Planet History

Archaeologik

„Frisch ausgegraben“ – Raubgrabungsgut in Hamburg sichergestellt

Jutta Zerres
Die Hamburger Morgenpost meldete am 18.09.2017 die Sicherstellung von Raubgrabungsgut von erheblichem Wert und die Festnahme der Beschuldigten durch die Polizei. Es handelt sich um ein mindestens 2500 Jahre altes goldenes Trinkhorn, einen Goldbecher, eine goldene Gürtelschnalle, eine antike griechische Stele und einen römischen Bronzetorso. Die Objekte stammen vermutlich aus dem Schwarzmeergebiet. Der Goldbecher ähnelt stilistisch einem Exemplar aus dem Schatz von Panagjurischte (Bulgarien) aus dem 4. Jahrhundert v.Chr. 
(CCO via pixabay)
Die Stücke waren 2014 als „frisch ausgegraben“ dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe am Hauptbahnhof zum Kauf angeboten worden. Die Verantwortlichen des Museums informierten die Polizei und ließen sich zum Schein auf wochenlange Verhandlungen um den Preis ein. Nachdem eine Einigung erzielt worden war, vereinbarte man einen Übergabetermin, bei dem die Polizei zwei Männer festnahm und die Objekte sicherstellen konnte. Einer davon war als Antikenhändler gemeldet. Bei weiteren Durchsuchungen in Deutschland und der Schweiz wurden weitere Verdächtige festgesetzt und weitere Funde sichergestellt. Den insgesamt fünf Beschuldigten droht nun eine Anklage wegen gewerbsmäßigem Bandendiebstahl, Hehlerei und Betrug.

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Brandstiftung in römischer Villa

In der Nacht vom 6. zum 7.9.2017 brannte der Schutzbau der spätantiken römischen Villa von Faragola bei Ascoli Satriano in Mittelitalien ab. Seit 2003 hatte die Universität Foggia in der Villa Asgrabungen durchgeführt und dabei im Badegebäude mehrere Mosaiken freigelegt. Diese wurden konserviert und mit einem hölzernen Schutzbau geschützt, der 2009 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Demnächst sollte als dritter Ausbauschritt ein Informationszenter eingerichtet werden.

Bald nach dem Vorfall wurde in den italienischen Medien über einen Brandanschlag spekuliert. Branbeschleuniger oder Sprengstoff soll im Spiel gewesen sein. Über die Hintergründe der Tat und eine Verwicklung der Mafia wird spekuliert, doch sind bisher offenbar keine Untersuchungsergebnisse publik geworden. Der Parlamentsabegordnete Michele Bordo verspricht einen Restaurierung bzw. Rekonstruktion der Fundstelle.

 

Links

zur Fundstelle

3D-Rekonstruktionen

zum Brand

Literatur

  • Giuliano Volpe, Maria Turchiano, La villa tardoantica e l’abitato altomedievale di Faragola (Ascoli Satriano). Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Römische Abteilung, 118, 2012, 455-491.

Die Archäologie hat die Marktkrankheit. Wir tun so, als würden wir Geschäfte machen und werfen die Geschichte weg.

Ende 2016 berichtete der Stockholmer Archäologe Johan Runer in der schwedischen Zeitschrift Populär Arkeologi über die in Schweden bei kommerziellen Grabungsfirmen gängige Praxis, Funde, die aufgrund der engen Finanzkalkulation nicht restauriert werden können, wegzuwerfen oder zu schreddern.
Runer benannte konkret zwei Ausgrabungen in Lund und  Molnby, bei denen Funde wie Kupfermünzen, Knöpfe, Beschläge, ein Messer, ein Blech mit Ornamenten sowie mehrere unidentifizierte Gegenstände weggeworfen worden sein sollen.
Ausgrabungen in Schweden 2013
(Foto: Västgöten [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)
Rettungsgrabungen werden in Schweden – wie in manchen deutschen Bundesländern – mit privaten Gabungsfirmen vorgenommen, die sich mit einem entsprechenden Angebot für den Auftrag bewerben. Je weniger Funde zur Restaurierung vorgesehen sind, um so günstiger lässt sich das Auftragsangebot kalkulieren. 
Allerdings gibt es entsprechende Direktiven, die Funde auszudünnen, bereits von den staatlichen Auftraggebern. Runer schreibt:

„Oft, besonders bei kleineren Untersuchungen, lautet die Anweisung der Landesregierung, so wenig Funde wie möglich aufzuheben. Formulierungen wie „Es werden keine Funde aufgehoben“ oder „Die Fundeinsammlung wird äußerst restriktiv sein“ sind eher die Regel in den Direktiven. Auch bei den größeren Untersuchungen wird wesentlich mehr weggeworfen als früher.“ (Übersetzung: unzensuriert.at)

Das Vorgehen ist unverantwortlich, wenn es auch Situationen gibt, in denen Funde aus praktischen Gründen kassiert werden müssen. Es gibr Situationen auf Grabungen, bei denen Funde in so großer Zahl anfallen, dass letztendlich nicht alles geborgen, gelagert und restauriert werden kann. Das gilt beispielsweise für Dachziegel, bisweulen auch für Nägel oder Grobkeramik. Aber auch dann ist sicherzustellen, dass die Quelleninformationen gesichert werden, etwa durch gezielte Stichproben oder durch eine Kurzaufnahme vor Ort, die in Zeiten der Digitalkamera auch eine rasche fotographische Dokumentation umfassen kann.  Das Problem ist weniger das Wegwerfen als vielmehr das finanzielle Auswahlkriterium. In jedem Fall müssen die Funde in der Grabungsdokumentation erfasst werden, so dass zumindest Kartierungen möglich sind. Nicht jeder Ziegel kann beispielsweise archiviert werden, zumal seine Aussagen eher in der Fundkartierung liegt, die dann wichtige Hinweise auf die Rekonstruktion des Dachs eines Hauses geben kann.
Entscheidend  dürfen letztlich nur wissenschaftliche Fragestellungen sein, eine verantwortungsbewusste Entscheidung ist durch den Grabungsleiter oder erfahrene Wissenschaftler zu treffen, nicht, wie das in Schweden Praxis zu sein scheint, schon am Befund durch die betreffenden, meist eher weniger erfahrenen  Ausgräber.
Auch scheint nach Runers Artikel in den Berichten nicht immer klar kommuniziert zu werden, was denn nun entsorgt worden ist. Immerhin listet der von Runer zitierte Bericht einer Grabung in Lund die weggeworfenen Objekte kurz auf. Insgesamt erinnert die Praxis mehr an ein Vertuschen als an Wissenschaft, die eben situativ reagieren muss und nicht mit standardisierten Abläufen zu leisten ist.
Gegenüber dem Svenska Dagblatt kommentiert Johan Runer:

Wir werfen unsere Geschichte weg! […] Es ist völlig verrückt, aber diese Branche hat die Marktkrankheit bekommen. Wir tun so, als würden wir Geschäfte machen.

Das ist ein Skandal, aber gleichzeitig zeigt der Artikel von Runer, dass die wissenschaftliche Selbstkontrolle prinzipiell funktioniert. Allerdings müssen dann jetzt auch rasch Konsequenzen gezogen werden und die betreffende Praxis abgestellt werden. Dass Runers Artikel kaum Resonanz gefunden hat, ist allerdings bedenklich. In einer Stellungnahme betont das Riksantikvarieämbetet die Priorität der wissenschaftlichen Kriterien. Bei dem zitierten Fall aus Lund seien moderne Gegensände ausgesondert worden (spätes 18. Jahrhundert und jünger [was seinerseits in der Tat noch viel zu wenig diskutierte Fragen nach dem Umgang mit der Neuzeitarchäologie aufwirft]). Inzwischen seien die Verfahren insofern geändert, als die Konservierungskosten bei den Preisangeboten für die Grabungen herausgenommen wurden. Das Problem liegt auch hier in der Nachfinanzierung der Grabungen, die bei einem Verursacherprinzip oft die Auswerungs-, Restaurierungs- und Lagerkosten außer Acht lässt. 

Wasser auf die Mühlen rechter Verschwörungstheoretiker

Natürlich  nutzen einige Kreise diese Nachrichten um gegen professionelle Archäologie Stimmung zu machen. In der European Union Times, einem rechten Propagandaorgan wird der Vorgang als Teil einer Verschwörung dargestellt: „The struggle to erase Swedish history, break down Swedish culture and force the Swedes to assimilate into the multicultural globalist phenomenon is going according to plan.“ Als Quelle wird ein Verweise auf The Daily Westerner News gesetzt, das die Geschichte mit einem Symbolbild mit antisemitischer Symbolik verknüpft.

Links

Welterbe digital in 3D

Zum neuen UNESCO-Welterbe im Lone- und Aachtal mit genauen Plänen der Schutzzonen, die die zugehörigen Höhlen zeigen:

  • S. M. Heidenreich/C. Meister/C.-J. Kind, Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb. Das erste altsteinzeitliche UNESCO Weltkulturerbe in Deutschland. Denkmalpfl. Bad.-Württ. 47, 3, 2017, 162–169. – DOI: http://dx.doi.org/10.11588/nbdpfbw.2017.3.40621

Bemerkenswert ist der Abschnitt zum Monitoring, das regelmäßige 3D-Scans der Höhlen vorsieht, wodurch Veränderungen genau dokumentiert werden können. 

Aufgrund der umfassenden dreidimensionalen Dokumentation von sowohl Höhlen als auch Kunstobjekten entsteht schließlich ein umfangreiches 3-D-Archiv der Welterbestätte. Zählt man noch die bereits vorliegenden LiDAR-Daten der landesweiten Landschaftserfassung mittels luftgestütztem Laserscanning hinzu (LiDAR = Light Detection And Ranging), liegt eine digitale, drei-dimensionale Dokumentation eines gesamten archäologischen Welterbes vor. Diese beinhaltet sowohl die Stätte, bestehend aus Höhlen und umliegender Landschaft, als auch die darin gefundenen weltweit einzigartigen mobilen Kunstobjekte.

Die 3D-Modelle auf der Homepage der Denkmalpflege Baden-Württemberg auch zum Download:

Kulturgut in Syrien und Irak (August 2017)

Daesh wird weiter zurückgedrängt und hat seine direkten Verbindungen zur türkischen Grenze verloren.
Damit ist für Daesh auch der direkte Handelsweg von Antiken unterbrochen, der in den frühen Jahren des Bürgerkriegs in Syrien immer wieder dokumentiert werden konnte, freilich ohne dass das Plünderungsgut nur von Daesh gekommen ist.
In der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt blieb die Tatsache, dass sich Daesh nahe der syrischen Grenze auch im Libanon festgesetzt hat. Er hält Gebiete am Rand der Grenzstädte Ras Baalbek (nicht zu verwechseln mit dem archäologisch bedeutenden Baalbek) und Al-Kaa. Die libanesische Armee hat nun eine Offensive gestartet, um Daesh hier zu vertreiben. 

 Allgemeinere Medienberichte

Antikenmarkt

    Schadensberichte

    Mossul

    Raqqa

    Aleppo

    Resafa

    Rettung syrischer Manuskripte

        Verfolgung und Ermittlung geplünderter archäologischer Funde

        Britische Experten fordern ein Gremium, das gezielt den Verbleib und die Provenienzen archäologischer Funde aus Syrien und Irak ermittelt

        Gleichzeitig gibt es aber Bestrebungen die Abteilung bei Scotland Yard zu schleßen, die für Kunst- und Antikendelikte zuständig ist. Drei Beamte wurden für die Ermittlungen zum Brand des Grenfell Tower abgezogen. Dass damit die ganze Abteilung auf dem Spiel steht, zeigt den geringen Stellenwert, der der Kunst- und Antikenkriminalität eingeräumt wird..

        Rashid International

        RASHID International e.V. ist ein weltweites Netzwerk von Archäologen und Denkmalschützern, die sich der Rettung des archäologischen Erbes im Irak verschireben haben. Der Verein ist in Deutschland mit Sitz an der Universität München eingetragen.
        neue Website:

        auf facebook: https://www.facebook.com/rashid.international/

        Links

        frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

        Dank an diverse Kollegen für Hinweise.

        Die Maske fällt im Oberlandesgericht München: kein gutgläubiger Erwerb ohne Provenienznachweis

        Schon 1997 hatte die Staatsanwaltschaft in München im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens wegen des Verdachts der Hehlerei im Keller eines „Archäologen und Kunstsammlers“ nebst zahlreichen zypriotischen kirchlichen Kunstobjekten eine Goldmaske aus Peru sichergestellt. Mit einem Urteil des Oberlandesgericht in München wurde entschieden, dass die zypriotichen Objekte mit einem geschätzen Wert von 10 Mio. Euro, wie von der Republik Zypern eingeklagt, restituiert wurden.

        Auch der Staat Peru hat auf Herausgabe der Goldmaske geklagt.
        Dort wurde bis 2004 ein Ermittlungsverfahren gegen Sammler wegen des Verdachts von Straftaten gegen das Gesetz zum Schutze des nationalen Kulturerbes durchgeführt. Ein Strafgericht in Lima erließ  im Dezember 1998 deswegen sogar einen Haftbefehl. Peru beschuldigte den Sammler vermutlich im Jahr 1997 illegale Ausgrabungen finanziert und die dabei gefundene Goldmaske außer Landes geschmuggelt zu haben. Peru versuchte zunächst über ein Rechtshilfegesuch an die deutschen Behörden die Goldmaske als Beweismittel für das Strafverfahren zu erhalten. Das OLG München gab dem 2004 statt, doch blockierte das Auswärtige Amt die „endgültige – über eine zeitlich begrenzte Herausgabe zu Beweiszwecken gegen Sicherheitsleistung hinausgehende – Herausgabe der Goldmaske“. 2006 klagte Peru zivilrechtlich gegen den Sammler auf Herausgabe der Maske.
        Die Maske datiert in die mittlere Periode der Sicán Kultur (900 bis 1200 n.Chr.) und stammt als Totenmaske wahrscheinlich aus einem Grab im Norden Perus. Eine ähnliche Maske wurde 1991 bei legalen Grabungen  im Areal des sog. „Historischen Heiligtums Bosque de Pomac“ (auch als „Areal Batán Grande“ bezeichnet) in der Region Poma im Departement Lambayeque gefunden. Die goldenen Begräbnismasken sind ein besonderes Kennzeichen der prä-inka-zeitlichen Sicán-Kultur. Durch ein Fachgutachten und eine archäometrische Untersuchung des Goldes ließ das Gericht die Echtheit der Maske bestätigen. Die Sachverständige legte dar, „dass der Sicán-Stil ausschließlich in der Region Lambayeque der nördlichen Küstenregion [Perus] vorkommt. Die Goldmasken fanden dort ausschließlich bei der Bestattung von Angehörigen der herrschenden Elite, den sog. „Herren von Sicán“, Verwendung. Die Leichname dieser Verstorbenen wurden zur Bestattung in Tücher eingeschnürt und bestattet. Die Masken wurden auf die äußerste Tücherschicht aufgenäht.“

        Grabmaske der Sicán-Kultur im Museum von Sicán
        (Foto: Sican123 [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)
        In Peru ist der Export von Antiken seit 1822 staatlicher Kontrolle unterworfen, seit 1921 strikt verboten, der Privatbesitz hat seit einem entsprechenden Antikengesetz von 1929 registriert zu sein. Seit 1979 hat die Sicherung des nationalen Kulturgutes sogar Verfassungsrang. Peru argumentiert, dass sie auf dieser Rechtgrundlage (wie auch als Rechtsnachfolger der Herrscher der Sicán-Kultur) das Eigentumsrecht an der Maske habe.
        Demgegenüber argumentierte der Rechtsanwalt des Sammlers, dass dieser aufgrund eines legalen rechtsgeschäftlichen Erwerbs, bzw. gutgläubigen Erwerbs rechtmäßiger Eigentümer der Maske sei.  Die Maske habe er gemäß § 937 BGB ersessen, da sie seit 1987 in seinem Besitz sei.

        Bürgerliches Gesetzbuch (BGB)

        § 932
        Gutgläubiger Erwerb vom Nichtberechtigten

        (1) Durch eine nach § 929 erfolgte Veräußerung wird der Erwerber auch dann Eigentümer, wenn die Sache nicht dem Veräußerer gehört, es sei denn, dass er zu der Zeit, zu der er nach diesen Vorschriften das Eigentum erwerben würde, nicht in gutem Glauben ist. In dem Falle des § 929 Satz 2 gilt dies jedoch nur dann, wenn der Erwerber den Besitz von dem Veräußerer erlangt hatte.
        (2) Der Erwerber ist nicht in gutem Glauben, wenn ihm bekannt oder infolge grober Fahrlässigkeit unbekannt ist, dass die Sache nicht dem Veräußerer gehört.

        § 937
        Voraussetzungen, Ausschluss bei Kenntnis

        (1) Wer eine bewegliche Sache zehn Jahre im Eigenbesitz hat, erwirbt das Eigentum (Ersitzung).

        (2) Die Ersitzung ist ausgeschlossen, wenn der Erwerber bei dem Erwerb des Eigenbesitzes nicht in gutem Glauben ist oder wenn er später erfährt, dass ihm das Eigentum nicht zusteht.

        Im Laufe des Verfahrens gab der Sammler jedoch unterschiedliche Darstellungen zur Erwerbsgeschichte. Zunächst behauptete er, die Maske 1987 in Deutschland in einem renommierten Antiquitätenhaus käuflich erworben zu haben. Rechnungen, Belege und Zolldokumente seien aber bei der Hausdurchsuchung vom Bayerischen Landeskriminalamt beschlagnahmt worden und anschließend verschwunden. Den Namen eines Zeugen für die Existenz der Belege wollte er nicht nennen. Später sagte der Sammler aus, die Maske zum ersten Mal Anfang der 1980er Jahre  bei einer Ausstellung im Palais Royal in Paris gesehen zu haben. Die Maske sei dann auch in den Räumen eines Auktionshauses ausgestellt gewesen, mit dessen Vermittlung er die Maske schon zwischen 1980 und 1982 von einem ihm unbekannten Dritten zu einem Kaufpreis, inklusive Vermittlungsprovision, von ca. 33.000 bis 35.000 DM gekauft habe. Ein schriftlicher Kaufvertrag sei seinerzeit nicht geschlossen worden, da sich auf dem betreffenden Kunstmarkt alle kennen würden und man sich gegenseitig vertraue.
        Im übrigen bestritt der Sammler, dass die Goldmaske tatsächlich aus Peru stamme, da solche Grabbeigaben auch in anderen südamerikanischen Ländern, z.B. in Kolumbien, Mexiko und Peru gebräuchlich gewesen seien. Das Alter der Maske und die Ähnlichkeit mit Funden aus Peru sei dem Beklagten nicht bekannt gewesen. Peruanisches Recht sei irrelevant, da der Erwerb in Deutschland erfolgt sei.
        Das Gericht urteilte Ende 2016, dass die Maske tatsächlich im Eigentum des Staates Peru sei und zurück zu geben sei. Mangels glaubhafter Darstellung des Erwerbs der Maske durch den Sammler, könne er sich weder auf einen gutgläubigen Erwerb der Maske noch auf ein Ersitzen des Objektes berufen. Die Gesetzeslage in Peru hätte bekannt sein können.
        Das Urteil ist insofern bemerkenswert, weil der Käufer von Antiken konkret darlegen muss, wie der Eigentumsverlust des Herkunftsstaates erfolgt ist. Über den konkreten Fall mit Peru hinaus ist das deshalb bedeutend, weil auch im Vorderen Orient archäologische Funde schon seit dem 19. Jahrhundert ohne Papiere nicht legal exportiert werden konnten. Angesichts dieser Gesetzeslage kann kein Käufer einen gutgläubigen Erwerb tätigen ohne dass handfeste Provenienznachweise vorliegen.

        Link

        Urteil des Landgerichts München vom 15.12.2016 :

        Große Enttäuschung für ein Mädchen, kleine Blamage für den Staatschef

        Israels Regierungschef Netanjahu  hat in seinem facebook-Profil bemerkenswert viele archäologische Bezüge, die  letztlich zeigen, wie politisiert das Fach in Israel ist. Jetzt ist er mit solch einem facebook-Post (inzwischen offenbar gelöscht) auf eine Replik hereingefallen.
        Ein 8 oder 9-jähriges Mädchen hatte bei einer jüdischen Siedlung im besetzten Westjordanland eine antike Münze gefunden, die in der Presse, aber auch von Netanjahu sofort mit politischen Deutungen versehen wurden, die die israelische Siedlungspolitik rechtfertigen sollen.

        „After all that we went through recently, the discovery is very interesting because the Romans wanted to kill us, but we came back here, and this year we will be celebrating the 40th anniversary of the settlement of Neveh Tzuf,“ (Prof. Zohar Amar).

        „Eine 2000 Jahre alte Silbermünze, die während der Zweiten Tempelperiode als Halb-Shekel im Umlauf war, wurde jüngst in Neve Tzuf, in der Region Binyamin gefunden. Diese aufregende Entdeckung ist ein zusätzlicher Beweis für die tiefgehende Verbindung des Volks von Israel und seinem Land – zu Jerusalem, zu unserem Tempel und zu den Gemeinschaften in Judäa und Samaria.“  (Benjamin Netanyahu, übersetzt)

        Dumm nur, dass es sich bei der vermeintlichen Münze um eine Prägung aus dem Kinderprogramm des Israel Museum in Jerusalem handelt – abgesehen davon, dass solche Deutungen auch bei einer echten Münze Unsinn blieben.

        Externstein-Fantasien

        Externsteine 1977
        (Foto: S. Schreg)
        Die uralten Fantasien von einer germanischen Kultstätte sind trotz gegenteiliger wissenschaftlicher Ergebnisse beliebter Gegenstand einer Para-Archäologie. Eine Rezension im Blog des Archäologischen Freilichtmuseums Oerlinghausen zeigt, dass völkische Forschungstraditionen lange nach der NS-Zeit weiterleben:

        Eine mumifizierte Leiche legitimiert Antikenauktion

        Irgendwann Ende 2016/Anfang 2017 wurde eine Wohnung in Frankfurt durch die Polizei geöffnet. Der Mieter, ein Hartz-IV-Empfänger und früher wohl als Archäologe tätig, hatte seit langer Zeit keine Miete mehr bezahlt und wurde über Monate nicht mehr gesehen. In der Wohnung „türmten sich die Bücher, Unterlagen und Sammelgegenstände derart auf, dass man kaum mehr hindurchgehen konnte und der Boden der Wohnung einzubrechen drohte. Selbst das Badezimmer war so vollgestellt, dass der Bewohner es nicht mehr benutzen konnte und deshalb in eine Flasche uriniert haben soll.“ In all dem Chaos lag die fast schon mumifizierte Leiche des Bewohners.
        Ein Artikel der FAZ vom 12.6.2017 greift die Geschichte auf, denn der Nachlass des Mannes, der keine Erben hat, wurde letztlich nicht weggeworfen, sondern von der öffentlich bestellten Nachlaßverwalterin zur Versteigerung an ein Auktionshaus gegeben und brachte überraschend hohe Summen. „Nachlass von Hartz IV-Empfänger bringt 200000 Euro ein“ titelt denn auch die FAZ und übersieht damit den eigentlichen Skandal, der in der Geschichte steckt.
        FAZ 12.6.2017

        Bei den überraschend wertvollen versteigerten Objekten handelt es sich laut Zeitung um altägyptische Statuen, der online-Katalog  des Auktionshauses gab die Provenienz neben dem Namen des Verstorbenen als ägyptisch-mesopotamische Privatsammlung in Frankfurt an. Im Katalog standen neben archäologischen Funden aus Ägypten auch  Objekte aus Mesopotamien, wohl aus Syrien und dem Irak. Unter den Funden befinden sich aber auch eine chinesische Tierfigur aus Stein; mehrere Keramikgefäße und Tonfiguren aus Mittel- und Südamerika, aber auch eine wohl aus Nordfrankreich stammende Engelsfigur aus Sandstein.
        Der amtlich bestellten Nachlassverwalterin war vorgeschlagen worden, die Funde an ein Museum zu geben. Stattdessen aber beteiligt sich der Staat am anrüchigen Geschäft des Antikenhandels. Damit unterstützt er den Markt, von dem vor allem Kriminelle und allerhand Terroristen profitieren und den er eigentlich eindämmen sollte und möchte. Denn einerseits fließt Geld in die Taschen von Kriminellen, darunter auch des IS, andererseits werden außenpolitisch Staaten verprellt, deren kulturelles Erbe und Eigentum ungeachtet derer Exportverbote hier verkauft wird und schließlich werden mit jedem Kauf die Hoffnungen der Raubgräber beflügelt, durch die Plünderung von archäologischen Fundstellen Geld zu machen. Im Osmanischen Reich beispielsweise (und seinen vielen Nachfolgestaaten, wie der Türkei, Syrien, Irak, und Jordanien) war der Export archäologischer Funde schon seit dem 19. Jahrhundert verboten und nur mit bürokratischen Ausnahmeerklärungen möglich. Trotz der deutschen Gesetzeslage ist daher eigentliich prinzipiell davon auszugehen, dass die große Mehrzahl der Funde auch der Frankfurter Messie-Sammlung illegal exportiert und wohl auch illegal ausgegraben worden sind. In der Tat ist nirgendwo von klärenden Papieren die Rede, die zeigen, wo die Funde erworben worden sind.
        So hat laut FAZ das British Museum die Objekte zwar in Augenschein genommen, sich dann „aber wegen unklarer Export-Rechtsfragen nicht an der Versteigerung beteiligt“. Selbst ein renommiertes Frankfurter Auktionshaus zeigte sich an der Sammlung desinteressiert.

        Das hessische Wissenschaftsministerium aber hat keine Bedenken, Es beruft sich gegenüber dem Deutschlandfunk auf das neue Kulturgutschutzgesetz:

        „Paragraf 32 Kulturgutschutzgesetz regelt, unter welchen Umständen die Einfuhr von Kulturgut nach Deutschland als unrechtmäßig anzusehen ist. Die Regelung gilt für alle Einfuhren ab dem Zeitpunkt des Inkrafttretens des Gesetzes am 6. August 2016. Im vorliegenden Falle sprechen die Fundumstände jedoch eindeutig dafür, dass sich die Objekte bereits lange Zeit vor diesem Datum in der Wohnung des Verstorbenen befanden. Somit ist nicht von einer unrechtmäßigen Einfuhr im Sinne des Kulturgutschutzgesetzes auszugehen.“

        Die mumifizierte Leiche des Sammlers lag schon seit fast zwei Jahren in der Wohnung…

         Links & Quellen

        Museumsraub in Bergen

        Einbrecher sind an der Fassade hochgeklettert und im 7. Stock in das Museumsgebäude eingestiegen. Rund 300 archäologische Objekte überwiegend aus der Wikingerzeit wurden gestohlen.

        Auf facebook hat das Museum inzwischen eine Bildergalerie einiger der gestohlenen Objekte eingestellt.

         

        (Foto:voteprime [CC BY-NC-SA 2.0] bei flickr)

        Welcome in the Age of Sensing!

        Maurizio Forte/ Stefano R.L. Campana (Hrsg.)

        Digital Methods and Remote Sensing in Archaeology. 
        Archaeology in the Age of Sensing

        Heidelberg: Springer 2016

        ISBN 978-3-319-40658-9

        117,69€, als e-book 91,62€

        Die wichtigsten Fortschritte der Archäologie sind in den vergangenen Jahren der Entwicklung neuer Methoden zu verdanken. Dazu zählen auch die Methoden der Fernerkundung, die unseren Blick auf Kulturlandschaften der Vergangenheit radikal verändert haben. Einerseits sind wir heute in der Lage auch in schwierigem Gelände archäologische Reste besser aufzufinden und auch genauer zu dokumentieren. Noch vor wenigen Jahren waren Waldgebiete archäologisch schwierigstes Terrain. Geländeunebenheiten sind hier sehr schwer zu erkennen und eine Vermessung mit herkömmlichem Vermessungsgerät ist zeitaufwändig und relativ ungenau.

        Methoden des Laserscans, sowohl terrestrisch als auch Flugzeug-gestützt erleichtern die Arbeit ganz erheblich. Um diese Methoden geht es im Kern in diesem Buch. Andere Prospektionsmethoden wie werden hingegen eher beiläufig thematisiert (vergl. Lasaponara/ Masini 2012).
        Das erste Kapitel zu Technologien der Datenerschließung konzentriert sich auf das Laserscanning, einmal auf terrerstrische Scans (Nicola Lecari), wie sie vor allem auf der Ebene der einzelnen Fundstellen („intra-scale“) gebräuchlich sind und zum anderen auf airborne laserscans (Rachel Opitz).  Dabei beschreibt der erste Beitrag von Nicola Lercari das terrestrische Laserscan (TLS) im Vergleich mit anderen Verfahren wie der digitalen Fotogrammetrie, die in den vergangenen Jahren dem TLS vielfach den Rang abgelaufen haben. Während wir selbst bei unseren Forschungen vor einigen Jahren auf der Krim zur Vermessung der dortigen Höhlen vor allem mit Laserscannern gearbeitet haben, so kommen nun bei einem aktuellen Projekt in Serbien fotogrammetrische Verfahren zum Einsatz, die vom Gerät und von der Prozessierung effektiver sind.

        Terrestrial laserscanner
        Photoscan-Verfahren
        • hohe Anschaffungskosten sowie laufende Wartungskosten
        • Geräte zunächst sehr empfindlich (z.B. temperaturanfällig), zunehmend robuster
        • zunächst begrenzte Reichweite, jedoch bis 6000 m bei neueren Modellen
        • höhere Detailtreue
        • relativ aufwändige Datenprozessierung
        • mittels handelsüblichen Digitalkameras oder speziellen Sensoren (z.B. Structure Sensor)
        • Droneneinsatz möglich
        • Abhängigkeit von Lichtverhältnissen
        • Prozessierung mittels Structure from Motion (SFM) oder Dense Stereo Matching (DSM)
        • u.a. freie Software 
        • verbreitet online-Datamanagement

        Der Beitrag von Rachel Opitz geht vor allem auf das Airborne Laserscanning (ALS) ein. Hier kam es in den vergangenen Jahren zu erheblichen technischen Verbesserungen einerseits bei der Datenerhebung, als auch bei den Prozessierungsmethoden. Die Klassifizierung der Messpunkte differenziert Reflektionen aus Baumkronen und Gebüsch von denen der Geländeoberfläche. Letztere sind in der Regel last-pulse-Daten, für die jedoch dichtes Gestrüpp oder Geröllfelder eine besondere Herausforderung darstellen. Wichtig für die Forschung ist es, die Geländedaten des ALS mit anderen Beobachtungen zusammenzuführen. Neben den Methoden des GIS ist hier die Möglichkeit von besonderer bedeutung, mittels eines GPS-gestützten Tablets das visualisierte Geländemodell vor Ort nutzen zu können und so vor Ort zu interpretieren und als Dokumentationsgrundlage zu nutzen.

        Zwei Beiträge von S. Curry et al und T.F. Sonnemann behandeln – zusammengefasst als Teil II „Image and Digital Processing“ – anhand von konkreten Forschungsprojekten Fragen der Daten- und Bildprozessierung. Durch die Kombination von TLS und Georadar (GPR), geeicht durch Testgrabungen ist es auf einem Schlachtfeld des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges in North Carolina gelungen, die Geländeoberflächen des späten 18. Jahrhunderts zu rekonstruieren. So konnten Hohlwege und Geländekanten rekosntruiertw erden, die für eine lange Diskussion um das Schlachtgeschehen von Bedeutung sind.
        Auf Hispaniola wurden mittels Dronen erstellte digitale Geländemodelle genutzt, um Erkenntnisse über die präkolumbische Besiedlung im Binnenland zu gewinnen. Feldbegehungen wurden hier mit Lufbildanalysen kombiniert. Bilder aus der Timeline von Google Earth beispielsweise zeigen den kurzfristigen Nutzungswechsel einer Parzelle, auf der Siedlungsspuren seit etwa 600 n.Chr. festgestellt wurden. Das detailliertes Geländemodell zeigt eine Reihe von kleinen Erhebungen, die als Abfallhaufen interpretiert werden. Sie erweisen sich als charakteristisches Element von präkolumbischen Siedlungsplätzen der Region.

         

        Teil III „Landscape Representation and Scales“ ist mit 7 Beiträgen der umfangreichste Teil. Frank Vermeulen berichtet über die Rolle der Fernerkundung für ein holistisches Verständnis antiker Städte im westlichen Mittelmeerraum.  Er zeigt zahlreiche Beispiele für den kombinierten Einsatz verschiedener Methoden. Deren Beitrag ist nicht immer gleich, sondern hängt oft von den Bodenverhältnissen ab. Während in der römischen Stadt Trea eine Georadar-Prospektion überhaupt keine Ergebnisse zeigt, bildet GPR in Mariana auf Korsika die grundlage für eine Grundrissrekonstruktion der Stadtquartiere.
        Stefano Campana wendet sich dem ländlichen Raum zu. Nach der „neuen Welle“ der archäologischen Surveys vor allem im Mittelmeerraum sieht er die aktuellen Projekte mit schnellen geophysikalischen Messsystemen als die dritte Welle archäologischer Surveys. Campana propagiert einen weniger fundstellen- als vielmehr großflächig landschaftsbezogenen Ansatz, wie er sich beispielsweise auch für die Forschungen zum mittelalterlichen Dorf als wesentlich erwiesen hat (Kastowsky-Priglinger u. a. 2013). Als Beispiel dient das Emptyscapes project, das 2014-5 mit Fallstudien in Mittelitalien durchgeführt wurde. Es kombinierte:

        1. traditionelle Ansätze (Literaturerfassung, Archivarbeit, Inschriften, Toponyme, Bildquellen, technische, historische und thematische Karten, geländemorphologie, feldbegehungen und Luftbildarchäologie)
        2. Umweltarchäologische Forschung (geo- und bioarchäologische Analysen)
        3. neue Techniken der geophysikalischen Prospektion (high-precision, high-speed, large-scale) und des LiDAR
        4. „minimalist test-excavation“

        David Cowley untersucht an Beispielen die klassischen Faktoren der Formationsprozesse, die Survey-Daten beeinflussen. Er postuliert, dass auch die neuen Methoden diese Faktoren zu genau zu reflektieren haben.

        Mit einer Fallstudie aus Copan in Honduras reflektiert der Beitrag von Heather Richards-Rissetto u.a. die Rolle von 3D-Visualisierungen. Dabei interessieren sie sich vor allem für die Rekonstruktion der Vegetation, die bei den meisten 3D-Modellen hinter dem Interesse an der Architekturrekonstruktion zurück tritt, für einen sozio-ökologischen Ansatz aber wichtig ist. Sie zeigen eine Methode, samt Workflow and Software, wie Kulturlandschaften auf der Basis von digitalen geländemodelle visualisiert werden können.

        Viewshed-Analysen sind Thema des Beitrages von E. Triplett. Dabei geht es nicht nur um die klassischen Landschaftsanalysen, sondern auch den Architekturraum. Schritt für Schritt zeigt er mögliche Vorgehensweisen. Der folgende Beiträge geht  wieder verstärkt in die Datenerhebung, in dem er die Aussagekraft von Satellitenbildern an einem Beispiel aus Kambodscha aufzeigt.

        Neben solchen technischen Fortschritten, die die Arbeit im Gelände erheblich erleichtern haben die modernen Methoden allerdings auch begonnen, unser Verständnis von Raum zu verändern. Die Analyse-Möglichkeiten der Geographischen Informationssysteme haben dazu beigetragen, dass derzeit ein Paradigmenwechsel stattfindet, weg von Vorstellungen, die Raum vor allem zweidimensional und territorial betrachten hin zu Konzepten, die Raum als Landschaft bzw. Umwelt oder Ökotop begreifen und anstelle von von Territorien eher soziale Netzwerke analysieren (Schreg 2017). Diese Bedeutung thematisieren John K. Millhauser und Christopher T. Morehart anhand eines forschungsgeschichtlichen Blicks nach Mittelamerika. Er weist darauf hin, dass Forschung im Umfeld mesoamerikanischer Kulturen heute ganz besonders in einem sozialen und politischen Kontext statt findet und etwas das Kartographieren bei der indigenen Bevölkerung als ein Herrschaftsinstrument wahrgenommen wird. Die Autoren warnen: „Current technologies of remote sensing, spatial analysis, and visualization provide levels of detail, accuracy, and accessibility in the work of archaeological mapping that are greater than have ever been possible. However, this level of precision can lead to a degree of confidence that is stripped of a responsible recognition of human investigators‘ judgement and imprecision as well as the historical and political context of their investigations.“ (S. 264).

        Teil 4 wendet sich mit vier Beiträgen der „Simulation, Visualization and computing“ zu. Die Beiträge von Maurizo Forte, Bill Seaman und Nicoló Dell’Unto reflektieren über neue Forschungsperspektiven und denken über neue Erkenntniswege nach, die sich aus einer „CyberArchaeology“ ergeben. Schon im Vorwort war formuliert worden: „It is crucial not to consider them [digital technologies] as mere tools to achieve highly impressive and photorealistic reconstructions, but as data repositories and informative vehicles allowing for a more rapid and open dissemination of knowledge“ (S. 482).  Forte und Seaman stellen dementsprechend dem Begriff des remote sensing den des poly sensing gegenüber, da die Vielzahl der Technologien und gedanklichen Zusammenhängen den modernen Methoden eher entspräche. Zugleich bezieht sich sensing mehr auf das Erleben des Forschers oder des Publikums als auf den Vorgang des Datenerhebens. Stärker technisch erscheint demgegenüber der Beitrag von Devin A. White, der die künftigen Möglichkeiten leistungsstarker Computer ins Blickfeld nimmt.

        „Interpretation and Discussion“ ist das Thema von Teil V. Hier finden sich wieder konkrete Feldprojekte, wie die vom LBIArchPro betriebene Forschung zu einer neolithischen Kreisgrabenanlage bei Hornsburg in Österreich. Jakob Kainz zeigt die Bedeutung der Synthese von Prospektion und Ausgrabung. 1982 war die Kreisgrabenanlage Hornburg 1 im Luftbild entdeckt worden und wurde seitdem mit Grabungen vor allem aber mit verschiedenen Prospektionsmethoden untersucht. Vor allem aber wurden die Grabungen mit geophysikalischen Messungen begleitet.
        Willem F. Vletter und Sandra R. Schloen analysieren Kulturlandschaften in Veluwe (Niederlande) und im Leithagebirge (Österreich), die mit ALS dokumentiert wurden. Archäomagnetische und OSL-Datierungen, in begrenztem Umfang auch Radiocarbondatierungen sowie relativchronologische Abfolgen werden genutzt um eine chronologische Differenzierung zu erreichen. Die Syntehse erfolgt mittels OCHRE Data Service, der auch GIS-Funktionalitäten umfasst.  Neben die räumliche Dimension tritt hier nöch die der Zeit: 3D thinking”—or better 4D thinking considered that as archaeologists, we cannot avoid dealing with the chronological dimension“ (S. vi)

        Der abschließende Teil VI („Cultural Resource Management: Communication and Society“) umfasst zwei Beiträge, die sich mit dem praktischen Einsatz digitaler Daten in Museen und Denkmalpflege befassen..

        Der Band bietet einen modernen weit gefassten Blick über verschiedenen Methoden und Ansätze und ist schon deshalb höchst willkommen, da die ganze technische Entwicklung sehr dynamisch und schnell voran geht und es schwierig ist, einen Überblick über aktuelle Trends zu behalten. Archaeologists „readily grasped the idea of its huge potential but did not see how to exploit it“ (S. v). Hier ist der Band außerordentlich hilfreich. Er definiert remote sensing in der Archäologie eher weit:  

        any method that enables observation of the evidence on or beneath the surface of the earth, without impacting on the surviving stratigraphy, can legitimately be included within the ambit of remote sensing“ (S. v)

        Inhaltsverzeichnis

        Part I Data Collection and Technology

        • Nicola Lercari: Terrestrial Laser Scanning in the Age of Sensing. S. 3
        • Rachel Opitz: Airborne Laserscanning in Archaeology: Maturing Methods and Democratizing Applications. S. 35

        Part II Image and Digital Processing

        • Stacy Curry, Roy Stine, Linda Stine, Jerry Nave, Richard Burt and Jacob Turner: Terrestrial Lidar and GPR Investigations into the Third Line of Battle at Guilford Courthouse National Military Park, Guilford County, North Carolina. S. 53
        • Till F. Sonnemann, Eduardo Herrera Malatesta and Corinne L. Hofman: Applying UAS Photogrammetry to Analyze Spatial Patterns of Indigenous Settlement Sites in the Northern Dominican Republic. S. 71

        Part III Landscape Representation and Scales

        • Frank Vermeulen: Towards a Holistic Archaeological Survey Approach for Ancient Cityscapes. S. 91
        • Stefano Campana: Sensing Ruralscapes. Third-Wave Archaeological Survey in the Mediterranean Area. S. 113
        • David C. Cowley: What Do the Patterns Mean? Archaeological Distributions and Bias in Survey Data. S. 147
        • Heather Richards-Rissetto, Shona Sanford-Long and Jack Kirby-Miller: 3D Tool Evaluation and Workflow for an Ecological Approach to Visualizing Ancient Socio-environmental Landscapes. S. 171
        • Edward Triplett: Visualizing Medieval Iberia’s Contested Space Through Multiple Scales of Visibility Analysis. S. 199
        • Kasper Hanus and Emilia Smagur: Pre- and Proto-Historic Anthropogenic Landscape Modifications in Siem Reap Province (Cambodia) as Seen Through Satellite Imagery. S. 229
        • John K. Millhauser and Christopher T. Morehart: The Ambivalence of Maps: A Historical Perspective on Sensing and Representing Space in Mesoamerica. S. 247

        Part IV Simulation, Visualization and Computing

        • Maurizio Forte: Cyber Archaeology: 3D Sensing and Digital Embodiment. S. 271
        • Bill Seaman: Emergent Relationality System/The Insight Engine. S. 291
        • Nicoló Dell’Unto: Using 3D GIS Platforms to Analyse and Interpret the Past. S. 305
        • Devin A. White: Archaeology in the Age of Supercomputing. S. 323

        Part V Interpretation and Discussion

        • William Fred Limp: Measuring the Face of the Past and Facing the Measurement. S. 349
        • Jakob Kainz: An Integrated Archaeological Prospection and Excavation Approach at a Middle Neolithic Circular Ditch Enclosure in Austria. S. 371
        • Willem F. Vletter and Sandra R. Schloen: Creating a Chronological Model for Historical Roads and Paths Extracted from Airborne Laser Scanning Data. S. 405

        Part VI Cultural Resource Management: Communication and Society

        • Eva Pietroni: From Remote to Embodied Sensing: New Perspectives for Virtual Museums and Archaeological Landscape Communication. S. 437
        • Riccardo Olivito, Emanuele Taccola and Niccolò Albertini: Cultural Heritage and Digital Technologies. S. 475

        Literaturhinweise

        • Kastowsky-Priglinger u. a. 2013
          K. Kastowsky-Priglinger – R. Schreg – I. Trinks – E. Nau – K. Löcker – W. Neubauer, Long term integrated archaeological prospection on the Stubersheimer Alb – giving meaning to a marginal landscape, in: W. Neubauer – I. Trinks – R. B. Salisbury – C. Einwögerer (Hrsg.), Archaeological Prospection. Proceedings of the 10th International Conference – Vienna May 29th – June 2nd 2013 (Wien 2013) 99–100
        • Lasaponara – Masini 2005
          R. Lasaponara – N. Masini, QuickBird-based analysis for the spatial characterization of archaeological sites: Case study of the Monte Serico medieval village, Geophys. Res. Lett. 32, 2005, 4
        • Schreg 2017
          R. Schreg, Interaktion und Kommunikation im Raum – Methoden und Modelle der Sozialarchäologie, in: S. Brather – J. Dendorfer (Hrsg.), Grenzen, Räume und Identitäten. Der Oberrhein und seine Nachbarregionen von der Antike bis zum Hochmittelalter. Tagung Freiburg, 13. – 16. November 2013, Archäologie und Geschichte 22 (Ostfildern 2017) 455–492

        Gegensätzliche Bilanzen: 1 Jahr Kulturgutschutzgesetz

        Kulturstaatsministerin Grütters zieht ein Jahr nachdem das neue Kulturgutschutzgesetz in Kraft getreten ist eine positive Bilanz:

        ebenso Hermann Parzinger und auch Markus Hilgert:

        oder ist das doch eher schön geredet?

        Vielleicht lässt sich ja auf europäischer Ebene noch etwas richten:

        So oder so: Der Kunsthandel will weiter aufweichen:

        • https://www.welt.de/kultur/article167254142/Was-ist-national-wertvoll-Jetzt-wird-wieder-verhandelt.html (Artikel bleibt ohne Anhörung von Archäologen – „Schwierig ist der Paragraf, der die Einfuhr von Kulturgut unrechtmäßig macht, weil die Herkunft nicht lückenlos nachgewiesen werden kann. Das geht – in den meisten Fällen von alter Kunst und Antiquitäten – gar nicht, weil es keine Kauf- oder Verkaufsdokumente gibt.“ [K. Stoll, Kunsthändlerin aus München]. Das in den meisten Fällen keine Dokumente vorliegen hat sicher auch damit zu tun, dass die Ausfuhr von Kulturgütern aus dem Osmanischen Reich und seinen Nachfolgestaaten schon seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert verboten war und für illegale Kulturgüter auch damals keine Papiere ausgestellt wurden…).

        Kulturgut in Syrien und Irak im Juli 2017

        Mit der Vertreibung des Daesh aus Mosul, dem Anfang Juli ausgerufenen Waffenstillstand im südwestlichen Syrien, scheint der Konflikt in Syrien und Irak nicht vorbei, aber doch in eine neue Phase zu gehen, die Anlaß zu vielerlei Bilanzen und Überlegungen zur Restaurierung gibt:

          Schadensberichte

          Da einige Stätten nun wieder leichter erreichbar werden, können nun zahlreiche größere und kleinere Schäden dokumentiert werden. Die üblichen Schadensberichte sind daher umfangreicher als zuvor:
          Im folgenden ist keine Vollständigkeit der aktuellen Berichte beabsichtigt, vielmehr sollen mit den Links exemplarisch einige Schäden und erste Initiativen dargestellt werden:

          eine erste Bestandsaufnahme in Mosul

          für eine genauere Bestimmung der Schäden werden Bilder von Monumenten aus Mosul gesucht:

          Nimrud:

          in Raqqa:

          Tote Städte:

          Schäden in Palmyra

          Restaurierungen in Aleppo

          3D-Rekonstruktionen in Palmyra

              Antikenhehlerei

              Der Fall „Hobby Lobby“  (Raubgrabungsfunde für ein biblisches Disneyland – Der Fall „Hobby Lobby“) in den USA geht im Kern schon in die Zeit vor dem aktuellen Krieg zurück. Für ein Bibelmuseum hat ein US-Millionär offenbar gezielt Keilschrifttexte aus dem Irak geschmuggelt. Der Fall ist schon länger bekannt, doch wurde nun eine Straße von 3 Mio $ verhängt, vermutlich in Relation zu den umgesetzten Summen eine Kleinigkeit.
              Statement der UNESCO

              Die in der Hobby Lobby-Affäre (Raubgrabungsfunde für ein biblisches Disneyland – Der Fall „Hobby Lobby“) sichergestellten Funde sollen online gestellt werden, um den Eigentümer zu ermitteln.

              Hobby Lobby gibt erneut Anlaß für einige Statements gegen den Handel mit archäologischen Funden:

              Ein Video von UNODC im Rahmen einer Kampagne „Cultural Property“ zur Problematik des illegalen Handels mit Kulturgut aus Krisenregionen  und seiner Rolle bei der Finanzierung von Bürgerkriegsparteien und Terrorismus:

              Die politische Bedeutung des Kampfes gegen Antikenhehlerei

                    Daesh

                    Sky News bringt ein Interview mit der Witwe eines britischen Daesh-Kämpfers in Raqqa, die als Aisha vorgestellt wird.  Darin heißt es: „Aisha revealed that her Moroccan husband had travelled to IS before the caliphate was even declared by Abu Bakr al Baghdadi in June 2014. She said that he had been a dealer in ruins and antiquities in Europe and had been told by a friend that he could buy them cheaply in the caliphate.“ – ein kleines Schlaglicht auf die Verbindungen zwischen Antikenhandel in Europa und Daesh?

                    Funde aus dem Musuem Mosul wurden, wie schon im Juni durch kurdische Medien berichtet wurde, bei Daesh-Mitgliedern sicher gestellt:

                        Europäische Kommission im Anti-Terrorkampf

                        Als Teil der Antiterrormaßnahmen zielt die Europäische Kommission auf einheitliche Regelungen gegen den illegalen Aniktenhandel.

                        Links

                        frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

                        Dank an diverse Kollegen für Hinweise und Übersetzungen.

                          Archäologie auf der Krim

                          Die ukrainische Staatsanwaltschaft ermittelt gegen russische Archäologen wegen illegaler Grabungen auf der Krim. Sie hat eine Liste mit über 60 Namen publiziert, gegen die sie Anklage erheben und einen internationale Haftbefehle erwirken will. Ukrainische Archäologen fordern von der EAA eine Beendigung der Kooperationen mit den betreffenden russischen Kollegen.
                          Ukrainischer Protest gegen eine Ausstellung in Moskau, in der Funde gezeigt werden, die nach 2014 auf der Krim gemacht wurden:

                          Schwierig!

                              Raubgrabungsfunde für ein biblisches Disneyland – Der Fall „Hobby Lobby“

                              Beitrag von Jutta Zerres

                              Amerikanische Medien berichteten in den letzten Tagen, dass Steve Green, einer der Gründer der amerikanischen Einzelhandelskette „Hobby Lobby“, vom Department of Justice zur Rückgabe von rund 5000 Antiken an den Irak und zur Zahlung einer Strafe von 3 Mio $ verurteilt wurde.

                              Hobby Lobby-Filiale in Stow/Ohio
                              (Foto: DangApricot [CC BY-SA 3.0] via Wikimedia Commons)

                              Es handele sich dabei um Keilschrifttafeln, Tonsiegelabdrücke und Rollsiegel aus Mesopotamien  Der Unternehmer habe die Objekte aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und Israel angekauft. Diese seien dann bei der Einfuhr in die USA als „Muster von handgemachten Tontafeln“ zum Preis von 250 $ falsch deklariert worden. Außerdem habe es falsche Herkunftsangaben gegeben, wonach die Stücke aus Israel oder der Türkei stammen sollten. Diese Vorgehensweise lege den Verdacht nahe, dass es sich um Raubgrabungsfunde handele. Gestützt wird diese Annahme durch die Aussage von Kulturgut-Experten. Diese halten den Aufbau einer solch großen Sammlung in so kurzen Zeit – Green hatte die Ankäufe 2010 und 2011 getätigt – alleine mit legal gehandelten Funden nicht für möglich.
                              Vor Begutachtung der Ware in den vereinigten Arabischen Emiraten hat eine Expertin explizit auf die Rechtslage sowie die Raubgrabungsproblematik hingewiesen und von einem Kauf abgeraten. Die Art und Weise der Lieferung wie der Bezahlung (an mehrere Strohmänner) macht deutlich, dass bewusst gegen Export- und Importbestimmungen verstoßen wurde.

                              (Foto: Public Domain via Pixaby)
                              Das Vorgehen der millionenschweren Unternehmers ist aber nicht nur aus der Perspektive des Kulturgüterschutzes äußerst problematisch. Ebenso fragwürdig ist seine Motivation für den Ankauf der Objekte. Der evangelikale Christ, der sich seit Jahren für eine Aufhebung der Trennung von Staat und Kirche in den USA einsetzt, plant den Bau eines Bibel-Museums in Washington DC. Es handele sich um den größten Museumsbau der amerikanischen Hauptstadt, der in bester Lage in der Nähe des Capitols für ca. 800 Mio $ Baukosten entstehen soll. Die Ausstellungskonzeption zielt darauf ab, die Geschichte des Nahen Ostens in der Perspektive von Greens fundamental-christlicher Weltanschauung zu inszenieren und die Historizität der Bibel zu untermauern. Die archäologischen Funde und alle weiteren Objekte sollen als Belege und Illustration dienen. Die Newsweek-Journalistin Nina Burleigh bemerkte sinngemäß in einem Bericht über den Vorgang, dass das Geschichtsbild von Greens Bibel-Museum besser in eine Sonntagschule in Oklahoma City passe als in die Hauptstadt eines weltanschaulich heterogenen Staates wie die USA. Es handele sich um ein archäologisches Disneyland.

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                                Der „March for Science“ lebt fort! #BlogsforScience

                                Auf Wissenschaft kommuniziert hat Reiner Korbmann Reaktionen auf den „March for Science“ am 22. April 2017 gesammelt. Wissenschaftler demonstrierten für eine Gesellschaft, in der Fakten eine Basis des konstruktiven Dialogs und demokratischer Entscheidungen sind, und höher gewertet werden als irgendwelche Meinungen. „Es geht gegen „alternative Fakten“, „Fake News“ und gegen Befindlichkeiten als Grundlage gesellschaftlicher Kommunikation. Ein Anliegen, das Wissenschaft und Gesellschaft gleichermaßen betrifft, ein zentrales Anliegen der Wissenschaftskommunikation.

                                Nach einer ersten Bilanz der Reaktionen auf den March for Science, der weltweit in 600 Städten stattgefunden hat, plädierte Korbmann für eine Institutionalisierung des „March for Science, um dieses Ziel der Wissenschaftskommunikation kontinuierlich weiter zu ervfolgen und das Anliegen auch in die Politik einzubringen.

                                „Der „March for Science“ war ein einmaliges Ereignis für die Wissenschaftskommunikation. Nie vorher hat sich die Wissenschaft so intensiv Gedanken gemacht über ihr Verhältnis zur modernen Gesellschaft – und dies durch eine gesellschaftspolitische Demonstration zum Ausdruck gebracht.“ Auf Wissenschaft kommuniziert sind 14 Vorträge dokumentiert, die beim „March for Science“ gehalten wurden. Sie beleuchten unterschiedliche Aspekte der Wissenschaftskommunikation und deer Wissenschaft selbst.

                                In seinem Beitrag zum March for Science in Kiel hob beispielsweise Prof. Konrad Ott, Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie und Ethik der Umwelt , Harry Frankfurt folgend, die Eigenheiten des „bullshits“ hervor, der hier fast schon den Rang eines Fachbegriffes erhält. Neben der platten Lüge, die der Wahrheit bewusst widerspricht und sie damit aber auch voraussetzt, gibt es noch andere Sprechweisen, die der Wahrheit konträr gegenüber stehen: „Humbug“, leeres Gerede, „Phrasendrescherei“, „Dampfplauderei“, „Schönrednerei“, „phoniness“ und eben auch „bullshit“.

                                Für „bullshit“ ist die Wahrheit gar nicht relevant. Hier werden Behauptungen in die Welt gesetzt, ohne dass Verantwortung für ihre Richtigkeit übernommen wird. Entscheidend ist, dass der „bullshit“ Gehör und Anhänger gewinnt, Argumentation ist hier allenfalls vorgeblendet“ Dem “bullshiter” ist Wahrheit „egal“, er/sie will nur mit “bullshiting” durchkommen, d.h. irgendwelche Erfolge einstreichen. Frankfurt meint daher, bullshit sei ein größerer Feind der Wahrheit als es Lügen sein können.

                                Der Münchner Technikhistoriker Helmut Trischler zog 5 Lehren aus der aktuellen Situation:

                                1. Wenn mitten in Europa autoritär-populistische Regime ihnen unbequeme Universitäten zu schließen drohen, müssen Wissenschaftler öffentlich ihre Stimme erheben und letztlich auch ganz dezidiert im politischen Raum agieren.
                                2. Wir müssen die Deutungskonkurrenz wissenschaftlichen Wissens zu anderen Wissensformen anerkennen.
                                3. Wissenschaft muss sich radikal zur Gesellschaft hin öffnen.
                                4. Wir brauchen starke Natur- und Ingenieurwissenschaften, aber wir brauchen auch starke Geistes- und Kulturwissenschaften.
                                5. Wir müssen den Kosmopolitanismus der Wissenschaft nutzen.

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                                Eiszeithöhlen der Schwäbischen Alb als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt

                                Geschoßspitze mit abgeschrägter Basis aus
                                der Brillenhöhle bei Blaubeuren-Weiler.
                                Sie wurde 1952 von A. Kley gefunden und
                                gemeldet. Sie rückte die  Fundstelle
                                in den Blick der Forschung und gab
                                Anlaß zu den Grabungen durch G. Riek
                                1955-1963.
                                (Slg. A. Kley, Foto: R. Schreg)
                                Auf der Sitzung des Welterbekommitees der UNESCO in Krakau wurden am 9.7.2017 die paläolithischen Fundstellen im Lone- und Aachtal auf der Schwäbischen Alb zum Weltkulturerbe erklärt.
                                Ein erster Kommentar:

                                Noch vor kurzem gab es heftige Auseinandersetzungen um den Bau von Windkraftanlagen im direkten Umfeld des Lonetals.

                                Interner Link

                                Kulturgut in Syrien und Irak (Juni 2017)

                                  Mit Daesh scheint es in Syrien und Irak als Territorialmacht zu Ende zu gehen. Mosul fast vollständig erobert, Raqqa umzingelt und die letzten IS-Krieger aus der Region Aleppo abgezogen. Damit ist der Bürgerkrieg nicht zu Ende und auch das Risiko für das kulturelle Erbe nicht. Man sollte nicht vergessen, das Kollateralschäden und Plünderungen schon vor dem Aufstieg des IS/Daesh in Syrien an der Tagesordnung waren.

                                  Mosul

                                  Daesh ist im syrischen Raqqa und im irakischen Mosul unter militärischem Druck. Im umkämpften westlichen Stadtgebiet von Mosul hat Daesh zeigen aktuelle Luftbilder, dass die Al Nuri-Moschee und das Hadba Minaret zerstört sind. Daesh beschuldigt die USA die Moschee sei durch amerikanische Luftangriffe zerstört worden. Die irakische Regierung wertet die Zerstörung der Moschee im letzten umkämpften Stadtgebiet in Mosul als „Zeichen der Niederlage“. In der Al-Nuri-Moschee hatte Abu Bakr al-Baghdadi im Juni 2014  das Kaliphat des Daesh ausgerufen. Videos (einer Überwachungskamera??) sollen jedoch zeigen, wie Dschihadisten Sprengsätze in der Moschee installierten.
                                  2014 hat Daesh bereits andere Moscheen in Mosul gesprengt.  2015 zerstörte Daesh das Museum von Mosul (http://archaeologik.blogspot.de/2015/03/is-wutet-im-museum-von-mossul-syrien.html). Bei den Kämpfen um Mosul ging die Front mehrfach über das Museum hinweg. Nach einer Meldung auf facebook wurde es am 14.6.2017 erneut von Daesh besetzt (https://www.facebook.com/layla.mss/posts/1572996802710859).

                                  Am 28.6. wurde die zerstörte Moschee von irakischen Regierungstruppen erobert:

                                    Bilder der Zerstörungen

                                    Zerstörungen in der Bibliothek von Mosul

                                    Zu Moschee und Minarett

                                    Das Minaret war der älteste Bauteil der 1172-73 durch Nur ad-Din Zangi erbauten Moschee.

                                    Immerhin liegt ein 3D-Modell des Minaretts nach einer Aufnahme von 2012 durch  P. Vavrečka;  Oriental Institute in Prag vor.

                                      Mosul. Der Yezidi Schrein links sowie das schief stehende Hadba Minaret derNouri Moschee in einer historischen Aufnahme von 1932.
                                      (Public Domain via Wikimedia Commons)

                                      Raqqa/ Daraa

                                      Um die beiden Städte Raqqa und Daraa in Syrien wird derzeit offenbar ebenso hart gekämpft, doch sind Meldungen dazu relativ spärlich. Nach einem Bericht auf Daily Beast zerbomben die US-Truppe und die ‚demokratischen‘ syrischen Kräfte die Stadt systematisch, ohne Rücksicht auf die Bevölkerung (und die Bausubstanz der Stadt).
                                      Das Museum in Raqqa wurde bereits im November 2013 geplündert – bevor Daesh die Stadt erobert hat (http://archaeologik.blogspot.de/2013/11/ausgeraubt-das-museum-von-raqqah.html).  

                                       50 km südwestlich von Raqqa wurde die antike Stadt Resafa „befreit“:

                                       weitere Schadensberichte

                                      Antikenhehlerei

                                      Palmyrenische Reliefs in Homs sicher gestellt.

                                      und in einem Haus in Palmyra:

                                            Sicherungsmaßnahmen / Restaurierungen/ Wiederaufbau

                                            Idlib:

                                            Aleppo

                                            Projekt EAMENA

                                            Idleb Antiquities Center

                                              Ausstellung in der Campusbibliothek der Freien Universität Berlin über die Grabungen in Tell Schech Hamad

                                                Tagungen

                                                Tagung zu den Zerstörungen und Plünderungen von Daesh am 3. Juni in Grand Pressigny organisiert von HAPPAH:

                                                Smithsonian Institute / US Department of State: 

                                                  Lokales Engagement in Mossul

                                                  Ausbildung von Restauratoren und Handwerkern

                                                  WMF in Jordanien

                                                  Weitere Medienberichte

                                                  Viele Käufer am internationalen Markt sind aber durchaus bereit, für interessante Objekte viel Geld zu bezahlen. Damit nehmen sie in Kauf, dass der Irak und Syrien nach der menschlichen Katastrophe, die die Kriege mit sich brachten, am Ende auch noch ihres kulturellen Erbes beraubt werden.

                                                    Wikipedia-Einträge zu den Zerstörungen durch Daesh

                                                      Links

                                                      frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

                                                      Dank an diverse Kollegen für Hinweise und Übersetzungen.

                                                        Sklaven aus Afrika – in Europa

                                                        Eine Serie auf dem Portal L.I.S.A. der Gerda-Henkel-Stiftung berichtet über die bioarchäologische Auswertung eines Bestattungsplatzes afrikanischer Sklaven in Lagos in Portugal. Der Platz gehört noch in das späte 15. Jahrhundert und geht dem Sklavenhandel in die Neue Welt noch voraus.

                                                        Italien: Kunstschmuggel wird als Bildung einer kriminellen Vereinigung gewertet

                                                        Vorgesehen sind Haftstrafen für

                                                        • Raubgrabungen, Plünderungen und Schmuggel von Antiquitäten – bis zu acht Jahre
                                                        • illegale Sondagen – bis zu zwei Jahre
                                                        • die Behinderung von Ermittlungen zur Identifizierung der Herkunft gestohlener Kunstwerke – zwischen fünf und 14 Jahren  – Das könnte auch die üblichen falschen Provenienzangaben im Kunsthandel betreffen.

                                                        Kunstschmuggel soll der Bildung einer kriminellen Vereinigung gleichgestellt werden.

                                                        Großes Interesse der Bürger in Deutschland an Archäologie und Antike

                                                        In einer Umfrage wurden im Winter 2015/16 im Großraum Düsseldorf mit Papier und Online-Formularen mehr als 1200 Bürger zu ihrem Interesse an Archäologie und Alter Geschichte befragt. Demnach hat die Bevölkerung in Deutschland ein hohes persönliches Interesse an den Themenfeldern Archäologie, Antike und Altertum. 46 % der Befragten bezeichnen ihr Interesse als stark bis sehr stark. 88 % der Bevölkerung schätzen sie auch bei geringem eigenem Interesse als wichtig bis sehr wichtig ein. Hoch ist mit 57% auch die Bereitschaft für den Erhalt antiker Stätten oder Dinge zu spenden. Das Interesse an einem aktiven Mitwirken an Reenactment-Ereignissen liegt bei 53 %, wobei dieser Wunsch bei Jugendlichen (15–19 Jahre) deutlich geringer ist. Nur 29% der Befragten äußerten ein Interesse an Mitsprache bei archäologisch relevanten Entscheidungen. „Der Wunsch nach einem Mitspracherecht hängt mit dem Bildungsstand zusammen.“ Erwachsene mit Hochschulabschluss haben ein ausgeprägteres Interesse daran. „Die Ergebnisse ähneln den Resultaten einer ebenfalls von Studierenden im Jahr 2014 im Großraum Wien durchgeführten Studie mit 500 Befragten (Karl u.a., 2014). Im Vergleich Deutschland – Österreich erweist sich der Enthusiasmus für Antike, Altertum und Archäologie in Deutschland sogar als leicht höher als in Österreich.“
                                                        Der Artikel von Frank Siegmund und den Teilnehmern eines Seminars an der Universität Düsseldorf präsentiert die Ergebnisse im Detail. Sie sind wichtig für die Abschätzung, wie stark das Publikum für die Wissenschaft ist, was die Potentiale bürgerlichen Engagements betrifft, aber auch, was etwa die Umsetzung von Bürgerbeteiligung betrifft.

                                                        Gift für die Forschung

                                                        Ein französischer Blog von Jean-David Desforges, schlicht „Le blog de Jean-David Desforges“ sammelt  international Presseinformationen über das Problem der Raubgrabungen. Der älteste Eintrag reicht bis 1996 zurück. Ein spezielles Augenmerk gilt dem englischen PAS, das als Ausverkauf der Archäologie verstanden wird.

                                                        Ici sont proposés articles de presse, informations, prises de position et réflexions contre le pillage du patrimoine archéologique, sa toxicité pour la recherche et la connaissance du patrimoine par tous.

                                                        Profite für Schatzjäger? Die Bergung der San José

                                                        Seeschlacht vor Cartagena 8. Mai 1708:
                                                        Die San José wird von britischen Kriegsschiffen versenkt.
                                                        Gemälde von Samuel Scott vor 1772
                                                        (National Maritime Museum in Greenwich, Public Domain
                                                        via Wikimedia Commons)

                                                        Kritik an der wenig transparenten Umsetzung der Bergung der San José vor der Küste Kolumbiens:

                                                        Die aktuelle Ankündigung der Bergung  durch den kolumbianischen Staatspräsidenten:

                                                        Interner Link

                                                        Denkmalpflege in den neuen Landesregierungen NRW und S-H

                                                        verändert nach
                                                        Wikimedia Commons
                                                        Der Koalitionsvertrag zwischen CDU und FDP für Nordrhein-Westfalen 2017-2022 erklärt zum Denkmalschutz:

                                                        Denkmalpflege

                                                        Wir bekennen uns zu der in der Landesverfassung verankerten Verantwortung für den Erhalt der Denkmäler des Landes. Gemeinsam mit dem vorhandenen ehrenamtlichen Engagement in der Denkmalpflege wollen wir das archäologische und baukulturelle Erbe des Landes für künftige Generationen erhalten. Dazu werden wir unter anderem die Fördermittel für die Baudenkmalpflege wieder auf jährlich rund 12 Millionen Euro anheben.

                                                         und

                                                        Erhalt und Pflege unseres kulturellen Erbes

                                                        Der Erhalt unseres kulturellen Erbes, seine Restaurierung, Bewahrung und kontinuierliche wissenschaftliche Bearbeitung sind ebenso zu fördern wie die Pflege immaterieller Überlieferungen, von Mundarten wie dem gefährdeten Niederdeutsch, von Brauchtümern und Traditionen. In diesem Sinne werden wir Kultur und Denkmalpflege gleichermaßen fördern und den Ausstieg des Landes aus der Denkmalpflege rückgängig machen. Wir werden die Mittel zum kulturellen Substanzerhalt erhöhen und den Erhalt und die Pflege immaterieller Kulturgüter durch unterschiedliche Institutionen und Verbände unterstützen.
                                                        Landesgeschichte und Landesidentität gehören untrennbar zusammen. Aus diesem Grund soll die Idee eines „Hauses der Geschichte Nordrhein-Westfalens“ in unmittelbarer Nähe zum Landtag aufgegriffen werden. Experten aus Universitäten, Instituten, Museen und Publizistik, Landtag und Landesregierung sollen dazu ein unabhängiges und überparteiliches Konzept entwickeln.

                                                        Vor etwa 4 Jahren war es in NRW unter der rot-grünen Regierung zu massiven Kürzungen in der Denkmalpflege gekommen, die durch öffentlichen Druck und eine Petition zumindest abgemildert werden konnten (vergl. Archaeologik unter dem Label Nordrhein-Westfalen – Finanzkürzungen).  Der Koalitionsvertrag bezieht sich ausdrücklich darauf und versucht die Schäden auszugleichen.
                                                        (via WikimediaCommons)
                                                        In Schleswig-Holstein hat die Denkmalpflege im Koalitionsvertrag einen deutlich anderen Stellenwert. Hier werden vor allem Einzelprojekte angesprochen, während ein klares Bekenntnis zum Denkmalschutz fehlt. Die Ankündigung einer Novellierung des Denkmalschutzgesetzes thematisiert lediglich eine Stärkung der Eigentümerrechte.

                                                        Umsetzung kulturpolitischer Projekte

                                                        Die Koalition bekennt sich zur Weiterentwicklung der wichtigen Projekte der Kulturinfrastruktur: (…) die Umsetzung der Modernisierung der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf (einschließlich der Errichtung eines Ausstellungs- und Eingangsgebäudes im Freilichtmuseum in Molfsee und der Umsetzung des Masterplans auf der Museumsinsel Gottorf), die Schaffung von Rahmenbedingungen, um das Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie in die Leibniz Gemeinschaft zu überführen, (…).

                                                         sowie

                                                        Weltkulturerbe Danewerk und Haithabu
                                                        Unser Ziel ist die Anerkennung des Danewerks und Haithabu als Weltkulturerbe. Für die dafür notwendige Sicherung der Waldemarsmauer wird das Land Mittel bereitstellen.

                                                        Im Kontext des Küstenschutzes wird noch konkret die Stadt Lauenburg angesprochen:

                                                        Wir gewährleisten die langfristige und nachhaltige Sicherheit vor Sturmfluten und Küstenabbrüchen an den Küsten von Nord- und Ostsee sowie vor Hochwasser und Starkniederschlägen in den Einzugsgebieten Schleswig-Holsteins. Wir werden das Risikobewusstsein für Gefahren durch Sturmfluten und Binnenhochwasser in den betroffenen Regionen stärken. Dabei werden wir die Wasser- und Bodenverbände in die bevorstehenden Herausforderungen der Zukunft einbinden.

                                                        Angesichts erhöhter Hochwasserrisiken werden wir die Kostenübernahme des Landes für die Hochwassergebiete der Stadt Lauenburg aufgrund ihres hohen Denkmalschutzwertes zu 90 Prozent umsetzen.

                                                        Generell findet sich zur Denkmalpflege eine Ankündigung der Novellierung des Denkmalschutzgesetzes, zu der lediglich vermerkt wird:

                                                        Denkmalschutz
                                                        Wir werden das Denkmalschutzgesetz und dessen Anwendung evaluieren und gegebenenfalls novellieren. Wir werden sorgfältig darauf achten, dass Eigentümerinnen und Eigentümer von Denkmalen bei deren Erhalt unterstützt werden.
                                                        Insbesondere werden wir sicherstellen, dass sie schnell über die Eintragung in die Denkmalliste informiert werden und vor Investitionsentscheidungen eine verbindliche Auskunft der Denkmalschutzbehörde verlangen können sowie klare und verlässliche Rahmenbedingungen seitens der Denkmalschutzbehörden erhalten.

                                                        2012 hatten CDU und FDP versucht, das Denkmalschutzgesetz in Schleswig-Holstein zugunsten wirtschaftlicher Interessen auszuhöhlen – woraufhin der Koalitionsvertrag der vorigen Regierung aus SPD, Grünen und SSW eine Novellierung angekündigt hatte (Schleswig-Holstein: Koalitionsvertrag sieht Novellierung des Denkmalschutzgesetzes vor) und Ende 2014 auch eine Novellierung umgesetzt wurde. Das Bekenntnis zum Denkmalschutz im neuen Koalitionsvertrag ist bestenfalls lauwarm.

                                                        Encyclopedia of Geoarchaeology

                                                        Allan S. Gilbert (Hrsg.)

                                                        Encyclopedia of Geoarchaeology

                                                        (Cham, Heidelberg: Springer 2017)

                                                        ISBN 978-1-4020-4409-0

                                                        1046 S., 158 schwarz-weiß Abbildungen, 310 Farbabbildungen

                                                        426,93€

                                                        Im deutschen Sprachraum haben schon die frühen siedlungsarchäologischen Projekte der Pfahlbauforschung Methoden eingesetzt, die man heute dem Kanon der Geoarchäologie zurechnen würde. Mit der Landschaftsarchäologie hat sich auch die Sparte der Geoarchäologie entwickelt und als eigenes Forschungsfeld etabliert, wobei es an den Universitäten mal mehr mit der Archäologie, mal mehr mit der Geographie verbunden ist. Bislang gibt es – auch im englischen Sprachraum – nur eine kleine Auswahl an meist eher knappen Einführungen (Rapp – Hill 2006). Eine detaillierte Übersichtsdarstellung insbesondere der zahlreichen geoarchäologischen Methoden blieb bislang jedoch ein Desiderat – und bleibt es im deutschsprachigen Raum derzeit auch noch. Die hier vorgestellte Enyclopedia of Geoarchaeology bietet einen umfassenden Überblick und kann als eine Einführung in die Geoarchäologie nur empfohlen werden. Die Perspektive des Bandes ist jedoch global und so spiegelt sich die deutsche Forschung und deren besonderen Forschungsfragen und -traditionen in dem Band nur bedingt wieder. Selbstverständlich wird die angesprochene Bedeutung der Pfahlbauforschung dargestellt (S. 617-620), wobei hier auch gezeigt wird, wie die Vorstellung der klassischen Pfahlbauten durch Ferdinand Keller implizit davon ausging, dass sich die Seespiegel seit der Urzeit nur unwesentlich verändert hätten. Die Interpretation der Pfahlbauten als erst später überschwemmte Pfahlbauten, wie sie etwa von Hans Reinerth, Oscar Paret und Emil Vogt vertreten wurden, zeigt die Öffnung des Denkens hin zur Möglichkeit prähistorischer Umweltveränderungen.

                                                        Der Artikel von Christopher L. Hill  (s.v. Geoarchaeology, History, S. 292-303) gibt einen Überblick über die Forschungsgeschichte der Geoarchäologie. Er verweist auf die weit zurückreichenden Ansätze, geowissenschaftliche Methoden in archäologische und historische Forschungen einzubeziehen. Die Diskussionen im 19. Jahrhundert um den diluvialen Menschen  sind hier ebenso zu nennen wie die Arbeiten von George Perkins Marsh, der schon seit den 1860er Jahren die Mensch-Umwelt-Interaktion thematisierte und dabei eben auch auf die Pfahlbauten verwies. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es zu vielfältigen multidisziplinären Kontakten von Archäologen und Geowissenschaftlern, die zu einer zunehmenden Anwendung geowissenschaftlicher Methoden in der Archäologie führten. Zu nennen sind hier Pollenanalysen, die Dendrochronologie, aber auch die Luftbildarchäologie. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts rückten Archäologie und Geowissenschaften in vielen Projekten enger zueinander, so dass seit den 1970er Jahren der Begriff der Geoarchäologie aufkam. Karl Butzer verwendete den Begriff Anfang  der 1970er Jahren in enger Verbindung mit seiner „ecological archaeology“. In der Praxis stehen bis heute Böden, Sedimente und Landschaftsformen im Vordergrund, doch ist der methodische Rahmen und der theoretische Anspruch weitaus weiter gefasst. So wird Geoarchäologie beispielsweise als Anwendung geowissenschaftlicher Methoden und Konzepte auf archäologische Ablagerungen und Formationsprozesse gesehen oder  – noch umfassender – Geoarchäologie als interdisziplinäre ökologische Disziplin gesehen, die auf die Beziehungen zwischen Mensch und Ökosystemen ausgerichtet ist.

                                                        Das Nachschlagewerk zeigt die methodische Vielschichtigkeit der modernen Geoarchäologie auf. Es legt ein weites Verständnis von Geoarchäologie zugrunde, das sich in weiten Teilen mit einer Umweltarchäologie überschneidet. 

                                                        Die Stärken des Buches liegen jedoch in der systematischen Darstellung der einschlägigen Methoden. Ein Beitrag von Michael F. Kolb (Analysis of Carbon, Nitrogen, pH, Phosphorus, and Carbonate as Tools in Geoarchaeological Research, S. 15-24) beispielsweise behandelt die Analyse von Kohlenstoff, Sticksoff, PH-Werten, Phophor und Karbonaten als Methoden der Geoarchäologie. Besprochen werden die Aussagemöglichkeiten und die Analysemethoden. Es gibt fünf Faktoren, die die Bodenbildung maßgeblich beeinflussen: 1) Klima, 2.) Organismen (Tiere und Pflanzen), 3.) das Relief, 4.) das Ausgangsmaterial und 5.) die Zeit. Der Mensch mag unter die Organismen subsumiert werden oder als Punkt 6.) gesondert aufgeführt werden. Chemische Analysen in der Geoarchäologie sind immer vergleichend und benötigen Referenzproben. Da Böden nicht ausschließlich durch den Menschen beeinflusst sind, muss in einem archäologischen Forschungskontext – der ja in der Regel auf den Menschen abzielt – immer eine Datenreferenz gefunden werden, die den Faktor Mensch weitgehend ausschließt. Einen Standort im Umfeld der zu untersuchenden archäologischen Fundstelle zu finden, die keinen anthropogenen Einfluss aufweist, ist indes sehr schwierig, in weiten Teilen der Welt gar unmöglich.
                                                        Behandelt werden beispielsweise auch die Untersuchung von Tropfsteinen (s.v. speleothems, S. 886-896, Alfred G. Latham) oder Methoden wie Strontium Isotopie (S. 916-919) oder die magnetische Suszeptibilität (S. 939-943), die für die Mikro-Prospektion einzelner Befundkomplexe, die Identifikation von Aktivitätszonen und das Verständnis der Formationsprozesse von Bedeutung sein kann.
                                                        Einträge gibt es auch zu kulturellen Modifikationen von Böden und Wasserverhältnissen (z.B. anthrosols, S. 24-27; agricultural soils S. 877-883). Nur sehr knapp und beiläufig werden jedoch vormoderne Feldsysteme behandelt, die wohl immer noch eher bei der Geographie verortet und weniger als Teil der Geoarchäologie gesehen werden. So spielen Terrassierungen nur im Rahmen des Beitrags „soils, agricultural“ eine Rolle; Wölbäcker werden nur in Form der südamerikanischen raised fields behandelt. Letzteres geschieht im Kontext eines Beitrags „Canals and Aquaeducts in the Ancient World“ von Charles R. Ortloff (S. 96-104), der Bewässerungssysteme in Südamerika (insbesondere Moche-Tal), dem Nahen Osten und in Kambodscha (Angkor) behandelt.  Altfluren werden offensichtlich nicht als wesentliches Thema der Geoarchäologie verstanden. Tatsächlich sind sie ein ganz zentraler Bestandteil menschlicher Kultur. Nachdem ihre Erforschung lange bei der historischen Geographie lag, die überwiegend typlogisch mit kartographisch überlieferten Flurformen gearbeitet hat, ist ein Forschungsfortschritt eigentlich nur aus einer interdisziplinären Annäherung möglich, bei der die Geoarchäologie in der Bestimmung der langfristigen Entwicklung, Nutzung und Datierung eine zentrale Bedeutung zukommt (Schreg 2016). Insofern ist es bedauerlich, dass dem Themenbereich kein größerer Stellenwert zugemessen wird. Neben den Datierungsmethoden der Böden spielen in der Altflurforschung die Methoden der Fernerkundung eine wesentliche Rolle, die in der vorliegenden Enzyklopädie ebenfalls nur mit einem generellen Artikel über „remote sensing in archaeology“ (S. 703-725). angerissen sind.
                                                        Ein langer Artikel von Rolfe D. Mandel, Paul Goldberg und Vance T. Holiday behandelt „Site Formation processes“ (S. 797-817), wobei insbesondere die Deponierung im Vordergrund steht. Hier geht es vorranging um natürliche Prozesse der Bodenablagerung und der Verlagerung (vergl. Archaeologik 3.4.2013).

                                                        Der Band ist eine gute Möglichkeit, sich umfassend über Methoden und Fragestellungen der Geoarchäologie zu informieren. Die Beiträge zu einzelnen Fundstellen zeigen exemplarisch die Anwendungsmöglichkeiten und gehen auch auf die Praxis in Gelände und Labor ein. Überblicksartikel verweisen auf den theoretischen Hintergrund in einer Umwelt- und Landschaftsarchäologie.

                                                        Stichworte

                                                        • Ain Ghazal 1
                                                        • Akrotiri Aetokremnos, Cyprus 3
                                                        • Alluvial Settings 4
                                                        • Amino Acid Racemization 14
                                                        • Analysis of Carbon, Nitrogen, pH, Phosphorus, and Carbonates as Tools in Geoarchaeological Research 15
                                                        • Anthrosols 24
                                                        • 40Ar/39Ar and KAr Geochronology 27
                                                        • Archaeological Stratigraphy 33
                                                        • Archaeomagnetic Dating 39
                                                        • Archaeomineralogy 46
                                                        • Archaeoseismology 47
                                                        • Arctic Geoarchaeology: Site Formation Processes 57
                                                        • Artifact Conservation 58
                                                        • Atapuerca 62
                                                        • Beringia, Geoarchaeology 65
                                                        • Big Eddy Site, Missouri 74
                                                        • Blombos Cave 75
                                                        • Boxgrove 76
                                                        • Built Environment 77
                                                        • Burned-Rock Features 89
                                                        • Cactus Hill, Virginia 95
                                                        • Canals and Aqueducts in the Ancient World 96 
                                                        • Casper Site, Wyoming 105 
                                                        • Çatalhöyük 105 
                                                        • Cave Settings 108 
                                                        • Ceramics 118 
                                                        • Cerén 128 
                                                        • Chemical Alteration 129 
                                                        • Chronostratigraphy 139 
                                                        • Climatostratigraphy 141 
                                                        • Coastal Settings 145
                                                        • Colluvial Settings 157 
                                                        • Cosmogenic Isotopic Dating 170 
                                                        • Data Visualization 173 
                                                        • Dendrochronology 180 
                                                        • Dmanisi 197 
                                                        • Dolní Věstonice, Pavlov, Milovice 198 
                                                        • Dumps and Landfill 199 
                                                        • Dust Cave, Alabama 205 
                                                        • Eastern Sahara: Combined Prehistoric Expedition 209 
                                                        • El Mirón Cave 210 
                                                        • Electrical Resistivity and Electromagnetism 211 
                                                        • Electron Probe Microanalyzer 219 
                                                        • Electron Spin Resonance (ESR) in Archaeological Context 224 
                                                        • Eolian Settings: Loess 233 
                                                        • Eolian Settings: Sand 239 
                                                        • Ethnogeoarchaeology 245 
                                                        • Experimental Geoarchaeology 251 
                                                        • Field Geochemistry 263 
                                                        • Field Survey 271 
                                                        • Fission Track Dating 274 
                                                        • Fluorine Dating 275 
                                                        • Forensic Geoarchaeology 276 
                                                        • Fourier Transform Infrared Spectroscopy (FTIR) 285 
                                                        • Gas Chromatography 287 
                                                        • Geoarchaeology, History (Christopher L. Hill) 292 
                                                        • Geochemical Sourcing 303 
                                                        • Geographical Information Systems (GIS) 309 
                                                        • Geomorphology 314  
                                                        • Geophysics 323
                                                        • Gesher Benot Yaaqov 326
                                                        • Glacial Settings 327
                                                        • Glass 336
                                                        • Grain Size Analysis 341
                                                        • Great Plains Geoarchaeology 348
                                                        • Grimaldi Caves 366
                                                        • Ground-Penetrating Radar 367
                                                        • Harappa 379
                                                        • Harbors and Ports, Ancient 382
                                                        • Harris Matrices and the Stratigraphic Record 403
                                                        • Haua Fteah 410
                                                        • Hearths and Combustion Features 411
                                                        • Hohle Fels 425
                                                        • House Pits and Grubenhäuser 425
                                                        • Inductively Coupled Plasma-Mass Spectrometry (ICP-MS) 433
                                                        • Inundated Freshwater Settings 441
                                                        • Isernia 447
                                                        • Isochron Dating 448
                                                        • Java (Indonesia) 451
                                                        • Kebara Cave 453
                                                        • Kennewick Man 455
                                                        • Kostenki, Russia 456
                                                        • Koster Site, Illinois 457
                                                        • La Micoque 459
                                                        • Lake Mungo and Willandra 460
                                                        • Landscape Archaeology 464
                                                        • Lead Isotopes 469
                                                        • Liang Bua 473
                                                        • Lithics 476
                                                        • Living Surfaces 486
                                                        • Loessic Paleolithic, Tajikistan 492
                                                        • Luminescence Dating of Pottery and Bricks 494
                                                        • Magnetometry for Archaeology 499
                                                        • Mass Movement 515
                                                        • Metals 521
                                                        • Microstratigraphy 532
                                                        • Minnesota Messenia Expedition (MME) 537
                                                        • Monte Circeo Caves 538
                                                        • Monte Verde 538
                                                        • Mount Carmel 539
                                                        • Neutron Activation Analysis 543
                                                        • Niah Cave 547
                                                        • Olduvai 549
                                                        • Optically Stimulated Luminescence (OSL) Dating 550
                                                        • Organic Residues 555
                                                        • Ötzi, the Tyrolean Iceman 566
                                                        • Oxygen Isotopes 567
                                                        • Paleodemography: Methods and Recent Advances 575
                                                        • Paleodiet 583
                                                        • Paleoenvironmental Reconstruction 588
                                                        • Paleomagnetism 601
                                                        • Paleopathology 607
                                                        • Paleoshores (Lakes and Sea) 613
                                                        • Paludal Settings (Wetland Archaeology) 628
                                                        • Pastoral Sites 644
                                                        • Petroglyphs 652
                                                        • Petrography 660
                                                        • Pigments 664
                                                        • Pinnacle Point 672
                                                        • Pompeii and Herculaneum 675
                                                        • Poverty Point Site, Louisiana 678
                                                        • Pre-Clovis Geoarchaeology 679
                                                        • Privies and Latrines 682
                                                        • Radiocarbon Dating 689
                                                        • Raman 702
                                                        • Remote Sensing in Archaeology 703
                                                        • Rockshelter Settings 725
                                                        • Santorini 745
                                                        • Scanning Electron Microscopy (SEM) 755
                                                        • Sedimentology 764
                                                        • Shell Middens 772
                                                        • Shipwreck Geoarchaeology 788
                                                        • Site Formation Processes 797
                                                        • Site Preservation 817
                                                        • Soil Geomorphology 821
                                                        • Soil Micromorphology 830
                                                        • Soil Stratigraphy 841
                                                        • Soil Survey 856
                                                        • Soils 862
                                                        • Soils, Agricultural 877
                                                        • Southwestern US Geoarchaeology 883
                                                        • Speleothems 886
                                                        • Spring Settings 896
                                                        • Stable Carbon Isotopes in Soils 901
                                                        • Sterkfontein/Swartkrans/Kromdraai 907
                                                        • Stonehenge 909
                                                        • Stratigraphy 913
                                                        • Strontium Isotopes 916
                                                        • Submerged Continental Shelf Prehistory 919
                                                        • Susceptibility 939
                                                        • Swanscombe 944
                                                        • Tells 951
                                                        • Tephrochronology 972
                                                        • Tombs 978
                                                        • Trampling 981
                                                        • Troy 982
                                                        • Tsunamis 984
                                                        • Ubeidiya 989
                                                        • U-Series Dating 992
                                                        • Volcanoes and People 1001
                                                        • Wells and Reservoirs 1007
                                                        • X-ray Diffraction (XRD) 1019
                                                        • X-ray Fluorescence (XRF) Spectrometry in Geoarchaeology 1025
                                                        • York 1031
                                                        • Zhoukoudian 1033

                                                        Literaturreferenz

                                                        Rapp – Hill 2006
                                                        G. Rapp – C. Hill, Geoarchaeology. The earth-science approach to archaeological interpretation² (New Haven, London 2006)

                                                        Schreg 2016
                                                        R. Schreg, Mittelalterliche Feldstrukturen in deutschen Mittelgebirgslandschaften – Forschungsfragen, Methoden und Herausforderungen für Archäologie und Geographie, in: J. Klápště (Hrsg.), Agrarian technology in the medieval landscape. Ruralia X (Turnhout 2016) 351–370

                                                         

                                                        What happened in Sweden last month? BISI III !

                                                        Beitrag von Miriam Steinborn

                                                        Vom 11.-14. Mai 2017 fand die dritte „Buildings In Society International“-Konferenz in Stockholm  (http://www.archaeology.su.se/om-oss/evenemang/buildings-in-society-international-iii-an-interdisciplinary-approach-1.302986) statt. Im Mittelpunkt stand auch dieses Mal das Verhältnis von Gesellschaften und den Gebäuden, die sie errichten. In welchen sozialen Kontexten werden architektonische Räume geschaffen, und wie prägt die Form der Architektur die soziale Praxis?
                                                        Sowohl methodisch-theoretisch als auch auf empirischen Daten basierend stellten Forschende der Archäologie, Bauforschung, Architektur, Denkmalpflege, Museologie, Kunstgeschichte und Geschichtswissenschaften aus Amerika, Europa und Indien und China Studien aus verschiedenen Kontinenten und Epochen, von der Bronzezeit bis zur Zukunft vor. Die Ergebnisse der Fallstudien und Ansätze bildeten den interdisziplinären Rahmen innerhalb dessen schwerpunktmäßig mittelalterliche und neuzeitliche Bauten betrachtet wurden. Die Vergangenheit des Gastgeberlandes Schweden und seiner Nachbarn in Skandinavien war dabei besonders vertreten. Anhand sakraler und säkularer Gebäude, von Repräsentationsbauten der Elite über Werkstätten und einfache Wohnhäuser wurde weniger (aber auch) die Bautechnik diskutiert, als vielmehr die Frage wie sich in ihnen soziale Verhältnisse und Verhalten widerspiegeln.
                                                        So reihte sich das laufende Dissertationsprojekt zu einem einfachen Haus in Caricin Grad / Iustiniana Prima (http://web.rgzm.de/forschung/forschungsfelder/a/article/der-alltag-in-caricin-grad/) in einen Themenblock ein, der sich mit der Frage nach den treibenden Kräften von städtischer Raumorganisation auseinandersetzte. In spätantiken und frühbyzantinischen Städten wurden bereits früh einfach gebaute Strukturen im vormals regulären Stadtbild festgestellt, die auch in historischen Quellen Niederschlag fanden. Falls sie nicht direkt abgetragen wurden, blieb ihre archäologische Beobachtung jedoch meist auf einem deskriptiven Niveau und einer losen Einordnung in langfristige Wandlungsprozesse. Die einfache Architektur wurde als eine „Zerfallserscheinung“ des einstmals glänzenden römischen Imperiums gering geschätzt. Dezidierte Analysen des Phänomes blieb daher bisher aus, was sich nun langsam ändert. Hinter der Vorstellung dieser einfachen architektonischen Strukturen stand der Appell an die Forschungsgemeinschaft, auch dem einfachen Wohnraum einen Platz und eine Bedeutung in der Wissenschaft einzuräumen. Dieser Ruf fand sein Echo auch in anderen Tagungsbeiträgen. So bemerkte Marianne Hem Eriksen (Projektblog Archdwell: https://archdwell.com/) dazu treffend, dass Wohnen und Alltag zu oft als „normal“ unproblematisiert bleiben und als neutrale Kulisse für die Events in einer Gesellschaft gelten, ein Ruf, der der Komplexität der Thematik nicht ansatzweise gerecht wird.

                                                        Führung durch das Stadshus. Das Mosaik (um 1920) im Goldenen Saal zeigt an der Südwand symbolisch aufgeladene Stockholmer Gebäude.
                                                        (Foto: Linda Qviström, m. frundl. Genehmigung)

                                                        Einen weiteren Schwerpunkt bildeten der wissenschaftliche Umgang mit dem kulturellen (Bau-)Erbe und seine Vermittlung. So fanden auch die digitale und handwerkliche Erforschung und Rekonstruktion von Gebäuden und die Art ihrer Präsentation in Freilichtmuseen ein interessiertes Publikum. Exkursionen in die Altstadt Stockholms und das Freilichtmuseum Skansen rundeten das Programm ab. So vielseitig die Zeitstellungen und Regionen waren, so vielfältig waren auch die Themen, sodass alle Teilnehmenden neue Ideen und Inspirationen versorgt aus der Tagung mitnehmen konnten. Ein Zeitplan für die Publikation steht bereits, sodass die Inhalte der Diskussionen planmäßig bereits 2018 auch einem breiteren Publikum zugänglich sein sollen. Die nächste Tagung des BISI-Formats ist für 2020 in Südengland avisiert.

                                                        Freilichtmuseum Skansen, Rekonstruktion eines samischen Lagergebäudes. Im Hintergrund Blick auf Stockhom mit dem Nordischen Museum und dem Vasa Museum (von links nach rechts).
                                                        (Foto: J. Steinborn)

                                                        Links

                                                        Rubrik: Unbrauchbare Fundzettel (4)

                                                        (Foto: R. Schreg)
                                                        Im Rahmen einer Tübinger Lehrveranstaltung sichten und ordnen wir nun den schriftlichen Nachlass von A. Kley. Das gibt Einblicke in die Potentiale und Probleme alter Sammlungen, Erfahrungen im Umgang mit problematischen Dokumentationen und eine Sensibilisierung für zentrale Aspekte analoger Datenhaltung (Stifte, Papier, Informationsgehalt der Beschreibungen etc.).

                                                        Kulturgut in Syrien und Irak im Mai 2017

                                                        Daesh erregt inzwischen mehr Aufmerksamkeit durch Terroranschläge im Ausland als durch seinen „Staat“ in Syrien und Irak. Die Kämpfe dauern jedoch an – in Mosul, in der region Idlib und in Rakka. Von dort sind nun Daesh-Kämpfer auf der Flucht nach Palmyra, wo sie angeblich von der russischen Luftwaffe vernichtet wurden. Russische Medien behaupten, die kurdischen Rebellen hätten Daesh einen Abmarsch nach Palmyra erlaubt.
                                                        Nach wie vor gehen die Gefahren für das Kulturerbe nicht allein von Daesh aus, sondern ebenso von dem Machtvakuum, das Plünderungen begünstigt. Dabei geht es nicht nur um den internationalen Kunstmarkt und die damit verbundene Antikenhehlerei und Raubgrabungen, sondern auch um Steine antiker Bauten als Baumaterial.

                                                        Schadensmeldungen

                                                        •  Jahrtausende bewahrt, in Stunden zerstört. FAZ  (Print)  Nr. 84, 8.4.2017, S. 11·  – hebt vor allem auf die Zerstörungen in Raqqa ab.

                                                            Die Zeit der Daesh-Propaganda mittels Zerstörungen ist noch nicht vorbei:

                                                            Antikenhehlerei:

                                                              Tagungen, Maßnahmen und Aktionen

                                                              Kulturgutzerstörung als Kriegsverbrechen

                                                              Save Hafen

                                                              Schweizer Ermittlungen gegen Antikenhehlerei

                                                                   Training für Fachleute

                                                                  Archäologie-Klasse für syrische Flüchtlinge in Jordanien

                                                                  Archäologie als Bildungsprogramm und Therapie: Projekt in Umm el-Jimal

                                                                    Culture at Risk: International Symposium on Illicit Trafficking of Cultural Goods. 

                                                                    March 31, 2017 at Medelhavsmuseet/The Museum of Mediterranean and Near Eastern Antiquities, Stockholm, Sweden.

                                                                      ArcHerNet

                                                                      neue Website des 2016 gegründeten Kompetenznetzwerks deutscher Partner (u.a. des RGZM) mit dem gemeinsamen Ziel, Kulturerhalt im Ausland zu unterstützen:

                                                                      zum Netzwerk:

                                                                      u.a. Aktivitäten zu Syrien:

                                                                        Europarat-Konvention

                                                                          Restaurierungen

                                                                            Links

                                                                            frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

                                                                            Dank an diverse Kollegen für Hinweise und Übersetzungen.

                                                                              Kloster Cluny in der regionalen Siedlungsgeschichte

                                                                              Das Kloster von Cluny in Burgund ist als Zentrum der cluniazensischen Klosterreform des 10. Jahrhunderts von überregionaler Bedeutung. Um 910 gegründet, wurde es durch seine gut mit dem Hochadel und dem Königsfamilie vernetzten Äbte rasch außerordentlich wohlhabend. Das Kloster erhielt zahlreiche Schenkungen und konnte Besitztümer in der Umgebung hinzu kaufen.

                                                                              Cluny
                                                                              (Foto: R.Schreg)

                                                                              Die Lage des Klosters in einem sanften, fruchtbaren Nebental der Sâone repräsentierte möglicherweise einen idealen „locus amoenus“. Schriftliche wie archäologische Quellen lassen bei einer näheren Betrachtung erkennen, dass Cluny tatsächlich in einer eher abgelegenen, marginalen Landschaft gegründet wurde.

                                                                              Eine Kartierung der frühmittelalterlichen Gräberfelder, wie sie sich aus der Carte archéologique de la Gaule (Rebourg 1994) gewinnen lässt, zeigt, dass das obere Tal der Grosne um Cluny im frühen Mittelalter keine Fundstellen aufweist. Entlang der Sâone und auch im unteren Talabschnitt der Grosne nördlich von Cluny liegen beigabenführende Gräberfelder im Abstand von wenigen Kilometern, und umgeben Cluny und seinen frühen Besitz im Norden und Osten. Dieses Fehlen von Gräberfeldern ist allerdings nicht zwingend ein Indiz dafür, dass der Talabschnitt unbesiedelte Wildnis war. Der Befund deutet aber doch an, dass hier keine zentralen Bauerndörfer lagen. Wie die Siedlungsgeschichte zwischen dem Ende der Beigabensitte und der Klostergründung verlief, ist zumindest mit archäologischen Funden kaum festzustellen.

                                                                              Zur Gründungsausstattung des Kloster stiftete der Herzog von Aquitanien Wilhelm I jedoch Land, das im wesentlichen zu einem Jagdrevier gehört hatte – Land also, das nicht ungenutzt war, aber einer besonderen herrschaftlichen Landnutzung unterlag.

                                                                              Stellt man den frühen Klosterbesitz (Rosenwein 1989) der Kartierung der frühmittelalterlichen Grabfunde der Region gegenüber, zeigt sich, dass das Kloster vor allem abseits der alten Siedlungszentren Besitz ansammeln konnte. Nur im Nordosten erhielt das Kloster auch Schenkungen aus Landstrichen, die nach Ausweis der Grabfunde schon früher besiedelt waren.
                                                                              Die kartierten Besitzungen, die das Kloster gekauft oder geschenkt bekommen hat, wurden wohl nicht erst durch das Kloster erschlossen. Sie liegen aber auffallend in den Lücken zwischen den durch Gräberfelder markierten alten Siedlungszonen. Insgesamt sind deutlich intensivere Erwerbungen nördlich des Klosters zu erkennen, die sich überwiegend an den Tälern orientieren. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Ortsbezeichung sich auf die Gemarkungen bzw. das Wirtschaftsland der in den Tälern liegenden Siedlungen liegt, sich die konkreten Grundstücke aber durchaus auch in entfernteren, evtl. höheren Lagen befunden haben können. Das ist eine Frage der räumlichen Auflösung, die eine Ortsangabe nach Bezug auf die Siedlung, leisten kann.

                                                                              Frühmittelalerliche Bestattungen und hochmitterliche Besitzerwerbungen
                                                                              (Graphik R.Schreg)

                                                                              Gleichwohl stellt sich die Frage, weshab die Erwerbungen des Klosters Cluny vor allem jene Gebiete betreffen, die im frühen Mittelalter keine Bestattungsplätze aufweisen. Fassen wir damit das Ideal des Klosters, in der Abgeschiedenheit zu leben? Oder handelt es sich um spät aufgesiedelte Gebiete, in denen die Besitzstrukturen flexibler und unsicherer waren? Gerade im Umland von Cluny lässt sich zeigen, dass Schenkungen an das Kloster oft durch die Intention der Schenker motiviert waren, den Besitz nicht aus der Hand zu geben.  Guy Bois hat beispielsweise die Entstehung eines Immobilienmaktes postuliert, der dazu geführt hat, dass verschuldte Höfe Gefahr liefen, ihr Land verkaufen zu müssen. Eine rechtzeitige Stiftung an das Kloster mit einem Nutzungsrecht für sich und die kommenden Generationen, konnte dieses Risiko abwehren.  Waren also entweder in diesen Gebieten die Besitzansprüche weniger gefestigt als im Altsiedelland oder waren diese Gebiete wirtschaftlich riskanter und die Höfe eher verschuldet?

                                                                              Die Archäologie kann dazu im Augenblick wenig beitragen. Sie muss sich darauf beschränken, die besondere Lage der Besitzerwerbungen des Klosters in der Siedlungslandschaft zu konstatieren. Genauere Untersuchungen zu den wirtschaftlichen Verhältnissen der regionalen Siedlungen von archäologischer Seite liegen m.W. derzeit nicht vor. Die relativ detaillierte schriftliche Überlieferung zu Lournand lässt aber Mitte des 10. Jahrhunderts eine stattliche Siedlung mit 75 Gütern erkennen, die überwiegend auf Ackerbau beruhte, aber auch über Weinberge verfügte. Im Ort spielten wohl Kleinbauern eine wichtige Rolle. Das sind wesentliche Charakteristika der Siedlungen im Altsiedelland, die zeigen, dass die Erwerbungen des Klosters in dieser Region nicht etwa ärmliche, erst jüngst gegründete Ausbausiedlungen betrafen.

                                                                              Literaturverweise

                                                                              • G. Bois, Umbruch im Jahr 1000. Lournand bei Cluny – ein Dorf in Frankreich zwischen Spätantike und Feudalherrschaft (München 1999). 
                                                                              •  A. Rebourg, Saône-et-Loire, Carte archéologique de la Gaule 71/4 (Paris 1994)
                                                                              •  B. H. Rosenwein, To be the neighbour of Saint Peter. The social meaning of Cluny’s property 909-1049 (Ithaca 1989)
                                                                              •  R. Schreg, Mönche als Pioniere in der Wildnis? Aspekte des mittelalterlichen Landesausbaus. In: M. Krätschmer, Marco/ K. Thode/ C. Vossler-Wolf, Christina (Hrsg.), Klöster und ihre Ressourcen. Räume und Reformen monastischer Gemeinschaften im Mittelalter. RessourcenKulturen (Tübingen 2017 in Vorber.)