allerdings war am 30.8. ein erster Abrissversuch durch Anwohner und Polizei noch gestoppt worden, wonach die Bauarbeiter abends  aber zurückkamen und das Handwerkerhaus platt machten. Am 2.8. waren die Nachbarn darüber informiert worden, dass das Gebäude Obere Grasstrasse 1 demnächst saniert werden, aus Gründen des Denkmalschutzes aber „nach außen wie vorhanden erhalten bleiben“ solle.
    Die Nachbarn gehen – offenbar mit guten Gründen – von einer bewussten  Zerstörung aus und demonstrieren auf vielfältige Weise gegen den Vorfall. Am 5.9. demonstrierten rund 200 Personen mit Fackeln gegen die Zerstörung des Denkmals, an dem eine Mahntafel angebracht wurde. Außerdem wurde ein Wikipedia-Eintrag zu dem zerstörten Baudenkmal angelegt (Wikipedia). Liedermacher Konstantin Wecker stellt den fall in den Kontext der Münchner Wohnungssituation und fordert die Bürger auf, sich zusammenzuschließen.

    Die Stadt will nun eine Verfügung erlassen, dass das Uhrmacherhäusl an der Oberen Grasstraße vollständig wiederherzustellen ist.  es soll verhindert werden, dass der illegale Abriss durch den Bau eines größeren Hauses dem Eigentümer Gewinn einbringt.

    Links

    Obermainshof 1: Alle wollen erhalten – Abbruchgenehmigung als Unfall?

    In Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg in der Oberpfalz ist ein Bauernhaus legal abgerissen worden – nachdem überraschend die Genehmigung  erteilt worden war, noch ehe alle Optionen für eine Erhaltung ausgeschöpft waren.
    Der Obermainshof 1 in Neukirchen b.Sulzbach-Rosenbg ist im Verzeichnis der Baudenkmäler unter der Nummer D-3-71-141-22 als „Bauernhaus, ehem. Wohnstallhaus, eingeschossiger Bruchsteinbau mit Satteldach und Fachwerkgiebeln, 1533/34 (dendro.dat.).“ (BLfD Baudenkmäler Neukirchen b.Sulzbach-Rosenbg.) verzeichnet.
    Bis 1977 wurde das Haus genutzt, danach wurde ein Neubau daneben gesettzt und das Gebäude verfiel.  2015 wurde erstmals der Abbruch beantragt Das Landesamt für Denkmalpflege und das Landratsamt als Untere Denkmalschutzbehörde bemühten sich daraufhin, eine Lösung zum Erhalt des Gebäudes zu finden. Dabei wurden Mittel für eine Notsicherung bewilligt, der Eigentümer hätte lediglich 4000 € beisteuern müssen; 90% wären als Zuschuss bewilligt worden.
    Die Eigentümerin lehnte dies ab, da das Probelm der auf ca. 2 Mio € angesetzten Sanierung damit nur aufgeschoben sei. 
    Ein Bericht bei ONetz/Oberpfalzmedien deutet an, dass das Haus keineswegs baufällig gewesen sei und der Abbruch nach erteilter Genehmigung überraschend schnell erfolgt sei.

    Dass praktisch über Nacht das Landratsamt die Abrissgenehmigung erteilt habe – und die Bagger praktisch schon in den Startlöchern standen, damit der Abbruch nicht mehr aufgehalten werden konnte. Ohne Not und Eile zu haben. Sie habe lange genug gewartet, wehrt sich die Eigentümerin. „Mir hat das auch leid getan“, so beteuert sie. „Aber was blieb uns denn übrig?“

    Sie fühlt sich alleine gelassen von den professionellen Denkmalschützern mit ihrem Problemhaus: „Wenn es wirklich historisch so wertvoll war, dann finde ich doch eine Möglichkeit, um es zu erhalten“, sagt sie in Richtung der Münchner Behörden. 

    In einer Stellungnahme konstatiert das BLfD „Zweifellos waren noch nicht alle Möglichkeiten zur Erhaltung des Bauernhauses Obermainshof 1 ausgelotet.“ und nicht ganz konsequent weiter: „Insofern wurde – wie gesagt nach gründlicher Abwägung der konkreten Umstände in dieser Angelegenheit und unter Einbeziehung der Stellungnahmen von Gemeinde und Kreisheimatpfleger – vom Landratsamt Amberg-Sulzbach die Abbrucherlaubnis für das Baudenkmal Obermainshof 1 erteilt.“

    Von einer bauhistorischen Dokumentation des Bauernhauses, das wenigstens die historische Quelle, die das Haus einmal mit all seinen anzunehmenden Umbauphasen dargestellt hat, gesichert hätte, ist übrigens keine Rede. Das Gebäude war das älteste bekannte der nördlichen Oberpfalz, seine wissenschaftliche Dokumentation und Erforschung hätte erheblich zur Kenntnis des Wandels bäuerlicher Lebensverältnisse beitragen können  – hätte!

    Links

    Übrigens: Archäologische Ausgrabungen könnten in beiden Fällen wengstens noch interessante Quellen zu einer möglichen Vorgängerbebauung oder den lebensverhältnissen früherer Bewohner liefern.

      Nachbarn und heimliche Experten

        Die jordanische Tageszeitung Jordan Times berichtet in ihrer englischen online-Ausgabe über das Dissertationsprojekt der amerikanischen  Anthropologin Allison Mickel. Sie hat die Auswirkungen archäologischer Langfristgrabungsprojekte auf deren Nachbarn untersucht, die oft als Grabungsarbeiter ihr Geld verdienen. Als Beispiele dienten ihr die Grabungen in  Çatalhöyük in der Türkei und in Petra in Jordanien. Gerade letzteres scheint spannend, denn hier wurden, wie anderswo auch, die Einheimischen aus ihren Dörfern vertrieben (vergl. Archaeologik 28.12.2015). Der kurze Artikel sagt darüber leider nichts, sondern verweist auf die Bedeutung der Grabungen für die Identität der Gruppen, zeigt aber auch die sozialen Beiehungen und Machtverhältnisse auf.
        Mickel befasst sich umfassender mit der Frage von Archäologie und Gesellschaft. Einige Artikel stehen online:

        Trump-Administration streicht den Schutz archäologischer Denkmäler

          Wie  befürchtet hat das US-Innenministerium nach einem Dekret des POTUS D. Trump den Schutz einiger archäologischer Fundstellen aufgehoben, da sie wirtschaftliche Interessen schädigten.

          Anasazi-Fundstelle „House on Fire Ruin“ im upper Mule Canyon,
          Teil des neuen Bears Ears Nationaldenkmals
          (Foto:  snowpeak   [CC BY 2.0] via  Wikimedia Commons)
          Betroffen sind vor allem der Bears Ears National Parc, in dem sich zehntausende Fundstellen der Anasazi-Kultur befinden.  Sie sind ein besonders interessantes Beispiel für die langfrstige Anpassung menschlicher Gesellschaften an einen Klimawandel (was für die klimaskeptische Trumpadministration aber vielleicht keine Rolle spielte), das schon verschiedentlich die wissenschaftliche Diskussion angeregt hat.

          Der Antiquities Act soll nun neu gefasst werden, so dass die Streichungen – was sie bisher wohl nicht sind – auch legal werden.

          Interne Links

          Die Gewalt der Authentizität

          2009 habe ich mir einen Zeitungsartikel aus der Berliner Morgenpost ausgedruckt, der mir v.a. wegen seines Panama-Bezugs interessant schien. Er scheint mir nun aber aus einem anderen Grund wert, ihn hier doch noch zu posten: Er präsentiert ein drastisches Beispiel für die Frage der Authentizität und die Wirkung von Original und Kopie auf das Publikum.

          Atalaya in der Provinz Veraguas in Panama ist das bedeutendste Pilgerzentrum des Landes. Seit mindestens 1730 finden Wallfahrten zum Bild des Jesús Nazareno de Atalaya statt, dem Wunderkräfte nachgesagt werden, heute etwa 300000 Pilger jährlich. Die heutige Statue wurde allerdings erst Anfang des 20. Jahrhnderts geschaffen (lokale Internetseiten betonen jedoch, es stünde schon seit Jahrhunderten hier), sollte nun aber restauriert werden. Der Priester vor Ort hatte die Statue dazu im November 2008 gegen eine Kopie ausgetauscht. „Die Volksseele war übergekocht, als sich das Gerücht verbreitete, bei der restaurierten Figur handele es sich um eine Kopie. Bürger begannen darauf mit einer Mahnwache vor dem Gotteshaus, und ein Komitee für die Rettung von Jesus begann mit der Suche nach dem Original.“ Die Frage, weshalb eine Kopie schon vor der Restaurierung vorhanden war, wird in den Artikeln nicht geklärt, gleichwohl wurde der Verdacht geäußert, dass das Original verhökert werden sollte.

          Jesús Nazareno de Atalaya
          (Foto: Suarex [CC BY SA 4.0] viw WikimediaCommons)
          Als der damalige Bischof von Santiago de Veraguas Oscar Mario Brown Jiménez schließlich die originale Statue am 12.1.2009 zurück brachte, blockierten laut Berliner Morgenpost tausende Menschen das Fahrzeug mit dem Geistlichen. Polizisten konnten Brown nur mit knapper Not in das Innere der Kirche in Sicherheit bringen. Der Bericht der panamaischen Zeitung La Prensa liest sich zwar weniger gewaltvoll,  doch macht er die Komplexität der Motive deutlicher als die deutsche Meldung. Bei der Statue geht es nicht schlicht um ein historisches Objekt, sondern eben um ein Kultbild, dem gar Wunderkraft zugeschrieben wird. Die Statue ist zudem kulturelles identitätsstiftendes Gut der Gemeinde, das jährlich Tausende von Pilgern anzieht und somit auch einen Wirtschaftsfaktor darstellt. Dass die Wundertätigkeit dabei einer Statue zugeschrieben wird, die selbst erst deutlich nach dem Beginn der Wallfahrt geschaffen wurde, scheint dabei keine Rolle zu spielen.

          Links

           

          Verbandsklagerecht in der Denkmalpflege

          Der Jurist und Archäologe Till Kemper sieht entscheidende Vorteile in der Einführung eines Verbandsklagerechts in der Denkmalpflege, ähnlich, wie es schon im Umweltschutz üblich ist. Dies würde es ermöglichen, dass nicht nur die Staatsanwaltschaft oder die persönliche Betroffene, sondern auch die organisierte Öffentlichkeit klagen könnte. Damit wäre eine größere Bürgerbeteiligung erreicht und auch europäischen Konventionen Rechnung getragen.

          In jedem Fall liegt ein positiver Effekt auf der Hand: Sollte die Öffentlichkeit durch das Verbandsklagerecht aktiv den Denkmalschutz und die Denkmalpflege stützen können, wüchse in der Öffentlichkeit sicherlich auch die Bereitschaft, Aufwendungen für den Denkmalschutz mitzutragen.

          Kulturgut in Syrien und Irak (September 2017)

          Die Aufmerksamkeit für die Situation in Syrien udn Irak lässt deutlich nach. Mit dem weitgehenden Zurückdrängen des Daesh und einer Stabilisierung des Assad-Regimes hat sich das mediale Interesse anderen Brennpunkten des Wahnsinns zugewandt.
          Gleichwohl scheint nun eine wichtige Phase der Schadensbegrenzung. Obgleich keineswegs Frieden herrscht, beginnt vielerorts der Wiederaufbau und die Bestandsaufnahme.

          Syrien

            Berichte aus einzelnen Orten

            Aleppo

            Palmyra

            Im deutschen Fernsehen gleich zwei Dokumentationen auf zdf und arte, die freilich auf gemeinsamem Material aufbauen. Vorgestellt werden das Projekt ILLICID; bemerkenswert auch die Hinweise auf Raubgrabungslöcher im Bereich der von Daesh zerstörten Tempel.

             

            Idlib

            Das Museum in Idlib macht Bestandsaufnahme des geplünderten Kulturguts, um künftig Rückgabeforderungen gerichtlich durchzusetzen:

            Raqqa

            kurze Notiz mit Bildern zum Museum

            Hama

            Bulldozer-Zerstörungen nicht durch IS, sondern durch die Turkistan Islamic Party in Syria (TIP).

            Tell Quarqur: Blick von dem überplanierten kleineren Nordhügel
            auff den größeren  südlichen Hügel
            (Foto: User:PongoPygmaeus 2007 [PD]
            via WikimediaCommons)

            Tell Quarqur / Karkar besteht aus zwei Tells mit Besiedlungsresten aus verschiedenen Perioden, Vor 2010 fanden hier Forschungen der American School of Oriental Research statt (dt. wikipedia; engl. wikipedia). Nach den Bildern wurde quer über den kleineren nördlichen Hügel ein Weg planiert. 

            Nimrud

            Maßnahmen gegen Kulturgutverlust

            British Army stellt eine Einheit Monuments Men auf:

            Daesh-Kulturzerstörer sollen zu Verantwortung gezogen werden.

            UN-Sicherheitsrat Resolution 2379/2017zeilt darauf ab, die Verbrechen des Daesh zu verfolgen, darunter auch die Zerstörungen von Kulturgut. Eine Ermittlergruppe der UN wurde eingesetzt.

              als sei alles ganz normal in Syrien…

              Ungarisches Projekt am Krak des Chevaliers

              DGAM bei Blue Shield-Konferenz in Wien

                Links

                frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

                Dank an diverse Kollegen für Hinweise.

                Energiewende und Bodendenkmalpflege II

                „Der mit der Energiewende einhergehende Landschaftsumbau stellt die archäologische Denkmalpflege des Bundeslandes Schleswig-Holstein vor eine bisher kaum gekannte Herausforderung. Im Gegensatz beispielsweise zum Kies- und Braunkohleabbau oder dem Erschließen von Neubau- oder Gewerbegebieten betrifft der Ausbau der Energiestruktur den gesamten deutschen Planungsraum,“

                Jetzt in den Archäologischen Informationen:

                (Foto: R. Schreg)

                Interner Link

                Die Markt- und andere Krankheiten der Archäologie

                Raimund Karl

                In seinem Blogpost vom 11.9.2017 thematisiert Rainer Schreg (2017) die Kassation von archäologischen Funden auf denkmalschutzrechtlich notwendig werdenden Rettungsgrabungen in Schweden, die durch einen Artikel des schwedischen Archäologen Johan Runer in der Zeitschrift Populär Arkeologi in recht scharfen Worten kritisiert wurde. Runer spricht unter anderem in einem Kommentar zu Thema im Svenska Dagblatt davon, dass die Brache der Archäologie „die Marktkrankheit bekommen“ habe und so tun würde, „als würden wir Geschäfte machen“ (zitiert bei Schreg 2017).
                Rainer Schreg hat diese Kritik aufgenommen und dazu benutzt, mehrere durchaus wichtige und innerfachlich nicht ausreichend diskutierte Themen aufzugreifen; nämlich einerseits die Frage der Kassation von Grabungsfunden; andererseits die nach dem Umgang mit Neuzeitarchäologie; und schließlich die der öffentlichen Wahrnehmung bzw. Instrumentalisierung archäologischer Argumente über die Erhaltung bzw. das Entsorgen archäologischer Überreste. Weil diese und damit untrennbar verbundene Themen tatsächlich mehr öffentlicher Diskussion bedürfen, möchte ich mich hier ebenfalls dazu äußern.

                Die Selektion erhaltungswürdiger archäologischer Informationen

                Rainer Schreg (2017) deutet in seinem kurzen Beitrag ganz richtig an, dass die Selektion bestimmter archäologischer Informationen (inklusive Fundmaterialen), die als erhaltungswürdig und die Deselektion – meist in Form von Kassation – solcher, die als nicht erhaltungswürdig betrachtet werden, gleichzeitig problematisch und notwendig ist.
                Wir neigen leider in der deutschsprachigen Archäologie sehr dazu, zu vergessen, dass eine der, wenn nicht sogar die, wichtigste Aufgabe aller mit Quellensammlung und -erhaltung befassten Teilbereiche der Archäologie die Unterscheidung zwischen erhaltenswerten und nicht erhaltenswerten archäologischen Objekten und Informationen ist (siehe dazu auch schon Karl 2015; 2016). Wie das der österreichische Gesetzgeber in der Regierungsvorlage zu seinem Denkmalschutzgesetz ungewöhnlich vernünftig ausdrückt, ging das Denkmalschutzgesetz
                „…von vornherein von einer klaren Beschränkung durch wissenschaftlich überlegte Auswahl aus. Nur in dieser Beschränkung kann der Denkmalschutz auch jene Effizienz entfalten, deren er bei einer zu großen Anzahl von Unterschutzstellungen verlustig gehen würde. Aus diesem Grund ist es einer der schwierigsten Aufgaben des Bundesdenkmalamtes, jene Auswahl in jenem Umfang für die Unterschutzstellungen zu treffen, die vom Fachlichen her erforderlich ist und vom Administrativen her bewältigt werden kann. …“ (RV 1999, 39).
                Mülldeponie auf Staten Island, New York
                (Foto Chester Higgins, Public Domain via WikimediaCommons)

                Auch wenn uns das nicht gefallen mag, man kann nun einmal nicht einfach alles aufheben; nicht einmal alles, was wir als ‚archäologische Funde‘ betrachten. Aber selbst, wenn wir alles aufheben könnten, was wir als ‚archäologische Funde‘ betrachten: auch das stellt schon eine Selektion dar. Wir betrachten schließlich nicht jeden ‚alten Mist‘ als ‚archäologischen Fund‘; weil würden wir das, müssten wir auch alle modernen Mülldeponien als archäologische Fundstellen einstufen; und statt den Müll, der tagtäglich von der Müllabfuhr abgeholt wird, auf diese zu kippen, ihn unseren archäologischen Archiven einverleiben. Schließlich ist auch der Mist von gestern eine materielle Hinterlassenschaft der Vergangenheit, die in der Zukunft mit besseren archäologischen Methoden als heute wissenschaftlich ausgewertet werden könnte.

                Die Frage, die sich uns stellt, ist also nicht die, ob man eine Grenze ziehen soll, die bestimmt, ab wann ein Gegenstand ‚archäologisch‘ erhaltenswert ist, sondern nur die, wo man diese Grenze ziehen soll bzw. will. Das wurde aber bisher kaum explizit diskutiert. Vielmehr wurde und wird so getan, als ob diese Grenze ‚selbstverständlich‘ sei; und nicht nur jeder einigermaßen ordentliche ausgebildete Archäologe, sondern auch Laien (dank eines kollektiven archäologischen Unbewussten?) zweifelsfrei erkennen könnten, wo sie liegt.
                Dabei haben wir selbst diese Grenze noch zur Zeit meines Studiums, also vor etwa 30 Jahren, deutlich anders gezogen als heute: als ich Ende der 1980er in Wien zu studieren begann, wurde dort alles was jünger als das 15. Jh. n.Chr. war als ‚rezenter Mist‘ betrachtet, den man schon auf der Grabung auf den Abraumhaufen verlagerte und damit effektiv kassierte. Ein paar Jahrzehnte davor hat man das gleiche noch mit Tierknochen gemacht, und vor einem Jahrhundert auch mit Menschenknochen und ‚nicht ausstellungswürdigen‘ Funden wie z.B. stärker fragmentierter Keramik. Die Deselektion, oft verbunden mit einer Kassation, von Funden und ganzen Fundgattungen war und ist also in der Archäologie immer schon ganz und gäbe; egal ob wir es offen zugeben oder uns hinter sich wandelnden Grenzziehungen des Bedeutungsbereichs des Begriffs ‚archäologischer Fund‘ verstecken.
                Kassation, nicht nur von einzelnen Fundgattungen, sondern sogar von ganzen Fundstellen, findet auch heutzutage in Deutschland statt, meist mit stillschweigender, manchmal auch ausdrücklicher Zustimmung durch die örtlich zuständigen Denkmalbehörden. So z.B. haben vor ein paar Jahren Frank Siegmund und Diane Scherzler kritisiert, dass im rheinischen Braunkohletagebau gerade einmal 5% der bekannten Fundplätze – nach sorgfältiger Auswahl durch die lokal zuständige Denkmalbehörde – systematisch ausgegraben werden (Siegmund & Scherzler 2014, 172). Bedenkt man dann noch, dass lineare Großprojekte immer wieder zeigen, dass selbst in gut bekannten archäologischen Fundlandschaften durchschnittlich gerade einmal nur etwa 20% aller vorhandenen Fundplätze bekannt sind, bevor sie bei Baumaßnahmen angefahren werden (Stäuble 2012, 18-19), sinkt die Quote der im rheinischen Braunkohletagebau denkmalpflegerisch selektierten Fundplätze eventuell sogar noch weiter, auf gerade einmal 1% aller tatsächlich vorhandenen. Die restlichen 99% werden hingegen kassiert.
                Will man also kritisieren, dass in Schweden auf Denkmalschutzgrabungen bestimmte Funde oder sogar ganze Fundgattungen kassiert werden, kann man zwar natürlich Einzelentscheidungen wie in den von Runer reportierten Fällen kritisieren; als auch wie der Selektionsprozess konkret organisiert ist, d.h. z.B. wie Schreg (2017) kritisieren, dass die Entscheidung vom Grabungsmitarbeiter an Ort und Stelle, statt vom besser qualifizierten Grabungsleiter oder gar den gesetzlich dazu beauftragten Denkmalfachbeamten getroffen wird. Man sollte sich allerdings gut überlegen, ob man die Schweden dafür kritisieren will, dass sie – wie das Riksantikvarieämbetet in einer Stellungnahme zu den Fällen festgestellt hat – auf Basis wissenschaftlicher Prioritätensetzungen selektieren. Denn das Riksantikvarieämbetet scheint in dieser Beziehung wenigstens den Standards und Empfehlungen des EAC zur Selektion der zu archivierenden Evidenzen bei archäologischen Projekten (Perrin et al. o.J., 25) zu folgen. Inwieweit alle Denkmalämter in Europa, oder auch nur in Deutschland, sich ebenso an diese Empfehlungen halten wie die Schweden, ist hingegen durchaus diskutierbar.
                Man kann die Sache übrigens drehen und wenden, wie man will, Tatsache ist, dass die meisten archäologischen Archive und Museumssammlungen in Europa als Folge der nahezu flächendeckenden Einführung des Verursacherprinzips für Denkmalschutzgrabungen nahe an den Grenzen ihrer Aufnahmekapazität angelangt sind, wenn sie diese nicht schon längst überschritten haben (Karl 2015; 2016). Die Vorstellung, dass der archivgerechte Lagerraum und – noch wichtiger – der zu deren Betreuung notwendige wissenschaftliche Personalstand archäologischer Archive mit der gleichen Geschwindigkeit wachsen wird, mit der neues Fundmaterial anfällt, ist in Anbetracht derzeitiger Realitäten schlicht und einfach unrealistisch. Selektion ist unvermeidlich; das fachliche Gespräch darüber zu scheuen wie der Teufel das Weihwasser daher höchstgradig unverantwortlich. 

                Das Problem mit der Neuzeitarchäologie

                Schreg merkt ebenso richtig in einer Randbemerkung an, dass die ‚rechtfertigende‘ Stellungnahme des Riksantikvarieämbetet, dass in den von Runer kritisierten Fällen (nur oder vorwiegend) moderne Fundgegenstände (des späten 18. Jhs. und jünger) deselektiert worden seien, „Fragen nach dem Umgang mit der Neuzeitarchäologie aufwirft“ (Schreg 2017). Schließlich stellen auch neuzeitliche Fundgegenstände – bis hin zum gegenwärtigen Müll (z.B. Rathje & Murphy 2001) – materielle Hinterlassenschaften der Vergangenheit dar, die Gegenstand wissenschaftlichen archäologischen Interesses werden können. Diese einfach aufgrund ihres vergleichsweise geringen absoluten Alters zu deselektieren ist daher aus archäologischer Sicht problematisch, wenigstens, wenn man die Neuzeitarchäologie als anderen gleichberechtigtes Untergebiet der modernen Archäologie betrachten will.
                Gerade aus Sicht der archäologischen Archivierung stellt die Neuzeitarchäologie jedoch ein ganz besonderes Problem dar. Dies nicht einmal so sehr deshalb, weil es – insbesondere sobald man damit in Zeiten der industriellen Massenproduktion und moderner ‚Wegwerfgesellschaften‘ vorstößt – einfach viel mehr neuzeitliche als ältere archäologische Überreste gibt; obgleich die vergleichsweise enormen neuzeitlichen Fundmassen auch Teil dieses Problems sind. Der weit größere Teil dieses Problems ist vielmehr, dass neuzeitliche materielle Hinterlassenschaften der Vergangenheit im Gegensatz zu denen älterer Zeitabschnitte keine begrenzte, sich nicht regenerierende Ressource darstellen, sondern dauernd neu entstehen.
                Das soll natürlich nicht bedeuten, dass heute noch Gegenstände z.B. des späten 18. Jh. n.Chr. entstehen: natürlich sind diese, wie alle in der Vergangenheit erzeugten Gegenstände, eine beschränkte, sich nicht regenerierende Ressource, weil eben im späten 18. Jh. n.Chr. nur eine begrenzte Anzahl von Gegenständen erzeugt wurde. Werden diese alle kassiert, dann sind sie genauso für immer verloren, wie wenn alle z.B. eisenzeitlichen Gegenstände kassiert werden würden.
                Dennoch: will man nicht zwischen der Neuzeit- und einer ‚Gegenwartsarchäologie‘ eine weitere, willkürlich absolut festgesetzte Zeitgrenze einziehen, also das als Neuzeitarchäologie bezeichnete archäologische Forschungsgebiet z.B. im mehr oder minder beliebig gewählten Jahr 1950 enden lassen, sondern zur Gegenwart hin ‚offen‘ lassen, entstehen jeden Tag überall zahllose neue archäologische Überreste, die zum Forschungsgegenstand unseres Faches und somit zu potentiell erhaltungswürdigen ‚archäologischen Funden‘ (und ‚Befunden‘) werden. Das stellt, vor allem langfristig betrachtet, die archäologische Archivierung vor ein unlösbares Problem, wenn man sich Selektionsprozessen in der Evidenzarchivierung verweigert, ja diese nicht einmal offen zu diskutieren bereit ist: man bräuchte, um eine zur Gegenwart hin ‚offene‘ Neuzeitarchäologie ‚vollständig‘ sammeln zu können, auch ein ‚nach oben hin offenes‘ Archiv, d.h. ein stetig wachsendes Archiv. Aber ein ‚nach oben hin offenes‘ Archiv, was Lagerplatz und verfügbare Personalressourcen (und den politischen bzw. gesellschaftlichen Willen zu dessen Bereitstellung) betrifft, gibt es nicht und wird es auch nie geben.
                Solange neuzeitliche Hinterlassenschaften der Vergangenheit fachlich als ‚rezenter Mist‘ betrachtet wurden, ließ sich die Fiktion der nicht selektiven Archivierung archäologischer Evidenzen daher aufrechterhalten; und sei es nur dadurch, dass man den Bedeutungsgehalt des Begriffs ‚archäologischer Fund‘ so modifiziert hat, dass man sich über die Unterscheidung zwischen erhaltenswerten und nicht erhaltenswerten Gegenständen keine zusätzlichen Gedanken machen musste. Sobald man aber ernsthaft neuzeitliche materielle Hinterlassenschaften ebenfalls als ‚archäologische Funde‘ zu betrachten beginnt, scheitert diese Fiktion – und zwar eher früher als später – an den tatsächlich existierenden Beschränkungen, die in der Realität räumlich und ressourcenmäßig begrenzter Archive bestehen.

                An diesem Punkt hat man dann zwei Möglichkeiten:

                Entweder man tut so, als ob chronologisch jüngere Funde generell weniger wichtig sind als ältere; z.B. weil sie eben häufiger, meist auch durch andere historische Quellengattungen wenigstens grundsätzlich dokumentiert, usw. sind. Damit erklärt man aber die Neuzeitarchäologie zu einer Archäologie 2. Klasse: man weist damit schließlich ihren Quellen a priori einen geringeren Wert zu als den Quellen der ‚wirklich wichtigen‘ Archäologie älterer Zeiten. Das erscheint mir aber im Sinne einer Gesamtbetrachtung der Archäologie als Wissenschaft letztendlich unvertretbar; weil man dadurch die Wertung ‚älter ist wichtiger‘ zu einem Grundprinzip erheben würde, das in dieser vereinfachten Form sachlich nicht zu rechtfertigen ist.
                Oder man akzeptiert, dass Selektion unvermeidlich ist; und man daher wenigstens innerfachlich darüber zu reden beginnen muss, welche Selektionskriterien denn nun in der Selektion archäologischer Funde für die Archivierung zur Anwendung gebracht werden sollen. Weil wenn man das nicht tut, dann werden einfach die Denkmalämter entscheiden, welche Selektionskriterien zur Anwendung zu bringen sind; wenn nicht, weil sie das wollen; dann doch, weil ihnen gar nichts anderes übrigbleibt: schließlich sind sie vom Gesetzgeber dazu befugt und damit beauftragt worden, genau solche Entscheidungen zu treffen.
                Und wenn sie das nicht tun, dann kommt irgendwann einmal eine staatliche Kontrollbehörde daher und kritisiert sie massiv dafür, dass sie das nicht getan haben, wie das in Österreich gerade im vor einigen Monaten erschienenen Kontrollbericht des Rechnungshofs der Fall war (RH 2017, 41-47), mit potentiell dramatischen Konsequenzen bis hin zur drohenden ‚Privatisierung‘ der Behörde (Wiener Zeitung 2017). Dass die „Marktkrankheit“ der Archäologie durch eine Behördenprivatisierung geheilt werden wird, kann man wohl nicht erwarten. 

                Das Problem der Instrumentalisierung durch Dritte

                Die Diskussion über Selektionsstrategien darf und sollte sich aber nicht nur auf die Fachwelt beschränken, sondern auch öffentlich geführt werden. Denn der dritte Problempunkt, auf den Schreg (2017) ebenfalls ganz richtig hinweist, ist, das eine Selektion, die stattfindet, ohne dass ihre Notwendigkeit und die Gründe für die gewählten Selektionskriterien wenigstens öffentlich kommuniziert, wenn nicht sogar öffentlich diskutiert wurde, sehr leicht von Gruppen, mit denen man als Archäologe und als Mensch vielleicht nicht unbedingt assoziiert werden möchte, politisch zu instrumentalisieren versucht werden können.
                Im konkreten, schwedischen Fall ist dies eine versuchte Instrumentalisierung durch die rechtsnationalistische Szene (Schreg weist darauf hin, dass die European Union Times und die dort genannte Quelle, The Daily Westener News, rechtspopulistische Medien sind, hat aber scheinbar übersehen, dass auch die deutsche Version des Berichts auf der stark rechtslastigen Webseite unzensuriert.at erschienen ist; für Links zu den jeweiligen Beiträgen siehe Schreg 2017). Gleichermaßen sind aber natürlich Medienberichte, in denen ein arrivierter Archäologe seinen KollegInnen vorwirft, die „Marktkrankheit“ zu haben und mit Deckung durch die staatlichen Denkmalbehörden die Geschichte ihres Landes wegzuwerfen, um Geschäfte zu machen, auch Wasser auf die Mühlen von Metallsuchern und Antikenhändlern, die solche Berichte ebenfalls sehr leicht zu ihrem Vorteil zu instrumentalisieren versuchen können.
                Das Problem ist aber noch weitreichender: was sollen sich jene Mitglieder der Öffentlichkeit, seien es ehrenamtliche Denkmalpfleger oder Aktivisten für den Denkmalschutz, denn denken, wenn wir öffentlich stets steif und fest behaupten, dass jeder ‚archäologische Funde‘ von so unendlich großer Bedeutung ist, dass er unbedingt erhalten werden muss; wenn sie dann zuschauen müssen, wie archäologische Denkmale, die ihnen wichtig sind, ohne dass die Denkmalbehörden irgendetwas dagegen tun von ihren Eigentümern zerstört oder von uns auf Denkmalschutzgrabungen Funde kassiert werden? Tatsächlich kann ich aus eigener Erfahrung mit zahlreichen für den Denkmalschutz engagierten Mitgliedern der Öffentlichkeit bestätigen, dass sowohl der Grad der Verwirrung über solche Vorkommnisse hoch ist, als auch die Motivation solcher engagierten Laien enorm stark beeinträchtigt wird, wenn wir zwar stets predigen, dass die Erhaltung aller archäologischen Denkmale inklusive der Kleinfunde unumgänglich notwendig ist, aber dann keinen Finger rühren, wenn sie uns darauf aufmerksam machen, dass irgendwo gerade Archäologie zerstört wird. Gerade solche engagierten Bürger glauben unseren Worten nämlich, und sind dann unendlich enttäuscht, wenn diesen schönen Worten keine entsprechenden oder sogar den Worten diametral entgegengesetzte Taten folgen.
                Wie enorm schwierig es ist, solchen Denkmalschutzaktivisten dann zu erklären, dass die Deselektion und eventuell auch die Kassierung vieler archäologischer Funde und teilweise sogar ganzer Fundplätze notwendig ist, weil sonst die Funde bloß in archäologischen Archiven unter konservatorisch absolut ungeeigneten Bedingungen vor sich hin korrodieren, verschimmeln, etc., brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen. Zumeist kann man diesen das überhaupt nicht erklären, weil sie – wieder auf Grund unserer jahrzehntelangen Propaganda, dass jeder Fund unbedingt erhalten werden muss – weder verstehen noch akzeptieren können, dass es überhaupt sein kann, geschweige denn sein ‚darf‘, dass archäologische Archive nicht ausreichend geräumig und mit Ressourcen ausgestattet sind, dass auch wirklich alle Funde dauerhaft archiviert werden können.
                Kommuniziert man nicht öffentlich, dass man nicht alle archäologischen Funde aufheben kann, egal wie unbedeutend sie sind und egal wieviel Lagerraum sie verstellen und finanzielle Ressourcen verschlingen, sondern auswählen muss, welche man langfristig aufheben und erhalten kann und welche nicht; und dann natürlich auch die, die man nicht langfristig aufheben und erhalten kann wegwerfen muss; sind Instrumentalisierungen des tatsächlich stattfindenden Wegwerfens von Funden durch bestimmte, uns normalerweise unangenehme, und entsprechende Verwirrtheit anderer, uns gewöhnlich weit angenehmerer, Interessensgruppen unvermeidlich. Und kommuniziert oder diskutiert man die Kriterien nicht öffentlich, die der tatsächlich zu erfolgenden Auswahl zu Grunde liegen, braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn dann jedes öffentliche Verständnis dafür fehlt, dass, wie und warum eine solche Selektion vorgenommen wird. Und dann schreien die Medien ‚Skandal‘ und dass ‚die Archäologen unsere Geschichte wegwerfen‘, was für unsere Reputation als Archäologen, die unseres Faches, und der staatlichen Strukturen zum Schutz der Archäologe, keineswegs gut ist. 

                Wie bestimmt man den Wert archäologischer Funde?

                Alle diese Problemkreise sind aber eigentlich nur Symptome eines noch wesentlich bedeutenderen Problems, das letztendlich dieser ganzen traurigen Situation zu Grunde liegt: das Problem, dass wir vergessen haben, uns mit der Frage zu beschäftigen, wie man archäologische Informationen relativ zueinander bewertet; und daher selbst keine Ahnung (mehr) haben, wie man auf vernünftige und einigermaßen nachvollziehbare Weise den Wert archäologischer Informationen und insbesondere den Wert archäologischer Funde bestimmt.
                In einfacheren Worten gesagt: wir können nicht (mehr) zwischen ‚bedeutenden‘ archäologischen Funden und ‚altem Mist‘, zwischen ‚archäologisch wertvollen‘ und ‚archäologisch wertlosen‘ Sachen unterscheiden. Das ist, wie ich schon an anderem Ort genauer erläutert habe (Karl 2016), charakteristisch für eine tatsächlich (im Gegensatz zur „Marktkrankheit“) von der Psychologie als Geisteskrankheit definierte Verhaltensstörung, das sogenannte „Messie-Syndrom“. Wir halten eben alle ‚archäologischen Funde‘ für gleich, nämlich für unendlich, wichtig.
                Das war keineswegs immer so, wie mein Beispiel weiter oben bereits gezeigt haben sollte: als ich vor – jetzt, als ich diese Zeilen schreibe, nahezu auf den Tag genau – 30 Jahren an der Universität Wien Ur- und Frühgeschichte zu studieren begann, wussten dort alle, bzw. glaubten zu wissen, dass alle Sachen, die jünger als das 15. Jh. n.Chr. waren, ‚rezenter Müll‘ war, den man ungeniert auf den Abraum werfen konnte, wenn man ihn bei einer Grabung fand. Man kann von dieser relativen Bewertung halten, was man will – ich persönlich halte und hielt sie auch schon damals für falsch, auch wenn mich Neuzeitarchäologie nie besonders interessiert hat – aber es ist, egal was man von ihr jetzt konkret halten mag, ein Bewertungskriterium: alles was älter als 1500 ist, ist diesem Bewertungskriterium zufolge ‚archäologisch wichtig‘ (oder, wenn man so will, ist ‚Geschichte‘), alles was jünger ist hingegen ‚alter Mist‘, den man wegwerfen kann, darf und sogar soll (d.h., im selben Sinn, ist ‚keine Geschichte‘).
                Wenn man zwischen unterschiedlichen Dingen auswählen muss, egal ob das Sachen wie archäologische Funde, Informationen wie archäologische Dokumentationsunterlagen, oder Handlungen wie welche Fundstelle man unverändert in situ erhalten muss und welche in situ zerstört werden kann (ob jetzt mit oder ohne vorhergehende Denkmalschutzgrabung), braucht man Bewertungskriterien, anhand derer unterschieden werden kann, welche der unterschiedlichen Optionen man wählen soll; und sei es nur das Ergebnis eines Münzwurfes. Nachdem klarerweise schwer öffentlich vermittelbar wäre, dass man über die Selektion oder Deselektion eines archäologischen Fundes für die Langzeitarchivierung mittels eines Münzwurfs entscheidet, müssen es wohl andere Kriterien als dieses sein, wenn man sich nicht dem dann durchaus berechtigten Vorwurf aussetzen will, dass man ‚Geschichte‘ wegwerfen würde.
                Manche solche Kriterien haben wir auch schon; auch wenn wir das nicht (gerne) zugeben; bzw. nach außen hin selektiv kommunizieren, ob diese Kriterien relevant sind oder nicht. Eines dieser Kriterien ist zum Beispiel, ob der Fund aus einem stratifizierten Kontext stammt oder nicht: wie wir stets behaupten, wenn es darum geht, die archäologische Schädlichkeit von ‚Raubgrabungen‘ darzustellen, sind Funde, die sich nicht mehr in ihren ursprünglichen Deponierungskontexten befinden, „… allenfalls noch Antiquitäten, für die Forschung kaum noch zu verwenden und nur noch von geringer Bedeutung.“ (Kriesch et al. 1997, 26). Aber wenn dem denn tatsächlich nach derzeit vorherrschender Fachmeinung so ist, kann man nicht auch behaupten, dass ein bereits – ob nun legal oder illegal – aus seinem Kontext gerissener archäologischer Fund von herausragender archäologischer Bedeutung, weil er aus Edelmetall und damit ein museal und touristisch ausschlachtbarer ‚Schatzfund‘ ist, den man qua staatlichem Schatzregal der Sammlung einverleiben will, für die man verantwortlich ist.
                systematisch abgelagert:
                spätantike Ziegel aus einer Ausgrabung 
                (Foto R. Schreg 2015)

                Ein anderes Kriterium ist beispielsweise, ob ein Fund – sei es nun auf einer konkreten Grabung oder auch ganz allgemein – in die Kategorie der ‚Massenfunde‘ fällt, wie es ja auch Schreg (2017) z.B. bezüglich Dachziegeln, Nägeln und Grobkeramik andeutet, oder ein generell seltenes oder sogar einzigartiges Stück ist. Auch wenn man, wie Schreg (2017) ebenfalls richtig anmerkt, immer noch die genaue Fundlage z.B. jedes einzelnen Dachziegels dokumentieren sollte, weil sich dadurch vielleicht Erkenntnisse über die genaue Dachkonstruktion des Hauses ableiten lassen, das einstmals mit ihnen gedeckt war; jeden einzelnen davon dauerhaft zu archivieren ist wohl nicht nötig, sondern es genügt vermutlich in den meisten Fällen die Aufbewahrung einer aussagekräftigen Stichprobe.

                Auch das schon oben genannte absolute Alter könnte – und sei es nur als erste Näherung für die mutmaßliche Häufigkeit des Vorkommens gleichartiger Fundgegenstände – als ein solches Kriterium dienen, insbesondere um dem durch die Neuzeitarchäologie verursachten Archivierungsproblem etwas besser beikommen zu können; ebenso wie der Erhaltungszustand eines Fundgegenstandes; und noch viele andere mehr. Welche Kriterien es genau sein sollten, und wie sie relativ zueinander gewichtet werden sollten, kann, soll und muss sogar innerfachlich diskutiert werden, um allen Teilbereichen der Archäologie und auch den spezifischen Forschungsinteressen aller derzeitigen Forscher ausreichend Gelegenheit zu geben, ihren Bedürfnissen entsprechend Gehör zu verschaffen.
                Es wäre auch sicher nicht die schlechteste Idee, auch der breiteren Öffentlichkeit eine gewisse Beteiligung am Bewertungskriterienfindungsprozess zu geben. Denn das hätte einerseits den Vorteil, dass es die Vorstellung, dass eine Selektion vor der und für die archäologische Archivierung einfach notwendig ist, bereits frühzeitig in wenigstens einigen Köpfen außerhalb des Faches verankern würde; und andererseits auch den Vorteil, dass auch die tatsächlichen Schwerpunktinteressen archäologieinteressierter Teile der Bevölkerung in den Bewertungsprozess einfließen würden. Letzteres wäre jedenfalls für die Legitimierung eines solchen Bewertungskriterienkatalogs wenigstens nützlich, wenn nicht sogar essentiell; weil eine solche Bürgerbeteiligung in der Erstellung des Kriterienkatalogs macht es schwerer, die im Endeffekt getroffene Wahl und Gewichtung dieser Kriterien als z.B. ‚gegen das eigene Volk‘ gerichtete, von einer distanzierten, internationalistischen Expertenelite gesteuerte Verschwörung zugunsten einer „multikulturellen Globalisierung“ (European Union Times; zitiert bei Schreg 2017) zu instrumentalisieren. 

                Schlussfolgerungen

                Egal auf welchem Weg welche Beurteilungskriterien letztendlich für die Selektion gewählt und wie sie gewichtet werden, sie und das Prinzip der Notwendigkeit der Selektion müssen auch entsprechend öffentlich kommuniziert werden. Solange wir uns selbst in die Tasche und die Öffentlichkeit anlügen, dass alle archäologischen Funde so wichtig sind, dass auf keinen einzigen davon verzichtet werden kann, verringern wir nicht nur das öffentliche Verständnis für unsere Tätigkeit und warum diese eben von Experten durchgeführt werden muss – damit eben nicht „die Geschichte“, sondern ganz im Gegenteil der „alte Mist“ weggeworfen wird, damit „die Geschichte“ auch tatsächlich erhalten, erforscht und daher auch erzählt werden kann – sondern wir machen uns auch unsere eigene Aufgabe, die notwendige Selektion vorzunehmen, unnötig schwerer.
                Wir schaffen uns auch, was vielleicht noch schlimmer ist, damit nur unnötige zusätzliche Probleme, die letztendlich dazu führen, dass wir nicht etwa mehr, sondern weniger der wirklich wichtigen Überreste der Vergangenheit erhalten und erforschen können als wir könnten, wenn wir nicht einen bedeutenden Teil unserer ohnehin viel zu knappen Ressourcen auf jene weniger wichtigen Überreste der Vergangenheit verschwenden würden, die wir letztendlich für nichts gebrauchen können, die wir nie erforschen werden, und mittels derer wir daher auch überhaupt keine Geschichte(n) erzählen können. Zu viel des Guten ist eben nicht besser als das Gute, sondern schlecht; ist Weniger mehr; und die Konzentration auf das Wesentliche wichtiger als auf hundert Hochzeiten gleichzeitig tanzen zu wollen und es doch nicht zu schaffen.
                Wir haben nicht „die Marktkrankheit bekommen“ (Runer; zitiert bei Schreg 2017), und – auch wenn das in bedauerlichen Einzelfällen vorkommen mag – werfen auch nicht zu Geschäftszwecken die Geschichte weg. Die „Marktkrankheit“ hat unsere kapitalistische Gesellschaftsordnung in ihrer Gesamtheit; und ihre Auswirkungen zeigen sich in der Archäologie in erster Linie durch die erbärmlichen Löhne und Arbeitsbedingungen, unter denen die meisten von uns schuften, vor allem die, die in der praktischen Feldarbeit tätig sind (siehe dazu zuletzt Möller 2017).
                Wir leiden vielmehr an einem kollektiven archäologischen „Messie-Syndrom“, einer Wertzuweisungsstörung, die uns daran hindert, die notwendige Selektion zwischen erhaltenswerten und nicht erhaltenswerten archäologischen Gütern zu treffen, und sogar daran, die Notwendigkeit dieser Selektion auch nur zu kommunizieren, selbst untereinander, geschweige denn öffentlich. Statt unsere Verantwortung wahrzunehmen, die harten Entscheidungen zu treffen, die notwendig sind, damit wir die bestmögliche Erhaltung, Erforschung und Vermittlung von Geschichte erreichen können, vertagen wir diese Entscheidungen lieber auf morgen, wo sie hoffentlich dann jemand anderer trifft. Das ist bequem aber, leider, auch ein Rezept für ein bevorstehendes archäologisches Desaster. 

                Zitierte Literatur

                Verlage gehen gegen ResearchGate vor

                Zwar scheinen Archäologen und Historiker noch immer das Netzwerk Academia.edu zu bevorzugen, doch sind viele auch auf ResearchGate unterwegs, das eher in den Naturwissenschaften beliebt ist. Die Verlage, die ja eigentlich der Publikation von wissenschaftlicher Forschung dienen sollen, stellen heute im Gegenteil das größte Hindernis für die Verbreitung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse dar. Grade in der Archäologie ist das ein Problem, arbeitet doch die Mehrzahl der Kollegen in der Denkmalpflege und hat keine Anbindung an Universitätsbibliotheken. Sie können sich aus ihrem Haushalt die schweineteuren Aufsätze gar nicht leisten und sind damit von den vermeintlich prestigeträchtigen, weil – von den Verlagen selbst – gerankten Publikationen abgehängt. 
                Gut, dass immer mehr archäologische Zeitschriften auf Open Access setzen…

                Polizei auf dem Rückzug

                  (Foto: ChrisO [CC BY SA 3.0 ]
                  via WikimediaCommons)

                  Am 14.9. 2017 wurden in London offizielle Untersuchungen zu dem katastrophalen Hochhausbrand im Grenfell Tower in der Nacht zum 14. Juni eimgeleitet, der mindestens 80 Tote gefordert hatte und einige Fragen nach der Verantwortung aufwirft. Die drei (3!) Beamten von Scotland Yard, die bislang mit Kunst- und Antikenhandel beschäftigt waren, werden nun abgezogen, um sich an diesen Untersuchungen zu beteiligen. Die Abteilung wird  damit zumindest temporär aufgelöst. Sie war nicht nur für Greater London, das eigentliche Zuständigkeitsgebiet von Scotland Yard von Bedeutung, sondern für das gesamte Vereinigte Königreich. Die London Stolen Art Database von Scotland Yard  ist die zweigrößte Datenbank dieser Art.

                  Im April 2016 wurde in Belgien bereits die entsprechende Polizeieinheit aufgelöst.
                  Der illegale Handel mit Kunst- und Antiken ist nach Erhebungen von Interpol das drittgrößte Kriminalitätsfeld nach Waffen- und Drogenhandel. Wenn sich auch keine Zahlen benennen lassen und auch ganz viele anderee Kriminelle ihre Finger im Spiel haben, so ist doch deutlich, dass der Terrorismus von Antikenhehlerei profitiert. Warum in Brüssel und London nir wenige Wochen nachdem diese Städte von Terroranschlägen betroffen waren (Brüssel: 22.3.2016; London 22.3.2017), gerade diese Polizeoeinheiten aufgelöst und als irrelevant bezeichnet werden, ist einfach nur unverständlich – und angesichts des Terrors und seiner Opfer alles andere als eine angemessene Reaktion
                  Westminster Bridge: Ort des Terroranschlags vom 22.3.2017, nur wenige Wochen vor Auflösung einer Polizeieinheit bei Scotland Yard, die auch wichtig wäre für den Kampf gegen die Finanzierung des Terrors
                  (Foto: Laima Gūtmane (simka… [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

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                  „Frisch ausgegraben“ – Raubgrabungsgut in Hamburg sichergestellt

                  Jutta Zerres
                  Die Hamburger Morgenpost meldete am 18.09.2017 die Sicherstellung von Raubgrabungsgut von erheblichem Wert und die Festnahme der Beschuldigten durch die Polizei. Es handelt sich um ein mindestens 2500 Jahre altes goldenes Trinkhorn, einen Goldbecher, eine goldene Gürtelschnalle, eine antike griechische Stele und einen römischen Bronzetorso. Die Objekte stammen vermutlich aus dem Schwarzmeergebiet. Der Goldbecher ähnelt stilistisch einem Exemplar aus dem Schatz von Panagjurischte (Bulgarien) aus dem 4. Jahrhundert v.Chr. 
                  (CCO via pixabay)
                  Die Stücke waren 2014 als „frisch ausgegraben“ dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe am Hauptbahnhof zum Kauf angeboten worden. Die Verantwortlichen des Museums informierten die Polizei und ließen sich zum Schein auf wochenlange Verhandlungen um den Preis ein. Nachdem eine Einigung erzielt worden war, vereinbarte man einen Übergabetermin, bei dem die Polizei zwei Männer festnahm und die Objekte sicherstellen konnte. Einer davon war als Antikenhändler gemeldet. Bei weiteren Durchsuchungen in Deutschland und der Schweiz wurden weitere Verdächtige festgesetzt und weitere Funde sichergestellt. Den insgesamt fünf Beschuldigten droht nun eine Anklage wegen gewerbsmäßigem Bandendiebstahl, Hehlerei und Betrug.

                  Link

                  Die Archäologie hat die Marktkrankheit. Wir tun so, als würden wir Geschäfte machen und werfen die Geschichte weg.

                  Ende 2016 berichtete der Stockholmer Archäologe Johan Runer in der schwedischen Zeitschrift Populär Arkeologi über die in Schweden bei kommerziellen Grabungsfirmen gängige Praxis, Funde, die aufgrund der engen Finanzkalkulation nicht restauriert werden können, wegzuwerfen oder zu schreddern.
                  Runer benannte konkret zwei Ausgrabungen in Lund und  Molnby, bei denen Funde wie Kupfermünzen, Knöpfe, Beschläge, ein Messer, ein Blech mit Ornamenten sowie mehrere unidentifizierte Gegenstände weggeworfen worden sein sollen.
                  Ausgrabungen in Schweden 2013
                  (Foto: Västgöten [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)
                  Rettungsgrabungen werden in Schweden – wie in manchen deutschen Bundesländern – mit privaten Gabungsfirmen vorgenommen, die sich mit einem entsprechenden Angebot für den Auftrag bewerben. Je weniger Funde zur Restaurierung vorgesehen sind, um so günstiger lässt sich das Auftragsangebot kalkulieren. 
                  Allerdings gibt es entsprechende Direktiven, die Funde auszudünnen, bereits von den staatlichen Auftraggebern. Runer schreibt:

                  „Oft, besonders bei kleineren Untersuchungen, lautet die Anweisung der Landesregierung, so wenig Funde wie möglich aufzuheben. Formulierungen wie „Es werden keine Funde aufgehoben“ oder „Die Fundeinsammlung wird äußerst restriktiv sein“ sind eher die Regel in den Direktiven. Auch bei den größeren Untersuchungen wird wesentlich mehr weggeworfen als früher.“ (Übersetzung: unzensuriert.at)

                  Das Vorgehen ist unverantwortlich, wenn es auch Situationen gibt, in denen Funde aus praktischen Gründen kassiert werden müssen. Es gibr Situationen auf Grabungen, bei denen Funde in so großer Zahl anfallen, dass letztendlich nicht alles geborgen, gelagert und restauriert werden kann. Das gilt beispielsweise für Dachziegel, bisweulen auch für Nägel oder Grobkeramik. Aber auch dann ist sicherzustellen, dass die Quelleninformationen gesichert werden, etwa durch gezielte Stichproben oder durch eine Kurzaufnahme vor Ort, die in Zeiten der Digitalkamera auch eine rasche fotographische Dokumentation umfassen kann.  Das Problem ist weniger das Wegwerfen als vielmehr das finanzielle Auswahlkriterium. In jedem Fall müssen die Funde in der Grabungsdokumentation erfasst werden, so dass zumindest Kartierungen möglich sind. Nicht jeder Ziegel kann beispielsweise archiviert werden, zumal seine Aussagen eher in der Fundkartierung liegt, die dann wichtige Hinweise auf die Rekonstruktion des Dachs eines Hauses geben kann.
                  Entscheidend  dürfen letztlich nur wissenschaftliche Fragestellungen sein, eine verantwortungsbewusste Entscheidung ist durch den Grabungsleiter oder erfahrene Wissenschaftler zu treffen, nicht, wie das in Schweden Praxis zu sein scheint, schon am Befund durch die betreffenden, meist eher weniger erfahrenen  Ausgräber.
                  Auch scheint nach Runers Artikel in den Berichten nicht immer klar kommuniziert zu werden, was denn nun entsorgt worden ist. Immerhin listet der von Runer zitierte Bericht einer Grabung in Lund die weggeworfenen Objekte kurz auf. Insgesamt erinnert die Praxis mehr an ein Vertuschen als an Wissenschaft, die eben situativ reagieren muss und nicht mit standardisierten Abläufen zu leisten ist.
                  Gegenüber dem Svenska Dagblatt kommentiert Johan Runer:

                  Wir werfen unsere Geschichte weg! […] Es ist völlig verrückt, aber diese Branche hat die Marktkrankheit bekommen. Wir tun so, als würden wir Geschäfte machen.

                  Das ist ein Skandal, aber gleichzeitig zeigt der Artikel von Runer, dass die wissenschaftliche Selbstkontrolle prinzipiell funktioniert. Allerdings müssen dann jetzt auch rasch Konsequenzen gezogen werden und die betreffende Praxis abgestellt werden. Dass Runers Artikel kaum Resonanz gefunden hat, ist allerdings bedenklich. In einer Stellungnahme betont das Riksantikvarieämbetet die Priorität der wissenschaftlichen Kriterien. Bei dem zitierten Fall aus Lund seien moderne Gegensände ausgesondert worden (spätes 18. Jahrhundert und jünger [was seinerseits in der Tat noch viel zu wenig diskutierte Fragen nach dem Umgang mit der Neuzeitarchäologie aufwirft]). Inzwischen seien die Verfahren insofern geändert, als die Konservierungskosten bei den Preisangeboten für die Grabungen herausgenommen wurden. Das Problem liegt auch hier in der Nachfinanzierung der Grabungen, die bei einem Verursacherprinzip oft die Auswerungs-, Restaurierungs- und Lagerkosten außer Acht lässt. 

                  Wasser auf die Mühlen rechter Verschwörungstheoretiker

                  Natürlich  nutzen einige Kreise diese Nachrichten um gegen professionelle Archäologie Stimmung zu machen. In der European Union Times, einem rechten Propagandaorgan wird der Vorgang als Teil einer Verschwörung dargestellt: „The struggle to erase Swedish history, break down Swedish culture and force the Swedes to assimilate into the multicultural globalist phenomenon is going according to plan.“ Als Quelle wird ein Verweise auf The Daily Westerner News gesetzt, das die Geschichte mit einem Symbolbild mit antisemitischer Symbolik verknüpft.

                  Links

                  Welterbe digital in 3D

                  Zum neuen UNESCO-Welterbe im Lone- und Aachtal mit genauen Plänen der Schutzzonen, die die zugehörigen Höhlen zeigen:

                  • S. M. Heidenreich/C. Meister/C.-J. Kind, Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb. Das erste altsteinzeitliche UNESCO Weltkulturerbe in Deutschland. Denkmalpfl. Bad.-Württ. 47, 3, 2017, 162–169. – DOI: http://dx.doi.org/10.11588/nbdpfbw.2017.3.40621

                  Bemerkenswert ist der Abschnitt zum Monitoring, das regelmäßige 3D-Scans der Höhlen vorsieht, wodurch Veränderungen genau dokumentiert werden können. 

                  Aufgrund der umfassenden dreidimensionalen Dokumentation von sowohl Höhlen als auch Kunstobjekten entsteht schließlich ein umfangreiches 3-D-Archiv der Welterbestätte. Zählt man noch die bereits vorliegenden LiDAR-Daten der landesweiten Landschaftserfassung mittels luftgestütztem Laserscanning hinzu (LiDAR = Light Detection And Ranging), liegt eine digitale, drei-dimensionale Dokumentation eines gesamten archäologischen Welterbes vor. Diese beinhaltet sowohl die Stätte, bestehend aus Höhlen und umliegender Landschaft, als auch die darin gefundenen weltweit einzigartigen mobilen Kunstobjekte.

                  Die 3D-Modelle auf der Homepage der Denkmalpflege Baden-Württemberg auch zum Download:

                  Kulturgut in Syrien und Irak (August 2017)

                  Daesh wird weiter zurückgedrängt und hat seine direkten Verbindungen zur türkischen Grenze verloren.
                  Damit ist für Daesh auch der direkte Handelsweg von Antiken unterbrochen, der in den frühen Jahren des Bürgerkriegs in Syrien immer wieder dokumentiert werden konnte, freilich ohne dass das Plünderungsgut nur von Daesh gekommen ist.
                  In der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt blieb die Tatsache, dass sich Daesh nahe der syrischen Grenze auch im Libanon festgesetzt hat. Er hält Gebiete am Rand der Grenzstädte Ras Baalbek (nicht zu verwechseln mit dem archäologisch bedeutenden Baalbek) und Al-Kaa. Die libanesische Armee hat nun eine Offensive gestartet, um Daesh hier zu vertreiben. 

                   Allgemeinere Medienberichte

                  Antikenmarkt

                    Schadensberichte

                    Mossul

                    Raqqa

                    Aleppo

                    Resafa

                    Rettung syrischer Manuskripte

                        Verfolgung und Ermittlung geplünderter archäologischer Funde

                        Britische Experten fordern ein Gremium, das gezielt den Verbleib und die Provenienzen archäologischer Funde aus Syrien und Irak ermittelt

                        Gleichzeitig gibt es aber Bestrebungen die Abteilung bei Scotland Yard zu schleßen, die für Kunst- und Antikendelikte zuständig ist. Drei Beamte wurden für die Ermittlungen zum Brand des Grenfell Tower abgezogen. Dass damit die ganze Abteilung auf dem Spiel steht, zeigt den geringen Stellenwert, der der Kunst- und Antikenkriminalität eingeräumt wird..

                        Rashid International

                        RASHID International e.V. ist ein weltweites Netzwerk von Archäologen und Denkmalschützern, die sich der Rettung des archäologischen Erbes im Irak verschireben haben. Der Verein ist in Deutschland mit Sitz an der Universität München eingetragen.
                        neue Website:

                        auf facebook: https://www.facebook.com/rashid.international/

                        Links

                        frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

                        Dank an diverse Kollegen für Hinweise.

                        Die Maske fällt im Oberlandesgericht München: kein gutgläubiger Erwerb ohne Provenienznachweis

                        Schon 1997 hatte die Staatsanwaltschaft in München im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens wegen des Verdachts der Hehlerei im Keller eines „Archäologen und Kunstsammlers“ nebst zahlreichen zypriotischen kirchlichen Kunstobjekten eine Goldmaske aus Peru sichergestellt. Mit einem Urteil des Oberlandesgericht in München wurde entschieden, dass die zypriotichen Objekte mit einem geschätzen Wert von 10 Mio. Euro, wie von der Republik Zypern eingeklagt, restituiert wurden.

                        Auch der Staat Peru hat auf Herausgabe der Goldmaske geklagt.
                        Dort wurde bis 2004 ein Ermittlungsverfahren gegen Sammler wegen des Verdachts von Straftaten gegen das Gesetz zum Schutze des nationalen Kulturerbes durchgeführt. Ein Strafgericht in Lima erließ  im Dezember 1998 deswegen sogar einen Haftbefehl. Peru beschuldigte den Sammler vermutlich im Jahr 1997 illegale Ausgrabungen finanziert und die dabei gefundene Goldmaske außer Landes geschmuggelt zu haben. Peru versuchte zunächst über ein Rechtshilfegesuch an die deutschen Behörden die Goldmaske als Beweismittel für das Strafverfahren zu erhalten. Das OLG München gab dem 2004 statt, doch blockierte das Auswärtige Amt die „endgültige – über eine zeitlich begrenzte Herausgabe zu Beweiszwecken gegen Sicherheitsleistung hinausgehende – Herausgabe der Goldmaske“. 2006 klagte Peru zivilrechtlich gegen den Sammler auf Herausgabe der Maske.
                        Die Maske datiert in die mittlere Periode der Sicán Kultur (900 bis 1200 n.Chr.) und stammt als Totenmaske wahrscheinlich aus einem Grab im Norden Perus. Eine ähnliche Maske wurde 1991 bei legalen Grabungen  im Areal des sog. „Historischen Heiligtums Bosque de Pomac“ (auch als „Areal Batán Grande“ bezeichnet) in der Region Poma im Departement Lambayeque gefunden. Die goldenen Begräbnismasken sind ein besonderes Kennzeichen der prä-inka-zeitlichen Sicán-Kultur. Durch ein Fachgutachten und eine archäometrische Untersuchung des Goldes ließ das Gericht die Echtheit der Maske bestätigen. Die Sachverständige legte dar, „dass der Sicán-Stil ausschließlich in der Region Lambayeque der nördlichen Küstenregion [Perus] vorkommt. Die Goldmasken fanden dort ausschließlich bei der Bestattung von Angehörigen der herrschenden Elite, den sog. „Herren von Sicán“, Verwendung. Die Leichname dieser Verstorbenen wurden zur Bestattung in Tücher eingeschnürt und bestattet. Die Masken wurden auf die äußerste Tücherschicht aufgenäht.“

                        Grabmaske der Sicán-Kultur im Museum von Sicán
                        (Foto: Sican123 [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)
                        In Peru ist der Export von Antiken seit 1822 staatlicher Kontrolle unterworfen, seit 1921 strikt verboten, der Privatbesitz hat seit einem entsprechenden Antikengesetz von 1929 registriert zu sein. Seit 1979 hat die Sicherung des nationalen Kulturgutes sogar Verfassungsrang. Peru argumentiert, dass sie auf dieser Rechtgrundlage (wie auch als Rechtsnachfolger der Herrscher der Sicán-Kultur) das Eigentumsrecht an der Maske habe.
                        Demgegenüber argumentierte der Rechtsanwalt des Sammlers, dass dieser aufgrund eines legalen rechtsgeschäftlichen Erwerbs, bzw. gutgläubigen Erwerbs rechtmäßiger Eigentümer der Maske sei.  Die Maske habe er gemäß § 937 BGB ersessen, da sie seit 1987 in seinem Besitz sei.

                        Bürgerliches Gesetzbuch (BGB)

                        § 932
                        Gutgläubiger Erwerb vom Nichtberechtigten

                        (1) Durch eine nach § 929 erfolgte Veräußerung wird der Erwerber auch dann Eigentümer, wenn die Sache nicht dem Veräußerer gehört, es sei denn, dass er zu der Zeit, zu der er nach diesen Vorschriften das Eigentum erwerben würde, nicht in gutem Glauben ist. In dem Falle des § 929 Satz 2 gilt dies jedoch nur dann, wenn der Erwerber den Besitz von dem Veräußerer erlangt hatte.
                        (2) Der Erwerber ist nicht in gutem Glauben, wenn ihm bekannt oder infolge grober Fahrlässigkeit unbekannt ist, dass die Sache nicht dem Veräußerer gehört.

                        § 937
                        Voraussetzungen, Ausschluss bei Kenntnis

                        (1) Wer eine bewegliche Sache zehn Jahre im Eigenbesitz hat, erwirbt das Eigentum (Ersitzung).

                        (2) Die Ersitzung ist ausgeschlossen, wenn der Erwerber bei dem Erwerb des Eigenbesitzes nicht in gutem Glauben ist oder wenn er später erfährt, dass ihm das Eigentum nicht zusteht.

                        Im Laufe des Verfahrens gab der Sammler jedoch unterschiedliche Darstellungen zur Erwerbsgeschichte. Zunächst behauptete er, die Maske 1987 in Deutschland in einem renommierten Antiquitätenhaus käuflich erworben zu haben. Rechnungen, Belege und Zolldokumente seien aber bei der Hausdurchsuchung vom Bayerischen Landeskriminalamt beschlagnahmt worden und anschließend verschwunden. Den Namen eines Zeugen für die Existenz der Belege wollte er nicht nennen. Später sagte der Sammler aus, die Maske zum ersten Mal Anfang der 1980er Jahre  bei einer Ausstellung im Palais Royal in Paris gesehen zu haben. Die Maske sei dann auch in den Räumen eines Auktionshauses ausgestellt gewesen, mit dessen Vermittlung er die Maske schon zwischen 1980 und 1982 von einem ihm unbekannten Dritten zu einem Kaufpreis, inklusive Vermittlungsprovision, von ca. 33.000 bis 35.000 DM gekauft habe. Ein schriftlicher Kaufvertrag sei seinerzeit nicht geschlossen worden, da sich auf dem betreffenden Kunstmarkt alle kennen würden und man sich gegenseitig vertraue.
                        Im übrigen bestritt der Sammler, dass die Goldmaske tatsächlich aus Peru stamme, da solche Grabbeigaben auch in anderen südamerikanischen Ländern, z.B. in Kolumbien, Mexiko und Peru gebräuchlich gewesen seien. Das Alter der Maske und die Ähnlichkeit mit Funden aus Peru sei dem Beklagten nicht bekannt gewesen. Peruanisches Recht sei irrelevant, da der Erwerb in Deutschland erfolgt sei.
                        Das Gericht urteilte Ende 2016, dass die Maske tatsächlich im Eigentum des Staates Peru sei und zurück zu geben sei. Mangels glaubhafter Darstellung des Erwerbs der Maske durch den Sammler, könne er sich weder auf einen gutgläubigen Erwerb der Maske noch auf ein Ersitzen des Objektes berufen. Die Gesetzeslage in Peru hätte bekannt sein können.
                        Das Urteil ist insofern bemerkenswert, weil der Käufer von Antiken konkret darlegen muss, wie der Eigentumsverlust des Herkunftsstaates erfolgt ist. Über den konkreten Fall mit Peru hinaus ist das deshalb bedeutend, weil auch im Vorderen Orient archäologische Funde schon seit dem 19. Jahrhundert ohne Papiere nicht legal exportiert werden konnten. Angesichts dieser Gesetzeslage kann kein Käufer einen gutgläubigen Erwerb tätigen ohne dass handfeste Provenienznachweise vorliegen.

                        Link

                        Urteil des Landgerichts München vom 15.12.2016 :

                        Große Enttäuschung für ein Mädchen, kleine Blamage für den Staatschef

                        Israels Regierungschef Netanjahu  hat in seinem facebook-Profil bemerkenswert viele archäologische Bezüge, die  letztlich zeigen, wie politisiert das Fach in Israel ist. Jetzt ist er mit solch einem facebook-Post (inzwischen offenbar gelöscht) auf eine Replik hereingefallen.
                        Ein 8 oder 9-jähriges Mädchen hatte bei einer jüdischen Siedlung im besetzten Westjordanland eine antike Münze gefunden, die in der Presse, aber auch von Netanjahu sofort mit politischen Deutungen versehen wurden, die die israelische Siedlungspolitik rechtfertigen sollen.

                        „After all that we went through recently, the discovery is very interesting because the Romans wanted to kill us, but we came back here, and this year we will be celebrating the 40th anniversary of the settlement of Neveh Tzuf,“ (Prof. Zohar Amar).

                        „Eine 2000 Jahre alte Silbermünze, die während der Zweiten Tempelperiode als Halb-Shekel im Umlauf war, wurde jüngst in Neve Tzuf, in der Region Binyamin gefunden. Diese aufregende Entdeckung ist ein zusätzlicher Beweis für die tiefgehende Verbindung des Volks von Israel und seinem Land – zu Jerusalem, zu unserem Tempel und zu den Gemeinschaften in Judäa und Samaria.“  (Benjamin Netanyahu, übersetzt)

                        Dumm nur, dass es sich bei der vermeintlichen Münze um eine Prägung aus dem Kinderprogramm des Israel Museum in Jerusalem handelt – abgesehen davon, dass solche Deutungen auch bei einer echten Münze Unsinn blieben.

                        Externstein-Fantasien

                        Externsteine 1977
                        (Foto: S. Schreg)
                        Die uralten Fantasien von einer germanischen Kultstätte sind trotz gegenteiliger wissenschaftlicher Ergebnisse beliebter Gegenstand einer Para-Archäologie. Eine Rezension im Blog des Archäologischen Freilichtmuseums Oerlinghausen zeigt, dass völkische Forschungstraditionen lange nach der NS-Zeit weiterleben:

                        Eine mumifizierte Leiche legitimiert Antikenauktion

                        Irgendwann Ende 2016/Anfang 2017 wurde eine Wohnung in Frankfurt durch die Polizei geöffnet. Der Mieter, ein Hartz-IV-Empfänger und früher wohl als Archäologe tätig, hatte seit langer Zeit keine Miete mehr bezahlt und wurde über Monate nicht mehr gesehen. In der Wohnung „türmten sich die Bücher, Unterlagen und Sammelgegenstände derart auf, dass man kaum mehr hindurchgehen konnte und der Boden der Wohnung einzubrechen drohte. Selbst das Badezimmer war so vollgestellt, dass der Bewohner es nicht mehr benutzen konnte und deshalb in eine Flasche uriniert haben soll.“ In all dem Chaos lag die fast schon mumifizierte Leiche des Bewohners.
                        Ein Artikel der FAZ vom 12.6.2017 greift die Geschichte auf, denn der Nachlass des Mannes, der keine Erben hat, wurde letztlich nicht weggeworfen, sondern von der öffentlich bestellten Nachlaßverwalterin zur Versteigerung an ein Auktionshaus gegeben und brachte überraschend hohe Summen. „Nachlass von Hartz IV-Empfänger bringt 200000 Euro ein“ titelt denn auch die FAZ und übersieht damit den eigentlichen Skandal, der in der Geschichte steckt.
                        FAZ 12.6.2017

                        Bei den überraschend wertvollen versteigerten Objekten handelt es sich laut Zeitung um altägyptische Statuen, der online-Katalog  des Auktionshauses gab die Provenienz neben dem Namen des Verstorbenen als ägyptisch-mesopotamische Privatsammlung in Frankfurt an. Im Katalog standen neben archäologischen Funden aus Ägypten auch  Objekte aus Mesopotamien, wohl aus Syrien und dem Irak. Unter den Funden befinden sich aber auch eine chinesische Tierfigur aus Stein; mehrere Keramikgefäße und Tonfiguren aus Mittel- und Südamerika, aber auch eine wohl aus Nordfrankreich stammende Engelsfigur aus Sandstein.
                        Der amtlich bestellten Nachlassverwalterin war vorgeschlagen worden, die Funde an ein Museum zu geben. Stattdessen aber beteiligt sich der Staat am anrüchigen Geschäft des Antikenhandels. Damit unterstützt er den Markt, von dem vor allem Kriminelle und allerhand Terroristen profitieren und den er eigentlich eindämmen sollte und möchte. Denn einerseits fließt Geld in die Taschen von Kriminellen, darunter auch des IS, andererseits werden außenpolitisch Staaten verprellt, deren kulturelles Erbe und Eigentum ungeachtet derer Exportverbote hier verkauft wird und schließlich werden mit jedem Kauf die Hoffnungen der Raubgräber beflügelt, durch die Plünderung von archäologischen Fundstellen Geld zu machen. Im Osmanischen Reich beispielsweise (und seinen vielen Nachfolgestaaten, wie der Türkei, Syrien, Irak, und Jordanien) war der Export archäologischer Funde schon seit dem 19. Jahrhundert verboten und nur mit bürokratischen Ausnahmeerklärungen möglich. Trotz der deutschen Gesetzeslage ist daher eigentliich prinzipiell davon auszugehen, dass die große Mehrzahl der Funde auch der Frankfurter Messie-Sammlung illegal exportiert und wohl auch illegal ausgegraben worden sind. In der Tat ist nirgendwo von klärenden Papieren die Rede, die zeigen, wo die Funde erworben worden sind.
                        So hat laut FAZ das British Museum die Objekte zwar in Augenschein genommen, sich dann „aber wegen unklarer Export-Rechtsfragen nicht an der Versteigerung beteiligt“. Selbst ein renommiertes Frankfurter Auktionshaus zeigte sich an der Sammlung desinteressiert.

                        Das hessische Wissenschaftsministerium aber hat keine Bedenken, Es beruft sich gegenüber dem Deutschlandfunk auf das neue Kulturgutschutzgesetz:

                        „Paragraf 32 Kulturgutschutzgesetz regelt, unter welchen Umständen die Einfuhr von Kulturgut nach Deutschland als unrechtmäßig anzusehen ist. Die Regelung gilt für alle Einfuhren ab dem Zeitpunkt des Inkrafttretens des Gesetzes am 6. August 2016. Im vorliegenden Falle sprechen die Fundumstände jedoch eindeutig dafür, dass sich die Objekte bereits lange Zeit vor diesem Datum in der Wohnung des Verstorbenen befanden. Somit ist nicht von einer unrechtmäßigen Einfuhr im Sinne des Kulturgutschutzgesetzes auszugehen.“

                        Die mumifizierte Leiche des Sammlers lag schon seit fast zwei Jahren in der Wohnung…

                         Links & Quellen

                        Museumsraub in Bergen

                        Einbrecher sind an der Fassade hochgeklettert und im 7. Stock in das Museumsgebäude eingestiegen. Rund 300 archäologische Objekte überwiegend aus der Wikingerzeit wurden gestohlen.

                        Auf facebook hat das Museum inzwischen eine Bildergalerie einiger der gestohlenen Objekte eingestellt.

                        (Foto:voteprime [CC BY-NC-SA 2.0] bei flickr)

                        Welcome in the Age of Sensing!

                        Maurizio Forte/ Stefano R.L. Campana (Hrsg.)

                        Digital Methods and Remote Sensing in Archaeology. 
                        Archaeology in the Age of Sensing

                        Heidelberg: Springer 2016

                        ISBN 978-3-319-40658-9

                        117,69€, als e-book 91,62€

                        Die wichtigsten Fortschritte der Archäologie sind in den vergangenen Jahren der Entwicklung neuer Methoden zu verdanken. Dazu zählen auch die Methoden der Fernerkundung, die unseren Blick auf Kulturlandschaften der Vergangenheit radikal verändert haben. Einerseits sind wir heute in der Lage auch in schwierigem Gelände archäologische Reste besser aufzufinden und auch genauer zu dokumentieren. Noch vor wenigen Jahren waren Waldgebiete archäologisch schwierigstes Terrain. Geländeunebenheiten sind hier sehr schwer zu erkennen und eine Vermessung mit herkömmlichem Vermessungsgerät ist zeitaufwändig und relativ ungenau.

                        Methoden des Laserscans, sowohl terrestrisch als auch Flugzeug-gestützt erleichtern die Arbeit ganz erheblich. Um diese Methoden geht es im Kern in diesem Buch. Andere Prospektionsmethoden wie werden hingegen eher beiläufig thematisiert (vergl. Lasaponara/ Masini 2012).
                        Das erste Kapitel zu Technologien der Datenerschließung konzentriert sich auf das Laserscanning, einmal auf terrerstrische Scans (Nicola Lecari), wie sie vor allem auf der Ebene der einzelnen Fundstellen („intra-scale“) gebräuchlich sind und zum anderen auf airborne laserscans (Rachel Opitz).  Dabei beschreibt der erste Beitrag von Nicola Lercari das terrestrische Laserscan (TLS) im Vergleich mit anderen Verfahren wie der digitalen Fotogrammetrie, die in den vergangenen Jahren dem TLS vielfach den Rang abgelaufen haben. Während wir selbst bei unseren Forschungen vor einigen Jahren auf der Krim zur Vermessung der dortigen Höhlen vor allem mit Laserscannern gearbeitet haben, so kommen nun bei einem aktuellen Projekt in Serbien fotogrammetrische Verfahren zum Einsatz, die vom Gerät und von der Prozessierung effektiver sind.

                        Terrestrial laserscanner
                        Photoscan-Verfahren
                        • hohe Anschaffungskosten sowie laufende Wartungskosten
                        • Geräte zunächst sehr empfindlich (z.B. temperaturanfällig), zunehmend robuster
                        • zunächst begrenzte Reichweite, jedoch bis 6000 m bei neueren Modellen
                        • höhere Detailtreue
                        • relativ aufwändige Datenprozessierung
                        • mittels handelsüblichen Digitalkameras oder speziellen Sensoren (z.B. Structure Sensor)
                        • Droneneinsatz möglich
                        • Abhängigkeit von Lichtverhältnissen
                        • Prozessierung mittels Structure from Motion (SFM) oder Dense Stereo Matching (DSM)
                        • u.a. freie Software 
                        • verbreitet online-Datamanagement

                        Der Beitrag von Rachel Opitz geht vor allem auf das Airborne Laserscanning (ALS) ein. Hier kam es in den vergangenen Jahren zu erheblichen technischen Verbesserungen einerseits bei der Datenerhebung, als auch bei den Prozessierungsmethoden. Die Klassifizierung der Messpunkte differenziert Reflektionen aus Baumkronen und Gebüsch von denen der Geländeoberfläche. Letztere sind in der Regel last-pulse-Daten, für die jedoch dichtes Gestrüpp oder Geröllfelder eine besondere Herausforderung darstellen. Wichtig für die Forschung ist es, die Geländedaten des ALS mit anderen Beobachtungen zusammenzuführen. Neben den Methoden des GIS ist hier die Möglichkeit von besonderer bedeutung, mittels eines GPS-gestützten Tablets das visualisierte Geländemodell vor Ort nutzen zu können und so vor Ort zu interpretieren und als Dokumentationsgrundlage zu nutzen.

                        Zwei Beiträge von S. Curry et al und T.F. Sonnemann behandeln – zusammengefasst als Teil II „Image and Digital Processing“ – anhand von konkreten Forschungsprojekten Fragen der Daten- und Bildprozessierung. Durch die Kombination von TLS und Georadar (GPR), geeicht durch Testgrabungen ist es auf einem Schlachtfeld des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges in North Carolina gelungen, die Geländeoberflächen des späten 18. Jahrhunderts zu rekonstruieren. So konnten Hohlwege und Geländekanten rekosntruiertw erden, die für eine lange Diskussion um das Schlachtgeschehen von Bedeutung sind.
                        Auf Hispaniola wurden mittels Dronen erstellte digitale Geländemodelle genutzt, um Erkenntnisse über die präkolumbische Besiedlung im Binnenland zu gewinnen. Feldbegehungen wurden hier mit Lufbildanalysen kombiniert. Bilder aus der Timeline von Google Earth beispielsweise zeigen den kurzfristigen Nutzungswechsel einer Parzelle, auf der Siedlungsspuren seit etwa 600 n.Chr. festgestellt wurden. Das detailliertes Geländemodell zeigt eine Reihe von kleinen Erhebungen, die als Abfallhaufen interpretiert werden. Sie erweisen sich als charakteristisches Element von präkolumbischen Siedlungsplätzen der Region.

                         

                        Teil III „Landscape Representation and Scales“ ist mit 7 Beiträgen der umfangreichste Teil. Frank Vermeulen berichtet über die Rolle der Fernerkundung für ein holistisches Verständnis antiker Städte im westlichen Mittelmeerraum.  Er zeigt zahlreiche Beispiele für den kombinierten Einsatz verschiedener Methoden. Deren Beitrag ist nicht immer gleich, sondern hängt oft von den Bodenverhältnissen ab. Während in der römischen Stadt Trea eine Georadar-Prospektion überhaupt keine Ergebnisse zeigt, bildet GPR in Mariana auf Korsika die grundlage für eine Grundrissrekonstruktion der Stadtquartiere.
                        Stefano Campana wendet sich dem ländlichen Raum zu. Nach der „neuen Welle“ der archäologischen Surveys vor allem im Mittelmeerraum sieht er die aktuellen Projekte mit schnellen geophysikalischen Messsystemen als die dritte Welle archäologischer Surveys. Campana propagiert einen weniger fundstellen- als vielmehr großflächig landschaftsbezogenen Ansatz, wie er sich beispielsweise auch für die Forschungen zum mittelalterlichen Dorf als wesentlich erwiesen hat (Kastowsky-Priglinger u. a. 2013). Als Beispiel dient das Emptyscapes project, das 2014-5 mit Fallstudien in Mittelitalien durchgeführt wurde. Es kombinierte:

                        1. traditionelle Ansätze (Literaturerfassung, Archivarbeit, Inschriften, Toponyme, Bildquellen, technische, historische und thematische Karten, geländemorphologie, feldbegehungen und Luftbildarchäologie)
                        2. Umweltarchäologische Forschung (geo- und bioarchäologische Analysen)
                        3. neue Techniken der geophysikalischen Prospektion (high-precision, high-speed, large-scale) und des LiDAR
                        4. „minimalist test-excavation“

                        David Cowley untersucht an Beispielen die klassischen Faktoren der Formationsprozesse, die Survey-Daten beeinflussen. Er postuliert, dass auch die neuen Methoden diese Faktoren zu genau zu reflektieren haben.

                        Mit einer Fallstudie aus Copan in Honduras reflektiert der Beitrag von Heather Richards-Rissetto u.a. die Rolle von 3D-Visualisierungen. Dabei interessieren sie sich vor allem für die Rekonstruktion der Vegetation, die bei den meisten 3D-Modellen hinter dem Interesse an der Architekturrekonstruktion zurück tritt, für einen sozio-ökologischen Ansatz aber wichtig ist. Sie zeigen eine Methode, samt Workflow and Software, wie Kulturlandschaften auf der Basis von digitalen geländemodelle visualisiert werden können.

                        Viewshed-Analysen sind Thema des Beitrages von E. Triplett. Dabei geht es nicht nur um die klassischen Landschaftsanalysen, sondern auch den Architekturraum. Schritt für Schritt zeigt er mögliche Vorgehensweisen. Der folgende Beiträge geht  wieder verstärkt in die Datenerhebung, in dem er die Aussagekraft von Satellitenbildern an einem Beispiel aus Kambodscha aufzeigt.

                        Neben solchen technischen Fortschritten, die die Arbeit im Gelände erheblich erleichtern haben die modernen Methoden allerdings auch begonnen, unser Verständnis von Raum zu verändern. Die Analyse-Möglichkeiten der Geographischen Informationssysteme haben dazu beigetragen, dass derzeit ein Paradigmenwechsel stattfindet, weg von Vorstellungen, die Raum vor allem zweidimensional und territorial betrachten hin zu Konzepten, die Raum als Landschaft bzw. Umwelt oder Ökotop begreifen und anstelle von von Territorien eher soziale Netzwerke analysieren (Schreg 2017). Diese Bedeutung thematisieren John K. Millhauser und Christopher T. Morehart anhand eines forschungsgeschichtlichen Blicks nach Mittelamerika. Er weist darauf hin, dass Forschung im Umfeld mesoamerikanischer Kulturen heute ganz besonders in einem sozialen und politischen Kontext statt findet und etwas das Kartographieren bei der indigenen Bevölkerung als ein Herrschaftsinstrument wahrgenommen wird. Die Autoren warnen: „Current technologies of remote sensing, spatial analysis, and visualization provide levels of detail, accuracy, and accessibility in the work of archaeological mapping that are greater than have ever been possible. However, this level of precision can lead to a degree of confidence that is stripped of a responsible recognition of human investigators‘ judgement and imprecision as well as the historical and political context of their investigations.“ (S. 264).

                        Teil 4 wendet sich mit vier Beiträgen der „Simulation, Visualization and computing“ zu. Die Beiträge von Maurizo Forte, Bill Seaman und Nicoló Dell’Unto reflektieren über neue Forschungsperspektiven und denken über neue Erkenntniswege nach, die sich aus einer „CyberArchaeology“ ergeben. Schon im Vorwort war formuliert worden: „It is crucial not to consider them [digital technologies] as mere tools to achieve highly impressive and photorealistic reconstructions, but as data repositories and informative vehicles allowing for a more rapid and open dissemination of knowledge“ (S. 482).  Forte und Seaman stellen dementsprechend dem Begriff des remote sensing den des poly sensing gegenüber, da die Vielzahl der Technologien und gedanklichen Zusammenhängen den modernen Methoden eher entspräche. Zugleich bezieht sich sensing mehr auf das Erleben des Forschers oder des Publikums als auf den Vorgang des Datenerhebens. Stärker technisch erscheint demgegenüber der Beitrag von Devin A. White, der die künftigen Möglichkeiten leistungsstarker Computer ins Blickfeld nimmt.

                        „Interpretation and Discussion“ ist das Thema von Teil V. Hier finden sich wieder konkrete Feldprojekte, wie die vom LBIArchPro betriebene Forschung zu einer neolithischen Kreisgrabenanlage bei Hornsburg in Österreich. Jakob Kainz zeigt die Bedeutung der Synthese von Prospektion und Ausgrabung. 1982 war die Kreisgrabenanlage Hornburg 1 im Luftbild entdeckt worden und wurde seitdem mit Grabungen vor allem aber mit verschiedenen Prospektionsmethoden untersucht. Vor allem aber wurden die Grabungen mit geophysikalischen Messungen begleitet.
                        Willem F. Vletter und Sandra R. Schloen analysieren Kulturlandschaften in Veluwe (Niederlande) und im Leithagebirge (Österreich), die mit ALS dokumentiert wurden. Archäomagnetische und OSL-Datierungen, in begrenztem Umfang auch Radiocarbondatierungen sowie relativchronologische Abfolgen werden genutzt um eine chronologische Differenzierung zu erreichen. Die Syntehse erfolgt mittels OCHRE Data Service, der auch GIS-Funktionalitäten umfasst.  Neben die räumliche Dimension tritt hier nöch die der Zeit: 3D thinking”—or better 4D thinking considered that as archaeologists, we cannot avoid dealing with the chronological dimension“ (S. vi)

                        Der abschließende Teil VI („Cultural Resource Management: Communication and Society“) umfasst zwei Beiträge, die sich mit dem praktischen Einsatz digitaler Daten in Museen und Denkmalpflege befassen..

                        Der Band bietet einen modernen weit gefassten Blick über verschiedenen Methoden und Ansätze und ist schon deshalb höchst willkommen, da die ganze technische Entwicklung sehr dynamisch und schnell voran geht und es schwierig ist, einen Überblick über aktuelle Trends zu behalten. Archaeologists „readily grasped the idea of its huge potential but did not see how to exploit it“ (S. v). Hier ist der Band außerordentlich hilfreich. Er definiert remote sensing in der Archäologie eher weit:  

                        any method that enables observation of the evidence on or beneath the surface of the earth, without impacting on the surviving stratigraphy, can legitimately be included within the ambit of remote sensing“ (S. v)

                        Inhaltsverzeichnis

                        Part I Data Collection and Technology

                        • Nicola Lercari: Terrestrial Laser Scanning in the Age of Sensing. S. 3
                        • Rachel Opitz: Airborne Laserscanning in Archaeology: Maturing Methods and Democratizing Applications. S. 35

                        Part II Image and Digital Processing

                        • Stacy Curry, Roy Stine, Linda Stine, Jerry Nave, Richard Burt and Jacob Turner: Terrestrial Lidar and GPR Investigations into the Third Line of Battle at Guilford Courthouse National Military Park, Guilford County, North Carolina. S. 53
                        • Till F. Sonnemann, Eduardo Herrera Malatesta and Corinne L. Hofman: Applying UAS Photogrammetry to Analyze Spatial Patterns of Indigenous Settlement Sites in the Northern Dominican Republic. S. 71

                        Part III Landscape Representation and Scales

                        • Frank Vermeulen: Towards a Holistic Archaeological Survey Approach for Ancient Cityscapes. S. 91
                        • Stefano Campana: Sensing Ruralscapes. Third-Wave Archaeological Survey in the Mediterranean Area. S. 113
                        • David C. Cowley: What Do the Patterns Mean? Archaeological Distributions and Bias in Survey Data. S. 147
                        • Heather Richards-Rissetto, Shona Sanford-Long and Jack Kirby-Miller: 3D Tool Evaluation and Workflow for an Ecological Approach to Visualizing Ancient Socio-environmental Landscapes. S. 171
                        • Edward Triplett: Visualizing Medieval Iberia’s Contested Space Through Multiple Scales of Visibility Analysis. S. 199
                        • Kasper Hanus and Emilia Smagur: Pre- and Proto-Historic Anthropogenic Landscape Modifications in Siem Reap Province (Cambodia) as Seen Through Satellite Imagery. S. 229
                        • John K. Millhauser and Christopher T. Morehart: The Ambivalence of Maps: A Historical Perspective on Sensing and Representing Space in Mesoamerica. S. 247

                        Part IV Simulation, Visualization and Computing

                        • Maurizio Forte: Cyber Archaeology: 3D Sensing and Digital Embodiment. S. 271
                        • Bill Seaman: Emergent Relationality System/The Insight Engine. S. 291
                        • Nicoló Dell’Unto: Using 3D GIS Platforms to Analyse and Interpret the Past. S. 305
                        • Devin A. White: Archaeology in the Age of Supercomputing. S. 323

                        Part V Interpretation and Discussion

                        • William Fred Limp: Measuring the Face of the Past and Facing the Measurement. S. 349
                        • Jakob Kainz: An Integrated Archaeological Prospection and Excavation Approach at a Middle Neolithic Circular Ditch Enclosure in Austria. S. 371
                        • Willem F. Vletter and Sandra R. Schloen: Creating a Chronological Model for Historical Roads and Paths Extracted from Airborne Laser Scanning Data. S. 405

                        Part VI Cultural Resource Management: Communication and Society

                        • Eva Pietroni: From Remote to Embodied Sensing: New Perspectives for Virtual Museums and Archaeological Landscape Communication. S. 437
                        • Riccardo Olivito, Emanuele Taccola and Niccolò Albertini: Cultural Heritage and Digital Technologies. S. 475

                        Literaturhinweise

                        • Kastowsky-Priglinger u. a. 2013
                          K. Kastowsky-Priglinger – R. Schreg – I. Trinks – E. Nau – K. Löcker – W. Neubauer, Long term integrated archaeological prospection on the Stubersheimer Alb – giving meaning to a marginal landscape, in: W. Neubauer – I. Trinks – R. B. Salisbury – C. Einwögerer (Hrsg.), Archaeological Prospection. Proceedings of the 10th International Conference – Vienna May 29th – June 2nd 2013 (Wien 2013) 99–100
                        • Lasaponara – Masini 2005
                          R. Lasaponara – N. Masini, QuickBird-based analysis for the spatial characterization of archaeological sites: Case study of the Monte Serico medieval village, Geophys. Res. Lett. 32, 2005, 4
                        • Schreg 2017
                          R. Schreg, Interaktion und Kommunikation im Raum – Methoden und Modelle der Sozialarchäologie, in: S. Brather – J. Dendorfer (Hrsg.), Grenzen, Räume und Identitäten. Der Oberrhein und seine Nachbarregionen von der Antike bis zum Hochmittelalter. Tagung Freiburg, 13. – 16. November 2013, Archäologie und Geschichte 22 (Ostfildern 2017) 455–492

                        Gegensätzliche Bilanzen: 1 Jahr Kulturgutschutzgesetz

                        Kulturstaatsministerin Grütters zieht ein Jahr nachdem das neue Kulturgutschutzgesetz in Kraft getreten ist eine positive Bilanz:

                        ebenso Hermann Parzinger und auch Markus Hilgert:

                        oder ist das doch eher schön geredet?

                        Vielleicht lässt sich ja auf europäischer Ebene noch etwas richten:

                        So oder so: Der Kunsthandel will weiter aufweichen:

                        • https://www.welt.de/kultur/article167254142/Was-ist-national-wertvoll-Jetzt-wird-wieder-verhandelt.html (Artikel bleibt ohne Anhörung von Archäologen – „Schwierig ist der Paragraf, der die Einfuhr von Kulturgut unrechtmäßig macht, weil die Herkunft nicht lückenlos nachgewiesen werden kann. Das geht – in den meisten Fällen von alter Kunst und Antiquitäten – gar nicht, weil es keine Kauf- oder Verkaufsdokumente gibt.“ [K. Stoll, Kunsthändlerin aus München]. Das in den meisten Fällen keine Dokumente vorliegen hat sicher auch damit zu tun, dass die Ausfuhr von Kulturgütern aus dem Osmanischen Reich und seinen Nachfolgestaaten schon seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert verboten war und für illegale Kulturgüter auch damals keine Papiere ausgestellt wurden…).

                        Kulturgut in Syrien und Irak im Juli 2017

                        Mit der Vertreibung des Daesh aus Mosul, dem Anfang Juli ausgerufenen Waffenstillstand im südwestlichen Syrien, scheint der Konflikt in Syrien und Irak nicht vorbei, aber doch in eine neue Phase zu gehen, die Anlaß zu vielerlei Bilanzen und Überlegungen zur Restaurierung gibt:

                          Schadensberichte

                          Da einige Stätten nun wieder leichter erreichbar werden, können nun zahlreiche größere und kleinere Schäden dokumentiert werden. Die üblichen Schadensberichte sind daher umfangreicher als zuvor:
                          Im folgenden ist keine Vollständigkeit der aktuellen Berichte beabsichtigt, vielmehr sollen mit den Links exemplarisch einige Schäden und erste Initiativen dargestellt werden:

                          eine erste Bestandsaufnahme in Mosul

                          für eine genauere Bestimmung der Schäden werden Bilder von Monumenten aus Mosul gesucht:

                          Nimrud:

                          in Raqqa:

                          Tote Städte:

                          Schäden in Palmyra

                          Restaurierungen in Aleppo

                          3D-Rekonstruktionen in Palmyra

                              Antikenhehlerei

                              Der Fall „Hobby Lobby“  (Raubgrabungsfunde für ein biblisches Disneyland – Der Fall „Hobby Lobby“) in den USA geht im Kern schon in die Zeit vor dem aktuellen Krieg zurück. Für ein Bibelmuseum hat ein US-Millionär offenbar gezielt Keilschrifttexte aus dem Irak geschmuggelt. Der Fall ist schon länger bekannt, doch wurde nun eine Straße von 3 Mio $ verhängt, vermutlich in Relation zu den umgesetzten Summen eine Kleinigkeit.
                              Statement der UNESCO

                              Die in der Hobby Lobby-Affäre (Raubgrabungsfunde für ein biblisches Disneyland – Der Fall „Hobby Lobby“) sichergestellten Funde sollen online gestellt werden, um den Eigentümer zu ermitteln.

                              Hobby Lobby gibt erneut Anlaß für einige Statements gegen den Handel mit archäologischen Funden:

                              Ein Video von UNODC im Rahmen einer Kampagne „Cultural Property“ zur Problematik des illegalen Handels mit Kulturgut aus Krisenregionen  und seiner Rolle bei der Finanzierung von Bürgerkriegsparteien und Terrorismus:

                              Die politische Bedeutung des Kampfes gegen Antikenhehlerei

                                    Daesh

                                    Sky News bringt ein Interview mit der Witwe eines britischen Daesh-Kämpfers in Raqqa, die als Aisha vorgestellt wird.  Darin heißt es: „Aisha revealed that her Moroccan husband had travelled to IS before the caliphate was even declared by Abu Bakr al Baghdadi in June 2014. She said that he had been a dealer in ruins and antiquities in Europe and had been told by a friend that he could buy them cheaply in the caliphate.“ – ein kleines Schlaglicht auf die Verbindungen zwischen Antikenhandel in Europa und Daesh?

                                    Funde aus dem Musuem Mosul wurden, wie schon im Juni durch kurdische Medien berichtet wurde, bei Daesh-Mitgliedern sicher gestellt:

                                        Europäische Kommission im Anti-Terrorkampf

                                        Als Teil der Antiterrormaßnahmen zielt die Europäische Kommission auf einheitliche Regelungen gegen den illegalen Aniktenhandel.

                                        Links

                                        frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

                                        Dank an diverse Kollegen für Hinweise und Übersetzungen.

                                          Archäologie auf der Krim

                                          Die ukrainische Staatsanwaltschaft ermittelt gegen russische Archäologen wegen illegaler Grabungen auf der Krim. Sie hat eine Liste mit über 60 Namen publiziert, gegen die sie Anklage erheben und einen internationale Haftbefehle erwirken will. Ukrainische Archäologen fordern von der EAA eine Beendigung der Kooperationen mit den betreffenden russischen Kollegen.
                                          Ukrainischer Protest gegen eine Ausstellung in Moskau, in der Funde gezeigt werden, die nach 2014 auf der Krim gemacht wurden:

                                          Schwierig!

                                              Raubgrabungsfunde für ein biblisches Disneyland – Der Fall „Hobby Lobby“

                                              Beitrag von Jutta Zerres

                                              Amerikanische Medien berichteten in den letzten Tagen, dass Steve Green, einer der Gründer der amerikanischen Einzelhandelskette „Hobby Lobby“, vom Department of Justice zur Rückgabe von rund 5000 Antiken an den Irak und zur Zahlung einer Strafe von 3 Mio $ verurteilt wurde.

                                              Hobby Lobby-Filiale in Stow/Ohio
                                              (Foto: DangApricot [CC BY-SA 3.0] via Wikimedia Commons)

                                              Es handele sich dabei um Keilschrifttafeln, Tonsiegelabdrücke und Rollsiegel aus Mesopotamien  Der Unternehmer habe die Objekte aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und Israel angekauft. Diese seien dann bei der Einfuhr in die USA als „Muster von handgemachten Tontafeln“ zum Preis von 250 $ falsch deklariert worden. Außerdem habe es falsche Herkunftsangaben gegeben, wonach die Stücke aus Israel oder der Türkei stammen sollten. Diese Vorgehensweise lege den Verdacht nahe, dass es sich um Raubgrabungsfunde handele. Gestützt wird diese Annahme durch die Aussage von Kulturgut-Experten. Diese halten den Aufbau einer solch großen Sammlung in so kurzen Zeit – Green hatte die Ankäufe 2010 und 2011 getätigt – alleine mit legal gehandelten Funden nicht für möglich.
                                              Vor Begutachtung der Ware in den vereinigten Arabischen Emiraten hat eine Expertin explizit auf die Rechtslage sowie die Raubgrabungsproblematik hingewiesen und von einem Kauf abgeraten. Die Art und Weise der Lieferung wie der Bezahlung (an mehrere Strohmänner) macht deutlich, dass bewusst gegen Export- und Importbestimmungen verstoßen wurde.

                                              (Foto: Public Domain via Pixaby)
                                              Das Vorgehen der millionenschweren Unternehmers ist aber nicht nur aus der Perspektive des Kulturgüterschutzes äußerst problematisch. Ebenso fragwürdig ist seine Motivation für den Ankauf der Objekte. Der evangelikale Christ, der sich seit Jahren für eine Aufhebung der Trennung von Staat und Kirche in den USA einsetzt, plant den Bau eines Bibel-Museums in Washington DC. Es handele sich um den größten Museumsbau der amerikanischen Hauptstadt, der in bester Lage in der Nähe des Capitols für ca. 800 Mio $ Baukosten entstehen soll. Die Ausstellungskonzeption zielt darauf ab, die Geschichte des Nahen Ostens in der Perspektive von Greens fundamental-christlicher Weltanschauung zu inszenieren und die Historizität der Bibel zu untermauern. Die archäologischen Funde und alle weiteren Objekte sollen als Belege und Illustration dienen. Die Newsweek-Journalistin Nina Burleigh bemerkte sinngemäß in einem Bericht über den Vorgang, dass das Geschichtsbild von Greens Bibel-Museum besser in eine Sonntagschule in Oklahoma City passe als in die Hauptstadt eines weltanschaulich heterogenen Staates wie die USA. Es handele sich um ein archäologisches Disneyland.

                                                Interner Link

                                                Der „March for Science“ lebt fort! #BlogsforScience

                                                Auf Wissenschaft kommuniziert hat Reiner Korbmann Reaktionen auf den „March for Science“ am 22. April 2017 gesammelt. Wissenschaftler demonstrierten für eine Gesellschaft, in der Fakten eine Basis des konstruktiven Dialogs und demokratischer Entscheidungen sind, und höher gewertet werden als irgendwelche Meinungen. „Es geht gegen „alternative Fakten“, „Fake News“ und gegen Befindlichkeiten als Grundlage gesellschaftlicher Kommunikation. Ein Anliegen, das Wissenschaft und Gesellschaft gleichermaßen betrifft, ein zentrales Anliegen der Wissenschaftskommunikation.

                                                Nach einer ersten Bilanz der Reaktionen auf den March for Science, der weltweit in 600 Städten stattgefunden hat, plädierte Korbmann für eine Institutionalisierung des „March for Science, um dieses Ziel der Wissenschaftskommunikation kontinuierlich weiter zu ervfolgen und das Anliegen auch in die Politik einzubringen.

                                                „Der „March for Science“ war ein einmaliges Ereignis für die Wissenschaftskommunikation. Nie vorher hat sich die Wissenschaft so intensiv Gedanken gemacht über ihr Verhältnis zur modernen Gesellschaft – und dies durch eine gesellschaftspolitische Demonstration zum Ausdruck gebracht.“ Auf Wissenschaft kommuniziert sind 14 Vorträge dokumentiert, die beim „March for Science“ gehalten wurden. Sie beleuchten unterschiedliche Aspekte der Wissenschaftskommunikation und deer Wissenschaft selbst.

                                                In seinem Beitrag zum March for Science in Kiel hob beispielsweise Prof. Konrad Ott, Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie und Ethik der Umwelt , Harry Frankfurt folgend, die Eigenheiten des „bullshits“ hervor, der hier fast schon den Rang eines Fachbegriffes erhält. Neben der platten Lüge, die der Wahrheit bewusst widerspricht und sie damit aber auch voraussetzt, gibt es noch andere Sprechweisen, die der Wahrheit konträr gegenüber stehen: „Humbug“, leeres Gerede, „Phrasendrescherei“, „Dampfplauderei“, „Schönrednerei“, „phoniness“ und eben auch „bullshit“.

                                                Für „bullshit“ ist die Wahrheit gar nicht relevant. Hier werden Behauptungen in die Welt gesetzt, ohne dass Verantwortung für ihre Richtigkeit übernommen wird. Entscheidend ist, dass der „bullshit“ Gehör und Anhänger gewinnt, Argumentation ist hier allenfalls vorgeblendet“ Dem “bullshiter” ist Wahrheit „egal“, er/sie will nur mit “bullshiting” durchkommen, d.h. irgendwelche Erfolge einstreichen. Frankfurt meint daher, bullshit sei ein größerer Feind der Wahrheit als es Lügen sein können.

                                                Der Münchner Technikhistoriker Helmut Trischler zog 5 Lehren aus der aktuellen Situation:

                                                1. Wenn mitten in Europa autoritär-populistische Regime ihnen unbequeme Universitäten zu schließen drohen, müssen Wissenschaftler öffentlich ihre Stimme erheben und letztlich auch ganz dezidiert im politischen Raum agieren.
                                                2. Wir müssen die Deutungskonkurrenz wissenschaftlichen Wissens zu anderen Wissensformen anerkennen.
                                                3. Wissenschaft muss sich radikal zur Gesellschaft hin öffnen.
                                                4. Wir brauchen starke Natur- und Ingenieurwissenschaften, aber wir brauchen auch starke Geistes- und Kulturwissenschaften.
                                                5. Wir müssen den Kosmopolitanismus der Wissenschaft nutzen.

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