Planet History

Aktenkunde

Gaddafis undiplomatischer Schriftverkehr

Ich komme derzeit wenig zum bloggen, aber das hier muss sein. Das Österreichische Staatsarchiv erinnerte vor ein paar Tagen auf Twitter an die abstruse Weihnachts- und Neujahrsbotschaft, die Gaddafi 1978 dem österreichischen Bundespräsidenten und wohl noch weiteren westlichen Staatsoberhäuptern angedeihen ließ. Die Website des Österreichischen Staatsarchivs bietet dazu Kontextinformationen und die Fundstelle. Nicht soviel trinken, sondern die Bibel lesen, um Christi Geburt zu würdigen, ist der Rat des moralphilosophischen Universalgenies. Undiplomatischer Inhalt, aber diplomatische Form. Dazu ein paar Bemerkungen. Der Diplomatische Schriftverkehr ist in … Gaddafis undiplomatischer Schriftverkehr weiterlesen

Der Geschmack des Archivs. Heute: Salz

Arlette Farges Der Geschmack des Archivs (frz. 1989, dt. 2011) ist ein Klassiker des kulturwissenschaftlich erweiterten Archivdiskurses. In vielen Aspekten der Archivpraxis ist er zwar nicht aktuell (Kröger 2011) und der Diskurs hat, weil er sich ja am Leben halten muss, auch theoretische Defizite entdeckt (Lepper/Raulff 2016, S. 5). Farges Verdienst bleibt aber, lange vor dem material turn , die subjektive Erkenntnis, wie die sinnlichen Überraschungen beim Umgang mit archivierten Akten, seien sie fragil, schmutzig oder schwer lesbar, die historische Arbeit beeinflussen: von den … Der Geschmack des Archivs. Heute: Salz weiterlesen

Lehrgang zur Aktenkunde des Holocausts aus dem Bundesarchiv

ZiIm März 2016 wurde hier auf ein Seminar des Bundesarchivs zur Aktenüberlieferung des Holocausts hingewiesen. Dass die Aktenkunde ein Wahrnehmungsproblem hat, ist mein ceterum censeo. Solche Initiativen sind der beste Wege zur öffentlichen Relevanz. Nun haben die verantwortlichen Kollegen aus dem Bundesarchiv daraus einen Online-Kurs gemacht. Ein didaktischer Meilenstein Die European Holocaust Research Infrastructure (EHRI) ist ein europäisches Projekt mit dem Ziel, ein Portal zu archivalischen Quellen der Holocaust-Forschung zu schaffen. In Deutschland wird EHRI vom Institut für Zeitgeschichte und eben vom Bundesarchiv getragen. … Lehrgang zur Aktenkunde des Holocausts aus dem Bundesarchiv weiterlesen

Schreiben und abschreiben – Gedanken über einen besonderen Lutherbrief

Ein Gastbeitrag von Karsten Uhde (Marburg) Im Lutherjahr haben Lutherbriefe Konjunktur. Das Erfurter Augustinerkloster bietet die Faksimiles zweier „Trostbriefe“ Luthers samt Transkription für erschwingliche zwei Euro zum Kauf und im Februar 2017 wurde ein Lutherbrief bei einer Auktion für 100 000 Euro angeboten. Allerorten werden Ausstellungen mit Originalschreiben des Reformators gezeigt und kaum eine Archivzeitschrift kommt ohne einen Artikel über Archivalien mit Lutherbezug aus1. Warum also eine weitere Abhandlung über Luther, noch dazu über eine Abschrift eines Lutherbriefes und nicht über dessen Original, das … Schreiben und abschreiben – Gedanken über einen besonderen Lutherbrief weiterlesen

Aktenkundliche Basisbibliografie erweitert

Sommerloch – Bibliografie-Zeit! Meine Literaturauswahl zum Einstieg in die Aktenkunde scheint ganz nützlich zu sein. Deshalb habe ich sie hauptsächlich um Literatur, mit der ich hier im letzten Jahr gearbeitet habe, erweitert. Außerdem habe ich die Struktur verfeinert und einige Titel anders eingeordnet – da ist immer persönlicher Geschmack im Spiel. Was gibt es Neues? Zunächst einige Titel, die unbedingt hinein gehören, aber in der ursprünglichen Serie zur Forschungsgeschichte der Aktenkunde nicht enthalten waren: Schmid (2012) und Beck (2012) aus den Archivalischen Quellen; Schmids … Aktenkundliche Basisbibliografie erweitert weiterlesen

Aktenkundliche Basisbibliografie erweitert

Sommerloch – Bibliografie-Zeit! Meine Literaturauswahl zum Einstieg in die Aktenkunde scheint ganz nützlich zu sein. Deshalb habe ich sie hauptsächlich um Literatur, mit der ich hier im letzten Jahr gearbeitet habe, erweitert. Außerdem habe ich die Struktur verfeinert und einige Titel anders eingeordnet – da ist immer persönlicher Geschmack im Spiel. Was gibt es Neues? Zunächst einige Titel, die unbedingt hinein gehören, aber in der ursprünglichen Serie zur Forschungsgeschichte der Aktenkunde nicht enthalten waren: Schmid (2012) und Beck (2012) aus den Archivalischen Quellen; Schmids … Aktenkundliche Basisbibliografie erweitert weiterlesen

Paläographie, Graphologie, Forensik

Dieses Blog bringt immer wieder Beiträge zur Aktenforensik. Das meint die Anwendung aktenkundlicher Methoden zum praktischen Zweck juristischer oder auch historisch-politischer Beweiserhebung: Ist ein Dokument authentisch? Wer hat es verfasst? Wurde es nachträglich manipuliert? Eine cause célèbre der Forensik von Schriftstücken ist die Affäre Dreyfus. Die Historische Zeitschrift vom Dezember 2016, die mir erst jetzt in die Hände fiel, bringt einen hoch interessanten und wunderbar geschriebenen Aufsatz des Schweizer Historikers Caspar Hirschi zur Rolle der Schriftexperten in den Prozessen gegen Dreyfus und Zola — … Paläographie, Graphologie, Forensik weiterlesen

Rückkehr der Schreibmaschine?

Auf Einestages, der Geschichtsrubrik von Spiegel Online, ist vor zwei Wochen ein schöner Beitrag zur Geschichte der Schreibmaschine erschienen. Auch dieses Blog hat immer mal wieder Schreibmaschinenkundliches im Angebot. Selbstverständlich hat die Schreibmaschine die Aktenproduktion revolutioniert — jedoch nicht auf die offensichtlichste Weise (das wäre ihre Effektivität). Die vom Spiegel gestellte Frage, ob die Schreibmaschine in begrenzten Einsatzgebieten zurückkehren kann, ist ein Glasperlenspiel, führt aber zu grundsätzlichen Überlegungen. Doch der Reihe nach … Der Spiegel reitet auf einer Welle der Schreibmaschinennostalgie, vergleichbar mit der Wiederentdeckung des … Rückkehr der Schreibmaschine? weiterlesen

Die mutmaßlichen Macron-Fälschungen

Die Dunkelmänner haben verloren. Wer auch immer durch Unterlagen über eine Scheinfirma in der Karibik Emmanuel Macron aufhalten wollte, ist gescheitert. In diesem Blog geht es immer wieder um Aktenfälschungen, auch um solche aus der ganz rechten Ecke. Grund genug für eine Autopsie der am 4. Mai veröffentlichten PDFs. Diese Veröffentlichung ist nicht zu verwechseln mit der von 9 Gigabyte von den En marche!-Servern gestohlener Daten, die am Samstag folgte. Hier hat die technische Forensik bereits erste Ergebnisse erbracht, die als Urheber die die … Die mutmaßlichen Macron-Fälschungen weiterlesen

Archive in der Tschechischen Republik

Ein Gastbeitrag von Pavel Holub (Pelhřimov) Das Archivnetz in der Tschechischen Republik besteht gemäß § 42, Teil 5, des Archivgesetzes N. 499/2004 über die Änderung des Gesetzes N. 250/2014 aus Archiven: A) öffentlich B) privat A) Öffentliche Archive 1. Nationalarchiv http://www.nacr.cz/eindex.htm 2. Archiv des Polizeidienstes http://www.abscr.cz/en 3. Staatliche Gebietsarchive Staatliches Gebietsarchiv in Prag http://www.soapraha.cz/ Staatliches Gebietsarchiv in Třeboň http://www.ceskearchivy.cz/de/ Staatliches Gebietsarchiv in Plzeň http://www.soaplzen.cz/de Staatliches Gebietsarchiv in Litoměřice http://www.soalitomerice.cz/de Staatliches Gebietsarchiv in Zámrsk http://vychodoceskearchivy.cz/ Mährisches Landesarchiv in Brno http://www.mza.cz/ Landesarchiv in Opava http://www.archives.cz/zao/index.php 4. Spezialisierte Archive Archiv … Archive in der Tschechischen Republik weiterlesen

Über Entwürfe: Zwei Netzfundstücke

Zwei Fundstücke aus dem 17. und frühen 20. Jahrhundert. Gemeinsam ist ihnen, dass es sich um Entwürfe zu Schreiben handelt, die noch auszufertigen waren. Sie zeigen die charakteristischen Besonderheiten solcher Entstehungsstufen: Revisionen des beabsichtigten Textes und Kanzleivermerke über die Ausfertigung und weitere Behandlung des Schreibens. Michael Kaiser hat vor einigen Tagen im dk-blog eine Miszelle darüber veröffentlicht, wie der bayerische Kurfürst Maximilian I. im Dreißigjährigen Krieg seinem Befehlshaber, dem Grafen Johann Jakob von Bronckhorst-Batenburg, eine Rüge erteilte, weil die Truppen einen verbündeten Reichsstand geschädigt … Über Entwürfe: Zwei Netzfundstücke weiterlesen

Applekunde

Die deutsche Fachliteratur mag suggerieren, man könne Aktenkunde nur an den Akten deutscher — besser noch preußischer — Behörden treiben. Aktenkunde ist aber auch an Akten von Unternehmen möglich. Und an Akten ausländischer Urheber. Also auch an den Akten ausländischer Unternehmen. Zum Beispiel an Akten von Apple, Inc. Mit den formalen Kriterien Meisners (1935) betrieben, ist die Aktenkunde der Wirtschaft eine mission impossible. Schludi (2016) hat im Anschluss an Neuß (1954) deutlich darauf hingewiesen, dass die Nutzung von Schriftgut zur Betriebsorganisation kein von Regeln … Applekunde weiterlesen

Wie bloggen? Auch ein Beitrag zu 5 Jahren Hypotheses

In der Hypotheses-Community wird viel über den Sinn und die Besonderheiten des Bloggens als Form wissenschaftlicher Veröffentlichungen diskutiert. Das ist gut. Was ich vermisse (oder nicht mitbekommen habe), ist eine intensivere Diskussion über das technische Handwerkszeug, abgesehen von einem älteren Beitrag auf Konservativ und einigem zu Zotero auf Archivalia. Ist das ein Manko? Bestimmt denn nicht die Hard- und Software, mit der wir schreiben, entscheidend mit, wie wir schreiben — vielleicht sogar, was wir schreiben? Ich mag die „How I Work“-Kolumne auf Lifehacker und … Wie bloggen? Auch ein Beitrag zu 5 Jahren Hypotheses weiterlesen

Neuer Aufsatz zur monastischen Aktenkunde

In der Welt des Geistes steht die Abkürzung AfD immer noch für das Archiv für Diplomatik, dessen neuer Band (62, 2016) zum Jahreswechsel erschienen ist. Während der Schwerpunkt wieder in den Hilfswissenschaften des Mittelalters liegt, beschließt diesen Band ein hoch interessanter Aufsatz über die Urkunden- und Aktenüberlieferung, die in Klosterarchiven auf das Ablegen der Profess zurückgeht. Schachenmayr, Alkuin Volker (2016): „Die benediktinische Professurkunde und ihre Akten vom 16. bis zum 20. Jahrhundert am Beispiel österreichischer Stifte“. In: AfD. 62, S. 407–431. Der Verfasser, P. Alkuin … Neuer Aufsatz zur monastischen Aktenkunde weiterlesen

Wiener Nachträge III: Assads Geschäftsgang

Das beste Beispiel ist mir natürlich zu spät untergekommen. Auf der IÖG-Jahrestagung wollte ich die gesellschaftliche Relevanz der Aktenkunde aufzeigen, die eben kein verschrobenes Glasperlenspiel nur für den Lesesaal ist. Aber erst jetzt stoße ich auf eine Reportage zur Arbeit der Commission for International Justice and Accountability (CIJA), die mit aktenkundlichen Methoden die direkte Verantwortung des syrischen Präsidenten Assad für Verbrechen der Regierungstruppen im syrischen Bürgerkrieg nachzuweisen will. Die CIJA sammelt als Nichtregierungsorganisation Beweismaterial für Kriegsverbrechen und bereitet es zur Verwendung in Prozessen vor. Der US-Journalist … Wiener Nachträge III: Assads Geschäftsgang weiterlesen

Wiener Nachträge II: Eine Zeichnungsordnung und die Grenzen formaler Erkenntnis

Ich fand es wichtig, auf der IÖG-Jahrestagung zu betonen, dass zeitgeschichtliche Akten häufig nicht aus sich selbst heraus verständlich sind. Sie müssen durch Wissen um die Organisation und Arbeitsweise der Institution, bei der sie geführt wurden, zum Sprechen gebracht werden. Die Lektüre verwaltungsinterner Regulative ist Aktenkundlers täglich trocken Brot. Hier ein Beispiel, das zu alt war für die Zeitstellung der Wiener Tagung: Bismarcks Zeichnungsordnung für das preußische Ministerium der Auswärtigen Angelegenheiten von 1862. Sie zeigt auch die Grenzen einer rein formal ausgerichteten Aktenkunde auf. … Wiener Nachträge II: Eine Zeichnungsordnung und die Grenzen formaler Erkenntnis weiterlesen

Wiener Nachträge I: Das Problem Wikileaks

In meinem Referat auf der IÖG-Jahrestagung hatte ich die Veröffentlichung zehntausender diplomatischer Dokumente durch Wikileaks im Jahre 2010 als Beispiel genommen, dass die Aktenkunde nicht nur im Archiv zuhause ist — und wo die Schwierigkeit bei Material liegen, das aus dem Zusammenhang gerissen ist. Jetzt, vier Wochen später, liefert Wikileaks dafür auch ein heimisches Beispiel: Akten von … ja von wem eigentlich? Sind es überhaupt Akten? Schon 2015 hatte Wikileaks Protokolle des NSA-Untersuchungssausschusses des Deutschen Bundestages kompromittiert. Jetzt wurden auch noch 2000 per Beweisbeschluss … Wiener Nachträge I: Das Problem Wikileaks weiterlesen

Gesammelte Aufsätze von Lorenz Beck erschienen

Im Sommer hatte ich hier die Gedenkschrift Beck angekündigt. Nun liegt das Buch vor. Es dokumentiert die ganze Breite des Schaffens des 2013 verstorbenen Historikers und Archivars Lorenz Friedrich Beck. Neben der Landesgeschichte Mitteldeutschlands und Studien zu den Hilfswissenschaften des Mittelalters zählte dazu die Aktenkunde. Der Band enthält drei Aufsätze, die es lohnt (wieder) zu entdecken. Als einer seiner ersten Arbeiten überhaupt veröffentlichte Beck 1997 Geschäftsverteilung, Bearbeitungsgänge und Aktenstilformen in der Kurmärkischen und in der Neumärkischen Kriegs- und Domänenkammer, eine wertvolle Spezialstudie zu einer … Gesammelte Aufsätze von Lorenz Beck erschienen weiterlesen

Literaturanzeige: Verwaltung und Schriftgut der Diözese Budweis in josephinischer Zeit

Ein Gastbeitrag von Pavel Holub (Pelhřimov) Lenka Martínková, Die Diözese Budweis 1785-1813. Ein Beitrag zu Organisation, Verwaltung, Schriftgut und Geistlichkeit der Diözese in josephinischer Zeit, Pelhřimov 2011. 308 S., 200 Kč (8 €). ISBN 978-80-7415-064-7. Die Zahl der Beiträge zur Diplomatik (Aktenkunde) des 18. und 19. Jahrhunderts wurde in letzten Jahren in der Tschechischen Republik erhöht. Sehr wichtig in diesem Sinne sind zwei Bücher von Lenka Martínková (Die Diözese Budweis 1785-1813. Ein Beitrag zu Organisation, Verwaltung, Schriftgut und Geistlichkeit der Diözese in josephinischer Zeit) … Literaturanzeige: Verwaltung und Schriftgut der Diözese Budweis in josephinischer Zeit weiterlesen

Retrospektive zu #IOeG2016

Zurück aus Wien, schaue ich derart zufrieden auf die Jahrestagung des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung zurück wie bisher auf kaum keine Konferenz. Das begann bei dem ausgezeichneten Rahmen, den die überaus zuvorkommenden Gastgeber gezimmert hatten. Umso besser konnte man sich vom kurzatmigen Diskurs der Archivpraxis zurücklehnen und Grundsätzliches einmal grundsätzlich betrachten. Ich beschränke mich hier auf Aktenkundliches im engeren Sinne, obwohl der Ertrag der Tagung weit darüber hinausging. Ich habe viel zu Macht, Schriftlichkeit und Akten gelernt. Von Patrick Joyce und seiner Darstellung der … Retrospektive zu #IOeG2016 weiterlesen

#IOeg2016: Die Aktenkunde-Sektion rückt näher

Am 9. November beginnt die Jahrestagung des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung mit einer Sektion zur Akten- und Archivalienkunde. Thomas Stockinger hat heute auf Twitter durchgegeben, dass alle vier Abstracts nunmehr im BIÖG online sind: Elisabeth Kata zur Archivalienkunde Neuer Sozialer Bewegungen, Heather MacNeil zu vertrauenswürdiger digitaler Überlieferung, Robert Kretzschmar zu den Bedingungen und Perspektiven archivalischer Quellenkunde heute, und ich zur Methodik der Aktenkunde von Akten der Zeitgeschichte. Ich bin sehr gespannt und freue mich auf die Sektion wie auf die ganze Tagung: Das Oberthema ist … #IOeg2016: Die Aktenkunde-Sektion rückt näher weiterlesen

„Reichsbürger“ und Aktenfälscher

Vor über zwei Jahren habe ich hier einen Beitrag zur sogenannten „Kanzlerakte“ veröffentlicht, einer extrem kruden Fälschung, die beweisen soll, dass die Bundesrepublik nicht souverän sei. Nicht mal das einschlägig berüchtigte Compact-Magazin hält diesen Wisch für echt. Jetzt haben die „Reichsbürger“ offenbar die Kommentarfunktion entdeckt und mir auch noch eine böse E-Mail geschickt. Normalerweise hätte ich den Quatsch einfach gelöscht; nach dem hinterhältigen Mord eines „Reichsbürgers“ an einem Polizisten in Bayern möchte ich dem Publikum  aber weder die Kommentare vorenthalten noch die folgende Mail: … „Reichsbürger“ und Aktenfälscher weiterlesen

Aktenkunde und Transparenz: Drei wichtige Aufsätze online

In diesem Blog mache ich sporadisch auf ältere Literatur aufmerksam, die nach meiner Ansicht eine breitere Rezeption verdient hätte. In Vorbereitung auf die Jahrestagung des IÖG im November bin ich einmal mehr auf drei Aufsätze gestoßen, die 2000 im selben Sammelband veröffentlicht wurden und in der Zusammenschau Gegenstand wie Kontext der Aktenkunde treffender umschreiben als manches Lehrbuch. Und alle drei stehen mittlerweile online. Der Sammelband ist aus einem Kolloquium der Archivschule hervorgegangen, das dem Zugang der Öffentlichkeit zu Verwaltungsinformationen (in Form von Akten) als … Aktenkunde und Transparenz: Drei wichtige Aufsätze online weiterlesen

Moderne Aktenkunde erschienen

Der hier bereits angekündigte Sammelband „Moderne Aktenkunde“ ist jetzt in den Veröffentlichungen der Archivschule erschienen. Was lange währt… Der Band (Berwinkel, Kretzschmar, Uhde 2016) vereint Beiträge zur traditionellen, auf Schriftstücke konzentrierten Aktenkunde als Historischer Hilfswissenschaft mit solchen, die archivwissenschaftliche und informationstechnische Ansätze einbringen. „Modern“ soll an dieser Zusammenstellung nach dem Willen der Herausgeber zum einen der Gegenstand sein, nämlich Schriftgut des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart, aber ebenso die Berücksichtigung von Alternativen zur Methodologie Heinrich Otto Meisners. Dass dabei auch Ansichten vorgebracht werden, die … Moderne Aktenkunde erschienen weiterlesen

Sächsische Gerichtsbücher: Aufsätze zum Download

Letzten Freitag ging das Portal Sächsische Gerichtsbücher online. Darin sind fast 23 000 Amtsbücher über Handlungen der Freiwilligen Gerichtsbarkeit vom 14. Jh. bis 1856 erschlossen. Die Projektpartner Sächsisches Staatsarchiv und Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde haben eine erstklassige Ressource bereitgestellt. Die Auswertung der darin nachgewiesenen Archivalien bleibt eine Aufgabe, die Forschern  besondere Expertise abfordert. Über die Freischaltung im Rahmen eines Kolloquiums am Staatsarchiv Leipzig wurde am Wochenende bereits berichtet, z. B. bei Archive 2.0 und Digitale Geschichtswissenschaft. Sie krönt jahrzehntelange Bemühungen um eine … Sächsische Gerichtsbücher: Aufsätze zum Download weiterlesen

Tagungsankündigung zu Rotuli

An der Universität Wuppertal findet vom 21. bis zum 23. September eine Tagung zu Rotuli statt. Das Programm ist umfangreich und interessant (via H-Soz-Kult und Archivalia). Ein Rotulus ist eine Schriftrolle, die der pragmatischen (nicht also der literarischen) Schriftlichkeit diente. Für literarische Texte hatte das Buch (der Kodex) in der Merowingerzeit die antike Schriftrolle abgelöst. In Gebrauch blieb die Rolle zunächst für liturgische Zwecke. Mit der Entstehung fester Strukturen, die man als „Verwaltung“ bezeichnen kann, wurde der Rotulus im Hochmittelalter aber auch für administrative … Tagungsankündigung zu Rotuli weiterlesen

Akten sind bunt: Farbstifte und ihr Wert für die Archivarbeit

Die Archivarbeit mit Akten ist ein trockenes Brot. Man freut sich über historische Erkenntnis und stöhnt über das triste Bild auf dem Arbeitstisch, sei es braune Eisen-Gallus-Tinte auf blassblauem Konzeptpapier, sei es ein bläulicher Matrizenabzug auf gebräuntem Holzschliffpapier. Davon 30 Aktenbände, und nicht nur der Anfänger wünscht sich ein bisschen Farbe. Die kam im 20. Jahrhundert und glücklicherweise in einer Funktion, die großen quellenkritischen Nutzen stiftete: Farbstifte, deren Gebrauch den Entscheidungsträgern vorbehalten war. Ein typisch deutsches System? Bei der aktenkundlichen Analyse geht es ja … Akten sind bunt: Farbstifte und ihr Wert für die Archivarbeit weiterlesen

Der Kurfürst lässt stempeln: Innovative Beglaubigung in Sachsen (16. Jh.)

Die Vertretung der eigenhändigen Unterschrift des Herrschers durch eine gestempelte Nachahmung ist seit dem späten Mittelalter bekannt. Das Sächsische Staatsarchiv hat ein besonders interessantes Beispiel ins Netz gestellt. Meisner (1969, S. 242 f.) und Hochedlinger (2009, S. 160 f.) kennen unter Bezeichnungen wie „Lugkerl“ Namensstempel der römisch-deutschen Kaiser seit Friedrich III. oder zumindest seit Maximilian I. Die eigenhändige Unterschrift (oder Subscripsi-Zeile) hatte sich gerade erst allgemein als Beglaubigungsmittel durchgesetzt, da wurde die Zahl der unterzeichnenden Schriftstück so groß, dass der Fürst zu diesem offenkundig … Der Kurfürst lässt stempeln: Innovative Beglaubigung in Sachsen (16. Jh.) weiterlesen

Gedenkschrift für Lorenz Beck zur Subskription offen

Ende 2013 verstarb der Berliner Archivar Lorenz Beck, der wie kein zweiter prädestiniert gewesen wäre, die Aktenkunde in die Gegenwart fortzuschreiben. Sein völlig überraschender Tod wurde auch hier vermeldet. Kollegen und Weggefährten werden nun eine Gedenkschrift herausbringen. Der von Peter Bahl herausgegebene Band „Landesgeschichte und historische Hilfswissenschaften“ wird ausgewählte Aufsätze von Lorenz Beck enthalten, darunter auch aktenkundlich grundlegende Studien. Hier das Inhaltsverzeichnis: Professor Hempel machte mich freundlicherweise darauf aufmerksam, dass der Band demnächst erscheinen wird. Wer (wie ich) auf diese Weise Lorenz Beck ein … Gedenkschrift für Lorenz Beck zur Subskription offen weiterlesen

Beruf: Dokumentenprüfer

„Der Moment der Wahrheit“ mit Cate Blanchett und Robert Redford in den Hauptrollen ist ein grandioser Film. Er wird wohl nicht mehr allzu lang in den deutschen Kinos laufen. Wer ihn noch nicht gesehen hat und sich für Aktenkunde interessiert, für zeitgeschichtliche zumal, sollte ihn gesehen haben. Bild: Leutnant Bush bei der Nationalgarde von Texas, Public Domain, https://en.wikipedia.org/wiki/File:GW-Bush-in-uniform.jpg Der Film erzählt die wahre Geschichte des Medienskandals um die „Killian-Papiere“ aus dem US-Präsidentschaftswahlkampf von 2004. Das waren angebliche Schreiben und Aktenvermerke eines Staffelkommodores der Nationalgarde … Beruf: Dokumentenprüfer weiterlesen

Französische Aktenkunde

„Französische“ Unterlagen in deutschen Archiven sind ein interessanter Sonderfall für die Aktenkunde. Dabei muss unterschieden werden zwischen Schriftstücken in französischer Sprache, die vor allem aus der Diplomatie und der fürstlichen Standeskorrespondenz stammen, und echt französischem Verwaltungsschriftgut aus der Zeit Napoleons. Wer sich damit beschäftigen muss oder möchte (es hat seinen Reiz), findet hier eine bibliografische Orientierung. Handbücher und Tafelwerke Mit Stüber/Trumpp (1992) gibt es eine sehr gute Einführung in die Gesamtüberlieferung französischer Archivalien von hugenottischen Kirchengemeinden bis zur Alliierten Hohen Kommission nach dem Zweiten … Französische Aktenkunde weiterlesen

Moderne Aktenkunde in Sicht

Dass ich den letzten sechs Wochen an dieser Stelle nichts veröffentlicht habe, lag an der Vorbereitung für einen Workshop an der Archivschule in Marburg, der am 9. und 10. Mai schließlich stattfand. Dieser Workshop diente dem Austausch über Grundfragen der Aktenkunde zeitgenössischer Unterlagen und ganz konkret der Vorbereitung einer Aufsatzsammlung, die im Herbst 2016 erscheinen soll: Moderne Aktenkunde Das Buch hat eine lange Vorgeschichte, die symptomatisch ist für die prekäre Lage der Aktenkunde als Historischer Hilfswissenschaft: 2007 gab ein Kolloquium an der Archivschule den … Moderne Aktenkunde in Sicht weiterlesen

Universitäre Pressemitteilung – aktenkundlich gesehen

Karsten Kühnel stellt im Bayreuther Uni-Blog eine tiefgehende Analyse der ersten Pressemitteilung dieser Universitätsgründung der Siebzigerjahre vor (via VdA-Blog). Das ist ihm im engeren hilfswissenschaftlichen Sinne ebenso hervorragend gelungen wie in den Bezügen zur inhaltlichen Quellenkunde (das „Genre“ der Pressemitteilung) und zur Archivwissenschaft: Man beachte, welcher Erkenntnisgewinn sich aus dem schlichten, aktenkundlich gewonnenen Befund ziehen lässt, dass dieses Stück Papier einmal umgeheftet wurde. Alles weitere lese man am angegebenen Ort. Hier sei nur noch erwähnt, dass das Stück formal dem Typ des Konzepts in … Universitäre Pressemitteilung – aktenkundlich gesehen weiterlesen

Forschungsgeschichte der Aktenkunde V: Stand und Desiderate (Schluss der Serie)

Der letzte Teil der Serie hat auf sich warten lassen. Es fällt schwer, bereits zu historisieren, was nun zu besprechen bleibt. Dieser Teil ist auch ein Ausblick, wohin die Reise gehen kann. Michael Hochedlinger: Höhe- und Endpunkt der Klassik Ist Preußen wegen der legendären Vorzüge seiner Aktenführung das prädestinierte Referenzmodell der Aktenkunde oder wurde das Fach einfach nur maßgeblich von preußischen Archivaren geprägt? Ein umfassende außerpreußische Aktenkunde blieb jedenfalls lange ein Desiderat. Michael Hochedlinger (* 1967), Archivar am Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv, hat … Forschungsgeschichte der Aktenkunde V: Stand und Desiderate (Schluss der Serie) weiterlesen

Aktenkunde extrem — zur Diskussion um den Erkenntniswert von Originaldokumenten

Ein Gastbeitrag von Harald Rösler Ähnlich der feinsten Feinheit des „Kniffs“, an dem man erkennen kann, ob ein Telegramm dem Kaiser vorgelegen hat oder nicht (vgl. Meyer 1920), kann ein Umlaufzettelchen Informationen enthalten, die sich nur einem intimen Kenner der Organisationseinheit erschließen. Es sei dahingestellt, ob diese Informationen später einmal bedeutend sein werden — allein, sie zu kennen, macht einen Teil des Reizes historischer Forschungsarbeit aus. Hier hängt so ein Umlaufzettelchen an einer Ausgabe der Neuen Juristischen Wochenschrift. Das ist anhand der Umschlagfarbe nur … Aktenkunde extrem — zur Diskussion um den Erkenntniswert von Originaldokumenten weiterlesen

So wird’s gemacht: Aktenkundliche Kritik einer modernen Stadtrechtsverleihung

Dieses Blog will auch verdeutlichen, dass Aktenkunde keine Trockenübung ist, sondern tatsächlich etwas bringt. Ein ausgezeichnetes Beispiel für methodisches Vorgehen und historische Erkenntnisstiftung hat jüngst der Stadtarchivar von Greven, Dr. Stefan Schröder, veröffentlicht. Greven liegt im Landkreis Steinfurt in Nordrhein-Westfalen. Stefan Schröder leitet das Grevener Stadtarchiv, das eine auf den 22. November 1949 ausgestellte Urkunde des nordrhein-westfälischen Innenministers für die Verleihung des Stadtrechts verwahrt – als solche wurde dieses Schriftstück bislang zumindest aufgefasst. In seinem Aufsatz analysiert Schröder (2014/2015) die Akten des Düsseldorfer Innenministeriums … So wird’s gemacht: Aktenkundliche Kritik einer modernen Stadtrechtsverleihung weiterlesen

Crash-Kurse in den Historischen Hilfswissenschaften?

Im Netz läuft eine lebhafte und ergiebige Debatte über die Lage der Historischen Grundwissenschaften (ich halte es mit der traditionellen Bezeichnung “Hilfswissenschaften”). Aktuell geht es um die Möglichkeiten und Grenzen von Sommerkursen als Ersatz für die selten gewordenen regulären Lehrveranstaltungen. Kristin Zech hat im Mittelalter-Blog mit guten Gründen eine Lanze für die Sommerkurse gebrochen. Etienne Doublier, Andreas Kistner und Vosding vom “Nachwuchsnetzwerk Historische Grundwissenschaften” widersprechen mit anderen guten Gründen am gleichen Ort. Das Nachwuchsnetzwerk hat seit Oktober 2015 ein eigenes Blog, das aber bis … Crash-Kurse in den Historischen Hilfswissenschaften? weiterlesen

Als der Kaiser musste: Eine Unterstreichung und die Schuld am Ersten Weltkrieg

In der Frankfurter Allgemeinen vom 9. Dezember 2015 interpretiert der Historiker Gerd Krumeich eine sattsam bekannte Quelle zur Julikrise 1914 aktenkundlich auf neue Weise. Die Freude über diese prominente Platzierung der Aktenkunde weicht allerdings methodischer Skepsis und am Ende einem Anflug von Ärger. Ein Lehrstück über Bleistiftstriche als Bedeutungsträger und quellenkritische Sorgfalt.   2014 wurden die Feuilletons von einer teilweise absurden “Kriegsschuld 2.0”-Debatte erschüttert: War das Deutsche Reich nun maßgeblich schuld am Ersten Weltkrieg oder nicht? – Eine Historikerschlacht mit verkehrten Fronten, in der … Als der Kaiser musste: Eine Unterstreichung und die Schuld am Ersten Weltkrieg weiterlesen

Buchanzeige: Bürokunde von Harald Rösler

Ein Praktiker der Schriftgutverwaltung hat mit wissenschaftlicher Disziplin ein Kompendium der Arbeit mit Akten geschrieben. Auch für Archivare und andere Adepten der Historischen Hilfswissenschaften ist dieses Buch sehr lesenswert. Harald Rösler, Bürokunde und ein Blick ins Archiv, Duisburg: Re di Roma-Verlag 2015, XIV, 272 S., zahlr. Abb., 34,90 €, ISBN 978-3-86870-856-1. Röslers Buch steht zwischen zwei Zeitaltern: der Epoche der Papierakten und des klassischen Geschäftsgangs einerseits, deren Erscheinungsformen und Sinn er vor allem jüngeren Kollegen im Verwaltunsgdienst (nicht nur in der öffentlichen Verwaltung) vermitteln … Buchanzeige: Bürokunde von Harald Rösler weiterlesen