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Author Archive for Renate Hupfeld

19. Oktober 1847 Monarchenhügel in Leipzig

Einweihung des Denkmals auf dem Monarchenhügel am 18. {19.!} Oktober 1847
(aus: Illustrirte Zeitung 30. Oktober 1847)
Bildquelle: Wikipedia (gemeinfrei)

Eine weitere Verbindung {zu Arnold Ruge, Robert Blum, Julius Fröbel z.B.} knüpfte er {Theodor Althaus} zu dem drei Jahre älteren Historiker Heinrich Wuttke, der an der Leipziger Universität Vorlesungen hielt. Am 19. Oktober 1847 wanderte er früh am Morgen zusammen mit ihm in südöstlicher Richtung aus der Stadt hinaus über Feldwege, vorbei an Gebüsch, durch stille Dörfer, dann durch eine lange Pappelallee hinauf zur höchsten Erhebung dieser Gegend. Auf diesem Hügel hatten vierunddreißig Jahre zuvor die verbündeten Monarchen Kaiser Franz I. von Österreich, Kaiser Alexander I. von Russland und König Wilhelm III. von Preußen gestanden, die Kampfhandlungen der Völkerschlacht verfolgt und am Abend des 19. Oktober 1813 die Nachricht vom Rückzug der Truppen Napoleons entgegen genommen. Zur Erinnerung an diesen wichtigen Sieg hatte man auf dem Monarchenhügel ein pyramidenförmiges Denkmal aus Sandstein errichtet, das an jenem Tage eingeweiht wurde.

Über das Ereignis verfasste Theodor Althaus einen Artikel für die Bremer Weser-Zeitung, in dem er die Organisation und vor allem die Rede von Superintendent Großmann heftig kritisierte. Die Feier sei nicht dazu angetan gewesen, die tausend Anwesenden anzusprechen und auf das Wichtigste zu lenken, nämlich dass es ein Sieg der Kämpfer auf dem Schlachtfeld war und nicht das Verdienst von drei Monarchen im Glauben an Gott, wie der Redner weismachen wollte. Mit Wuttke war Althaus einig, dass eine Rede von Robert Blum die richtigen Akzente gesetzt hätte. Ja, es hätte sogar schon seine Anwesenheit gereicht. Eine Feier für das Volk sei diese Einweihungsfeier nicht gewesen. Sein Fazit: Aber wenn an einem solchen Siegestage des Volks, das Volk nur wie das Publikum zum allerhöchsten Fest, nur wie Staffage um den Thron, den es doch allein wieder aufgerichtet hat, erscheint: dann wird es doch selbst im Herbste zu dumpf und schwül in der deutschen Luft. Fort, fort von hier!

Als der Artikel Das Denkmal auf dem Monarchenhügel in Leipzig am 24. Oktober 1847 im Sonntagsblatt zur Weser-Zeitung erschien, war Theodor die Aufmerksamkeit in der Stadt Leipzig gewiss. Die Empörung bei den Verantwortlichen war so groß, dass er schon fürchten musste, ausgewiesen zu werden. Seine Freunde im Museum und Café dagegen beglückwünschten ihn zu diesem klaren politischen Statement. Ignaz Kuranda war so begeistert, dass er auf ihn zukam mit der Bitte, unbedingt für die Grenzboten zu schreiben.



Leseprobe aus:

Theodor Althaus – Revolutionär in Deutschland 

August Wilhelm Schlegel


Am 8. September 1767 wurde A.W. Schlegel geboren. Hier ein Anekdötchen des Studenten Theodor Althaus an der Bonner Universität: 


„Im Wintersemester 1842/43 war Theodor wieder in Bonn. Er belegte Veranstaltungen verschiedener Fakultäten, hörte Metaphysik und Philosophie bei Brandis, einem Schulfreund seines Vaters aus Holzminden, über den römischen Theaterdichter Plautus bei dem Philologen Ritschl, neuere Geschichte bei Löbell und griechische Kunst bei August Wilhelm Schlegel, dessen bizarre Auftritte gewollt oder ungewollt für große Erheiterung sorgten. Wer wollte es Theodor Althaus verdenken, wenn er das Bild des älteren Herrn im Abendanzug neben dem Katheder mit vom Diener im Livrée sorgfältig geputztem silbernen Leuchter vor einem nach Parfum duftenden Auditorium den Seinen zu Hause nicht vorenthielt?“

aus: Theodor Althaus. Revolutionär in Deutschland

Bildquelle: Kalenderblatt im Arche Literaturkalender 2017

Alexander von Humboldt

Während seiner Haft im Staatsgefängnis St. Godehard in Hildesheim hatte Theodor Althaus im Winter 1850 Zugang zur Hildesheimer Dombibliothek. Er las Hölderlins „Empedokles“, Richard Wagners „Kunstwerk der Zukunft“ und machte in den Werken von Flavius Josephus, einem Schriftsteller und Historiker aus dem ersten Jahrhundert nach Christus eine interessante Entdeckung. Er fand eine Textstelle, die Alexander von Humboldt in seinem geographisch historischen Werk „Kosmos“ nicht erwähnt, also wohl übersehen hatte. Es handelte sich um die Überlieferung einer Reise des griechischen Handelsmanns Koläus von Samos, der im 7. Jahrhundert v. Ch. als erster Seefahrer die „Säulen des Herkules“, so nannte man die Meerenge von Gibraltar, durchquert hatte, was bewies, dass der Erdkreis über das Mittelmeer hinaus reichte. Das ließ den Geschichtsschreiber Strabo vermuten, dass im Westen noch ein ferner Inselkontinent existierte. Am 22. Februar 1850 informierte Theodor Althaus den achtzigjährigen Humboldt in einem zweiseitigen Brief über diesen interessanten Zusammenhang, was der mit einem ehrlichen Dank und guten Wünschen für seine Zukunft beantwortete. 


Statue Alexander von Humboldt vor der Humboldt Universität 
Unter den Linden Berlin am 19. August 2017

Schelling

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling
(1775 – 1854)
Theodor Althaus hörte den 68-jährigen Schelling im Frühjahr 1843 
an der Berliner Universität.
Er war enttäuscht und schrieb seinen Eltern nach Detmold:
„Große Vollheit, Lärm, Hitze 
und am Ende kamen ganz gewöhnliche Sachen heraus.“
(Theodor Althaus. Revolutionär in Deutschland, Seite 27)
Statue „Schelling der große Philosoph“
in München am 30. Juli 2017

Gottfried Kinkel



Theodor Althaus war 18 Jahre alt, als er an einem Oktobertag des Jahres 1840 die Wohnstube des Pfarrhauses Unter der Wehme in Detmold verließ, zu Fuß nach Paderborn ging und von dort mit der Postkutsche an den Rhein fuhr. Der älteste Sohn des lippischen Generalsuperintendenten hatte ein glänzendes Abiturexamen abgelegt und wollte an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn Theologie zu studieren. Und es war schon etwas Besonderes, von einer der ersten Amtshandlungen des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. zu profitieren und bei der Einschreibung vom gerade rehabilitierten Rektor Ernst Moritz Arndt persönlich begrüßt zu werden. Berechtigte Hoffnung auf ein einheitliches, freies und demokratisches Deutschland lag in der Luft. Doch in den beiden Vertretern der theologischen Fakultät, den Professoren Nitzsch und Bleek, sah der junge Stürmer aus dem Fürstentum Lippe diese Hoffnungen nicht erfüllt. Das sah er lediglich in den überzeugenden Vorträgen des fünfundzwanzigjährigen Dozenten Gottfried Kinkel.  Bei ihm hörte er Kirchengeschichte und das mit Begeisterung und großem Respekt. Später gehörte er zum studentischen Kreis der wöchentlichen Kränzchen, zu denen Kinkel eine kleine Anzahl seiner Schüler in das Poppelsdorfer Schloss einlud. Die Verehrung des Theologiestudenten aus Detmold ging so weit, dass er seinem Dozenten bei bestimmten Themen seines Unterrichtsfaches inhaltlich zuarbeitete. So entwickelte sich über die Kränzchenabende hinaus eine Freundschaft, die auch nach Beendigung des Studiums anhielt.

Im Sommer des Jahres 1846 trafen sie wieder zusammen. Drei Jahre nach Beendigung des Theologiestudiums hatte sich für den Kandidaten Theodor Althaus keine berufliche Perspektive ergeben. Als Schriftsteller und Journalist  lebte er im Detmolder Elternhaus und hatte gerade eine längere Schrift über die Zukunft des Christenthums verfasst. Während einer Wanderreise an den Rhein besuchte er seinen ehemaligen Dozenten Gottfried Kinkel in Bonn. Der war nach seiner Heirat mit der geschiedenen Johanna Mockel umhabilitiert worden und unterrichtete inzwischen das Fach Kunstgeschichte. Im vertrauten Gespräch stellten die beiden fest, wie wenig sich die Hoffnungen auf ein einheitliches demokratisches Deutschland erfüllt hatten. Deutschland war nach wie vor zersplittert in 36 Einzelstaaten, in denen der jeweilige König, Fürst  oder Großherzog auf dem Hintergrund der Karlsbader Beschlüsse mehr oder weniger despotisch gegen seine Untertanen regierte.  Wenige besaßen viel und weite Teile der Bevölkerung litten Not und hungerte.

In ihren jeweiligen Zusammenhängen kämpften Kinkel und Althaus gegen diese Ungerechtigkeiten. Unabhängig voneinander wurden sie im Strom des Revolutionsjahres 1848 mitgerissen und gehörten zu denjenigen, deren Laufbahn im Zusammenhang mit den Reichsverfassungskämpfen im Mai 1849 schicksalhaft endete. Kinkel landete nach der Teilnahme am Sturm auf das Siegburger Zeughaus sowie am badischen Aufstand im pommerschen Zuchthaus Naugard und Althaus als Redakteur der Zeitung für Norddeutschland wegen eines Artikels mit Aufruf zur Bildung eines Ausschusses zur Durchführung der in Frankfurt vollendeten Reichsverfassung im Staatsgefängnis St. Godehard in Hildesheim. Hier schrieb er im Jahre 1850 seine persönlichen Erinnerungen Aus dem Gefängniß, in denen er neben Robert Blum, Heinrich von Gagern und Julius Fröbel seinem Freund Gottfried Kinkel ein Kapitel widmete.

In seiner Publikation von 1850 „Aus dem Gefängniß. Deutsche Erinnerungen und Ideale“ hat Theodor Althaus seinem Freund Gottfried Kinkel ein Kapitel gewidmet:

Kurzbiografie von Gottfried Kinkel:

1815 am 11. August wird Gottfried Kinkel in Oberkassel als Sohn eines evangelischen Theologen geboren


1831 Studium der Theologie an der Universität Bonn


1834 Studium der Theologie an der Universität Berlin


1837 Dozent für Kirchengeschichte an der Universität Bonn


1843 Heirat mit Johanna Mockel, katholisch und geschieden, somit kann Kinkel in der theologischen Fakultät nicht mehr lehren


1845 Professor für Kunst- und Literaturgeschichte in Bonn


1848 Redakteur der Bonner Zeitung


1848 gründet den demokratischen Verein Bonn


1849 nimmt im Mai am Siegburger Zeughaussturm und im Juni am badisch-pfälzischen Aufstand teil (Reichsverfassungskämpfe)


1849 am 4. August wird er zu lebenslanger Festungshaft verurteilt und inhaftiert, zunächst in Bruchsal, dann im pommerschen Naugard


1850 im Mai wird er in das Zuchthaus Spandau überwiesen


1850 am 6. November wird er in einer spektakulären Aktion von Carl Schurz befreit, flüchtet über Rostock und Warnemünde nach England und lässt sich in London nieder


1851 folgt Johanna Kinkel mit den vier Kindern nach


1852 Professor für Literaturgeschichte am Hyde-Park- und am Bedford-College


1858 Johanna Kinkel stirbt in London


1860 heiratet Minna Werner aus Königsberg


1861 Vorträge zur Kunstgeschichte im South-Kensington-Museum


1863 Examinator an der Universität London


1866 Professor für Kunstgeschichte am Polytechnikum Zürich



1882 am 13. November stirbt Gottfried Kinkel nach einem Schlaganfall, ohne vorherige Amnestie


31. März 1848: Vorparlament in der Paulskirche

Märzrereignisse in Frankfurt

Ehe sich dieses Problem klären ließ, gab es auf der politischen Bühne einen Paukenschlag nach dem anderen, beginnend mit dem Aufstand in Palermo gegen den bourbonischen König, gefolgt von den Sturmglocken in Paris, Metternichs Flucht aus Wien und dem Barrikadenkampf in Berlin am 18. März 1848. Es wurde ein wahrer Völkerfrühling, der von den Menschen in allen Ländern des Deutschen Bundes euphorisch gefeiert wurde. Auf Straßen und Plätzen redete man von Freiheit und den Rechten des Volkes.

Malwida konnte sich über die positiven Veränderungen jedoch nur zusammen mit Theodor freuen. Von ihm bekam sie aus Leipzig einen begeisterten Brief. In der Familie dagegen konnte sie mit niemandem die Freude teilen, mit niemandem darüber reden. Mutter und Geschwister waren entsetzt über die Entwicklungen und hofften auf ein baldiges Ende.

Doch war es erst der Beginn. Nach den revolutionären Aktionen kehrte schon bald Ruhe ein und die Besonnenheit einiger tüchtiger Männer siegte. Zur Eröffnung des Vorparlamentes in der Paulskirche am 31. März 1848 waren in Frankfurt alle Straßen und Plätze mit Fahnen und Bändern in Schwarzrotgold geschmückt. Man hatte den Eindruck, dass die gesamte Frankfurter Bevölkerung auf der Straße war. Zusammen mit einer Freundin war auch Malwida dabei, als fast 600 Vertreter aus allen deutschen Ländern vom Kaisersaal auf dem Römerplatz zur Paulskirche zogen, um die Wahlen des ersten deutschen Parlamentes vorzubereiten. An vier aufeinanderfolgenden Tagen traten die Delegierten zusammen. Auf den Straßen erlebte man herausragende Volksmänner, die auf Holztribünen zu den Menschen sprachen. Besonders beeindruckt war Malwida von Friedrich Hecker aus Baden und Robert Blum aus Leipzig. Gern würde sie auch den Reden und Aussprachen in der Paulskirche zuhören, aber der Zugang zur Galerie war nur Männern gestattet. An einem Tage bekam sie unerwartet eine Gelegenheit durch die Hilfe eines Bekannten ihrer Freundin, der mithalf, die Abläufe zu organisieren. Der verschaffte ihnen Zugang zu einem nicht öffentlichen Bereich. Es war ein mit schwarzrotgoldenen Tüchern verhängter Raum. Hinter diesem Vorhang versteckt, hielten sich einige Ehefrauen der Teilnehmer auf, ohne gesehen zu werden. Malwida war zutiefst beeindruckt von dem, was da unten in der kreisförmigen Kirchenhalle ablief. Das Land bewegte sich und versprach dank des Bemühens tüchtiger Männer ein lebendiges Staatswesen zu werden. Das mitzuerleben, war schon großartig und am 18. Mai 1848 sollte es erst richtig losgehen, wenn die offizielle Wahl der Deputierten abgeschlossen war und sich die gewählten Vertreter der einzelnen Länder des deutschen Bundes zur Eröffnung der Nationalversammlung in der Paulskirche einfinden würden. 



aus: Malwida und der Demokrag

mehr zu Vormärz und Revolution: Theodor Althaus. Revolutionär in Deutschland

Bildquelle: 
Der Einzug des Vorparlaments in die Paulskirche am 31. März 1848, Frankfurt am Main
gemeinfrei bei Wikipedia

Berlin am 18. März 1848

Am 20. März 1848 erreichte er gegen Mittag Berlin. Es war ein seltsames Szenario in der Stadt. Männer, Frauen und Kinder liefen zwischen Barrikaden und herausgerissenen Pflastersteinen. Die meisten feierten einen Sieg. Doch andere suchten verzweifelt nach vermissten Angehörigen.
Theodor ging von Kirche zu Kirche, schaute in die jungen Gesichter der dort aufgebahrten Toten, die schrecklichen Wunden, die stille Siegesgewissheit in den bleichen Zügen. Auf der Straße sprach er die Menschen an, hörte ihre Berichte über die Ereignisse der Nacht von Samstag auf Sonntag und setzte das Puzzle zusammen über die friedliche Versammlung vor dem Schloss, die Proklamation des Königs, laute Rufe aus der Menge, die Forderung nach Abzug der Soldaten, zunehmende Unruhe, plötzlich ein Schuss von irgendwoher, noch ein Schuss und dann der fürchterliche Sturm. Unaufhaltsam tobte der in Straßen und auf Plätzen. Alle machten mit beim Bau der Barrikaden, vom einfachen Tagelöhner und Handwerker bis zum Beamten, Studenten, Arzt und Advokaten. Frauen, Kinder und Greise waren dabei. Mit allen Mitteln kämpften sie, beschafften Material für den Barrikadenbau, besorgten Waffen, gossen Kugeln, steckten deutsche Fahnen auf, Frauen versorgten die Kämpfenden mit Speisen und Getränken. Unaufhörlich tönten die Sturmglocken in der Stadt. Die ganze Nacht. Bis zum nächsten Morgen. Bis kein einziger Soldat mehr zu sehen war.
In einer Kirche fand er ein stilles Plätzchen, wo er ungestört verweilen konnte. Nachdem er sich ein wenig gefangen hatte, zog er Papier und Feder aus der Tasche und schrieb einen Artikel für die Weser-Zeitung. Das war er den Toten schuldig. Ihr mutiger Kampf durfte nicht umsonst gewesen sein.
Es war schon dunkel, als er am Abend vor dem Haus des Großvaters in Potsdam stand. Obwohl das Fenster des Balkonzimmers hell erleuchtet war, musste er lange auf Einlass warten. Später erfuhr er den Grund. Dräseke war vor Übergriffen von Aufständischen gewarnt worden und die im Hause Anwesenden, des Großvaters jüngere Tochter, Enkelin Elisabeth aus Detmold und ein Diener, fürchteten den dunklen Mann an der Tür und waren heilfroh, als es dann der älteste Enkel war. Der berichtete von den Spuren der Berliner Horrornacht, bevor er sich völlig erschöpft zurückzog. Elisabeth machte sich Sorgen und folgte dem Bruder in sein Zimmer. Der hatte sich schon ins Bett gelegt. Sie erinnerte sich: Ich setzte mich zu ihm und sah nun erst, wie verändert, wie von Erregung und Schmerz durchwühlt seine Züge waren.
Am nächsten Tag war Theodor dabei, als König Friedrich Wilhelm IV. mit schwarz-rot-goldener Armbinde durch die Straßen von Berlin ritt und vor Studenten der Berliner Universität eine Rede hielt, wobei er sich zu der verheißungsvollen Formulierung hinreißen ließ: Preußen geht fortan in Deutschland auf. Und er nahm am 22. März auf dem Gendarmenmarkt an der Trauerfeier für die 183 Toten teil, folgte dem unbeschreiblich langen Leichenzug mit den bekränzten Särgen, zunächst bis zum Schloss, wo sich der preußische König Friedrich Wilhelm IV. auf Verlangen des Volkes mit gezogenem Hut vor den toten Revolutionären verbeugen musste, dann vor die Tore der Stadt zur Beisetzung auf dem eigens eingerichteten Friedhof der Märzgefallenen auf einem Hügel in Friedrichhain. Der Leichenzug. Die seidenen, schwarzrothgoldenen Trauerfahnen […] nach den Thränen stumpfte sich alles ab. Zu lang. Die anarchische Schwüle über Berlin, notierte er im Tagebuch.
Er sei ein Mann geworden, meinte Großvater Dräseke und da hatte er recht. Die harte Konfrontation mit den menschlichen Tragödien, die rohe Gewalt gegen die eigenen Brüder, Söhne eines Volkes, hatten ihn in tiefster Seele getroffen. Der Weg würde ein harter und steiniger werden. Die faulen Früchte der Geschichte waren mächtiger, als er es sich in seinen idealen Vorstellungen ausgemalt hatte. So einfach fielen die nicht in sich zusammen. Wie sonst wäre es möglich, dass Soldaten als Spielzeug eines konzeptlosen Monarchen mit vorgeblicher Gottes-Gnaden-Legitimation ein so schreckliches Blutbad anrichteten?
Althaus‘ Artikel  erschien unter der Überschrift Die Berliner Revolution am 22. März 1848 auf der Titelseite der Weser-Zeitung. Er hatte den historischen Stellenwert des Geschehens als Bluttaufe der deutschen Freiheit erkannt und eine überaus sensible Würdigung des leidenschaftlich entschlossenen Kampfes gegen die starre Willkürherrschaft des schwachen preußischen Königs verfasst: Die giftige Saat, die Untergrabung alles Vertrauens, das schwankende Spielen zwischen der persönlichen Willkür und den gerechtesten Forderungen des Volkes, die Demoralisation der höchsten Staatsgewalten, welche sich durch den Schein und die Heuchelei eine erträumte Macht zu sichern wähnten, ist nun so blutig aufgegangen. Deutschland wird den achtzehnten März dieses Jahres nie vergessen.
Auf der Rückfahrt nach Leipzig war von anarchischer Schwüle nichts mehr zu spüren. Deutsche Fahnen wehten auf den Bahnhöfen und viele Menschen trugen Bänder in Schwarz-Rot-Gold. Nach den Aufständen in Palermo, Paris, Wien, Baden und Berlin gingen die Menschen auf die Straße, wo sich die Empörung über die Knechtschaft der vergangenen Jahrzehnte entlud. Der Anbruch einer neuen Zeit wurde gefeiert, ein deutscher Frühling. Aus Furcht vor weiteren Unruhen erteilten die Könige und Fürsten in den Ländern eiligst Lockerungsregelungen von den Karlsbader Beschlüssen, wie Friedrich Wilhelm IV. in Preußen, Friedrich August in Sachsen und Ernst August in Hannover mit beschwichtigenden Proklamationen, Aufhebung von Pressezensur und Versammlungsverbot, Ministerien wurden eiligst ausgewechselt und Versprechungen gemacht hinsichtlich Bürgerwehren anstelle von gehorsamem Militär.
Althaus‘ Freunde in Leipzig hatten unterdessen nicht geschlafen. Robert Blum hatte auf dem Marktplatz vor Hunderten Zuhörern vom Balkon des Rathauses eine bejubelte Rede gehalten, in der er den Rücktritt der sächsischen Regierung forderte und dafür plädierte, das derzeitige Soldatentum abzuschaffen und alle Bürger zu bewaffnen, damit man mit den jungen Brüdern Hand in Hand gehen könne. Arnold Ruge hatte Die Reform gegründet, ein Organ für eine breite Leserschaft mit dem Ziel, bei allem Enthusiasmus über die errungenen Erfolge Klarheit in das Chaos der verschiedenen Meinungen, Begriffe und Sprachregelungen zu bringen.
Auf der großen politischen Bühne hieß es jetzt zügig handeln, damit das durch die revolutionären Erhebungen gewonnene Potential nicht verpuffte. Einundfünfzig Männer hatten bereits Vorarbeit geleistet. Auf Einladung von Johann Adam Itzstein aus Hallgarten waren sie zusammen gekommen und hatten am 5. März 1848 die sogenannte Erklärung der Heidelberger Versammlung formuliert, in der sie auf Vorschlag von Theodor Welcker sieben Mitglieder benannten, die für alle Länder des Deutschen Bundes eine Nationalvertretung vorbereiten sollten. Dieser Siebenerausschuss tagte am 12. März 1848 und brachte eine Einladung an die Ständemitglieder und eine Auswahl von Vertrauensmännern aus allen Ländern zu einem Vorparlament auf den Weg. Das berufene Gremium sollte die Grundlagen zur Wahl der Mitglieder einer gesamtdeutschen Nationalversammlung schaffen und am 31. März 1848 in Frankfurt  zusammen kommen.
Im Wohnzimmer von Robert Blum tagte wieder ein kleiner Kreis, um vor seiner Abreise nach Frankfurt zur Teilnahme am Vorparlament die dort zu vertretende politische Richtung zu besprechen. Man diskutierte wild durcheinander und kam stundenlang nicht auf den Punkt, bis schließlich der Hausherr das Wort ergriff und kurz erklärte, wo es lang gehen sollte. Wer konnte das besser einschätzen als Blum? Er hatte als jahrlanges Mitglied des Hallgartenkreises sowie des Leipziger Stadtparlaments den Überblick, genoss das Vertrauen der Bevölkerung und war ein Meister der Rede, der Organisation und der Beschaffung von Mehrheiten nach demokratischen Prinzipien. Seine Überzeugungskraft suchte ihresgleichen. Wenn er sprach, hörte jeder zu. Das stellte auch Althaus an jenem Abend in Blums Wohnung bewundernd fest.
Das Vorparlament mit 574 Teilnehmern tagte vom 31. März bis zum 3. April 1848 in der Frankfurter Paulskirche. Es sah seine Aufgabe darin, die Art und Weise der Bildung einer parlamentarischen Nationalversammlung mit dem Ziel der Erarbeitung einer Verfassung für ganz Deutschland festzulegen und wählte aus seinen Reihen einen Fünfzigerausschuss, der in Absprache mit der Bundesversammlung den Wahlmodus für die Mitglieder der Nationalversammlung festlegen sollte. Robert Blum gehörte diesem Fünfzigerausschuss an. Die Leipziger Angelegenheiten regelte er während seiner Abwesenheit zusammen mit Vertrauten aus der Entfernung. Auch Theodor gehörte dazu. Blum wusste, dass er sich auf ihn verlassen konnte. Seinem Schwager und engem Mitarbeiter Georg Günther schrieb er am 13. April 1848: Wenn Althaus etwas schreibt, dann ist das gewiss gut, und ich bin im voraus damit einverstanden.
Der Detmolder Pfarrerssohn befand sich plötzlich auf einem für ihn völlig fremden Terrain. Da ihm geographisch gesehen die politische Heimat fehlte, engagierte er sich nun in Leipzig. Neben der Mitwirkung an Ruges Reform arbeitete er beim neu gegründeten Vaterlandsverein mit, formulierte das politische Programm und stellte es in den umliegenden Ortschaften, zum Beispiel in Volkmarsdorf und Lindenau, in Referaten den Menschen vor. Das gefiel ihm sehr, allerdings meinte er, es könnte noch besser werden. Zwar fühlte er sich angenehm erinnert an seine Zeit als Prediger und Referent in der lippischen Heimat, doch in diese Welt der Politik mit Meinungsbildung, Formulierung von Programmen und dem Bemühen um Wählerstimmen musste er sich noch einarbeiten: Ich freute mich, o seit wie lange wieder einmal an meiner eigenen Stimme, noch nicht an der Rede.
Außerdem versuchte er in politischen Gremien Einfluss zu nehmen. Zusammen mit Musikprofessor Brendel erarbeitete er im Namen des Tonkünstlervereins eine Bittschrift an die Stadt Leipzig für mehr Förderung von Kunst im öffentlichen Leben. Und er verfasste Aufrufe zur Mitgliedschaft im Verein, die er auch an weiter entfernt wohnende Freunde und Bekannte schickte, wie Tischlermeister Cord Wischmann in Bremen und Advokat Karl Vette in Detmold. Vette fing den Ball gleich auf und hatte die Idee, Althaus als Kandidat des Fürstentums Lippe für die Nationalversammlung in Frankfurt vorzuschlagen. Fast zu gleicher Zeit setzte auch der Vaterlandsverein ihn auf die Kandidatenliste für Sachsen. Theodor machte sich nichts vor. Seine Chancen waren gering. Wie sollte es ihm gelingen, in zwei Wochen die Menschen davon zu überzeugen, dass er ihre Interessen für ein freies Deutschland in Frankfurt gut vertreten würde? In Sachsen war er ein unbekannter junger Schriftsteller aus dem Ausland. Die Menschen im Erzgebirge würden eher jemanden aus ihrer Gegend wählen. Arnold Ruge, Robert Blum und Georg Günther hingegen hatten gute Chancen, in die Nationalversammlung gewählt zu werden. Sie würden die Stadt verlassen und die nächsten Monate in Frankfurt verbringen. Was sollte er dann überhaupt noch in Leipzig? Er entschied, die Kandidatur in Lippe anzunehmen. Auch wenn er sich dort gegen den Detmolder Gymnasialdirektor Schierenberg kaum Chancen ausrechnete, sagte er sich, im Gegensatz zur Aristokratie gehöre es zum Wesen der Demokratie, sich um Mehrheiten zu bemühen und auch unterliegen zu können und das Mehrheitsvotum zu akzeptieren. 

Kapitel aus: Theodor Althaus. Revolutionär in Deutschland

Renates Blog: Renates 18. März in Berlin

Bildquelle: Straßenkämpfe am Alexanderplatz in Berlin im Jahr 1848 während der Deutschen Revolution, gemeinfrei bei Wikipedia

Berlin Februar 1844: Fackelzug für die Brüder Grimm



Ein Fackelzug für die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm in der Lennéstraße sollte veranstaltet werden. Die Brüder gehörten, wie Dahlmann, zu den sieben Göttinger Professoren, die 1837 gegen die willkürliche Aufhebung der Verfassung protestiert hatten und vom Hannoverschen König entlassen wurden. Im Zuge des vielversprechenden Amtsantritts von König Friedrich Wilhelm IV. waren sie im Jahre 1840 rehabilitiert worden und hielten Vorlesungen an der Berliner Universität. Als Cheforganisator der Veranstaltung hatte Althaus alle Hände voll zu tun, die vielen Meinungen unter einen Hut zu bringen und die Vorbereitungen zu koordinieren. Um jenaischen Verbindungsglanz nach Berlin zu holen, lieh man Kostüme bei Ausstatter Noack. Die polizeiliche Erlaubnis wurde unter der Bedingung erteilt, dass einige wegen oppositionellen Verhaltens aufgefallene Studenten nicht an der Demonstration teilnahmen, was natürlich im Vorfeld großen Unmut und erneute Diskussionen verursachte.
Als dann nach einer Menge Arbeit und vielen Schwierigkeiten am 10. Februar 1844 der Tag des Fackelzuges gekommen war, gab es einen fürchterlichen Schneesturm, sodass die Teilnehmer in Burschenschaftsoutfit abends auf dem Hof der Universität bis zu den Knien im Schnee standen. Als wäre das nicht genug, musste der Organisator noch beim Umlegen der Schärpen, Umschnallen der Schläger und beim Anzünden der Fackeln helfen, …ein heilloser Gesammteindruck […] denn überall war fürchterliches Pöbelgedränge und dabei ein entsetzlicher Mangel nicht nur an studentischem Tact, sondern an allgemeiner Anstelligkeit. Sie begriffen nichts als wozu man sie stieß und schob, notierte er später im Tagebuch. Immerhin erreichte der Zug ohne Schneegestöber das Haus der Grimms in der Lennéstraße. Theodor und einige Kommilitonen gingen hinauf in die Wohnung und huldigten den Brüdern Grimm mit einem dreifachen Hoch für ihr echt deutsches Wesen und Wirken. Wilhelm redete vom Balkon aus zu den Studenten, sinngemäß dahingehend, man solle die Wissenschaft nicht als etwas Totes, sondern als Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart sehen. Es folgten Hochrufe auf die Brüder Jacob und Wilhelm, die Göttinger Sieben und Hoffmann von Fallersleben, der sich in der Grimm’schen Wohnung aufhielt und eigentlich nicht entdeckt werden wollte, weil er sich in Berlin gar nicht aufhalten durfte. Als dann von den Studenten auch noch Georg Herwegh in Abwesenheit gefeiert wurde, war es den Polizisten zu bunt. Sie ritten in die Versammlung und trieben die Teilnehmer auseinander. Theodor ging noch einmal hoch zu den Grimms, wo er sich mit Hoffmann unterhalten konnte und ihn dabei an seinen Auftritt vor jenaischen Studenten zwei Jahre zuvor erinnerte.

Ein paar Tage später war er in einer Kneipe dabei, als Hoffmann von Fallersleben einen öffentlichen Auftritt als fahrender Sänger hatte. Nach dem Trinkspruch Deutschland ohne Lumpenhunde gab der heimatlose Professor Gedichte, Lieder und Erzählungen über seine Wanderungen zum Besten. Mit großem Erfolg bei den Zuhörern, jedoch nicht bei den preußischen Behörden. Denn die teilten ihm am nächsten Tage mit, dass er wegen Störung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit schnellstens die Stadt zu verlassen habe. Althaus begleitete den Poeten Hoffmann, bis der mit einer Kiste voller Bücher, Papieren und Zigarren in der Postkutsche saß, sich mit einem Zündhölzchen eine anzündete und mit gewohntem Spott die viel gerühmte Aufklärung in Berlin vorführte.

Aus: Theodor Althaus. Revolutionär in Deutschland

Bildquelle: Berlin, Unter den Linden, Victoria Hotel zwischen 1890 und 1900
gemeinfrei bei Wikipedia


1843: Bettina von Arnim

Ein Besuch bei Bettina von Arnim, deren Wohnung auch regelmäßig für Treffen und Gespräche offenstand, verlief so ganz nach Theodors Geschmack. Studenten gingen bei Bettina ein und aus. Die Schwester von Achim von Arnim, Witwe von Clemens Brentano und Mutter von sechs Kindern, hatte wegen ihres offenen Wesens und ihrer Gastfreundschaft sehr viele Sympathien in der Stadt. Ihr engagierter Einsatz für benachteiligte und verarmte Bevölkerungsgruppen war außergewöhnlich. Sie selbst war wirtschaftlich unabhängig und gehörte zur privilegierten Gruppe der Gesellschaft, war aber bereit zu geben, was sie nur konnte. Und sie nahm kein Blatt vor den Mund. Selbst dem preußischen König konnte sie die Wahrheit sagen und war mutig genug, ihre Kritik unter dem provokanten Titel Dies Buch gehört dem König zu veröffentlichen. In ihrer natürlichfrischen Art erfreute die Sechsundfünfzigjährige das junge Stürmerherz. Theodor Althaus war mächtig angetan von der quirligen Frau mit dem hessischen Dialekt. Wißt was? Geht bis neun Uhr spazieren, dann kommt wieder, da woll mer schwätze, so viel Ihr Lust habt. Nehmt’s nit übel, zitierte er sie im Brief an seine Mutter und schilderte, wie er zusammen mit seinem Freund eineinhalb Stunden später dann an ihrem Teetisch saß, ab und an die jüngste Tochter Gisela durch den Raum flog und die Hausherrin, ihr Versprechen einhaltend, nach Herzenslust bis weit nach Mitternacht mit den zwei Studenten schwätzte. Daß die Berliner Gesellschaft diese Frau verrückt nennt, ist kein Wunder, denn sie gehört zu den unbequemen Leuten, die die Wahrheit sagen, war sein Fazit im Brief an die Mutter.

aus: Theodor Althaus. Revolutionär in Deutschland

Bildquelle: Wegefächer im Tiergarten-Plan von Peter Joseph Lenné mit den Zelten als Fluchtpunkt der Achsen, 1837 … gemeinfrei bei Wikipedia

Hannover im Januar 1849: Grundrechte für Deutschland

Leineschloss in Hannover
Trotz Bedenken und Verzögerungstaktik des hannoverschen Ministeriums waren die Grundrechte des Deutschen Volkes mit Einführungsgesetz, datiert am 27. Dezember 1848 und unterschrieben vom Reichsverweser Erzherzog Johann sowie von den Reichsministern H. v. Gagern, v. Peucker, v. Beckerath, Duckwitz und R. Mohl, in Frankfurt verkündet worden. Die Bestimmungen in den acht Artikeln bildeten die Grundlage für das Zusammenleben im demokratischen Staatengebilde, vor allem die Freiheit der Person, Aufhebung der Standesunterschiede, Freiheit der Meinungsäußerung, der Presse, des Glaubens, der Wissenschaft und Lehre, Versammlungsfreiheit und nicht zuletzt die Unabhängigkeit der Gerichte.

In den Druckereien der verschiedenen deutschen Länder, u.a.  bei J. G. Heyse in Bremen und bei Lehnhardt in Mainz, war der Gesetzestext in aufwändiger Gestaltung verlegt und in den Ländern verteilt worden. Die Abonnenten der Zeitung für Norddeutschland erhielten als Gratisbeilage ein schön gestaltetes Plakat mit Wappenvogel und Zierrahmen, gedruckt bei den Gebrüdern Jänecke. Dieses Schmuckstück wurde zu Hunderten in den Buchhandlungen verkauft und hing nun in Hannover an allen öffentlichen Orten aus. Auch in dem Café, in dem Althaus seit den Ermahnungen der Schwester jeden Abend nach Fertigstellung der Ausgabe für den nächsten Tag ein Ruhestündchen verbrachte, war es an der Wand angebracht. Mit Genugtuung stellte er fest, dass es ständig abgehängt und studiert wurde und von Hand zu Hand ging. Es war nun Sache der einzelnen Regierungen, das gesamtdeutsche Gesetzeswerk in den jeweiligen Ländern zu publizieren und umzusetzen.

Der 21. Januar 1849 war ein Sonntag. Nicht nur deshalb und wegen des strahlenden Winterwetters war er ein ganz besonderer Tag. Nach einem Aufruf Adolf Menschings vom Hannoveraner Volksverein, der nach dem März 1848 aus den wöchentlichen Versammlungen im Ballhof hervorgegangen war, sollte in der Stadt die Anerkennung der Grundrechte des deutschen Volkes gefeiert werden. Theodor berichtete seiner Schwester von dem herrlichen politischen Sonnenschein, den Hannover an dem Tage erlebte. Am liebsten hätte er ihr die helle Morgensonne mit dem Brief hinüber nach Detmold geschickt. Und noch viel lieber hätte er Elisabeth dabeigehabt, als er nachmittags losging auf den Marktplatz, wo sich Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen versammelten, um für die offizielle Verkündung des Reichsgesetzes im Königreich Hannover zu demonstrieren. Er war auch dabei, als an die dreitausend Menschen vom Rathaus durch die Kramerstraße über den Holzmarkt zum Neustädter Markt zogen, wo die Grundrechte für das deutsche Volk öffentlich verlesen wurden.

Dieses eindrucksvolle Votum der hannoverschen Bevölkerung führte jedoch keineswegs dazu, dass die gesamtdeutschen Grundrechte von der Regierung des Königreichs Hannover anerkannt und publiziert wurden. Auch die Presse kämpfte für das Reichsgesetz, mit Ausnahme der Hannoverschen Zeitung, die als Sprachrohr der Regierung galt. Innenminister Stüve selbst verfasste regelmäßig Artikel für dieses Organ. Er hielt nach wie vor an seinen Bedenken fest und wartete, wie in den Aktenstücken vom Dezember 1848 angekündigt, auf die Entscheidung der Ständemitglieder, deren Wahl in diesen kalten und schneereichen Januartagen in vollem Gange war.


Bildquelle: gemeinfrei in „Königreich Hannover“:  https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6nigreich_Hannover
Das Leineschloss in Hannover war die Residenz der Könige von Hannover von 1837 bis 1866. 

1849: "Zeitung für Norddeutschland"

Am 1. Januar 1849 erschien die erste Ausgabe der Zeitung für Norddeutschland. Ihren Lesern stellte sie sich als überregionales demokratisches Blatt vor. Der erste Leitartikel bekam die Überschrift Am Jahreswechsel. In gewohnt glänzenden Formulierungen gab der leitende Redakteur einen Rückblick  auf die revolutionären Entwicklungen des Jahres 1848. Alle Geister der alten Ordnung seien in Bewegung gebracht worden, jedoch in eine rastlose Bewegung. Ungeahnt heftige Ereignisse und überstürzte Aktionen hätten den Blick auf das große Ganze des Vaterlandes mitunter aus den Augen verlieren lassen. Er erinnerte daran, dass trotz bitterer Niederlagen in Frankfurt die Grundrechte als Reichsgesetz verkündet worden waren. Das große politische Ziel des neuen Jahres müsse nun die Vollendung der gesetzlichen Voraussetzungen für ein einheitliches Deutschland als Nation sein, und zwar in Form eines Bundesstaates, in dem es nur ein Kriegsministerium, nur ein Ministerium des Auswärtigen und nur eine Gewalt an der Spitze gebe. Nur dann sei Deutschland Garant für europäische Freiheit und Gerechtigkeit. Und nur die souveräne Nationalversammlung habe die Vollmacht, dieses Deutschland zu schaffen.
Welche Schwierigkeiten der Verwirklichung eines deutschen Bundesstaates entgegenstanden, bestimmten in den folgenden ersten Januartagen die Leitthemen. Am 4. Januar 1849 in Preußen und Deutschland beschäftigte Althaus die Frage, welche Einzelstaaten überhaupt ohne Wenn und Aber dazugehörten. Was war mit Schleswig und was vor allem mit dem Vielvölkerstaat Österreich, dem es schon nicht gelang, intern die Zugehörigkeiten der einzelnen Stämme zu klären? In der Nationalversammlung und in der Bevölkerung bildeten sich zwei Lager, das der großdeutschen Lösung mit Österreich, wie immer das aussehen könnte, und das der kleindeutschen Lösung unter der Führung von Preußen mit der Option eines späteren Beitritts von Österreich. Und wie würde selbst nach endgültiger Klärung der Zugehörigkeitsfrage die Umsetzung der Reichsverfassung und demokratischer Strukturen in den Einzelstaaten aussehen, angesichts der Tatsache, dass die monarchischen Regierungen Stück für Stück verlorenes Terrain zurückeroberten und dass der Zentralgewalt die Mittel fehlten? Notwendig sei ein allgegenwärtiger Aufschwung des demokratischen Geistes und der patriotischen Gefühle der Männer der ersten Stunde von Hallgarten und Heidelberg. Im Zusammenhang mit den monarchisch partikulären Eskapaden Preußens meinte Althaus: Trotz alles Sträubens und Hinzögerns wird Preußen  s o  in Deutschland aufgehen  m ü s s e n, wie  D e u t s c h l a n d  es will, und  n i c h t,  wie die Dynastie es sich vielleicht einbildet.
Und wie sah es mit der Anerkennung und Umsetzung der Reichsgesetze im Königreich Hannover aus? Machte doch das Ministerium Stüve-Bennigsen keine Anstalten, sie zu publizieren, im Gegenteil. Bereits im Vorfeld der Verkündung des Reichsgesetzes über die Grundrechte des deutschen Volkes hatte das hannoversche Ministerium gegen eine Publizierung agiert. In zwei Schreiben nach Frankfurt wurden Bedenken formeller und juristischer Art dargelegt, und zwar am 4. November und am 17. Dezember 1848 an hannoversche Bevollmächtigte bei der provisorischen Zentralgewalt. Mit dieser Verzögerungstaktik beschäftigte sich Althaus in vier Leitartikeln, erschienen in der Zeit vom 6. bis zum 12. Januar 1849. Er machte keinen Hehl daraus, dass er das Ministerium als Hemmschuh für die nationale Sache betrachtete. Diese Betrachtung basierte im Wesentlichen auf den zwei Ministerschreiben, Aktenstücke genannt. In diesen wurden formelle und rechtliche Bedenken gegen eine Publizierung der Reichsverfassung geäußert. Das hannoversche Ministerium gab an, vor der Verkündung von Reichsgesetzen sei ein Votum der Stände einzuholen. Außerdem sei sie vom juristischen Standpunkt aus bedenklich, man benötige das Protokoll eines Bundesbeschlusses vom 10. Juli 1848, das man in Hannover jedoch nie erhalten habe. Als dritter Grund wurde das mögliche Ausscheren Österreichs aus dem zu gründenden Staatswesen angeführt und somit eine möglichen Verzerrung der Mehrheitsentscheidung im Nachhinein. Alle Argumentationsansätze hielt Althaus für verlogen und nur um der Verzögerung der gemeinsamen Sache willen angebracht, was er in heftigen Wortattacken in den vier Artikeln zu Hannover und Deutschland darlegte. Schon mit der Formulierung der Titelzeile nannte er in der Ausgabe am 12. Januar 1849 die Dinge beim Namen: Die ministerielle Ehrlichkeit und das große Hinderniß der deutschen Einheit.

1848: Fiese Kampagne gegen die Bremer Zeitung


Indes waren in Bremen die Kämpfe gegen die Bremer Zeitung vollends ausgebrochen. Der leitende Redakteur wurde offen angefeindet, darauf angesprochen, wie ein Enkel von Dräseke so heillose Sachen schreiben könne und provokativ gefragt, wie er sich denn die Einheit und Republik eigentlich denke. Und es kam noch schlimmer. Mit Flugschriften und offenen Briefen agitierte man gegen die Zeitung und speziell gegen die Artikel von Theodor Althaus. Im Tagebuch notierte er: Das Complott brach endlich an der entscheidenden Erklärung los. Haufenweis kamen die Absagebriefe im echten Bourgeoisstil. Die Principale bleich, niedergeschlagen, sahen voraus, dass die ‚Bremer Zeitung’ für Bremen verloren sei […]. Da half es auch nicht, dass zwei mitgliederstarke Bremer Vereine sich vehement für die freisinnige Tendenz der Leitartikel von Althaus einsetzten und in offenen Briefen diese Art von Pressezensur anprangerten. Der Bürgerverein äußerte sich empört über die Angriffe und Demonstrationen von Aristokraten und Reaktionären, die vor den unparteiischen Richterstuhl der öffentlichen Meinung gehörten. Noch schärfer formulierte der demokratische Verein. Die längst beseitigte Staatszensur werde von jenen Finsterlingen als Privatzensur wieder eingeführt und die Menschen somit um die glücklich errungene Pressefreiheit gebracht. Die Solidaritätserklärungen der beiden Bremer Vereine wurden von der Redaktion wunschgemäß publiziert und am 4. Oktober 1848 in der zweiten Ausgabe der Bremer Zeitung gedruckt.
Als Agitation und Boykott über die Zeitung hinaus sogar gegen die traditionelle Heyse’sche Verlagsbuchhandlung ausgedehnt wurden, entschied der Verleger, einen Schlussstrich zu ziehen und sich von der Zeitung zu trennen. Die Bremer Zeitung wurde an die Gebrüder Jänecke in Hannover verkauft, im Einvernehmen mit Theodor Althaus, der sie dort unter dem Namen Zeitung für Norddeutschland weiter redigieren würde. Schwere Tage, notierte er, durch die unsittliche Finesse und die ganze Perfidie mich indirect als Rothen zu schildern, fühlte ich die letzten Fäden reißen. Dem bevorstehenden Ortswechsel konnte er durchaus positive Aspekte abgewinnen. Hannover war besser an das Eisenbahnnetz angebunden als Bremen und somit erreichten die neuesten Nachrichten die Redaktion schneller als bisher.

Doch so richtig wollte der Blick nach vorne und das Entwickeln von Perspektiven noch nicht gelingen. Zu tief saß der verletzende Stachel. Die bittere Enttäuschung brachte sein inneres Gleichgewicht ins Wanken. Theodor bekam Husten und wurde krank. Konnte nicht schreiben, fühlte mich mit kurzen Unterbrechungen wie todt, wie vernichtet, sah mit Grauen dem Winter und mit Ekel dem Leben entgegen. Trost fand er in der Korrespondenz mit seiner Cousine Minna Schmitson in Frankfurt, die er auch seinerseits trösten musste, weil ihr Vater als Angestellter bei der Bundesmilitärkommission während des Straßenkampfes am 18. September eine Verwundung davongetragen hatte: Aber es gilt auszuharren und treu zu bleiben. Ein Frühling kommt, in Menschenwelt und in Natur wird er uns wiederkehren!

De Traurigkeit war stärker als die Hoffnung auf Frühlingserwachen. Als an seinem Geburtstag Schwester Elisabeth ihn an sich drückte, wusste er nicht, ob er sich freuen oder heulen sollte. Die treue Seele war extra nach Bremen gekommen. Sechsundzwanzig Jahre alt wurde er und kam sich vor, als hätte er das ganze Leben schon hinter sich. Ihr gegenüber gab er zwar sich optimistisch, wusste er doch, sie würde alles der Mutter erzählen und die sollte sich nicht beunruhigen, doch wie er sich wirklich fühlte, vertraute er seinem Tagebuch an: Ich habe verloren, ich weiß nicht mehr zu sprechen wie sonst, seit ich so viel lese und schreibe. Ich kenne die Herzen nicht mehr so, seit ich mir selbst so wenig, so fast niemals angehöre.


Bildquelle: Das Stadthaus am Domshof in Bremen. Stahlstich von Julius Gottheil, entstanden zwischen 1850 und 1864.

Erinnerungen an Gottfried Kinkel



Als Volkswehrmann, in der Bluse, mit verwildertem Bart, ein Tuch um das verwundete Haupt geknüpft: so nahmen sie ihn nach dem Gefechte bei Muggensturm gefangen und führten ihn nach Karlsruhe. Wie manche Nacht zog die Gestalt erschütternd an meinem Blick vorüber! Dann das heimliche Gericht, dann das Ende: er ist frühmorgens heut im Walde erschossen! Dann nach dumpfen Schmerzenstagen der Widerruf, und wochenlang die streitenden Gerüchte von Begnadigung und Todesurteil. Die Seele wurde damals zuletzt wie starr und gefühllos in den Zeiten der Qual, wo man mit so manchen Freunden mehr als einmal sterben, dann die Mauer der ungewissen Entscheidung erdulden, und endlich, wenn sie gefallen war, so oft in trostlose Öde ohne Hoffnung der Auferstehung hinblicken mußte. Wie eine Gnade war es, wenn der letzte Befreier, der Tod, die Brust erleichterte.

An Kinkel ging er vorüber. Ihm erschien das höhnische Antlitz jener Begnadigung, gegen die das österreichische Begnadigen zu Pulver und Blei sich wie sanfte Menschlichkeit darstellte; die Gnade, welche ihm widerfuhr, zu ewiger Zuchthausstrafe, mußte auch im gehärteten Herzen noch einen Aufschrei der ohnmächtigen Wut erwecken. Da saß er nun in Naugard in der halbdüstern, unterirdischen Zelle, im Sträflingsanzug, Wolle spulend!

Diese Jahre haben harte Schicksale gesehn, aber vielleicht wenig so jähe Wandlungen als diese, denn wer, der den Dichter gekannt, konnte sich ihn in einer andren Welt denken, als in der klaren, heitren Sonnenwelt, aus der seine ganze Natur recht wie geboren und ernährt war! Ein helles Zimmer, kunstsinnig ausgeschmückt, froh belebte Gesellschaft, und draußen eine anmutige Landschaft mit warmen Farben um und im geliebten Rhein: das war die Umgebung, an der er sich so lange gefreut hatte, weil seine Natur sich da in ihrem Elemente fühlte. Und dann womöglich Neueres und Schöneres, wenn das liebe Alte ausgenossen war. „Ich muß fort von hier“, sagte er mir vor wenig Jahren in Bonn, „Ich habe diese Gegend nun ausgesehn, erst wenn ich ein paar Stunden weit laufe, sehe ich wieder Formen und Farbentöne.“ – Was wird dies geistvolle Auge noch sein, wenn es Jahre lang die Linien seiner Zelle und die öden Farben des spärlichen Tageslichtes ausgesehen hat?

Er ist kein Dichter des Brütens in der Einsamkeit: dort wird er selbst es fühlen, daß nur in flüchtig verrauschender Stimmung auch dunkle dämonische Saiten seiner Seele lyrisch erklangen. Früher mochte es scheinen, als würde sein düstrer Genius sich aus einem Gefängnisse mit seltsamer Befriedigung eine von außen lautlose, aber innerlich glühende brausende Heimat schaffen, wie im Krater eines Vulkans. Er selbst gefiel sich zuweilen in solcher Anschauung seines Charakters, wie er ihn auch einmal in einer Ode dem lichten friedlichen Genius eines Freundes gegenüberstellte. Doch wenn solche Äußerungen zuerst durch den Kontrast mit der ganzen Erscheinung des Menschen überraschten, so fand der tiefere und verweilende Seelenblick nur eine Bestätigung des ersten Urteils darin. Eben weil der Dichter so ganz dem heitren Tage und seiner Lebensfülle angehörte, weil alle Kräfte in ihm so instinktartig zur Harmonie strebten, neckte es ihn, wenn ich so sagen soll, daß der dunkle dämonische Ton nur flüchtig und leise in diese Harmonie einklang; und wenn er ihn lebhaft anschlug, so war es nur die freie Phantasie, welche dem Menschen so oft seinen eignen Charakter gleichsam zu ergänzen sucht, indem sie hier einen stärkeren Schatten, dort ein helleres Licht in sein Urbild malt. Es ist sehr schmerzlich, so genau zu wissen, daß Kinkels Natur ihm von dieser Seite sein Schicksal nicht erleichtern, sondern es nur bitterer empfinden lassen kann. Sein dichterisches Schaffen ist nicht jenes Versenken in die unergründlichen Schachte des Innern, aus denen die melancholischen Naturen oft so blaß und tiefsinnig wieder mit ihren äußerlich unscheinbaren Schätzen zur Oberwelt steigen; nein, er braucht dazu unablässig Aug’ und Ohr und den ganzen Reichtum neuer Anschauungen des bunten Lebens, und frische Anregungen, aus diesem immer wieder ergänzten Stoffe seine Bilder zu wählen. Bis in seinen Stil läßt sich dies Naturell verfolgen. Da liebt er die alten derben Kernwörter, meidet das akademisch zugeschnitten und philosophisch abstrakte, sucht neue Bildungen, und selbst als seine letzte Entwicklung ihn schon vielfach gereift und geklärt hatte, quoll dennoch immer wieder der alte Überreichtum des farbigen und tönenden Redeschmucks hervor, als wollte er, um die gesamte Lebensfülle zu fassen, auch für die Sprache das erobern, was nur der Musik vergönnt ist. Seine Natur gehört nicht zu den vulkanischen, sie ist eine neptunische, wie die Goethe’s, der sich darum „ein Kind des Friedens“ nannte. – Und doch derselbe Mensch ein Sohn der Revolution, „der grimmen, lichterlohen“?

Man würde es leicht mit diesem Naturell in Einklang bringen, wenn er durch den letzten Hülferuf des Vaterlandes aufgeweckt, als treuherziger Kämpfer für die Reichsverfassung sich mit in den Strudel hätte reißen lassen. So war es aber nicht. Hatte Kinkel doch schon, wie er von der Tribüne in Berlin stolz und kurz erklärte, unter dem Donner der Junischlacht die rohe demokratischsoziale Republik proklamiert! Und von ihm, schon ehe die Pfalz sich rührte, waren jene drohenden Worte vom Kampf auf Leben und Tod gesprochen, welche nachher den „Bluthunden der Reaktion“ zur Losung dienten, seinen Tod zu fordern,  jene Schlußworte: „siegen wir, dann wehe Euch! Keine Gnade!“ – Das alles würde man ferner sehr begreiflich finden, wenn er ein fahrender PoetLiterat gewesen wäre, ohne Familie, ohne Amt, ohne Heimat, der im Revolutionsrausch nur Abenteuer und poetischen Stoff hätte gewinnen, und durch Tendenz und Tat nichts hätte verlieren können. Aber wie viel hat er im Gegenteil geopfert!

Wer aus Kinkels geistiger Bildung die Erklärung holen will, wird noch mehr erstaunen. All ihre Wurzeln scheinen erst recht fest in den konservativen Boden getrieben zu sein, und man würde von einer solchen Bildung vielmehr umgekehrt behaupten mögen, daß sie dem nicht revolutionären Charakter ihres Trägers erst den rechten Halt gebe. Eine vorherrschende Neigung zum Mittelalter, zu altdeutscher Dichtung und Geschichte; verhältnismäßig geringe Bekanntschaft mit der modernen französischen Entwicklung; entschiedne Abneigung gegen philosophischen Radikalismus; diese Richtungen dauerten weit über die Jugendperiode, in seine letzte Zeit hinein. Wenige Dichter haben solchen Einfluß auf ihn geübt, wie der konservative preußische Immermann, und seine ganze Betrachtung der Geschichte blieb wesentlich auf dem künstlerischen Standpunkt; weit entfernt von jener Geschichtsphilosophie, aus der so viele sich Waffen und Leidenschaften für eine revolutionäre Zukunft holten. Alle Gelehrten von einer Bildung, wie wir die eben skizzierten, sind reaktionär geblieben oder haben sich doch bei Zeiten salviert; allen Poeten von ähnlicher Richtung waren die Bassermann’schen Gestalten eben nur eine neue brauchbare „Gestalt“, und die Revolution überhaupt wesentlich nur neues Material zum Denken und Dichten. Wo faßte die Revolution denn gerade diesen Mann, und riß ihn so gewaltig gerade unter ihre blutrote Sturmfahne?

Mitten in das warme Herz des gesunden Menschen, des ganzen Mannes, griff sie hinein! Aber dem einseitig verkümmerten Geschlecht von heute scheint es wie eine Fabel, daß Sophokles und Äschylus, vor deren olympisch reiner Harmonie es noch immer bewundernd steht, auch Soldaten und Feldherrn waren! Und nur mit der Phantasie kann dieses blasse Poetengeschlecht es sich vorstellen, daß der männliche Dichter, eben weil er zur höchsten Harmonie in seinen Schöpfungen strebt, auch den Nerv der Tat in sich zucken fühlt und jener Allgewalt der Begeisterung, von der er so oft gesunden, endlich auch selbst ins Leben folgt.

Das einfache Gefühl der Guten findet eine ähnliche Erklärung schon aus der bloßen Tatsache, und wendet dem Dichter herzliche Teilnahme zu. Die Phantasie der meisten von ihnen wird sich natürlich nur den allgemeinen Charakter dieses Schicksals ausmalen; und was Kinkels frühere Freunde schrieben, blieb auch meist auf der Oberfläche und bei den erklärenden Worten: Leidenschaft, Begeisterung und Ehrgeiz, als Quelle seines Entschlusses. Ich freue mich des besseren Trostes, die Entwicklung des Freundes einigermaßen zu überschauen. Es ist immer ein leidiger Trost; aber wenn Zorn und Schmerz endlich matt geworden sind und doch das Herz noch immer nicht von dem traurigen Bilde lassen kann, fühlt es sich wohl beruhigt, wenn der Kopf einmal sich mit dem geistigen Bilde der Persönlichkeit beschäftigt. Die alte Panacee: von dem was wir leiden zu reden und das was wir lieben, uns zu vergegenwärtigen.

Vor dreizehn Jahren, als Kinkel, kaum dem Jünglingsalter entwachsen, das theologische Katheder in Bonn bestieg, und in den nächstfolgenden Jahren war er ein so politischunschuldiger Mensch, wie nur je einer in der orthodoxen Schule erzogen ist. All seine künstlerischen Neigungen und Anfänge schienen den Theologen der rheinischen Universität nur als schöne Zugaben für ein talentvolles Rüstzeug der Kirche des Herrn; er war der erklärte Liebling der aristokratischgelehrten Gesellschaft. Ihm selbst konnte der Nationalismus für seinen poetischen Sinn nicht die Fülle großer geschichtlicher Bilder und mystisch glühender Farben gewähren, wie er sie in der Orthodoxie fand, und da er der Philosophie überhaupt ferner stand, so konnte es geschehn, dass er zu derselben Zeit, wo Bruno Bauer explodierte, harmlos noch seine orthodoxen Hefte vortrug. Sein Geist und sein Herz waren damals aber schon nicht mehr dabei; denn während die Neigung zur Geschichte und Kunst immer mächtiger aus der bald ausgepreßten Theologie hervorwuchsen, hatte ein Schicksal, das er selbst sich wie ein Mann schuf, ihn auch dem persönlichen Einflusse seiner alten Lehrer und Kollegen gänzlich enthoben. Die edle geniale Frau, der seine glühende und glückliche Liebe sich zuwandte, war von einem katholischen Gatten getrennt, aber als Katholikin natürlich geschieden und frei. Gegen diese Liebe eiferte die pharisäische Seelsorge der Bonner Theologen mit aller Macht ihrer bornierten Orhodoxie, und an diesem Konflikte reifte Kinkel zum Manne, der die ganze Entscheidung nicht scheute. Er wurde ein Geächteter in den Kreisen, wo er früher der Liebling gewesen war, und nicht bloß das System, dem er bisher anhing, offenbarte sich ihm in seiner Blöße, sondern mit voller Herzensleidenschaft brach die Empörung gegen die gesamte Lebensanschauung, deren Hülle er bisher sorglos mitgetragen hatte, hervor. „Ihr, die die heilige Glut stets nur als Flamme des Herdes gekannt, wißt nicht, wie sich die Liebe belohnt!“ Die Trennung der Kirche vom Staat ist vielleicht sein erstes politischradikales Dogma gewesen; im Übrigen machte er den gemächlichen konstitutionellen Fortschritt der ganzen öffentlichen Meinung mit.

Die Gesellschaft, zu der er eine Zeitlang regelmäßig die kleine Zahl seiner Zuhörer nebst einigen nichttheologischen Freunden vereinigte, manchen Herzen als ein Ideal akademischen Verkehrs unvergeßlich, gab in ihrer Unterhaltung deutlich zu erkennen, wie weit der, welcher mit aller frohen Anmut seines Naturells ihre Seele war, noch ein Theolog genannt werden konnte. Auf dem Poppelsdorfer Schlosse, im Angesicht der reizenden Landschaft bis zum Siebengebirge hin, hallte das hohe Zimmer sehr selten von theologischen Disputationen wieder; weit öfter von der herrlichen Stimme des Virtuosen im Vorlesen von Gedichten und in freier Schilderung poetischer und plastischer Kunstwerke. Kunst und Poesie, die großen Gedanken der Humanität, zuweilen auch Politik, hielten die Freunde bis Mitternacht im lebhaftesten Gespräch zusammen; und die wenigsten ahnten, welch einen bitter ernsten Hintergrund die heitren Scherzworte hatten, die der Wirth wohl einmal über das frugale Leben der Privatdozenten hinwarf. In jener Zeit kämpfte Kinkel, sich eine gesicherte Existenz zu erringen, und er erwarb sich damals das Recht, nachher in einer seiner stürmenden Reden zu sagen: „Wir haben das Darben gründlich gelernt, wir werden auch noch die kurze Frist aushalten!“

Nach Jahren gelang es ihm, eine außerordentliche Professur der Kunstgeschichte zu erhalten und rasch reifte ihm nun die Ernte heran, die er ausgesät. Seine poetischen und wissenschaftlichen Arbeiten fanden Anerkennung, seine Kollegien waren gedrängt voll, die Vorträge vor einem gemsichten Publikum in Köln und Bonn gaben ihm Gewinn und neue Freunde; die Gesellschaft endlich, als sie die Liebe und Arbeit mit Erfolg gekrönt sah, huldigte wie immer diesem ihren Gotte, und die beiden Geächteten waren nun gefeiert und gesucht. Im reinsten Genusse des häuslichen Glückes, in voller Tätigkeit, allein den ursprünglichen Neigungen seines Geistes folgend, blickte Kinkel sich nun nach der alten Welt um   und sah, daß ihre Systeme und Anschauungen wie welkes Laub vor den frischen Trieben seines Lebensbaums abgefallen waren. Was andere in langem schweren philosophischen Kampfe sich erringen: die eine und ganze Freiheit, war ihm in stillem Werden gereift. In dem Maaß, wie er das Lebendige inniger an sein Herz schloß, wich das innerlich Tote, dessen Reste in den Winkeln seines Geistes fortvegetiert hatten, nun ganz fern zurück. Er war noch weder Sozialist noch Republikaner; aber auf dem von aller toten Konvention und allem theologischpolitischen alten Wust gereinigten Boden des freien Lebens, Forschens und Dichtens, konnte nun keine andre Theorie mehr naturgemäß wachsen, als die des freien Staates und der freien Gesellschaft. Die Prinzipien der Kunst und Ethik, schon in ihm festgewurzelt, brauchten bloß zur Tätigkeit auf den übrigen Lebensgebieten angeregt zu werden, um wie mit einem Schlag auch diese zu erhellen.

Als ich ihn einige Zeit vor der Revolution sah, schien er oberflächlich noch mit jener Genossenschaft verbunden, welche die volle Freiheit nur als ein Eigentum des künstlerischen und genießenden Privatmenschen anerkennt und vor den politischsozialen Konsequenzen ihrer eignen Prinzipien zurückschaudert; ich meine jene Gebildeten, welche ihm seinen Radikalismus verzeihen, weil er ein Dichter ist und ein Dichter alles darf. Von dieser letzten Romantik stammen auch die Entschuldigungen seiner Tat, welche sie lediglich als poetische Verirrung bezeichnen, in der Hoffnung, ihn einst wieder in das Reich des Indifferentismus zurückkehren zu sehen. Weil Kinkel aber, trotz leiser romantischer Anklänge in seiner Poesie, ein anderer Mensch war: darum wurde die Märzrevolution der Frühlingshauch, der alle Keime seines Innern in Licht und Leben rief.

Wie gern vermittelte seine Humanität gleichberechtigte Ansprüche und Absichten im Leben! Aber das gesunde Gefühl und die Gerechtigkeit, aus denen jene liebenswürdige Humanität ihm quoll, mußte sich eben so empören gegen das blasse feige Vermitteln zwischen ewigem Recht und Unrecht. Als die Zeit zu Taten rief, sprang er als Mann in die Reihe, und wofür sollte er, als Künstler, als Dichter denn anders kämpfen, als für das Reich der neuen Welt, dessen Gesetze in jenen Geisterreichen schon lange galten und dessen wirkliche Gründung eben darum erst die wahre irdische Heimat für Wissenschaft und Kunst erschaffen kann! Hatte nicht vor einem halben Jahrhundert schon Hölderlin aus den Griechen und ihren deutschen Nachfolgern das Geheimniß gelesen: „Die neue Theokratie des Schönen kann nur Raum finden in einem Freistaat?“ Was hat der moderne Dichter vor unsren Klassikern denn als sein eigenstes voraus, wenn nicht eben die, daß er sich als Bürger fühlt und jene irdische Heimat seiner Kunst mit erobern hilft! Mit solchen Gedanken ist Kinkel in die Revolution gegangen, an dies höchste und letzte Gut hat er sein Alles gesetzt,  nicht aber als fahrender Poet und Avantürier nicht wie ein Belletrist ein Abenteuer versucht, um nachher einen Roman darüber schreiben zu können.

Mit allen Schätzen seines Talents und seines Charakters, an denen bisher die gebildete Gesellschaft von Bonn sich erfreut hatte, trat er nun mitten unter das Volk wie in eine neue und doch heimatliche Welt. Seine Lust am Schauen und Beobachten aller Individualität und seine ursprüngliche Liebe zum rheinischen Volkscharakter hatten ihm lang, eh er an eine solche Wirksamkeit dachte, alle Mittel zu ihr gesammelt; mit leichter Sicherheit traf er den Ton und die Wünsche des Handwerkers, wie der Bauern und Proletarier. Diese Klassen waren es, welche bald in ihm ihren Führer verehrten, und deren Stimmen ihn später zum Deputierten wählten. Was waren die studentisch herkömmlichen Fackelzüge gegen das heitre improvisierte Geleit, wenn diese neuen Freunde ihn mit frisch abgebrochenen grünen Zweigen auf der Heimkehr von einem Spaziergang oder aus einem ländlichen demokratischen Verein, in ihrer Mitte triumphierend nach Hause begleiteten! – Nicht seine ganze Wirksamkeit jener Zeiten ist nur in persönlicher Erinnerung, oder in den kleinen Blättern der neuen Bonner Zeitung und später in den Berliner stenographischen Berichten aufbewahrt. Er schrieb damals ein kleinen Buch: „Handwerk, errette dich!“ Aus dem mag auch, wer ihn nicht persönlich kennt, sich eine Anschauung von Kinkels republikanischem Sozialismus zwischen den Zeilen herauslesen.

Kinkel gehört zu den bis jetzt noch selten öffentlich hervorgetretenen Charakteren, welche revolutionär werden, weil sie im tiefsten und allein edlen Sinne konservativ sind. Der vulgäre, abstrakte Konservatismus ist eine bloße Verneinung und stößt nach rechts und links hin alles von sich, was das Individuum in seinem geistigen, gemütlichen und materiellen Behagen zu stören droht. Der wahre Konservatismus ist eine tiefgewurzelte Treue gegen Vernunft und Freiheit in den philosophischen Charakteren, eine reiche unwandelbare Liebe zur freien gesunden Natur in den poetischen Charakteren. In der letzteren Reihe steht Kinkel. Gegen die bürokratische Willkür und das mechanische Zuschneiden des alten Systems, gegen die engen Einschränkungen und das schlechtfranzösische Zustutzen des ganzen politischsozialen Lebens, mit einem Wort: gegen diese feinselige destruktive Macht empörte sich in ihm die ursprüngliche Liebe zur heiligfreien Natur, zur unverkümmerten Entfaltung aller Individualität der einzelnen, der Gemeinden, der Arbeitsgenossenschaften, des Volkes und der gesamten Gesellschaft.

Wie die friedlichen conservativen Deutschen von 1813 gegen das ihnen revolutionär aufgedrungene fremde Wesen zu den Waffen der Notwehr griffen, um ihr eigenes konservativ zu behaupten, wie seine freie eigene Lebenswelt vom alten System zerstört werde, endlich der Sporn, dies „Kind des Friedens“ in den Kampf zu treiben. Schon in den ersten Tagen seines Aufenthalts in der Pfalz, als alles um und in ihm noch Hoffnung war, schrieb er in die Heimat jenen ergreifenden Brief, worin er als sein persönliches Ideal die Seligkeit eines einfach bürgerlichen Lebens in froher Tätigkeit des Denkens und Dichtens, so wahr bezeichnet und seinen Entschluß zum Kampfe nur aus der festen Überzeugung ableitet, daß allein die volle Befreiung des Volkes der Weg zu solcher vollen Lebensfreude für den einzelnen wie für alle sei. So ist auch sein Sozialismus im edlen Sinne konservativ. Seine ganze Natur protestierte gegen die öden Systeme des uniformiertenbürokratischen Kommunismus und der destruktiven Gleichmacherei, unter der das ewige Naturrecht der Individualität verschwindet. Den einzelnen und die durch freie Neigung zu gleicher Arbeit verbundenen Genossenschaften ruft er zu eigener Tätigkeit auf: „Handwerk, errette dich selbst!“ Sein sozialistisches Ideal in dieser Sphäre ist ein freier Organismus, dessen Gesetze die Selbstständigkeit des Individuums, die höchste Ausbildung aller Arbeitskräfte und jedes Handwerks in seiner Eigentümlichkeit zum Zweck haben. Der Handwerker soll auf eigenen Füßen stehn, statt von den fabrikmäßigen Spekulationen des Kapitals, wie jetzt, ausgebeutet und erdrückt zu werden. Die soziale Gesetzgebung soll es ihm möglich machen, ein Haus und eine Familie zu gründen, ein Meister und Lehrer seines Handwerks, statt ein entreprenierender Kapitalist zu werden. Erst von ihr hofft der Dichter dann eine Wiedergeburt der einigen edlen Erscheinung der mittelalterlichen Zustände, daß das Handwerk, so weit es seiner Natur gegönnt ist, hinüberreiche in die höhere künstlerische Tätigkeit und so der Gipfel dieser Lebensgestalt in die Lichtregion des Geistes und der Schönheit erhoben werde. Aber eben weil nicht alle Arbeit dieses Adels in ihrer Eigentümlichkeit fähig ist, muß allen der Stolz der republikanischen Freiheit, der geistigen Bildung und die Fähigkeit zum Erkennen und Genuß des Schönen erreichbar gemacht werden, damit auch der Geringste dann seines menschlichen Adels so froh werde, wie jetzt sein Pariathum ihm die Seele zum Staube drückt. Die Romantiker schaudern vor der Republik, weil ihre beschränkte Phantasie eine Nivellierung der Kontraste und Individualitäten und damit das Ausgehn des poetischen Stoffes fürchtet; die gesunde Phantasie des modernen Dichters schaut den Reichtum der neuen Welt und er fordert die soziale Revolution, damit endlich die vollbefriedigte Lust am Dasein die Seele der Poesie neu belebe. Er weiß, daß nur eine großartige neue Weltgestalt eine ihr ebenbürtige Poesie aus sich zeugen kann, die dann wahrhaft konservativ sein wird.

Über das rasche Werden dieser neuen Welt haben wir alle uns seit dem März wohl mehr als einmal getäuscht; wer wollte es dem Dichter verargen, wenn seine Phantasie seine Hoffnungen bestimmte! Auf den Höhen seiner Anschauung, wo er nur große historische Gestalten sah, zog auch die Gestalt eines mächtigen Führers ihm vorüber, als er sang:

„Wenn erst um uns die Pulverwolken nachten:

Dann kommt der eine, der befehlen kann!“

Die deutsche Geschichte war ärmer; mit bitteren Gefühlen mochte Kinkel sich dieser Worte erinnern, als die ganze Revolution zuletzt scheiterte, weil der eine fehlte, der befehlen kann.

Den Siegern aber wird ihr Plan nicht gelingen, den Gefangenen zu erniedrigen, um dann das Beispiel und die Talente des begnadigten Apostaten für ihre Zwecke nutzen zu können Sie begreifen das ganze Gewicht, welches Kinkel in die Wagschale der Revolution warf. Durch politische Kenntnisse und parlamentarische Beredsamkeit sind ihnen andere gefährlicher gewesen als er; daß aber ein Dichter, daß eine Persönlichkeit, die so edle aristokratische Eigenschaften glänzend in sich vereinigte, unter die rote Fahne trat, das verschmerzen sie schwer. Denn auch der regelmäßige Trost der Verdächtigung ist ihnen abgeschnitten; niemand glaubt an unlautere oder kleinliche Motive, wo er ein solches Opfer der Überzeugung gebracht sieht, wo ein Staatsamt, eine sichere Existenz, ein ganzes beneidenswertes Glück ohne Hoffnung auf persönlichen Gewinn an eine schwankende gefährdete Sache gesetzt wird. Die Rache ist umso unerbittlicher, je mehr der Märtyrer eine allgemeine Anerkennung und Teilnahme in der gebildeten Nation und nicht bloß innerhalb einer politischen Partei findet. Er wird dann nicht nur für das gestraft, was er tat, sondern auch für das, was er ist. Diese Art der Rache hat Methode, denn freilich wirkte er auch nicht bloß mit seinem Thun, sondern mit seiner ganzen Persönlichkeit.

So brachten sie Kinkel nach Naugard und entehrten sich selbst, während sie ihn zu erniedrigen glaubten. Als er sich zum erstenmal in der gemeinen Sträflingsjacke, in Sklaventracht mit kurz geschorenem Haar erblickte, ist ihm vielleicht seine eigene Gestalt von jenem Abend vorübergeschwebt, wo der vor Goethe’s Iphigenie versammelte auserwählte Kreis ihn als Orest im edlen griechischen Gewande sah? Als er im Kerker zum erstenmal erwachte, schien ihm die Wirklichkeit nicht wie ein wüster Traum? Den er hätte wegschmeicheln mögen mit jenen süßen Worten des halb schlummernden Orest:

Noch einen reiche mir aus Lethe’s Fluten

Den letzten kühlen Becher der Erquickung!

Bald ist der Traum des Lebens aus dem Busen

Hinweggespült   .

Nein, armer Orest! Du lebst und vor dir gähnt die unabsehbare Wüste, auf Lebenslänge! Wir sind noch gefesselt im öden Tauris. Wir zielten nach Ägith’s fluchbeladenem Haupte und trafen nur das arme Mutterland. Aber der Schlaf unserer langen Nächte ist sanft, denn die Eumeniden dieser Zeit umschweben andere Häupter als die der Besiegten und Gefangenen. 


Theodor Althaus erinnert sich: Aus dem Gefängniß. Deutsche Erinnerungen und Ideale (1850)
Bildquelle: Bernhard Höfling: Porträt Gottfried Kinkel, Druck, Köln, Kölnisches Stadtmuseum

9. November 1848: Brief von Robert Blum an seine Frau Jenny

Mein teures, gutes, liebes Weib, lebe wohl, wohl für die Zeit, die man ewig nennt, die es aber nicht ist. Erziehe unsere – jetzt Deine Kinder zu edlen Menschen, dann werden sie ihrem Vater nimmer Schande machen. Unser kleines Vermögen verkaufe mit Hilfe unserer Freunde. Gott und gute Menschen werden Euch ja helfen. Alles, was ich empfinde, rinnt in Tränen dahin, daher nochmals leb wohl, teures Weib! Betrachte unsre Kinder als teures Vermächtnis, mit dem Du wuchern mußt, und ehre so Deinen treuen Gatten. Leb wohl, leb wohl! Tausend, tausend, die letzten Küsse von 

                                                                 Deinem Robert


aus: Robert Blum. Briefe und Dokumente. 1981. Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig S. 125/126

Erinnerungen an Julius Fröbel

Von den bedeutendsten Charakteren unsrer Revolution ist vielleicht keiner so rasch aus dem gelehrten Halbdunkel mitten in die helle Popularität getreten und so geräuschlos, fast ohne absichtliches Zuthun, zum idealen Repräsentanten einer Partei geworden wie Julius Fröbel. Von den zahllosen Lesern der Schriften, welche aus dem schweizerischen Hauptquartier der deutschen Opposition in das heißhungrige Deutschland herüber geschmuggelt wurden, kannte nicht der tausendste Theil den Namen dessen, der das „Literarische Comptoir“ leitete. Fröbel hatte Deutschland verlassen, als er selbst sich noch nicht einmal mit Politik beschäftigte; sein Antheil an ihr in Zürich war nicht so bedeutend, um außerhalb der Schweiz die Blicke auf ihn zu ziehn; und als endlich die Revolution ausbrach, lebte er seit kaum einem Jahre, als stiller wissenschaftlicher Einsiedler, auf deutschem Boden, wo auch die Veröffentlichung seines Systems eben kein Aufsehen erregt hatte. Als das zündende Wort: französische Republik! über den Rhein blitzte, mußte er die seit längerer Frist über andren Studien vernachlässigten Zeitungen erst nachlesen, um das Geschehene zu begreifen,  und wenig Monate darauf stand er, ohne auch nur den Blick nach einer solchen Stellung gerichtet, geschweige denn dafür agitirt zu haben, an der Spitze sämmtlicher demokratischen Vereine Deutschlands.

Er erlebte es hierbei nicht zum erstenmal, daß das Schicksal ihn plötzlich auf eine Bahn brachte, für die ihn kein absichtlich dahingerichtetes Streben und kein langgehegter Wunsch, sondern die ruhige Entwicklung seines geistigen Lebens und seines ganzen Charakters vorbereitet hatte. Auch zur Politik überhaupt war er auf eine ähnliche Weise gekommen. Erziehung und zufällige Lebensverhältnisse hatten ihn – gegen seine eigentliche Natur – ganz vom öffentlichen Leben abgelenkt. Als er im Jahr 1833 aus seiner deutschen Heimath in die Schweiz kam, fand er im stillen Betrieb der Erdkunde und der Naturwissenschaften seine volle Befriedigung, und die politischen Stürme der Schweiz, von denen er gleich Anfangs so gut wie Andere hätte bewegt werden können, gingen wie die Handlungen eines Drama’s auf der Bühne an ihm vorüber. Zufällige Umstände und seine eigne Geistesstimmung brachten ihn in Zürich vorherrschend mit Personen zusammen, die ein ähnliches außer den politischen Bewegungen stehendes Leben führten. Wenn nach Verlauf der ersten Jahre dann und wann ein augenblickliches Interesse für ein einzelnes Ereigniß in ihm erregt ward mußte dasselbe in einem allezeit sich selbst bescheidenden Charakter bald wieder von dem Gedanken beschwichtigt werden: daß er ein Fremder im Lande sei, dem es nicht zustehe, sich in dessen öffentliche Verhältnisse einzumischen. Indessen verstärkte sich doch allmählich mit der unwillkürlich gewonnenen Einsicht in die Verhältnisse, dieses Interesse. Das Jahr 1838 war der Anfang zu einer entschiedenen Veränderung seiner Lebensrichtung. Er erhielt in diesem Jahre das Bürgerrecht des Cantons Zürich und mußte sich bald sagen, daß er sich erst jetzt als ein Mann erschien. Wahre Freude gewährte es ihm nun, zunächst in seiner Gemeinde an Gesellschaften und Vereinen theilzunehmen, in die er vorher nicht zu gehören glaubte, und noch lieber unterzog er sich den Pflichten, die ihm eine Wahl in die Secundarschulpflege von Neumünster auferlegte. In diesen kleinen Verhältnissen, in den engsten Kreisen des politischen Lebens in einem Freistaate, erhielt er das erste thätige Interesse für eine Seite des Lebens, die ihm bis dahin fast ganz verschlossen gewesen war. Ein neuer Sinn ging ihm auf, und das Neue fing an, auf Kosten dessen, was früher der Inhalt seiner geistigen Thätigkeit gewesen, größeren Raum in Anspruch zu nehmen.

Es war eine verhängnisvolle Zeit, in der Fröbel diese Elementarschule der Politik durchmachte,  der Sommer 1839 mit den Verhältnissen, welche die reaktionaire Revolution des 6. Septembers hervorriefen. Er war bis dahin fast nur mit Personen umgegangen, welche entweder überhaupt politisch indifferent waren, oder nachher auf Seiten der Septemberpartei gesehen wurden; mit den Radikalen hatte er in gar keinen persönlichen Berührungen gestanden. Aber am 6. September des Abends war er nicht nur in seinen politischen Principien, sondern auch in seinen Sympathien ein Radikaler! Der Umsturz jenes Tages erschien ihm noch Jahre nachher als die stärkste geistige Einwirkung, die er in seinem Leben empfangen. Von da an hatte er am Betrieb der Naturwissenschaften keine Freude mehr. Freiwillig legte er seine Professur der Mineralogogie an der Universität nieder. Dann schien die Geographie und Ethnographie ihm doch wieder noch ein Band der Natur mit dem Menschenleben zu bilden, und in diesen Studien hoffte er Beruhigung zu finden, aber vergeblich. Er sehnte sich nach dem praktischen Leben, nach einer Lage, die ihm gestattete, auf die öffentlichen Zustände zu wirken, und diese glaubte er sich zu schaffen, als er die literarische Leitung des „Comptoirs“ übernahm. Die deutschen Regierungen empfanden bald bitter den neuen Geist. Welche Opfer Fröbel und seine Familie diesem Unternehmen brachten, darf die Freundschaft um so eher sagen, je seltner ein Wort davon über seine eignen Lippen gekommen ist. – Außer den langsam gereiften Studien der folgenden Jahre wirkte er auch als Publicist für seine Partei und scheute das Gefängniß nicht.

Im Sommer 1847, wo er nach Dresden übersiedelte, erschien zum erstenmal unter seinem Namen das „System der socialen Politik.“ Dem oberflächlichen Urtheile, welches nur auf eine gewisse Summe der Resultate für die Neugestaltung des Lebens sieht, ist die Bedeutung dieses Werkes freilich, ganz verschlossen; es erblickt darin nur eine Art der socialen Demokratie neben manchen andren gleichbedeutenden Gestalten. Aber der Unterschied zwischen diesem Werke und den früheren Systemen verzweigt sich bis in die allerletzten Wurzeln, und so ist auch, wenn wir von der ethischpolitischen Wirkung auf die Menschen reden wollen, Fröbels Theorie eine ernste nachhaltige Schule der praktischen Sittlichkeit, ein Agens zur Totalreform des ganzen Menschen, ihre Frucht für das Individuum eine innre Freiheit, die sich zwischen den Polen des energischen Enthusiasmus und der still arbeitenden Resignation bewegt. Die meisten französischen Systeme dagegen haben dem Publikum und ihren Schülern nur den Brandstoff einer ganz nach außen geworfnen, permanent gewaltsamen Revolution in die Adern geträufelt, einen lediglich auf das Allgemeine, auf politische Institutionen und materielle Zustände der Gesellschaft gerichteten Enthusiasmus in der Masse hervorgerufen. Denn der frühere Socialismus und Communismus, ganz dem französischen Charakter gemäß, und darin mit den alten Politikern noch verwandt, ging vom allgemeinen Begriffe des Staates aus und ordnete dies Allgemeine nach den abstrakten Dereten der Feieheit und Gleichheit. Eben so gehen die monarchischen Politiker von dem Begriffe des Staates aus und construiren dann nach einem willkürlichen Gemisch religiöser, historisch hergebrachter, und von der jedesmaligen Rechtsphilosophie begründeter Forderungen. Das Gesellschaftsbild des französischen Theoretikers ist gewöhnlich das Resultat vom erobernden Aufstreben der Untern zu den Höhen der Reichen, und dem Herabstürzen der letzteren von ihren Sitzen; der Individualität ist nur in Bezug auf die zu verwerthenden Talente und Arbeitsfähigkeiten Rechnung getragen. Fröbel, der deutsche Theoretiker, hat zuerst das gesammte politischsociale System auf eine neue Bearbeitung der Ethik gegründet, und während die Franzosen aus der abstrakt allgemein decretirten Freiheit und Gleichheit ableiten, hat er Alles aus den sittlichen Forderungen des Individuums mit Nothwendigkeit erwiesen. Ihm ist die „Gesellschaft“ nicht das Schema, in welchem die Einzelnen wohl oder übel untergebracht werden, sondern sie ist ihm das werdende Resultat, welches aus der freien und sittlich nothwendigen Verbindung der Individuen zum Gesammtwirken von den kleinsten Kreisen bis in den allumfassenden, erst entsteht. Damit ist der französische Erbfehler des Mechanismus, den unsre Büreaukraten copiren, principiell vernichtet; aber auch das vage romantische Gerede vom bloß „Organischen“ findet seine Kritik. Die Staatsgesellschaft erscheint als das höhere Ganze, welches am Mechanismus Theil hat, insofern dieser nur das System der technischen Mittel zur Freiheit ist, und welches einem Organismus darin gleicht, daß die Einzelnen und jeder Lebenskreis in engster Wechselwirkung zu einem Ganzen verbunden sind.

Die ernste ethische Begründung dieses Systems, und die Lebensfülle, welche dieses Ideal darstellt, mögen jene oben bezeichnete, zwischen Enthusiasmus und Resignation schwebende Freiheit erklären, zu der es heranbildet, und welche sich im persönlichen Charakter seines Schöpfers so ganz offenbart. Diese Freiheit ist auch das Geheimniß des Respekts, mit welchem das Buch aufgenommen wurde, eben wie der Achtung, die Fröbel so allgemein sich rasch erwarb, und des Zaubers den seine Persönlichkeit selbst auf seine Feinde ausübte. Der Enthusiasmus ist weder neu noch selten, seltner schon mit  der wissenschaftlichen Klarheit verbunden; erst durch die letztere werden Charaktere möglich, in denen außer diesen beiden Eigenschaften eine neue Resignation, ruhig und doch bewegt erscheint. Gegenüber dem sentimentalen und unwiderruflichen Resigniren, das in Deutschland so weit verbreitet in brütenden Klagen vegetirt, ist dieses neuen Charakters eigenthümlicher Reiz die geistvoll lebendige Theorie und ein Etwas, das wie Morgenschimmer am dunklen Wolkensaum schon einen allverwandelnden belebenden Tag ahnen läßt. In der vorrevolutionairen Zeit mußte, zumal in einem weit mehr der Wissenschaft als der Tagespolitik gewidmeten Leben, die Resignation ein leises Uebergewicht erlangen. „Die Erfolge unsrer theoretischen Entwicklung,“ schrieb Fröbel in der Vorrede zum System, „liegen noch in weiter Ferne, und der politische Schriftsteller hat nur die Wahl, entweder die principielle Perspektive auf die Zukunft, oder die politische Arena der Gegenwart aufzugeben. Ich habe das letztere vorgezogen.“ – Die Revolution kam und führte ihn in die Arena. Aber jene Freiheit war im Mittelpunkte seines Lebens schon so fest gewurzelt, und die Harmonie zwischen jenen beiden Gegensätzen war schon so ganz in seinem Charakter ausgeprägt, daß auch die erschütterndsten Schwankungen jener Zeit ihn nicht ohnmächtigleidenschaftlich in ein Extrem verzerren konnten. Weder geknickt und dann mühsam zum Fortleben aufgerichtet, noch jäh zerbrochen wurde seinLeben in jenen Stürmen; der edle Stamm blieb festgewurzelt und stand endlich wieder in elastischer Freiheit da.

Von der rein menschlichen Idealität, deren Eindruck das unbewußte Gemüth nicht weniger wie das psychologisch scharfe Auge aus seiner Persönlichkeit empfingen, hatte die Revolution, als solche und als deutsche Revolution, eine letzte Beschränktheit entfernt, die ihm als Nachwirkung seiner früheren Lebenssphäre geblieben war. Will man es nicht zu sehr pressen, so möchte ich sagen: der schweizerische Zug in seinem Charakter verschwand, sofern er etwas beschränkendes, ihm nicht nothwendig eigenthümliches war. In dieser vielbewegten Zeit seines oft wechselnden Aufenthalts traten ihm persönlich eine Fülle neuer Charaktere mit größerem Phantasiereichthum und anders belebter Leidenschaft entgegen, als sie dem strengeren, einfacheren und mehr verschlossnen schweizerischen Typus gewöhnlich sind; ein anregender Verkehr mit originellen künstlerischen und speculativen Naturen, und überhaupt die weitere und reichere deutsche Atmosphäre mußte den leisen befreienden Einfluß üben, der vielleicht noch zur Erfüllung der Harmonie nothwendig war. Noch kurz vor dem Ausbruche hatte Fröbel, wenn ich mich recht erinnre, den Gedanken: sich um das Amt eines eidgenössischen Staatsschreibers (Unterstaatssecretair im Auswärtigen) zu bewerben. Jetzt mußte  aber natürlich die Theilnahme für die friedlich langsame, fast allzu ruhige Reform der schweizerischen Vorortsaristocratie in ein einigeres, centralisirteres Bundesregiment, so gut wie ganz verdrängt werden von den gewaltigen Erschütterungen des Nationalitätenkampfs in Mitteleuropa, wo seinem politischen Blick die ersten ungeahnten Umrisse eines neuen großartigen Staatensystems sich enthüllten. Verstand, Gemüth, Phantasie, den ganzen Menschen, hob die Revolution über jene schweizerische Eigenthümlichkeit, die man, wenn auch selten, doch als eine Schranke empfinden konnte, empor.

Das letzte Denkmal seiner Thätigkeit, welches noch innerhalb derselben steht, ist das Trauerspiel: „Die Republikaner“, welches im Jahre 1847 geschrieben und Anfangs des folgenden in Leipzig aufgeführt wurde. Die edle Sprache, die republikanischen Principien und das neue Interesse: den entscheidenden Akt eines Drama’s ganz von einer regelmäßigen republikanischen Volksversammlung auf der Bühne ausgefüllt zu sehn, erwarben dem Stück einen ehrenden Beifall, den es außerdem recht eigentlich unmöglich zu machen schien. Frauen mit lauter Nebenrollen – keine geschlechtliche Liebe als die sehr einfache des Helden zu seiner Frau – keine Entwicklung der einzelnen Charaktere im Verlauf des Drama’s, sondern nur die Entwicklung der Bürger von Genf aus dem lockern Verhältniß zu Savoyen zur vollen Freiheit – Alles so einfach und der Held selbst so ganz klar und ruhig anspruchslos wie der Dichter: das war kein Drama für die große Bühne, sondern etwa für ein kleines Volksdilettantentheater in irgend einem schweizerischen Canton, dessen Bürger mit Wohlgefallen sich selbst und ihre tüchtige, aber bürgerlich beschränkte Welt idealisirt gesehn hätten. Die poetischen Principien dieses Drama’s, sein Inhalt und der ganze Charakter seines Helden, erscheint dem Auge nun wie ein noch immer ähnliches Bild seines Dichters; aber mit seinen abgeblaßten Farben und seinem engen Rahmen doch so fern von dem tieferen wärmeren Lebenscolorit und dem weiteren Rahmen des gegenwärtigen Bildes.

Von Dresden wurde Fröbel nach Mannheim an die Redaktion der deutschen Volkszeitung gerufen. Als dies Blatt, mit der Revolution entstanden, nach dem Hecker’schen Aufstande unterdrückt wurde, ging er nach Frankfurt. „Ein unthätiger Beobachter der Dinge, die da kommen werden – wie werde ich den Drang des Kopfes und Herzens befriedigen? Was soll ich, dem es nicht vergönnt ist, im Rathe des Volkes zu reden, was soll ich thun, wenn mich die Freude oder wenn mich vielleicht der Unwille übermannt? Wenn ein kritischer Gedanke mir keine Ruhe läßt, oder Betrübniß und Niedergeschlagenheit sich meiner Seele bemächtigen?“ – Er griff zur Feder und schrieb diesen Anfang des ersten „Reichstagsbriefs“, an Lamartine gerichtet, welchen er vor einigen Jahren, als er zwischen den Rebenhügeln von Macon (auf einer Reise nach Paris) eine Stunde mit ihm sich unterhielt, mit bestimmter Voraussicht seines geschichtlichen Instinkts als den Mann der nächsten großen Situation erkannt hatte. Der zweite Brief war an Gagern gerichtet, ein halb theoretisches, halb an die Person gewendetes Plaidoyer für eine Amnestie der badischen Republikaner. Er bemerkte schon in jenen ersten goldnen Tagen die erst später so schroff hervortretende despotischleidenschaftliche Seite in Gagerns Naturell, aber vergebens appellirte er an die andre Macht des Edelsinns und des gesunden Freiheitsgefühls. Eine ähnliche Petition, die er für einen frankurter demokratischen Verein entwarf, brachte ihn in nähere Bekanntschaft mit diesem Lebenskreise, und Fröbels anspruchslose, ganz nur von der Sache erfüllte Natur trat in helles Licht gerade neben den komischen Bestrebungen eines Agitators aus dem Schweife der Demokratie, welcher seinen eignen gemeinen Maßstab anlegend, unter der Hand den Mitgliedern zu verstehen gab, Fröbel sei als eine Autorität, eine ungeheure Respektsperson zu behandeln, der man aufs Wort folgen und glauben müsse. Nicht weniger komisch war die Art, wie einige Herren des badischen Constitutionalismus ihren früheren guten Bekannten öffentlich vermieden, um nicht als Mitschuldige der gefährlichen Wühlereien zu erscheinen, mit denen sie ihn jetzt beschäftigt glaubten. Der Eindruck von Fröbels Persönlichkeit auf die Geister, welche den seinen nicht begreifen, war diesmal wie in andren Fällen die einzige Ursache der Vermuthung; das Bedeutende, was sie fühlten, wurde von ihnen immer in eine andre als die geistige Sphäre übertragen, und so galt er oft als der gefährlichste Verschwörer im Stillen, während er vielleicht gerade dann einzig mit der Lösung irgend eines theoretischen Problems beschäftigt war. An ihn ist die Intrigue zuweilen in interessanter Weise gekommen, von ihm ist sie nie weder ausgegangen noch fortgeführt; sein Geist ist gewandt genug, um ihr auf gewissen Wegen beobachtend zu folgen, aber sein Charakter ist unfähig zu ihren Windungen und kleinlichen Mitteln. Seine Waffen gegen sie sind nur die erworbnen der Erfahrung und Menschenkenntniß; wie leicht aber seine harmlose Natur zu hintergehen war, hat der große literarische Gauner Fr. Rohmer seiner Zeit in Zürich wohl calculirt.

Der „erste Congreß der deutschen demokratischen Republikaner“ war zum 14. Juni nach Frankfurt ausgeschrieben, und der dortige vaterländische Verein, dem die Vorbereitungen oblagen, hatte Fröbel zu einem seiner Deputirten ernannt. Dem Volke wurde er erst auf einer in Hochheim abgehaltnen Versammlung bekannt, zu der er nur von einem Bekannten fast gepreßt war, weil Mangel an Rednern sei. Der erste Eindruck seines Auftretens in einer Vorversammlung des Congresses war so mächtig, daß fast alle Stimmen sich auf ihn bei der Wahl des ersten Präsidenten vereinigten. Wer ihn dann in den folgenden Tagen vor einer von stürmischen Kämpfen bewegten Versammlung dies Amt ausüben sah, mußte nicht nur aus der überlegnenen Gewandtheit im Allgemeinen, sondern noch mehr aus der, weit schwerer zu erwerbenden technischen Vollendung (zu der Gagern es nie gebracht hat) auf einen Meister vielfacher Praxis schließen, und doch war es erst das zweitemal, daß Fröbel überhaupt öffentlich redete. Theoretisch hatte er sich eine echt demokratische Präsidialtechnik ausgebildet, bei der es nie, wie im hergebrachten parlamentarischen Schlendrian, dazu kommen konnte, daß nach langen Debatten endlich nichts beschlossen wäre. Sie bewährte sich so glänzend, daß einige Centrumsmänner aus der Nationalversammlung, von malitiöser Neugier auf die Gallerie des „deutschen Hofes“ getrieben, nachher seufzend von der „wahrhaft spartanischen Kürze und Energie“ der Verhandlungen sprachen.

Sehr wenige Mitglieder der Linken betheiligten sich daran; die Fahne der demokratischen Republik war noch nicht im Parlamente aufgepflanzt, und unter dieser erschien der ganze Congreß. Die besten Kräfte der populären Revolution, besonders aus dem südlichen und mittleren Deutschland, waren in ihm vereinigt. Dem oberflächlichen Witze bot sich der leichte Spott dar: der Congreß hätte über die wichtige Frage debattirt, ob die demokratischsoziale Republik die einzig haltbare oder die einzig mögliche Verfassungsform für Deutschland sei. Jedenfalls ist das Parlament auch nicht weiter als bis zu einer Verfassungsform gekommen. Aber die beiden genannten Worte waren die Losung eines halb offenen halb versteckten Kampfes zwischen zwei Parteien, der mit allem Aufwande von Kraft, List und Beredsamkeit geführt, den Congreß fast zu zerreißen drohte. Einzig „haltbar“ wollte die besonnene, gemäßigte Partei die Republik nennen, weil die geschichtliche Entwicklung und alle Möglichkeiten von Uebergangsformen des Staatslebens klar vor ihrem bebilderteren Auge lagen; „einzig möglich“ wollten die Revolutionaire sagen, um die ganze Partei sofort in die Conspiration und Insurrektion um jeden Preis herüberzuziehn und sich, als den Siegern in der Debatte, auch die praktische Leitung durch die Wahl in das Centralcomité zu sichern. Nicht Bassermann’sche Gestalten, aber wohl ergreifendere Persönlichkeiten und Physiognomien des ausgeprägtesten Terrorismus, Robespierr’sche Töne und Conventsleidenschaften traten in diesem Kampfe von der letzteren Seite auf. Mitten in und über dem Gewirr dieser Gestalten und Stimmen war der Präsident in Mienen und Haltung die geistig und ethisch über Alle hervorragende Erscheinung, und wie im Parlamente Gagerns Stimme die mächtigste Wirkung von allen andren ausübte, so tönte Fröbels weit feinere und schlankere Stimme, mit keiner anderen zu vergleichen, doch überall vernehmlich und beherrschend; fast wie die beseelte menschliche Stimme über allen Instrumenten eines mächtigen Orchesters sich behauptet. Die Republik hatte, gegenüber jenem bewunderten Organe der constitutionellen Monarchie, hier ihren ebenbürtigen Repräsentanten gewonnen. Wenn Hecker mit seinen leidenschaftlich schroffen Formen durchaus den einseitigen und diktatorischen Republikanismus der ersten französischen Revolution, und Struve in jeder Beziehung den abstrakten Radikalismus derselben darstellte, so trat in Fröbels Persönlichkeit die ganze Milde des socialen humanen Elements und die vergeistigende Klarheit der großen theoretischen Arbeiten hervor, welche den Charakter des neuen Ideals im Gegensatz zu den einseitigen überwundnen Idealen bestimmen. – Sein eignes Wesen im Privatverkehr, so unendlich fern es von demagogischer Cordialität war, machte eine demüthige und schmeichelnde Bewunderung in’s Angesicht, wie sie für andre Kreise paßt, fast unmöglich; aber der Enthusiasmus, den er unter den Gleichgesinnten und Gleichgestimmten erweckte, wurzelte doch in einer innigen Verehrung, obwohl sie in den demokratischen Umgangsformen kaum laut und äußerlich erschien.

In das Centralcomité der Vereine gewählt, ging Fröbel zunächst nach Berlin. Die Reaktionspartei, welche damals noch im potsdamer Fieber von einer Conterrevolution mit dem Prinzen von Preußen an der Spitze träumte und projektirte, scheiterte in ihrem Versuch, unter der Vorspiegelung gewisser gemeinsamer Interessen den Chef der populären Demokratie für ihre Zwecke zu benutzen. Von Berlin ging Fröbel nach Wien, und der Aufenthalt in dieser Weltstadt, wo die mitteleuropäischen Nationalitäten sich berühren, reifte in ihm jene Anschauung eines neuen Staatensystems, welche später so wunderbar eine Katastrophe seines Lebens entschied. Von Wien zurückgekehrt, forderten ihn die Demokraten der reussischen Ländchen, denen er nur durch den Ruf bekannt war, zu einer Bewerbung bei der neuen Wahl eines Parlamentsmitgliedes auf, und so trat er, gegen sein Erwarten, in jene Nationalversammlung, neben der er einst den demokratischen Volkscongreß geleitet hatte. Die Mitglieder der Partei wählten ihn dann zu jener Deputation mit Robert Blum nach Wien, wo er zum erstenmal in den Strudel einer Revolution gerissen wurde und für die Freiheit in Waffen stand.

Das klare Bewußtsein des freien Menschen kann keine Freude daran haben, wenn große Entscheidungen ganz allein durch den Zufall herbeigeführt werden. Fröbel war glücklicher, indem wesentlich sein Charakter sich selbst das rettende Schicksal schuf. Wien als Centralpunkt gefordert zu haben, das würde schwerlich ein Milderungsgrund für das Urtheil gegen einen fanatischen Republikaner gewesen sein; aber ohne irgend einen andren Antrieb als den seiner Natur, hatte er in jener Broschüre mit dem ihm eignen weitschauenden und besonnenen Blick alle Uebergangsformen berücksichtigt, in denen das neue Staatensystem, retardirt durch die rohnatürlichen Elemente seiner Bevölkerung, sich allmählig bis zur republikanischen Föderation entwickeln könnte. Gegen die „monarchische Demokratie“ hatte er wenig zu erinnern gefunden, wenn nur die rechtliche Stellung des erblichen Fürsten vernünftig geordnet, nämlich rein auf die Executive beschränkt sei. Wenn seine Richter das auch schwerlich ganz verstanden, so hatten die einflußreichen Personen doch den richtigen Eindruck empfangen, daß sie es hier mit einem Charakter zu thun hätten, der nicht rein in die Agitation und das Revolutioniren aufgehe. So ward er freigesprochen und konnte mit Recht sich selbst als den Schöpfer seines Schicksals betrachten.

In Frankfurt trat er dann mit seinem Berichte über Wien zum erstenmal auf die Tribüne des Parlaments. Eine peinliche Spannung herrschte im größeren Theile der Versammlung; denn was ließ sich nach gewöhnlicher Ansicht anders erwarten, als daß der in seinem Recht wie in allen tiefsten Gefühlen Gekränkte und Erschütterte, mit dem Mordgerichte und der brennenden Stadt in frischer Erinnerung, volle Schalen des Zorns ausgießen und leidenschaftliche Anklagen gegen die „Verräther“ schleudern würde! Was war vollends bei einem Republikaner denkbar? – Nun erschien er in so vollendeter Ruhe und Einfachheit der Darstellung, daß nur die Sache selbst zu reden schien; und dennoch war es nicht die geschäftsmäßige Gleichgültigkeit eines Aktenreferates, sondern das geschichtliche Bild zeigte sich wie auf dem künstlerisch ferngehaltnen Hintergrunde eines von all den eignen Erlebnissen tief bewegten Charakters. Die Centren konnten sich dem Eindrucke des Aristokratischen in dieser Persönlichkeit nicht entziehn, aber es war ihnen neu in dieser demokratischen Färbung, wo statt der vornehmen Würde die anspruchslose, statt der herablassenden und noch etwas zurückhaltende Humanität, die einfach in sich selbst ruhende und frei natürlich sich bewegende, ihnen entgegentrat. Was damals weder Gagern noch irgend ein Andrer bei wichtigen Veranlassungen mehr erreichen konnte, wurde dem Mitgliede der äußersten Linken zu Theil: ein allgemeiner lebhafter Beifall am Schlusse des ganzen Vortrags.

Weiterhin hat Fröbel selten gesprochen. Gegen das Kaiserthum haben Manche beredter und glänzender opponirt; aber daß es ein Windmühlenkampf war, und ihre eifrigen Forderungen einer republikanischen Form damals, wo es sich um eine sofortige Einführung handelte, Luftschlösserpläne waren: dies nimmt ihren Reden das lebendige Interesse. Viel besonnener und schärfer faßte der Idealist die Gegenwart ins Auge, als er seine Abstimmung rein theoretisch motivirte und den einzigen Zweck, den sie haben konnte und sollte, genau bezeichnete: „Ich vermuthe, Sie, die Anhänger des Kaiserthums, werden bei der Abstimmung die Majorität haben. Ich kann mich damit zufrieden stellen, ich bin nicht betrübt über die Aussicht auf diesen Erfolg. Aber glauben Sie mir und denen, die mit mir gleichgesinnt sind, daß wir in diesem großen Wendepunkte der Geschichte unsres Vaterlandes uns als die Fahnenträger der Zukunft betrachten; erlauben Sie, daß wir uns die Verpflichtung auferlegen, die Ideen und Ideale, in welchen das Volk angefangen hat, seine Zukunft zu erblicken, und den Glauben an ihre ungeschmälerte Geltung bei ihren Bekennern in dieser Versammlung rein zu erhalten und in die Zukunft zu retten, in welcher wir Zustände zu schaffen hoffen, die nach unsrer Ueberzeugung das Wohl des Vaterlandes bedingen. Die conservative Partei hat es Jahrzehnde hindurch zu ihrem Wahlspruch gemacht: „nach uns erst kommt die Sündfluth;“ erlauben Sie mir, daß ich ihn nach meiner Art für mich umstelle, indem ich Ihnen sage: „und nach der Sündfluth kommen wir!“

Die Ebbe, auf welche diese Fluth wieder folgen wird, warf noch eine letzte Welle an den Strand zurück,  die badische Revolution. Fröbel hielt es für seine Pflicht, ihr seine Dienste anzubieten, und Brentano sandte ihn mit unbedingter Vollmacht als Gesandten des badischen Volkes in die Pfalz. Fröbel begriff, daß das traurige Chaos dieser Insurrektion nur durch eine gänzliche Vereinigung mit den vergleichsweise doch besser organisirten badischen Kräften vielleicht geordnet werden könne; er verschaffte in der Pfalz seiner Ansicht Geltung und kehrte mit der fertigen, von der dortigen provisorischen Regierung schon unterzeichneten Unionsakte nach Baden zurück. Brentano’s Advokatenverstand erschrak über einen so energischen Schritt, er sprach von Inventar, Vermögensauseinandersetzung und dergleichen Friedensangelegenheiten und desavouirte seinen Gesandten. Die verlassene Pfalz fiel, und wenig Wochen später war Fröbel mit den Trümmern der badischen Insurrektion in der Schweiz.

Die alte Heimath konnte ihn nicht mehr fesseln, eine Wirksamkeit in ihr ihm nicht mehr genügen. Paris unter der Herrschaft der Ordnungsmänner, das er flüchtig wiedersah, ekelte ihn an. Auf deutschem Boden war er nicht mehr sicher,  er ging nach Amerika.

Er ging nicht wie Einer, der in einem Schiffbruch die Gefährten ihrem Schicksale überläßt und nur noch an seine eigne Rettung denkt. Er ging nur, weil er die Zeit, die ihm in Deutschland fruchtlos für ihn selbst wie für die Sache verloren gegangen sein würde, für beide fruchtbar zu machen suchte. Auch kehrte er nicht mit Haß gegen unsre Civilisation der alten Welt den Rücken, um im friedlichen Kreise eines Bauern zu leben und Waldland zu klären. Er wußte es zu sehr, daß unsre großen und edlen Gedanken doch ein Erzeugniß eben dieser Bildung sind, so sehr sie gegenwärtig unsren Zwecken und Idealen feindlich gestaltet ist; und daß ein widerwilliges Abwenden von dieser Bildung soviel ist, als der eigentlichen Arbeit aus dem Wege gehn. Die Hoffnung des Scheidenden war, mit neuen Anschauungen, Gedanken und Kräften des Charakters bereichert, mit neuen Waffen des Geistes ausgerüstet, einst wenn die Zeit kommen würde, zum Kampfe auf dieser Seite des Meeres zurückzukehren.


Bildquelle: Julius Fröbel 1848. Kreidelithographie von Valentin Schertle

Erinnerungen an Julius Fröbel

Von den bedeutendsten Charakteren unsrer Revolution ist vielleicht keiner so rasch aus dem gelehrten Halbdunkel mitten in die helle Popularität getreten und so geräuschlos, fast ohne absichtliches Zuthun, zum idealen Repräsentanten einer Partei geworden wie Julius Fröbel. Von den zahllosen Lesern der Schriften, welche aus dem schweizerischen Hauptquartier der deutschen Opposition in das heißhungrige Deutschland herüber geschmuggelt wurden, kannte nicht der tausendste Theil den Namen dessen, der das „Literarische Comptoir“ leitete. Fröbel hatte Deutschland verlassen, als er selbst sich noch nicht einmal mit Politik beschäftigte; sein Antheil an ihr in Zürich war nicht so bedeutend, um außerhalb der Schweiz die Blicke auf ihn zu ziehn; und als endlich die Revolution ausbrach, lebte er seit kaum einem Jahre, als stiller wissenschaftlicher Einsiedler, auf deutschem Boden, wo auch die Veröffentlichung seines Systems eben kein Aufsehen erregt hatte. Als das zündende Wort: französische Republik! über den Rhein blitzte, mußte er die seit längerer Frist über andren Studien vernachlässigten Zeitungen erst nachlesen, um das Geschehene zu begreifen,  und wenig Monate darauf stand er, ohne auch nur den Blick nach einer solchen Stellung gerichtet, geschweige denn dafür agitirt zu haben, an der Spitze sämmtlicher demokratischen Vereine Deutschlands.

Er erlebte es hierbei nicht zum erstenmal, daß das Schicksal ihn plötzlich auf eine Bahn brachte, für die ihn kein absichtlich dahingerichtetes Streben und kein langgehegter Wunsch, sondern die ruhige Entwicklung seines geistigen Lebens und seines ganzen Charakters vorbereitet hatte. Auch zur Politik überhaupt war er auf eine ähnliche Weise gekommen. Erziehung und zufällige Lebensverhältnisse hatten ihn – gegen seine eigentliche Natur – ganz vom öffentlichen Leben abgelenkt. Als er im Jahr 1833 aus seiner deutschen Heimath in die Schweiz kam, fand er im stillen Betrieb der Erdkunde und der Naturwissenschaften seine volle Befriedigung, und die politischen Stürme der Schweiz, von denen er gleich Anfangs so gut wie Andere hätte bewegt werden können, gingen wie die Handlungen eines Drama’s auf der Bühne an ihm vorüber. Zufällige Umstände und seine eigne Geistesstimmung brachten ihn in Zürich vorherrschend mit Personen zusammen, die ein ähnliches außer den politischen Bewegungen stehendes Leben führten. Wenn nach Verlauf der ersten Jahre dann und wann ein augenblickliches Interesse für ein einzelnes Ereigniß in ihm erregt ward mußte dasselbe in einem allezeit sich selbst bescheidenden Charakter bald wieder von dem Gedanken beschwichtigt werden: daß er ein Fremder im Lande sei, dem es nicht zustehe, sich in dessen öffentliche Verhältnisse einzumischen. Indessen verstärkte sich doch allmählich mit der unwillkürlich gewonnenen Einsicht in die Verhältnisse, dieses Interesse. Das Jahr 1838 war der Anfang zu einer entschiedenen Veränderung seiner Lebensrichtung. Er erhielt in diesem Jahre das Bürgerrecht des Cantons Zürich und mußte sich bald sagen, daß er sich erst jetzt als ein Mann erschien. Wahre Freude gewährte es ihm nun, zunächst in seiner Gemeinde an Gesellschaften und Vereinen theilzunehmen, in die er vorher nicht zu gehören glaubte, und noch lieber unterzog er sich den Pflichten, die ihm eine Wahl in die Secundarschulpflege von Neumünster auferlegte. In diesen kleinen Verhältnissen, in den engsten Kreisen des politischen Lebens in einem Freistaate, erhielt er das erste thätige Interesse für eine Seite des Lebens, die ihm bis dahin fast ganz verschlossen gewesen war. Ein neuer Sinn ging ihm auf, und das Neue fing an, auf Kosten dessen, was früher der Inhalt seiner geistigen Thätigkeit gewesen, größeren Raum in Anspruch zu nehmen.

Es war eine verhängnisvolle Zeit, in der Fröbel diese Elementarschule der Politik durchmachte,  der Sommer 1839 mit den Verhältnissen, welche die reaktionaire Revolution des 6. Septembers hervorriefen. Er war bis dahin fast nur mit Personen umgegangen, welche entweder überhaupt politisch indifferent waren, oder nachher auf Seiten der Septemberpartei gesehen wurden; mit den Radikalen hatte er in gar keinen persönlichen Berührungen gestanden. Aber am 6. September des Abends war er nicht nur in seinen politischen Principien, sondern auch in seinen Sympathien ein Radikaler! Der Umsturz jenes Tages erschien ihm noch Jahre nachher als die stärkste geistige Einwirkung, die er in seinem Leben empfangen. Von da an hatte er am Betrieb der Naturwissenschaften keine Freude mehr. Freiwillig legte er seine Professur der Mineralogogie an der Universität nieder. Dann schien die Geographie und Ethnographie ihm doch wieder noch ein Band der Natur mit dem Menschenleben zu bilden, und in diesen Studien hoffte er Beruhigung zu finden, aber vergeblich. Er sehnte sich nach dem praktischen Leben, nach einer Lage, die ihm gestattete, auf die öffentlichen Zustände zu wirken, und diese glaubte er sich zu schaffen, als er die literarische Leitung des „Comptoirs“ übernahm. Die deutschen Regierungen empfanden bald bitter den neuen Geist. Welche Opfer Fröbel und seine Familie diesem Unternehmen brachten, darf die Freundschaft um so eher sagen, je seltner ein Wort davon über seine eignen Lippen gekommen ist. – Außer den langsam gereiften Studien der folgenden Jahre wirkte er auch als Publicist für seine Partei und scheute das Gefängniß nicht.

Im Sommer 1847, wo er nach Dresden übersiedelte, erschien zum erstenmal unter seinem Namen das „System der socialen Politik.“ Dem oberflächlichen Urtheile, welches nur auf eine gewisse Summe der Resultate für die Neugestaltung des Lebens sieht, ist die Bedeutung dieses Werkes freilich, ganz verschlossen; es erblickt darin nur eine Art der socialen Demokratie neben manchen andren gleichbedeutenden Gestalten. Aber der Unterschied zwischen diesem Werke und den früheren Systemen verzweigt sich bis in die allerletzten Wurzeln, und so ist auch, wenn wir von der ethischpolitischen Wirkung auf die Menschen reden wollen, Fröbels Theorie eine ernste nachhaltige Schule der praktischen Sittlichkeit, ein Agens zur Totalreform des ganzen Menschen, ihre Frucht für das Individuum eine innre Freiheit, die sich zwischen den Polen des energischen Enthusiasmus und der still arbeitenden Resignation bewegt. Die meisten französischen Systeme dagegen haben dem Publikum und ihren Schülern nur den Brandstoff einer ganz nach außen geworfnen, permanent gewaltsamen Revolution in die Adern geträufelt, einen lediglich auf das Allgemeine, auf politische Institutionen und materielle Zustände der Gesellschaft gerichteten Enthusiasmus in der Masse hervorgerufen. Denn der frühere Socialismus und Communismus, ganz dem französischen Charakter gemäß, und darin mit den alten Politikern noch verwandt, ging vom allgemeinen Begriffe des Staates aus und ordnete dies Allgemeine nach den abstrakten Dereten der Feieheit und Gleichheit. Eben so gehen die monarchischen Politiker von dem Begriffe des Staates aus und construiren dann nach einem willkürlichen Gemisch religiöser, historisch hergebrachter, und von der jedesmaligen Rechtsphilosophie begründeter Forderungen. Das Gesellschaftsbild des französischen Theoretikers ist gewöhnlich das Resultat vom erobernden Aufstreben der Untern zu den Höhen der Reichen, und dem Herabstürzen der letzteren von ihren Sitzen; der Individualität ist nur in Bezug auf die zu verwerthenden Talente und Arbeitsfähigkeiten Rechnung getragen. Fröbel, der deutsche Theoretiker, hat zuerst das gesammte politischsociale System auf eine neue Bearbeitung der Ethik gegründet, und während die Franzosen aus der abstrakt allgemein decretirten Freiheit und Gleichheit ableiten, hat er Alles aus den sittlichen Forderungen des Individuums mit Nothwendigkeit erwiesen. Ihm ist die „Gesellschaft“ nicht das Schema, in welchem die Einzelnen wohl oder übel untergebracht werden, sondern sie ist ihm das werdende Resultat, welches aus der freien und sittlich nothwendigen Verbindung der Individuen zum Gesammtwirken von den kleinsten Kreisen bis in den allumfassenden, erst entsteht. Damit ist der französische Erbfehler des Mechanismus, den unsre Büreaukraten copiren, principiell vernichtet; aber auch das vage romantische Gerede vom bloß „Organischen“ findet seine Kritik. Die Staatsgesellschaft erscheint als das höhere Ganze, welches am Mechanismus Theil hat, insofern dieser nur das System der technischen Mittel zur Freiheit ist, und welches einem Organismus darin gleicht, daß die Einzelnen und jeder Lebenskreis in engster Wechselwirkung zu einem Ganzen verbunden sind.

Die ernste ethische Begründung dieses Systems, und die Lebensfülle, welche dieses Ideal darstellt, mögen jene oben bezeichnete, zwischen Enthusiasmus und Resignation schwebende Freiheit erklären, zu der es heranbildet, und welche sich im persönlichen Charakter seines Schöpfers so ganz offenbart. Diese Freiheit ist auch das Geheimniß des Respekts, mit welchem das Buch aufgenommen wurde, eben wie der Achtung, die Fröbel so allgemein sich rasch erwarb, und des Zaubers den seine Persönlichkeit selbst auf seine Feinde ausübte. Der Enthusiasmus ist weder neu noch selten, seltner schon mit  der wissenschaftlichen Klarheit verbunden; erst durch die letztere werden Charaktere möglich, in denen außer diesen beiden Eigenschaften eine neue Resignation, ruhig und doch bewegt erscheint. Gegenüber dem sentimentalen und unwiderruflichen Resigniren, das in Deutschland so weit verbreitet in brütenden Klagen vegetirt, ist dieses neuen Charakters eigenthümlicher Reiz die geistvoll lebendige Theorie und ein Etwas, das wie Morgenschimmer am dunklen Wolkensaum schon einen allverwandelnden belebenden Tag ahnen läßt. In der vorrevolutionairen Zeit mußte, zumal in einem weit mehr der Wissenschaft als der Tagespolitik gewidmeten Leben, die Resignation ein leises Uebergewicht erlangen. „Die Erfolge unsrer theoretischen Entwicklung,“ schrieb Fröbel in der Vorrede zum System, „liegen noch in weiter Ferne, und der politische Schriftsteller hat nur die Wahl, entweder die principielle Perspektive auf die Zukunft, oder die politische Arena der Gegenwart aufzugeben. Ich habe das letztere vorgezogen.“ – Die Revolution kam und führte ihn in die Arena. Aber jene Freiheit war im Mittelpunkte seines Lebens schon so fest gewurzelt, und die Harmonie zwischen jenen beiden Gegensätzen war schon so ganz in seinem Charakter ausgeprägt, daß auch die erschütterndsten Schwankungen jener Zeit ihn nicht ohnmächtigleidenschaftlich in ein Extrem verzerren konnten. Weder geknickt und dann mühsam zum Fortleben aufgerichtet, noch jäh zerbrochen wurde seinLeben in jenen Stürmen; der edle Stamm blieb festgewurzelt und stand endlich wieder in elastischer Freiheit da.

Von der rein menschlichen Idealität, deren Eindruck das unbewußte Gemüth nicht weniger wie das psychologisch scharfe Auge aus seiner Persönlichkeit empfingen, hatte die Revolution, als solche und als deutsche Revolution, eine letzte Beschränktheit entfernt, die ihm als Nachwirkung seiner früheren Lebenssphäre geblieben war. Will man es nicht zu sehr pressen, so möchte ich sagen: der schweizerische Zug in seinem Charakter verschwand, sofern er etwas beschränkendes, ihm nicht nothwendig eigenthümliches war. In dieser vielbewegten Zeit seines oft wechselnden Aufenthalts traten ihm persönlich eine Fülle neuer Charaktere mit größerem Phantasiereichthum und anders belebter Leidenschaft entgegen, als sie dem strengeren, einfacheren und mehr verschlossnen schweizerischen Typus gewöhnlich sind; ein anregender Verkehr mit originellen künstlerischen und speculativen Naturen, und überhaupt die weitere und reichere deutsche Atmosphäre mußte den leisen befreienden Einfluß üben, der vielleicht noch zur Erfüllung der Harmonie nothwendig war. Noch kurz vor dem Ausbruche hatte Fröbel, wenn ich mich recht erinnre, den Gedanken: sich um das Amt eines eidgenössischen Staatsschreibers (Unterstaatssecretair im Auswärtigen) zu bewerben. Jetzt mußte  aber natürlich die Theilnahme für die friedlich langsame, fast allzu ruhige Reform der schweizerischen Vorortsaristocratie in ein einigeres, centralisirteres Bundesregiment, so gut wie ganz verdrängt werden von den gewaltigen Erschütterungen des Nationalitätenkampfs in Mitteleuropa, wo seinem politischen Blick die ersten ungeahnten Umrisse eines neuen großartigen Staatensystems sich enthüllten. Verstand, Gemüth, Phantasie, den ganzen Menschen, hob die Revolution über jene schweizerische Eigenthümlichkeit, die man, wenn auch selten, doch als eine Schranke empfinden konnte, empor.

Das letzte Denkmal seiner Thätigkeit, welches noch innerhalb derselben steht, ist das Trauerspiel: „Die Republikaner“, welches im Jahre 1847 geschrieben und Anfangs des folgenden in Leipzig aufgeführt wurde. Die edle Sprache, die republikanischen Principien und das neue Interesse: den entscheidenden Akt eines Drama’s ganz von einer regelmäßigen republikanischen Volksversammlung auf der Bühne ausgefüllt zu sehn, erwarben dem Stück einen ehrenden Beifall, den es außerdem recht eigentlich unmöglich zu machen schien. Frauen mit lauter Nebenrollen – keine geschlechtliche Liebe als die sehr einfache des Helden zu seiner Frau – keine Entwicklung der einzelnen Charaktere im Verlauf des Drama’s, sondern nur die Entwicklung der Bürger von Genf aus dem lockern Verhältniß zu Savoyen zur vollen Freiheit – Alles so einfach und der Held selbst so ganz klar und ruhig anspruchslos wie der Dichter: das war kein Drama für die große Bühne, sondern etwa für ein kleines Volksdilettantentheater in irgend einem schweizerischen Canton, dessen Bürger mit Wohlgefallen sich selbst und ihre tüchtige, aber bürgerlich beschränkte Welt idealisirt gesehn hätten. Die poetischen Principien dieses Drama’s, sein Inhalt und der ganze Charakter seines Helden, erscheint dem Auge nun wie ein noch immer ähnliches Bild seines Dichters; aber mit seinen abgeblaßten Farben und seinem engen Rahmen doch so fern von dem tieferen wärmeren Lebenscolorit und dem weiteren Rahmen des gegenwärtigen Bildes.

Von Dresden wurde Fröbel nach Mannheim an die Redaktion der deutschen Volkszeitung gerufen. Als dies Blatt, mit der Revolution entstanden, nach dem Hecker’schen Aufstande unterdrückt wurde, ging er nach Frankfurt. „Ein unthätiger Beobachter der Dinge, die da kommen werden – wie werde ich den Drang des Kopfes und Herzens befriedigen? Was soll ich, dem es nicht vergönnt ist, im Rathe des Volkes zu reden, was soll ich thun, wenn mich die Freude oder wenn mich vielleicht der Unwille übermannt? Wenn ein kritischer Gedanke mir keine Ruhe läßt, oder Betrübniß und Niedergeschlagenheit sich meiner Seele bemächtigen?“ – Er griff zur Feder und schrieb diesen Anfang des ersten „Reichstagsbriefs“, an Lamartine gerichtet, welchen er vor einigen Jahren, als er zwischen den Rebenhügeln von Macon (auf einer Reise nach Paris) eine Stunde mit ihm sich unterhielt, mit bestimmter Voraussicht seines geschichtlichen Instinkts als den Mann der nächsten großen Situation erkannt hatte. Der zweite Brief war an Gagern gerichtet, ein halb theoretisches, halb an die Person gewendetes Plaidoyer für eine Amnestie der badischen Republikaner. Er bemerkte schon in jenen ersten goldnen Tagen die erst später so schroff hervortretende despotischleidenschaftliche Seite in Gagerns Naturell, aber vergebens appellirte er an die andre Macht des Edelsinns und des gesunden Freiheitsgefühls. Eine ähnliche Petition, die er für einen frankurter demokratischen Verein entwarf, brachte ihn in nähere Bekanntschaft mit diesem Lebenskreise, und Fröbels anspruchslose, ganz nur von der Sache erfüllte Natur trat in helles Licht gerade neben den komischen Bestrebungen eines Agitators aus dem Schweife der Demokratie, welcher seinen eignen gemeinen Maßstab anlegend, unter der Hand den Mitgliedern zu verstehen gab, Fröbel sei als eine Autorität, eine ungeheure Respektsperson zu behandeln, der man aufs Wort folgen und glauben müsse. Nicht weniger komisch war die Art, wie einige Herren des badischen Constitutionalismus ihren früheren guten Bekannten öffentlich vermieden, um nicht als Mitschuldige der gefährlichen Wühlereien zu erscheinen, mit denen sie ihn jetzt beschäftigt glaubten. Der Eindruck von Fröbels Persönlichkeit auf die Geister, welche den seinen nicht begreifen, war diesmal wie in andren Fällen die einzige Ursache der Vermuthung; das Bedeutende, was sie fühlten, wurde von ihnen immer in eine andre als die geistige Sphäre übertragen, und so galt er oft als der gefährlichste Verschwörer im Stillen, während er vielleicht gerade dann einzig mit der Lösung irgend eines theoretischen Problems beschäftigt war. An ihn ist die Intrigue zuweilen in interessanter Weise gekommen, von ihm ist sie nie weder ausgegangen noch fortgeführt; sein Geist ist gewandt genug, um ihr auf gewissen Wegen beobachtend zu folgen, aber sein Charakter ist unfähig zu ihren Windungen und kleinlichen Mitteln. Seine Waffen gegen sie sind nur die erworbnen der Erfahrung und Menschenkenntniß; wie leicht aber seine harmlose Natur zu hintergehen war, hat der große literarische Gauner Fr. Rohmer seiner Zeit in Zürich wohl calculirt.

Der „erste Congreß der deutschen demokratischen Republikaner“ war zum 14. Juni nach Frankfurt ausgeschrieben, und der dortige vaterländische Verein, dem die Vorbereitungen oblagen, hatte Fröbel zu einem seiner Deputirten ernannt. Dem Volke wurde er erst auf einer in Hochheim abgehaltnen Versammlung bekannt, zu der er nur von einem Bekannten fast gepreßt war, weil Mangel an Rednern sei. Der erste Eindruck seines Auftretens in einer Vorversammlung des Congresses war so mächtig, daß fast alle Stimmen sich auf ihn bei der Wahl des ersten Präsidenten vereinigten. Wer ihn dann in den folgenden Tagen vor einer von stürmischen Kämpfen bewegten Versammlung dies Amt ausüben sah, mußte nicht nur aus der überlegnenen Gewandtheit im Allgemeinen, sondern noch mehr aus der, weit schwerer zu erwerbenden technischen Vollendung (zu der Gagern es nie gebracht hat) auf einen Meister vielfacher Praxis schließen, und doch war es erst das zweitemal, daß Fröbel überhaupt öffentlich redete. Theoretisch hatte er sich eine echt demokratische Präsidialtechnik ausgebildet, bei der es nie, wie im hergebrachten parlamentarischen Schlendrian, dazu kommen konnte, daß nach langen Debatten endlich nichts beschlossen wäre. Sie bewährte sich so glänzend, daß einige Centrumsmänner aus der Nationalversammlung, von malitiöser Neugier auf die Gallerie des „deutschen Hofes“ getrieben, nachher seufzend von der „wahrhaft spartanischen Kürze und Energie“ der Verhandlungen sprachen.

Sehr wenige Mitglieder der Linken betheiligten sich daran; die Fahne der demokratischen Republik war noch nicht im Parlamente aufgepflanzt, und unter dieser erschien der ganze Congreß. Die besten Kräfte der populären Revolution, besonders aus dem südlichen und mittleren Deutschland, waren in ihm vereinigt. Dem oberflächlichen Witze bot sich der leichte Spott dar: der Congreß hätte über die wichtige Frage debattirt, ob die demokratischsoziale Republik die einzig haltbare oder die einzig mögliche Verfassungsform für Deutschland sei. Jedenfalls ist das Parlament auch nicht weiter als bis zu einer Verfassungsform gekommen. Aber die beiden genannten Worte waren die Losung eines halb offenen halb versteckten Kampfes zwischen zwei Parteien, der mit allem Aufwande von Kraft, List und Beredsamkeit geführt, den Congreß fast zu zerreißen drohte. Einzig „haltbar“ wollte die besonnene, gemäßigte Partei die Republik nennen, weil die geschichtliche Entwicklung und alle Möglichkeiten von Uebergangsformen des Staatslebens klar vor ihrem bebilderteren Auge lagen; „einzig möglich“ wollten die Revolutionaire sagen, um die ganze Partei sofort in die Conspiration und Insurrektion um jeden Preis herüberzuziehn und sich, als den Siegern in der Debatte, auch die praktische Leitung durch die Wahl in das Centralcomité zu sichern. Nicht Bassermann’sche Gestalten, aber wohl ergreifendere Persönlichkeiten und Physiognomien des ausgeprägtesten Terrorismus, Robespierr’sche Töne und Conventsleidenschaften traten in diesem Kampfe von der letzteren Seite auf. Mitten in und über dem Gewirr dieser Gestalten und Stimmen war der Präsident in Mienen und Haltung die geistig und ethisch über Alle hervorragende Erscheinung, und wie im Parlamente Gagerns Stimme die mächtigste Wirkung von allen andren ausübte, so tönte Fröbels weit feinere und schlankere Stimme, mit keiner anderen zu vergleichen, doch überall vernehmlich und beherrschend; fast wie die beseelte menschliche Stimme über allen Instrumenten eines mächtigen Orchesters sich behauptet. Die Republik hatte, gegenüber jenem bewunderten Organe der constitutionellen Monarchie, hier ihren ebenbürtigen Repräsentanten gewonnen. Wenn Hecker mit seinen leidenschaftlich schroffen Formen durchaus den einseitigen und diktatorischen Republikanismus der ersten französischen Revolution, und Struve in jeder Beziehung den abstrakten Radikalismus derselben darstellte, so trat in Fröbels Persönlichkeit die ganze Milde des socialen humanen Elements und die vergeistigende Klarheit der großen theoretischen Arbeiten hervor, welche den Charakter des neuen Ideals im Gegensatz zu den einseitigen überwundnen Idealen bestimmen. – Sein eignes Wesen im Privatverkehr, so unendlich fern es von demagogischer Cordialität war, machte eine demüthige und schmeichelnde Bewunderung in’s Angesicht, wie sie für andre Kreise paßt, fast unmöglich; aber der Enthusiasmus, den er unter den Gleichgesinnten und Gleichgestimmten erweckte, wurzelte doch in einer innigen Verehrung, obwohl sie in den demokratischen Umgangsformen kaum laut und äußerlich erschien.

In das Centralcomité der Vereine gewählt, ging Fröbel zunächst nach Berlin. Die Reaktionspartei, welche damals noch im potsdamer Fieber von einer Conterrevolution mit dem Prinzen von Preußen an der Spitze träumte und projektirte, scheiterte in ihrem Versuch, unter der Vorspiegelung gewisser gemeinsamer Interessen den Chef der populären Demokratie für ihre Zwecke zu benutzen. Von Berlin ging Fröbel nach Wien, und der Aufenthalt in dieser Weltstadt, wo die mitteleuropäischen Nationalitäten sich berühren, reifte in ihm jene Anschauung eines neuen Staatensystems, welche später so wunderbar eine Katastrophe seines Lebens entschied. Von Wien zurückgekehrt, forderten ihn die Demokraten der reussischen Ländchen, denen er nur durch den Ruf bekannt war, zu einer Bewerbung bei der neuen Wahl eines Parlamentsmitgliedes auf, und so trat er, gegen sein Erwarten, in jene Nationalversammlung, neben der er einst den demokratischen Volkscongreß geleitet hatte. Die Mitglieder der Partei wählten ihn dann zu jener Deputation mit Robert Blum nach Wien, wo er zum erstenmal in den Strudel einer Revolution gerissen wurde und für die Freiheit in Waffen stand.

Das klare Bewußtsein des freien Menschen kann keine Freude daran haben, wenn große Entscheidungen ganz allein durch den Zufall herbeigeführt werden. Fröbel war glücklicher, indem wesentlich sein Charakter sich selbst das rettende Schicksal schuf. Wien als Centralpunkt gefordert zu haben, das würde schwerlich ein Milderungsgrund für das Urtheil gegen einen fanatischen Republikaner gewesen sein; aber ohne irgend einen andren Antrieb als den seiner Natur, hatte er in jener Broschüre mit dem ihm eignen weitschauenden und besonnenen Blick alle Uebergangsformen berücksichtigt, in denen das neue Staatensystem, retardirt durch die rohnatürlichen Elemente seiner Bevölkerung, sich allmählig bis zur republikanischen Föderation entwickeln könnte. Gegen die „monarchische Demokratie“ hatte er wenig zu erinnern gefunden, wenn nur die rechtliche Stellung des erblichen Fürsten vernünftig geordnet, nämlich rein auf die Executive beschränkt sei. Wenn seine Richter das auch schwerlich ganz verstanden, so hatten die einflußreichen Personen doch den richtigen Eindruck empfangen, daß sie es hier mit einem Charakter zu thun hätten, der nicht rein in die Agitation und das Revolutioniren aufgehe. So ward er freigesprochen und konnte mit Recht sich selbst als den Schöpfer seines Schicksals betrachten.

In Frankfurt trat er dann mit seinem Berichte über Wien zum erstenmal auf die Tribüne des Parlaments. Eine peinliche Spannung herrschte im größeren Theile der Versammlung; denn was ließ sich nach gewöhnlicher Ansicht anders erwarten, als daß der in seinem Recht wie in allen tiefsten Gefühlen Gekränkte und Erschütterte, mit dem Mordgerichte und der brennenden Stadt in frischer Erinnerung, volle Schalen des Zorns ausgießen und leidenschaftliche Anklagen gegen die „Verräther“ schleudern würde! Was war vollends bei einem Republikaner denkbar? – Nun erschien er in so vollendeter Ruhe und Einfachheit der Darstellung, daß nur die Sache selbst zu reden schien; und dennoch war es nicht die geschäftsmäßige Gleichgültigkeit eines Aktenreferates, sondern das geschichtliche Bild zeigte sich wie auf dem künstlerisch ferngehaltnen Hintergrunde eines von all den eignen Erlebnissen tief bewegten Charakters. Die Centren konnten sich dem Eindrucke des Aristokratischen in dieser Persönlichkeit nicht entziehn, aber es war ihnen neu in dieser demokratischen Färbung, wo statt der vornehmen Würde die anspruchslose, statt der herablassenden und noch etwas zurückhaltende Humanität, die einfach in sich selbst ruhende und frei natürlich sich bewegende, ihnen entgegentrat. Was damals weder Gagern noch irgend ein Andrer bei wichtigen Veranlassungen mehr erreichen konnte, wurde dem Mitgliede der äußersten Linken zu Theil: ein allgemeiner lebhafter Beifall am Schlusse des ganzen Vortrags.

Weiterhin hat Fröbel selten gesprochen. Gegen das Kaiserthum haben Manche beredter und glänzender opponirt; aber daß es ein Windmühlenkampf war, und ihre eifrigen Forderungen einer republikanischen Form damals, wo es sich um eine sofortige Einführung handelte, Luftschlösserpläne waren: dies nimmt ihren Reden das lebendige Interesse. Viel besonnener und schärfer faßte der Idealist die Gegenwart ins Auge, als er seine Abstimmung rein theoretisch motivirte und den einzigen Zweck, den sie haben konnte und sollte, genau bezeichnete: „Ich vermuthe, Sie, die Anhänger des Kaiserthums, werden bei der Abstimmung die Majorität haben. Ich kann mich damit zufrieden stellen, ich bin nicht betrübt über die Aussicht auf diesen Erfolg. Aber glauben Sie mir und denen, die mit mir gleichgesinnt sind, daß wir in diesem großen Wendepunkte der Geschichte unsres Vaterlandes uns als die Fahnenträger der Zukunft betrachten; erlauben Sie, daß wir uns die Verpflichtung auferlegen, die Ideen und Ideale, in welchen das Volk angefangen hat, seine Zukunft zu erblicken, und den Glauben an ihre ungeschmälerte Geltung bei ihren Bekennern in dieser Versammlung rein zu erhalten und in die Zukunft zu retten, in welcher wir Zustände zu schaffen hoffen, die nach unsrer Ueberzeugung das Wohl des Vaterlandes bedingen. Die conservative Partei hat es Jahrzehnde hindurch zu ihrem Wahlspruch gemacht: „nach uns erst kommt die Sündfluth;“ erlauben Sie mir, daß ich ihn nach meiner Art für mich umstelle, indem ich Ihnen sage: „und nach der Sündfluth kommen wir!“

Die Ebbe, auf welche diese Fluth wieder folgen wird, warf noch eine letzte Welle an den Strand zurück,  die badische Revolution. Fröbel hielt es für seine Pflicht, ihr seine Dienste anzubieten, und Brentano sandte ihn mit unbedingter Vollmacht als Gesandten des badischen Volkes in die Pfalz. Fröbel begriff, daß das traurige Chaos dieser Insurrektion nur durch eine gänzliche Vereinigung mit den vergleichsweise doch besser organisirten badischen Kräften vielleicht geordnet werden könne; er verschaffte in der Pfalz seiner Ansicht Geltung und kehrte mit der fertigen, von der dortigen provisorischen Regierung schon unterzeichneten Unionsakte nach Baden zurück. Brentano’s Advokatenverstand erschrak über einen so energischen Schritt, er sprach von Inventar, Vermögensauseinandersetzung und dergleichen Friedensangelegenheiten und desavouirte seinen Gesandten. Die verlassene Pfalz fiel, und wenig Wochen später war Fröbel mit den Trümmern der badischen Insurrektion in der Schweiz.

Die alte Heimath konnte ihn nicht mehr fesseln, eine Wirksamkeit in ihr ihm nicht mehr genügen. Paris unter der Herrschaft der Ordnungsmänner, das er flüchtig wiedersah, ekelte ihn an. Auf deutschem Boden war er nicht mehr sicher,  er ging nach Amerika.

Er ging nicht wie Einer, der in einem Schiffbruch die Gefährten ihrem Schicksale überläßt und nur noch an seine eigne Rettung denkt. Er ging nur, weil er die Zeit, die ihm in Deutschland fruchtlos für ihn selbst wie für die Sache verloren gegangen sein würde, für beide fruchtbar zu machen suchte. Auch kehrte er nicht mit Haß gegen unsre Civilisation der alten Welt den Rücken, um im friedlichen Kreise eines Bauern zu leben und Waldland zu klären. Er wußte es zu sehr, daß unsre großen und edlen Gedanken doch ein Erzeugniß eben dieser Bildung sind, so sehr sie gegenwärtig unsren Zwecken und Idealen feindlich gestaltet ist; und daß ein widerwilliges Abwenden von dieser Bildung soviel ist, als der eigentlichen Arbeit aus dem Wege gehn. Die Hoffnung des Scheidenden war, mit neuen Anschauungen, Gedanken und Kräften des Charakters bereichert, mit neuen Waffen des Geistes ausgerüstet, einst wenn die Zeit kommen würde, zum Kampfe auf dieser Seite des Meeres zurückzukehren.


Bildquelle: Julius Fröbel 1848. Kreidelithographie von Valentin Schertle

Erinnerungen an Robert Blum

Die RobertBlumLegion im badischen Feldzuge! Wie ein Racheschrei aus dumpfer Ferne klang mir das Wort nur einmal herüber; eine Erinnerung, kaum aufgetaucht und schon wieder von den Ereignissen überflutet. Die Legion ist verschollen; wer hat von ihren Taten gehört? Sie wurde in das unselige Chaos jener Bewegung mit hineingerissen und zersprengt, ohne eine bleibende Gestalt im Andenken des Volks, wie ein zehntes Regiment oder wie die Hanauer Turner gewinnen zu können. Dann, bald darauf unter der preußischen Herrschaft, wart Robert Blum wieder genannt, als die giftigen Stiche des Hasses den Toten noch über das Grab hinaus verfolgten: Gefängnis für den Arbeiter, der das Bild des Volksmannes auf dem Pfeifenkopfe trug, Gefängnis selbst für die Trauerschleife am Hut, deren stumme Sprache vergebens an den Frieden der Toten und ihre Ungefährlichkeit mahnte! Es konnte nicht anders sein; ergrimmt über die, welche ihn als rächenden Geist auferwecken wollten, taten seine Feinde wie die alten Ketzerrichter, wenn sie die verehrte Asche in den Wind streuen ließen. Und doch fanden sich noch immer Einzelne, die der Drohung Trotz boten und die Strafe ertrugen. War er denn wie Hecker, die Feuerzunge des jungen Ideals, Republikaner gewesen? Jeder glaubt, daß er es war; aber vor welcher Versammlung hat er jemals die Republik gepredigt oder die Fürstenvertreibung? Nie und nirgends! – So war euer Held denn einer von den Schwankenden, die ihr verachtet? – Der Mann mit dem BlumHute erwidert nur zwei Worte, um alle Verleumdungen zu widerlegen und alle Verehrung zu rechtfertigen: „Er war ein Mann des Volks!“
Dem Bürger, der ihn abends unter seinen Freunden beim Seidel Bier in vollster Behaglichkeit und gemächlich langsamer Konversation sah, mußte unbedingt das ganze Herz aufgehen bei diesem Ideale deutscher Wirtshausgemütlichkeit. Der Proletarier, wenn er den mühseligen Weg des Kölner Küpersohnes von unten auf bis ins deutsche Parlament beschrieben las, sah in ihm mit Befriedigung seines Gleichen, und wenn der Mann aus dem Volke nun selbst auf der Tribüne vor ihm stand, im bequemnachlässigen Anzuge, mit dem Hemdkragen ohne Halstuch, mit dem dichten Bart und Haupthaar um das gerötete Gesicht: dann fühlte er unwidersprechlich: der gehört ganz zu uns! Die Rede endlich erhob ihn und ließ den Redner in seinen Augen steigen,  aber wie dankbar war das große Publikum auch da für die unübertroffne wohltuende Deutlichkeit und Klarheit des Vortrags! Die Gedanken gingen nie über das Allgemeinverständliche in sentimentaler Ausschmückung und entsprechendem Tone hinaus, und hell bis in alle Winkel und Enden drang diese Glockenstimme. Es war insofern für Jeden eine Lust, ihn zu hören, und nach dem ermüdend ängstlichen Horchen auf so manche andre Nichtredner, ging ein allgemeines Aufatmen durch die Paulskirche, wenn Blum die Tribüne bestieg. Verwöhnte Ohren konnte auch er, wie Glockengeläut, ermüden, obwohl er nie zu lang sprach; das Volk aber konnte nicht satt werden, ihn zu hören. Was seine Lebensgeschichte, sein Ruhm und seine Reden vorbereitet hatten, vollendete jedes Mal seine persönliche Gegenwart unter dem Volke, während die Gebildeten oft von ihr enttäuscht wurden. Die Letzteren konnten sich über den würdelosen Eindruck seiner Erscheinung hinwegsetzen; die Massen empfingen dagegen mit Befriedigung diesen ganz aufgeprägten Repräsentanten ihres eignen Charakters, und dem idealen Bedürfnisse derselben genügte vollkommen seine Beredsamkeit, die von uns gewöhnlich nur als gewaltiges Mittel zum Zweck der Massenwirkung bewundert wurde.
Man hätte demnach meinen können, zur Idealisierung und gar zum religiösen Kultus sei keine Persönlichkeit in eminenterem Grade ungeeignet gewesen als eben Robert Blum. Wie mächtig im Volke der dunkle Drang nach neuen Idealen und ihrer Verehrung ist, zeigte sich überraschend, als im November 1848 die gedrängten Trauerzüge durch die deutschen Städte zur Feier seines einsamen Märtyrertodes zogen. Die Choräle und Gebete, bei denen wir doch manches frivole Haupt sehr ernst entblößt sahen, hätten freilich nur dem Tode gelten können; aber die Redner sprachen ganz im Sinne des Volks, wenn sie ihn verglichen mit allen Heroen und Märtyrern, bis hinauf zu dem Galiläer, der für die Freiheit der ganzen Welt sein Blut gab. Und wieder muß man gestehen, daß Blum, wenn er in einem ähnlichen Falle eine Leichenrede zu halten gehabt hätte, in ähnlicher Weise geredet haben würde, und die Tränen würden ihm aus vollem Herzen gekommen sein. Wer ihn auch nicht persönlich kannte, wird doch aus seinen letzten Zeilen die charakteristische Weichheit seines Herzens empfunden haben, und Niemand würde sich wundern, seine Worte: „Alles, was ich empfinde, rinnt in Thronen dahin!“ in einem Psalm zu lesen, statt in Blums Abschiedsbrief. Daß in fast allen seinen Reden die moralische Anschauung ihren Platz neben der bloß politisch calculirenden fand, mag man als ein Resultat seiner Bildung bezeichnen, aber diese Bildung war sein geworden und eben so wenig berechnet als die große persönliche Gutmütigkeit und Herzlichkeit seines Wesens. Viele haben ihn gehaßt; er selbst hat schwerlich einen persönlichen Feind gehabt. Was er redete oder tat: der Mittelpunkt war stets das Allgemeine, nur die Sache, der er so lange Jahre, länger und mehr als die Meisten wissen, gedient hatte.
Aber ebenso war es eine, obgleich äußerst gewöhnliche, doch durchaus oberflächliche Auffassung, wenn man die unerschütterliche Ruhe seines Wesens und die selbst in gehobnen Augenblicken nicht verschwindende Gemütlichkeit im Gespräch, und im Predigertone der Rede, schlechthin als seinen Charakter bezeichnen hörte. Wer ihn außerdem listig und intrigant nannte, blieb noch auf demselben Standpunkte. Nein, im tiefsten Grunde seiner Seele, vom Phlegma überwachsen, von der zur andren Natur gewordnen Selbstbeherrschung gezähmt, lagen die vulkanischen Stoffe eines glühenden gewaltigen Hasses, der mit ihm begraben wurde, ehe eine Schicksalsstunde der vollen Volksrevolution ihn wach gerufen hatte. Dieser Haß war noch etwas andres als der reguläre abstrakte Despotenhaß; er drohte nicht bestimmten Personen und floß nicht aus rein persönlichen Quellen, aber dennoch war etwas Persönliches darin. Blum fühlte sich als den Repräsentanten des niederen, gedrückten, verachteten und endlich aufstrebenden Volks. In Leipzig, in den friedlichen Kreisen der bürgerlichen Gesellschaft, in die er sich den Eintritt errungen hatte, schlummerte dies Bewußtsein. Die Revolution rührte es wieder auf, und sobald sie durch eine große Wendung ihm nur die Wahl zwischen Bürgertum und Proletariat gelassen hätte, würden wir ihn an der Spitze der Massen furchtbar und unerbittlich, über die Rümpfe seiner Gegner hinschreiten gesehn haben. Nach Wien ist er gegangen, schon von dem Dämon dieses inneren Zwiespaltes getrieben. Die Wurzeln seiner alten Macht, die fast alle im Bürgertum lagen, begannen sich mit der schärferen Parteientrennung zu lockern; besonders nach dem achtzehnten September in Frankfurt fühlte er den Boden unter sich schwanken, und in Leipzig hatte seine bewundernswürdige Gewandtheit und äußere Unerschütterlichkeit ihm doch nur einen öffentlichen, aber keinen ihm selbst genügenden Triumph über die ihm dort erwachsenen Gegner verschaffen können. Über die wichtigsten Momente seines Auftretens in Wien haben wir durchaus mangelhafte Berichte; aber selbst aus den entstellenden Referaten der Schwarzgelben hörte ich doch die fürchterliche Aufregung seines Innern durchklingen, da er auch dort nur denselben Kampf wie in der Heimat wiederfand, zu desto größrer Pein für seine Seele, als er seit Jahren an behaglichen ungestörten Machtbesitz gewohnt, nun in so neues widerwärtiges und doch unvermeidliches Ringen um seine politische Ehre und Existenz geschleudert war. Reichstag oder Proletariat und Republik? Nationalgarde oder Aula?! – als er endlich an der Sophiebrücke im Kugelregen stand, wird er seine Ruhe wiedergefunden haben. Die Rohheit gegen einen Sterbenden, welche die Verleumdung ihm zuschrieb („Schießt den kroatischen Hund tot!“) diese Worte sind nicht über seine Lippen gekommen. Wer ihn kannte, weiß es auch ohne die nachgefolgte Berichtigung, wie mitleidig er gesagt hat: Erbarme sich doch einer von Euch über den unglücklichen Menschen und gebe ihm den Tod!
Nachher das Sterben ist ihm schwer geworden. Wie schwer, begreifen ganz wohl nur die Wenigen, die von seinem jahrelangen unscheinbaren – und allzeit uneigennützigen – Dienste der Freiheit mehr wissen als in den Lebensbeschreibungen zu finden ist. Schon ehe die Augusttage in Leipzig seinen Namen durch ganz Deutschland trugen, war er der Mittelpunkt und Vermittler der liberalen Bestrebungen in Deutschland; seine Verbindungen und Hilfsquellen reichten sehr weit. Als einer der Vertrautesten ihm das Manuskript der Wiener Konferenzbeschlüsse, so viel er wußte das einzige in liberalen Händen, überschickte und wegen der Möglichkeit der Veröffentlichung anfragte, besaß Blum sie schon in einer andren Kopie und hatte sie schon in Straßburg und NewYork drucken lassen – zur Zeit, wo er noch im Leipziger Stadttheater an der Kasse saß.
Menschenkenntniß besaß er nicht viel, aber im höchsten Grade Kenntnis der Massen, und mehr als das: überhaupt den Instinkt, die allgemeine Tendenz einer Versammlung herauszufühlen und ihre Stimmung zu treffen. In Frankfurt war in den ersten Tagen des Parlaments, als die Parteienbildung begann, eine ziemlich gemischte Versammlung im Holländischen Hof, wo man sich „erst kennen lernen“ wollte. Centrumsmänner und Republikaner hatten abwechselnd mit einem Beifall gesprochen und spezielle Pläne diskutiert, der es ganz ungewiß machte, wohin die Mehrheit sich neigen möchte. Blum erhob sich, verwarf keinen einzelnen Vorschlag, sondern alle zusammen, und exponierte die allgemeine Richtung der Partei, wie er sie wünsche, mit solcher Virtuosität, daß man hätte sagen sollen, er offenbare Allen erst die Hauptsache, in der sie eines Sinnes seien und von der sie doch noch nicht geredet hätten. – Dies Vermittelnde, Conciliatorische, dieser Instinkt, wie weit die entscheidenden Massen, sei es des Volks oder der Bourgeoisie, in einem gegebnen Falle gehen würden, hatte sich in seinem sächsischen Wirkungskreise in vollem Maß bewährt. Für unsre Revolution genügte es nicht mehr; im Gegenteil verdächtigte es ihn, daß er nach beiden Seiten so weit hin die Hand reichen konnte.
Seine Persönlichkeit, so ganz aus Einem Guß, machte es allerdings schwer, ihn in dieser Beziehung anzugreifen; sie machte manchen doch wieder irre in der verwerfenden Kritik. Das Resultat dieses Schwankens war aber, daß seine Gegner ihn endlich, an der tieferen Erklärung verzweifelnd, für einen geschickt berechnenden Intriganten und nichts weiter erklärten. Man wird in allen Zeitungscorrespondenzen jener ersten Monate die Verlegenheit der Beobachter sehen; alle vermuten, daß noch etwas hinter ihm stecke, keiner wagt zu entscheiden, was es denn eigentlich sei und wen man vor sich habe. – Einzelne wollten damals, wie schon früher, etwas Lauerndes in ihm bemerken; ich las etwas andres in seinem Auge und seinem ganzen Wesen. Etwas von Triumph und Hoffnung! Es war zuweilen, als spiele er nur mit den Dingen, als belustige seine Phantasie sich an diesen kleinlichen Kämpfen und Vorbereitungen auf größere Dinge. Die Schöpfung der Zentralgewalt gab dieser Sicherheit den ersten Stoß, ich hörte es an einem sehr seltnen Ton seiner Stimme, den ich nur zweimal vernommen habe, so oft ich ihn auch öffentlich und im Privatleben reden hörte. Ein Ton, der aus dem tief erregten Seelengrunde hervor, die glatte Oberfläche mächtig zerbrach.
Das erste Mal in Leipzig im Privatkreise. Ein günstiger Zufall hatte mich gerade den Abend zu Blum geführt, wo die sächsische Partei vor der Abreise zum Vorparlamente die in Frankfurt und weiterhin zu befolgende Politik beriet. Es war eine kleine Gesellschaft, die das Wohnzimmer des Hauses bequem faßte, aber die Meinungen zu vereinigen, schien sehr schwer. Detaillierte Feldzugspläne wurden entwickelt, Einzelheiten riefen sehr abschweifende Debatten hervor, hartnäckige Wiederholungen waren häufiger als ausgleichendes Verständigen, und so waren nach einem frugalen Abendbrot die nächtlichen Stunden eine um die andre verflogen und eine unerfreuliche Zersplitterung schien das einzige Resultat zu sein. – Blum, der am oberen Ende des Tisches sein Ehrenrecht des Präsidiums bisher kaum dann und wann ausgeübt und selbst eigentlich noch gar nicht gesprochen hatte, pochte plötzlich auf den Tisch und ergriff das Wort, rasch, kurz und heftig; es war wie die Szene im Fiesko, wo mit Einmal der Führer und Feldherr der Verschwornen sich unter ihnen aufrichtet. Die Tat und nichts als die Tat, der er voranging, war der Ton dieser Worte; es grollte etwas wie Zorn über die unnützen Hindernisse, die eben diesen Weg ihm versperren wollten, in seiner Stimme. Und doch ergreift mich wieder mit tiefer Rührung das Bild, wie seine Schwester, halb seitwärts hinter seinem Stuhle lehnend, so zärtlich stolz auf den geliebten Bruder herabsah!
Das zweite Mal war es im Parlament, in seiner Rede über die Zentralgewalt. Die Rede floß wie die gewöhnlichen, eintönig hin und hielt sich in den allgemeinen Gründen gegen die Unverantwortlichkeit; aber in der Brust des Redners quoll unter diesem ebnen Strome das Gefühl empor, daß die Verantwortlichkeit der Nerv der Freiheit sei, das Erbteil des Volks, die Ehre des Republikaners! Daß mit der Unverantwortlichkeit der erste Grundstein zu dem kaum gebrochenen Zwingdeutschland wieder gelegt, und seine Hoffnungen, auch seine persönlichen, wie eine Wolke fern verschwinden würden vor dem Einzuge der alten Macht. Das Wort vom „brechenden Himmelsauge der Freiheit,“ das vielverhöhnte, sprach er noch halb im alten Kanzelton, aber am Schluß brach jenes unausgesprochene bittre Gefühl überwältigend aus in die mit vollem Haß und Ingrimm hingeschleuderten halb verschluckten Worte: „so schaffen Sie Ihre Diktatur!“ Es war, als streckte er zum ersten Mal die Löwenklaue hervor.
Doch sein ursprünglich sanguinisches Temperament, in dieser Zeit besonders lebhaft unter dem angewohnten Phlegma durchscheinend, wiegte ihn bald wieder in Hoffnungen ein. War es denn möglich, daß Gagern, der eben damals den kühnen demokratischen Griff getan, ihn nur zum Vorteil der Fürsten getan haben sollte oder wollte? Und würden die Fürsten, die doch beleidigt waren, diesen Vorteil auch nur erkennen? Mußte also die neue Zentralgewalt, um sich den eifersüchtigen Fürsten gegenüber zu halten, nicht notwendig populär auftreten und Konzessionen an die Linke machen? Damals erschien dieser Gedankengang eben so vernünftig, wie er uns jetzt ein trauriges Lächeln ablockt. In ihm bewegte sich Blum und war guten Mutes.
Eines Abends, kurz vor der Ankunft des Reichsverwesers, begegnete ich ihm auf dem Rückweg in seine Wohnung. Wir gerieten in ein so eifriges Gespräch, daß wir obwohl es ziemlich spät war, noch in eine Gaststube traten und dort in einer ungestörten Ecke es fortsetzten. „Nun, sagte er, „es treten jetzt zwei Möglichkeiten ein, entweder ein Johann von Gagerns Gnaden, oder – wenn das nicht, gleich Gagern allein hinterdrein. Für uns ist das ziemlich gleichbedeutend,  wenn mir ein Ministerium angeboten würde, soll man das annehmen?“ Ich erwiderte ihm: „Unbedingt!“ – und wie ich schon damals um seine schwankende Stellung besorgt war, leitete ich gleich darauf über, wie sein Verhältnis zu der Linken sich dann gestalten müsse. „Ja“, sagte er ganz seelenruhig, „daß man in dies Ministerium nur eintritt, um es nachher bei Gelegenheit sprengen zu können, das versteht sich von selbst.“ – Wir gingen noch auf Kombinationen ein, und meine Bedenklichkeiten gegen sein bisheriges Auftreten hörte er mit jenem ernsten Interesse an, das ich an ihm, den mit Lob so verwöhnten von jeher sehr hoch geachtet hatte. – Dann begleitete ich ihn nach Haus, und da wir oben auf seinem Zimmer noch Stimmen hörten, folgte ich seiner Einladung und wir fanden einige Freunde in lebhaftem Für und Wider über Gagern und den Charakter seines kühnen Griffs. Nur allzu sehr bewährte Meinungen wurden schon damals ausgesprochen. Blum hatte sichs bequem gemacht und lag halb träumend im Sopha; als aber ein geringschätziges Wort über Gagerns Rednergabe fiel, widersprach er eifrig. „O“, sagte er, „Du hast ihn noch nicht ganz gesehn! Wenn der Gagern erst gereizt wird, dann wird er erhaben. Wie hat er im Vorparlament die Linke wahrhaft zermalmt!“ Und unbeirrt von allen Einwendungen überließ der Volksredner sich ganz der Lust, den Parlamentsredner mit einigen Freskozügen zu schildern. – „Sehn wir uns morgen?“ – „Nein“, erwiderte Blum, „ich fahre nach Homburg, und ich muß dorthin. Es ist hier ein kleines verwaistes Mädchen, eine ausgezeichnete Klavierspielerin, für die will ich da ein Concert zusammenbringen. – Sie heißt Märrder,  Marie, wenn Sie das auch wissen wollen.“
Am nächsten Tage begegnete ich ihm, wie er mit seiner kleinen Klientin und einer Verwandten nach Homburg fuhr. Dreiviertel Jahre nachher brachte mich der Zufall unter mehrere Parlamentsabgeordnete der Gagernschen Partei; es war an öffentlicher Gasthaustafel, und einer dieser Herren erzählte als einen Beitrag zur Charakteristik der Linken: Blum habe, obwohl Familienvater, doch in Frankfurt mit zwei Maitressen gelebt und sei sogar öffentlich mit ihnen spazierengefahren! – Blum war längst tot, seine Freunde glücklicherweise noch nicht, und ich dankte dem Zufall, der mich in den Stand setzte, die beschämende Erklärung dieser Verleumdung zu geben.
Im April hatte er mir gesagt: „Nun, in sechs Monaten haben wir doch die Republik.“ Im Sommer erinnerte ich ihn einmal scherzend daran. „O, erwiderte er, ich habe noch bis zum November Zeit!“

28. Oktober 1816: Malwida von Meysenbug wird in Kassel geboren











1816 Malwida von Meysenbug wird am 28. Oktober  in Kassel geboren

1830 Familie muss Kassel verlassen.

1832 Umzug nach Detmold

1843 Predigt von Theodor Althaus in Detmold

1844/45 Winteraufenthalt in Hyères in der Provence, Liebe zu Theodor
1847 Tod des Vaters in Frankfurt

1848 Vorparlament in Frankfurt,  Distanz zu Theodor

1849 Reise nach Ostende

1850 Hamburger Frauenhochschule

1851 Theodors Erkrankung

1852 Theodors Tod, Emigration nach London, wohnt zunächst bei Johanna  und Gottfried Kinkel

1853 Erzieherin bei Alexander Herzen in London

1857 Bekanntschaft mit Guiseppe Mazzini

1859 Paris

1861 London

1865 Florenz

1869 „Memoiren einer Idealistin“ in französischer Sprache

1876 mit Nietzsche, Bree und Brenner in Sorrent

1877 Wohnung in der Via Polveriera in Rom

1882 bei Cosima und Richard Wagner in Bayreuth

1890 Begegnungen mit Roman Rolland in Rom

1903 Tod Malwida von Meysenbugs am 26. April in Rom



DOWNLOAD ► Malwida und der Demokrat (1845-1852)





26. Oktober 1822: Theodor Althaus wird in Detmold geboren

1822 Theodor Althaus wird am 26. Oktober 1822 in Detmold im Pfarrhaus Bruchstraße 2 geboren
1840 Abitur am Gymnasium Detmold.
1840  – 1844 Studium der Theologie in Bonn, Jena und Berlin, Gedichte für Malwida von Meysenbug
1844 – 1847 Als Kandidat der Theologie ohne Anstellung im Detmolder Elternhaus.
1847 – 1848 Literat in Leipzig
1848 Leitender Redakteur der Bremer Zeitung
1849 Leitender Redakteur der Zeitung für Norddeutschland
13. Mai 1849 Leitartikel mit einem Aufruf zur Bildung eines Landesauschuss zur Verteidigung der Reichsverfassung.
14. Mai 1849 Verhaftung wegen Staatsverrats.
20. Juli 1849 Verurteilung zu drei Jahren Staatsgefängnis. Aufenthalte im Staatsgefängnis vor dem Cleverthor in Hannover, Stadtgefängnis Hannover, Staatsgefängnis St. Godehard in Hildesheim.
15. Mai 1850 vorzeitige Entlassung aus dem Gefängnis,
1850 „Aus dem Gefängniß. Deutsche Erinnerungen und Ideale“ erscheint in Bremen.
1850 Kuraufenthalt in Ostende.
1851 Scheitern einer Lehrtätigkeit an der Hochschule für Frauen in  Hamburg, weil er von den Hamburger Behörden ausgewiesen wird.
1851 Kuraufenthalt in Stuer am Plauer See.
1852 Krankenhausaufenthalt in Gotha.
Besuche des Vaters und Malwida von Meysenbugs.
Schwere Krankheit, die man heute als Leukämie kennt.
2. April 1852 Tod in Gotha




Warum Theodor Althaus?



Leipzig 1847: Denkmal auf dem Monarchenhügel

Eine weitere Verbindung knüpfte er zu dem drei Jahre älteren Historiker Heinrich Wuttke, der an der Leipziger Universität Vorlesungen hielt. Am 19. Oktober 1847 wanderte er früh am Morgen zusammen mit ihm in südöstlicher Richtung aus der Stadt hinaus über Feldwege, vorbei an Gebüsch, durch stille Dörfer, dann durch eine lange Pappelallee hinauf zur höchsten Erhebung dieser Gegend. Auf diesem Hügel hatten vierunddreißig Jahre zuvor die verbündeten Monarchen Kaiser Franz I. von Österreich, Kaiser Alexander I. von Russland und König Wilhelm III. von Preußen gestanden, die Kampfhandlungen der Völkerschlacht verfolgt und am Abend des 19. Oktober 1813 die Nachricht vom Rückzug der Truppen Napoleons entgegen genommen. Zur Erinnerung an diesen wichtigen Sieg hatte man auf dem Monarchenhügel ein pyramidenförmiges Denkmal aus Sandstein errichtet, das an jenem Tage eingeweiht wurde.

Über das Ereignis verfasste Theodor Althaus einen Artikel für die Bremer Weser-Zeitung, in dem er die Organisation und vor allem die Rede von Superintendent Großmann heftig kritisierte. Die Feier sei nicht dazu angetan gewesen, die tausend Anwesenden anzusprechen und auf das Wichtigste zu lenken, nämlich dass es ein Sieg der Kämpfer auf dem Schlachtfeld war und nicht das Verdienst von drei Monarchen im Glauben an Gott, wie der Redner weismachen wollte. Mit Wuttke war Althaus einig, dass eine Rede von Robert Blum die richtigen Akzente gesetzt hätte. Ja, es hätte sogar schon seine Anwesenheit gereicht. Eine Feier für das Volk sei diese Einweihungsfeier nicht gewesen. Sein Fazit: Aber wenn an einem solchen Siegestage des Volks, das Volk nur wie das Publikum zum allerhöchsten Fest, nur wie Staffage um den Thron, den es doch allein wieder aufgerichtet hat, erscheint: dann wird es doch selbst im Herbste zu dumpf und schwül in der deutschen Luft. Fort, fort von hier!

Als der Artikel Das Denkmal auf dem Monarchenhügel in Leipzig am 24. Oktober 1847 im Sonntagsblatt zur Weser-Zeitung erschien, war Theodor die Aufmerksamkeit in der Stadt Leipzig gewiss. Die Empörung bei den Verantwortlichen war so groß, dass er schon fürchten musste, ausgewiesen zu werden. Seine Freunde im Museum und Café dagegen beglückwünschten ihn zu diesem klaren politischen Statement. Ignaz Kuranda war so begeistert, dass er auf ihn zukam mit der Bitte, unbedingt für die Grenzboten zu schreiben. Einige Tage später beim Schillerfest merkte er dann noch einmal, dass er sich in den oppositionellen Kreisen etabliert hatte. Seit 1840  wurde dieses Fest jährlich von Robert Blum und dem von ihm gegründeten Schillerverein organisiert. Als der Detmolder Querdenker abends den von Menschen dicht gefüllten Festsaal im Hôtel de Pologne in der Hainstraße betrat, wurde er mit stürmischem Beifall empfangen. Und wie zu besten Zeiten als Burschenschaftler, hielt er eine Rede vor hunderten Festgästen.

Leipzig 1847: Denkmal auf dem Monarchenhügel

Eine weitere Verbindung knüpfte er zu dem drei Jahre älteren Historiker Heinrich Wuttke, der an der Leipziger Universität Vorlesungen hielt. Am 19. Oktober 1847 wanderte er früh am Morgen zusammen mit ihm in südöstlicher Richtung aus der Stadt hinaus über Feldwege, vorbei an Gebüsch, durch stille Dörfer, dann durch eine lange Pappelallee hinauf zur höchsten Erhebung dieser Gegend. Auf diesem Hügel hatten vierunddreißig Jahre zuvor die verbündeten Monarchen Kaiser Franz I. von Österreich, Kaiser Alexander I. von Russland und König Wilhelm III. von Preußen gestanden, die Kampfhandlungen der Völkerschlacht verfolgt und am Abend des 19. Oktober 1813 die Nachricht vom Rückzug der Truppen Napoleons entgegen genommen. Zur Erinnerung an diesen wichtigen Sieg hatte man auf dem Monarchenhügel ein pyramidenförmiges Denkmal aus Sandstein errichtet, das an jenem Tage eingeweiht wurde.

Über das Ereignis verfasste Theodor Althaus einen Artikel für die Bremer Weser-Zeitung, in dem er die Organisation und vor allem die Rede von Superintendent Großmann heftig kritisierte. Die Feier sei nicht dazu angetan gewesen, die tausend Anwesenden anzusprechen und auf das Wichtigste zu lenken, nämlich dass es ein Sieg der Kämpfer auf dem Schlachtfeld war und nicht das Verdienst von drei Monarchen im Glauben an Gott, wie der Redner weismachen wollte. Mit Wuttke war Althaus einig, dass eine Rede von Robert Blum die richtigen Akzente gesetzt hätte. Ja, es hätte sogar schon seine Anwesenheit gereicht. Eine Feier für das Volk sei diese Einweihungsfeier nicht gewesen. Sein Fazit: Aber wenn an einem solchen Siegestage des Volks, das Volk nur wie das Publikum zum allerhöchsten Fest, nur wie Staffage um den Thron, den es doch allein wieder aufgerichtet hat, erscheint: dann wird es doch selbst im Herbste zu dumpf und schwül in der deutschen Luft. Fort, fort von hier!

Als der Artikel Das Denkmal auf dem Monarchenhügel in Leipzig am 24. Oktober 1847 im Sonntagsblatt zur Weser-Zeitung erschien, war Theodor die Aufmerksamkeit in der Stadt Leipzig gewiss. Die Empörung bei den Verantwortlichen war so groß, dass er schon fürchten musste, ausgewiesen zu werden. Seine Freunde im Museum und Café dagegen beglückwünschten ihn zu diesem klaren politischen Statement. Ignaz Kuranda war so begeistert, dass er auf ihn zukam mit der Bitte, unbedingt für die Grenzboten zu schreiben. Einige Tage später beim Schillerfest merkte er dann noch einmal, dass er sich in den oppositionellen Kreisen etabliert hatte. Seit 1840  wurde dieses Fest jährlich von Robert Blum und dem von ihm gegründeten Schillerverein organisiert. Als der Detmolder Querdenker abends den von Menschen dicht gefüllten Festsaal im Hôtel de Pologne in der Hainstraße betrat, wurde er mit stürmischem Beifall empfangen. Und wie zu besten Zeiten als Burschenschaftler, hielt er eine Rede vor hunderten Festgästen.

Nordischer Wintergarten. Gedichte für Malwida

Wie ein Nordischer Wintergarten musste Theodor Althaus die kleine Welt in Detmold vorgekommen sein, als seine Freundin Malwida von Meysenbug Ende September 1844 für einige Monate in die Provence gereist war. Ohne berufliche Perspektive nach dem Abschluss seines Studiums waren die Gespräche mit ihr mehr als nur Lichtblicke. Er hatte sich verliebt in die Frau, die seit seiner ersten Predigt in ihm einen jungen Apostel sah, dessen Botschaften sie im tiefsten Herzen trafen. Seine poetischen Abschiedsgrüße gab er ihr mit auf den Weg und schrieb weitere Gedichte, die er ihr widmete.


Leseprobe:








Mir ist in geistigem Schauern
Eines Liedes Seele erwacht
Ein Lied voll heiligem Trauern
            Wie die süße Sternennacht

Es glüht, es ist unverloren
Noch ruft es wankend in mir.
Doch es sehnt sich zu werden geboren
Und zu rufen im Herzen nach dir.




"Der junge Apostel"

Im Frühling sollten wir zurückgehen in unsere kleine Residenz im Norden. Es war mir ein herzzerreissender Schmerz, für den ich keine Worte hatte, den Stunden entsagen zu müssen, die mir so viel Glück gaben; es schien, als wenn ich dem Heil meiner Seele entsagen müsste. Ausserdem bot mir auch die Stadt, in der wir jetzt lebten [Frankfurt am Main], trotz unseres zurückgezogenen Lebens eine Menge geistiger Hülfsquellen, nach denen ich immer mehr Verlangen trug. Unsere kleine Residenz, die ich sonst so geliebt hatte, erschien mir jetzt mit ihren engen gesellschaftlichen Beziehungen wie ein Exil. Dennoch musste es geschieden sein. Der einzige Trost, den ich zu finden wusste, war, meinen Lehrer [Morgenstern] zu bitten, einen künstlerischen Briefwechsel mit mir zu unterhalten, was er auch versprach, da er mein Scheiden auch herzlich beklagte. Meine erste Sorge, nach der Rückkehr in unsere nunmehrige kleine Heimat, war die Einrichtung eines Ateliers für mich, in welchem ich, allein und versunken in die Kunst, Stunden des Glücks und des angestrengten Studiums verbrachte. Ich ging auch aus, um nach der Natur zu zeichnen; aber die Landschaft, die ich vor Augen hatte, gefiel mir nicht mehr, seit ich mich an den unaussprechlichen Reiz der südlichen Natur, die ich aus den Bildern meines Meisters kannte, gewöhnt hatte. Ausnahmen hiervon waren jedoch die Bäume und die Waldpartien, mit ihrem geheimnisvollen Halbdunkel und den Sonnenstreifen, welche durch das Laub fielen und auf dem Moosboden spielten. Diese sind die wahre Poesie der Landschaft im nördlichen Deutschland, und das war es vielleicht, weshalb die Völker dieser Gegenden in ihrem Kindesalter die Wälder und Bäume zu Heiligtümern stempelten und ihren Wodan im heiligen Eichenhain verehrten. Aber für die eigentliche Landschaft erschien mir nur das Grün nicht malerisch. Blau, Violett, Gelb, Rot geben jene Farbentöne, die im Süden dem Auge wohlgefallen. Vielleicht kommt es daher, dass auch der hohe Norden, wo die nackten Felsen, der Schnee und das tiefblaue Meer vorherrschen, malerischer ist, als die gesegneten Länder der Mitte, wo das Grün überwiegt.

Ausserdem war ich aber auch noch in der kleinen Stadt zu sehr der Hülfsmittel zur Entwicklung beraubt, denn es war da nicht allein keine Galerie, sondern nicht einmal ein gutes Bild, keine Künstler und kauf einiger wenige Personen, die wussten, was Malerei ist. Meine ewig suchende Natur griff wiedr nach anderen Auswegen. Die alten religiösen Fragen erwachten in neuer Weise. Ich fürchtete die Kritik nicht mehr; ich ging nur äusserst selten noch in die Kirche, weil ich keine neuen Gedanken, keine wirkliche Erleuchtung dort fand. Eines Tages sagte man mir, dass der älteste Sohn meines Religionslehrers, der sich gerade während der Universitätsferien zu Haus befände, am folgenden Sonntag in der Kirche predigen würde, da er Theolog sei wie sein Vater. Ich ging zur Kirche, um zu sehen, was aus dem blassen stillen Knaben, den ich einst im Zimmer seiner Mutter hatte arbeiten sehen, geworden sei. Nach dem Gesang der Gemeinde, welcher der Predigt vorausgeht, stieg ein junger Mann, in schwarzem Talare, auf die Kanzel, beugte das Haupt und verblieb einige Minuten in stillem Gebet. Ich hatte Zeit ihn anzusehen. Er war groß wie sein Vater, aber sein Kopf hatte einen Typus, der in jenen Gegenden, wo er geboren war nicht häufig ist. Sein Gesicht war bleich mit scharf geschnittenen, edlen Zügen, wie man sie bei den südlichen Rassen findet. Lange und dichte schwarze Haare fielen ihm bis auf die Schultern; seine Stirn war die der Denker, der Märtyrer. Als er zu sprechen begann, wurde ich sympathisch berührt durch den Klang seiner tiefen, sonoren und doch angenehmen Stimme. Bald aber vergaß ich alles andere über den Inhalt seiner Predigt. Das war nicht mehr die sentimentale Moral, noch die steife kalte Unbestimmtheit der protestantischen Orthodoxie, wie beim Vater. das war ein jugendlicher Bergstrom, der daherbrauste voller Poesie und neuer belebender Gedanken. Das war die reine Flamme einer ganz idealen Seele, gepaart mit der Stärke einer mächtigen Intelligenz, die der schärfsten Kritik fähig war. Das war ein junger Herder, welcher, indem er das Evangelium predigte, die höchsten philosophischen Ideen zur Geschichte der Menschheit entwickelte. Ich war auf das tiefste und glücklichste bewegt. Nach Hause zurückgekehrt, erzählte ich meiner Mutter von dem Gehörten und sagte ihr mit Enthusiasmus: „Wenn dieser junge Mann hier bleibt, so wird dies kleine Land eine grosse Zukunft haben.“

Einige Tage nachher hing meine Mutter abends zur Ressource [Raum im Detmolder Rathaus für gesellschaftliche Veranstaltungen]: ich ging nicht mit. Mein früherer Lehrer hatte ihr seinen Sohn vorgestellt, und sie kam ebenso enthusiasmiert zurück, wie ich aus der Kirche gekommen war. „Er ist das Ideal eines jungen Mannes,“ sagte sie. Ich bedauerte, nicht dort gewesen zu sein und doch wünschte ich beinah nicht, meinem jungen Apostel auf neutralem Wege zu begegnen. Er hatte in meiner Phantasie schon Platz genommen als der inspirierte Prophet einer neuen Wahrheit. Ich sah ihn in dem Jahr [1843] auch nicht wieder, denn er kehrte auf die Universität zurück.

Ich aber fühlte, dass ich das bloss kontemplative Leben verlassen müsse, um zur Tat zu kommen. Die heiligen Freuden, die ich beim Malen genoss, schienen mir zu egoistisch, wenn ich nicht zugleich mich des Leidens erbarme, das ich überall um mich sah; wenn das Mitleid, welches mir die wahre Essenz des Christentums zu sein schien, sich nicht in Taten verwirkliche. Ich beschloss zu ersuchen, einen Verein der Arbeit für Arme zu gründen. Ich sprach darüber mit den jungen Damen meiner Bekanntschaft. Man zuckte die Achseln, man zweifelte am Erfolg, aber es gelang mir, eine kleine Anzahl zu vereinigen, und wir fingen mit einer ganz einfachen Organisation an. Man vereinigte sich einmal wöchentlich in den Häusern der Beteiligten, und man legte jedes Mal einen so kleinen Betrag in die Vereinskasse, dass es niemand lästig fiel. Diese Beiträge dienten dazu, das Material zur Arbeit zu kaufen; sie wurden durch freiwillige Gaben noch erhöht. An den Vereinstagen arbeitete man so das ganze Jahr hindurch Kleidungsstücke für die Armen und verteilte sie am Weihnachtsabend. Von Kindheit auf hatte ich diesen Tag der intimsten häuslichen Freude, so wie er so schön in Deutschland gefeiert wird, als einen Tag angesehen, an dem man suchen sollte, auch die Armen zu erfreuen. Das kleine Unternehmen gelang immer besser. Bald wollten alle jungen Mädchen der Gesellschaft aufgenommen sein. Die Menge der Arbeit, die man mit so bescheidenen Mitteln anfertigte, war wirklich nicht unbedeutend. Unter den jungen Mädchen, welche der Gesellschaft beitraten, waren auch die zwei Schwestern des jungen Apostels.  Ich kannte die ältere; sie war schön und gut, aber sie hatte mich nie sehr interessiert. Die zweite trat nur eben erst in den Kreis der Erwachsenen ein. Sie war viel jünger wie ich, und ich hatte sie nur als ein Kind gekannt. Jetzt, durch die unerklärliche Anziehungskraft, welche über die Geschicke der Menschen entscheidet, zu einander hingezogen, näherten wir uns einander von Anfang an, und bald entstand zwischen uns, zum Erstaunen der ganzen Gesellschaft, eine wirkliche Herzensfreundschaft. Man liebte meine junge Freundin dort nicht so wie ihre Schwester, welche ein allgemein gefälliges Wesen hatte. Man fand die jüngere affektiert und extravagant, weil sei, mit siebzehn Jahren, die ernsten Gespräche dem frivolen Geschwätz vorzog, und sich dann frei hingab, wenn sie durch das Interesse am Gespräch hingerissen wurde. Dagegen bleib sie verlegen, stumm, linkisch in den gewöhnlichen geselligen Beziehungen. Ich verstand sie darin nur zu wohl, und ich sah mit Entzücken ihre reiche Natur vor mir sich in mannigfaltigster Weise offenbaren. In kurzer Zeit war ich mit ihr viel intimer wie mit den andern. Sie sprach mir oft von ihrem Bruder, den sie leidenschaftlich liebte; er war ihr alles, ihre Liebe für ihn war ein wahrer Kultus. Ich hörte ihr mit tiefem Anteil zu, und das Bild des jungen Apostels wurde mir dadurch noch teurer. Man erwartete ihn in der Familie im Frühjahr bei seiner Rückkehr von der universität. Die Schwester bebte vor Wonne, wenn sie daran achte, denn er sollte lange bleiben, um sein Examen als Kandidat der Theologie zu machen.

Ich erwartete ihn auch mit Freude; ich wusste, dass er mir neues Licht mitbringen würde, und ausserdem war er der angebetete Bruder von der, die jetzt in meinem Herzen herrschte.

Als er endlich angekommen war, erhielten meine Schwester und ich eine Einladung von seinen Schwestern, den Abend da zuzubringen. Kaum waren wir dort angelangt, als die Tür sich öffnete und der Bruder eintrat. Er setzte sich neben mich, und das Gespräch wurde sofort sehr belebt. Es war sonderbar, wie unsere Ansichten in allen wichtigsten Punkten zusammentragen. Wir sagen uns mit Erstaunen an, denn es schien, als ob das Wort des einen immer aus den Gedanken des andern komme. Als wir gingen, blieb er in der Mitte des Zimmers stehen und sah mich wie im Traume an, als ich ihm Lebewohl sagte.

Einige Tage darauf wurden, auf meine Bitte, seine Schwestern und er zu uns gebeten. Ich war auch da schon wieder unter dem Einfluss jenes innern Zwanges, der mir so viele Stunden meines Lebens verdorben hat – dieser sonderbaren Unmöglichkeit, frei mein Herz zu öffnen, wo es sich am liebsten frei gegeben hätte. Doch hatte ich zuletzt noch einen Augenblick lang allein mit ihm ein Gespräch, dessen Gegenstand die zweite Schwester war, die er nur die „Kleine“ nannte. Die Liebe, die wir beide für sie hatten, machte mich beredt. Indem ich meiner Liebe für sie Ausdruck gab, fühlte ich, dass der Bruder fortan der dritte sein würde in diesem Bunde, welcher bereits einen Teil meines Lebens ausmachte.

Meine Mutter und Schwestern beschlossen zum Abendmahl zu gehen. Es war dies nur zwei oder drei Mal dr Fall gewesen seit jenem Tag der Qual, und ich war immer noch nicht ruhig in diesem Punkt. Dieses Mal beschloss ich zu einer Lösung zu kommen. Ich wandte mich an meinen früheren Lehrer, dem ich mich wieder genähert hatte durch die Freundschaft mit seiner jüngeren Tochter. Ich schrieb ihm einen Brief, in welchem ich ihm ohne Rückhalt meine Zweifel und Bedenken auseinandersetzte. Ich bekannte, dass ich das Geheimnis der Gnade nie dabei erfahren hätte, und dass ich schliesslich beinahe zu der Ansicht gekommen sei, dass diese Zeremonie wohl nur als ein Symbol der grossen Brüdergemeinschaft angesehen werden müsse, zu welcher Christus die Menschen führen wollte und für deren Verwirklichung er den Tod am Kreuze starb. Ich bat ihn, mir eine Stunde zu bestimmen, in welcher wir diesen Gegenstand mündlich besprechen könnten. Er bewilligte mir dieselbe und war liebenswürdig wie immer, machte mir keinen Vorwurf über das, was ich ihm bekannte, gab mir aber auch keine positive Ansicht über den Gegenstand. Ich fing an zu vermuten, das er selbst keine habe. Endlich wendete er das Gespräch auf andere Dinge und erzählte mir u. a., dass sein Sohn beinahe immer zu Hause sei, weil ihn die Gesellschaft seiner früheren Schulkameraden, die ihr halbes Leben auf der Ressource, bei Billard und Karten verbrächten, zu sehr langweile.

„Er hat vollkommen recht“, sagte ich.

„Vielleicht ja“, erwiderte der Vater, „aber auf diese Weise wird er bald genug isoliert sein. Sie werden ihn hassen, weil er besser sein will, wie sie.“

„Nun, in diesem Fall ist es besser, allein und gehasst zu sein.“

Einige Tage nachher kam meine Mutter mit einem Brief in der Hand und sagte: „Bereite dich vor auf ein grosses Glück.“ Der Brief kam von meinem Vater und kündigte mir an, dass meine Schwägerin, die Frau meines ältesten Bruders, den Winter ihrer Gesundheit wegen im Süden zubringen müsse und da mein Bruder sie nicht begleiten könne, mich zur Gesellschaft wünsche. Mein Vater hatte es bewilligt. Ich leibte diese Schwägerin leidenschaftlich, und obgleich sie und mein Bruder meist fern von uns lebten, so war doch auch ich ihr besonders wert. Sie wollte den Winter in der Provence zubringen und dann durch das nördliche Italien zurückkehren. Nach dem Süden gehen, nach Italien! Seit meiner Kindheit war Italien as Land meiner Träume, das Land der Wunder, zu welchem meine Wünsche in ihrem kühnsten Fluge hineilten. Ich war noch ganz klein, als ein teurer Hausfreund, ein geistvoller Künstler, der lange in Italien gelebt hatte, die Wunder jenes Landes in Bild und Wort in unserem Hause gleichsam lebendig mache; meine Phantasie war davon erfüllt. Zugleich kannte ich den Namen Goethe durch meine Mutter als den des allerverehrungswürdigsten Menschen unter allen, die lebten. Da hatte sich denn in meiner kindlichen Phantasie ein Traumbild entsponnen, das mehrere Jahre meiner Kindheit durch fortlebte, ohne dass ich es jemals jemand mitgeteilt hätte. Ich dachte mir, irgend ein gütiges Verhängnis müsse es so fügen, dass ich eine Reise nach Italien machen über Weimar zurückkehren und zu den Füssen Goethes sitzen könne, von dem ich mir dachte, er müsse aussehen wie einer der Weisen aus dem Morgenland. Als ich hörte, dass Goethe gestorben sei, ging es mir wie ein bittrer Schmerz durch das Herz; ich konnte es lange nicht überwinden, dass auch so ein Grosser sterblich und dass die Verwirklichung meines Traumes nun unmöglich sei. Jetzt sollte der kindliche Traum zur Hälfte doch Wahrheit werden. Meine Seele sollte ihre Flügel entfalten und ihren Flug in das unbekannte Land der Sehnsucht nehmen, das mir wie mein wahres Vaterland erschien. Es schien zu schön, um wahr zu sein, und es war doch so. Ich war still, wie immer in den ergreifendsten Augenblicken meines Lebens. Aber es war mir, als ob das Ideal, nach dem mein Leben eine beständige Wallfahr war, mich dort erwarte, in jeder Ferne, und mir eine Krone über meinem Haupt in den Wolken zeige.

Das einzig Peinliche dabei war mir, dieses Glück meiner Schwester zu verkünden, der treuen Gefährtin meines bisherigen Lebens, mit der ich bis dahin alles, Gutes und Böses, geteilt hatte. Sie empfing die Nachricht jedoch mit der liebenswürdigsten Hingebung und mit stiller Resignation, wie es in ihrer Natur lag, und half mir mit der gütigsten Bereitwilligkeit die Vorbereitungen zur Reise machen. Während der Beschäftigung damit fühlte ich auch, neen dem grossen Glück, ein tiefes Bedauern, zu gehen. Ich sah es wieder in besonderer Weise ei dieser Gelegenheit, wie sehr ich in unserer Familie und in unserem ganzen Kreise geliebt wurde. Meine Reise erregte allgemeine Sympathie. Zwei Tage vor meiner Abreise verbrachten die „Kleine und ihr Bruder den Abend bei uns. Sie freuten sich für mich, aber sie bedauerten auch mein Scheiden und hätten mit mir ziehen mögen.

Der Moment des Scheidens kam endlich. Ich musste sehr früh am Morgen mit dem Postwagen abfahren, denn Eisenbahnen gab es damals in jenen Gegenden noch nicht. Meine Mutter schleif, ich wollte sie nicht wecken, um ihr die Erregung des Abschieds zu ersparen, denn sie entließ mich doch mit schwerem Herzen für so lange und so weit; eine Reise nach Italien [allerdings ging die Reise nach Hyères in der Provence] war damals noch ein bedenkliches Unternehmen Ich nahm einen stummen Abschied, unter heißen Segenswünschen, vor ihrem Bett und begab mich zur Post, begleitet von meiner treuen Schwester [Laura]. Dort fanden wir die „Kleine“ [Elisabeth Althaus] und ihren Bruder. Ich umarmte die Kleine noch einmal, gab dem Bruder noch einmal die Hand. Er gab mir einen Blumenstauß, an dem ein Brief angebunden war, der anstatt der Adresse diese Worte Tassos enthielt: „I suoi pensieri in lui dormir non ponno“ [Seine Gedanken lassen ihn keinen Schlaf finden]. Ich stieg in den Wagen, hielt den Strauß und den Brief in meiner Hand und fühlte mich wie gesegnet von einer guten Gottheit. Nach einigen Stunden hielt der Postwagen in einem kleinen Ort, wo die Reisenden zu Mittag aßen. Ich ging statt dessen in den Garten des Posthofs und öffnete meinen Brief. Es waren Verse: ein Abschiedssonett und ein längeres Gedicht, welches er nach einem unserer letzten Gespräche und einem darauf folgenden Spaziergang und prächtigen Sonnenuntergang gedichtet hatte. Es war eine Vision, die vor seinem Geist die strengen Denker des Nordens hatte vorüberziehen lassen, deren Sehnen, aus ihren schweren Kämpfen heraus, sie immer nach dem Süden, dem Symbol der  Harmonie und die vollendeten Schönheit, gezogen habe, ganz besonders in Deutschland, wo diese Sehnsucht sich in jeder tiefen, strebenden Natur wiederhole. Auf ihrem Zuge dorthin redete er zunächst die Alpen an, deren Spitzen im Sonnenschein glühten:

„Ihr Alpen seid gegrüßt, ihr ew’gen Mauern,

Die unsrer Erde Paradies beschützen;

Ihr Niegeseh’nen füllt mit heil’gen Schauern

Ein Herz, das Schnee und Wolken möchte fragen

Und Antwort lesen möchte’ im Sturm und Blitzen.“

Am Ende sprach er davon, wie auch die besten Sterne seines eignen Lebens ihm den Weg nach Süden gezeigt hätten, selbst der letzte, der kaum aufgegangen, schon weiter ziehe, um dort unten zu leuchten.

„Doch flüstert sie mir zu: Ich ziehe gern.

Ja, du hast recht, den Winter lass dem Norden,

Mich lass mit Wort und Tat den Süd verdienen.“

Das Meer von stillem Glück, das in mir zurückblieb, als ich gelesen hatte, lässt sich nicht mit Worten beschrieben. Es war der Friede inmitten der Erregung, die Freude ohne Flecken, ohne heftigen Wunsch – ein Frühlingsmorgen, wo alles Duft ist und Harmonie und Hoffnung auf den Sommer, der folgen soll.

In der Stadt angekommen, wo ich und eine Dame, mit der ich reiste, die Nacht zubringen sollten, schrieb ich ihm eine Antwort, auch in Versen, welche ich seiner Schwester zuschickte, um sie ihm zu übergeben.


Auszug aus „Memoiren einer Idealistin“, Volksausgabe, Schuster und Löffler, Berlin und Leipzig, 3. Auflage Dezember 1881 (S. 117-130)
Bildquelle: Theodor Althaus 1843, Bleistiftzeichnung von Malwida von Meysenbug 
„Erinnerung an die Tage vom 26t bis zum 30t November 1843“
Staatsarchiv Detmold D 75 Nr. 7567



6. Oktober 1848: Trauerspiel in Wien


Der Umzug nach Hannover verzögerte sich und das politische Geschehen nahm unentwegt seinen Lauf, das hieß, die redaktionelle Arbeit ging weiter. In der Frankfurter Paulskirche hatten die Abgeordneten der Nationalversammlung auch bei zunehmender Fraktionsbildung noch immer ein gemeinsames Ziel, eine Reichsverfassung. Die Arbeit an den Grundrechten und einzelnen Passagen des Verfassungswerks ging voran. Man diskutierte in Ausschüssen, bearbeitete Texte und fasste Beschlüsse. Darüber und über den Ablauf der Sitzungen in der Paulskirche informierte die Bremer Zeitung ihre Leser regelmäßig und ausführlich, ebenso über Entwicklungen und Geschehnisse in den einzelnen Ländern.

Ruhe gab es nicht. In jenen Oktobertagen des Jahres 1848 sorgte die österreichische Hauptstadt für Schlagzeilen. Da die blaugelbe Habsburgermonarchie so viele verschiedene Volksstämme unter sich vereinigte, waren die revolutionären Zentren entsprechend weit gestreut. Neben Wien waren das zum Beispiel auch Prag, Mailand und vor allem Ungarn. Unter dem Titel  Revolution in Wien am 6. und 7. October ließ Althaus am 10. Oktober zwei Korrespondentenberichte vom Schauplatz des Geschehens in Wien abdrucken. Demnach gab es eine Meuterei von Angehörigen zweier Bataillone, die auf Anordnung des Kriegsministers Latour gegen die aufständischen Ungarn ausrücken sollten. Den Verweigerern schlossen sich Arbeiter und Studenten an und unterstützten sie mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. In der Nähe des Nordbahnhofs wurden Eisenbahngleise zerstört und die Taborbrücke durch Entfernen eines Jochs und den Bau einer stabilen Barrikade unpassierbar gemacht. Mit weiteren Barrikaden versuchten sie den Nachschub der Armee zu stoppen. Eine aufgebrachte Menge stürmte zum Kriegsgebäude. Dort wurde Latour aufgespürt und ermordet. Nach Eroberung des Zeughauses waren die Aufständischen bewaffnet. Auf beiden Seiten gab es Tote und Verletzte. Kaiser Ferdinand I. verließ mit seinem gesamten Hof das Schloss Schönbrunn und der Wiener Reichstag übernahm sowohl die konstituierende als auch die exekutive Gewalt. Fazit des Wiener Korrespondenten: Beim Schlusse dieses Berichtes war ganz Wien bewaffnet und, eine übrig gebliebene Aufregung abgerechnet, ruhig. Grund zum Jubeln? Nein, meinte der leitende Redakteur der Bremer Zeitung und erinnerte tags darauf an die gemeinsame Zugehörigkeit der Slaven und Magyaren zur Habsburger Dynastie und die Bedeutung dieses Mehrvölkerlandes für Deutschlands demokratische Entwicklung. Die sei weder in der slavischen Affinität zur Monarchie ausgeschlossen noch sei sie im magyarischen Unabhängigkeitsstreben garantiert. Die Kämpfe in Wien wertete er nicht als revolutionären Erfolg, sondern als beginnenden Bürgerkrieg mit gräulichen Bildern wie die Blutlachen im Stephansdom und den ermordeten Minister Latour aufgehängt an einer Laterne vor dem Kriegsgebäude. Wir sehen mit tiefem Schmerze und noch ohne versöhnende Hoffnung für die wahre deutsche Einheit, den Beginn des Bürgerkriegs und den Wiederausbruch der kaum versöhnten Völkerfeindschaft in den Octobertagen von Wien.

Dabei hatte das Trauerspiel Oesterreich so vielversprechend begonnen mit einem Frühlingsschauer von Liebe, Dank, Jubel und stolzer Freude, der Metternich, den verhassten Drahtzieher des Deutschen Bundes, verjagt hatte. Althaus dachte an seine vor der Knute Metternichs geflüchteten österreichischen Dichterfreunde in Leipzig und deren Erzählungen von jungen Märtyrern der Freiheit und von Klagelauten jenseits der schwarzgelben Schranken, die am 13. März 1848 gefallen waren. In diesem Wiener Frühling war sowohl der Zusammenhalt der österreichischen Volksgruppen als auch die Zugehörigkeit zu Deutschland in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gegeben. Doch mit den Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Volksgruppen und der militärischen Einmischung der Deutschen war das gemeinsame Ziel völlig verwischt und für Althaus in weite Ferne gerückt.

Das Trauerspiel hatte den Höhepunkt noch nicht erreicht. Die Stadt Wien wurde von kaiserlichen Truppen unter Windischgrätz eingekesselt und am 31. Oktober 1848 zurückerobert. Zweitausend Todesopfer, viele Verletzte und schreckliche Verwüstungen hatte der Aufstand gekostet. Und die herrschenden Rächer wüteten gnadenlos mit Verhaftungen, Verhören und Todesurteilen.


18. September 1848

Nach der erfolgten Ratifizierung des Vertrages [Waffenstillstand von Malmö] am 26. August 1848 unter Vermittlung von Schweden in Malmö wurde das eigenmächtige Verhalten der preußischen Regierung sowohl in der deutschen Öffentlichkeit als auch in der Presse, den verschiedenen politischen Gruppen und der Nationalversammlung so heftig und kontrovers diskutiert, dass es am 5. September 1848 in der Paulskirche zur Abstimmung kam, bei der 238 Parlamentarier mit 221 Gegenstimmen den Waffenstillstand von Malmö in dieser Form ablehnten, was bedeutete, dass alle Maßnahmen zur Umsetzung gestoppt wurden. Daraufhin trat das Ministerium Leiningen zurück und Friedrich Christoph Dahlmann, der besonders leidenschaftlich für die Ablehnung plädiert hatte, wurde vom Reichsverweser Erzherzog Johann mit der Bildung eines neuen Kabinetts beauftragt. Preußen hat im Namen des Bundes  u n d  in seinem eignen den Waffenstillstand abgeschlossen, die Nationalversammlung hat seine Ausführung sistirt, und so muß  P r e u ß e n  b i e g e n  oder die  C e n t r a l g e w a l t  muß  b r e c h e n, resümierte Althaus am 8. September 1848 im Leitartikel Die Entscheidung. Im Namen des Bundes! Was hatte Blum prophezeit? Rückschritt in die Metternichära. Und Preußen als Vorreiter. Ja, Preußen müsste sich fügen und die parlamentarische Abstimmung gegen den Vertrag, für Einheit und Freiheit, akzeptieren. Sie war ein Sieg der Demokratie.

In den darauffolgenden Tagen erfuhr der leitende Redakteur der auflagenstarken Bremer Zeitung schmerzlich, wie wenig im Moment die Demokratie und die während der Märzrevolution erlangte Pressefreiheit wert waren. Nachdem er sich am 11. September 1848 von der Haltung Waffenstillstand zugunsten des Handels um jeden Preis deutlich distanzierte und sich klar hinter das Votum der Nationalversammlung stellte, gab es eine Vielzahl von Kündigungen der Abonnements. Für viele Bremer Bürger waren Handel und Gewerbe Größen, denen sich die Politik unterzuordnen hatte. Für Althaus hingegen hatten Einheit, Ehre und Freiheit des Vaterlandes oberste Priorität, auch um den Preis der Aufgabe von territorialen Zugewinnen an der Grenze zu Dänemark und Verzögerungen des Küsten- und Seehandels. Besonders das Letztere, Beeinträchtigungen des Seehandels, dürfte in Bremen für großen Unmut gesorgt haben.

Der Rückgang der Abonnenten brachte Althaus eine Menge Ärger mit dem Verleger, der sich in dem Zusammenhang auch um das Anzeigengeschäft sorgen musste. Er wollte diese bitteren Realitäten nicht so recht an sich heranlassen, wenn er am 13. September 1848 im Tagebuch notierte: Diese Gesichter des Himmelseinsturzes, wenn ein Abonnent gekündigt hat! Doch die Misstöne drückten schwer auf seine Stimmung: So in’s Blaue hineinzuschreiben, wenn Dein Leben von nirgendher Dir wieder entgegenkommt – so gar keine Frucht zu sehen, gar keine Genugthuung als die innere, zu der man keine Zeit hat, und die sich endlich auf das leere Gefühl der vollbrachten Arbeit beschränkt! Das ging vorbei. Hart werden und Ausharren, sagte er sich. Er würde daraus lernen.

Es vergingen nur ein paar Tage bis zur nächsten Härteprüfung. Im Frankfurter Parlament war mit dem Ablehnungsvotum keine Ruhe eingekehrt. Wie sollte es weitergehen? Wie konnte man die preußische Vorherrschaft stoppen? Wie sollte man den demokratischen Karren aus dem Sand bekommen? Hektisches Agieren bestimmte das politische Geschehen. Dahlmanns Bemühen um ein neues Reichsministerium schlug fehl und er gab den Auftrag zur Regierungsbildung an den Reichsverweser zurück. Weitere Diskussionen und Parlamentsdebatten führten zu Verschiebungen von Mehrheiten, sodass die Nationalversammlung in einer erneuten Abstimmung am 16. September 1848 den Waffenstillstandsvertrag schließlich doch akzeptierte und mit 257 gegen 236 Stimmen für die Ratifizierung zwischen Preußen und Dänemark votierte. Damit hatte das erste frei gewählte deutsche Parlament das Vertrauen seiner Wähler und das potentieller Verhandlungspartner verspielt. Außerdem hatte es sich selbst als politische Kraft matt gesetzt, indem es den Beschluss über die Errichtung der Zentralgewalt nicht umsetzte, obwohl Im Erlass vom 28. Juni 1848 der vierte Absatz lautete: Ueber Krieg und Frieden und über Verträge mit auswärtigen Mächten beschließt die Zentralgewalt im Einverständnisse mit der Nationalversammlung.

Theodor Althaus konnte es nicht fassen. Über das leere Blatt auf seinem Stehpult hinweg blickte er auf die grünen stacheligen Kugeln der Kastanien vor seinem Fenster. Wie sollte er beginnen? Sie würden darauf schauen, was da nun morgen geschrieben stand in seinem Leitartikel. Viel hatte er noch nicht erfahren, zwei Tage nach dem parlamentarischen Donnerschlag. Die Informationen aus Frankfurt flossen spärlich. Die Entscheidung war knapp gewesen und das ließ hoffen. Es war noch nicht aller Tage Abend. Tumultartige Szenen vor der Paulskirche, hieß es. Kein Wunder, dass die Menschen sich Luft machten in ihrer patriotischen Leidenschaft. Wenigstens das Volk wusste, was es seinem Vaterland schuldig war, im Gegensatz zur Frankfurter Majorität. Der Beschluß der Nationalversammlung über den Waffenstillstand, schrieb er in die Kopfzeile. Das klang sachlich und würde niemanden provozieren. Und doch. Nur schreiben, was sie lesen wollten? Um den Verleger nicht zu verärgern? Dass er überhaupt darüber nachdachte. Nein, ungeschönt und in voller Klarheit würde er das Dilemma in der Paulskirche aufzeigen. Zum ersten Mal hätte die Nation als Einheit agieren können und hatte es nicht getan. Dänemark hätte die Zentralgewalt anerkennen müssen und hatte es nicht getan. Stattdessen diffuses Gerede von Verständigung und Modifikationen. Wer? Wo? Wie? Nichts als diplomatisches Geschwätz. Wer sollte eine Regierung denn auch ernst nehmen, die sich selbst nicht ernst nahm, seine selbst gegebenen Gesetze feige verleugnete? Wer sollte so einem Land völkerrechtliche Anerkennung gewähren? Und was war mit der Ehre Deutschlands und der Ehre der Zentralgewalt? Wer hatte daran gedacht? All das schrieb er und machte zum Schluss noch eine Bemerkung zur wichtigen materiellen Frage. Zumindest die könnte ja jetzt in der bremischen Kaufmannsstadt in Ruhe und gedeihlich gelöst werden.

Die Kritik an seinem Artikel in der Bremer Bürgerschaft, weitere Kündigungen von Abonnenten und die neuesten Nachrichten aus Frankfurt bereiteten ihm dann doch heftiges Kopf- und Bauchweh. Er wurde krank, arbeitete aber weiter bis nach Mitternacht, um die nächste Ausgabe einschließlich seiner Kommentare vorzubereiten, deren Inhalte er sich trotz allem nicht vorschreiben ließ. Die tumultartigen Ausbrüche vor der Paulskirche hatten sich an diesem 18. September 1848 in den Frankfurter Straßen und Gassen ausgeweitet. Abgeordnete der Nationalversammlung wurden angefeindet und als Verräter beschimpft. Der nach dem Rücktritt von Leiningens neu ernannte dreiundvierzigjährige Reichsminister Anton Ritter von Schmerling aus Österreich hatte, angeblich auf Bitten des Frankfurter Senats, preußische Truppen aus Mainz angefordert, was zur Eskalierung der Unruhen und zum Barrikadenbau führte, der allerdings ziemlich halbherzig und chaotisch angelegt war. Mit dem Eintreffen weiterer Truppen, auch österreichischen, war der Aufstand am selben Abend niedergeschlagen.

Außer schweren Schäden an Straßen und Gebäuden hatten die Kämpfe viele Verletzte und mehr als vierzig Todesopfer gefordert, darunter Aufständische, Zivilisten, Soldaten und Offiziere. Die preußischen Abgeordneten Hans von Auerswald und Felix Fürst von Lichnowsky wurden von einer Gruppe äußerst gewaltbereiter Fanatiker verfolgt, gejagt und mit unvorstellbarer Brutalität ermordet. Das war eine Bilanz, die in jedem Falle innehalten ließ. Vor allem die brutalen Morde an Auerswald und Lichnowsky beherrschten die öffentliche Diskussion und die Medien. Auch Theodor Althaus zeigte sich in der Ausgabe vom 22. September 1848 schockiert von diesen empörenden Grausamkeiten, die jenen Tag als einen Schandfleck unsrer Geschichte hinstellen, wollte jedoch das Geschehen nicht weiter kommentieren, bevor gerichtliche Untersuchungen die wahren Tatbestände aufgeklärt hätten. Auch wollte er den Septembertag nicht nur als fluchbeladenen sehen. Bei aller Schrecklichkeit des Geschehens wollte er sich nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass an den revolutionären Aktivitäten die Diskrepanz zwischen dem deutschen Volk und der Nationalversammlung deutlich wurde, das sich von dem im Mai gewählten Parlament nicht mehr vertreten fühlte.

Außerdem müssten endlich auch in den Ländern demokratische Strukturen geschaffen werden, forderte Althaus: Diese Revolution, die innerlich und ohne viel gewaltsame Ausbrüche gereift ist, macht eine neue Form, eine neue  V e r t r e t u n g  des wesentlich umgewandelten Volkswillens nothwendig, und wer ihr gesetzliches Zustandekommen verhindert, wird, wie einst und immerfort, die Schuld des gewaltsamen Weges tragen. Die festeste Stütze der Nationalversammlung aber werden nicht Truppenconcentrationen und Belagerungszustand sein, sondern  c o n s t i t u i e r e n d e  L a n d t a g e, die den Particularismus brechen und die Oberhoheit der deutschen Centralgewalt anerkennen werden.

Die Frage nach Ursachen und Schuld für die Hintergründe der Ausschreitungen beschäftigte nicht nur die Presse und die verschiedenen Gruppierungen im Umfeld der Frankfurter Nationalversammlung. Nachdem die neue provisorische Reichsregierung mit ihren von Preußen und Österreich unterstützten militärischen Maßnahmen mehr als eindrucksvoll vorgeprescht und in die Kritik geraten war, sah sie sich veranlasst, eine offizielle Darstellung zum Geschehen herauszugeben. Im Erlaß der Zentralregierung vom 22. September 1848 wollte von Schmerling nicht näher genannten Verschwörern die Schuld zuschieben, wenn er formulierte: Die unter dem längst verführten Volke verbreiteten falschen Auslegungen über den Beschluß der Nationalversammlung vom 16. September 1848 – wodurch der zu Malmö abgeschlossene Waffenstillstand nicht ferner zu beanstanden sei – brachten lange vorbereitete Pläne zur Ausführung. Am 17. September 1848 wurde nächst Frankfurt eine große Volksversammlung abgehalten, dabei der Aufruhr offen gepredigt und zum Sturme gegen die Majorität des Parlaments aufgefordert. Es trafen von allen Seiten Bewaffnete ein […]. Unter dem Schutze zweier aus Mainz beigezogener Bataillone hielt die Nationalversammlung am 18. September 1848 vormittags Sitzung, umringt von drohenden Haufen, deren Versuch, gewaltsam in den Sitzungssaal einzudringen, durch Reichstruppen vereitelt wurde. Von 2 Uhr bis gegen 9 Uhr abends dauerte der Straßenkampf gegen die zahlreich errichteten Barrikaden […]. Erst am 19. morgens war die gesetzliche Macht vollständig Meister der Stadt.

Beweise oder wenigstens schlüssige Antworten auf die Frage, wer falsche Auslegungen verbreitete, das Volk verführte und lange vorbereitete Pläne ausgeführt haben sollte, gab Reichsminister von Schmerling nicht. Stattdessen machte er einen diffusen Rundumschlag, meinte aber wohl vor allem die in der Paulskirche auf der linken Seite sitzenden republikanisch gesinnten Demokraten. Für diese sogenannten Linken stellten sich die Hintergründe ganz anders dar. Sie wehrten sich gegen die Kritik. In einer Kundmachung der Vereinigten Linken in der Frankfurter Nationalversammlung über die Septemberkrise“ vom selben Tage formulierten sie eine Gegendarstellung: Nicht die Schwäche oder Niederlage Deutschlands, sondern hauptsächlich eine unheilvolle Nachgiebigkeit gegen die Sondergelüste der preußischen Regierung hat uns diesen Waffenstillstand aufgedrungen […]. War es ein Wunder, wenn das Volk sich dasselbe Recht beilegte, welches sich die  E i n z e l r e g i e r u n g e n  durch wiederholte   M i ß a c h t u n g  der Beschlüsse der Nartionalversammlung angemaßt hatten? Blutige Szenen haben sich unter unsern Augen entwickelt, die wir eben so tief bedauern, als wir fest überzeugt sind, daß sie hätten vermieden werden können, wenn man zur rechten Zeit die geeigneten Maßregeln ergriffen hätte, welche wir nach Kräften anrieten  […]. Frankfurt steht jetzt unter der ehernen Zuchtrute des Belagerungszustandes und Kriegsgesetzes, d.h. der Rechtlosigkeit […].

Wie die geeigneten Maßregeln zur Verhinderung der Ausschreitungen ausgesehen hätten, wurde in einem Artikel der von Robert Blum und Georg Günther redigierten Deutschen Reichstagszeitung erläutert, den Althaus in der zweiten Ausgabe der Bremer Zeitung vom 23. September 1848 wortgetreu abdrucken ließ. Demnach sprachen an jenem Montag, dem 18. September 1848, die Abgeordneten Ernst Schilling, Ludwig Simon von Trier und Robert Blum mit Vermittlungsabsichten im Reichsministerium vor, nachdem sie sich mit den Demonstranten vor der Paulskirche ausgetauscht hatten. Dem Reichsverweser Erzherzog Johann und Reichsminister von Schmerling rieten sie dringend, die Truppen aus Frankfurt zurückzuziehen. Man könne nach ihrer Einschätzung darauf vertrauen, dass sich die Demonstration ohne militärischen Einsatz friedlich auflösen werde. Davon habe jedoch Schmerling überhaupt nichts wissen wollen. Mit herzloser Kälte und grinzendem Lächeln habe er einen Truppenabzug abgelehnt. Kurz nach diesen Friedensbemühungen der drei Abgeordneten sei der erste Schuss gefallen und die verhängnisvollen Kämpfe hätten begonnen. So wurde es im Artikel  der Reichstagszeitung und in der Bremer Zeitung publiziert.

Je mehr Wahrheiten über die Frankfurter Ereignisse zum Ende des Monats hin offenbar wurden, desto klarer wurde selbst den in der Paulskirche rechts sitzenden Konservativen, dass in der Tat sechstausend Soldaten gegen vierhundert Barrikadenkämpfer ein lächerliches Missverhältnis war. Ebenfalls wurde der Unterschied zwischen brutaler Mordlust und Empörung des beleidigten Nationalgefühls, als der wahren Quelle des Kampfes, wie Althaus ihn im Artikel Zur Orientierung am 3. Oktober 1848 herausstellte, inzwischen emotionsloser gesehen. Und nicht zuletzt war auch klar, dass das heraufbeschworene Komplott wohl außer Schmerling niemandem bekannt war, denn Beweise gab es nicht. Schon einige Tage zuvor hatte Althaus festgestellt, dass dieser unheilvolle Septembertag einen Wendepunkt in der Geschichte der deutschen Revolution darstellte. Wieder einmal wurde ihm klar, wie recht Robert Blum mit seiner Junirede zur Zentralgewalt gehabt hatte. Gagern war als erster Mann der Nation vom Thron herabgestiegen in die Partei der Konservativen und hatte mit seiner Zustimmung zum Waffenstillstand das Vertrauen des Volkes verloren. Den kühnen Griff hatte er Schmerling überlassen, der sich mit Belagerungszustand und Kartäschen diktatorisch gegen Blums diplomatische Vermittlungsversuche gestellt hatte. Man befinde sich in einer Übergangsphase, in der man das Vertrauen des Volkes zurückgewinnen müsse, resümierte Althaus. Doch anstatt zügig die konstituierende Arbeit vor allem in den Ländern zu tun, werde derzeit  die Agitation für demokratische Gesetze als Anarchie denunzirt und in politischen Streitigkeiten die Zeit vergeudet

"Aus dem Gefängniß"

„…ich fühle mich hier nur dem Zufall und der Gewalt gegenüber. Mein Hochverräthe Titel bildet vollends einen komischen Kontrast zu mir selbst… “ (Theodor Althaus)

Theodor Althaus war sechsundzwanzig Jahre alt und verantwortlicher Redakteur der „Zeitung für Norddeutschland“ in Hannover, als er am 14. Mai 1849 vom Schreibtisch weg ins Gefängnis gebracht wurde. Was man ihm vorwarf? Staatsverrat. Den sollte er mit seinem Leitartikel „Der zehnte Mai in Frankfurt“  begangen haben. Doch nicht als Staatsverräter, sondern als „Märtyrer für die Reichsverfassung“ fühlte er sich. Ja, er war er einer der engagiertesten Kämpfer für den deutschen Staat, dessen Verfassung vierhundert Delegierte in der Frankfurter Paulskirche erarbeitet hatten, allesamt vom Volk gewählt. Doch die Umsetzung des Gesetzeswerkes scheiterte an der Selbstherrlichkeit von Monarchen, allen voran des preußischen Königs, der die Reichsverfassung nicht anerkannte. Mit dem Rücktritt des Präsidenten der Nationalversammlung Heinrich von Gagern am 10. Mai 1849 war das erste deutsche Parlament am Ende. Wer konnte es den Kämpfern für ein demokratisches Deutschland verdenken, dass sie aufbegehrten und auf die Straße gingen? Beginnend mit dem Dresdner Maiaufstand kam es in vielen Regionen Deutschlands zu Volkserhebungen, die alle mit Hilfe preußischer Soldaten blutig niedergeschlagen wurden. Das Verbrechen von Theodor Althaus bestand darin, dass er seine Leser dazu aufrief, im Königreich Hannover einen Landesausschuss zur Durchführung der Reichsverfassung zu bilden. Das Volk müsse das Gesetzeswerk notfalls auch mit Waffengewalt verteidigen.

Mit der Verhaftung war die bitter erkämpfte berufliche Laufbahn des jungen Redakteurs beendet. Dabei hatte sein Leben so vielversprechend begonnen. Als ältester Sohn des lippischen Superintendenten am 26. Oktober 1822 in Detmold geboren, herausragend begabt und gefördert hatte er alle Voraussetzungen, um in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Jedoch landete er nach glänzendem Abschluss des Studiums in Bonn, Jena und Berlin wieder im Detmolder Elternhaus. Als kritischer Geist hatte der Kandidat der Theologie keine Chance auf eine Anstellung. Er schrieb längere Abhandlungen und Artikel für freiheitlich orientierte Zeitungen.  Mit Erfolg, seine brillanten Texte wurden gedruckt.

Was war aus der Aufbruchstimmung zu Beginn seines Bonner Studiums geworden, fragte er sich im Sommer 1846 auf seinen Wanderungen am Rhein, wenn  „der Fuß mit jedem Schritt an eine faule Frucht der Geschichte stieß“? Ja, es war etwas faul in Deutschland. Einige Privilegierte besaßen alles im Überfluss und ein Großteil der Bevölkerung litt bittere Not. Althaus träumte von der Abschaffung des Geldes und stellte sich vor, es „in den Rhein zu senken wie den unseligen Nibelungenschatz“. In einem längeren Gedicht schrieb er sich seine Gedanken von einem Leben in Freiheit und Liebe von der Seele. „Eine Rheinfahrt im August“  wurde jedoch gleich nach Erscheinen bei Schünemann in Bremen von der preußischen Zensurbehörde verboten.

Schlagartig änderte sich die vormärzliche Stimmung, als am 24. Februar 1848 mit dem Sturz des Königs Louis Phillippe und der Ausrufung der französischen Republik ein nie geahnter deutscher Frühling bis in die letzten Winkel zog. Wie eine Befreiung erlebten die Menschen diesen Sieg im Nachbarland. Straßen und Plätze wurden schwarzrotgold geschmückt. Monarchische Herrscher konnten dem Druck der vielen Menschen auf der Straße nicht standhalten, ließen die Zügel locker, verkündeten Pressefreiheit und installierten in Windeseile Märzministerien. Plötzlich schien alles möglich. Ein sturmbrausendes Jahr hatte begonnen. Doch spätestens nach der blutigen Barrikadennacht am 18. März 1848 in Berlin, die Theodor Althaus als Korrespondent der Bremer „Weser Zeitung“ erlebte, wurde dem jungen Detmolder klar, dass der Weg zur Demokratie ein steiniger sein würde. Zwei Monate später berichtete er von der ersten Sitzung der Nationalversammlung in der Paulskirche und davon, wie ganz Frankfurt den neuen Präsidenten Heinrich von Gagern mit einem Fackelzug feierte. Es gebe zwar auch kritische Stimmen, schrieb er in seinem Artikel, doch glaube er, dass man schöne Zeiten erleben werde, Gagern sei ein „Mann des Volks“.

Die schönen Zeiten kamen nicht. Mit Erstarken der Reaktion geriet die demokratische Bewegung ins Stocken. Im Strudel der auf und abwogenden Entwicklungen wurde der junge Stürmer aus Detmold mitgerissen und geriet im Laufe des Jahres 1848 in ein berufliches Dilemma. Seine Leitartikel zum „Waffenstillstand von Malmö“ und zum Mord an Auerswalt und Lichnowski während des Frankfurter Septemberaufstandes führten zum Zusammenbruch seiner Zeitung in Bremen. Mit der Gründung der „Zeitung für Norddeutschland“ in Hannover bekam er noch eine Chance, bemerkte aber nicht, wie er immer weiter in die Mühlen seiner reaktionären Gegenspieler hineingeriet, die dann auch bei nächster Gelegenheit zuschlugen

Etwas mehr als ein Jahr nach dem strahlenden deutschen Frühling im März 1848, fast zeitgleich mit dem Rücktritt Heinrich von Gagerns und dem Scheitern der Nationalversammlung, wurde er festgenommen und war zunächst im „Gefängniß vor dem Cleverthor“ in Hannover inhaftiert, dann im Stadtgefängnis und schließlich im Staatsgefängnis St. Godehard in Hildesheim. Dort schrieb er im Winter 1850 seine Gedanken und Erinnerungen auf. So sind die Visionen von Theodor Althaus für die Nachwelt erhalten und lesen sich heute erstaunlich frisch, wenn er von Deutschland als weltgrößtem „literarischen Museum“ schreibt, von europäischem Geist sowie von freien Gemeinden anstatt feindlicher Religionsgemeinschaften. „Aus dem Gefängniß. Deutsche Erinnerungen und Ideale“ erschien beim Verlag von A. D. Geisler in Bremen.


… und zum Download: Aus dem Gefängniß  (99 Cent)

Gottfried Kinkel in Bonn



Theodor Althaus war 18 Jahre alt, als er an einem Oktobertag des Jahres 1840 die Wohnstube des Pfarrhauses Unter der Wehme in Detmold verließ, zu Fuß nach Paderborn ging und von dort mit der Postkutsche an den Rhein fuhr. Der älteste Sohn des lippischen Generalsuperintendenten hatte ein glänzendes Abiturexamen abgelegt und wollte an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn Theologie zu studieren. Und es war schon etwas Besonderes, von einer der ersten Amtshandlungen des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. zu profitieren und bei der Einschreibung vom gerade rehabilitierten Rektor Ernst Moritz Arndt persönlich begrüßt zu werden. Berechtigte Hoffnung auf ein einheitliches, freies und demokratisches Deutschland lag in der Luft. Doch in den beiden Vertretern der theologischen Fakultät, den Professoren Nitzsch und Bleek, sah der junge Stürmer aus dem Fürstentum Lippe diese Hoffnungen nicht erfüllt. Das sah er lediglich in den überzeugenden Vorträgen des fünfundzwanzigjährigen Dozenten Gottfried Kinkel.  Bei ihm hörte er Kirchengeschichte und das mit Begeisterung und großem Respekt. Später gehörte er zum studentischen Kreis der wöchentlichen Kränzchen, zu denen Kinkel eine kleine Anzahl seiner Schüler in das Poppelsdorfer Schloss einlud. Die Verehrung des Theologiestudenten aus Detmold ging so weit, dass er seinem Dozenten bei bestimmten Themen seines Unterrichtsfaches inhaltlich zuarbeitete. So entwickelte sich über die Kränzchenabende hinaus eine Freundschaft, die auch nach Beendigung des Studiums anhielt.

Im Sommer des Jahres 1846 trafen sie wieder zusammen. Drei Jahre nach Beendigung des Theologiestudiums hatte sich für den Kandidaten Theodor Althaus keine berufliche Perspektive ergeben. Als Schriftsteller und Journalist  lebte er im Detmolder Elternhaus und hatte gerade eine längere Schrift über die Zukunft des Christenthums verfasst. Während einer Wanderreise an den Rhein besuchte er seinen ehemaligen Dozenten Gottfried Kinkel in Bonn. Der war nach seiner Heirat mit der geschiedenen Johanna Mockel umhabilitiert worden und unterrichtete inzwischen das Fach Kunstgeschichte. Im vertrauten Gespräch stellten die beiden fest, wie wenig sich die Hoffnungen auf ein einheitliches demokratisches Deutschland erfüllt hatten. Deutschland war nach wie vor zersplittert in 36 Einzelstaaten, in denen der jeweilige König, Fürst  oder Großherzog auf dem Hintergrund der Karlsbader Beschlüsse mehr oder weniger despotisch gegen seine Untertanen regierte.  Wenige besaßen viel und weite Teile der Bevölkerung litten Not und hungerte.

In ihren jeweiligen Zusammenhängen kämpften Kinkel und Althaus gegen diese Ungerechtigkeiten. Unabhängig voneinander wurden sie im Strom des Revolutionsjahres 1848 mitgerissen und gehörten zu denjenigen, deren Laufbahn im Zusammenhang mit den Reichsverfassungskämpfen im Mai 1849 schicksalhaft endete. Kinkel landete nach der Teilnahme am Sturm auf das Siegburger Zeughaus sowie am badischen Aufstand im pommerschen Zuchthaus Naugard und Althaus als Redakteur der Zeitung für Norddeutschland wegen eines Artikels mit Aufruf zur Bildung eines Ausschusses zur Durchführung der in Frankfurt vollendeten Reichsverfassung im Staatsgefängnis St. Godehard in Hildesheim. Hier schrieb er im Jahre 1850 seine persönlichen Erinnerungen Aus dem Gefängniß, in denen er neben Robert Blum, Heinrich von Gagern und Julius Fröbel seinem Freund Gottfried Kinkel ein Kapitel widmete.

Als E-Book verfügbar: 
Kurzbiografie von Gottfried Kinkel:

1815 am 11. August wird Gottfried Kinkel in Oberkassel als Sohn eines evangelischen Theologen geboren


1831 Studium der Theologie an der Universität Bonn


1834 Studium der Theologie an der Universität Berlin


1837 Dozent für Kirchengeschichte an der Universität Bonn


1843 Heirat mit Johanna Mockel, katholisch und geschieden, somit kann Kinkel in der theologischen Fakultät nicht mehr lehren


1845 Professor für Kunst- und Literaturgeschichte in Bonn


1848 Redakteur der Bonner Zeitung


1848 gründet den demokratischen Verein Bonn


1849 nimmt im Mai am Siegburger Zeughaussturm und im Juni am badisch-pfälzischen Aufstand teil (Reichsverfassungskämpfe)


1849 am 4. August wird er zu lebenslanger Festungshaft verurteilt und inhaftiert, zunächst in Bruchsal, dann im pommerschen Naugard


1850 im Mai wird er in das Zuchthaus Spandau überwiesen


1850 am 6. November wird er in einer spektakulären Aktion von Carl Schurz befreit, flüchtet über Rostock und Warnemünde nach England und lässt sich in London nieder


1851 folgt Johanna Kinkel mit den vier Kindern nach


1852 Professor für Literaturgeschichte am Hyde-Park- und am Bedford-College


1858 Johanna Kinkel stirbt in London


1860 heiratet Minna Werner aus Königsberg


1861 Vorträge zur Kunstgeschichte im South-Kensington-Museum


1863 Examinator an der Universität London


1866 Professor für Kunstgeschichte am Polytechnikum Zürich



1882 am 13. November stirbt Gottfried Kinkel nach einem Schlaganfall, ohne vorherige Amnestie


Rheinfahrt im August



Der August des Jahres 1846 bescherte wunderbare Sommertage. Der fast vierundzwanzigjährige Theodor Althaus hatte sein Studium in Bonn, Jena und Berlin beendet, hatte jedoch auf Grund seiner politischen und religiösen Überzeugungen keine Chance auf eine Anstellung. Ihm blieb die Sprache in Predigten, Vorträgen und dem geschriebenen Wort. Für seine längere Schrift „Die Zukunft des Christenthums“, in der er seine progressiven religiösen Vorstellungen ausführlich darstellte, hatte er einen Verleger gefunden. Und nach Wanderungen im Harz und an der Weser zog es ihn an den Rhein, seinerzeit wichtiges Symbol der deutschen Freiheitsbewegung.  Gerne erinnerte sich Althaus an seine Studienzeit an der Bonner Friedrich Wilhelms Universität, an Weinfelder, das Siebengebirge, Burg Rheinstein hoch über der Flusswindung, den schroffen Loreleyfelsen, die glitzernden Wellen am Ufer und an den Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten, die dasselbe Ziel verfolgten wie er: ein einheitliches demokratisches Deutschland, in dem es allen Menschen gut ging, nicht nur den Königen und Fürsten.
In Köln traf er Levin Schücking und Karl-Heinrich Brüggemann von der „Kölnischen Zeitung“ und ein paar Kilometer rheinaufwärts seinen Bonner Dozenten Gottfried Kinkel,  mit dem ihn inzwischen eine enge Freundschaft verband.
Mit dem Dampfboot fuhr er weiter flussaufwärts bis nach Bingen, unternahm eine mehrtägige Wanderung entlang der Nahe bis  nach Kreuznach, wo er bei seinen Beobachtungen den Eindruck hatte, er stoße mit jedem Schritt an eine „faule Frucht der Geschichte“. Die krassen Gegensätze zwischen bestens ausgestatteten Kurgästen auf der Kreuznacher Promenade und den schwitzenden Arbeitern mit zerschundenen Händen in den Weinfeldern waren ihm unerträglich.
Hinter Bad Münster am Stein ging es bergauf zur Ebernburg, wo er sich beim Gang zwischen den Ruinen um einige Jahrhunderte zurück versetzt fühlte in die Reformationszeit, als der Burgbesitzer Franz von Sickingen, Freund des Volkes und Martin Luthers, hier gewohnt und entgegen allen Anfeindungen seiner Fürstenkollegen, verfolgten Reformatoren Asyl gewährt hatte. Auch Sickingens gleichgesinnter Freund, der Dichter Ulrich Hutten, war für lange Zeit dort oben untergekommen. Diese besondere Bedeutung verschaffte der Burg den Beinamen „Herberge der Gerechtigkeit“.
Eine weitere Unternehmung führte den Wanderer in das wildromantische, zerklüftete Wispertal. Stundenlang ging er allein, umgeben nur von der großartigen Natur, die doch klüger war als die Menschen, die es nicht fertig brachten, diese Großartigkeit auch denen zugänglich zu machen, die in Hütten hausten. Welch ein Widerspruch!
In dieser „Profeteneinsamkeit“ fochten die Gedanken in seinem Kopf einen fürchterlichen Kampf, der dann in leidenschaftlicher Empörung mit Feder und Tinte zum Ausbruch kam. In den sechsundneunzig Strophen von „Eine Rheinfahrt im August“ erinnerte der Autor an die hochfliegenden Hoffnungen auf Freiheit und Gerechtigkeit, zeigte das schwache Elend der vielen, die sich abquälten, damit wenige alle Reichtümer besäßen und stellte fest, das „fluchbeladene Metall“ richte nur Unheil und Blutvergießen an. Geld solle man besser im Rhein versenken wie den Nibelungenschatz. Gleichzeitig war dieses Gedicht eine Hymne an den mächtigen Fluss, der ruhig und unbeirrt seinen Weg nahm. An alle dem hatte der Rhein ja keine Schuld. Er war der ungekrönte König und auf ihm ruhten seine Hoffungen auf bessere Zeiten.
Die Zukunftsvision von Freiheit, Liebe und Gerechtigkeit beherrschte Theodors gesamtes Denken, Fühlen und Handeln. Für die Verwirklichung dieses Ideals würde er alles geben. Als wollte er diesen Vorsatz besiegeln, taufte er sich eines Abends an einer Uferstelle selbst mit klarem Rheinwasser.
Außer in den gereimten Zeilen  „Eine Rheinfahrt im August“ bearbeitete Theodor Althaus seine Erlebnisse während dieser Wanderungen in den zwei Erzählungen „Herberge zur Gerechtigkeit“ und „Eine Nacht der Gegenwart“, die er in der Anthologie „Mährchen aus der Gegenwart“ publizierte. Der letzte Text in dieser kleinen Sammlung, überschrieben „Vom Rhein“, ist ein Auszug aus Theodor Althaus längerer Schrift „Aus dem Gefängniß“ die er während seiner Haftzeit im Staatsgefängnis in Hildesheim verfasste. 

Leseprobe aus:


Gedicht von Theodor Althaus als eBook:

Rheinfahrt im August


1847: Literatenleben in Leipzig

Nach der literarischen Bestandsaufnahme seiner bisherigen schriftstellerischen Arbeiten hatte Theodor Althaus Ende Juni 1847 endlich den Absprung aus der lippischen Residenz geschafft. Wie musste der Außenseiter der Detmolder Gesellschaft sich gefühlt haben, als er im Konversationszimmer des Museums in Leipzig, vor sich ein Töpfchen Bier, seine Zeitung las, ohne dass hinter seinem Rücken getuschelt wurde. Diese Enge hatte er hinter sich gelassen und war umgezogen in die sächsische Messe- und Buchhandelsstadt. Nirgends gab es so viele Schriftsteller, Verleger und Buchhändler wie in Leipzig. Und die vier Männer ihm gegenüber auf dem Diwan machten ihm den Eindruck, als gehörten sie zu dieser Branche. Als einer aufstand, um zu gehen, hörte Theodor einen Namen, der ihm bekannt war. Er folgte dem blonden Mann auf den Platz vor dem Museum und fragte ihn, ob er vielleicht Dr. Arnold Ruge sei. Ja, es war der fünfundvierzigjährige Hochschullehrer und Schriftsteller mit bewegter Vergangenheit einschließlich Festungshaft als politischer Gefangener und vergeblichen Versuchen, in verschiedenen Städten von Deutschland Fuß zu fassen. In der sächsischen Literatenmetropole hatte er für sich, seine Frau und vier Kinder als Verleger eine Existenz gefunden. Ruge mochte den jungen Detmolder und ließ ihn an familiären Unternehmungen teilnehmen, wie Baden an heißen Tagen und Spaziergängen in die dörfliche Umgebung, wobei Theodor den Verleger Otto Wigand und Familie kennenlernte, in dessen Wigands Vierteljahrsschrift er zwei Jahre zuvor seine Abhandlung über den Detmolder Dichter Ferdinand Freiligrath publiziert hatte.

Diese Kreise waren es dann auch, die dem Schriftsteller aus der lippischen Provinz erste honorierte Tätigkeiten im Literatur- und Kulturbetrieb verschafften. So schrieb er eine Charakteristik von Nikolaus Lenau für Arnold Ruges Die politischen Lyriker unserer Zeit und Rezensionen zur Gegenwartsliteratur in verschiedenen Organen, wie zu Heines Atta Troll in Blätter für literarische Unterhaltung, von Heinrich Brockhaus herausgegeben. Wigand vermittelte ihm den Auftrag, den historischen Roman Le Piccinino von George Sand zu übersetzen, Ruge band ihn in seiner Weltgeschichte für die Jugend“ ein und Robert Blum, den er im Redeübungsverein kennenlernte, bat ihn, an seinem Staatslexikon für das deutsche Volk mitzuarbeiten. Für Blums Lexikon schrieb er Artikel zu den Begriffen Christenthum Cultus (Cultusministerium) und Demagog (Demagogie, demagogische Umtriebe) mit entsprechender Akzentuierung seiner politischen Überzeugungen.

Außer mit interessanter literarischer Arbeit war das Leben von Theodor Althaus in Leipzig ausgefüllt mit lebendiger Geselligkeit. Im Café français begegnete er den gleichaltrigen österreichischen Dichtern Moritz Hartmann, Eduard Mautner und Alfred Meißner, die sich in der sächsischen Stadt aufhielten, um den unerträglichen Spionier- und Zensurpraktiken von Staatskanzler Clemens Lothar Fürst Metternich zu entgehen. Er lernte Ignaz Kuranda und Julian Schmidt von den Grenzboten  kennen und Julius Fröbel, der ihn von allen neuen Bekannten am meisten beeindruckte. Der zweiundvierzigjährige Fröbel wohnte seit einem Jahr in Dresden. Vorher hatte er als Professor für Mineralogie in Zürich gelehrt und nach dem reaktionären Züriputsch am 6. September 1839 das Literarische Comptoir gegründet, in dem er oppositionelle Texte verlegte und auch in Deutschland verbreitete, wie die von Georg Herwegh und Hoffmann von Fallersleben. Als der Verlag verboten wurde, schlugen Otto Wigand und Arnold Ruge ihm vor, nach Leipzig zu kommen. Dort bekam er jedoch keine Aufenthaltserlaubnis. Mit großem diplomatischem Geschick gelang es Fröbel, sich in Dresden niederzulassen. Er kam nun regelmäßig nach Leipzig in das Verlagsbüro von Ruge, mit dem er eng zusammenarbeitete.

Theodor Althaus fühlte sich stark angezogen von dem so ruhig und souverän agierenden Mann, der sich während der gemeinsamen Unternehmungen zu einem wahren Freund entwickelte. Julius Fröbels soeben im Verlag von J. P. Grohe, Mannheim erschienene Publikation System der socialen Politik  fand seine uneingeschränkte Bewunderung, war sie doch aus der gleichen Motivation entstanden wie die Zukunft des Christenthums, dem Streben nach einem Zusammenleben in Freiheit und Liebe auf der Grundlage der Menschenrechte und Volkssouveränität. Jedoch im Vergleich zum Feuereifer seines jugendlichen Ungestüms fand Althaus bei dem älteren Freund eine sachlich klar entwickelte Systematik, was ihn zutiefst beeindruckte und seinen vollen Respekt gewann. Fröbels Werk war bereits die zweite Auflage, die erste war ein Jahr zuvor, aus guten Gründen anonym, unter dem Titel Neue Politik von C. Junius herausgekommen.

Bei einem Landspaziergang im Kreis um Fröbel und Ruge hatte Althaus die Gelegenheit, mit dem Dramatiker Friedrich Hebbel zu fachsimpeln. Sie redeten über das historische Drama, von Hölderlins’s Empedokles über Shakespeare und Goethe bis Grabbe, von dem Hebbel nicht allzu viel hielt. Wenige Tage später traf er ihn wieder im Café français. Hebbel war fürchterlich verärgert über eine kritische Rezension seines Werkes von Julian Schmidt in den Grenzboten, die er gerade gelesen hatte. Der jungen Frau Hebbel gelang es schließlich, ihren Fritz zu beruhigen, indem sie ihm eine Tasse Kaffee bestellte. Du fragst nach Hebbel, schrieb Theodor am 17. August 1847 seiner Schwester Elisabeth, der hat allerdings seine harten Seiten, an denen man sich die Zähne ausbeißen könnte, als dass man ihn von einem Fehler überzeugte. Guten Rath nimmt er absolut nicht an. Ich merkte das auf der Stelle und redete mit ihm also bloß von den Sachen, wo ich ziemlich mit ihm übereinstimmte. […] Er muß Glück haben in der Wahl seiner Stoffe; wenn er dies Glück einmal hat, kann der Effect sehr groß werden, die Maria Magdalena ist ein Anfang dazu.

Eine weitere Verbindung knüpfte er zu dem drei Jahre älteren Historiker Heinrich Wuttke, der an der Leipziger Universität Vorlesungen hielt. Am 19. Oktober 1847 wanderte er früh am Morgen zusammen mit ihm in südöstlicher Richtung aus der Stadt hinaus über Feldwege, vorbei an Gebüsch, durch stille Dörfer, dann durch eine lange Pappelallee hinauf zur höchsten Erhebung dieser Gegend. Auf diesem Hügel hatten vierunddreißig Jahre zuvor die verbündeten Monarchen Kaiser Franz I. von Österreich, Kaiser Alexander I. von Russland und König Wilhelm III. von Preußen gestanden, die Kampfhandlungen der Völkerschlacht verfolgt und am Abend des 19. Oktober 1813 die Nachricht vom Rückzug der Truppen Napoleons entgegen genommen. Zur Erinnerung an diesen wichtigen Sieg hatte man auf dem Monarchenhügel ein pyramidenförmiges Denkmal aus Sandstein errichtet, das an jenem Tage eingeweiht wurde.

Über das Ereignis verfasste Theodor Althaus einen Artikel für die Bremer Weser-Zeitung, in dem er die Organisation und vor allem die Rede von Superintendent Großmann heftig kritisierte. Die Feier sei nicht dazu angetan gewesen, die tausend Anwesenden anzusprechen und auf das Wichtigste zu lenken, nämlich dass es ein Sieg der Kämpfer auf dem Schlachtfeld war und nicht das Verdienst von drei Monarchen im Glauben an Gott, wie der Redner weismachen wollte. Mit Wuttke war Althaus einig, dass eine Rede von Robert Blum die richtigen Akzente gesetzt hätte. Ja, es hätte sogar schon seine Anwesenheit gereicht. Eine Feier für das Volk sei diese Einweihungsfeier nicht gewesen. Sein Fazit: Aber wenn an einem solchen Siegestage des Volks, das Volk nur wie das Publikum zum allerhöchsten Fest, nur wie Staffage um den Thron, den es doch allein wieder aufgerichtet hat, erscheint: dann wird es doch selbst im Herbste zu dumpf und schwül in der deutschen Luft. Fort, fort von hier!

Als der Artikel Das Denkmal auf dem Monarchenhügel in Leipzig am 24. Oktober 1847 im Sonntagsblatt zur Weser-Zeitung erschien, war Theodor die Aufmerksamkeit in der Stadt Leipzig gewiss. Die Empörung bei den Verantwortlichen war so groß, dass er schon fürchten musste, ausgewiesen zu werden. Seine Freunde im Museum und Café dagegen beglückwünschten ihn zu diesem klaren politischen Statement. Ignaz Kuranda war so begeistert, dass er auf ihn zukam mit der Bitte, unbedingt für die Grenzboten zu schreiben. Einige Tage später beim Schillerfest merkte er dann noch einmal, dass er sich in den oppositionellen Kreisen etabliert hatte. Seit 1840  wurde dieses Fest jährlich von Robert Blum und dem von ihm gegründeten Schillerverein organisiert. Als der Detmolder Querdenker abends den von Menschen dicht gefüllten Festsaal im Hôtel de Pologne in der Hainstraße betrat, wurde er mit stürmischem Beifall empfangen. Und wie zu besten Zeiten als Burschenschaftler, hielt er eine Rede vor hunderten Festgästen.

Die Dinge liefen gut in Leipzig. Für die Weser-Zeitung schrieb Althaus eine Artikelserie zum aktuellen Bürgerkrieg  in der Schweiz, einer Auseinandersetzung zwischen den im Sonderbund vereinten katholisch konservativen Kantonen und protestantisch-liberalen Kräften. Die Sonderbündler fühlten sich in ihrer Freiheit unterdrückt, doch die andere Seite, die sogenannte Tagsatzung hatte die Mehrheit im Lande und nach Althaus‘ Auffassung somit das Recht, sich gegen die Minorität durchzusetzen. Das müssten auch die deutschen Philister begreifen. Für den Schriftsteller Theodor Althaus ging es ebenfalls voran. Eine Auswahl seiner Prosatexte hatte er zu einer Anthologie mit sieben Erzählungen zusammengestellt als Zeitbilder, denen Erlebnisse und Visionen auf den Wanderungen am Rhein, Detmolder Lokalkolorit, die Problematik einer Auswanderung nach Amerika und schließlich das brisante Mätressenabenteuer des bayrischen Königs Ludwig I. zugrunde lagen. Der ein Jahr jüngere Wilhelm Jurany wollte die Mährchen aus der Gegenwart verlegen und so gingen Althaus und Jurany eines Tages gemeinsam mit dem Manuskript zum Zensor, um eine Druckerlaubnis zu bekommen. Bei einem preußischen oder österreichischen Zensor hätte es sicherlich eine Menge Beanstandungen gegeben, doch das ganz tractable kleine Männchen in Sachsen forderte nur Namensänderungen in der Erzählung Ein Freiheitstanz, eine Satire auf die Affäre des bayrischen Königs Ludwig I. und seiner attraktiven Geliebten Lola Montez, als spanische Tänzerin bekannt. Das Werk erschien unter dem Titel Mährchen aus der Gegenwart im Verlag von Wilhelm Jurany in Leipzig.

Gegen Ende des Jahres stellte er auch das Manuskript des ersten Teiles seiner Weltgeschichte für die Jugend fertig, in dem er Altertumsgeschichte in 35 Geschichten nach Begriffen zum Beispiel von Alexander, Brutus und Cäsar  für Kinder ab zehn Jahren verständlich aufgeschrieben hatte. Und was wäre Leipzig ohne die Anbindung an den musikalischen Bereich? Die fand er in der Bekanntschaft zu Dr. Franz Brendel, Professor am von Felix Mendelsohn-Bartholdy gegründeten Conservatorium und Herausgeber der Neuen Zeitschrift für Musik. Auch zu Frau Brendel entwickelte er Sympathien und war nun häufig im Brendel’schen Hause zu Gast, wo auch etliche andere junge Künstler verkehrten. Dort lernte er den Dramatiker Wolfgang Robert Griepenkerl aus Braunschweig kennen, mit dem er einerseits herrlich streiten konnte und zu dem er andererseits eine gewisse Wesensverwandtschaft entdeckte. Griepenkerl sei verrückt, schrieb er seiner Schwester, jedoch auf eine positive Weise: … erstens ist es die gute Verrücktheit, die neue Gedanken aufstöbert und sie nur verrückt einseitig, allmächtig, auffaßt – und zweitens, wie Strauß sagt, wird für’s erste Keiner dem Publicum gefallen, der ganz auf der Höhe steht; Schlechte Aussichten für unsereinen, nicht wahr?

Über den Besuch einer Aufführung von Mendelsons Elias im Gewandhaus berichtete er seiner Mutter, dass er weniger des Genusses willen dort gewesen sei, sondern weil man dergleichen doch kennen müsse. Die künstlerische Gestaltung fand vor seinem kritischen Geist keine Gnade: Ich hatte mir’s nicht als möglich gedacht, einen solchen Mangel an aller hohen künstlerischen Einheit, an allem innerlichst musikalischen Sinn und Verstand, in einem so vergötterten Künstler zu finden. Er sah zwar auch schöne Stellen in dem Stück, doch für ihn war der Inhalt nicht dazu angetan, Darsteller und Zuschauer im Herzen zu berühren. Wie bei der Einweihungsfeier auf dem Monarchenhügel war ihm die Gleichgültigkeit gegenüber den Notwendigkeiten der gegenwärtigen Wirklichkeit unerträglich.

Schneller als die zähen Jahre in Detmold vergingen ihm die Monate im Leipziger Trubel. Das Jahr ging zu Ende und er hatte außer einer Kurzreise im Herbst nach Dresden, wo er sich die Sehenswürdigkeiten der Stadt ansah und Julius Fröbel traf, die Stadt Leipzig nicht verlassen. Zum Weihnachtsfest reiste er dann nach Detmold, wo er auch den Jahreswechsel und die ersten Tage des neuen Jahres verlebte. Nach den arbeitsreichen und anregenden Monaten zuvor kam ihm die Ruhe in der beschaulichen Residenz vor wie ein germanischer Winterschlaf.

1847: Literatenleben in Leipzig

Nach der literarischen Bestandsaufnahme seiner bisherigen schriftstellerischen Arbeiten hatte Theodor Althaus Ende Juni 1847 endlich den Absprung aus der lippischen Residenz geschafft. Wie musste der Außenseiter der Detmolder Gesellschaft sich gefühlt haben, als er im Konversationszimmer des Museums in Leipzig, vor sich ein Töpfchen Bier, seine Zeitung las, ohne dass hinter seinem Rücken getuschelt wurde. Diese Enge hatte er hinter sich gelassen und war umgezogen in die sächsische Messe- und Buchhandelsstadt. Nirgends gab es so viele Schriftsteller, Verleger und Buchhändler wie in Leipzig. Und die vier Männer ihm gegenüber auf dem Diwan machten ihm den Eindruck, als gehörten sie zu dieser Branche. Als einer aufstand, um zu gehen, hörte Theodor einen Namen, der ihm bekannt war. Er folgte dem blonden Mann auf den Platz vor dem Museum und fragte ihn, ob er vielleicht Dr. Arnold Ruge sei. Ja, es war der fünfundvierzigjährige Hochschullehrer und Schriftsteller mit bewegter Vergangenheit einschließlich Festungshaft als politischer Gefangener und vergeblichen Versuchen, in verschiedenen Städten von Deutschland Fuß zu fassen. In der sächsischen Literatenmetropole hatte er für sich, seine Frau und vier Kinder als Verleger eine Existenz gefunden. Ruge mochte den jungen Detmolder und ließ ihn an familiären Unternehmungen teilnehmen, wie Baden an heißen Tagen und Spaziergängen in die dörfliche Umgebung, wobei Theodor den Verleger Otto Wigand und Familie kennenlernte, in dessen Wigands Vierteljahrsschrift er zwei Jahre zuvor seine Abhandlung über den Detmolder Dichter Ferdinand Freiligrath publiziert hatte.

Diese Kreise waren es dann auch, die dem Schriftsteller aus der lippischen Provinz erste honorierte Tätigkeiten im Literatur- und Kulturbetrieb verschafften. So schrieb er eine Charakteristik von Nikolaus Lenau für Arnold Ruges Die politischen Lyriker unserer Zeit und Rezensionen zur Gegenwartsliteratur in verschiedenen Organen, wie zu Heines Atta Troll in Blätter für literarische Unterhaltung, von Heinrich Brockhaus herausgegeben. Wigand vermittelte ihm den Auftrag, den historischen Roman Le Piccinino von George Sand zu übersetzen, Ruge band ihn in seiner Weltgeschichte für die Jugend“ ein und Robert Blum, den er im Redeübungsverein kennenlernte, bat ihn, an seinem Staatslexikon für das deutsche Volk mitzuarbeiten. Für Blums Lexikon schrieb er Artikel zu den Begriffen Christenthum Cultus (Cultusministerium) und Demagog (Demagogie, demagogische Umtriebe) mit entsprechender Akzentuierung seiner politischen Überzeugungen.

Außer mit interessanter literarischer Arbeit war das Leben von Theodor Althaus in Leipzig ausgefüllt mit lebendiger Geselligkeit. Im Café français begegnete er den gleichaltrigen österreichischen Dichtern Moritz Hartmann, Eduard Mautner und Alfred Meißner, die sich in der sächsischen Stadt aufhielten, um den unerträglichen Spionier- und Zensurpraktiken von Staatskanzler Clemens Lothar Fürst Metternich zu entgehen. Er lernte Ignaz Kuranda und Julian Schmidt von den Grenzboten  kennen und Julius Fröbel, der ihn von allen neuen Bekannten am meisten beeindruckte. Der zweiundvierzigjährige Fröbel wohnte seit einem Jahr in Dresden. Vorher hatte er als Professor für Mineralogie in Zürich gelehrt und nach dem reaktionären Züriputsch am 6. September 1839 das Literarische Comptoir gegründet, in dem er oppositionelle Texte verlegte und auch in Deutschland verbreitete, wie die von Georg Herwegh und Hoffmann von Fallersleben. Als der Verlag verboten wurde, schlugen Otto Wigand und Arnold Ruge ihm vor, nach Leipzig zu kommen. Dort bekam er jedoch keine Aufenthaltserlaubnis. Mit großem diplomatischem Geschick gelang es Fröbel, sich in Dresden niederzulassen. Er kam nun regelmäßig nach Leipzig in das Verlagsbüro von Ruge, mit dem er eng zusammenarbeitete.

Theodor Althaus fühlte sich stark angezogen von dem so ruhig und souverän agierenden Mann, der sich während der gemeinsamen Unternehmungen zu einem wahren Freund entwickelte. Julius Fröbels soeben im Verlag von J. P. Grohe, Mannheim erschienene Publikation System der socialen Politik  fand seine uneingeschränkte Bewunderung, war sie doch aus der gleichen Motivation entstanden wie die Zukunft des Christenthums, dem Streben nach einem Zusammenleben in Freiheit und Liebe auf der Grundlage der Menschenrechte und Volkssouveränität. Jedoch im Vergleich zum Feuereifer seines jugendlichen Ungestüms fand Althaus bei dem älteren Freund eine sachlich klar entwickelte Systematik, was ihn zutiefst beeindruckte und seinen vollen Respekt gewann. Fröbels Werk war bereits die zweite Auflage, die erste war ein Jahr zuvor, aus guten Gründen anonym, unter dem Titel Neue Politik von C. Junius herausgekommen.

Bei einem Landspaziergang im Kreis um Fröbel und Ruge hatte Althaus die Gelegenheit, mit dem Dramatiker Friedrich Hebbel zu fachsimpeln. Sie redeten über das historische Drama, von Hölderlins’s Empedokles über Shakespeare und Goethe bis Grabbe, von dem Hebbel nicht allzu viel hielt. Wenige Tage später traf er ihn wieder im Café français. Hebbel war fürchterlich verärgert über eine kritische Rezension seines Werkes von Julian Schmidt in den Grenzboten, die er gerade gelesen hatte. Der jungen Frau Hebbel gelang es schließlich, ihren Fritz zu beruhigen, indem sie ihm eine Tasse Kaffee bestellte. Du fragst nach Hebbel, schrieb Theodor am 17. August 1847 seiner Schwester Elisabeth, der hat allerdings seine harten Seiten, an denen man sich die Zähne ausbeißen könnte, als dass man ihn von einem Fehler überzeugte. Guten Rath nimmt er absolut nicht an. Ich merkte das auf der Stelle und redete mit ihm also bloß von den Sachen, wo ich ziemlich mit ihm übereinstimmte. […] Er muß Glück haben in der Wahl seiner Stoffe; wenn er dies Glück einmal hat, kann der Effect sehr groß werden, die Maria Magdalena ist ein Anfang dazu.

Eine weitere Verbindung knüpfte er zu dem drei Jahre älteren Historiker Heinrich Wuttke, der an der Leipziger Universität Vorlesungen hielt. Am 19. Oktober 1847 wanderte er früh am Morgen zusammen mit ihm in südöstlicher Richtung aus der Stadt hinaus über Feldwege, vorbei an Gebüsch, durch stille Dörfer, dann durch eine lange Pappelallee hinauf zur höchsten Erhebung dieser Gegend. Auf diesem Hügel hatten vierunddreißig Jahre zuvor die verbündeten Monarchen Kaiser Franz I. von Österreich, Kaiser Alexander I. von Russland und König Wilhelm III. von Preußen gestanden, die Kampfhandlungen der Völkerschlacht verfolgt und am Abend des 19. Oktober 1813 die Nachricht vom Rückzug der Truppen Napoleons entgegen genommen. Zur Erinnerung an diesen wichtigen Sieg hatte man auf dem Monarchenhügel ein pyramidenförmiges Denkmal aus Sandstein errichtet, das an jenem Tage eingeweiht wurde.

Über das Ereignis verfasste Theodor Althaus einen Artikel für die Bremer Weser-Zeitung, in dem er die Organisation und vor allem die Rede von Superintendent Großmann heftig kritisierte. Die Feier sei nicht dazu angetan gewesen, die tausend Anwesenden anzusprechen und auf das Wichtigste zu lenken, nämlich dass es ein Sieg der Kämpfer auf dem Schlachtfeld war und nicht das Verdienst von drei Monarchen im Glauben an Gott, wie der Redner weismachen wollte. Mit Wuttke war Althaus einig, dass eine Rede von Robert Blum die richtigen Akzente gesetzt hätte. Ja, es hätte sogar schon seine Anwesenheit gereicht. Eine Feier für das Volk sei diese Einweihungsfeier nicht gewesen. Sein Fazit: Aber wenn an einem solchen Siegestage des Volks, das Volk nur wie das Publikum zum allerhöchsten Fest, nur wie Staffage um den Thron, den es doch allein wieder aufgerichtet hat, erscheint: dann wird es doch selbst im Herbste zu dumpf und schwül in der deutschen Luft. Fort, fort von hier!

Als der Artikel Das Denkmal auf dem Monarchenhügel in Leipzig am 24. Oktober 1847 im Sonntagsblatt zur Weser-Zeitung erschien, war Theodor die Aufmerksamkeit in der Stadt Leipzig gewiss. Die Empörung bei den Verantwortlichen war so groß, dass er schon fürchten musste, ausgewiesen zu werden. Seine Freunde im Museum und Café dagegen beglückwünschten ihn zu diesem klaren politischen Statement. Ignaz Kuranda war so begeistert, dass er auf ihn zukam mit der Bitte, unbedingt für die Grenzboten zu schreiben. Einige Tage später beim Schillerfest merkte er dann noch einmal, dass er sich in den oppositionellen Kreisen etabliert hatte. Seit 1840  wurde dieses Fest jährlich von Robert Blum und dem von ihm gegründeten Schillerverein organisiert. Als der Detmolder Querdenker abends den von Menschen dicht gefüllten Festsaal im Hôtel de Pologne in der Hainstraße betrat, wurde er mit stürmischem Beifall empfangen. Und wie zu besten Zeiten als Burschenschaftler, hielt er eine Rede vor hunderten Festgästen.

Die Dinge liefen gut in Leipzig. Für die Weser-Zeitung schrieb Althaus eine Artikelserie zum aktuellen Bürgerkrieg  in der Schweiz, einer Auseinandersetzung zwischen den im Sonderbund vereinten katholisch konservativen Kantonen und protestantisch-liberalen Kräften. Die Sonderbündler fühlten sich in ihrer Freiheit unterdrückt, doch die andere Seite, die sogenannte Tagsatzung hatte die Mehrheit im Lande und nach Althaus‘ Auffassung somit das Recht, sich gegen die Minorität durchzusetzen. Das müssten auch die deutschen Philister begreifen. Für den Schriftsteller Theodor Althaus ging es ebenfalls voran. Eine Auswahl seiner Prosatexte hatte er zu einer Anthologie mit sieben Erzählungen zusammengestellt als Zeitbilder, denen Erlebnisse und Visionen auf den Wanderungen am Rhein, Detmolder Lokalkolorit, die Problematik einer Auswanderung nach Amerika und schließlich das brisante Mätressenabenteuer des bayrischen Königs Ludwig I. zugrunde lagen. Der ein Jahr jüngere Wilhelm Jurany wollte die Mährchen aus der Gegenwart verlegen und so gingen Althaus und Jurany eines Tages gemeinsam mit dem Manuskript zum Zensor, um eine Druckerlaubnis zu bekommen. Bei einem preußischen oder österreichischen Zensor hätte es sicherlich eine Menge Beanstandungen gegeben, doch das ganz tractable kleine Männchen in Sachsen forderte nur Namensänderungen in der Erzählung Ein Freiheitstanz, eine Satire auf die Affäre des bayrischen Königs Ludwig I. und seiner attraktiven Geliebten Lola Montez, als spanische Tänzerin bekannt. Das Werk erschien unter dem Titel Mährchen aus der Gegenwart im Verlag von Wilhelm Jurany in Leipzig.

Gegen Ende des Jahres stellte er auch das Manuskript des ersten Teiles seiner Weltgeschichte für die Jugend fertig, in dem er Altertumsgeschichte in 35 Geschichten nach Begriffen zum Beispiel von Alexander, Brutus und Cäsar  für Kinder ab zehn Jahren verständlich aufgeschrieben hatte. Und was wäre Leipzig ohne die Anbindung an den musikalischen Bereich? Die fand er in der Bekanntschaft zu Dr. Franz Brendel, Professor am von Felix Mendelsohn-Bartholdy gegründeten Conservatorium und Herausgeber der Neuen Zeitschrift für Musik. Auch zu Frau Brendel entwickelte er Sympathien und war nun häufig im Brendel’schen Hause zu Gast, wo auch etliche andere junge Künstler verkehrten. Dort lernte er den Dramatiker Wolfgang Robert Griepenkerl aus Braunschweig kennen, mit dem er einerseits herrlich streiten konnte und zu dem er andererseits eine gewisse Wesensverwandtschaft entdeckte. Griepenkerl sei verrückt, schrieb er seiner Schwester, jedoch auf eine positive Weise: … erstens ist es die gute Verrücktheit, die neue Gedanken aufstöbert und sie nur verrückt einseitig, allmächtig, auffaßt – und zweitens, wie Strauß sagt, wird für’s erste Keiner dem Publicum gefallen, der ganz auf der Höhe steht; Schlechte Aussichten für unsereinen, nicht wahr?

Über den Besuch einer Aufführung von Mendelsons Elias im Gewandhaus berichtete er seiner Mutter, dass er weniger des Genusses willen dort gewesen sei, sondern weil man dergleichen doch kennen müsse. Die künstlerische Gestaltung fand vor seinem kritischen Geist keine Gnade: Ich hatte mir’s nicht als möglich gedacht, einen solchen Mangel an aller hohen künstlerischen Einheit, an allem innerlichst musikalischen Sinn und Verstand, in einem so vergötterten Künstler zu finden. Er sah zwar auch schöne Stellen in dem Stück, doch für ihn war der Inhalt nicht dazu angetan, Darsteller und Zuschauer im Herzen zu berühren. Wie bei der Einweihungsfeier auf dem Monarchenhügel war ihm die Gleichgültigkeit gegenüber den Notwendigkeiten der gegenwärtigen Wirklichkeit unerträglich.

Schneller als die zähen Jahre in Detmold vergingen ihm die Monate im Leipziger Trubel. Das Jahr ging zu Ende und er hatte außer einer Kurzreise im Herbst nach Dresden, wo er sich die Sehenswürdigkeiten der Stadt ansah und Julius Fröbel traf, die Stadt Leipzig nicht verlassen. Zum Weihnachtsfest reiste er dann nach Detmold, wo er auch den Jahreswechsel und die ersten Tage des neuen Jahres verlebte. Nach den arbeitsreichen und anregenden Monaten zuvor kam ihm die Ruhe in der beschaulichen Residenz vor wie ein germanischer Winterschlaf.

1849: Reise nach Ostende


Ostende um 1855
aus: Louis-Joseph Ghémar  Malerisches altes Europa
Der Freudentaumel, mit dem das Jahr 1848 begonnen hatte, war zum Ende hin von den Realitäten eingeholt worden. In Wien und Berlin saßen die Herrschenden wieder fest auf ihren Thronen und versuchten die progressiven Entwicklungen zu stoppen. Trotzdem gelang es den Delegierten in der Paulskirche, das vom Volk gewünschte Gesetzeswerk fertig zu stellen. Am 28. März 1849 wurde die Reichsverfassung für das deutsche Volk verkündet. Inzwischen hatte sich Wien aus den deutschen Einheitsbestrebungen ausgeklinkt und die Regierenden von Preußen, Sachsen und Hannover dachten gar nicht daran, die vom Volk gewünschte Verfassung für ein einheitliches Deutschland anzuerkennen.

Als der preußische König Friedrich Wilhelm IV., genannt von Gottes Gnaden, am 3. April 1949 die Kaiserkrone aus den Händen von gewählten Vertretern des Volkes ablehnte, ging eine Welle des Entsetzens durch alle deutschen Länder. Wieder trafen sich die Menschen auf den Straßen, um friedlich für ein freies einheitliches Deutschland zu demonstrieren. Die Reaktion hatte sich jedoch längst wieder formiert, vor allem militärisch, und kannte kein Pardon. Die Aufstände in Dresden, Westfalen und Baden wurden blutig niedergeschlagen und Revolutionäre inhaftiert oder hingerichtet, wenn sie nicht vorher schon das Exil in England oder Amerika gesucht hatten.

Im Zusammenhang mit diesen Kämpfen um die Reichsverfassung musste auch Theodor Althaus die bittere Konsequenz erfahren. In einem Leitartikel seiner „Zeitung für Norddeutschland“ hatte er dazu aufgerufen, einen Landesausschuss zur Durchführung der Reichsverfassung zu gründen. Obwohl diesem Aufruf niemand nachkam,  wurde er am 14. Mai 1849 verhaftet und als Staatsverräter in das Gefängnis vor dem Clevertor in Hannover eingewiesen.

Malwida war sehr betroffen, fühlte sich jedoch hilflos. Wie schön wäre es, wenn die Verbindung zu ihrem Freund so vertrauensvoll wäre, dass sie etwas für ihn tun könnte. Doch außer bei Elisabeth Althaus nachzufragen, sah sie keine Möglichkeit. Seine Briefe nach Hause klangen optimistisch, doch das Urteil war noch nicht gesprochen.

Zu all den Sorgen und Enttäuschungen durch die politischen Entwicklungen kam die tägliche Konfrontation mit dem Unverständnis der Familienangehörigen. Mit zunehmend stärker werdende Reaktion waren Malwidas demokratische Überzeugungen für die von Meysenbugs untragbar. Die Konflikte im Palais in der Hornschen Straße spitzten sich weiter zu. Unter der eisigen Kälte im Umgang miteinander litt Malwida nicht nur psychisch. Monatelang hatte sie diffuse körperliche Beschwerden, die der Arzt mit verschiedenen Behandlungen ohne Erfolg therapierte. Als er schließlich keinen Rat mehr wusste, entschied sie sich für eine Kur im belgischen Nordseebad Ostende, die sie zusammen mit Elisabeth Althaus und Anna Koppe machte.

In der Eisenbahn nach Köln  erinnerte sie sich an ihre Fahrt auf derselben Strecke ein Jahr zuvor in umgekehrter Richtung auf dem Weg von Frankfurt nach Detmold. Wo waren die schwarzrotgoldenen Fahnen in den Orten und  all die fröhlichen Menschen auf den Bahnhöfen? Wo waren die wunderbaren Revolutionäre? Vorbei der deutsche Frühling. Doch Malwida wollte sich nicht damit abfinden. Auch wenn die Krankheitswochen sie geschwächt hatten, glaubte sie, etwas bewegen zu können. Schließlich wollte sie doch verwirklichen, was sie sich vor einigen Wochen an der Wiege des jüngsten Sprosses der von Meysenbugs, dem unschuldig schlummernden Baby ihres Bruders, geschworen hatte. Sie würde nicht aufgeben, sondern alles tun, damit Menschen wie dieses kleine Wesen im rechten Sinne von Frauen erzogen würden, um eine Generation freier Menschen heranzubilden. Unter dem Titel „Der Schwur einer Frau“ hatte sie zu diesem Gelöbnis an der Babywiege einen Artikel geschrieben und an Carl Volkhausen geschickt. Der war so angetan, dass er riet, ihn einem Magazin zur Publikation anzubieten.

Nach Übernachtungen in Köln, Brüssel und Antwerpen lernte Malwida auf der letzten Etappe der Eisenbahnfahrt nach Ostende eine zierliche junge Frau kennen, die nicht erkannt werden wollte, deren Vertrauen sie jedoch im flüsternden Gespräch gewann. Es war Therese Pulzsky, die Frau des ungarischen Freiheitskämpfers Franz Pulzsky. Mit falschem Pass und unter dem Schutz eines ihr bis dahin unbekannten älteren Ehepaares war sie durch Deutschland und Belgien auf dem Weg zu ihrem Mann nach London. Dahin war der nach dem Scheitern des Wiener Aufstandes im Oktober 1848 geflüchtet. Ihre kleinen Kinder hatte sie in Ungarn bei einem Freund zurückgelassen.

In Ostende mieteten sich Malwida, Elisabeth und Anna in einem Gasthof ein, ebenfalls die beiden älteren Begleiter, die es sich nicht nehmen ließen, ihren Schützling bis zum Schiff  zu begleiten. Abends standen alle dann zusammen am Pier und verabschiedeten Therese Pulzsky mit den besten Wünschen zur Überfahrt nach England.

Hatte Malwida schon seit Beginn der Reise das Gefühl, sie könnte freier atmen, war ihr beim Anblick des auslaufenden Schiffes und der unermüdlichen Brandung, als würden die Wellen alle traurigen Gedanken ins Meer spülen. Von Krankheit konnte keine Rede mehr sein. Die drei Frauen nahmen sich einen Umkleidewagen, gingen im Meer baden, lernten am Strand und im Pavillon freundliche Menschen kennen und machten Ausflüge.

So fuhren sie eines Tages mit einem kleinen Boot zum Leuchtturm, wo sie von der Frau des Turmwärters liebevoll empfangen wurden. Malwida war zutiefst beeindruckt von der schlichten Natürlichkeit, mit der diese Frau selbstbestimmt ihren Weg gegangen war und ging. Obwohl ihre Eltern wohlhabend waren und sie zur Schule schicken wollten, hatte sie sich für ihren Traum entschieden und war Fischerin geworden. Bei dieser schweren Arbeit hatte sie ihren Mann kennen gelernt und hatte nun mit ihm und zwei Kindern ein rundum glückliches Leben. Malwida konnte gar nicht genug bekommen von dieser kleinen Welt zwischen Himmel und Wasser. Gebannt lauschte sie den Erzählungen dieser Frau, die es fertig brachte, so konsequent ihren eigenen Weg zu gehen. Diese einfache Natur würde ganz selbstverständlich ihre Kinder zu freien Menschen erziehen.

Auch eine andere Seite war im Kurbad Ostende vertreten, die der Gespräche über gesellschaftliche und religiöse Fragen. Ein belgischer Jesuit suchte häufig die Nähe der drei Damen. Er wollte sie zum rechten Glauben bekehren. Doch bei Malwida, die sich mit ihm fließend in französischer Sprache austauschte, stieß er auf Granit. Beredt stellte sie ihre in den vergangenen Wochen und Monaten gewonnenen Erkenntnisse dar. Es war ihr eine innere Freude zu erleben, mit welcher Sicherheit sie ihm gegenüber ihre Überzeugungen vertrat. Keine der praktizierten Religionen kam für sie in Frage, sondern nur eine Gemeinschaft in Freiheit und Liebe wie Theodor sie in seiner Schrift „Die Zukunft des Christenthums“ formuliert und auf der Grotenburg gepredigt hatte.

Auch in  Diskussionen über die Stellung der Frau konnte sie die neu gewonnene Sicherheit erproben, indem sie ihre im „Schwur einer Frau“ dargestellten Prinzipien gegenüber ihren männlichen Gesprächspartnern darstellte. Von deren Gegenargumenten ließ sie sich nicht irritieren. Die Erfahrung, nicht nur eine eigene Meinung zu haben, sondern selbstbewusst zu vertreten, bestärkte sie im Vorhaben, alle ihre Kräfte einzusetzen, um Freiheit,  Gerechtigkeit und Gleichheit der Chancen für die Frauen zu erreichen.  

Nach der Rückkehr aus der Kur war Malwida klar, dass sie einen deutlichen Schritt tun musste, um aus dem Meysenbug’schen Dilemma herauszukommen. Sie dachte an Theodor, der ihr vor seiner Abreise nach Leipzig geschrieben hatte, er könne in Detmold zu nichts mehr kommen. Genau an dem Punkt war sie. In der kleinen Residenz konnte sie nichts mehr bewegen. Sie würde die Familie verlassen und da für sie der Weg in die Ehe nicht in Frage kam, würde sie nach Amerika auswandern. Auch wenn sie noch nicht genau wusste, wie sie den Plan umsetzen würde, ging es ihr schon allein mit dem Gedanken an die Erlösung besser.

Außer Elisabeth und einigen demokratisch gesinnten Freunden wie Carl Volkhausen erzählte sie allerdings niemandem davon. Zunächst einmal versuchte sie sich als Schriftstellerin. Nach dem Artikel „Schwur einer Frau“ verfasste sie eine längere Schrift mit dem Titel „Eine Reise nach Ostende“, eine Art Tagebuch mit ihren Gedanken zu politischen und religiösen Fragen, sowie die zur Emanzipation der Frau. Das Manuskript schickte sie mit der Bitte um Publikation an entsprechende Magazine und Verlage.

Leseprobe aus: Malwida und der Demokrat.





Sommer 1848: Bremer Perspektiven

Ein deutscher Sommer umgab den erfolgreichen Journalisten Althaus, als er auf dem Oberdeck eines Eisenbahnwagens von Frankfurt nach Hanau fuhr. Ihm war, als wäre eine drückende Schwere von ihm gewichen. Das herrliche Land und die republicanischen Menschen, Alles kam mir so zweckmäßig, so menschlich, so interessant vor, nichts vergeblich oder unnöthig. Die Felder, die Aehren, jeder Pflug, jede Egge, jeder gebahnte Weg und alle Spuren der Menschenthätigkeit waren meinem Herzen und meinen Sinnen näher als zuvor. Alles hatte Sprache gewonnen – eine Heimath freier Bürger, ein Vaterland!, schwärmte er in seiner Erinnerung.

Dieses Gefühl der Leichtigkeit brachte er mit ins Elternhaus, wo er auf dem Weg nach Bremen einen Tag lang Station machte. Bei herrlichem Sommerwetter unternahm die Familie einen Ausflug durch Fichten- und Buchenwälder zum Forsthaus Hartröhren. Weil die Mutter das ganze Frühjahr hindurch krank gewesen und noch immer sehr schwach war, fuhr man mit dem Wagen und als der Weg zu Fuß steil bergauf ging, blieb Theodor neben ihr sitzen, behielt sie im Arm und erzählte von seinen Neuigkeiten und Plänen, bis die anderen zurückkamen. Sollte ihr Ältester nun endlich seinen Weg gefunden haben? Es sah gut aus.

Als er sich schließlich in Bremen am 5. Juli 1848 in seinem Zimmer in der kleinen Straße Contrescarpe nahe dem Herdentore eingerichtet hatte, blickte er aus dem Fenster zwischen den Kastanienbäumen über Wall und Stadtgraben hinweg und entdeckte den Turm von St. Ansgarii. Dort hatte Großvater Johann Heinrich Bernhard Dräseke im Jahre 1815 eine Predigerstelle angetreten und mit seiner Familie in der Nähe des Ansgariitores gewohnt, bis er im Jahre 1832 vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. zum Bischof ernannt und Domprediger von Magdeburg wurde.  Außerdem war Dräseke Vorsitzender der Freimaurerloge Zum Ölzweig und Ehrenbürger der Stadt Bremen geworden. Der Enkel wohnte also nicht weit entfernt von der Kirche, in dem der Großvater gewirkt, und dem Hause, in dem der Vater Georg Friedrich Althaus bei einem Besuch des Predigers dessen älteste Tochter kennengelernt hatte, seine Mutter Julie Dräseke.

Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Theodor das Gefühl, eine Lebenssituation zu haben, in der er auf festem Boden frei und ohne Zensur leben und wirken konnte. Zum ersten Mal auch ging ihm der Gedanke an ein sweet home durch Kopf und Herz. Nach der Arbeit wanderte er zum Punkendeich, nahm sich einen Kahn, ruderte die Weser hinauf und badete im Fluss. Als leitender Redakteur einer überregionalen Tageszeitung hatte er eine berufliche Aufgabe, in der er sich verwirklichen konnte. Die politische Richtung der Bremer Zeitung, geprägt von dem erfahrenen Journalisten Karl Andree, stimmte mit seinen Vorstellungen von Volkssouveränität und Demokratie überein. Der Schwerpunkt lag auf den ganz Deutschland bewegenden aktuellen Entwicklungen zu einem deutschen Staatswesen mit parlamentarischen Strukturen. So war ihm das wichtigste Anliegen, in seinem Organ den Bemühungen der Abgeordneten in Frankfurt um Verwirklichung und Gestaltung der deutschen Nation eine Stimme zu geben. An seiner Seite hatte er in Dr. Wohlbrück einen hervorragenden Mitarbeiter, der weitgehend mit ihm konform ging und sich im Wesentlichen der auswärtigen Angelegenheiten annahm.

Nach den Entscheidungen für die provisorische Zentralgewalt, Reichsverweser und Reichsministerium wurde im Frankfurter Parlament in diesen ersten Julitagen des Jahres 1848 heftig über den kriegerischen Konflikt zwischen Deutschland und Dänemark um die Herzogtümer Schleswig und Holstein debattiert. Im Rahmen der nationalen Bestrebungen war die Frage der Zugehörigkeit dieser beiden nördlichen Gebiete in den Fokus geraten. Wegen komplizierter Erbfolge- und ungeklärter Verfassungsregelungen auf beiden Seiten war die Lage verworren. Preußen war in den umkämpften Regionen mit Truppen unter Friedrich von Wrangel präsent und hatte von der Bundesversammlung die Vollmacht erhalten, einen Waffenstillstand mit Dänemark anzustreben, was angesichts des stagnierenden deutschen See- und Küstenhandels nicht von der Hand zu weisen war. Allerdings hatte die Bundesversammlung ihre Befugnisse an die provisorische Zentralgewalt weitergegeben.

Althaus mag an Blums leidenschaftliche Junirede zu den Grenzen der provisorischen Zentralgewalt gedacht haben, als er schon bald nach Beginn seiner redigierenden Tätigkeit einen entschiedenen Standpunkt zu diesem geplanten Waffenstillstand einnahm. Im Leitartikel der Bremer Zeitung vom 8. Juli 1848 sprach er Preußen schlichtweg die Legitimation ab, Deutschland nach außen zu vertreten: Der Auftrag, den Preußen vom Bundestag empfangen hatte, ist erloschen mit der in Frankfurt beschlossenen Aufhebung des Bundestages. Nach dem neuen Gesetz über die Bundeszentralgewalt könne der Vertrag zwischen Deutschland und Dänemark nicht in Berlin, sondern nur in Frankfurt ratifiziert werden, und zwar vom Reichsverweser im Einverständnis mit der Nationalversammlung. Mit Rücksicht auf die in Bremen befürchteten Handelseinschränkungen hieß es am Schluss des Artikels besänftigend: Wir bedauern im Interesse des deutschen Handels diese neue Verzögerung; aber wir erinnern auch daran, dass die hier fortwährenden Störungen auf der andern Seite reich ersetzt werden durch das allen Verkehr beflügelnde innere Vertrauen, wenn im Einklang mit der großen Mehrheit der Nationalversammlung unsere neue Centralgewalt gleich mit ihrem ersten Schritt die laute und allgemeine Anerkennung sich  v e r d i e n t , die ihr bis jetzt nur in Erwartung und Hoffnung entgegenkommt.

In der Erwartung, die Zentralgewalt möge der Nationalversammlung und ihren Beschlüssen die Anerkennung verschaffen, die sie verdiente, wurde der sechsundfünfzigjährige Erzherzog Johann von Österreich am 11. Juli 1848 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in Frankfurt empfangen, um das Amt des Reichsverwesers anzutreten und eine provisorische Zentralregierung zu bilden. Die Freude über dieses Ereignis schwappte in alle Regionen von Deutschland über, so auch nach Bremen in das Althaus’sche Tagebuch: Bei der Reichsverweserfeier war ich auf dem Kanonenboot. Bei der Illumination die ‚Bremer’ und die ‚Weserzeitung’, erstere schmeichelhaft kühn dargestellt.

Kühn musste der leitende Redakteur sich auch bei einem regionalen Zwischenspiel vorgekommen sein, als er eines Abends mit den Setzern seiner Zeitungsdruckerei ein Vermittlungsgespräch über deren Lohnforderungen und Androhung eines Streiks führte. Zumindest handelte er einen Kompromiss aus dahingehend, dass am Sonntag keine Zeitung mehr erscheinen sollte. Über finanzielle Forderungen musste der Druckereibesitzer, Prinzipale genannt, entscheiden. Dieser Ruhetag kam auch ihm selbst zugute, denn auf seinem Schreibtisch türmten sich Berge von Zeitungen und Manuskripten, sodass er kaum einmal dazu kam, private Kontakte zu pflegen. Einen Besuch bei Familie Wohlbrück erlebte er schon fast als Störung der Arbeitsabläufe. Und ein Treffen mit Adolph Stahr, der ihm nicht nur einen Artikel anbieten wollte, sondern auch noch seine Mährchen kritisierte, empfand er als ärgerliche Zumutung. Ja, das Arbeitspensum in der Redaktion war enorm. Er hatte dafür zu sorgen, dass täglich zwei Ausgaben seines Organs erschienen und diese Verantwortung brachte ihn oft bis an die Grenze der Belastbarkeit. Zudem nahm er die Dinge sehr genau und hätte am liebsten vom Korrekturlesen bis zum Setzen alles selbst gemacht. Der Schwester berichtete er am 26. August 1848 über den nachlässig arbeitenden Korrektor, den genervten Drucker, der auch noch krank wurde, und Wohlbrück, der sich auf Reisen befand, sodass er zu dem innenpolitischen auch noch den Bereich der auswärtigen Politik zu bearbeiten hatte. Da nahm ich gestern Nachmittag auch die englischen und französischen Zeitungen, und als ich nach Hause kam, besah ich mich im Spiegel. Heute Mittag um halb zwei, als es Alles fertig war, glaubte ich gerade so lange geträumt zu haben, und morgen werde ich beim Kaffee die Zeitung lesen, die ich heute gemacht habe, um doch auch zu wissen, was drin steht.

Zu diesen enormen Belastungen durch Aufrechterhaltung und Organisation des Betriebes der Bremer Zeitung beschäftigten ihn weiterhin und zuvörderst die Angelegenheiten, die auf der großen politischen Bühne gespielt wurden, derentwegen er ein Zeitungsmann geworden war. Aktuell war es die auf Drängen von Frankreich, Großbritannien und Russland unmittelbar bevorstehende Ratifizierung des Waffenstillstandsvertrages zwischen Preußen und Dänemark. Im Leitartikel Die schleswig-holsteinische Angelegenheit, der am 21. August 1848 mit dem Untertitel Rückblick und Resultate erschien, beklagte Althaus, wie schon einige Wochen zuvor, dass dieses ohne Einbeziehung des vom Volk gewählten Parlamentes und den von diesem gewählten Vertretern der deutschen Nation, also dem Reichsverweser im Einvernehmen mit der Nationalversammlung, verhandelt wurde. Gegenüber England, Frankreich und Russland, die sogar im Falle des Nichtzustandekommens des Waffenstillstandes mit militärischen Maßnahmen drohten, nahm Deutschland nicht die Stellung ein, die seiner wirklichen Macht entspräche. Blum hatte recht gehabt mit seinen Bedenken und der Forderung nach einem Vollziehungsausschuss. Um politische Ziele durchzusetzen, fehlten der provisorischen Zentralregierung jegliche Mittel. Die Ohnmacht nach innen und außen war offensichtlich. Wo stand Heinrich von Gagern, wo der Reichsverweser Johann von Österreich, wo der provisorische Ministerpräsident Karl zu Leiningen und sein Ministerium? Wo stand die deutsche Nation? Was nützten Gebietsgewinne, war doch in Althaus Formulierung erst einmal wichtig: … unsere Ehre ist der Respekt, den wir vor der Berechtigung  j e d e r  Nationaleinheit und Nationalunabhängigkeit beweisen; sei’s auch um den Preis, daß Deutschland nicht bis zur Königsau geht, und einige Abgeordnete der dänischen Bezirke die Paulskirche verlassen müssen.

Nach der erfolgten Ratifizierung des Vertrages am 26. August 1848 unter Vermittlung von Schweden in Malmö wurde das eigenmächtige Verhalten der preußischen Regierung sowohl in der deutschen Öffentlichkeit als auch in der Presse, den verschiedenen politischen Gruppen und der Nationalversammlung so heftig und kontrovers diskutiert, dass es am 5. September 1848 in der Paulskirche zur Abstimmung kam, bei der 238 Parlamentarier mit 221 Gegenstimmen den Waffenstillstand von Malmö in dieser Form ablehnten, was bedeutete, dass alle Maßnahmen zur Umsetzung gestoppt wurden. Daraufhin trat das Ministerium Leiningen zurück und Friedrich Christoph Dahlmann, der besonders leidenschaftlich für die Ablehnung plädiert hatte, wurde vom Reichsverweser Erzherzog Johann mit der Bildung eines neuen Kabinetts beauftragt. Preußen hat im Namen des Bundes  u n d  in seinem eignen den Waffenstillstand abgeschlossen, die Nationalversammlung hat seine Ausführung sistirt, und so muß  P r e u ß e n  b i e g e n  oder die  C e n t r a l g e w a l t  muß  b r e c h e n, resümierte Althaus am 8. September 1848 im Leitartikel Die Entscheidung. Im Namen des Bundes! Was hatte Blum prophezeit? Rückschritt in die Metternichära. Und Preußen als Vorreiter. Ja, Preußen müsste sich fügen und die parlamentarische Abstimmung gegen den Vertrag, für Einheit und Freiheit, akzeptieren. Sie war ein Sieg der Demokratie.

In den darauffolgenden Tagen erfuhr der leitende Redakteur der auflagenstarken Bremer Zeitung schmerzlich, wie wenig im Moment die Demokratie und die während der Märzrevolution erlangte Pressefreiheit wert waren. Nachdem er sich am 11. September 1848 von der Haltung Waffenstillstand zugunsten des Handels um jeden Preis deutlich distanzierte und sich klar hinter das Votum der Nationalversammlung stellte, gab es eine Vielzahl von Kündigungen der Abonnements. Für viele Bremer Bürger waren Handel und Gewerbe Größen, denen sich die Politik unterzuordnen hatte. Für Althaus hingegen hatten Einheit, Ehre und Freiheit des Vaterlandes oberste Priorität, auch um den Preis der Aufgabe von territorialen Zugewinnen an der Grenze zu Dänemark und Verzögerungen des Küsten- und Seehandels. Besonders das Letztere, Beeinträchtigungen des Seehandels, dürfte in Bremen für großen Unmut gesorgt haben.

Der Rückgang der Abonnenten brachte Althaus eine Menge Ärger mit dem Verleger, der sich in dem Zusammenhang auch um das Anzeigengeschäft sorgen musste. Er wollte diese bitteren Realitäten nicht so recht an sich heranlassen, wenn er am 13. September 1848 im Tagebuch notierte: Diese Gesichter des Himmelseinsturzes, wenn ein Abonnent gekündigt hat! Doch die Misstöne drückten schwer auf seine Stimmung: So in’s Blaue hineinzuschreiben, wenn Dein Leben von nirgendher Dir wieder entgegenkommt – so gar keine Frucht zu sehen, gar keine Genugthuung als die innere, zu der man keine Zeit hat, und die sich endlich auf das leere Gefühl der vollbrachten Arbeit beschränkt! Das ging vorbei. Hart werden und Ausharren, sagte er sich. Er würde daraus lernen.

Es vergingen nur ein paar Tage bis zur nächsten Härteprüfung. Im Frankfurter Parlament war mit dem Ablehnungsvotum keine Ruhe eingekehrt. Wie sollte es weitergehen? Wie konnte man die preußische Vorherrschaft stoppen? Wie sollte man den demokratischen Karren aus dem Sand bekommen? Hektisches Agieren bestimmte das politische Geschehen. Dahlmanns Bemühen um ein neues Reichsministerium schlug fehl und er gab den Auftrag zur Regierungsbildung an den Reichsverweser zurück. Weitere Diskussionen und Parlamentsdebatten führten zu Verschiebungen von Mehrheiten, sodass die Nationalversammlung in einer erneuten Abstimmung am 16. September 1848 den Waffenstillstandsvertrag schließlich doch akzeptierte und mit 257 gegen 236 Stimmen für die Ratifizierung zwischen Preußen und Dänemark votierte. Damit hatte das erste frei gewählte deutsche Parlament das Vertrauen seiner Wähler und das potentieller Verhandlungspartner verspielt. Außerdem hatte es sich selbst als politische Kraft matt gesetzt, indem es den Beschluss über die Errichtung der Zentralgewalt nicht umsetzte, obwohl Im Erlass vom 28. Juni 1848 der vierte Absatz lautete: Ueber Krieg und Frieden und über Verträge mit auswärtigen Mächten beschließt die Zentralgewalt im Einverständnisse mit der Nationalversammlung.

Theodor Althaus konnte es nicht fassen. Über das leere Blatt auf seinem Stehpult hinweg blickte er auf die grünen stacheligen Kugeln der Kastanien vor seinem Fenster. Wie sollte er beginnen? Sie würden darauf schauen, was da nun morgen geschrieben stand in seinem Leitartikel. Viel hatte er noch nicht erfahren, zwei Tage nach dem parlamentarischen Donnerschlag. Die Informationen aus Frankfurt flossen spärlich. Die Entscheidung war knapp gewesen und das ließ hoffen. Es war noch nicht aller Tage Abend. Tumultartige Szenen vor der Paulskirche, hieß es. Kein Wunder, dass die Menschen sich Luft machten in ihrer patriotischen Leidenschaft. Wenigstens das Volk wusste, was es seinem Vaterland schuldig war, im Gegensatz zur Frankfurter Majorität. Der Beschluß der Nationalversammlung über den Waffenstillstand, schrieb er in die Kopfzeile. Das klang sachlich und würde niemanden provozieren. Und doch. Nur schreiben, was sie lesen wollten? Um den Verleger nicht zu verärgern? Dass er überhaupt darüber nachdachte. Nein, ungeschönt und in voller Klarheit würde er das Dilemma in der Paulskirche aufzeigen. Zum ersten Mal hätte die Nation als Einheit agieren können und hatte es nicht getan. Dänemark hätte die Zentralgewalt anerkennen müssen und hatte es nicht getan. Stattdessen diffuses Gerede von Verständigung und Modifikationen. Wer? Wo? Wie? Nichts als diplomatisches Geschwätz. Wer sollte eine Regierung denn auch ernst nehmen, die sich selbst nicht ernst nahm, seine selbst gegebenen Gesetze feige verleugnete? Wer sollte so einem Land völkerrechtliche Anerkennung gewähren? Und was war mit der Ehre Deutschlands und der Ehre der Zentralgewalt? Wer hatte daran gedacht? All das schrieb er und machte zum Schluss noch eine Bemerkung zur wichtigen materiellen Frage. Zumindest die könnte ja jetzt in der bremischen Kaufmannsstadt in Ruhe und gedeihlich gelöst werden.

Die Kritik an seinem Artikel in der Bremer Bürgerschaft, weitere Kündigungen von Abonnenten und die neuesten Nachrichten aus Frankfurt bereiteten ihm dann doch heftiges Kopf- und Bauchweh. Er wurde krank, arbeitete aber weiter bis nach Mitternacht, um die nächste Ausgabe einschließlich seiner Kommentare vorzubereiten, deren Inhalte er sich trotz allem nicht vorschreiben ließ. Die tumultartigen Ausbrüche vor der Paulskirche hatten sich an diesem 18. September 1848 in den Frankfurter Straßen und Gassen ausgeweitet. Abgeordnete der Nationalversammlung wurden angefeindet und als Verräter beschimpft. Der nach dem Rücktritt von Leiningens neu ernannte dreiundvierzigjährige Reichsminister Anton Ritter von Schmerling aus Österreich hatte, angeblich auf Bitten des Frankfurter Senats, preußische Truppen aus Mainz angefordert, was zur Eskalierung der Unruhen und zum Barrikadenbau führte, der allerdings ziemlich halbherzig und chaotisch angelegt war. Mit dem Eintreffen weiterer Truppen, auch österreichischen, war der Aufstand am selben Abend niedergeschlagen.

Außer schweren Schäden an Straßen und Gebäuden hatten die Kämpfe viele Verletzte und mehr als vierzig Todesopfer gefordert, darunter Aufständische, Zivilisten, Soldaten und Offiziere. Die preußischen Abgeordneten Hans von Auerswald und Felix Fürst von Lichnowsky wurden von einer Gruppe äußerst gewaltbereiter Fanatiker verfolgt, gejagt und mit unvorstellbarer Brutalität ermordet. Das war eine Bilanz, die in jedem Falle innehalten ließ. Vor allem die brutalen Morde an Auerswald und Lichnowsky beherrschten die öffentliche Diskussion und die Medien. Auch Theodor Althaus zeigte sich in der Ausgabe vom 22. September 1848 schockiert von diesen empörenden Grausamkeiten, die jenen Tag als einen Schandfleck unsrer Geschichte hinstellen, wollte jedoch das Geschehen nicht weiter kommentieren, bevor gerichtliche Untersuchungen die wahren Tatbestände aufgeklärt hätten. Auch wollte er den Septembertag nicht nur als fluchbeladenen sehen. Bei aller Schrecklichkeit des Geschehens wollte er sich nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass an den revolutionären Aktivitäten die Diskrepanz zwischen dem deutschen Volk und der Nationalversammlung deutlich wurde, das sich von dem im Mai gewählten Parlament nicht mehr vertreten fühlte.

Außerdem müssten endlich auch in den Ländern demokratische Strukturen geschaffen werden, forderte Althaus: Diese Revolution, die innerlich und ohne viel gewaltsame Ausbrüche gereift ist, macht eine neue Form, eine neue  V e r t r e t u n g  des wesentlich umgewandelten Volkswillens nothwendig, und wer ihr gesetzliches Zustandekommen verhindert, wird, wie einst und immerfort, die Schuld des gewaltsamen Weges tragen. Die festeste Stütze der Nationalversammlung aber werden nicht Truppenconcentrationen und Belagerungszustand sein, sondern  c o n s t i t u i e r e n d e  L a n d t a g e, die den Particularismus brechen und die Oberhoheit der deutschen Centralgewalt anerkennen werden.

Die Frage nach Ursachen und Schuld für die Hintergründe der Ausschreitungen beschäftigte nicht nur die Presse und die verschiedenen Gruppierungen im Umfeld der Frankfurter Nationalversammlung. Nachdem die neue provisorische Reichsregierung mit ihren von Preußen und Österreich unterstützten militärischen Maßnahmen mehr als eindrucksvoll vorgeprescht und in die Kritik geraten war, sah sie sich veranlasst, eine offizielle Darstellung zum Geschehen herauszugeben. Im Erlaß der Zentralregierung vom 22. September 1848 wollte von Schmerling nicht näher genannten Verschwörern die Schuld zuschieben, wenn er formulierte: Die unter dem längst verführten Volke verbreiteten falschen Auslegungen über den Beschluß der Nationalversammlung vom 16. September 1848 – wodurch der zu Malmö abgeschlossene Waffenstillstand nicht ferner zu beanstanden sei – brachten lange vorbereitete Pläne zur Ausführung. Am 17. September 1848 wurde nächst Frankfurt eine große Volksversammlung abgehalten, dabei der Aufruhr offen gepredigt und zum Sturme gegen die Majorität des Parlaments aufgefordert. Es trafen von allen Seiten Bewaffnete ein […]. Unter dem Schutze zweier aus Mainz beigezogener Bataillone hielt die Nationalversammlung am 18. September 1848 vormittags Sitzung, umringt von drohenden Haufen, deren Versuch, gewaltsam in den Sitzungssaal einzudringen, durch Reichstruppen vereitelt wurde. Von 2 Uhr bis gegen 9 Uhr abends dauerte der Straßenkampf gegen die zahlreich errichteten Barrikaden […]. Erst am 19. morgens war die gesetzliche Macht vollständig Meister der Stadt.

Beweise oder wenigstens schlüssige Antworten auf die Frage, wer falsche Auslegungen verbreitete, das Volk verführte und lange vorbereitete Pläne ausgeführt haben sollte, gab Reichsminister von Schmerling nicht. Stattdessen machte er einen diffusen Rundumschlag, meinte aber wohl vor allem die in der Paulskirche auf der linken Seite sitzenden republikanisch gesinnten Demokraten. Für diese sogenannten Linken stellten sich die Hintergründe ganz anders dar. Sie wehrten sich gegen die Kritik. In einer Kundmachung der Vereinigten Linken in der Frankfurter Nationalversammlung über die Septemberkrise“ vom selben Tage formulierten sie eine Gegendarstellung: Nicht die Schwäche oder Niederlage Deutschlands, sondern hauptsächlich eine unheilvolle Nachgiebigkeit gegen die Sondergelüste der preußischen Regierung hat uns diesen Waffenstillstand aufgedrungen […]. War es ein Wunder, wenn das Volk sich dasselbe Recht beilegte, welches sich die  E i n z e l r e g i e r u n g e n  durch wiederholte   M i ß a c h t u n g  der Beschlüsse der Nartionalversammlung angemaßt hatten? Blutige Szenen haben sich unter unsern Augen entwickelt, die wir eben so tief bedauern, als wir fest überzeugt sind, daß sie hätten vermieden werden können, wenn man zur rechten Zeit die geeigneten Maßregeln ergriffen hätte, welche wir nach Kräften anrieten  […]. Frankfurt steht jetzt unter der ehernen Zuchtrute des Belagerungszustandes und Kriegsgesetzes, d.h. der Rechtlosigkeit […].

Wie die geeigneten Maßregeln zur Verhinderung der Ausschreitungen ausgesehen hätten, wurde in einem Artikel der von Robert Blum und Georg Günther redigierten Deutschen Reichstagszeitung erläutert, den Althaus in der zweiten Ausgabe der Bremer Zeitung vom 23. September 1848 wortgetreu abdrucken ließ. Demnach sprachen an jenem Montag, dem 18. September 1848, die Abgeordneten Ernst Schilling, Ludwig Simon von Trier und Robert Blum mit Vermittlungsabsichten im Reichsministerium vor, nachdem sie sich mit den Demonstranten vor der Paulskirche ausgetauscht hatten. Dem Reichsverweser Erzherzog Johann und Reichsminister von Schmerling rieten sie dringend, die Truppen aus Frankfurt zurückzuziehen. Man könne nach ihrer Einschätzung darauf vertrauen, dass sich die Demonstration ohne militärischen Einsatz friedlich auflösen werde. Davon habe jedoch Schmerling überhaupt nichts wissen wollen. Mit herzloser Kälte und grinzendem Lächeln habe er einen Truppenabzug abgelehnt. Kurz nach diesen Friedensbemühungen der drei Abgeordneten sei der erste Schuss gefallen und die verhängnisvollen Kämpfe hätten begonnen. So wurde es im Artikel  der Reichstagszeitung und in der Bremer Zeitung publiziert.

Je mehr Wahrheiten über die Frankfurter Ereignisse zum Ende des Monats hin offenbar wurden, desto klarer wurde selbst den in der Paulskirche rechts sitzenden Konservativen, dass in der Tat sechstausend Soldaten gegen vierhundert Barrikadenkämpfer ein lächerliches Missverhältnis war. Ebenfalls wurde der Unterschied zwischen brutaler Mordlust und Empörung des beleidigten Nationalgefühls, als der wahren Quelle des Kampfes, wie Althaus ihn im Artikel Zur Orientierung am 3. Oktober 1848 herausstellte, inzwischen emotionsloser gesehen. Und nicht zuletzt war auch klar, dass das heraufbeschworene Komplott wohl außer Schmerling niemandem bekannt war, denn Beweise gab es nicht. Schon einige Tage zuvor hatte Althaus festgestellt, dass dieser unheilvolle Septembertag einen Wendepunkt in der Geschichte der deutschen Revolution darstellte. Wieder einmal wurde ihm klar, wie recht Robert Blum mit seiner Junirede zur Zentralgewalt gehabt hatte. Gagern war als erster Mann der Nation vom Thron herabgestiegen in die Partei der Konservativen und hatte mit seiner Zustimmung zum Waffenstillstand das Vertrauen des Volkes verloren. Den kühnen Griff hatte er Schmerling überlassen, der sich mit Belagerungszustand und Kartäschen diktatorisch gegen Blums diplomatische Vermittlungsversuche gestellt hatte. Man befinde sich in einer Übergangsphase, in der man das Vertrauen des Volkes zurückgewinnen müsse, resümierte Althaus. Doch anstatt zügig die konstituierende Arbeit vor allem in den Ländern zu tun, werde derzeit  die Agitation für demokratische Gesetze als Anarchie denunzirt und in politischen Streitigkeiten die Zeit vergeudet.

Juni 1848: Robert Blum und die Zentralgewalt

Ein weiterer Freund aus Leipziger Zeit hatte in Frankfurt eine Bühne gefunden. Robert Blum ließ ihn mit einer unglaublich leidenschaftlich vorgetragenen Rede in der Nationalversammlung schon fast erschrocken aufhorchen. In den Frankfurter Tagen war Theodor dem vielbeschäftigten Mann schon einige Male begegnet. Die bereits in Leipzig erlebte Kraft seiner Aktivitäten und Worte übertraf Blum am 20. Juni 1848 mit seiner Rede zur Zentralgewalt, wie man die von Gagern ins Spiel gebrachte und zur Diskussion stehende provisorische Regierung für Deutschland nannte. In Form eines Direktoriums oder Ministeriums sollte diese Zentralgewalt installiert werden. Die Schärfe des Tones der Rede übertraf alles, was Theodor bisher von Blum erlebt hatte. Der verglich die Nationalversammlung mit dem an den Felsen angeketteten Prometheus, stark wie er, doch an ihren Zweifeln angekettet.

Blum war gegen ein Direktorium. Weder sei so ein Gremium legitimiert, noch habe es die Mittel, Deutschland zu vertreten. Er und seine Partei sahen die Gefahr, dass eine Zentralgewalt, die ja notgedrungen schwach sein müsste, die Fürstenmacht in den Einzelstaaten wieder stärken und die gerade errungene parlamentarische Macht in Gefahr bringen würde. Er und seine Mitstreiter schlugen einen Vollziehungsausschuss vor. Der sollte sich darum kümmern, dass die gefassten Beschlüsse der Nationalversammlung ausgeführt würden. Andernfalls sah er die erkämpfte Freiheit wie ein Himmelsauge brechen. In unbeschreiblicher Intensität trug er seinen Appell an die Abgeordneten vor: Wollen Sie der Anarchie entgegentreten. Sie können es nur durch den innigen Anschluß an die Revolution und ihren bisherigen Gang. Das Direktorium, das Sie schaffen wollen, ist aber kein Anschluß daran; es ist Widerstand, es ist Reaktion, es ist Konterrevolution – und die Kraft erregt die Gegenkraft. Man wirft mitunter schielende Blicke auf einzelne Parteien und Personen und sagt, daß sie die Anarchie, die Wühlerei und was weiß ich wollen. Diese Partei läßt sich den Vorwurf der Wühlerei gern gefallen; sie hat gewühlt und ein Menschenalter lang, mit Hintansetzung von Gut und Blut mindestens von allen Gütern, die diese Erde gewährt; sie hat den Boden ausgehöhlt, auf dem die Tyrannei stand, bis sie fallen mußte, und Sie wären nicht hier, wenn nicht gewühlt worden wäre. Bei diesen Worten reagierten die Anwesenden in der Paulskirche mit stürmischem, anhaltendem Beifall und dann noch einmal nach dem leidenschaftlich vorgetragenen Schlusssatz: So schaffen Sie Ihre Diktatur.

Waren die Abgeordneten zu gutgläubig? Sah Blum zu schwarz? Jedenfalls blieben seine Warnungen erfolglos. Am 28. Juni 1848 beschloss die Frankfurter Nationalversammlung das Gesetz über die Einführung einer provisorischen deutschen Zentralgewalt, die bis zur Ausführung der Reichsverfassung tätig sein sollte. Und am Folgetag wählte sie, wiederum auf Vorschlag Heinrich von Gagerns, der ihn selbst als kühnen Griff  bezeichnete, Erzherzog Johann von Österreich zum Reichsverweser als Oberhaupt eines zu bildenden Ministeriums. Althaus konnte sich mit der Konstruktion Zentralgewalt mit Reichsverweser und Reichsministerium arrangieren. Er hatte eher Bedenken gegen Blums Strategie. Wie sollte ein Vollziehungsausschuss funktionieren?

Beim Zweiergespräch in der stillen Ecke eines Frankfurter Wirtshauses konnte Theodor seine Zweifel ansprechen. Im Gegensatz zu seinem Freund hatte er zu Gagern und dessen politischem Handeln ungetrübtes Vertrauen, der würde das Schiff schon in die richtige Bahn lenken. Blum hingegen sprach spöttisch vom Reichsverweser als Johann von Gagerns Gnaden. Der Jüngere musste zugestehen, dass er Blums Befürchtungen, diese Konstruktion Zentralgewalt könnte einen Rückschritt in Metternichzeiten nach sich ziehen, nicht einfach wegwischen konnte, zumal bereits erste Anzeichen aufkommender Reaktion zu erkennen waren. Die durch die Revolution geschwächten Landesregierungen eroberten ihre verlorene Macht allmählich zurück. Mit dem Antrag des Kölner Parlamentariers Franz Raveaux nach Klärung der Priorität bei gleichzeitiger Mitgliedschaft in der preußischen und der Frankfurter Nationalversammlung sowie einem tödlichen Konflikt in Mainz zwischen preußischem Militär und Bürgerwehr war deutlich geworden, dass im monarchischen System die Priorität der deutschen Nation gegenüber den einzelnen Ländern nicht gegeben war. Im Falle der Doppelmandate wurde keine eindeutige Regelung zugunsten der Nationalversammlung geschaffen. So konnte mittels Einberufung der preußischen Landstände durch die Regierung in Berlin die Parlamentsarbeit in Frankfurt in erheblichem Maße gestört werden. Auch im Falle des Mainzer Konflikts war die Gewichtung klar. Die Bürgerwehr zog sich zurück und das preußische Militär behielt die Oberhand. Die Frage, wie Blum sich denn nun seinen Mitstreitern gegenüber verhalten werde, wenn er in der provisorischen Zentralregierung ein Ministeramt angeboten bekäme, beantwortete der mit beeindruckender Konsequenz. Er würde in das erste Ministerium nur eintreten, um es nachher bei Gelegenheit sprengen zu können.

Ende des Monats Juni 1848 war für Theodor Althaus nach sechs Wochen die Zeit als politischer Beobachter im Frankfurter Sommer zu Ende. Ihn lockte ein Angebot, bei der Bremer Zeitung als Nachfolger von Karl Theodor Andree die Stelle als leitender Redakteur zu übernehmen. Andree wollte Bremen verlassen, in seiner Heimatstadt Braunschweig die „Deutsche Reichszeitung“ redigieren und sich verstärkt seinen Studien und Publikationen im geographischen Bereich widmen. 


31. März 1848: Vorparlament in der Frankfurter Paulskirche

Märzrereignisse in Frankfurt

Ehe sich dieses Problem [familiäres Problem der Familie von Meysenbug] klären ließ, gab es auf der politischen Bühne einen Paukenschlag nach dem anderen, beginnend mit dem Aufstand in Palermo gegen den bourbonischen König, gefolgt von den Sturmglocken in Paris, Metternichs Flucht aus Wien und dem Barrikadenkampf in Berlin am 18. März 1848. Es wurde ein wahrer Völkerfrühling, der von den Menschen in allen Ländern des Deutschen Bundes euphorisch gefeiert wurde. Auf Straßen und Plätzen redete man von Freiheit und den Rechten des Volkes.

Malwida konnte sich über die positiven Veränderungen jedoch nur zusammen mit Theodor freuen. Von ihm bekam sie aus Leipzig einen begeisterten Brief. In der Familie dagegen konnte sie mit niemandem die Freude teilen, mit niemandem darüber reden. Mutter und Geschwister waren entsetzt über die Entwicklungen und hofften auf ein baldiges Ende.

Doch war es erst der Beginn. Nach den revolutionären Aktionen kehrte schon bald Ruhe ein und die Besonnenheit einiger tüchtiger Männer siegte. Zur Eröffnung des Vorparlamentes in der Paulskirche am 31. März 1848 waren in Frankfurt alle Straßen und Plätze mit Fahnen und Bändern in Schwarzrotgold geschmückt. Man hatte den Eindruck, dass die gesamte Frankfurter Bevölkerung auf der Straße war. Zusammen mit einer Freundin war auch Malwida dabei, als fast 600 Vertreter aus allen deutschen Ländern vom Kaisersaal auf dem Römerplatz zur Paulskirche zogen, um die Wahlen des ersten deutschen Parlamentes vorzubereiten. An vier aufeinanderfolgenden Tagen traten die Delegierten zusammen. Auf den Straßen erlebte man herausragende Volksmänner, die auf Holztribünen zu den Menschen sprachen. Besonders beeindruckt war Malwida von Friedrich Hecker aus Baden und Robert Blum aus Leipzig. Gern würde sie auch den Reden und Aussprachen in der Paulskirche zuhören, aber der Zugang zur Galerie war nur Männern gestattet. An einem Tage bekam sie unerwartet eine Gelegenheit durch die Hilfe eines Bekannten ihrer Freundin, der mithalf, die Abläufe zu organisieren. Der verschaffte ihnen Zugang zu einem nicht öffentlichen Bereich. Es war ein mit schwarzrotgoldenen Tüchern verhängter Raum. Hinter diesem Vorhang versteckt, hielten sich einige Ehefrauen der Teilnehmer auf, ohne gesehen zu werden. Malwida war zutiefst beeindruckt von dem, was da unten in der kreisförmigen Kirchenhalle ablief. Das Land bewegte sich und versprach dank des Bemühens tüchtiger Männer ein lebendiges Staatswesen zu werden. Das mitzuerleben, war schon großartig und am 18. Mai 1848 sollte es erst richtig losgehen, wenn die offizielle Wahl der Deputierten abgeschlossen war und sich die gewählten Vertreter der einzelnen Länder des deutschen Bundes zur Eröffnung der Nationalversammlung in der Paulskirche einfinden würden. 


24. Februar 1848: Revolution in Frankreich



Der germanische Winterschlaf war die berühmte Ruhe vor dem großen Sturm. Als Theodor Althaus am 27. Januar 1848 im Leipziger Theater einer Vorstellung von Glucks Iphigenie in Aulis beiwohnte, war es ihm unmöglich, seine Aufmerksamkeit auf die Opernbühne zu lenken, denn unmittelbar zuvor hatte er die Nachricht vom erfolgreichen Aufstand der Bevölkerung in Palermo gegen den bourbonischen König Ferdinand II. am 12. Januar 1848 erhalten. Das war die größte Freude, die er seit langem erlebt hatte. Die Lichter von Palermo, nachts um drei angezündet, sah er während der gesamten Vorstellung vor sich. Ich hoffe, du hast unseren ersten Sieg in diesem Jahr gehörig genossen und den 12. Januar roth angestrichen, schrieb er seiner Schwester nach Detmold.

Ein paar Tage später stand er im gedrängt vollen Konversationssaal des Museums, eine gerade eingetroffene Zeitung in den Händen, die Indépendance Belge, aus der er fast atemlos einen Artikel über Sturmglocken von Notre Dame, dem Sturz von König Louis Philippe am 24. Februar 1848, vorlas. Das war weit mehr als Sizilien, das konnte umwerfende Auswirkungen auf die Länder des Deutschen Bundes haben. Wie sah die neue Regierung in Frankreich aus? Gab es eine Republik? Ungeduldig fiebernd wartete man auf weitere Nachrichten, auf Journale oder Reisende mit dem Zug aus Brüssel oder aus Köln.
Am 5. März 1848 konnte er endlich die befreienden Informationen in seinem Tagebuch notieren. Einen Tag nach dem Sturz des Monarchen war in Paris die Republik ausgerufen und eine provisorische Regierung gebildet worden: Ich habe Angst gehabt, wie eine Mutter um ihr Kind, bis endlich, allendlich das Ja und Amen kam – keine Regentschaft, sondern Republik, keine Freude, sondern Enthusiasmus, kein neues Ministerium – eine neue Welt! Ich habe kaum Zeit zu denken […]. Ich kann mich nicht satt lesen an den Verordnungen der provisorischen Regierung. Als ich zum erstenmal die Ueberschrift las, hab ich geweint vor Freude:

Republique Francaise,

Liberté, Egalité, Fraternité


Als die Freudentränen versiegt waren, stellte sich für den jungen Heißsporn die Frage: Und jetzt? Da war einer schon längst aktiv. Robert Blum versammelte Gleichgesinnte um sich und hatte auch konkrete Pläne. Zuerst wollte er in Leipzig und Sachsen Einfluss nehmen, im Stadtparlament und im Redeübungsverein. Es hieß Forderungen und in Broschüren publizieren: Geschworenengerichte, Presse- und Versammlungsfreiheit, Rücktritt der sächsischen Regierung, Wahlreform, Volksbewaffnung anstelle von Soldaten. Blum war in seinem Element. Sonst immer mit Reden vorneweg, saß Althaus jetzt nur still dabei. Er musste die neuen Entwicklungen erst einmal begreifen. Wie sollte ein freies einheitliches Deutschland aussehen? Noch ehe er sich über seinen Anteil an Blums Aktivitäten klar werden konnte, bekam er ein Angebot von der Weser-Zeitung. Jetzt wollte man ihn als Leitartikler in Bremen sehen.
Am 9. März war er unterwegs nach Norddeutschland. Doch er hatte kaum Zeit, sich in Bremen zu etablieren, als der nächste Donnerschlag durch das Land hallte. Der kam aus Wien. Nach einem Sturm auf das Ständehaus war der vierundsiebzigjährige Staatskanzler Fürst Metternich am Abend des 13. März 1848 ins Exil geflohen. In der Bremer Redaktion wurde die neue Situation in den Ländern des deutschen Bundes erörtert und die politische Richtung der Weser-Zeitung festgelegt. Sollte Deutschland eine parlamentarische Monarchie oder eine Republik werden? Letzteres würde die Abschaffung der Königs-, Fürsten- und Herzogtümer bedeuten. Als glühender Verfechter der Republik konnte Althaus sich nichts anderes vorstellen. Die Redakteure der Weser-Zeitung hingegen wollten einen gemäßigten Kurs fahren. Somit kam eine enge Mitarbeit in der Bremer Redaktion für beide Seiten nicht mehr in Betracht. An seinen Artikeln war man jedoch nach wie vor interessiert.

So fuhr Althaus zurück nach Leipzig, um weitere Nachrichten zu den Ereignissen in Wien einzuholen und von dort nach Bremen zu berichten. Als er am 19. März im Leipziger Museumssaal ankam, schlug bereits die nächste Bombe ein. Die Extraausgaben der Zeitungen brachten erste Berichte von heftigsten Straßenkämpfen in Berlin. Mit dem Abendzug machte er sich auf den Weg in die preußische Hauptstadt, kam aber nur bis Magdeburg und übernachtete im Hotel Stadt London.

Leseprobe aus: 

22. Februar 1841: Rosenmontag in Köln

„Nachmittags um vier Uhr am 21. Februar [Sonntag] führte nach langem Warten der Ludwig von Nassau, mit carnevallustigen Reisenden bis zum Sinken überladen, Cruel, Müller und mich nach Köln, wo er uns ganz durchfroren gegen sechs Uhr absetzte. Wir fragten uns glücklich bis zur Brückenstraße durch, um dort zu erfahren, daß die jungen Herren nicht zu Hause wären und wahrscheinlich im Theater sein würden. Dahin begaben wir uns denn auch, bewunderten in Robert dem Teufel die Höflichkeit des Kölner Publicums gegen die Spieler und kamen um zehn Uhr glücklich gegenüber der Columbakirche an, obwohl das vierstündige Stehen unsre Unterthanen nicht wenig angegriffen hatte. Zu unsrer größten Zufriedenheit machte Weerth senior die Thüre selbst auf, kurz darauf taumelte Sancho Pansa in Kemper’s Gestalt die Treppe herunter und bald saßen wir, nachdem auch der jüngere Weerth angekommen war, friedlich auf der alterthümlichen Kneipe unter dem Phaetonsgemälde, bei einigen Flaschen Moseler, die uns bis Mitternacht, und, mit Durchsprechen der gegenseitigen Schicksale und Neuigkeiten und dessen, was da kommen sollte, noch hielten. Hierauf verfügten wir Beglückten uns in unsere respectiven Betten, Weerth senior und Kemper gingn nach des letztern Kneipe, um dort ein Obdach zu suchen. Nach einer halben Stunde jedoch überraschten sie uns mit der Trauerbotschaft, daß das Haus verschlossen sei. Sie fingen also an, ihre Charaktere zu spielen: der Don Quichote bettete sich auf den Fußboden in einen Winkel, mit einigen Mänteln, während Sancho Pansa zu Cruel in’s Bett kroch und uns noch ein halbes Stündchen mit Witzen, wie sie einem Angerissenen ziemen, belustigte, ärgerte und endlich einschläferte. Gegen acht Uhr Morgens ging, noch während des Kaffeetrinkens, die Rumpelei los und die Costümirung begann. Eine Stunde wenigstens erforderte es, bis die rothe Jacke, der Panzer, der Helm Manbrino’s und die übrigen Attribute des Herrn und Meisters angelegt waren, die zweite verfloß mit der Bepinselung desselben und seines Knappen, Warten auf die Reitpferde und einem mit lebhaftem Eifer fortgeführten Zank, ob sie um zehn, elf oder zwölf im kaiserlichen Hof sich versammeln müßten. Endlich, nach einigen verunglückten Versuchen, die Zügel der Rosinante richtig in die Hand zu bekommen, setzte sich Don Quichote, furchtbar anzusehen mit seiner Hellebarde von 1661, seinem hölzernen Schwert und seinen mächtigen roth und gelben Stulpenstiefeln, langsam in Bewegung; ihm folgte Sancho Pansa auf einem Esel, der leider so störrig war, daß die wiederholte Anwendung meines Teutoburgers nicht hinreichte, sondern der Herr des Thiers, der aus zärtlicher Sorgfalt mitgegangen war, es am Zaum nachführen mußte. Auf dem Halse des Thiers vor dem Reiter, dessen schwarzsammtenes Wamms mit aufgeschlitzten Aermeln, kurzer Hose und grauen Strümpfen zu den mächtigen Schnallen auf den Schuhen und dem Strohhut mit rothem Band wohl paßten, hing ein großer Quersack, dessen eine Seite sechs Flaschen Wein zierten, denen auf der andern Seite ein Brod, Aepfel, Zwiebeln und sonstiger Mundvorrath das Gleichgewicht hielten. So verzog sich das edle Paar allmählich und wir folgten ihm auf den Neumarkt, wo schon in dem durch Seile abgeschlossenen und von Soldaten bewachten Raume, unter den in den buntesten Farben flatternden Carnevalsfahnen, ein noch bunteres Gewimmel herrschte.
Allmächlich zogen, unter Musik und eigenen und fremden Beifallsrufen, die einzelnen Wagen und Reiter auf den Platz, neugierig von der umstehenden Menge angegafft, während ein Kreis von Schönen auf den Balconen der größten Häuser stolz auf die geringeren Sterblichen herabsah und einzelne Schaulustige sogar die platten Dächer occupirt hatten. Aber nun – wer zählt die Völker und mehr noch, wer nennt, ohne die ausgestreuten, aber von Unbekannten schwer zu erhaltenden Gedichte, alle die wirklichen und imaginirten Witze, Anspielungen, Satiren und Charactere? Da thronte auf einem Sonnenwagen der Hanswurst, der sich voriges Carneval verlobt hatte, dessen Verbindung aber in diesem kurzen Zeitraum schon mit drei hoffnungsvollen Sprößlingen gesegnet war, die von Blumen bekränzt, auf den weißen, die Sonne umgebenden Wolken hingegossen, oder, um die prosaische Wahrheit zu sagen, fest angebunden waren. Wie bei den alten Helden, wurde auch hier gerechter Tadel den Uebermüthigen erheilt, denn die Darstellung der Bäckersoirée war eine beißende Satire auf die ehrenwerthe Zunft, die sich zu einem eigenen Comité hatte vereinigen wollen, das sich tragisch in Schlägereien aufgelöst hatte. Höhere Verhältnisse travestirte der gordische Knoten, in Form einer phantastisch bemalten Kugel, zu dessen Lösung aber nicht Alexander, sondern der Hanswurst, und nicht auf den Flügeln des Sieges, sondern an einem langen Strick von einem Thürmchen herabschwebte und ihn nicht durch das antike Schwert, sondern durch die moderne Knallrakete löste. Trauriges Schicksal prophezeite die grüne Schanze von dürrem Heu, mit der pappenen Kanone, als Abbild der Befestigung von Paris; denn so oft das Hauptgebäude angewackelt kam, blitzte das Pulver der Kanone aus guten Gründen ab, und wenn nach langem Trommeln und Kriegsgeschrei drinnen der gallische Hahn auf der Zinne seine Flügel ausbreiten wollte, so hielt der verwünschte kleine Junge in englischer Uniform ihn zurück. Gleicher Hohn traf die französische Propaganda, welche auf einem anderen Wagen unumwunden für Marktschreierei erklärt wurde: denn auf diesem saß der treue deutsche Rhein, und in dieser Qualität hatte er allerdings genügenden Vorwand, von seinem Sohn, dem treuen deutschen Rheinwein, den sie auch nicht haben sollen, eine Flasche nach der anderen zu leeren. Geistreich deuteten auf der Rückseite des Wagens sechs große Teller das Ehrengeschenk an den Nationaldichter an. Drei Tyroler Scharfschützenn machten ihrem Gewerbe Ehre; wenigstens wenn man nah dem schloß, was aus ihren enormen Waidtaschen an kalter Küche zum Vorschein kam mußten sie gute Jagd gehabt haben. Große Kunstfertigkeit in der Musik bewiesen die Hunde-, Affen- und Löwen-Masken, welche die Stadtmusiker verdeckten; furchtbare Gefühle flößten die geharnischten Reiter und der grimmige Türkenritter ein, die sich aber in sanftere Empfindungen auflösten, wenn man die friedfertigen kölnischen Stadtsoldaten, mit dem Schmauchstengel im Mund, im Costüm des 19. Jahrhunderts aufmarschiren sah; Mitleid überwältigte endlich ein zartfühlendes Herz, wenn man zuschaute, wie die guten altdeutschen Herren und Damen sechs Stunden lang auf dem harten Pflaster ihre Menuett aufführten. Erinnerungen an vergangene Herrlichkeiten erweckte nicht minder ein Wagen, auf dem ein Schiff mit vielen am Mast aufgezogenen Flaggen thronte, das sogenannte ‚Alaaf Köllen‘, ein Refrain, an dem sich der patriotische kölnische Spießbürger den ganzen Tag über recht was zu gute that. Und welches kölnische Herz eines Bonvivant schlug nicht höher, wenn er den Karren betrachtete, worauf das mit Stroh gedeckte Häuschen mit der Ueberschrift: ‚Zur schönen Aussicht‘ als Parodie einer renommirten Restauration gleichen Namens stand. So fühlte sich auch Jeder, der sich bewußt war, für Freiheit und Humanität zu glühen, freudig bewegt, wenn er auf einem großen Gefährt die Stange mit der Inschrift; ‚Emancipation der Pudel‘ stehen sah und darunter die Pudelmasken in den verschiedensten menschlichen Beschäftigungen – freilich kein Wunder, da unter dem Pudelfell lauter junge Menschlein steckten. Selbst ein Timon hätte gelacht, hätte er das Hanswursttheater passiren sehen, wo die Acteurs, die bis an den Gürtel im Bretterverschlag standen, sich um den Leib kleine fußlange Beinchen befestigt hatten und so, wenn sie diese heraushängen ließen, die possirliche Figur bildeten. Welcher Hagestolz hätte nicht geschmunzelt, wenn er die drei alten Jungfern sah, die um Beiträge zur Erweiterung des Gereonsstiftes baten, da dieses seit geraumer Zeit die vielen alten Jungfern, die es jetzt habe, nicht mehr fasse. Jeder, der in der deutschen Literatur bewandert war, mußte sich an Faust erinnern, wenn er die mit Meerkatzen, Katern, Kochlöffeln, Kesseln und Kräuterbündeln ausstaffirte Hexenküche gewahrte und zog seine Lorgnette hervor, um zu sehen, ob an dem sechseckigen, bloß mit Inschriften versehenen Kasten etwas Interessantes oder Witziges zu finden sei – ich vermuthe aber, daß er sie bald wieder in die Tasche gesteckt hat.“

Theodor Althaus im Brief an die Eltern in Detmold im Februar 1841.

Friedrich Althaus. Theodor Althaus. Ein Lebensbild. 
Bonn Verlag von Emil Strauß 1888, S. 33-37

„Der gordische Knoten und seine Lösung“ war das Motto des Kölner Rosenmontagszuges 1841

Bild: Von William Tombleson – scan by User:Manfred Heyde, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2447200 [Köln 1840]

Theodors letztes Weihnachtsfest



Kurz vor Weihnachten fühlte er sich immerhin so kräftig, dass er seiner Schwester nach Berlin einen langen Brief schreiben konnte. Er bedankte sich für die Köstlichkeiten und die warme Decke, die sie ihm in einem großen Paket geschickt hatte und beschrieb, wie er im Sofa saß und es sich mit schönen warmen Füßen unter der Decke und Elisabeths Leckereien gemütlich machte. Er berichtete von der lieben Frau Seebach, der Krankenwärterin, die abends beim Zubettgehen auch immer darauf achtete, dass er schöne warme Füße habe. Mit Wehmut dachte er an das bevorstehende Weihnachtsfest und schrieb von einer schlank gewachsenen dunklen Tanne vor seinem Fenster gerade so hoch, daß sie mit ihrer schönen Krone wohl Platz hätte zum Fest in einem hohen weiten Saale, wo ganze Scharen von Kindern in ihrem Lichterkranz tanzen könnten.

Obwohl Verwandte und Freunde ihn zu Weihnachten wieder mit Geschenken und Aufmerksamkeiten erfreuten, vermisste er seine Lieben weit mehr als im Vorjahr im Gefängnis. Er fühlte sich sehr einsam, war aber getröstet durch einen stillen jungen Mann, mit dem Frau Seebach ihn zusammengebracht hatte und der am zweiten Feiertag bei Tee und Kuchen ein paar Stunden mit ihm verbrachte, wobei Theodor ihm eingehend von vergangenen Zeiten erzählen musste, als er noch mit Arnold Ruge, Moritz Hartmann und Eduard Meißner in Leipzig gemeinsame Träume hatte.

Nach Weihnachten besuchte ihn Malwida von Meysenbug. In ihren Memoiren berichtete sie darüber: „Ich fand ihn auf dem Sofa liegend, er schien tief gerührt, mich zu sehen. Ich war bis in das Innerste erschüttert von seinem Anblick und dachte, dass das nicht die einzigen Helden sind, die auf dem Schlachtfeld für die Freiheit sterben. Er starb ja auch, ein Kämpfer, an den Folgen des Kampfes. Sein Zimmer war gross und luftig, aber es war doch das Zimmer eines Hospitals, und er war allein da, fern von allen, die er liebte. Er war noch nicht dreissig Jahr, aber er schien mindestens vierzig; ein langer schwarzer Bart hob seine Blässe und Magerkeit noch mehr hervor, und wenn ein Lächeln auf seine Lippen kam, so war es traurig zum Weinen.“

Die Freundin hatte sich in einem Gasthof eingemietet und blieb eine Woche in Gotha. Täglich besuchte sie Theodor und blieb so lange, bis er sich ausruhen musste. Auch den Silvesterabend verbrachten sie mit Erinnerungen an ihre Zeit in Detmold, ihre gemeinsamen Ideale von Liebe und Freiheit und an seine Mutter. Bevor Malwida Gotha verließ, besorgte sie ihm einen bequemen Lehnstuhl, weil ihr aufgefallen war, wie schwer das Sofasitzen ihm fiel. Malwida erinnert sich:  „Er war sehr gerührt, und als er mir die Hand zum Abschied reichte, sagte er mit bewegter Stimme: ‚Man hat behaupten wollen, dass die demokratischen Frauen kein Herz hätten; es ist an mir, dem zu widersprechen.’“

Auszug aus:

Schwere Tage in Bremen

Indes waren in Bremen die Kämpfe gegen die Bremer Zeitungvollends ausgebrochen. Der leitende Redakteur [Theodor Althaus] wurde offen angefeindet, darauf angesprochen, wie ein Enkel von Dräseke so heillose Sachen schreiben könne und provokativ gefragt, wie er sich denn die Einheit und Republik eigentlich denke. Und es kam noch schlimmer. Mit Flugschriften und offenen Briefen agitierte man gegen die Zeitung und speziell gegen die Artikel von Theodor Althaus. Im Tagebuch notierte er: Das Complott brach endlich an der entscheidenden Erklärung los. Haufenweis kamen die Absagebriefe im echten Bourgeoisstil. Die Principale bleich, niedergeschlagen, sahen voraus, dass die ‚Bremer Zeitung’ für Bremen verloren sei […]. Da half es auch nicht, dass zwei mitgliederstarke Bremer Vereine sich vehement für die freisinnige Tendenz der Leitartikel von Althaus einsetzten und in offenen Briefen diese Art von Pressezensur anprangerten. Der Bürgerverein äußerte sich empört über die Angriffe und Demonstrationen von Aristokraten und Reaktionären, die vor den unparteiischen Richterstuhl der öffentlichen Meinung gehörten. Noch schärfer formulierte der demokratische Verein. Die längst beseitigte Staatszensur werde von jenen Finsterlingen als Privatzensur wieder eingeführt und die Menschen somit um die glücklich errungene Pressefreiheit gebracht. Die Solidaritätserklärungen der beiden Bremer Vereine wurden von der Redaktion wunschgemäß publiziert und am 4. Oktober 1848 in der zweiten Ausgabe der Bremer Zeitung gedruckt.

Als Agitation und Boykott über die Zeitung hinaus sogar gegen die traditionelle Heyse’sche Verlagsbuchhandlung ausgedehnt wurden, entschied der Verleger, einen Schlussstrich zu ziehen und sich von der Zeitung zu trennen. Die Bremer Zeitung wurde an die Gebrüder Jänecke in Hannover verkauft, im Einvernehmen mit Theodor Althaus, der sie dort unter dem Namen Zeitung für Norddeutschland weiter redigieren würde. Schwere Tage, notierte er, durch die unsittliche Finesse und die ganze Perfidie mich indirect als Rothen zu schildern, fühlte ich die letzten Fäden reißen. Dem bevorstehenden Ortswechsel konnte er durchaus positive Aspekte abgewinnen. Hannover war besser an das Eisenbahnnetz angebunden als Bremen und somit erreichten die neuesten Nachrichten die Redaktion schneller als bisher.

Doch so richtig wollte der Blick nach vorne und das Entwickeln von Perspektiven noch nicht gelingen. Zu tief saß der verletzende Stachel. Die bittere Enttäuschung brachte sein inneres Gleichgewicht ins Wanken. Theodor bekam Husten und wurde krank. Konnte nicht schreiben, fühlte mich mit kurzen Unterbrechungen wie todt, wie vernichtet, sah mit Grauen dem Winter und mit Ekel dem Leben entgegen. Trost fand er in der Korrespondenz mit seiner Cousine Minna Schmitson in Frankfurt, die er auch seinerseits trösten musste, weil ihr Vater als Angestellter bei der Bundesmilitärkommission während des Straßenkampfes am 18. September eine Verwundung davongetragen hatte: Aber es gilt auszuharren und treu zu bleiben. Ein Frühling kommt, in Menschenwelt und in Natur wird er uns wiederkehren!
De Traurigkeit war stärker als die Hoffnung auf Frühlingserwachen. Als an seinem Geburtstag Schwester Elisabeth ihn an sich drückte, wusste er nicht, ob er sich freuen oder heulen sollte. Die treue Seele war extra nach Bremen gekommen. Sechsundzwanzig Jahre alt wurde er und kam sich vor, als hätte er das ganze Leben schon hinter sich. Ihr gegenüber gab er zwar sich optimistisch, wusste er doch, sie würde alles der Mutter erzählen und die sollte sich nicht beunruhigen, doch wie er sich wirklich fühlte, vertraute er seinem Tagebuch an: Ich habe verloren, ich weiß nicht mehr zu sprechen wie sonst, seit ich so viel lese und schreibe. Ich kenne die Herzen nicht mehr so, seit ich mir selbst so wenig, so fast niemals angehöre.

Frankfurt 18. September 1848

Hier ein Auszug aus der Lebensgeschichte von Theodor Althaus, der als leitender Redakteur der „Bremer Zeitung“ das Frankfurter Desaster von Bremen aus beobachtet und sich mit seinen Leitartikeln aus dem Fenster gehängt hatte. Damit hatte er sich bei den Abonnenten mächtig in die Nesseln gesetzt, denn vielen Bremer Bürgern waren ihre Geschäfte wichtiger als demokratische Strukturen. Angesichts fieser Stimmungsmache gegen seine Person kostete es unglaubliche Mühe, jeden Tag zwei Ausgaben herauszubringen:
„Zu diesen enormen Belastungen durch Aufrechterhaltung und Organisation des Betriebes der Bremer Zeitung beschäftigten ihn [Theodor Althaus] weiterhin und zuvörderst die Angelegenheiten, die auf der großen politischen Bühne gespielt wurden, derentwegen er ein Zeitungsmann geworden war. Aktuell war es die auf Drängen von Frankreich, Großbritannien und Russland unmittelbar bevorstehende Ratifizierung des Waffenstillstandsvertrages zwischen Preußen und Dänemark. Im Leitartikel Die schleswig-holsteinische Angelegenheit, der am 21. August 1848 mit dem Untertitel Rückblick und Resultate erschien, beklagte Althaus, wie schon einige Wochen zuvor, dass dieses ohne Einbeziehung des vom Volk gewählten Parlamentes und den von diesem gewählten Vertretern der deutschen Nation, also dem Reichsverweser im Einvernehmen mit der Nationalversammlung, verhandelt wurde. Gegenüber England, Frankreich und Russland, die sogar im Falle des Nichtzustandekommens des Waffenstillstandes mit militärischen Maßnahmen drohten, nahm Deutschland nicht die Stellung ein, die seiner wirklichen Macht entspräche. Blum hatte recht gehabt mit seinen Bedenken und der Forderung nach einem Vollziehungsausschuss. Um politische Ziele durchzusetzen, fehlten der provisorischen Zentralregierung jegliche Mittel. Die Ohnmacht nach innen und außen war offensichtlich. Wo stand Heinrich von Gagern, wo der Reichsverweser Johann von Österreich, wo der provisorische Ministerpräsident Karl zu Leiningen und sein Ministerium? Wo stand die deutsche Nation? Was nützten Gebietsgewinne, war doch in Althaus Formulierung erst einmal wichtig: „… unsere Ehre ist der Respekt, den wir vor der Berechtigung  j e d e r  Nationaleinheit und Nationalunabhängigkeit beweisen; sei’s auch um den Preis, daß Deutschland nicht bis zur Königsau geht, und einige Abgeordnete der dänischen Bezirke die Paulskirche verlassen müssen.“

Nach der erfolgten Ratifizierung des Vertrages am 26. August 1848 unter Vermittlung von Schweden in Malmö wurde das eigenmächtige Verhalten der preußischen Regierung sowohl in der deutschen Öffentlichkeit als auch in der Presse, den verschiedenen politischen Gruppen und der Nationalversammlung so heftig und kontrovers diskutiert, dass es am 5. September 1848 in der Paulskirche zur Abstimmung kam, bei der 238 Parlamentarier mit 221 Gegenstimmen den Waffenstillstand von Malmö in dieser Form ablehnten, was bedeutete, dass alle Maßnahmen zur Umsetzung gestoppt wurden. Daraufhin trat das Ministerium Leiningen zurück und Friedrich Christoph Dahlmann, der besonders leidenschaftlich für die Ablehnung plädiert hatte, wurde vom Reichsverweser Erzherzog Johann mit der Bildung eines neuen Kabinetts beauftragt. Preußen hat im Namen des Bundes  u n d  in seinem eignen den Waffenstillstand abgeschlossen, die Nationalversammlung hat seine Ausführung sistirt, und so muß  P r e u ß e n  b i e g e n  oder die  C e n t r a l g e w a l t  muß  b r e c h e n, resümierte Althaus am 8. September 1848 im Leitartikel Die Entscheidung. Im Namen des Bundes! Was hatte Blum prophezeit? Rückschritt in die Metternichära. Und Preußen als Vorreiter. Ja, Preußen müsste sich fügen und die parlamentarische Abstimmung gegen den Vertrag, für Einheit und Freiheit, akzeptieren. Sie war ein Sieg der Demokratie.

In den darauffolgenden Tagen erfuhr der leitende Redakteur der auflagenstarken Bremer Zeitung schmerzlich, wie wenig im Moment die Demokratie und die während der Märzrevolution erlangte Pressefreiheit wert waren. Nachdem er sich am 11. September 1848 von der Haltung Waffenstillstand [von Malmö] zugunsten des Handels um jeden Preis deutlich distanzierte und sich klar hinter das Votum der Nationalversammlung stellte, gab es eine Vielzahl von Kündigungen der Abonnements. Für viele Bremer Bürger waren Handel und Gewerbe Größen, denen sich die Politik unterzuordnen hatte. Für Althaus hingegen hatten Einheit, Ehre und Freiheit des Vaterlandes oberste Priorität, auch um den Preis der Aufgabe von territorialen Zugewinnen an der Grenze zu Dänemark und Verzögerungen des Küsten- und Seehandels. Besonders das Letztere, Beeinträchtigungen des Seehandels, dürfte in Bremen für großen Unmut gesorgt haben.

Der Rückgang der Abonnenten brachte Althaus eine Menge Ärger mit dem Verleger, der sich in dem Zusammenhang auch um das Anzeigengeschäft sorgen musste. Er wollte diese bitteren Realitäten nicht so recht an sich heranlassen, wenn er am 13. September 1848 im Tagebuch notierte: „Diese Gesichter des Himmelseinsturzes, wenn ein Abonnent gekündigt hat! “ Doch die Misstöne drückten schwer auf seine Stimmung: „So in’s Blaue hineinzuschreiben, wenn Dein Leben von nirgendher Dir wieder entgegenkommt – so gar keine Frucht zu sehen, gar keine Genugthuung als die innere, zu der man keine Zeit hat, und die sich endlich auf das leere Gefühl der vollbrachten Arbeit beschränkt!“ Das ging vorbei. Hart werden und Ausharren, sagte er sich. Er würde daraus lernen.

Es vergingen nur ein paar Tage bis zur nächsten Härteprüfung. Im Frankfurter Parlament war mit dem Ablehnungsvotum keine Ruhe eingekehrt. Wie sollte es weitergehen? Wie konnte man die preußische Vorherrschaft stoppen? Wie sollte man den demokratischen Karren aus dem Sand bekommen? Hektisches Agieren bestimmte das politische Geschehen. Dahlmanns Bemühen um ein neues Reichsministerium schlug fehl und er gab den Auftrag zur Regierungsbildung an den Reichsverweser zurück. Weitere Diskussionen und Parlamentsdebatten führten zu Verschiebungen von Mehrheiten, sodass die Nationalversammlung in einer erneuten Abstimmung am 16. September 1848 den Waffenstillstandsvertrag schließlich doch akzeptierte und mit 257 gegen 236 Stimmen für die Ratifizierung zwischen Preußen und Dänemark votierte. Damit hatte das erste frei gewählte deutsche Parlament das Vertrauen seiner Wähler und das potentieller Verhandlungspartner verspielt. Außerdem hatte es sich selbst als politische Kraft matt gesetzt, indem es den Beschluss über die Errichtung der Zentralgewalt nicht umsetzte, obwohl Im Erlass vom 28. Juni 1848 der vierte Absatz lautete: „Ueber Krieg und Frieden und über Verträge mit auswärtigen Mächten beschließt die Zentralgewalt im Einverständnisse mit der Nationalversammlung.“

Theodor Althaus konnte es nicht fassen. Über das leere Blatt auf seinem Stehpult hinweg blickte er auf die grünen stacheligen Kugeln der Kastanien vor seinem Fenster. Wie sollte er beginnen? Sie würden darauf schauen, was da nun morgen geschrieben stand in seinem Leitartikel. Viel hatte er noch nicht erfahren, zwei Tage nach dem parlamentarischen Donnerschlag. Die Informationen aus Frankfurt flossen spärlich. Die Entscheidung war knapp gewesen und das ließ hoffen. Es war noch nicht aller Tage Abend. Tumultartige Szenen vor der Paulskirche, hieß es. Kein Wunder, dass die Menschen sich Luft machten in ihrer patriotischen Leidenschaft. Wenigstens das Volk wusste, was es seinem Vaterland schuldig war, im Gegensatz zur Frankfurter Majorität. „Der Beschluß der Nationalversammlung über den Waffenstillstand“, schrieb er in die Kopfzeile. Das klang sachlich und würde niemanden provozieren. Und doch. Nur schreiben, was sie lesen wollten? Um den Verleger nicht zu verärgern? Dass er überhaupt darüber nachdachte. Nein, ungeschönt und in voller Klarheit würde er das Dilemma in der Paulskirche aufzeigen. Zum ersten Mal hätte die Nation als Einheit agieren können und hatte es nicht getan. Dänemark hätte die Zentralgewalt anerkennen müssen und hatte es nicht getan. Stattdessen diffuses Gerede von Verständigung und Modifikationen. Wer? Wo? Wie? Nichts als diplomatisches Geschwätz. Wer sollte eine Regierung denn auch ernst nehmen, die sich selbst nicht ernst nahm, seine selbst gegebenen Gesetze feige verleugnete? Wer sollte so einem Land völkerrechtliche Anerkennung gewähren? Und was war mit der Ehre Deutschlands und der Ehre der Zentralgewalt? Wer hatte daran gedacht? All das schrieb er und machte zum Schluss noch eine Bemerkung zur wichtigen materiellen Frage. Zumindest die könnte ja jetzt in der bremischen Kaufmannsstadt in Ruhe und gedeihlich gelöst werden.

Die Kritik an seinem Artikel in der Bremer Bürgerschaft, weitere Kündigungen von Abonnenten und die neuesten Nachrichten aus Frankfurt bereiteten ihm dann doch heftiges Kopf- und Bauchweh. Er wurde krank, arbeitete aber weiter bis nach Mitternacht, um die nächste Ausgabe einschließlich seiner Kommentare vorzubereiten, deren Inhalte er sich trotz allem nicht vorschreiben ließ. Die tumultartigen Ausbrüche vor der Paulskirche hatten sich an diesem 18. September 1848 in den Frankfurter Straßen und Gassen ausgeweitet. Abgeordnete der Nationalversammlung wurden angefeindet und als Verräter beschimpft. Der nach dem Rücktritt von Leiningens neu ernannte dreiundvierzigjährige Reichsminister Anton Ritter von Schmerling aus Österreich hatte, angeblich auf Bitten des Frankfurter Senats, preußische Truppen aus Mainz angefordert, was zur Eskalierung der Unruhen und zum Barrikadenbau führte, der allerdings ziemlich halbherzig und chaotisch angelegt war. Mit dem Eintreffen weiterer Truppen, auch österreichischen, war der Aufstand am selben Abend niedergeschlagen.

Außer schweren Schäden an Straßen und Gebäuden hatten die Kämpfe viele Verletzte und mehr als vierzig Todesopfer gefordert, darunter Aufständische, Zivilisten, Soldaten und Offiziere. Die preußischen Abgeordneten Hans von Auerswald und Felix Fürst von Lichnowsky wurden von einer Gruppe äußerst gewaltbereiter Fanatiker verfolgt, gejagt und mit unvorstellbarer Brutalität ermordet. Das war eine Bilanz, die in jedem Falle innehalten ließ. Vor allem die brutalen Morde an Auerswald und Lichnowsky beherrschten die öffentliche Diskussion und die Medien. Auch Theodor Althaus zeigte sich in der Ausgabe vom 22. September 1848 schockiert von diesen empörenden Grausamkeiten, die jenen Tag als einen Schandfleck unsrer Geschichte hinstellen, wollte jedoch das Geschehen nicht weiter kommentieren, bevor gerichtliche Untersuchungen die wahren Tatbestände aufgeklärt hätten. Auch wollte er den Septembertag nicht nur als fluchbeladenen sehen. Bei aller Schrecklichkeit des Geschehens wollte er sich nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass an den revolutionären Aktivitäten die Diskrepanz zwischen dem deutschen Volk und der Nationalversammlung deutlich wurde, das sich von dem im Mai gewählten Parlament nicht mehr vertreten fühlte.“

200. Geburtstag von Gottfried Kinkel


Theodor Althaus war 18 Jahre alt, als er an einem Oktobertag des Jahres 1840 die Wohnstube des Pfarrhauses Unter der Wehme in Detmold verließ, zu Fuß nach Paderborn ging und von dort mit der Postkutsche an den Rhein fuhr. Der älteste Sohn des lippischen Generalsuperintendenten hatte ein glänzendes Abiturexamen abgelegt und wollte an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn Theologie zu studieren. Und es war schon etwas Besonderes, von einer der ersten Amtshandlungen des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. zu profitieren und bei der Einschreibung vom gerade rehabilitierten Rektor Ernst Moritz Arndt persönlich begrüßt zu werden. Berechtigte Hoffnung auf ein einheitliches, freies und demokratisches Deutschland lag in der Luft. Doch in den beiden Vertretern der theologischen Fakultät, den Professoren Nitzsch und Bleek, sah der junge Stürmer aus dem Fürstentum Lippe diese Hoffnungen nicht erfüllt. Das sah er lediglich in den überzeugenden Vorträgen des fünfundzwanzigjährigen Dozenten Gottfried Kinkel.  Bei ihm hörte er Kirchengeschichte und das mit Begeisterung und großem Respekt. Später gehörte er zum studentischen Kreis der wöchentlichen Kränzchen, zu denen Kinkel eine kleine Anzahl seiner Schüler in das Poppelsdorfer Schloss einlud. Die Verehrung des Theologiestudenten aus Detmold ging so weit, dass er seinem Dozenten bei bestimmten Themen seines Unterrichtsfaches inhaltlich zuarbeitete. So entwickelte sich über die Kränzchenabende hinaus eine Freundschaft, die auch nach Beendigung des Studiums anhielt.

Im Sommer des Jahres 1846 trafen sie wieder zusammen. Drei Jahre nach Beendigung des Theologiestudiums hatte sich für den Kandidaten Theodor Althaus keine berufliche Perspektive ergeben. Als Schriftsteller und Journalist  lebte er im Detmolder Elternhaus und hatte gerade eine längere Schrift über die Zukunft des Christenthums verfasst. Während einer Wanderreise an den Rhein besuchte er seinen ehemaligen Dozenten Gottfried Kinkel in Bonn. Der war nach seiner Heirat mit der geschiedenen Johanna Mockel umhabilitiert worden und unterrichtete inzwischen das Fach Kunstgeschichte. Im vertrauten Gespräch stellten die beiden fest, wie wenig sich die Hoffnungen auf ein einheitliches demokratisches Deutschland erfüllt hatten. Deutschland war nach wie vor zersplittert in 36 Einzelstaaten, in denen der jeweilige König, Fürst  oder Großherzog auf dem Hintergrund der Karlsbader Beschlüsse mehr oder weniger despotisch gegen seine Untertanen regierte.  Wenige besaßen viel und weite Teile der Bevölkerung litten Not und hungerte.

In ihren jeweiligen Zusammenhängen kämpften Kinkel und Althaus gegen diese Ungerechtigkeiten. Unabhängig voneinander wurden sie im Strom des Revolutionsjahres 1848 mitgerissen und gehörten zu denjenigen, deren Laufbahn im Zusammenhang mit den Reichsverfassungskämpfen im Mai 1849 schicksalhaft endete. Kinkel landete nach der Teilnahme am Sturm auf das Siegburger Zeughaus sowie am badischen Aufstand im pommerschen Zuchthaus Naugard und Althaus als Redakteur der Zeitung für Norddeutschland wegen eines Artikels mit Aufruf zur Bildung eines Ausschusses zur Durchführung der in Frankfurt vollendeten Reichsverfassung im Staatsgefängnis St. Godehard in Hildesheim. Hier schrieb er im Jahre 1850 seine persönlichen Erinnerungen Aus dem Gefängniß, in denen er neben Robert Blum, Heinrich von Gagern und Julius Fröbel seinem Freund Gottfried Kinkel ein Kapitel widmete.

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Kurzbiografie von Gottfried Kinkel:

1815 am 11. August wird Gottfried Kinkel in Oberkassel als Sohn eines evangelischen Theologen geboren

1831 Studium der Theologie an der Universität Bonn

1834 Studium der Theologie an der Universität Berlin

1837 Dozent für Kirchengeschichte an der Universität Bonn

1843 Heirat mit Johanna Mockel, katholisch und geschieden, somit kann Kinkel in der theologischen Fakultät nicht mehr lehren

1845 Professor für Kunst- und Literaturgeschichte in Bonn

1848 Redakteur der Bonner Zeitung

1848 gründet den demokratischen Verein Bonn

1849 nimmt im Mai am Siegburger Zeughaussturm und im Juni am badisch-pfälzischen Aufstand teil (Reichsverfassungskämpfe)

1849 am 4. August wird er zu lebenslanger Festungshaft verurteilt und inhaftiert, zunächst in Bruchsal, dann im pommerschen Naugard

1850 im Mai wird er in das Zuchthaus Spandau überwiesen

1850 am 6. November wird er in einer spektakulären Aktion von Carl Schurz befreit, flüchtet über Rostock und Warnemünde nach England und lässt sich in London nieder

1851 folgt Johanna Kinkel mit den vier Kindern nach

1852 Professor für Literaturgeschichte am Hyde-Park- und am Bedford-College

1858 Johanna Kinkel stirbt in London

1860 heiratet Minna Werner aus Königsberg

1861 Vorträge zur Kunstgeschichte im South-Kensington-Museum

1863 Examinator an der Universität London

1866 Professor für Kunstgeschichte am Polytechnikum Zürich

1882 am 13. November stirbt Gottfried Kinkel nach einem Schlaganfall, ohne vorherige Amnestie