Planet History

Author Archive for Robert Parzer

Ausstellungseröffnung: „Der Anfang war eine feine Verschiebung in der Grundeinstellung der Ärzte“

Wann: 23.11.2017, 18.00 Uhr Wo: Campus Charité Mitte, Wilhelm-Griesinger-Haus, Carl-Westphal-Hörsaal im Gebäude der Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Neurologie Geländeadresse: Bonhoefferweg 3   Im Rahmen ihres Gedenkprojektes „GeDenkOrt.Charité – Wissenschaft in Verantwortung“ eröffnet die Charite die Ausstellung. Näheres dazu ist noch nicht bekannt – mehr Infos werden sich sicher bald auf der Webseite des Projektes finden. „Der Anfang  Continue Reading »

Theater: Brandenburger Märchen

Brandenburger Märchen

[caption id="attachment_14226" align="aligncenter" width="294"]Brandenburger Märchen Brandenburger Märchen[/caption]

Zwei Jahre war die Geschichtensammlerin Daniela Klein auf Spurensuche zur T4-Aktion in Brandenburg an der Havel, bei der 1940 mehr als 9.000 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen vergast und verbrannt wurden. Die Frage war: Was haben die Brandenburger*innen von den Vorgängen mitbekommen, die teilweise mitten in ihrer Stadt geschahen? Und: Wie hat dieses Miterleben ihre Leben geprägt? Aus Interviews mit über 150 Zeitzeugen, Nachfahren und Wissenschaftler*innen entstand das Theaterstück „Brandenburger Märchen“ – ein faszinierender Einblick in die kollektive Erinnerung der Stadt.

 

 

Regie: Reimund Groß * Schauspiel: Gernot Frischling, Jenny Boettcher, Marlene Schultke, Reimund Groß, Sebastian Ihlenfeldt * Scherenschnitte: Nina Braun * Akkordeon und Komposition: Bardo Henning * Licht: Arndt Sellentin * Technik: Soroush Reza Moradi * Grafik: George Chandrinos, Cynthia Mauruschat * Idee, Recherche, Text und Produktion Daniela Klein * Projektleitung: Katrin Werlich

Dauer: ca. 90 Min

 

Eine kurze Einführung zum historischen Kontext gibt in Berlin die Medizinhistorikerin Dr. Astrid Ley.

Im Anschluss an die Vorstellungen stehen die Schauspieler*innen und Projektverantwortlichen für Fragen und Diskussion zur Verfügung.

Der Flyer zum Download

 

Die Aufführungsdaten:

Brandenburg/Havel · 6. | 8. November 2017 · 19 : 30 Uhr
7. November 2017 · 18 : 00 Uhr
Brandenburger Theater · Grabenstr. 14 · 14776 Brandenburg/Havel

 

Berlin · 11. November 2017 · 20 : 00 Uhr
12. November 2017 · 17 : 30 Uhr
Hörsaalruine des Medizinhistorischen Museums der Charité
Campus Charité Mitte · Charitéplatz 1 · 10117 Berlin

 

Potsdam · 19. | 20. | 22. November 2017 · 18 : 30 Uhr
Spartacus · Friedrich-Engels-Str. 22 · 14473 Potsdam

 

 

Neues Denkmal erinnert an Patientenmorde im belarussischen Novinki

Der nationalsozialistische Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion traf das Territorium der damaligen Belarussischen Sozialistischen Sowjetrepublik (seit 1991: Republik Belarus) besonders hart. Infolge der Durchführung zahlloser Massenmorde sank die Bevölkerungszahl Belarus‘ um 1,7 Millionen Menschen; mehrere Hunderttausende Juden wurden gezielt durch Mitglieder der Einsatzgruppen erschossen, dazu kamen noch Morde an Roma und Kriegsgefangenen sowie ein Hungerplan, der gezielt die Menschen in den Städten dem Hungertod aussetzte, um Lebensmittel nach Deutschland bringen zu können.

 

Patienten in psychiatrischen Krankenhäusern waren unter diesen Umständen nahezu ohne Chancen, den Krieg zu überleben. Nicht nur litten sie besonders unter dem von den Besatzern bewusst herbeigeführtem Mangel an Nahrungsmitteln und Medikamenten, sondern sie wurden Ziel von Mordaktionen. Dies betraf beinahe alle Gebiete der besetzten Sowjetunion, wo im Rücken der Wehrmacht Einsatzgruppen Behinderte und psychisch Kranke erschossen und vergasten. Eine besondere Bedeutung nahmen dabei die Morde in Belarus ein, da sie zu den ersten koordinierten Aktionen gehörten, anhand derer zahlreiche Fragen berührt werden, die die Genese des Patientenmordes und damit verbunden des Holocaust sowie die Querverbindungen zur Aktion T4 im Altreich betreffen. Darauf kann hier nicht detailliert eingegangen werden, verwiesen sei auf einen Artikel von Gerrit Hohendorf und anderen im Gedenkstättenrundbrief 152.

 

In Minsk bestand eine psychiatrische Klinik in Novinki vor den Toren der Stadt, die auf dem Gelände einer Kolchose lag. Heinrich Himmler besuchte im Rahmen eines Besuches bei den Einsatzgruppen diesen Ort und gab dabei Artur Nebe die Weisung, die Kranken zu töten. Nebe war Führer der Einsatzgruppe B und als Chef des Reichskriminalpolizeiamtes schon in die „Euthanasie“-Verbrechen involviert gewesen, da dieses Amt für die Lieferung u.a. der Gasflaschen an die T4-Tötungsanstalten zuständig war. Dass „Geisteskranke“ zu töten waren, scheint an der Ostfront allgemein akzeptiert gewesen zu sein. So notierte der Generalstabschef des Heeres, Franz Halder im September 1941 in seinem Kriegstagebuch:

Russen sehen Geistesschwache als heilig an. Trotzdem Tötung nötig.((zitiert nach Christian Gerlach, Kalkulierte Morde, Hamburg 1999, S. 1072)))

 

Artur Nebe wandte sich an Albert Widmann, einem im Krimialtechnischen Institut arbeitenden und bereits in der Aktion T4 versierten Chemiker mit der Bitte um Unterstützung. Widmann fuhr darauf hin nach Minsk, und nahm 400 Kilogramm Sprengstoff sowie zwei Metallschläuche mit. Mit dem Sprengstoff wurden Patienten des Krankenhauses Nowinki in einem Wald bei Minsk getötet; dies erwies sich aber als eine nicht effiziente Tötungsmethode. Mit Hilfe der Metallschläuche wurde am 18. September 1941 ein Badehaus des Krankenhauses mit Gas geflutet, um über 100 Kranke zu ermorden. Einige Tage später wurden die jüdischen Patienten von Nowinki erschossen. Später, am 6. und 7. Dezember, wurden auch noch 200 Patienten der psychiatrischen Abteilung des 2. Zivilkrankenhauses von Minsk erschossen.

 

 

Diese Verbrechen kamen bei zahlreichen Prozessen zur Sprache, unter anderem bei den Prozessen gegen Mitglieder und Führer von Einsatzgruppen wie Dr. Bradfisch in München, Georg Heuser in Koblenz und Karl Frenzl in Karl-Marx-Stadt. Auch in Minsk selbst kam es zu Verfahren, doch erst über 70 Jahre nach den Verbrechen rückten die Opfer der Verbrechen in den Fokus der Erinnerungskultur. Dank einer von der Stiftung EVZ geförderten Ausstellung in Minsk (Bericht hier), an der das einzige unabhängige Hochschulinstitut in Belarus, das European College of Liberal Arts mit ihrem Zentrum für Public History beteiligt war, kam es zu Kontakten zum psychiatrischen Krankenhaus. Alexej Bratochkin und Oleg Aizberg legten die Grundlagen, damit am 5. September 2017 ein Gedenkstein der Öffentlichkeit übergeben werden konnte. Er wurde von Igor Zosimovich entworfen und enthält die Inschrift

Als ein Andenken und im Respekt vor der menschlichen Würde der von den Nazi-Okkupanten ermordeten Patienten des psychiatrischen Krankenhauses und der Arbeitskolonie Novinki

 

Für deutsche Ohren mag diese Wortwahl ungewohnt klingen, vielleicht sogar als antiquiert erscheinen. Betrachtet man aber den belarussischen Kontext, so ist dieses Denkmal als durchaus würdevoll und angemessen zu bezeichnen; es wirkt angesichts der etwa im Museum des Großen Vaterländischen Krieges aufgefahrenen Gigantomanie wohltuend bescheiden und zurückhaltend. Was nun noch zu wünschen wäre, ist, dass es auch in Belarus gelingen möge, den Opfern wieder einen Namen zu geben. Dazu sind aber noch umfangreiche Studien notwendig, und wohl auch ein weiterer Mentalitätswandel in der Erinnerungskultur Belarus‘.  Jedenfalls ist dieser Gedenkstein auch als ein Beispiel besonders gelungener Förderpolitik der Stiftung EVZ anzusprechen: Durch die finanzielle Unterstützung der Ausstellung in Minsk wurde letztlich nicht nur das Denkmal in Novinki ermöglicht, sondern es gelang auch, vielfältige und fruchtbare Arbeitsbeziehung zwischen Interessierten in Deutschland und Belarus herzustellen.

 

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Neues Denkmal erinnert an Patientenmorde im belarussischen Novinki

Der nationalsozialistische Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion traf das Territorium der damaligen Belarussischen Sozialistischen Sowjetrepublik (seit 1991: Republik Belarus) besonders hart. Infolge der Durchführung zahlloser Massenmorde sank die Bevölkerungszahl Belarus‘ um 1,7 Millionen Menschen; mehrere Hunderttausende Juden wurden gezielt durch Mitglieder der Einsatzgruppen erschossen, dazu kamen noch Morde an Roma und Kriegsgefangenen sowie ein Hungerplan, der gezielt die Menschen in den Städten dem Hungertod aussetzte, um Lebensmittel nach Deutschland bringen zu können.

 

Patienten in psychiatrischen Krankenhäusern waren unter diesen Umständen nahezu ohne Chancen, den Krieg zu überleben. Nicht nur litten sie besonders unter dem von den Besatzern bewusst herbeigeführtem Mangel an Nahrungsmitteln und Medikamenten, sondern sie wurden Ziel von Mordaktionen. Dies betraf beinahe alle Gebiete der besetzten Sowjetunion, wo im Rücken der Wehrmacht Einsatzgruppen Behinderte und psychisch Kranke erschossen und vergasten. Eine besondere Bedeutung nahmen dabei die Morde in Belarus ein, da sie zu den ersten koordinierten Aktionen gehörten, anhand derer zahlreiche Fragen berührt werden, die die Genese des Patientenmordes und damit verbunden des Holocaust sowie die Querverbindungen zur Aktion T4 im Altreich betreffen. Darauf kann hier nicht detailliert eingegangen werden, verwiesen sei auf einen Artikel von Gerrit Hohendorf und anderen im Gedenkstättenrundbrief 152.

 

In Minsk bestand eine psychiatrische Klinik in Novinki vor den Toren der Stadt, die auf dem Gelände einer Kolchose lag. Heinrich Himmler besuchte im Rahmen eines Besuches bei den Einsatzgruppen diesen Ort und gab dabei Artur Nebe die Weisung, die Kranken zu töten. Nebe war Führer der Einsatzgruppe B und als Chef des Reichskriminalpolizeiamtes schon in die „Euthanasie“-Verbrechen involviert gewesen, da dieses Amt für die Lieferung u.a. der Gasflaschen an die T4-Tötungsanstalten zuständig war. Dass „Geisteskranke“ zu töten waren, scheint an der Ostfront allgemein akzeptiert gewesen zu sein. So notierte der Generalstabschef des Heeres, Franz Halder im September 1941 in seinem Kriegstagebuch:

Russen sehen Geistesschwache als heilig an. Trotzdem Tötung nötig.((zitiert nach Christian Gerlach, Kalkulierte Morde, Hamburg 1999, S. 1072)))

 

Artur Nebe wandte sich an Albert Widmann, einem im Krimialtechnischen Institut arbeitenden und bereits in der Aktion T4 versierten Chemiker mit der Bitte um Unterstützung. Widmann fuhr darauf hin nach Minsk, und nahm 400 Kilogramm Sprengstoff sowie zwei Metallschläuche mit. Mit dem Sprengstoff wurden Patienten des Krankenhauses Nowinki in einem Wald bei Minsk getötet; dies erwies sich aber als eine nicht effiziente Tötungsmethode. Mit Hilfe der Metallschläuche wurde am 18. September 1941 ein Badehaus des Krankenhauses mit Gas geflutet, um über 100 Kranke zu ermorden. Einige Tage später wurden die jüdischen Patienten von Nowinki erschossen. Später, am 6. und 7. Dezember, wurden auch noch 200 Patienten der psychiatrischen Abteilung des 2. Zivilkrankenhauses von Minsk erschossen.

 

 

Diese Verbrechen kamen bei zahlreichen Prozessen zur Sprache, unter anderem bei den Prozessen gegen Mitglieder und Führer von Einsatzgruppen wie Dr. Bradfisch in München, Georg Heuser in Koblenz und Karl Frenzl in Karl-Marx-Stadt. Auch in Minsk selbst kam es zu Verfahren, doch erst über 70 Jahre nach den Verbrechen rückten die Opfer der Verbrechen in den Fokus der Erinnerungskultur. Dank einer von der Stiftung EVZ geförderten Ausstellung in Minsk (Bericht hier), an der das einzige unabhängige Hochschulinstitut in Belarus, das European College of Liberal Arts mit ihrem Zentrum für Public History beteiligt war, kam es zu Kontakten zum psychiatrischen Krankenhaus. Alexej Bratochkin und Oleg Aizberg legten die Grundlagen, damit am 5. September 2017 ein Gedenkstein der Öffentlichkeit übergeben werden konnte. Er wurde von Igor Zosimovich entworfen und enthält die Inschrift

Als ein Andenken und im Respekt vor der menschlichen Würde der von den Nazi-Okkupanten ermordeten Patienten des psychiatrischen Krankenhauses und der Arbeitskolonie Novinki

 

Für deutsche Ohren mag diese Wortwahl ungewohnt klingen, vielleicht sogar als antiquiert erscheinen. Betrachtet man aber den belarussischen Kontext, so ist dieses Denkmal als durchaus würdevoll und angemessen zu bezeichnen; es wirkt angesichts der etwa im Museum des Großen Vaterländischen Krieges aufgefahrenen Gigantomanie wohltuend bescheiden und zurückhaltend. Was nun noch zu wünschen wäre, ist, dass es auch in Belarus gelingen möge, den Opfern wieder einen Namen zu geben. Dazu sind aber noch umfangreiche Studien notwendig, und wohl auch ein weiterer Mentalitätswandel in der Erinnerungskultur Belarus‘.  Jedenfalls ist dieser Gedenkstein auch als ein Beispiel besonders gelungener Förderpolitik der Stiftung EVZ anzusprechen: Durch die finanzielle Unterstützung der Ausstellung in Minsk wurde letztlich nicht nur das Denkmal in Novinki ermöglicht, sondern es gelang auch, vielfältige und fruchtbare Arbeitsbeziehung zwischen Interessierten in Deutschland und Belarus herzustellen.

 

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Veranstaltungen zum Gedenken an den „Euthanasierlass“ 1.9.1939

Gestern haben wir schon auf die Gedenkveranstaltung in Brandenburg/Havel hingewiesen. Wir möchten auf zwei weitere aufmerksam machen: Gießen: Die Gedenkveranstaltung für die Euthanasieopfer ist am 1. September 2017 in der Kapelle der Vitos-Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik Gießen, Licher Straße 106, ab 19 Uhr. Berlin: Begleitprogramm zur Gedenkveranstaltung für die Opfer von »Euthanasie« und Zwangssterilisation  Continue Reading »

Gedenkveranstaltung für die Opfer der Euthanasie-Morde in Brandenburg an der Havel, Freitag, 1.9.2017, 10 Uhr

Im Folgenden machen wir auf eine Einladung der Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie-Morde in Brandenburg/Havel zum Gedenken an den 1.9.1939 aufmerksam.   Mit einem auf den 1. September 1939, den Tag des deutschen Angriffs auf Polen, zurückdatierten Schreiben veranlasste Adolf Hitler die Ermordung von über 70.000 Menschen mit psychischer Erkrankung oder Behinderung. Diese unter  Continue Reading »

Interview mit der Interviewerin: Julia Frick

Da unsere Interviewerin Julia Frick fleißig an ihrer Bachelorarbeit zum Gedenk- und Informationsort für die Opfer nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde schreibt, gibt es in diesem Monat kein neues Gespräch mit einer/m Angehörigen eines Opfers.

 

[caption id="attachment_14144" align="aligncenter" width="300"] Screenshot bundeswettbewerb-lyrix.de[/caption]

 

Statt dessen können wir enthüllen, dass sie 2008 und 2009 zu den Preisträgern des Bundeswettbewerbes lyrix gehörte und unlängst zu ihrem Werdegang nach dem zweifachen Gewinn befragt wurde. Ein nicht unbeträchtlicher Teil davon ist ihre Arbeit zur Erinnerung an die Opfer der „Euthanasie“-Morde. Das Interview kann hier nachgelesen werden.

 

 

„Euthanasie“ im Reichsgau Wartheland: Eine Exkursion der Osteuropäischen Geschichte der Universität Gießen nach Lodz im Mai 2017

Im Rahmen eines Seminars über die Patientenmorde der Nationalsozialisten im Deutschen Reich und im Reichsgau Wartheland unternahm eine kleine Studentengruppe in Begleitung von Prof. Dr. Hans-Jürgen Bömelburg und Robert Parzer eine Exkursion nach Lodz, um sich selbst vor Ort ein Bild des Geschehens der Krankenmorde im von Deutschland besetzten Polen zu machen. Ein Nebenfokus wurde auch gelegt auf die durchaus erzählenswerte Stadtgeschichte von Lodz mit Fokus auf der jüdischen Historie. Dass Exkursionen dieser Art ein überaus guter Weg sind, Studenten und jungen Forschern die Vergangenheit nahezubringen und für ein Thema zu begeistern, soll der nachfolgende Bericht aufzeigen.

 

Die Patientenmorde zur Zeit des Dritten Reichs, in der nationalsozialistischen Tätersprache auch euphemistisch als „Euthanasie“ bezeichnet, sind ein Thema, das im Schulunterricht nur an wenigen Stellen begegnet: Vielleicht als kurzer Exkurs im Fach Religion in der Mittelstufe oder im Fach Geschichte in den höheren Jahrgängen – vorausgesetzt, man besucht ein Gymnasium. Straffe Lehrpläne und Zeitdruck lassen eine intensivere Beschäftigung mit diesem sehr sensiblen Thema leider nicht zu – auch in der Geschichtswissenschaft gibt es erst in den letzten Dekaden vermehrt Tendenzen, sich dieses Themas zu widmen: Und noch immer gibt es große Lücken. Es handelt sich also um ein Feld, das durchaus Brisanz birgt und mehr in den Fokus der Wissenschaft gerückt sein will. Ganz besonders gilt dies für die Patientenmorde im Reichsgau Wartheland, einem zur Zeit des Zweiten Weltkrieges dem Deutschen Reich zugeschlagenen Teil Polens.

 

Den Studenten aus der Region um Gießen ist das Thema jedoch nicht gänzlich unbekannt: So findet sich in der näheren Umgebung die ehemalige Tötungsanstalt Hadamar, wo weit über 14.500 psychisch Kranke, körperlich Behinderte und andere von den Nationalsozialisten als minderwertig Empfundene zuerst vergast und später systematisch durch bewusste Vernachlässigung umkamen. Die „Euthanasie“-Verbrechen in Hadamar können also in zwei Phasen eingeteilt werden: Von Januar bis September des Jahres 1941 wurden mehr als 10.000 Menschen in der Gaskammer ermordet, von 1942 bis 1945 waren mehr als 4.500 Patienten, die vorsätzlich umkamen.

 

Zugegeben – es gibt „angenehmere“ Themen, mit denen man sich als Geschichtsstudent beschäftigen kann. Vielleicht schrecken solche „schweren“ Themen einige Studenten ab; Viele erwähnen, dass sie „es nicht mehr hören können“ – besonders durch die detaillierte Behandlung der Geschichte des Holocaust in mehreren Unterrichtsstufen in der Schule scheint sich bei vielen Lernenden eine ablehnende Haltung einzustellen. Dabei wird es umso wichtiger, sich mit den nationalsozialistischen Verbrechen zu beschäftigen. Gäbe es einen desaströseren Fall, als den, dass sich breite Schichten der jungen Leute und der Schüler nicht mehr mit diesem unglaublichen Verbrechen befassen wollen und es irgendwann an den Rand der Geschichte verdrängt würde?

 

Genau deshalb war unsere Exkursion auch für Lehramtsstudenten interessant – und notwendig, denn um zu begreifen, was geschehen ist, sollte man es mit eigenen Augen gesehen haben.

 

Am Abend des 22. Mai verließ unser Reisebus mit 15 Studenten Gießen – die Fahrt sollte die ganze Nacht hindurch gehen. Die Gruppe war sich anfangs gänzlich unbekannt. Nur einige wenige kannten sich vorher: Man sah sich im Seminar, man nickt sich zu, man spricht kurz. Und nun werden wir uns für sieben Tage wohl sehr gut kennenlernen. Vielleicht auch angesichts des sensiblen Themas ist unsere Gruppe sehr schnell und gut zusammengewachsen.

 

Eine von Herrn Parzer geleitete thematische Einführung in die Materie der Patientenmorde allgemein und deren Durchführung im Wartheland als Grundlage für die nächsten Tage mündete in eine äußerst rege Diskussion und anschließend auch in persönliche Gespräche – das Interesse war geweckt.

 

Das Babiński-Spital (damals noch unter dem Namen Kochanówka-Krankenhaus, zur NS-Zeit dann Nord-West-Krankenhaus) in unmittelbarer Nähe der Stadt Lodz war einer der Schauplätze der „Euthanasie“ im besetzten Polen. Wie die meisten deutschen psychiatrischen Anstalten, die in die Patientenmorde verwickelt waren, ist auch das Krankenhaus bei Lodz bis heute als solches in Betrieb – was eigentlich jedem, der sich eingehender damit beschäftigt, sauer aufstoßen sollte.

In den ersten Jahren des Krieges wurden dort auf grauenvolle Weise psychisch Kranke und Behinderte ermordet. Zuerst wurde den Selektierten ein Beruhigungsmittel injiziert, daraufhin fuhr der eine Kolonne vor, die auch eine mobile Gaskammer, den Gaswagen, beinhaltete. Die Selektierten mussten Lastwägen besteigen, die zu einem nahe gelegenen Wald fuhren. Dort wurden die Patienten in den Gaswagen umgeladen, ermordet und von Mitgliedern eines aus polnischen Häftlingen bestehenden Arbeitskommandos verscharrt. Von März bis August des Jahres 1940 forderte diese Prozedur über 600 Menschenleben. Auch aus dem Ghetto Lodz sind Opfer bekannt. So wurden nach Einrichtung des Ghettos auch einige psychisch kranke und behinderte Internierte dorthin verbracht und im Zuge von Deportationen ermordet.

 

Bemerkenswert ist die Anbringung einer Gedenktafel am Krankenhaus – ein Prozess, der dadurch besondere Aufmerksamkeit auf sich zog, dass sich die Prozedur über drei Jahre hinzog. Interessant ist auch die Tatsache, dass sich auf der mehrsprachigen Tafel im heutigen Polen auch eine russischsprachige Inschrift finden lässt. So rückte dieses Verbrechen auch ein Stück weit mehr in den Fokus der städtischen Bevölkerung – wenn auch circa 70 Jahre später.

 

[caption id="attachment_3437" align="aligncenter" width="200"] Die Tafeln am Babinski-Krankenhaus[/caption]

 

Eindrucksvolles Zeugnis des Alltags im psychiatrischen Krankenhaus ist eine weitestgehend erhaltene Sammlung künstlerischer Artefakte, wie Gemälde und Skulpturen von Patienten, die in der Anstalt bis heute verwahrt werden. Gerne war man bereit, uns diese zu zeigen. Sie zeichnen ein beinahe verstörendes Bild davon, wie diese Menschen den tristen Alltag in der Anstalt verarbeitet haben mussten. Keinesfalls handelt es sich dabei um naive oder einfache Kunst, sondern um beeindruckende Werke mit einer für Außenstehende vollkommen andere Sicht auf den Alltag und die Realität des Lebens. Die Portraits bestechen durch bizarre Farbgebung und Formen und wirken beinahe bedrückend, jedoch funktionieren sie wie eine Brille, die man sich aufsetzen kann, um die Welt mit den Augen eines Betroffenen zu sehen. Zu verweisen ist an dieser Stelle auf die Heidelberger Sammlung Prinzhorn, ein nach 1945 wiederentdecktes Konvolut von Artefakten der Patienten verschiedener psychiatrischer Anstalten. Erst kürzlich waren einige dieser Kunstwerke anlässlich des Festaktes zur Befreiung der Tötungsanstalt Hadamar am 26.03.1945 dort vor Ort zu sehen.

 

Vielleicht kann man annehmen, dass unsere Exkursion, neben neuen historischen Fakten und Eindrücken für die Studenten, für fortgeschrittenere Wissenschaftler wenig Neues zu bieten habe. Doch auch hier bot sich eine einmalige Gelegenheit: Als nach einiger Zeit, nach verschiedenen Präsentationen über die Anstaltsgeschichte und dem Besuch der Kunstsammlung, die Stimmung etwas familiärer wurde, schien die Leiterin des Krankenhauses einen echten Schatz aus dem Fundus geholt zu haben. Feinsäuberlich und detailliert wurde im Krankenhaus über Jahrzehnte ein Fotoalbum geführt, was nicht nur die Eindrücke für uns Studenten untermauerte, sondern auch für Doktoranden ausgesprochen interessant war: So fanden sich Fotos von Ärzten, von Pflegern und Tätern, deren äußere Erscheinung für deren Recherchen bis dato vollkommen unbekannt war. Und wieder einmal zeigt sich, dass, wer ein Historiker ist, nicht nur Expertise und Neugier braucht, sondern auch eine große Portion Glück – denn auch Zufallsfunde sind das, worauf man angewiesen ist.

 

[caption id="attachment_14136" align="aligncenter" width="225"] Prof. Bömelburg mit Studierenden in Księży Młyń in Lodz. Foto Robert Parzer CC-BY-SA.[/caption]

Von besonderer Relevanz für das Gelingen der Exkursion war auch der Austausch zwischen deutschen und polnischen Studenten – so fand im Rahmen dessen auch ein gemeinsames Seminar mit polnischen und deutschen Studierenden statt, das sich mit der Geschichte des Reichsgaus Wartheland und den „Euthanasie“-Verbrechen befasste. Die Erfahrung lehrt, dass der beste Weg, um verschiedene Positionen zusammenzuführen, der direkte Dialog ist.

Neben den Patientenmorden im besetzten Polen standen aber auch andere Themen auf dem Exkursionsplan, wie einer Stadtführung allgemein, dem Besuch des Staatsarchivs, aber auch des jüdischen Friedhofs und des ehemaligen Ghettos von Lodz. Auch das Vernichtungslager Kulmhof in Chełmno wurde am letzten Tag der Exkursion besichtigt. Es war mit einer einjährigen Unterbrechung von 1941 bis 1944 in Betrieb war – zuletzt ausschließlich für die Ermordung der Juden des Ghettos der inzwischen in Litzmannstadt umbenannten Stadt Lodz.

 

[caption id="attachment_14133" align="aligncenter" width="225"] Stadtführung durch Lodz mit Dr. Adam Sitarek. Foto Robert Parzer CC-BY-SA[/caption]

Exkursionen mögen aufwendig sein, sie mögen auch manchmal einige finanzielle Mittel benötigen. Aber es gibt wohl keinen besseren Weg, um Studenten und zukünftigen Forschern ein Thema nahezulegen, als sie es mit eigenen Augen erfahren zu lassen. Die gesammelten Eindrücke während der Studienreise fließen sicherlich in die Hausarbeiten ein – und vielleicht auch in längerfristige Projekte. Besonders für angehende Lehrer, deren Aufgabe es sein wird, der nächsten Generation unsere Geschichte zu vermitteln, ist es mehr als ratsam, das, was sie eines Tages unterrichten werden, selbst mit eigenen Augen gesehen zu haben. Und genau das ist in sieben sehr intensiven Tagen geschehen.

Gießen, den 07.08.2017         Dominik Käßler, Student der Osteuropäischen Geschichte

 

Weiterführender Link hier auf dem Blog:

http://blog.gedenkort-t4.eu/2015/08/24/krankenmord-in-polen-unbekannte-tatorte-in-lodz/

 

Neue Biografie: Herta Martha Wieland

um 8.45 Uhr Tod in der Heil- und Pflegeanstalt Teupitz, ihr Mann besuchte gegen Mittag noch einmal die Klinik: da wird ihm nur ihr Tod mitgeteilt (er sagte später: „Die haben sie gespritzt.“ Wie sich eine Tochter erinnert). Todesursache: „Entkräftung bei Geisteskrankheit“ – wobei sie 6 Tage vorher, am Tag ihrer Einweisung, physisch vollkommen gesund und bei Kräften war. Tatsächliche Todesursache: vermutlich eine Luminal- oder Luftspritze.

 

[caption id="attachment_14098" align="aligncenter" width="300"] Herta Wieland (links) mit ihrer Familie 1935. Quelle: Privatsammlung[/caption]

Es ist nicht viel, was man über Herta Martha Wieland weiß. Das Wenige hat ihre Enkelin recherchiert und unserer Sammlung von Lebensgeschichten von Opfern der nationalsozialistischen „Euthanasie“-verbrechen angefügt. Hier können Sie die Biographie lesen.

 

 

 

Buchvorstellung: Ausgegrenzt! Warum? Zwangssterilisierte und Geschädigte der NS-›Euthanasie‹ in der Bundesrepublik Deutschland

Wann: 20.6.2017, 19.00

Wo: Dokumentationszentrum Topogaphie des Terrors, Berlin

 

Die Geschichte der Menschen, die im Nationalsozialismus zwangssterilisiert wurden oder deren Angehörige den Patientenmorden zum Opfer fielen, wurde nach 1945 relativ konsequent verdrängt: Anträgen auf Entschädigungen wurde nicht entsprochen, weil die Opfergruppe nicht in das Bundesentschädigungsgesetz aufgenommen wurde, Zwangssterilisation oft nicht als Verbrechen gewertet und generell hing über den Thema ein Tabu. Dass sich 1987 der Bund der „Euthanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten e.V. gründete, bedeutete demzufolge auch, dass sich erstmals seit 1933 Betroffene und Angehörige austauschen konnten. Auch wenn sich der Verein 2009 auflöste, so existiert er als Arbeitsgemeinschaft weiter und kämpft immer noch um Entschädigungen und Anerkennung. Im Jahr 2003 produzierte der Verein die Wanderausstellung Lebensunwert – Zerstörte Leben und gab 2006 das Buch unter gleichem Titel heraus (Verlag).

 

Die Herausgeberin der neuen Publikation Margret Hamm wird das Buch in der Topographie des Terrors vorstellen. Man darf in diesem Zusammenhang auch gespannt sein, ob das Thema der Namensnennung von Opfern aufgebracht werden wird. Die Arbeitsgemeinschaft positionierte sich in letzter Zeit immer wieder gegen die öffentliche Nennung mit der Begründung, dass die Opfer nicht gefragt werden könnten und dass dies nach den Jahrzehnten der Verdrängung eine Art überholter Aktionismus sei. Verweisen sei hier auf einen Brief der AG vom März des Jahres an die Ministerin für Justiz, Kultur und Europa in Schleswig-Holstein, der sich gegen die Nennung der Namen der aus der Anstalt Neustadt deportierten Patienten wandte.

 

 

Hadamar: Hier wurden Patienten ermordet. Hier wohnen Patienten!

In Hadamar haben die Nationalsozialisten in den Jahren 1941 – 1945 psychisch kranke und geistig behinderte Menschen, ab 1942 auch kranke Zwangsarbeiter und sog. halbjüdische (gesunde) Kinder im Rahmen der NS-Krankenmorde getötet.

[caption id="attachment_14069" align="aligncenter" width="300"] Tötungsanstalt Hadamar Haupteingang 1945[/caption]

Heute ist die Gedenkstätte Hadamar ein wichtiger Ort des Gedenkens an die Opfer der NS-„Euthanasie“, der allein in Hadamar fast 15.000 Menschen zum Opfer fielen. Darüber hinaus leistet die Einrichtung mit fast 20.000 Besuchern pro Jahr (Tendenz steigend) einen wichtigen Beitrag zur Demokratie-Erziehung vor allem junger Menschen.

Die meisten Ortskundigen haben sich längst daran gewöhnt: Betritt man „Haus 5“ der Vitos Klinik in Hadamar durch den Haupteingang, so kommt man zur Rechten in die Gedenkstätte, zur Linken in das Wohn- und Pflegeheim von Vitos. Dass im Ostflügel des Gebäudes Kranke ermordet wurden, daran erinnern die Gaskammer, Reste der Einäscherungsöfen, ein Seziertisch und nicht zuletzt die Gedenkstätten-Ausstellung in den historischen Räumlichkeiten.

 

[caption id="attachment_14070" align="aligncenter" width="200"] Gedenkstätte Hadamar, Ergotherapie und Wohn- und Pflegeheim in einem Haus.[/caption]

 

Was viele nicht wissen: Im Westflügel des Gebäudes, das heute so unscheinbar „Haus 5“ heißt, wurde in den Jahren 1942 bis 1945, also in den Jahren der Medikamentenmorde, mindestens im gleichen Umfang gemordet wie im Ostflügel, der die Gedenkstätte beherbergt.

 

Dessen ungeachtet wurde und wird der Westflügel seit Ende des 2. Weltkriegs weiter genutzt für die Unterbringung psychisch und seelisch kranker Menschen.

 

[caption id="attachment_14071" align="aligncenter" width="300"] Wegweiser auf dem Gelände[/caption]

Dieser aus ethischer Sicht sehr fragwürdige Zustand sollte im Juni 2017 endlich ein Ende haben. In der Woche nach Pfingsten werden die Bewohner aus Haus 5  in neu errichtete Gebäude auf dem Vitos-Gelände umziehen.

 

Es bietet sich also eine großartige Gelegenheit, endlich einen Neuanfang zu wagen, dem Gedenken einen angemessenen Platz einzuräumen und auch diesen historisch bedeutsamen Teil des Gebäudes in die bestehende Gedenkstätte zu integrieren.

 

Leider planen der Landeswohlfahrtsverband Hessen und die Vitos GmbH aktuell anscheinend, diesen ehemaligen Mordtrakt wiederum für mehrere Jahre als Wohnraum für Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen und psychischen Erkrankungen zu nutzen!

 

Dieses Vorgehen erscheint uns gleich aus mehreren Gründen inakzeptabel, denn es leugnet:

 

–          die historische Bedeutung des Westflügels, in dessen Räumen nachweislich mehr als 1.000 Menschen ermordet wurden und viele Menschen zum Teil wochenlang unter Hunger und Vernachlässigung und in dem Wissen um die drohende Ermordung gelitten haben,

–          die Gefühle von Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen und psychischen Erkrankungen, die dort untergebracht werden sollen im Wissen um die Historie dieser Räume und

–          die Verantwortung des LWV Hessen als Nachfolgeorganisation des Bezirksverbandes Wiesbaden, des ehemaligen Trägers der Landesheilanstalt Hadamar während der Zeit des Nationalsozialismus.

 

Die Weiterverwendung des Westflügels von Haus 5 auf dem Gelände der Vitos Hadamar wäre gleichbedeutend mit einer Verleugnung der nationalsozialistischen Taten in diesen Räumen. Wir fordern daher die Verantwortlichen auf, auch dieses Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte endlich zu einem guten Ende zu bringen und die Räumlichkeiten der Gedenkstätte zum Zweck des Gedenkens und der Bildungsarbeit zur Verfügung zu stellen. Ein „Weiter so!“ darf es in Hadamar nicht geben!

 

Hadamar: Hier wurden Patienten ermordet. Hier wohnen Patienten!

In Hadamar haben die Nationalsozialisten in den Jahren 1941 – 1945 psychisch kranke und geistig behinderte Menschen, ab 1942 auch kranke Zwangsarbeiter und sog. halbjüdische (gesunde) Kinder im Rahmen der NS-Krankenmorde getötet.

[caption id="attachment_14069" align="aligncenter" width="300"] Tötungsanstalt Hadamar Haupteingang 1945[/caption]

Heute ist die Gedenkstätte Hadamar ein wichtiger Ort des Gedenkens an die Opfer der NS-„Euthanasie“, der allein in Hadamar fast 15.000 Menschen zum Opfer fielen. Darüber hinaus leistet die Einrichtung mit fast 20.000 Besuchern pro Jahr (Tendenz steigend) einen wichtigen Beitrag zur Demokratie-Erziehung vor allem junger Menschen.

Die meisten Ortskundigen haben sich längst daran gewöhnt: Betritt man „Haus 5“ der Vitos Klinik in Hadamar durch den Haupteingang, so kommt man zur Rechten in die Gedenkstätte, zur Linken in das Wohn- und Pflegeheim von Vitos. Dass im Ostflügel des Gebäudes Kranke ermordet wurden, daran erinnern die Gaskammer, Reste der Einäscherungsöfen, ein Seziertisch und nicht zuletzt die Gedenkstätten-Ausstellung in den historischen Räumlichkeiten.

 

[caption id="attachment_14070" align="aligncenter" width="200"] Gedenkstätte Hadamar, Ergotherapie und Wohn- und Pflegeheim in einem Haus.[/caption]

 

Was viele nicht wissen: Im Westflügel des Gebäudes, das heute so unscheinbar „Haus 5“ heißt, wurde in den Jahren 1942 bis 1945, also in den Jahren der Medikamentenmorde, mindestens im gleichen Umfang gemordet wie im Ostflügel, der die Gedenkstätte beherbergt.

 

Dessen ungeachtet wurde und wird der Westflügel seit Ende des 2. Weltkriegs weiter genutzt für die Unterbringung psychisch und seelisch kranker Menschen.

 

[caption id="attachment_14071" align="aligncenter" width="300"] Wegweiser auf dem Gelände[/caption]

Dieser aus ethischer Sicht sehr fragwürdige Zustand sollte im Juni 2017 endlich ein Ende haben. In der Woche nach Pfingsten werden die Bewohner aus Haus 5  in neu errichtete Gebäude auf dem Vitos-Gelände umziehen.

 

Es bietet sich also eine großartige Gelegenheit, endlich einen Neuanfang zu wagen, dem Gedenken einen angemessenen Platz einzuräumen und auch diesen historisch bedeutsamen Teil des Gebäudes in die bestehende Gedenkstätte zu integrieren.

 

Leider planen der Landeswohlfahrtsverband Hessen und die Vitos GmbH aktuell anscheinend, diesen ehemaligen Mordtrakt wiederum für mehrere Jahre als Wohnraum für Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen und psychischen Erkrankungen zu nutzen!

 

Dieses Vorgehen erscheint uns gleich aus mehreren Gründen inakzeptabel, denn es leugnet:

 

–          die historische Bedeutung des Westflügels, in dessen Räumen nachweislich mehr als 1.000 Menschen ermordet wurden und viele Menschen zum Teil wochenlang unter Hunger und Vernachlässigung und in dem Wissen um die drohende Ermordung gelitten haben,

–          die Gefühle von Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen und psychischen Erkrankungen, die dort untergebracht werden sollen im Wissen um die Historie dieser Räume und

–          die Verantwortung des LWV Hessen als Nachfolgeorganisation des Bezirksverbandes Wiesbaden, des ehemaligen Trägers der Landesheilanstalt Hadamar während der Zeit des Nationalsozialismus.

 

Die Weiterverwendung des Westflügels von Haus 5 auf dem Gelände der Vitos Hadamar wäre gleichbedeutend mit einer Verleugnung der nationalsozialistischen Taten in diesen Räumen. Wir fordern daher die Verantwortlichen auf, auch dieses Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte endlich zu einem guten Ende zu bringen und die Räumlichkeiten der Gedenkstätte zum Zweck des Gedenkens und der Bildungsarbeit zur Verfügung zu stellen. Ein „Weiter so!“ darf es in Hadamar nicht geben!

 

Frühjahrstagung des AK NS-Euthanasie in Werneck

Wo: Guddensaal, Krankenhaus Schloss Werneck

Wann: 19.-21.5.2017

 

[caption id="attachment_14042" align="aligncenter" width="300"] Der Tagungsort Schloss Werneck CC-BY-SA 4.0 Rainer Lippert[/caption]

 

Der Arbeitskreis zur Erforschung der NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisationen trifft sich jährlich zweimal – und das seit 1983. Er dürfte damit einer der langlebigsten Zirkel sein, der in einer solchen Intensität zu einem eingegrenzten Themenfeld arbeitet. „Eingegrenzt“ trifft es dann aber auch nicht wieder ganz, denn jede Tagung ist eine kleine Wundertüte, und man ist immer wieder erstaunt, wie viele engagierte Forschende es vor Ort schaffen, Quellen zu sichern, sie zu analysieren und sie Interessierten nahezubringen. Auch diese Tagung hat wieder einige sehr spannende Vorträge zu bieten, aus dem reichhaltigen Programm sei hier nur beispielsweise der von Christian Marx zur Öffnung der Gedenkstätte Brandenburg/Havel für Menschen mit Lernschwierigkeiten herausgegriffen. Die Organisatoren der Tagung, das Krankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und psychosomatische Medizin Schloss Werneck und das Bildungswerk Irsee greifen auch dankenswerter Weise die schon bei den letzten Tagungen merkbare Transformation der Erinnerungsarbeit durch Angehörige der dritten und vierten Generation auf.

 

Hier das Programm mit Anmeldebogen

 

 

Konferenz: Die Vision vom gesunden Menschen – Zum Diskurs über Prädiktion und Gentherapie

Wann: 9. bis 10. Juni 2017 Wo: Erinnerungs-, Bildungs- und Begenungsstätte Alt Rehse Flyer, Programm, Anmeldung   Die Möglichkeiten der Gendiagnostik und der Gentherapie werden unser Verständnis von Gesundheit und Krankheit, unseren Umgang damit und letztlich das Verständnis, was der Mensch ist, entscheidend verändern. Die genetische Diagnostik eröffnet die Möglichkeit der individuell maßgeschneiderten und damit  Continue Reading »

Buchprojekt zur Reichshebammenführerin

Die Neubrandenburger Pflegehistorikerin Anja K. Peters hat eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um ihre Doktorarbeit über die „Reichshebammenführerin“ Nanna Conti (1881-1951) als Buch herausgeben zu können. Conti war als Leiterin der „Reichshebammenschaft“ wie als Mutter des „Reichsärzte- und -gesundheitsführers“ Leonardo Conti in die mörderische Gesundheitspolitik des Deutschen Reichs involviert.

[caption id="attachment_14006" align="aligncenter" width="242"] Nanna Conti. Quelle: Communications of the International Midwives‘ Union. No 7 1938, S. 8.[/caption]

Im September 1941 sandte Leonardo Conti ein Rundschreiben an die Reichsstatthalter, Regierungspräsidenten, den Berliner Polizeipräsidenten, den dortigen Oberbürgermeister sowie an alle Gesundheitsämter. Darin bemängelte er, dass die Meldungen „missgebildeter“ Neugeborener durch Hebammen nur spärlich eingehen würden. Möglicherweise kamen viele Hebammen der Meldepflicht nicht nach, da sie befürchteten, das Vertrauen ihrer Patientinnen in den meist ländlichen, überschaubaren Gemeinschaften zu verlieren.  Gleichzeitig wies Leonardo Conti jedoch darauf hin, dass in einigen Bezirken die Hebammen eifrig Kinder meldeten. Wie viele Kinder von Hebammen als „erbkrank“ denunziert wurden, lässt sich in Zahlen derzeit nur punktuell darstellen: Im thüringischen Hauptstaatsarchiv in Weimar liegen vereinzelte Abrechnungen vor. So beantragte der Amtsarzt von Eisenach 1942 die Barerstattung von jeweils RM 2,- für die Hebammen Lina Arndt und Luise Meisterhagen, die je ein Kind gemeldet hatte. Als „Art der Mißbildung“ wurden „Hermaphroditismus maskularis pseudo“ [sic] und „Hydrocephalus“ angegeben.  Aus den vorliegenden Akten kann derzeit nicht geschlossen werden, ob sich die Hebammen der Konsequenzen ihrer Meldungen voll umfänglich bewusst waren.

Gleiches gilt für Nanna Conti. In einem Brief schrieb sie 1946 über ihren Sohn:

 

(…) Ich nehme an, daß man meinem Sohn die Euthanasie, auf ausdrücklichen Befehl von Adolf Hitler durchgeführt, aber auch seiner eigenen Überzeugung entsprechend, als „Massenmord“ anrechnete und, da auch einige russische Geisteskranke getötet oder erlöst [sic] waren, Rußland als Ankläger auftrat. Vielleicht sollte er auch nach Rußland ausgeliefert werden. Etwa am 1. Okt. war das „Urteil Hadamar“. Da sagte ich mir:“ Mein armer Junge! Das ist auch dein Todesurteil!“ (…)

 

Allerdings kann sie auch nicht völlig unwissend gewesen sein, wie ein weiter Abschnitt desselben Briefes belegt:

 

(…) Mein Sohn nahm es im übrigen mit der Schweigepflicht sehr genau; er sprach nicht mit mir über solche Dinge, ausgenommen die letzte große Aussprache im April unter vier Augen, als er sein ganzes Herz ausschüttete. Aber andere sprachen mit mir über alles, vielleicht in der Meinung, daß ich ohnehin unterrichtet wäre. (…)

 

Wenn sie aber, wie hier angedeutet wird, von den Morden wusste und dennoch die Einbindung der Hebammen dabei durch die Meldepflicht unterstützte, muss sie als Reichshebammenführerin nach ihrem eigenen Amtsverständnis für die daraus resultierenden Morde verantwortlich gemacht werden. Zu diesem Schluss allerdings kam Nanna Conti – zumindest in den vorliegenden Unterlagen – nie. Sie verdrängte vielleicht auch Wissen oder zumindest den Gedanken an die tatsächliche Umsetzung der von ihr propagierten „ Notwendigkeit aller bevölkerungspolitischen Maßnahmen“. Der Verleger der Hebammenzeitschrift, Kurt Zickfeld, schrieb später:

Nur ganz am Schluß des Krieges im Frühjahr 1945 hat Frau Conti einmal anklingen lassen, dass sie um ihren Sohn, den Reichsärzteführer Leonardo Conti, Angst habe. Aber auch, dass viele Dinge, die sie von ihm erfahren hatte, so schrecklich waren, dass sie sie lieber nicht erzählen wollte und auch lieber nicht daran denken wollte.

 

Alle Quellenangaben bei Anja K. Peters.

Informationen zur Verfasserin unter www.anja-peters.de

Der Link zur Crowdfunding-Kampagne: https://www.startnext.com/nanna-conti

 

Rez.: Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein: Den Opfern ihren Namen geben

Die Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein im Verbund der Stiftung Sächsische Gedenkstätten publizierte  eine Reihe von Porträts von Menschen, die 1940 und 1941 in Pirna den nationalsozialistischen Patientenmorden zum Opfer fielen. Die zehn, jeweils zehn bis 15 Seiten umfassenden, im Broschürenformat gehaltenen Bände sind reichlich bebildert und schildern unterschiedlichste Lebenswege von Geburt und Kindheit über die meist langjährigen  Continue Reading »

Projekt: Kontinuitäten und Brüche in B.O./Agnes-Karll-Verband/DBfK 1933-49

Materialien zur Geschichte der Pflege im Nationalsozialismus gesucht Die Neubrandenburger Pflegewissenschaftlerin Dr. Anja K. Peters und der Berliner Historiker Robert Parzer haben damit begonnen, im Auftrag des DBfK-Bundesvorstands die vermuteten personellen Kontinuitäten im Berufsverband zwischen 1933 und 1949 zu erforschen. Ziel der Studie ist es, die Rolle von herausgehobenen Funktionären und Funktionärinnen des DBfK und  Continue Reading »

Vorstellung des Gedenkbuches der Opfer aus der Heil- und Pflegeanstalt Berlin-Buch

Wann: 16. Feb. 2017 um 17 Uhr
Wo: Akademie der Gesundheit, Schwanebecker Chaussee 4 E-H; 13125 Berlin. Vortragssaal; Haus 206 (Hufelandcampus)

[caption id="attachment_1623" align="aligncenter" width="300"] Krankenhaus Buch Anfang des 20. Jahrhunderts. Quelle:http://www.planetarium-berlin.de[/caption]

Mit 2.700 Plätzen war die Heil- und Pflegeanstalt Berlin-Buch bis Ende 1940 die größte der vier Berliner Einrichtungen zur Pflege und Versorgung psychisch kranker und geistig behinderter Menschen. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Anstalt aufgelöst und die Gebäude für andere medizinische Zwecke genutzt. Zahlreiche Patienten und Pfleglinge fielen den der NS-Krankenmord- Aktionen zum Opfer. Entweder starben sie in den Gaskammern der „Aktion T4“ oder wurden im Rahmen dezentraler „Euthanasie“-Maßnahmen durch Hunger und/oder Medikamente getötet.

[caption id="attachment_3969" align="aligncenter" width="300"] Denkmal in Berlin-Buch: Ein Kissen aus Kunstharz[/caption]

Durch die Veröffentlichung ihrer Namen in einem Gedenkbuch sollen die Ermordeten ihre Identität zurückerlangen. Damit kann einerseits das öffentliche Gedenken an diese Opfergruppe unterstützt werden, andererseits wird auch individuelles Gedenken möglich, indem die Nachkommen gesicherte Auskünfte über das Schicksal ihres Angehörigen erhalten.

 

Terminübersicht für den Tag der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus am 27.1.2017

Der 27.1. ist seit einer Proklamation des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog vom 3.1.1996 in Deutschland als Tag der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus eingeführt. Wie schon letztes Jahr, haben wir auch für 2017 wieder eine Terminübersicht gestaltet. Sie erfasst alle Veranstaltungen, die sich am und um den 27.1. der Erinnerung an die Opfer der NS-„Euthanasie“ und der Zwangssterilisationen widmen. Das herausragende Ereignis wird sicher die Gedenkstunde im Bundestag sein, die in diesem Jahr an die NS-„Euthanasie“ erinnert. Dazu wird als Angehörige eines Opfers u.a. Sigrid Falkenstein sprechen.
Falls wir etwas übersehen haben, schreiben Sie uns bitte. (robert.parzer@gedenkort-t4.eu). Hier der Link, falls die Karte nicht angezeigt werden sollte.

 

https://www.google.com/maps/d/u/0/edit?mid=1uRLYY0shl0sF1cb9GcG-5Z4LN_Y&ll=50.78634287332133%2C11.330509199999938&z=6

Ank.: Interviewreihe mit Angehörigen von Opfern der NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisationen

  Seit einigen Jahren gibt es ein erinnerungskulturelles Phänomen zu beobachten: Immer mehr Angehörige von Opfern der NS-„Euthanasie“ gehen an die Öffentlichkeit. Sie schreiben Bücher, Biografien, sprechen auf Konferenzen und gestalten Gedenkseiten im Netz.   Eine von ihnen ist Julia Frick, die hier im Blog schon öfter zu Wort kam. Seit sie entdeckte, dass ihr  Continue Reading »

Ausstellung zur NS-„Euthanasie“ und Eugenik in Belarus

Ein Hotspot für Public History ist Minsk nicht gerade. Eine zumindest autoritäre Staatsführung kontrolliert recht genau, wer was wie im öffentlichen Raum erinnert. Die Erinnerung gibt es: So findet der Spaziergänger an mehreren Orten im Stadtzentrum Denkmäler in Form von Tafeln und Skulpturen, die an bedeutende Politiker der belarussischen kommunistischen Partei erinnern. Etwa eine Stunde von Minsk entfernt befindet sich die Gedenkstätte Chatyn, die als symbolisch gestaltete Erinnerungslandschaft emotional durchaus aufrüttelnd an die „Politik der verbrannten Erde“ der deutschen Besatzer erinnert. Seit kurzem befindet sich auch am Ort des Massenmordes an Juden aus dem Minsker Ghetto und aus Teilen Europas in Maly Trostinez eine Gedenkstätte, die ein persönliches Projekt des Staatspräsidenten Aleksander Lukaschenka war.

 

Minsk ist allerdings keine Erinnerungslandschaft im engeren Sinne: Man kann durch die Stadt laufen, ohne wie etwa in Berlin, andauernd auf Erklärungen zur Geschichte „komplizierter Orte“, auf Denkmäler und Gedenkinstallationen zu treffen. Unübersehbar ist lediglich die Erinnerung an den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg, dessen Geschichte in einer leicht nationalisierten Form entlang der selben Diskurslinien wie vor 1989 erzählt wird – was auch bedeutet, dass es beispielsweise keine Markierung von Orten der deutschen Besatzungsherrschaft gibt.

 

Vieles wirkt wie eine Scharade: Wenn etwa ein zentraler Platz nach 1989 seines Namenspatrons verlustig ging und jetzt von der Freiheit kündet, aber der U-Bahnhof unter ihm immer noch Lenin preist. Und auch, wenn man aus der Stadt raus fährt, um Chatyn zu besuchen und dabei am Hauptsitz des belarussischen KGB vorbeifährt, der nicht umbenannt wurde und einen dabei die Statue von Felix Dscherschinskij grüßt…

 

In diesem Klima ist die Ausstellung От дегуманизации к убийству: судьбы психиатрических больных в Беларуси (1941-1944 гг.) [Von der Entmenschlichung zum Mord: Das Schicksal psychiatrischer Patienten in Belarus 1941-1944] über Eugenik und Patientenmorde, die für ein paar Wochen in Minsk zu sehen war, wie ein frischer Wind in einer vom feinen Staub der Geschichte zugedeckten Stadt. Was den Machern Oleg Aizberg, Alexei Bratochkin, Andrei Zamoiskii, Vasilii Matoh und Oxana Jguirovskaia mit dem Zentrum für Public History des European College of Liberal Arts in Minsk gelang, ist nichts weniger, als einen mittelgroßen Raum der unabhängigen Kunstgalerie “Ў” in einen lebendigen Lernort zu verwandeln. Sie spannen dabei einen großen Bogen, der vom Beginn der „eugenic frenzy“ als eine der Leitideen des beginnenden 20. Jahrhunderts über die Sterilisationen und Massenmorde im Nationalsozialismus bis hin zum Gedenken heute reicht.

 

[gallery ids="13849,13854,13851,13853,13855,13852,13848"]

 

Dabei gelang es, den Blick offen zu halten für Entwicklungen in den Nachbarländern Belarus‘, wie anhand der Entwicklung der eugenischen Ideen im Polen der Zwischenkriegszeit hin zu einer Massenbewegung gezeigt wird. Ein weiteres großes Verdienst der Ausstellung ist es, die Opfer als Individuen zu eigen. Dass dies im belarussischen Kontext nicht selbstverständlich ist, davon kann sich der Besucher der Dauerausstellung des Museum des Großen Vaterländischen Krieges leicht überzeugen. Dort wird nach wie vor die Einheit beschworen: der Nation, der Armee, des Gedächtnisses. In der Kunstgalerie hingegen etwa nehmen die einzigartigen Zeichnungen von Wilhelm Werner breiten Raum ein, ebenso wie Biografien von Opfern und individuelle Erinnerungsprojekte von Angehörigen in Deutschland. Besonders beim letzten Punkt wird eine Kluft zwischen den Erinnerungskulturen deutlich: Während in Deutschland immer mehr Angehörige von Opfern an die Öffentlichkeit treten, ist dies in Belarus überhaupt nicht der Fall.

 

Ob es hier zu einem Wandel kommen wird oder ob die starren von oben gelenkten Narrative dies überhaupt ermöglichen, wird sich erst zeigen. Diese Ausstellung ist möglicherweise ein erster Schritt dahin. Auf jeden Fall ist sie Ausdruck davon, dass das Konzept einer offenen, demokratischen public history, die althergebrachte Erzählungen herausfordert, auch in Belarus funktionieren kann. Den Machern ist zu wünschen, dass die Kraft haben und die Möglichkeiten finden, weiterhin Geschichte als einen offenen Prozess der gesellschaftlichen Selbstverständigung zu betreiben.

Der Stiftung Erinnerung-Verantwortung-Zukunft ist zu gratulieren und zu danken, dass sie das Projekt finanziell unterstützt hat.

 

 

Abschluss und Preisverleihung des Theaterwettbewerbs andersartig gedenken on stage

Wie kann die schwierige Geschichte der NS-„Euthanasie“-Verbrechen an junge Menschen in der Gegenwart vermittelt werden? Wie kann die junge Generation aus dieser Geschichte lernen? Wie kann sie für ein besseres Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung sensibilisiert werden?

 

Der Vorstand der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft Günther Saathoff beschreibt einen möglichen Weg: „Die Formate des Wettbewerbs andersartig gedenken on stage und des szenischen Theaters können außerordentlich produktive pädagogische Plattformen sein, nicht nur zur Aneignung und Vermittlung historischer Kenntnisse, nicht nur zur Vergegenwärtigung ganz konkreter individueller Lebens- und Leidenswege, sondern auch durch die demokratische Beteiligung, etwa durch den Einbezug des Inklusionsgedankens“.

 

 

Die Arbeitsgemeinschaft gedenkort-T4.eu schrieb im Herbst 2015 bundesweit den Theaterwettbewerb andersartig gedenken on stage für Schulen und inklusive Theatergruppen aus. Die Aufgabe war es, Biografien von Opfern der NS-„Euthanasie“ zu recherchieren und auf der Bühne zu erzählen.

 

Bis Ende Mai 2016 wurden 14 Videomitschnitte und Trailer der selbst entwickelten Theaterstücke eingereicht. Die teilnehmenden Gruppen bewiesen dabei, dass Theater die Kraft besitzt, eine Verbindung zwischen einem Einzelschicksal eines Menschen aus der Vergangenheit mit den Akteur_innen auf der Bühne und den Zuschauer_innen im Publikum herzustellen. Alle Stücke berührten unmittelbar. Die Jury, der u.a. Sigrid Falkenstein angehörte, bestimmte am 4. Juni die sieben Preisträger.

 

[caption id="attachment_13583" align="aligncenter" width="300"] Alle Preisträger[/caption]

Am 01. Oktober wurden die Preisträger im Rahmen der feierlichen Preisverleihung im Kulturcentrum am Wartburgplatz „Die Weisse Rose“ in Berlin geehrt. Es war ein Abend vieler besonderer Momente. Die ca. 130 anwesenden Gäste wurden von den Vertreter_innen der Förderer Stiftung EVZ , Bundesvereinigung Lebenshilfe, Lebenshilfe Berlin und der Stiftung Parität begrüßt.

 

 

Ulla Schmidt, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Bundesvorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe beschrieb das Ziel des Wettbewerbes, eines der 300.000 Opfer der NS-„Euthanasie“-Verbrechen dem Vergessen zu entreißen, so: „Fast Jeder kennt das furchtbare Schicksal der Anne Frank, aber wer kennt Käthe Spreen?“

 

Die Vorstandsvorsitzende des Paritätischen Berlin, Prof Dr. Barbara John,  zitiert den Münsteraner Bischof von Galen, der am 3. August 1941 die Morde der sogenannten „Euthanasie“ anprangerte:  „Wenn es Recht sein soll, unproduktive Menschen zu töten, dann wehe uns allen, wenn wir einmal alt oder krank werden.“

 

Günther Saathoff, Vorstand der Stiftung EVZ, erinnerte in seiner Ansprache auch an das Schicksal der 350.000 Zwangssterilisierten, sowie deren jahrzehntelangen Kampf um Anerkennung als Verfolgte des NS-Regimes.

 

Die Preise:

1.Preis – Das Schulzentrum Geschwister Scholl aus Bremerhaven für das Theaterstück „KÄTHE – ein Opfer der Euthanasie im Nationalsozialismus“

 

[caption id="attachment_13585" align="aligncenter" width="300"] Die Gewinner[/caption]

 

2. Preis – Die Kooperation des Carl-Orff Gymnasiums Unterschleißheim und des Heilpädagogischen Centrum Augustinum Oberschleißheim für das Theaterstück „Geheimnisse im Kopf“

 

3. Preis – Ernst-Mach-Gymnasium und Mittelschule Haar für die Produktion „Spurensuche – was für ein Mensch willst Du sein?“

 

4. Preis – Bandhaus-Theater Backnang für das Theaterstück „Kannst Du schweigen? – Ich auch!“

 

5. Preis – Geschwister Scholl Oberschule Bad Laer für das Theaterstück „Rupprecht Villinger – Recht auf Leben“

 

 

Ingrid von Randow vergab den Preis der Lebenshilfe Berlin für eine gelungen Umsetzung des Inklusionsgedankens an das Theater 36 aus Hamburg für das Theaterstück „Der Brief – ein Spiel zwischen Gestern und Heute“. Sie betonte in ihrer Ansprache, dass Gleichstellung von Menschen mit Behinderung auch heute immer noch nicht selbstverständlich ist.

 

Der Gewinner des Förderpreis für die herausragende schauspielerische Einzelleistung, Kai Bosch, vom Bandhaus-Theater Backnang, sagte in seiner Dankesrede:

„Ich bin dankbar, dass ich in der heutigen Zeit leben darf. Jedes Leben ist lebenswert. Jeder Mensch hat Fähigkeiten. Jeder Mensch ist einzigartig.“

 

Anschließend wurde der Siegerbeitrag „KÄTHE“ aufgeführt. Eindringlich erzählt das Stück die Geschichte von Käthe Spreen, einer jungen Frau, die in Bremerhaven geboren und in Hadamar 1941 umgebracht wurde. Bewegend ist auch der Schluss: Wenn die Schüler, grau in grau, in einem der grauen Busse sitzen, der die Kranken in die Mordanstalten gefahren hatte und dann sehr bewusst aussteigen, zurück in ihre eigene Identität gehen und erzählen, was ihnen im Umgang mit Stück und Sujet passiert ist: „Im Unterricht hat mich das nie interessiert, aber jetzt wird es so begreifbar“, sagt einer von ihnen (siehe Foto der Abschlussszene).  Damit liefert „Käthe“ zugleich den Beweis, dass das, was sich die AG gedenkort-T4.eu mit dem Wettbewerb andersartig gedenken on stage vorgenommen hat, auch eingetreten ist: die intensive Auseinandersetzung möglichst vieler junger Menschen mit und ohne Behinderungen mit zu oft vergessenen, zu oft verdrängten Thema der NS-„Euthanasie“ und mit den wenigen bekannten Biographien von Opfern.

 

[caption id="attachment_13584" align="aligncenter" width="300"] Aufführung des Siegerbeitrages[/caption]

 

Der Gewinnerbeitrag wurde professionell gefilmt und wird noch in 2016 online frei zugänglich sein. Mehr zum Wettbewerb, sowie auch zu den einzelnen Preisträgern inklusive Trailer, finden Sie unter www.andersartig-gedenken.de.

 

Die Arbeitsgemeinschaft gedenkort-T4.eu ist bemüht 2017/2018 gemeinsam mit dem neugegründeten Förderkreis Gedenkort-T4 e.V. einen weiteren Jahrgang des Wettbewerbs andersartig gedenken on stage auszuloben. Sie will damit einen nachhaltigen Beitrag für den emotionalen Erinnerungsprozess und für ein gelebtes und vorurteilsfreies Verständnis von Inklusion leisten.

 

von Stana Schenck

Fotos: Marko Georgi

Gedankengänge Erinnerungswege. Workshop zum künstlerischen Ausschreibungsverfahren an der Charite Berlin

Wann:  Freitag, 4. November 2016; 9 bis 18 Uhr Wo: Charité Campus Mitte; Institut für Pathologie; Rudolf Virchow-Hörsaal, Virchowweg 14   „Wissenschaft in Verantwortung – GeDenkOrt.Charité“ ist ein Projekt der Charité mit der Universität der Künste Berlin. Es gestaltet Orte der Information, der Erinnerung und des Gedenkens, die zugleich Orte künstlerischer Auseinandersetzung mit Gefährdungen jeder  Continue Reading »

Gedankengänge Erinnerungswege. Workshop zum künstlerischen Ausschreibungsverfahren an der Charite Berlin

Wann:  Freitag, 4. November 2016; 9 bis 18 Uhr Wo: Charité Campus Mitte; Institut für Pathologie; Rudolf Virchow-Hörsaal, Virchowweg 14   „Wissenschaft in Verantwortung – GeDenkOrt.Charité“ ist ein Projekt der Charité mit der Universität der Künste Berlin. Es gestaltet Orte der Information, der Erinnerung und des Gedenkens, die zugleich Orte künstlerischer Auseinandersetzung mit Gefährdungen jeder  Continue Reading »

Workshop zu inklusiven Angeboten in der NS-„Euthanasie“-Gedenkstätte Brandenburg/Havel

Wann: 18. November 2016, 9:30 – 17:00

Wo: Gotisches Haus, Ritterstraße 86, 14770 Brandenburg an der Havel.

 

Die Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasiemorde Brandenburg/Havel hat in letzter Zeit intensiv darüber nachgedacht, wie sie ihr Thema jedem verständlich machen kann. Das Thema ist zweifellos furchtbar: Die Ermordung von über neuntausend Menschen aus psychiatrischen Anstalten im vormaligen Gefängnis mitten in der Innenstadt im Jahr 1940. Erst seit 2012 gibt es eine fundierte Ausstellung und ein kleines Team, das Führungen und Workshops anbietet. Seit Anfang 2016 förderte das Brandenburgische Gesundheitsministerium ein Projekt, im Rahmen dessen Menschen mit Lernschwierigkeiten eingeladen wurden, die Gedenkstätte  zu erkunden und ihre Angebote inklusiv zu gestalten. Das vorläufige Ergebnis wird nun vorgestellt.

[caption id="attachment_1495" align="aligncenter" width="225"] Gedenkstätte Brandenburg an der Havel[/caption]

Damit ist die Gedenkstätte in Brandenburg/Havel einen Schritt gegangen, den auch andere Orte gegangen sind, die an die NS-„Euthanasie“ erinnern. Unter anderem in Grafeneck gibt es Angebote in Leichter Sprache; auch in Lüneburg wird an entsprechenden Konzepten gearbeitet.

Hier die Einladung und der Flyer. Die Veranstaltung findet teilweise in leichter Sprache statt.

 

Workshop zu inklusiven Angeboten in der NS-„Euthanasie“-Gedenkstätte Brandenburg/Havel

Wann: 18. November 2016, 9:30 – 17:00

Wo: Gotisches Haus, Ritterstraße 86, 14770 Brandenburg an der Havel.

 

Die Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasiemorde Brandenburg/Havel hat in letzter Zeit intensiv darüber nachgedacht, wie sie ihr Thema jedem verständlich machen kann. Das Thema ist zweifellos furchtbar: Die Ermordung von über neuntausend Menschen aus psychiatrischen Anstalten im vormaligen Gefängnis mitten in der Innenstadt im Jahr 1940. Erst seit 2012 gibt es eine fundierte Ausstellung und ein kleines Team, das Führungen und Workshops anbietet. Seit Anfang 2016 förderte das Brandenburgische Gesundheitsministerium ein Projekt, im Rahmen dessen Menschen mit Lernschwierigkeiten eingeladen wurden, die Gedenkstätte  zu erkunden und ihre Angebote inklusiv zu gestalten. Das vorläufige Ergebnis wird nun vorgestellt.

[caption id="attachment_1495" align="aligncenter" width="225"] Gedenkstätte Brandenburg an der Havel[/caption]

Damit ist die Gedenkstätte in Brandenburg/Havel einen Schritt gegangen, den auch andere Orte gegangen sind, die an die NS-„Euthanasie“ erinnern. Unter anderem in Grafeneck gibt es Angebote in Leichter Sprache; auch in Lüneburg wird an entsprechenden Konzepten gearbeitet.

Hier die Einladung und der Flyer. Die Veranstaltung findet teilweise in leichter Sprache statt.

 

Übergabe der Erinnerungs-Orte bei Regens Wagner an die Öffentlichkeit

In Michelfeld wird seit einigen Tagen an die Frauen, die während des Nationalsozialismus bei Regens Wagner Michelfeld gelebt haben und von dort deportiert wurden, erinnert. Zur Erinnerungsstunde begrüßte der  Direktor der Regens Wagner Stiftungen,  Pfr. Rainer Remmele, die Gäste.  Gesamtleiter Peter Miltenberger (Leitung RW Michelfeld), der Mitarbeiter Bernhard Kallmeier und der Beschäftigte mit Behinderung Andreas Steger sowie Sr. M. Gerda Friedel (Provinzoberin der Dillinger Franziskanerinnen) legten Gedenksteine nieder. Abschließende Worte sprach Direktor Remmele, der Hinweise auf weitere Möglichkeiten der Erinnerungs-Orte gab. Nach der Erinnerungsstunde gab es einen geführten Rundgang zu den 10 Erinnerungs-Orte auf dem Gelände der Einrichtung.

[gallery ids="13432,13445,13441,13440,13446,13437,13430"]

Die Erinnerungs-Orte erzählen barrierearm und in leichter Sprache die Geschichte der Einrichtung während des Nationalsozialismus.  Die Erinnerungs-Orte gibt es auch als Ausstellung auf Rollbannern, um damit in Schulen oder öffentlichen Einrichtungen das Thema platzieren zu können. Es ist eine Handreichung in leichterer Sprache erschienen, welche die Geschichte des Projekts und der Einrichtung aufgreift. Außerdem wurde ein Orientierungsflyer zu den Erinnerungs-Orten auf dem Gelände vorgestellt. Von Seiten verschiedener Schulen gibt es großes Interesse an einer Zusammenarbeit zu dem Thema und in den nächsten Monaten werden bereits erste Projekte und Workshops mit Schüler*innen umgesetzt werden.

Einladung zur Erinnerungsstunde bei Regens Wagner Michelfeld

Wo: Klosterhof 2-1, 091275 Auerbach

Wann: 22.09.2016 um 16.00

Flyer

Seit einiger Zeit erarbeitet eine Arbeitsgruppe der oberpfälzischen Einrichtung der Behindertenhilfe Regens Wagner Michelfeld ein Konzept zur Erinnerung an die betreuten Menschen, die zur Zeit des Nationalsozialismus deportiert und ermordet wurden. Es begann mit einem Fund auf einem Dachboden: In Bananenkisten lagerten über Jahrzehnte hinweg Akten. Die Arbeitsgruppe um Sabrina Renk und Norbert Aas entschied, verschiedene Erinnerungszeichen über das Gelände zu verteilen. „Behutsames Erinnern“ nennt dies die den Prozess gestaltende und begleitende Berliner Agentur bar_m, die auf ihrer Website beeindruckende Bilder und Texte präsentiert, die die Komplexität des Vorhabens gut veranschaulichen. Am 22.9.2016 wird es nun die Ergebnisse zu sehen geben.

 

Gedenktag 1.9.2016

Der Erlaß Adolf Hitlers, der zur Rechtfertigung der NS-„Euthanasie“ diente, wurde im Oktober 1939 verfaßt und auf den Kriegsbeginn 1.9.1939 zurückdatiert. Heute wird an diesem Datum an den Beginn der systematischen Ermordung von Menschen mit psychischen Krankheiten und geistigen Behinderungen erinnert. Wie schon zum Gedenktag 27.1.2016 haben wir eine Landkarte des Gedenkens erstellt, die alle  Continue Reading »

Neue Erinnerungs- und Gedenkstätte in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Domjüch bei Neustrelitz eröffnet

Neue Erinnerungs- und Gedenkstätte in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Domjüch bei Neustrelitz eröffnet

Am 10.07.2016 wurde im Rahmen einer Gedenkveranstaltung auf dem Gelände der ehemaligen Landesirrenanstalt Domjüch bei Neustrelitz eine neue Erinnerungs- und Gedenkstätte für die Domjücher Opfer der Euthanasie und Zwangssterilisation in der Zeit des Nationalsozialismus eröffnet.

 

Am 11.07.1941 wurden von der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Domjüch am Stadtrand von Neustrelitz ca. 100 Patienten abgeholt und vermutlich noch am gleichen Tag in der Vernichtungsanstalt Bernburg umgebracht. Zum 75. Jahrestag dieses Transportes fand in der Kapelle der ehemaligen Anstalt ein Gedenkgottesdienst statt, der vom Verein zum Erhalt der Domjüch –  ehemalige Landesirrenstalt e.V. und der Kirchgemeinde Alt-Strelitz organisiert wurde. Bei dieser Veranstaltung waren u.a. auch Angehörige von ehemaligen Euthanasieopfern anwesend. Ein Höhepunkt dieser Veranstaltung war die Enthüllung einer Gedenktafel am Haupteingang des ehemaligen Verwaltungsgebäudes.

[caption id="attachment_13140" align="aligncenter" width="300"] Gedenktafel am Haupteingang des ehemaligen Verwaltungsgebäudes[/caption]

Die anlässlich dieser Gedenkveranstaltung neu eröffnete Erinnerungs- und Gedenkstätte informiert nicht nur über die Euthanasieverbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus, die auch um die Anstalt Domjüch keinen Bogen machten, sondern auch über die Diskriminierung von psychisch und körperlich behinderten Menschen vor Beginn der sog. T4-Aktion. So wird u.a. am Beispiel eines Domjücher Patienten über die Rolle des 1934 eingerichteten Erbgesundheitsgerichtes Neustrelitz bei der Umsetzung der damaligen nationalsozialistischen Rassenpolitik informiert. Auch über das Schicksal Domjücher Patienten, die 1943 nach Schließung der Heil- und Pflegeanstalt Domjüch in die Anstalt Sachsenberg bei Schwerin verlegt wurden, wird Auskunft gegeben.

[caption id="attachment_13141" align="aligncenter" width="300"] Ausstellungsdetail[/caption]

 

Unterlegt ist diese Ausstellung mit Namenslisten von bekannten Euthanasieopfern aus der Anstalt Domjüch. Ein wichtiges Ziel der weiteren Gedenkstättenarbeit wird es sein, weitere Opfernamen zu ermitteln und möglichst viele noch lebende Angehörige dieser Opfer über das Schicksal ihrer Angehörigen zu informieren. So ist auch das Projekt „Den Opfern ein Gesicht geben“ Bestandteil dieser Gedenkausstellung.

 

Die Erinnerungs- und Gedenkstätte Domjüch kann von Mai bis September jeden Sonntag von 14:00 – 17:00 Uhr besichtigt werden.

 

Othering – Verfolgung von Minderheiten in Heidelberg 1933-1945

Über Twitter sind wir auf ein spannendes Projekt in Heidelberg aufmerksam geworden: (Danke @DerGuenther !).  Eine studentische Initiative, die sich  mit Prozessen des „Othering“ im NS in Heidelberg beschäftigt. Dabei geraten auch die NS-Krankenmorde in der Stadt in den Blick. Im Folgenden ihre Selbstdarstellung, verfasst vom Projektleiter, Felix Pawlowski.

 

Wer wir sind:

 

Der studentische Verein “Heidelberger Lupe – Verein für Historische Forschung und Geschichtsvermittlung” befindet sich seit Februar 2016 in Gründung und hat es sich zum Ziel gesetzt, die Regionalgeschichte Heidelbergs im Nationalsozialismus zu erforschen und didaktische Zugangsmethoden für den Schulunterricht zu entwickeln. Er besteht derzeit aus zwölf aktiven Mitgliedern und kooperiert mit dem Arbeitsbereich „Minderheitengeschichte und Bürgerrechte in Europa“ des Lehrstuhls für Zeitgeschichte der Universität Heidelberg, der Jüdischen Kultusgemeinde, dem Dokumentation- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, der Stadt und diversen Schulen Heidelbergs. Hervorgegangen ist die Gruppe aus früheren Projekten des Arbeitsbereiches, mit dem sie u.a. im Januar 2015 die Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus im Rathaus der Stadt Heidelberg gestaltet und im Oktober des Selben Jahres die Ausstellung „Herausgerissen – Deportation von Heidelbergern 1940“ konzipiert und umgesetzt hat. Im Zuge dieser Ausstellung kamen Lehrer und Lehrerinnen aus Heidelberg auf die Gruppe zu und fragten ob die Möglichkeit bestünde regionalgeschichtlich fokussierte Zusatzmaterialien zur Verfolgung von Minderheiten für den Geschichtsunterricht zu entwerfen.

 

Konzept:

 

Wir konzipieren und planen eine fächerübergreifende Handreichung für Lehrer und Lehrerinnen und außerschulische Bildungseinrichtungen und wollen gleichermaßen Erinnerungsorte in Heidelberg mit einbeziehen und didaktisch zugänglich machen. Nicht nur für den Geschichtsunterricht, auch für den Deutsch, Kunst oder Religionsunterricht sollen die Textbausteine, Arbeitsblätter und das Begleitmaterial das wir erstellen werden nutzbar sein. Der Holocaust ist fest verankert im Curriculum vieler Fächer. Da die gängigen Schulbücher aber von großen und überregionalen Verlagshäusern gedruckt werden, geht der regionale Fokus dabei verloren. Uns ist es jedoch wichtig zu zeigen, dass die Verfolgung von Minderheiten kein entrücktes Thema ist, sondern auch in der unmittelbaren Umgebung stattfand. Durch Stereotypisierungsprozesse und ‚Othering’  wurden auch Heidelberger Mitbürger*innen im Nationalsozialismus fremd gemacht und verfolgt. Durch den Fokus auf persönliche Schicksale und Biographien, sollen die nationalsozialistischen Stereotype aufgebrochen werden. Schüler*innen sollen den konstruktiven Charakter von Stereotypen erkennen und ähnliche Mechanismen in aktuellen Diskursen kritisch hinterfragen. Wir glauben, dass eine Geschichtsvermittlung zum so wichtigen Thema Nationalsozialismus und Verfolgung erfolgreicher sein kann, wenn man diese den Schülern anhand von vertrauten Orten und Personen zeigt die um sie herum sind oder waren, die sie vielleicht täglich unbewusst wahrnehmen und mit denen sie sich vielleicht auch leichter identifizieren können. Dieser direkte Bezug soll die Möglichkeit bieten, das komplexe und doch emotional sehr aufgeladene Thema leichter zu verstehen und einzuordnen.

 

Im Zuge des Besuchs jüdischer ehemaliger Heidelberger im Mai 2016, hatte unsere Gruppe von der Stadt Heidelberg die Möglichkeit erhalten, Zeitzeugeninterviews zu führen und persönliche Schicksale zu dokumentieren. Wir waren so in der Lage mit Video- und Audioaufnahmen die Geschichten der letzten sieben jüdischen Heidelberger Zeitzeugen zu dokumentieren. Auch diese Aufnahmen fließen direkt in unser Projekt ein.

 

Die Gruppe hat sich dazu entschlossen das gesamte Projekt aufgrund seines Umfangs in mehreren Phasen vorzubereiten. Zunächst werden die am Projekt beteiligten Studierenden anhand ausgewählter Themen und Erinnerungsorte bis Ende des Jahres ein Muster an Arbeitsmaterialien erstellen. Mit diesen Materialien werden wir anschließend in verschiedenen Schulklassen von Heidelberger Gymnasien den Praxistest machen und die Verwendbarkeit innerhalb des Unterrichts eruieren. Danach entscheidet sich ob das Projekt erweitert wird und die restlichen vorgesehenen Themenbereiche bearbeitet werden. Der Gesamtumfang des Projektes erstreckt sich von 1933-1945. Dieser Zeitraum wird in der Geschichtswissenschaft üblicherweise in mehrere Phasen eingeteilt:

 

I. 1 Phase 1933-35: Verdrängung von Minderheitengruppen aus dem wirtschaftlichen Leben

II. 2 Phase 1935-38: Nürnberger Gesetzte + Folgen → Themenschwerpunkt: Konstruktion von „Anderssein“ und realgesellschaftliche Folgen

III. 3 Phase 1938-39: Novemberpogrom + Kriegsausbruch

IV. 4. Phase 1939-45 (weitere Unterteilung möglich)

 

Für die Erstellung der ersten Materialien wird lediglich die Phase 2 bearbeitet und der Schwerpunkt dabei auf die Konstruktion des „Anderssein“ gelegt.

 

Erste Themenfestlegung:

 

Die Themenwahl innerhalb der Verfolgen-Gruppen geschieht nach Orten und Personen in Heidelberg:

–              „Geisteskranke” à „Entartete“ Kunst?; Euthanasie + Kliniken HD + Grafeneck, (Kunstbezug über die Sammlung Prinzhorn) Sammlung Prinzhorn + Gedenkstelle für die Opfer der Euthanasie, Bruno Oppenheimer, Maja Bitsch, Wilhelm Werner.

[caption id="attachment_13123" align="alignleft" width="150"] Gedenkstein in Heidelberg[/caption]

–              „Widerständler“ vs Volksgemeinschaft à Thingstätte und Thingbewegung; BDM und HJ in HD → Thingstätte (Volksgemeinschaft), Widerstand von Studentischer Seite, Helmut Meyer, Hermann Maas

–              „Homosexuelle“ + „Politisch Verfolgte“ à Gedenkstätte auf dem Bergfriedhof, Max Brosch

–              „Juden“ à Synagogenplatz, Wohnorte,  Zeitzeugeninterviews mit Hans Flor, Ronald & Eric Kay, Michael Pinkuss, Mia Forscher, Henry Baer und Rahel Anili

–              „Sinti“ à Gedenkplakette Steinstraße, Wohnorte (lokale Häufung, u.a. Friedrich-Ebert-Haus): Sinti in HD + Vertreibung, Fam. Meinhardt, Fam. Birkenfelder

–              „Intellektuelle“ à Ort Bücherverbrennungen (Bildung, Universität)

 

Jeder Themenkomplex wird von ein bis zwei Studierenden bearbeitet. Im kommenden September findet zudem ein erster Didaktikworkshop mit Dozenten aus den Bildungswissenschaften, Lehrern, dem Stadthistoriker Dr. Norbert Giovannini und dem Holocaust-Education Experten Dr. Bertram Noback (angefragt) statt. Das Projekt des Vereins ist offiziell am Arbeitsbereich „Minderheitengeschichte und Bürgerrechte in Europa“ des Lehrstuhls für Zeitgeschichte der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg angesiedelt und wird inhaltlich von diesem betreut.

Verantwortliche Betreuer sind Dr. Birgit Hofmann und M.A. Daniela Gress. Projektleiter und –koordinator ist B.A. Felix Pawlowski.

 

Vortrag: Die ‚Sonderbehandlung 14f13‘ in Schloss Hartheim 1941-1944

Wo: Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein

Wann: 21. Juni 2016 um 18 Uhr

 

Artur Jacobs kam 1883 als viertes Kind seiner jüdischen Eltern zur Welt. Er wurde Kaufmann, bis das NS-Regime im Zuge seiner atisemitischen Politik ihm die wirtschaftliche Existenz unmöglich machte. Er kam wegen angeblichen Sozialhilfebtrugs zwei Mal in Haft; am 15.6.1938 wurde er im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Die Versuche seiner katholischen Frau, ihm zur Ausreise nach Brasilien zu verhelfen, schlugen fehl, und Artur Jacobs wurde in das KZ Dachau überstellt. Seine Odysee durch den KZ-Archipel führte ihn nach Neuengamme, von wo aus er wieder nach Dachau kam, wo er schwer erkrankte. Mit einem so genannten Invalidentransport wurde er in die „Euthanasie“-Tötungsanstalt Hartheim gebracht und dort in der Gaskammer ermordet. (Quelle)

[caption id="attachment_12829" align="alignleft" width="150"] Arthur Jacobs. Quelle http://lebensspuren.schloss-hartheim.at/index.php/2-biografie/23-arthur-jacobs[/caption]

Dies ist eine von vielen Biographien, die der Vortragende Florian Schwanninger und sein Team des Lern- und Gedenkortes Schloss Hartheim erarbeitet haben. Florian Schwanninger wird in Pirna über die Ermordung tausender KZ-Häftlinge durch das Personal der Aktion T4 sprechen.

 

Gründung des Förderkreises des Gedenk- und Informationsortes an der Tiergartenstraße 4

Wann: 29.6.2016

Wo: Berlin (Ort wird noch bekannt gegeben)

 

[caption id="attachment_9042" align="aligncenter" width="150"] Die blaue Glaswand am Denkmal im Aufbau. August 2014[/caption]

Der Förderkreis soll die Initiativen, die zur Entstehung des Denkmales für die Opfer der NS-„Euthanasie“ an der Berliner Tiergartenstraße 4 führten, fortsetzen. Wir wollen insbesondere folgendes angehen:

 

  • Angehörigen von Opfern eine Anlaufstelle bieten, wo sie sich informieren und austauschen können
  • Begleitende Informationsangebote in leichter Sprache sowie in Fremdsprachen entwickeln und anbieten
  • Veranstaltungen zum Gedenken am 27.1. in Zusammenarbeit mit anderen konzipieren.

 

Eingeladen zum Mitmachen sind alle, denen die Erinnerung an die NS-„Euthanasie“ ein Anliegen ist. Den vollständigen Aufruf zur Gründung und den Entwurf der Satzung finden Sie hier.

 

Ank.: Konferenz in Doorn und Haarlem (NL) zu NS-„Euthanasie“ 20.5-22.5.2016

Was? Frühjahrstagung des Arbeitskreises zur Erforschung der nationalsozialistischen „Euthanasie“ und Zwangssterilisation zum Thema: Internationaler Vergleich der Sterberaten in ausgewählten Anstalten 1940-1945 und mögliche Implikationen für aktuelle ethische Fragen.   Wann? Freitag, 20.5.2016 bis Sonntag, 22.5.2016   Wo? Het Dolhuys Haarlem und De Basis, Doorn   Zum ersten Mal in seiner über dreißigjährigen Geschichte tagt der  Continue Reading »

Konferenz: Den Opfern einen Namen geben

Wann: 29.6.2016 11:30-18:00

Wo: Dokumentationszentrum Topographie des Terrors, Berlin

 

Anmeldung bis spätestens 23. Juni unter veranstaltungen@topographie.de oder 030 25450913
Eintritt frei

 

Wenn man die Seiten der Gedenkstätte Hadamar aufruft, begegnet einem ein Opfer namens „Emilie R.“ Warum man nicht erfährt, dass es sich dabei um Emilie Rau handelt und ob man das ändern soll, wird auf der Konferenz diskutiert werden. Es ist nicht die erste ihrer Art -erinnert sei hier z.B. an eine Veranstaltung in München (Tagungsbericht) und eine in Berlin. Die Konferenz kennzeichnet aber eine veränderte Wahrnehmung des Problems in der Politik, da mit Monika Grütters MdB die Staatsministerin für Kultur und Medien ein Grußwort spricht.

 

Allen bisherigen Tagungen ist gemein, dass man auch 70 Jahre nach dem Ende der NS-„Euthanasie“-Morde die Frage, ob man die Opfer mit vollem Namen nennen soll und darf, nicht einheitlich geregelt hat. Das stellt die Forschung und Akteure der Erinnerung oft vor große Probleme. Dahinter stehen oft Bedenken von Archiven wegen der schutzwürdigen Belange von Dritten, womit heute lebende Angehörige gemeint sind, die nicht mit einem Menschen mit Behinderung(en) in Zusamenhang gebracht werden sollen (und selten tatsächlich das auch nicht wollen).

Hier der Flyer. Wer mag, kann zur Vorbereitung auch das Gutachten von Dr. Erhart Körting pro Namensnennung lesen.

 

Neues Bildungsangebot zu NS-„Kranken“-Morden in Berlin

Die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas betreut auch den Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen ›Euthanasie-Morde‹« in der Berliner Tiergartenstraße 4. Bisher organisierte sie bereits Führungen vor Ort, nun ist auch eine Einführung in Geschichte und Erinnerung am Ort der Information (unter dem Holocaust-Denkmal) mit einem anschliessenden Besuch des NS-„Euthanasie“-Gedenkortes.    Continue Reading »

Protest gegen Verleihung des Peter Singer Preises an PETA

Wie bereits letztes Jahr trifft auch dieses Jahr die Verleihung des nach dem Philosophen Peter Singer benannten Preises auf breiten Widerspruch. Hatte man 2015 den Preis noch sinnigerweise an Peter Singer selbst verliehen, so ist dieses Mal mit Ingrid Newkirk die Präsidentin der Tierschutzorganisation PETA an der Reihe.   Peter Singer ist äußerst umstritten, weil  Continue Reading »