Planet History

Archaeologik

Archäologie auf der Krim

Die ukrainische Staatsanwaltschaft ermittelt gegen russische Archäologen wegen illegaler Grabungen auf der Krim. Sie hat eine Liste mit über 60 Namen publiziert, gegen die sie Anklage erheben und einen internationale Haftbefehle erwirken will. Ukrainische Archäologen fordern von der EAA eine Beendigung der Kooperationen mit den betreffenden russischen Kollegen.
Ukrainischer Protest gegen eine Ausstellung in Moskau, in der Funde gezeigt werden, die nach 2014 auf der Krim gemacht wurden:

Schwierig!

      Raubgrabungsfunde für ein biblisches Disneyland – Der Fall „Hobby Lobby“

      Beitrag von Jutta Zerres

      Amerikanische Medien berichteten in den letzten Tagen, dass Steve Green, einer der Gründer der amerikanischen Einzelhandelskette „Hobby Lobby“, vom Department of Justice zur Rückgabe von rund 5000 Antiken an den Irak und zur Zahlung einer Strafe von 3 Mio $ verurteilt wurde.

      Hobby Lobby-Filiale in Stow/Ohio
      (Foto: DangApricot [CC BY-SA 3.0] via Wikimedia Commons)

      Es handele sich dabei um Keilschrifttafeln, Tonsiegelabdrücke und Rollsiegel aus Mesopotamien  Der Unternehmer habe die Objekte aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und Israel angekauft. Diese seien dann bei der Einfuhr in die USA als „Muster von handgemachten Tontafeln“ zum Preis von 250 $ falsch deklariert worden. Außerdem habe es falsche Herkunftsangaben gegeben, wonach die Stücke aus Israel oder der Türkei stammen sollten. Diese Vorgehensweise lege den Verdacht nahe, dass es sich um Raubgrabungsfunde handele. Gestützt wird diese Annahme durch die Aussage von Kulturgut-Experten. Diese halten den Aufbau einer solch großen Sammlung in so kurzen Zeit – Green hatte die Ankäufe 2010 und 2011 getätigt – alleine mit legal gehandelten Funden nicht für möglich.
      Vor Begutachtung der Ware in den vereinigten Arabischen Emiraten hat eine Expertin explizit auf die Rechtslage sowie die Raubgrabungsproblematik hingewiesen und von einem Kauf abgeraten. Die Art und Weise der Lieferung wie der Bezahlung (an mehrere Strohmänner) macht deutlich, dass bewusst gegen Export- und Importbestimmungen verstoßen wurde.

      (Foto: Public Domain via Pixaby)
      Das Vorgehen der millionenschweren Unternehmers ist aber nicht nur aus der Perspektive des Kulturgüterschutzes äußerst problematisch. Ebenso fragwürdig ist seine Motivation für den Ankauf der Objekte. Der evangelikale Christ, der sich seit Jahren für eine Aufhebung der Trennung von Staat und Kirche in den USA einsetzt, plant den Bau eines Bibel-Museums in Washington DC. Es handele sich um den größten Museumsbau der amerikanischen Hauptstadt, der in bester Lage in der Nähe des Capitols für ca. 800 Mio $ Baukosten entstehen soll. Die Ausstellungskonzeption zielt darauf ab, die Geschichte des Nahen Ostens in der Perspektive von Greens fundamental-christlicher Weltanschauung zu inszenieren und die Historizität der Bibel zu untermauern. Die archäologischen Funde und alle weiteren Objekte sollen als Belege und Illustration dienen. Die Newsweek-Journalistin Nina Burleigh bemerkte sinngemäß in einem Bericht über den Vorgang, dass das Geschichtsbild von Greens Bibel-Museum besser in eine Sonntagschule in Oklahoma City passe als in die Hauptstadt eines weltanschaulich heterogenen Staates wie die USA. Es handele sich um ein archäologisches Disneyland.

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        Der „March for Science“ lebt fort! #BlogsforScience

        Auf Wissenschaft kommuniziert hat Reiner Korbmann Reaktionen auf den „March for Science“ am 22. April 2017 gesammelt. Wissenschaftler demonstrierten für eine Gesellschaft, in der Fakten eine Basis des konstruktiven Dialogs und demokratischer Entscheidungen sind, und höher gewertet werden als irgendwelche Meinungen. „Es geht gegen „alternative Fakten“, „Fake News“ und gegen Befindlichkeiten als Grundlage gesellschaftlicher Kommunikation. Ein Anliegen, das Wissenschaft und Gesellschaft gleichermaßen betrifft, ein zentrales Anliegen der Wissenschaftskommunikation.

        Nach einer ersten Bilanz der Reaktionen auf den March for Science, der weltweit in 600 Städten stattgefunden hat, plädierte Korbmann für eine Institutionalisierung des „March for Science, um dieses Ziel der Wissenschaftskommunikation kontinuierlich weiter zu ervfolgen und das Anliegen auch in die Politik einzubringen.

        „Der „March for Science“ war ein einmaliges Ereignis für die Wissenschaftskommunikation. Nie vorher hat sich die Wissenschaft so intensiv Gedanken gemacht über ihr Verhältnis zur modernen Gesellschaft – und dies durch eine gesellschaftspolitische Demonstration zum Ausdruck gebracht.“ Auf Wissenschaft kommuniziert sind 14 Vorträge dokumentiert, die beim „March for Science“ gehalten wurden. Sie beleuchten unterschiedliche Aspekte der Wissenschaftskommunikation und deer Wissenschaft selbst.

        In seinem Beitrag zum March for Science in Kiel hob beispielsweise Prof. Konrad Ott, Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie und Ethik der Umwelt , Harry Frankfurt folgend, die Eigenheiten des „bullshits“ hervor, der hier fast schon den Rang eines Fachbegriffes erhält. Neben der platten Lüge, die der Wahrheit bewusst widerspricht und sie damit aber auch voraussetzt, gibt es noch andere Sprechweisen, die der Wahrheit konträr gegenüber stehen: „Humbug“, leeres Gerede, „Phrasendrescherei“, „Dampfplauderei“, „Schönrednerei“, „phoniness“ und eben auch „bullshit“.

        Für „bullshit“ ist die Wahrheit gar nicht relevant. Hier werden Behauptungen in die Welt gesetzt, ohne dass Verantwortung für ihre Richtigkeit übernommen wird. Entscheidend ist, dass der „bullshit“ Gehör und Anhänger gewinnt, Argumentation ist hier allenfalls vorgeblendet“ Dem “bullshiter” ist Wahrheit „egal“, er/sie will nur mit “bullshiting” durchkommen, d.h. irgendwelche Erfolge einstreichen. Frankfurt meint daher, bullshit sei ein größerer Feind der Wahrheit als es Lügen sein können.

        Der Münchner Technikhistoriker Helmut Trischler zog 5 Lehren aus der aktuellen Situation:

        1. Wenn mitten in Europa autoritär-populistische Regime ihnen unbequeme Universitäten zu schließen drohen, müssen Wissenschaftler öffentlich ihre Stimme erheben und letztlich auch ganz dezidiert im politischen Raum agieren.
        2. Wir müssen die Deutungskonkurrenz wissenschaftlichen Wissens zu anderen Wissensformen anerkennen.
        3. Wissenschaft muss sich radikal zur Gesellschaft hin öffnen.
        4. Wir brauchen starke Natur- und Ingenieurwissenschaften, aber wir brauchen auch starke Geistes- und Kulturwissenschaften.
        5. Wir müssen den Kosmopolitanismus der Wissenschaft nutzen.

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        Eiszeithöhlen der Schwäbischen Alb als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt

        Geschoßspitze mit abgeschrägter Basis aus
        der Brillenhöhle bei Blaubeuren-Weiler.
        Sie wurde 1952 von A. Kley gefunden und
        gemeldet. Sie rückte die  Fundstelle
        in den Blick der Forschung und gab
        Anlaß zu den Grabungen durch G. Riek
        1955-1963.
        (Slg. A. Kley, Foto: R. Schreg)
        Auf der Sitzung des Welterbekommitees der UNESCO in Krakau wurden am 9.7.2017 die paläolithischen Fundstellen im Lone- und Aachtal auf der Schwäbischen Alb zum Weltkulturerbe erklärt.
        Ein erster Kommentar:

        Noch vor kurzem gab es heftige Auseinandersetzungen um den Bau von Windkraftanlagen im direkten Umfeld des Lonetals.

        Interner Link

        Kulturgut in Syrien und Irak (Juni 2017)

          Mit Daesh scheint es in Syrien und Irak als Territorialmacht zu Ende zu gehen. Mosul fast vollständig erobert, Raqqa umzingelt und die letzten IS-Krieger aus der Region Aleppo abgezogen. Damit ist der Bürgerkrieg nicht zu Ende und auch das Risiko für das kulturelle Erbe nicht. Man sollte nicht vergessen, das Kollateralschäden und Plünderungen schon vor dem Aufstieg des IS/Daesh in Syrien an der Tagesordnung waren.

          Mosul

          Daesh ist im syrischen Raqqa und im irakischen Mosul unter militärischem Druck. Im umkämpften westlichen Stadtgebiet von Mosul hat Daesh zeigen aktuelle Luftbilder, dass die Al Nuri-Moschee und das Hadba Minaret zerstört sind. Daesh beschuldigt die USA die Moschee sei durch amerikanische Luftangriffe zerstört worden. Die irakische Regierung wertet die Zerstörung der Moschee im letzten umkämpften Stadtgebiet in Mosul als „Zeichen der Niederlage“. In der Al-Nuri-Moschee hatte Abu Bakr al-Baghdadi im Juni 2014  das Kaliphat des Daesh ausgerufen. Videos (einer Überwachungskamera??) sollen jedoch zeigen, wie Dschihadisten Sprengsätze in der Moschee installierten.
          2014 hat Daesh bereits andere Moscheen in Mosul gesprengt.  2015 zerstörte Daesh das Museum von Mosul (http://archaeologik.blogspot.de/2015/03/is-wutet-im-museum-von-mossul-syrien.html). Bei den Kämpfen um Mosul ging die Front mehrfach über das Museum hinweg. Nach einer Meldung auf facebook wurde es am 14.6.2017 erneut von Daesh besetzt (https://www.facebook.com/layla.mss/posts/1572996802710859).

          Am 28.6. wurde die zerstörte Moschee von irakischen Regierungstruppen erobert:

            Bilder der Zerstörungen

            Zerstörungen in der Bibliothek von Mosul

            Zu Moschee und Minarett

            Das Minaret war der älteste Bauteil der 1172-73 durch Nur ad-Din Zangi erbauten Moschee.

            Immerhin liegt ein 3D-Modell des Minaretts nach einer Aufnahme von 2012 durch  P. Vavrečka;  Oriental Institute in Prag vor.

              Mosul. Der Yezidi Schrein links sowie das schief stehende Hadba Minaret derNouri Moschee in einer historischen Aufnahme von 1932.
              (Public Domain via Wikimedia Commons)

              Raqqa/ Daraa

              Um die beiden Städte Raqqa und Daraa in Syrien wird derzeit offenbar ebenso hart gekämpft, doch sind Meldungen dazu relativ spärlich. Nach einem Bericht auf Daily Beast zerbomben die US-Truppe und die ‚demokratischen‘ syrischen Kräfte die Stadt systematisch, ohne Rücksicht auf die Bevölkerung (und die Bausubstanz der Stadt).
              Das Museum in Raqqa wurde bereits im November 2013 geplündert – bevor Daesh die Stadt erobert hat (http://archaeologik.blogspot.de/2013/11/ausgeraubt-das-museum-von-raqqah.html).  

               50 km südwestlich von Raqqa wurde die antike Stadt Resafa „befreit“:

               weitere Schadensberichte

              Antikenhehlerei

              Palmyrenische Reliefs in Homs sicher gestellt.

              und in einem Haus in Palmyra:

                    Sicherungsmaßnahmen / Restaurierungen/ Wiederaufbau

                    Idlib:

                    Aleppo

                    Projekt EAMENA

                    Idleb Antiquities Center

                      Ausstellung in der Campusbibliothek der Freien Universität Berlin über die Grabungen in Tell Schech Hamad

                        Tagungen

                        Tagung zu den Zerstörungen und Plünderungen von Daesh am 3. Juni in Grand Pressigny organisiert von HAPPAH:

                        Smithsonian Institute / US Department of State: 

                          Lokales Engagement in Mossul

                          Ausbildung von Restauratoren und Handwerkern

                          WMF in Jordanien

                          Weitere Medienberichte

                          Viele Käufer am internationalen Markt sind aber durchaus bereit, für interessante Objekte viel Geld zu bezahlen. Damit nehmen sie in Kauf, dass der Irak und Syrien nach der menschlichen Katastrophe, die die Kriege mit sich brachten, am Ende auch noch ihres kulturellen Erbes beraubt werden.

                            Wikipedia-Einträge zu den Zerstörungen durch Daesh

                              Links

                              frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

                              Dank an diverse Kollegen für Hinweise und Übersetzungen.

                                Sklaven aus Afrika – in Europa

                                Eine Serie auf dem Portal L.I.S.A. der Gerda-Henkel-Stiftung berichtet über die bioarchäologische Auswertung eines Bestattungsplatzes afrikanischer Sklaven in Lagos in Portugal. Der Platz gehört noch in das späte 15. Jahrhundert und geht dem Sklavenhandel in die Neue Welt noch voraus.

                                Italien: Kunstschmuggel wird als Bildung einer kriminellen Vereinigung gewertet

                                Vorgesehen sind Haftstrafen für

                                • Raubgrabungen, Plünderungen und Schmuggel von Antiquitäten – bis zu acht Jahre
                                • illegale Sondagen – bis zu zwei Jahre
                                • die Behinderung von Ermittlungen zur Identifizierung der Herkunft gestohlener Kunstwerke – zwischen fünf und 14 Jahren  – Das könnte auch die üblichen falschen Provenienzangaben im Kunsthandel betreffen.

                                Kunstschmuggel soll der Bildung einer kriminellen Vereinigung gleichgestellt werden.

                                Großes Interesse der Bürger in Deutschland an Archäologie und Antike

                                In einer Umfrage wurden im Winter 2015/16 im Großraum Düsseldorf mit Papier und Online-Formularen mehr als 1200 Bürger zu ihrem Interesse an Archäologie und Alter Geschichte befragt. Demnach hat die Bevölkerung in Deutschland ein hohes persönliches Interesse an den Themenfeldern Archäologie, Antike und Altertum. 46 % der Befragten bezeichnen ihr Interesse als stark bis sehr stark. 88 % der Bevölkerung schätzen sie auch bei geringem eigenem Interesse als wichtig bis sehr wichtig ein. Hoch ist mit 57% auch die Bereitschaft für den Erhalt antiker Stätten oder Dinge zu spenden. Das Interesse an einem aktiven Mitwirken an Reenactment-Ereignissen liegt bei 53 %, wobei dieser Wunsch bei Jugendlichen (15–19 Jahre) deutlich geringer ist. Nur 29% der Befragten äußerten ein Interesse an Mitsprache bei archäologisch relevanten Entscheidungen. „Der Wunsch nach einem Mitspracherecht hängt mit dem Bildungsstand zusammen.“ Erwachsene mit Hochschulabschluss haben ein ausgeprägteres Interesse daran. „Die Ergebnisse ähneln den Resultaten einer ebenfalls von Studierenden im Jahr 2014 im Großraum Wien durchgeführten Studie mit 500 Befragten (Karl u.a., 2014). Im Vergleich Deutschland – Österreich erweist sich der Enthusiasmus für Antike, Altertum und Archäologie in Deutschland sogar als leicht höher als in Österreich.“
                                Der Artikel von Frank Siegmund und den Teilnehmern eines Seminars an der Universität Düsseldorf präsentiert die Ergebnisse im Detail. Sie sind wichtig für die Abschätzung, wie stark das Publikum für die Wissenschaft ist, was die Potentiale bürgerlichen Engagements betrifft, aber auch, was etwa die Umsetzung von Bürgerbeteiligung betrifft.

                                Gift für die Forschung

                                Ein französischer Blog von Jean-David Desforges, schlicht „Le blog de Jean-David Desforges“ sammelt  international Presseinformationen über das Problem der Raubgrabungen. Der älteste Eintrag reicht bis 1996 zurück. Ein spezielles Augenmerk gilt dem englischen PAS, das als Ausverkauf der Archäologie verstanden wird.

                                Ici sont proposés articles de presse, informations, prises de position et réflexions contre le pillage du patrimoine archéologique, sa toxicité pour la recherche et la connaissance du patrimoine par tous.

                                Profite für Schatzjäger? Die Bergung der San José

                                Seeschlacht vor Cartagena 8. Mai 1708:
                                Die San José wird von britischen Kriegsschiffen versenkt.
                                Gemälde von Samuel Scott vor 1772
                                (National Maritime Museum in Greenwich, Public Domain
                                via Wikimedia Commons)

                                Kritik an der wenig transparenten Umsetzung der Bergung der San José vor der Küste Kolumbiens:

                                Die aktuelle Ankündigung der Bergung  durch den kolumbianischen Staatspräsidenten:

                                Interner Link

                                Denkmalpflege in den neuen Landesregierungen NRW und S-H

                                verändert nach
                                Wikimedia Commons
                                Der Koalitionsvertrag zwischen CDU und FDP für Nordrhein-Westfalen 2017-2022 erklärt zum Denkmalschutz:

                                Denkmalpflege

                                Wir bekennen uns zu der in der Landesverfassung verankerten Verantwortung für den Erhalt der Denkmäler des Landes. Gemeinsam mit dem vorhandenen ehrenamtlichen Engagement in der Denkmalpflege wollen wir das archäologische und baukulturelle Erbe des Landes für künftige Generationen erhalten. Dazu werden wir unter anderem die Fördermittel für die Baudenkmalpflege wieder auf jährlich rund 12 Millionen Euro anheben.

                                 und

                                Erhalt und Pflege unseres kulturellen Erbes

                                Der Erhalt unseres kulturellen Erbes, seine Restaurierung, Bewahrung und kontinuierliche wissenschaftliche Bearbeitung sind ebenso zu fördern wie die Pflege immaterieller Überlieferungen, von Mundarten wie dem gefährdeten Niederdeutsch, von Brauchtümern und Traditionen. In diesem Sinne werden wir Kultur und Denkmalpflege gleichermaßen fördern und den Ausstieg des Landes aus der Denkmalpflege rückgängig machen. Wir werden die Mittel zum kulturellen Substanzerhalt erhöhen und den Erhalt und die Pflege immaterieller Kulturgüter durch unterschiedliche Institutionen und Verbände unterstützen.
                                Landesgeschichte und Landesidentität gehören untrennbar zusammen. Aus diesem Grund soll die Idee eines „Hauses der Geschichte Nordrhein-Westfalens“ in unmittelbarer Nähe zum Landtag aufgegriffen werden. Experten aus Universitäten, Instituten, Museen und Publizistik, Landtag und Landesregierung sollen dazu ein unabhängiges und überparteiliches Konzept entwickeln.

                                Vor etwa 4 Jahren war es in NRW unter der rot-grünen Regierung zu massiven Kürzungen in der Denkmalpflege gekommen, die durch öffentlichen Druck und eine Petition zumindest abgemildert werden konnten (vergl. Archaeologik unter dem Label Nordrhein-Westfalen – Finanzkürzungen).  Der Koalitionsvertrag bezieht sich ausdrücklich darauf und versucht die Schäden auszugleichen.
                                (via WikimediaCommons)
                                In Schleswig-Holstein hat die Denkmalpflege im Koalitionsvertrag einen deutlich anderen Stellenwert. Hier werden vor allem Einzelprojekte angesprochen, während ein klares Bekenntnis zum Denkmalschutz fehlt. Die Ankündigung einer Novellierung des Denkmalschutzgesetzes thematisiert lediglich eine Stärkung der Eigentümerrechte.

                                Umsetzung kulturpolitischer Projekte

                                Die Koalition bekennt sich zur Weiterentwicklung der wichtigen Projekte der Kulturinfrastruktur: (…) die Umsetzung der Modernisierung der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf (einschließlich der Errichtung eines Ausstellungs- und Eingangsgebäudes im Freilichtmuseum in Molfsee und der Umsetzung des Masterplans auf der Museumsinsel Gottorf), die Schaffung von Rahmenbedingungen, um das Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie in die Leibniz Gemeinschaft zu überführen, (…).

                                 sowie

                                Weltkulturerbe Danewerk und Haithabu
                                Unser Ziel ist die Anerkennung des Danewerks und Haithabu als Weltkulturerbe. Für die dafür notwendige Sicherung der Waldemarsmauer wird das Land Mittel bereitstellen.

                                Im Kontext des Küstenschutzes wird noch konkret die Stadt Lauenburg angesprochen:

                                Wir gewährleisten die langfristige und nachhaltige Sicherheit vor Sturmfluten und Küstenabbrüchen an den Küsten von Nord- und Ostsee sowie vor Hochwasser und Starkniederschlägen in den Einzugsgebieten Schleswig-Holsteins. Wir werden das Risikobewusstsein für Gefahren durch Sturmfluten und Binnenhochwasser in den betroffenen Regionen stärken. Dabei werden wir die Wasser- und Bodenverbände in die bevorstehenden Herausforderungen der Zukunft einbinden.

                                Angesichts erhöhter Hochwasserrisiken werden wir die Kostenübernahme des Landes für die Hochwassergebiete der Stadt Lauenburg aufgrund ihres hohen Denkmalschutzwertes zu 90 Prozent umsetzen.

                                Generell findet sich zur Denkmalpflege eine Ankündigung der Novellierung des Denkmalschutzgesetzes, zu der lediglich vermerkt wird:

                                Denkmalschutz
                                Wir werden das Denkmalschutzgesetz und dessen Anwendung evaluieren und gegebenenfalls novellieren. Wir werden sorgfältig darauf achten, dass Eigentümerinnen und Eigentümer von Denkmalen bei deren Erhalt unterstützt werden.
                                Insbesondere werden wir sicherstellen, dass sie schnell über die Eintragung in die Denkmalliste informiert werden und vor Investitionsentscheidungen eine verbindliche Auskunft der Denkmalschutzbehörde verlangen können sowie klare und verlässliche Rahmenbedingungen seitens der Denkmalschutzbehörden erhalten.

                                2012 hatten CDU und FDP versucht, das Denkmalschutzgesetz in Schleswig-Holstein zugunsten wirtschaftlicher Interessen auszuhöhlen – woraufhin der Koalitionsvertrag der vorigen Regierung aus SPD, Grünen und SSW eine Novellierung angekündigt hatte (Schleswig-Holstein: Koalitionsvertrag sieht Novellierung des Denkmalschutzgesetzes vor) und Ende 2014 auch eine Novellierung umgesetzt wurde. Das Bekenntnis zum Denkmalschutz im neuen Koalitionsvertrag ist bestenfalls lauwarm.

                                Encyclopedia of Geoarchaeology

                                Allan S. Gilbert (Hrsg.)

                                Encyclopedia of Geoarchaeology

                                (Cham, Heidelberg: Springer 2017)

                                ISBN 978-1-4020-4409-0

                                1046 S., 158 schwarz-weiß Abbildungen, 310 Farbabbildungen

                                426,93€

                                Im deutschen Sprachraum haben schon die frühen siedlungsarchäologischen Projekte der Pfahlbauforschung Methoden eingesetzt, die man heute dem Kanon der Geoarchäologie zurechnen würde. Mit der Landschaftsarchäologie hat sich auch die Sparte der Geoarchäologie entwickelt und als eigenes Forschungsfeld etabliert, wobei es an den Universitäten mal mehr mit der Archäologie, mal mehr mit der Geographie verbunden ist. Bislang gibt es – auch im englischen Sprachraum – nur eine kleine Auswahl an meist eher knappen Einführungen (Rapp – Hill 2006). Eine detaillierte Übersichtsdarstellung insbesondere der zahlreichen geoarchäologischen Methoden blieb bislang jedoch ein Desiderat – und bleibt es im deutschsprachigen Raum derzeit auch noch. Die hier vorgestellte Enyclopedia of Geoarchaeology bietet einen umfassenden Überblick und kann als eine Einführung in die Geoarchäologie nur empfohlen werden. Die Perspektive des Bandes ist jedoch global und so spiegelt sich die deutsche Forschung und deren besonderen Forschungsfragen und -traditionen in dem Band nur bedingt wieder. Selbstverständlich wird die angesprochene Bedeutung der Pfahlbauforschung dargestellt (S. 617-620), wobei hier auch gezeigt wird, wie die Vorstellung der klassischen Pfahlbauten durch Ferdinand Keller implizit davon ausging, dass sich die Seespiegel seit der Urzeit nur unwesentlich verändert hätten. Die Interpretation der Pfahlbauten als erst später überschwemmte Pfahlbauten, wie sie etwa von Hans Reinerth, Oscar Paret und Emil Vogt vertreten wurden, zeigt die Öffnung des Denkens hin zur Möglichkeit prähistorischer Umweltveränderungen.

                                Der Artikel von Christopher L. Hill  (s.v. Geoarchaeology, History, S. 292-303) gibt einen Überblick über die Forschungsgeschichte der Geoarchäologie. Er verweist auf die weit zurückreichenden Ansätze, geowissenschaftliche Methoden in archäologische und historische Forschungen einzubeziehen. Die Diskussionen im 19. Jahrhundert um den diluvialen Menschen  sind hier ebenso zu nennen wie die Arbeiten von George Perkins Marsh, der schon seit den 1860er Jahren die Mensch-Umwelt-Interaktion thematisierte und dabei eben auch auf die Pfahlbauten verwies. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es zu vielfältigen multidisziplinären Kontakten von Archäologen und Geowissenschaftlern, die zu einer zunehmenden Anwendung geowissenschaftlicher Methoden in der Archäologie führten. Zu nennen sind hier Pollenanalysen, die Dendrochronologie, aber auch die Luftbildarchäologie. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts rückten Archäologie und Geowissenschaften in vielen Projekten enger zueinander, so dass seit den 1970er Jahren der Begriff der Geoarchäologie aufkam. Karl Butzer verwendete den Begriff Anfang  der 1970er Jahren in enger Verbindung mit seiner „ecological archaeology“. In der Praxis stehen bis heute Böden, Sedimente und Landschaftsformen im Vordergrund, doch ist der methodische Rahmen und der theoretische Anspruch weitaus weiter gefasst. So wird Geoarchäologie beispielsweise als Anwendung geowissenschaftlicher Methoden und Konzepte auf archäologische Ablagerungen und Formationsprozesse gesehen oder  – noch umfassender – Geoarchäologie als interdisziplinäre ökologische Disziplin gesehen, die auf die Beziehungen zwischen Mensch und Ökosystemen ausgerichtet ist.

                                Das Nachschlagewerk zeigt die methodische Vielschichtigkeit der modernen Geoarchäologie auf. Es legt ein weites Verständnis von Geoarchäologie zugrunde, das sich in weiten Teilen mit einer Umweltarchäologie überschneidet. 

                                Die Stärken des Buches liegen jedoch in der systematischen Darstellung der einschlägigen Methoden. Ein Beitrag von Michael F. Kolb (Analysis of Carbon, Nitrogen, pH, Phosphorus, and Carbonate as Tools in Geoarchaeological Research, S. 15-24) beispielsweise behandelt die Analyse von Kohlenstoff, Sticksoff, PH-Werten, Phophor und Karbonaten als Methoden der Geoarchäologie. Besprochen werden die Aussagemöglichkeiten und die Analysemethoden. Es gibt fünf Faktoren, die die Bodenbildung maßgeblich beeinflussen: 1) Klima, 2.) Organismen (Tiere und Pflanzen), 3.) das Relief, 4.) das Ausgangsmaterial und 5.) die Zeit. Der Mensch mag unter die Organismen subsumiert werden oder als Punkt 6.) gesondert aufgeführt werden. Chemische Analysen in der Geoarchäologie sind immer vergleichend und benötigen Referenzproben. Da Böden nicht ausschließlich durch den Menschen beeinflusst sind, muss in einem archäologischen Forschungskontext – der ja in der Regel auf den Menschen abzielt – immer eine Datenreferenz gefunden werden, die den Faktor Mensch weitgehend ausschließt. Einen Standort im Umfeld der zu untersuchenden archäologischen Fundstelle zu finden, die keinen anthropogenen Einfluss aufweist, ist indes sehr schwierig, in weiten Teilen der Welt gar unmöglich.
                                Behandelt werden beispielsweise auch die Untersuchung von Tropfsteinen (s.v. speleothems, S. 886-896, Alfred G. Latham) oder Methoden wie Strontium Isotopie (S. 916-919) oder die magnetische Suszeptibilität (S. 939-943), die für die Mikro-Prospektion einzelner Befundkomplexe, die Identifikation von Aktivitätszonen und das Verständnis der Formationsprozesse von Bedeutung sein kann.
                                Einträge gibt es auch zu kulturellen Modifikationen von Böden und Wasserverhältnissen (z.B. anthrosols, S. 24-27; agricultural soils S. 877-883). Nur sehr knapp und beiläufig werden jedoch vormoderne Feldsysteme behandelt, die wohl immer noch eher bei der Geographie verortet und weniger als Teil der Geoarchäologie gesehen werden. So spielen Terrassierungen nur im Rahmen des Beitrags „soils, agricultural“ eine Rolle; Wölbäcker werden nur in Form der südamerikanischen raised fields behandelt. Letzteres geschieht im Kontext eines Beitrags „Canals and Aquaeducts in the Ancient World“ von Charles R. Ortloff (S. 96-104), der Bewässerungssysteme in Südamerika (insbesondere Moche-Tal), dem Nahen Osten und in Kambodscha (Angkor) behandelt.  Altfluren werden offensichtlich nicht als wesentliches Thema der Geoarchäologie verstanden. Tatsächlich sind sie ein ganz zentraler Bestandteil menschlicher Kultur. Nachdem ihre Erforschung lange bei der historischen Geographie lag, die überwiegend typlogisch mit kartographisch überlieferten Flurformen gearbeitet hat, ist ein Forschungsfortschritt eigentlich nur aus einer interdisziplinären Annäherung möglich, bei der die Geoarchäologie in der Bestimmung der langfristigen Entwicklung, Nutzung und Datierung eine zentrale Bedeutung zukommt (Schreg 2016). Insofern ist es bedauerlich, dass dem Themenbereich kein größerer Stellenwert zugemessen wird. Neben den Datierungsmethoden der Böden spielen in der Altflurforschung die Methoden der Fernerkundung eine wesentliche Rolle, die in der vorliegenden Enzyklopädie ebenfalls nur mit einem generellen Artikel über „remote sensing in archaeology“ (S. 703-725). angerissen sind.
                                Ein langer Artikel von Rolfe D. Mandel, Paul Goldberg und Vance T. Holiday behandelt „Site Formation processes“ (S. 797-817), wobei insbesondere die Deponierung im Vordergrund steht. Hier geht es vorranging um natürliche Prozesse der Bodenablagerung und der Verlagerung (vergl. Archaeologik 3.4.2013).

                                Der Band ist eine gute Möglichkeit, sich umfassend über Methoden und Fragestellungen der Geoarchäologie zu informieren. Die Beiträge zu einzelnen Fundstellen zeigen exemplarisch die Anwendungsmöglichkeiten und gehen auch auf die Praxis in Gelände und Labor ein. Überblicksartikel verweisen auf den theoretischen Hintergrund in einer Umwelt- und Landschaftsarchäologie.

                                Stichworte

                                • Ain Ghazal 1
                                • Akrotiri Aetokremnos, Cyprus 3
                                • Alluvial Settings 4
                                • Amino Acid Racemization 14
                                • Analysis of Carbon, Nitrogen, pH, Phosphorus, and Carbonates as Tools in Geoarchaeological Research 15
                                • Anthrosols 24
                                • 40Ar/39Ar and KAr Geochronology 27
                                • Archaeological Stratigraphy 33
                                • Archaeomagnetic Dating 39
                                • Archaeomineralogy 46
                                • Archaeoseismology 47
                                • Arctic Geoarchaeology: Site Formation Processes 57
                                • Artifact Conservation 58
                                • Atapuerca 62
                                • Beringia, Geoarchaeology 65
                                • Big Eddy Site, Missouri 74
                                • Blombos Cave 75
                                • Boxgrove 76
                                • Built Environment 77
                                • Burned-Rock Features 89
                                • Cactus Hill, Virginia 95
                                • Canals and Aqueducts in the Ancient World 96 
                                • Casper Site, Wyoming 105 
                                • Çatalhöyük 105 
                                • Cave Settings 108 
                                • Ceramics 118 
                                • Cerén 128 
                                • Chemical Alteration 129 
                                • Chronostratigraphy 139 
                                • Climatostratigraphy 141 
                                • Coastal Settings 145
                                • Colluvial Settings 157 
                                • Cosmogenic Isotopic Dating 170 
                                • Data Visualization 173 
                                • Dendrochronology 180 
                                • Dmanisi 197 
                                • Dolní Věstonice, Pavlov, Milovice 198 
                                • Dumps and Landfill 199 
                                • Dust Cave, Alabama 205 
                                • Eastern Sahara: Combined Prehistoric Expedition 209 
                                • El Mirón Cave 210 
                                • Electrical Resistivity and Electromagnetism 211 
                                • Electron Probe Microanalyzer 219 
                                • Electron Spin Resonance (ESR) in Archaeological Context 224 
                                • Eolian Settings: Loess 233 
                                • Eolian Settings: Sand 239 
                                • Ethnogeoarchaeology 245 
                                • Experimental Geoarchaeology 251 
                                • Field Geochemistry 263 
                                • Field Survey 271 
                                • Fission Track Dating 274 
                                • Fluorine Dating 275 
                                • Forensic Geoarchaeology 276 
                                • Fourier Transform Infrared Spectroscopy (FTIR) 285 
                                • Gas Chromatography 287 
                                • Geoarchaeology, History (Christopher L. Hill) 292 
                                • Geochemical Sourcing 303 
                                • Geographical Information Systems (GIS) 309 
                                • Geomorphology 314  
                                • Geophysics 323
                                • Gesher Benot Yaaqov 326
                                • Glacial Settings 327
                                • Glass 336
                                • Grain Size Analysis 341
                                • Great Plains Geoarchaeology 348
                                • Grimaldi Caves 366
                                • Ground-Penetrating Radar 367
                                • Harappa 379
                                • Harbors and Ports, Ancient 382
                                • Harris Matrices and the Stratigraphic Record 403
                                • Haua Fteah 410
                                • Hearths and Combustion Features 411
                                • Hohle Fels 425
                                • House Pits and Grubenhäuser 425
                                • Inductively Coupled Plasma-Mass Spectrometry (ICP-MS) 433
                                • Inundated Freshwater Settings 441
                                • Isernia 447
                                • Isochron Dating 448
                                • Java (Indonesia) 451
                                • Kebara Cave 453
                                • Kennewick Man 455
                                • Kostenki, Russia 456
                                • Koster Site, Illinois 457
                                • La Micoque 459
                                • Lake Mungo and Willandra 460
                                • Landscape Archaeology 464
                                • Lead Isotopes 469
                                • Liang Bua 473
                                • Lithics 476
                                • Living Surfaces 486
                                • Loessic Paleolithic, Tajikistan 492
                                • Luminescence Dating of Pottery and Bricks 494
                                • Magnetometry for Archaeology 499
                                • Mass Movement 515
                                • Metals 521
                                • Microstratigraphy 532
                                • Minnesota Messenia Expedition (MME) 537
                                • Monte Circeo Caves 538
                                • Monte Verde 538
                                • Mount Carmel 539
                                • Neutron Activation Analysis 543
                                • Niah Cave 547
                                • Olduvai 549
                                • Optically Stimulated Luminescence (OSL) Dating 550
                                • Organic Residues 555
                                • Ötzi, the Tyrolean Iceman 566
                                • Oxygen Isotopes 567
                                • Paleodemography: Methods and Recent Advances 575
                                • Paleodiet 583
                                • Paleoenvironmental Reconstruction 588
                                • Paleomagnetism 601
                                • Paleopathology 607
                                • Paleoshores (Lakes and Sea) 613
                                • Paludal Settings (Wetland Archaeology) 628
                                • Pastoral Sites 644
                                • Petroglyphs 652
                                • Petrography 660
                                • Pigments 664
                                • Pinnacle Point 672
                                • Pompeii and Herculaneum 675
                                • Poverty Point Site, Louisiana 678
                                • Pre-Clovis Geoarchaeology 679
                                • Privies and Latrines 682
                                • Radiocarbon Dating 689
                                • Raman 702
                                • Remote Sensing in Archaeology 703
                                • Rockshelter Settings 725
                                • Santorini 745
                                • Scanning Electron Microscopy (SEM) 755
                                • Sedimentology 764
                                • Shell Middens 772
                                • Shipwreck Geoarchaeology 788
                                • Site Formation Processes 797
                                • Site Preservation 817
                                • Soil Geomorphology 821
                                • Soil Micromorphology 830
                                • Soil Stratigraphy 841
                                • Soil Survey 856
                                • Soils 862
                                • Soils, Agricultural 877
                                • Southwestern US Geoarchaeology 883
                                • Speleothems 886
                                • Spring Settings 896
                                • Stable Carbon Isotopes in Soils 901
                                • Sterkfontein/Swartkrans/Kromdraai 907
                                • Stonehenge 909
                                • Stratigraphy 913
                                • Strontium Isotopes 916
                                • Submerged Continental Shelf Prehistory 919
                                • Susceptibility 939
                                • Swanscombe 944
                                • Tells 951
                                • Tephrochronology 972
                                • Tombs 978
                                • Trampling 981
                                • Troy 982
                                • Tsunamis 984
                                • Ubeidiya 989
                                • U-Series Dating 992
                                • Volcanoes and People 1001
                                • Wells and Reservoirs 1007
                                • X-ray Diffraction (XRD) 1019
                                • X-ray Fluorescence (XRF) Spectrometry in Geoarchaeology 1025
                                • York 1031
                                • Zhoukoudian 1033

                                Literaturreferenz

                                Rapp – Hill 2006
                                G. Rapp – C. Hill, Geoarchaeology. The earth-science approach to archaeological interpretation² (New Haven, London 2006)

                                Schreg 2016
                                R. Schreg, Mittelalterliche Feldstrukturen in deutschen Mittelgebirgslandschaften – Forschungsfragen, Methoden und Herausforderungen für Archäologie und Geographie, in: J. Klápště (Hrsg.), Agrarian technology in the medieval landscape. Ruralia X (Turnhout 2016) 351–370

                                 

                                What happened in Sweden last month? BISI III !

                                Beitrag von Miriam Steinborn

                                Vom 11.-14. Mai 2017 fand die dritte „Buildings In Society International“-Konferenz in Stockholm  (http://www.archaeology.su.se/om-oss/evenemang/buildings-in-society-international-iii-an-interdisciplinary-approach-1.302986) statt. Im Mittelpunkt stand auch dieses Mal das Verhältnis von Gesellschaften und den Gebäuden, die sie errichten. In welchen sozialen Kontexten werden architektonische Räume geschaffen, und wie prägt die Form der Architektur die soziale Praxis?
                                Sowohl methodisch-theoretisch als auch auf empirischen Daten basierend stellten Forschende der Archäologie, Bauforschung, Architektur, Denkmalpflege, Museologie, Kunstgeschichte und Geschichtswissenschaften aus Amerika, Europa und Indien und China Studien aus verschiedenen Kontinenten und Epochen, von der Bronzezeit bis zur Zukunft vor. Die Ergebnisse der Fallstudien und Ansätze bildeten den interdisziplinären Rahmen innerhalb dessen schwerpunktmäßig mittelalterliche und neuzeitliche Bauten betrachtet wurden. Die Vergangenheit des Gastgeberlandes Schweden und seiner Nachbarn in Skandinavien war dabei besonders vertreten. Anhand sakraler und säkularer Gebäude, von Repräsentationsbauten der Elite über Werkstätten und einfache Wohnhäuser wurde weniger (aber auch) die Bautechnik diskutiert, als vielmehr die Frage wie sich in ihnen soziale Verhältnisse und Verhalten widerspiegeln.
                                So reihte sich das laufende Dissertationsprojekt zu einem einfachen Haus in Caricin Grad / Iustiniana Prima (http://web.rgzm.de/forschung/forschungsfelder/a/article/der-alltag-in-caricin-grad/) in einen Themenblock ein, der sich mit der Frage nach den treibenden Kräften von städtischer Raumorganisation auseinandersetzte. In spätantiken und frühbyzantinischen Städten wurden bereits früh einfach gebaute Strukturen im vormals regulären Stadtbild festgestellt, die auch in historischen Quellen Niederschlag fanden. Falls sie nicht direkt abgetragen wurden, blieb ihre archäologische Beobachtung jedoch meist auf einem deskriptiven Niveau und einer losen Einordnung in langfristige Wandlungsprozesse. Die einfache Architektur wurde als eine „Zerfallserscheinung“ des einstmals glänzenden römischen Imperiums gering geschätzt. Dezidierte Analysen des Phänomes blieb daher bisher aus, was sich nun langsam ändert. Hinter der Vorstellung dieser einfachen architektonischen Strukturen stand der Appell an die Forschungsgemeinschaft, auch dem einfachen Wohnraum einen Platz und eine Bedeutung in der Wissenschaft einzuräumen. Dieser Ruf fand sein Echo auch in anderen Tagungsbeiträgen. So bemerkte Marianne Hem Eriksen (Projektblog Archdwell: https://archdwell.com/) dazu treffend, dass Wohnen und Alltag zu oft als „normal“ unproblematisiert bleiben und als neutrale Kulisse für die Events in einer Gesellschaft gelten, ein Ruf, der der Komplexität der Thematik nicht ansatzweise gerecht wird.

                                Führung durch das Stadshus. Das Mosaik (um 1920) im Goldenen Saal zeigt an der Südwand symbolisch aufgeladene Stockholmer Gebäude.
                                (Foto: Linda Qviström, m. frundl. Genehmigung)

                                Einen weiteren Schwerpunkt bildeten der wissenschaftliche Umgang mit dem kulturellen (Bau-)Erbe und seine Vermittlung. So fanden auch die digitale und handwerkliche Erforschung und Rekonstruktion von Gebäuden und die Art ihrer Präsentation in Freilichtmuseen ein interessiertes Publikum. Exkursionen in die Altstadt Stockholms und das Freilichtmuseum Skansen rundeten das Programm ab. So vielseitig die Zeitstellungen und Regionen waren, so vielfältig waren auch die Themen, sodass alle Teilnehmenden neue Ideen und Inspirationen versorgt aus der Tagung mitnehmen konnten. Ein Zeitplan für die Publikation steht bereits, sodass die Inhalte der Diskussionen planmäßig bereits 2018 auch einem breiteren Publikum zugänglich sein sollen. Die nächste Tagung des BISI-Formats ist für 2020 in Südengland avisiert.

                                Freilichtmuseum Skansen, Rekonstruktion eines samischen Lagergebäudes. Im Hintergrund Blick auf Stockhom mit dem Nordischen Museum und dem Vasa Museum (von links nach rechts).
                                (Foto: J. Steinborn)

                                Links

                                Rubrik: Unbrauchbare Fundzettel (4)

                                (Foto: R. Schreg)
                                Im Rahmen einer Tübinger Lehrveranstaltung sichten und ordnen wir nun den schriftlichen Nachlass von A. Kley. Das gibt Einblicke in die Potentiale und Probleme alter Sammlungen, Erfahrungen im Umgang mit problematischen Dokumentationen und eine Sensibilisierung für zentrale Aspekte analoger Datenhaltung (Stifte, Papier, Informationsgehalt der Beschreibungen etc.).

                                Kulturgut in Syrien und Irak im Mai 2017

                                Daesh erregt inzwischen mehr Aufmerksamkeit durch Terroranschläge im Ausland als durch seinen „Staat“ in Syrien und Irak. Die Kämpfe dauern jedoch an – in Mosul, in der region Idlib und in Rakka. Von dort sind nun Daesh-Kämpfer auf der Flucht nach Palmyra, wo sie angeblich von der russischen Luftwaffe vernichtet wurden. Russische Medien behaupten, die kurdischen Rebellen hätten Daesh einen Abmarsch nach Palmyra erlaubt.
                                Nach wie vor gehen die Gefahren für das Kulturerbe nicht allein von Daesh aus, sondern ebenso von dem Machtvakuum, das Plünderungen begünstigt. Dabei geht es nicht nur um den internationalen Kunstmarkt und die damit verbundene Antikenhehlerei und Raubgrabungen, sondern auch um Steine antiker Bauten als Baumaterial.

                                Schadensmeldungen

                                •  Jahrtausende bewahrt, in Stunden zerstört. FAZ  (Print)  Nr. 84, 8.4.2017, S. 11·  – hebt vor allem auf die Zerstörungen in Raqqa ab.

                                    Die Zeit der Daesh-Propaganda mittels Zerstörungen ist noch nicht vorbei:

                                    Antikenhehlerei:

                                      Tagungen, Maßnahmen und Aktionen

                                      Kulturgutzerstörung als Kriegsverbrechen

                                      Save Hafen

                                      Schweizer Ermittlungen gegen Antikenhehlerei

                                           Training für Fachleute

                                          Archäologie-Klasse für syrische Flüchtlinge in Jordanien

                                          Archäologie als Bildungsprogramm und Therapie: Projekt in Umm el-Jimal

                                            Culture at Risk: International Symposium on Illicit Trafficking of Cultural Goods. 

                                            March 31, 2017 at Medelhavsmuseet/The Museum of Mediterranean and Near Eastern Antiquities, Stockholm, Sweden.

                                              ArcHerNet

                                              neue Website des 2016 gegründeten Kompetenznetzwerks deutscher Partner (u.a. des RGZM) mit dem gemeinsamen Ziel, Kulturerhalt im Ausland zu unterstützen:

                                              zum Netzwerk:

                                              u.a. Aktivitäten zu Syrien:

                                                Europarat-Konvention

                                                  Restaurierungen

                                                    Links

                                                    frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

                                                    Dank an diverse Kollegen für Hinweise und Übersetzungen.

                                                      Kloster Cluny in der regionalen Siedlungsgeschichte

                                                      Das Kloster von Cluny in Burgund ist als Zentrum der cluniazensischen Klosterreform des 10. Jahrhunderts von überregionaler Bedeutung. Um 910 gegründet, wurde es durch seine gut mit dem Hochadel und dem Königsfamilie vernetzten Äbte rasch außerordentlich wohlhabend. Das Kloster erhielt zahlreiche Schenkungen und konnte Besitztümer in der Umgebung hinzu kaufen.

                                                      Cluny
                                                      (Foto: R.Schreg)

                                                      Die Lage des Klosters in einem sanften, fruchtbaren Nebental der Sâone repräsentierte möglicherweise einen idealen „locus amoenus“. Schriftliche wie archäologische Quellen lassen bei einer näheren Betrachtung erkennen, dass Cluny tatsächlich in einer eher abgelegenen, marginalen Landschaft gegründet wurde.

                                                      Eine Kartierung der frühmittelalterlichen Gräberfelder, wie sie sich aus der Carte archéologique de la Gaule (Rebourg 1994) gewinnen lässt, zeigt, dass das obere Tal der Grosne um Cluny im frühen Mittelalter keine Fundstellen aufweist. Entlang der Sâone und auch im unteren Talabschnitt der Grosne nördlich von Cluny liegen beigabenführende Gräberfelder im Abstand von wenigen Kilometern, und umgeben Cluny und seinen frühen Besitz im Norden und Osten. Dieses Fehlen von Gräberfeldern ist allerdings nicht zwingend ein Indiz dafür, dass der Talabschnitt unbesiedelte Wildnis war. Der Befund deutet aber doch an, dass hier keine zentralen Bauerndörfer lagen. Wie die Siedlungsgeschichte zwischen dem Ende der Beigabensitte und der Klostergründung verlief, ist zumindest mit archäologischen Funden kaum festzustellen.

                                                      Zur Gründungsausstattung des Kloster stiftete der Herzog von Aquitanien Wilhelm I jedoch Land, das im wesentlichen zu einem Jagdrevier gehört hatte – Land also, das nicht ungenutzt war, aber einer besonderen herrschaftlichen Landnutzung unterlag.

                                                      Stellt man den frühen Klosterbesitz (Rosenwein 1989) der Kartierung der frühmittelalterlichen Grabfunde der Region gegenüber, zeigt sich, dass das Kloster vor allem abseits der alten Siedlungszentren Besitz ansammeln konnte. Nur im Nordosten erhielt das Kloster auch Schenkungen aus Landstrichen, die nach Ausweis der Grabfunde schon früher besiedelt waren.
                                                      Die kartierten Besitzungen, die das Kloster gekauft oder geschenkt bekommen hat, wurden wohl nicht erst durch das Kloster erschlossen. Sie liegen aber auffallend in den Lücken zwischen den durch Gräberfelder markierten alten Siedlungszonen. Insgesamt sind deutlich intensivere Erwerbungen nördlich des Klosters zu erkennen, die sich überwiegend an den Tälern orientieren. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Ortsbezeichung sich auf die Gemarkungen bzw. das Wirtschaftsland der in den Tälern liegenden Siedlungen liegt, sich die konkreten Grundstücke aber durchaus auch in entfernteren, evtl. höheren Lagen befunden haben können. Das ist eine Frage der räumlichen Auflösung, die eine Ortsangabe nach Bezug auf die Siedlung, leisten kann.

                                                      Frühmittelalerliche Bestattungen und hochmitterliche Besitzerwerbungen
                                                      (Graphik R.Schreg)

                                                      Gleichwohl stellt sich die Frage, weshab die Erwerbungen des Klosters Cluny vor allem jene Gebiete betreffen, die im frühen Mittelalter keine Bestattungsplätze aufweisen. Fassen wir damit das Ideal des Klosters, in der Abgeschiedenheit zu leben? Oder handelt es sich um spät aufgesiedelte Gebiete, in denen die Besitzstrukturen flexibler und unsicherer waren? Gerade im Umland von Cluny lässt sich zeigen, dass Schenkungen an das Kloster oft durch die Intention der Schenker motiviert waren, den Besitz nicht aus der Hand zu geben.  Guy Bois hat beispielsweise die Entstehung eines Immobilienmaktes postuliert, der dazu geführt hat, dass verschuldte Höfe Gefahr liefen, ihr Land verkaufen zu müssen. Eine rechtzeitige Stiftung an das Kloster mit einem Nutzungsrecht für sich und die kommenden Generationen, konnte dieses Risiko abwehren.  Waren also entweder in diesen Gebieten die Besitzansprüche weniger gefestigt als im Altsiedelland oder waren diese Gebiete wirtschaftlich riskanter und die Höfe eher verschuldet?

                                                      Die Archäologie kann dazu im Augenblick wenig beitragen. Sie muss sich darauf beschränken, die besondere Lage der Besitzerwerbungen des Klosters in der Siedlungslandschaft zu konstatieren. Genauere Untersuchungen zu den wirtschaftlichen Verhältnissen der regionalen Siedlungen von archäologischer Seite liegen m.W. derzeit nicht vor. Die relativ detaillierte schriftliche Überlieferung zu Lournand lässt aber Mitte des 10. Jahrhunderts eine stattliche Siedlung mit 75 Gütern erkennen, die überwiegend auf Ackerbau beruhte, aber auch über Weinberge verfügte. Im Ort spielten wohl Kleinbauern eine wichtige Rolle. Das sind wesentliche Charakteristika der Siedlungen im Altsiedelland, die zeigen, dass die Erwerbungen des Klosters in dieser Region nicht etwa ärmliche, erst jüngst gegründete Ausbausiedlungen betrafen.

                                                      Literaturverweise

                                                      • G. Bois, Umbruch im Jahr 1000. Lournand bei Cluny – ein Dorf in Frankreich zwischen Spätantike und Feudalherrschaft (München 1999). 
                                                      •  A. Rebourg, Saône-et-Loire, Carte archéologique de la Gaule 71/4 (Paris 1994)
                                                      •  B. H. Rosenwein, To be the neighbour of Saint Peter. The social meaning of Cluny’s property 909-1049 (Ithaca 1989)
                                                      •  R. Schreg, Mönche als Pioniere in der Wildnis? Aspekte des mittelalterlichen Landesausbaus. In: M. Krätschmer, Marco/ K. Thode/ C. Vossler-Wolf, Christina (Hrsg.), Klöster und ihre Ressourcen. Räume und Reformen monastischer Gemeinschaften im Mittelalter. RessourcenKulturen (Tübingen 2017 in Vorber.)

                                                      Kloster Cluny in der regionalen Siedlungsgeschichte

                                                      Das Kloster von Cluny in Burgund ist als Zentrum der cluniazensischen Klosterreform des 10. Jahrhunderts von überregionaler Bedeutung. Um 910 gegründet, wurde es durch seine gut mit dem Hochadel und dem Königsfamilie vernetzten Äbte rasch außerordentlich wohlhabend. Das Kloster erhielt zahlreiche Schenkungen und konnte Besitztümer in der Umgebung hinzukaufen.

                                                      Cluny
                                                      (Foto: R.Schreg)

                                                      Die Lage des Klosters in einem sanften, fruchtbaren Nebental der Sâone repräsentierte möglicherweise einen idealen „locus amoenus“. Schriftliche wie archäologische Quellen lassen bei einer näheren Betrachtung erkennen, dass Cluny tatsächlich in einer eher abgelegenen, marginalen Landschaft gegründet wurde.

                                                      Eine Kartierung der frühmittelalterlichen Gräberfelder, wie sie sich aus der Carte archéologique de la Gaule (Rebourg 1994) gewinnen lässt, zeigt, dass das obere Tal der Grosne um Cluny im frühen Mittelalter keine Fundstellen aufweist.  Entlang der Sâone und auch im unteren Talabschnitt der Grosne nördlich von Cluny liegen beigabenführende Gräberfelder im Abstand von wenigen Kilometern, und umgeben Cluny und seinen frühen Besitz im Norden und Osten. Dieses Fehlen von Gräberfeldern ist allerdings nicht zwingend ein Indiz dafür, dass der Talabschnitt unbesiedelte Wildnis war. Der Befund deutet aber doch an, dass hier keine zentralen Bauerndörfer lagen. Wie die Siedlungsgeschichte zwischen dem Ende der Beigabensitte und der Klostergründung verlief, ist zumindest mit archäologischen Funden kaum festzustellen.
                                                      Zur Gründungsausstattung des Kloster stiftete der Herzog von Aquitanien Wilhelm I jedoch Land, das im wesentlichen zu einem Jagdrevier gehört hatte – Land also, das nicht ungenutzt war, aber einer besonderen herrschaftlichen Landnutzung unterlag.

                                                      Stellt man den frühen Klosterbesitz (Rosenwein 1989) der Kartierung der frühmittelalterlichen Grabfunde der Region gegenüber, zeigt sich, dass das Kloster vor allem abseits der alten Siedlungszentren Besitz ansammeln konnte. Nur im Nordosten erhielt das Kloster auch Schenkungen aus Landstrichen, die nach Ausweis der Grabfunde schon früher besiedelt waren.
                                                      Die kartierten Besitzungen, die das Kloster gekauft oder geschenkt bekommen hat, wurden wohl nicht erst durch das Kloster erschlossen. Sie liegen aber auffallend in den Lücken zwischen den durch Gräberfelder markierten alten Siedlungszonen. Insgesamt sind deutlich intensivere Erwerbungen nördlich des Klosters zu erkennen, die sich überwiegend an den Tälern orientieren. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Ortsbezeichung sich auf die Gemarkungen bzw. das Wirtschaftsland der in den Tälern liegenden Siedlungen liegt, sich die konkreten Grundstücke aber durchaus auch in entfernteren, evtl. höheren Lagen  befunden haben können. Das ist eine Frage der räumlichen Auflösung, die eine Ortsangabe nach Bezug auf die Siedlung, leisten kann.

                                                      Frühmittelalerliche Bestattungen und hochmitterliche Besitzerwerbungen
                                                      (Graphik R.Schreg)

                                                      Gleichwohl stellt sich die Frage, weshab die Erwerbungen des Klosters Cluny vor allem jene Gebiete betreffen, die im frühen Mittelalter keine Bestattungsplätze aufweisen. Fassen wir damit das Ideal des Klosters, in der Abgeschiedenheit zu leben? Oder handelt es sich um spät aufgesiedelte Gebiete, in denen die Besitzstrukturen flexibler und unsicherer waren? Gerade im Umland von Cluny lässt sich zeigen, dass Schenkungen an das Kloster oft durch die Intention der Schenker motiviert waren, den Besitz nicht aus der Hand zu geben.  Guy Bois hat beispielsweise die Entstehung eines Immobilienmaktes postuliert, der dazu geführt hat, dass verschuldte Höfe Gefahr liefen, ihr Land verkaufen zu müssen. Eine rechtzeitige Stiftung an das Kloster mit einem Nutzungsrecht für sich und die kommenden Generationen, konnte dieses Risiko abwehren.  Waren also entweder in diesen Gebieten die Besitzansprüche weniger gefestigt als im Altsiedelland oder waren diese Gebiete wirtschaftlich riskanter und die Höfe eher verschuldet?
                                                      Die Archäologie kann dazu im Augenblick wenig beitragen. Sie muss sich darauf beschränken, die besondere Lage der Besitzerwerbungen des Klosters in der Siedlungslandschaft zu konstatieren. Genauere Untersuchungen zu den wirtschaftlichen Verhältnissen der regionalen Siedlungen von archäologischer Seite liegen m.W. derzeit nicht vor. Die relativ detaillierte schriftliche Überlieferung zu Lournand lässt aber Mitte des 10. Jahrhunderts eine stattliche Siedlung mit 75 Gütern erkennen, die überwiegend auf Ackerbau beruhte, aber auch über Weinberge verfügte. Im Ort spielten wohl Kleinbauern eine wichtige Rolle. Das sind wesentliche Charakteristika der Siedlungen im Altsiedelland, die zeigen, dass die Erwerbungen des Klosters in dieser Region nicht etwa ärmliche, erst jüngst gegründete Ausbausiedlungen betrafen.

                                                      Literaturverweise

                                                      • G. Bois, Umbruch im Jahr 1000. Lournand bei Cluny – ein Dorf in Frankreich zwischen Spätantike und Feudalherrschaft (München 1999). 
                                                      •  A. Rebourg, Saône-et-Loire, Carte archéologique de la Gaule 71/4 (Paris 1994)
                                                      •  B. H. Rosenwein, To be the neighbour of Saint Peter. The social meaning of Cluny’s property 909-1049 (Ithaca 1989)
                                                      •  R. Schreg, Mönche als Pioniere in der Wildnis? Aspekte des mittelalterlichen Landesausbaus. In: M. Krätschmer, Marco/ K. Thode/ C. Vossler-Wolf, Christina (Hrsg.), Klöster und ihre Ressourcen. Räume und Reformen monastischer Gemeinschaften im Mittelalter. RessourcenKulturen (Tübingen 2017 in Vorber.)

                                                      Vermessung unter Tage: aktuelle Geländearbeit um Caričin Grad

                                                      Die laufenden Untersuchungen zur spätantiken Stadt Caričin Grad, die das RGZM mit dem Archäologischen Institut in Belgrad und vielen weiteren Partnern durchführt, versuchen, die Lebensgrundlagen der Stadt zu erforschen. Dazu schauen wir auch in das Umland und fragen nach den wirtschaftlichen Grundlagen der Stadt. Dabei sind auch Relikte alten Bergbaus in den umliegenden Bergen ins Blickfeld geraten. Bereits im vorigen Jahr haben wir gemeinsam mit dem Deutschen Bergbaumuseum in Bochum einige Geländerelikte des Bergbaus inspiziert. Dabei gab es neben mittelalterlichen und römischen Bergbauspuren auch Hinweise auf prähistorischen Bergbau. Im Mai dieses Jahres sind wir nun zurück gekommen, um ein einzelnes Bergwerk exemplarisch genauer zu dokumentieren und möglichst zu datieren.

                                                      Römische Mine bei Lece
                                                      (Foto: R. Schreg)

                                                      Der Stollen bei Lece liegt auf dem Gelände einer Minengesellschaft, die mit 450 Beschäftigten in Serbien einen Betrieb mittlerer Größe darstellt. Die Mine gilt als die goldreichste in Europa, doch werden vor allem Blei und Silber abgebaut.  Mit tatkräftiger Mithilfe der Minengesellschaft – sie sorgte für Sicherheit im Stollen und unterstützte die Vermessungsarbeiten – war es möglich, das Bergwerk mit moderner Technologie zu dokumentieren. Wir konnten dazu auf ein neu entwickeltes Gerät, einen 3D-Pilot der DMT-Group aus Essen zurückgreifen. Im Rahmen einer Diplomarbeit an der Hochschule Mainz wird aus den erhobenen Daten ein digitales 3D-Modell erarbeitet. 

                                                      Holzrutsche in einem Bergwerk bei Lece
                                                      (Foto: R. Schreg)
                                                      Der Stollen des Zugangsbereichs den zeigt klassischen Querschnitt römischer Bergwerke, während die Fortführung in das Mittelalter gehören dürfte. Unterlagen der Minengesellschaft zeigen, dass hier noch im 20. Jahrhundert gearbeitet wurde. Wir dokumentieren die vermutlich älteren Bereiche, zumal weitere Stockwerke aus Sicherheitsgründen nicht zugänglich sind.
                                                      Ergänzend wurde mit einer Drohne die umliegende Topographie aufgenommen, wo sich oberhalb des Stollens weitere Bergbauspuren zeigen. Auch hier überlagern sich Aktivitäten verschiedener Zeiten, Nur wenig entfernt, an einer anderen Seite des Berges konnten wir im vorigen Jahr auch Spuren wohl vorgeschichtlichen Bergbaus erfassen.
                                                      Mit unseren aktuellen Untersuchungen lässt sich die für unser Projekt entscheidende Frage, nämlich ob hier auch im 6. Jahrhundert Erze abgebaut wurden und ein Teil der Lebensgrundlage der nur 10 km entfernten Stadt Caričin Grad/ Justiniana Prima, waren, wohl nicht klären. Zwar konnten wir einige hölzerne Reste in den Stollen für eine Datierung mittels Dendrochronologie bzw. Radiocarbonmethode beproben, doch rechnen wir hier eher damit, dass sie in deutlich jüngere Perioden fallen. An einer zweiten Mine bei Tulare allerdings konnten wir ein Grubenholz bergen, das nach derzeitiger Einschätzung bessere Chancen hat, noch in die Antike zu datieren.

                                                      Die Bergbauregion hat auf serbischer Seite bisher kaum Aufmerksamkeit gefunden – etwas besser sieht es jenseits der Grenze des Kosovo aus, wo sich ein anderes Team des Bergbaumuseums in Bochum sich seit einigen Jahren für die Bergbauspuren um Ulpiana/ Justiana Secunda interessiert. Ein wesentliches Ziel unserer jetzigen Aktivitäten ist es nicht zuletzt, die Grundlagen für ein Forschungskonzept zu entwickeln, mit dem sich Drittmittel einwerben lassen und intensivere Forschungen aufgenommen werden können. Eine effektive Dokumentation, wie sie der getestete 3D-Pilot verspricht, wird dabei grundlegend sein.

                                                      Links

                                                      Korrekturvermerk (29.5.2017): 
                                                      DMT in Essen, nicht Bochum

                                                        Eine Zukunft in Aleppo?!

                                                        Mamoun Fansa /  Carola Simon / Lena Wimmer (Hrsg.)

                                                        Strategies to rebuild Aleppo
                                                        Mainz: Nünnerich-Asmus-Verlag 2017

                                                        120 Seiten, 74 Abbildungen, Broschur
                                                        englisch

                                                        ISBN: 978-3-945751-96-1

                                                        € 17,90 (D) / sFr 17,90 / € 18,40 (A)

                                                        Im Frühjahr 2017 ist die Belagerung Aleppos durch die Regime-Truppen zu Ende gegangen, die Kämpfe in der Stadt haben erst Mal aufgehört. Aber die einst prächtige Stadt ist zerstört, viele der Bewohner sind geflohen.
                                                        Aleppo im Dezember 2016
                                                        (Foto: Russ. Verteidigungsministerium/
                                                        Министерство обороны Российской Федерации
                                                        [CC BY 4.0] via WikimediaCommons)
                                                        Aleppo im Dezember 2016
                                                        (Foto: Russ. Verteidigungsministerium/
                                                        Министерство обороны Российской Федерации
                                                        [CC BY 4.0] via WikimediaCommons)
                                                        Zahlreiche aktuelle Bilder aus der Stadt zeigen das Ausmaß der Zerstörung, die kaum Wohnraum oder städtische Infrastrukturen zurück gelassen hat. Ein Wiederaufbau ist hier dringend von Nöten, doch da der Konflikt noch nicht beendet ist, ist das ein schwieriges Unterfangen. In Aleppo hat derzeit das syrische Regime den Sieg davon getragen, das zu unterstützen der Westen nicht bereit ist. 
                                                        Schon im April 2016 hat in Berlin am Deutschen Architekturzentrum (DAZ) eine Tagung stattgefunden, die sich mit den Möglichkeiten eines Wiederaufbaus befasst hat.

                                                        Vor dem Krieg war Aleppo ein Musterbeispiel einer Stadtsanierung unter Beteiligung der Einwohnerr. In den 1980er Jahren war die Altstadt von Aleppo von einer massiven Abwanderung betroffen. Die Anerkennung der Altstadt von Aleppo als UNESCO-Weltkulturerbe konnte diesen Prozess nur bedingt aufhalten. Seit den 1990er Jahren bis 2010 wurden etwa 90% der Altstadt saniert. Dabei wurden gezielt die Einwohner eingebunden. Darüber berichtet der einleitende Beitrag von Franziska Laue, „Aleppo Archive in Exile“ (S. 22ff.). Als Aleppo Archive wird das Urban Historical Archive and Documentation Center ( UHADC) bezeichnet, das als Abteilung der Stadtverwaltung von Alt-Aleppo die Sanierungsarbeiten, Forschungen und Stadtentwicklung koordiniert hat. Der Beitrag stellt auch dar, wie seit dem Ausbruch des Bürgerkrieges die Arbeiten eingestellt wurden, zugleich aber von Deutschland aus versucht wurde, das Netzwerk zu erhalten und auszubauen. Den umfangreichen digitalen Datenbestand des Aleppo Archive hat 2016 das Deutsche Archäologische Institut in seine Obhut genommen.

                                                        Die jetzige Initiative baut auf den Arbeiten des UHADC auf, dessen Daten wichtige Grundlagen für die künftigen Planungen sein werden. Die langfristigen Ziele sind (S. 14):

                                                        • Eine Wiederherstellung der Altstadt nach dem Krieg. Dabei soll die Stadt als Ganzes betrachtet werden, also auch die Neustadt in die Überlegungen und Maßnahmen einbezogen werden.
                                                        • Ene Rekonstruktion der Altstadt. Alte und neue Strategien, aber auch die historischen Quellen sollen die Grundlage dafür sein.
                                                        • Ein Wiederuafbau der Neuustadt, der auf die Altstadt bezogen werden soll.
                                                        • Eine Einbeziehung der Archäologie in den Planungsprozess und Durchführung von Ausgrabungen, um Kenntnisse über die älteren Stadtepochen zu erhalten. 
                                                        • Die Beteiligung der Einwohner der Altstadt, für die zunächst provisorische Wohnungen auf Freiflächen außerhalb der alten Stadtbefestigung errichtet werden sollen.
                                                        • Wiederbelebung des traditionellen Handwerks, das sowohl für den Wiederaufbau als auch für die Identität der Menschen von Bedeutung ist
                                                        • Werbung für eine Berücksichtigung des Kulturerbes und der Identität der Altstadt

                                                        In mehreren Interviews („Discussing Aleppo“)  kommen verschiedene Architekten und Archäologen zu Wort, die ihre persönliche Sicht erläutern.

                                                        Das Bändchen – eher eine Hochglanzbroschüre – ist ein wichtiges Signal der Hoffnung für die Menschen in Aleppo. Es wirbt dafür, den Wiederaufbau wohl durchdacht und unter Betiligung der Bevölkerung vozunehmen. Bislang ist es nur eine Hoffnung, dass dies bald geschehen kann. Zwar laufen erste Wiederaufbaumaßnahmen bereits an, doch erfolgen diese unter dem Assad-Regime,, mit dem vom Westen keine Kooperation gewollt ist (die Altertumsbehörde macht da eine bemerkenswerte Ausnahme). So bleibt die Ungewissheit, ob es die politischen Voraussetzungen geben wird, um die Ideen und Ergebnisse vor Ort tatsächlich rechtzeitig einzubringen.

                                                        Inhaltsverzeichnis

                                                        • Introduction
                                                        • Welcome
                                                        • Manifesto & Purpose
                                                        • Who should participate in the reconstruction of Aleppo?
                                                        • How should we start to reconstruct / rebuild / redevelop Aleppo?
                                                        • Aleppo Archive in Exile (Franzsika Laue)
                                                        • Summary of the panel discussions
                                                        • Open discussion (Interviews)
                                                        • Discussing Aleppo
                                                        • Biographies
                                                        • Past / present / future of Aleppo – an exhibition
                                                        • Abbreviations
                                                        • Participants of the conference
                                                        • Acknowledgments
                                                        • Imprint

                                                         

                                                          Links

                                                          Die Wächter des Erbes – Initiativen zum Schutz des Kulturerbes in Libyen

                                                          Eine Doku auf ARTE schildertt die freiwilligen Wachen in der Ruinenstadt Leptis Magna:, die aus der ortsansässigen Bevölkerung gestellt werden:

                                                          Ein 5 min Beitrag über die Situation in Libyen mit speziellem Augenmerk auf dem Kulturgut – via  der US Botschaft in Libya auf facebook: 

                                                          Die ICOM Rote Liste für Libyen soll insbesondere des Zollbehörden helfen, potentielle Raubgrabungsgüter aus Libyen zu identifizieren.:

                                                          Sabratha in der Hand von Daesh

                                                          GESUCHT: Mittelalterliche Textamulette

                                                          ein Beitrag von Konrad Knauber

                                                           – for an English version see here

                                                          Seit Herbst 2015 gibt es am Heidelberger Sonderforschungsbereich 933 „Materiale Textkulturen“ ein Projekt, das sich mit „Magischer Schriftlichkeit und ihrer Deponierung in mittelalterlichen Gräbern“ beschäftigt. Das Ziel ist die Sammlung und Kontextualisierung physisch erhaltener Textträger aus archäologischem Befund, die in den Bereich der Magie und Volksreligion des christlichen Mittelalters gehören. Bereits nach kurzer Zeit ist hierbei eine Gruppe von Objekten in den Mittelpunkt des Interesses gerückt, die bislang wenig erforscht ist und doch in großen Teilen Europas verbreitet gewesen sein dürfte. Es handelt sich um christlich geprägte Textamulette, die mit Bibelzitaten, Gebeten, Segenssprüchen oder Beschwörungen beschriftet und z. T. deutlich individualisiert wurden. Bestandteile dieser Formeln finden sich in einer großen Zahl vor allem medizinischer Handschriften, die in klösterlichen Skriptorien zirkulierten und als Vorlagen für die Anfertigung schutzbringender Artefakte gegen Krankheiten, dämonische Einflüsse und Unheil aller Art dienten.

                                                          Abb. 1  Noch zusammengefaltetes Amulett von der Burg Drevic (CZ), die unbeschriftete Außenseite fehlt (links im Fundzustand). Erkennbar sind die Passagen callidi diaboli (Z. 2: „…des listigen Teufels…“), Adiuro albis (Z. 4: „Ich beschwöre dich, ‚Elf‘…“) und et spiritum sanc[tum] (Z. 5: „und [beim] heiligen Geist…“). Romanische Minuskelschrift des 11./12. Jh.; zusammengefaltete Größe ca. 3,5 x 4,2 cm. (Fotos: Z. Šámal / D. Blažek)
                                                          Auch wenn andere Schreibmaterialien (vor allem Pergament, s. Abb. 3) vorkamen und in bestimmten Regionen deutlich verbreiteter gewesen sein dürften, sind beschriftete Bleibleche aufgrund ihrer Dauerhaftigkeit und des Einsatzes von Metallsonden doch die Fundgruppe, bei der der größte Zuwachs zu erwarten ist. 2013 erschien eine erste Monographie von Arnold Muhl und Mirko Gutjahr, die acht Bleiamulette aus dem Untersuchungsgebiet Sachsen-Anhalt  beinhaltet und weitere 80 verwandte Objekte in ganz Europa –von der Spätantike bis zum Ausgang des Mittelalters- auflistet. Darunter sind sowohl am Körper getragene Amulette als auch andere Stücke, die nach Form, Größe und Textinhalt dazu gedacht waren, Häuser, Gräber oder andere Orte zu beschützen. Dabei zeigen sich neben regionalen Besonderheiten auch deutliche Lücken in der Verbreitung (v.a. Westeuropa und der alpine Raum, wo es aber durchaus entsprechende Texte in Manuskripten gibt), deren Zustandekommen momentan ebensogut mit der Verwendung vergänglicher Materialien wie mit der desolaten Forschungssituation erklärt werden kann, da das Thema exakt zwischen Archäologie, Epigraphik und Manuskriptforschung liegt und die Objekte im Fundzustand meist klein zusammengefaltet sind und unscheinbar bzw. unbeschriftet  wirken. Auf gezielte Nachforschung hin tauchen kontinuierlich entweder neu gefundene oder erst im Nachhinein erkannte bzw. bislang unbearbeitete Textamulette auf, sodass beispielsweise ein erster Fund in Tschechien (s. Abb. 1) demnächst publiziert wird und in Sachsen-Anhalt die Zahl binnen vier Jahren auf ca. 20 bekannte Stücke angewachsen ist (s. Abb. 2).

                                                          Abb. 2

                                                          Detail eines entfalteten Bleitäfelchens aus der Wüstung Seelschen bei Ummendorf (Lkr. Börde) unter polarisiertem Licht: Erkennbar sind die Worte ar/chang(e)los (Z. 1), m(arty)res (Z. 2), fa/mule d(e)i hazzg[a] (Z. 3.: „der Dienerin Gottes Hazzga“). Die Buchstabenhöhe beträgt ca. 1,5 mm; am Ende der Inschrift steht die Jahreszahl „1070“.
                                                          (Foto K. Knauber)
                                                          Im Hinblick auf die laufende Promotion würde ich mich freuen, möglichst viele noch un- oder wenig bekannte Amulette erfassen zu können. Einzelne Sammlungen und auch ehrenamtliche Sondengänger wurden von mir und hilfsbereiten Kollegen bereits sensibilisiert; flächendeckend und europaweit ist das aber in der Projektlaufzeit nicht zu leisten. Daher wäre ich für die Verbreitung dieses Aufrufs sehr dankbar und nehme Rückfragen und Rückmeldungen gerne unter der folgenden Mailadresse entgegen:
                                                          • konrad.knauber [at] zaw.uni-heidelberg.de

                                                          Weitere Informationen finden Sie auch in der Projektbeschreibung (englisch/deutsch) und in einem einführenden Artikel (deutsch), der im Herbst 2016 im SPEKTRUM Sonderheft „Die Magie der Schrift“ erschienen ist und den ich Nicht-Academia-Mitgliedern auch gerne als .pdf zuschicke.

                                                          Abb. 3
                                                          Pergamentamulett der „Dobrozlava“ (14. Jh.) gegen das Viertagesfieber (Malaria?), gefunden bei Renovierungsarbeiten in der Georgsbasilika in Prag um 1900.

                                                          (nach V. J. Nováček, Amulet ƶe XIV. století, naleƶený v chrámu sv. Jiří na Hradě Praƶ̌ském, Český lid 10,/5, 1901, 353-354)

                                                          Links

                                                          Literatur

                                                          • Katerina Blažková / Zdenek Šámal / Daniela Urbanová / Konrad Knauber / Dalibor Havel, Stredoveký olovený amulet z hradište Drevíc (k. ú. Kozojedy, o. Rakovník) / A medieval lead amulet from the Drevíc hillfort in Central Bohemia. Archeologické rozhledy 69, 121-142 (im Druck).
                                                          • Klaus Düwel, Mittelalterliche Amulette aus Holz und Blei mit lateinischen und runischen Inschriften, in: Volker Vogel (Hg.), Ausgrabungen in Schleswig 15, Neumünster 2001.
                                                          • Arnold Muhl / Mirko Gutjahr, Magische Beschwörungen in Blei. Inschriftentäfelchen des Mittelalters aus Sachsen-Anhalt (Halle [Saale] 2013).
                                                          • Monika Schulz, Beschwörungen im Mittelalter. Einführung und Überblick (Heidelberg 2003).
                                                          • Don Skemer, Binding Words. Textual Amulets in the Middle Ages (University Park 2006).


                                                          Konrad Knauber ist Mitarbeiter im SFB 933 „Materiale Textkulturen“ am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Heidelberg und promoviert dort im Teilprojekt A03 „Materialität und Präsenz magischer Zeichen zwischen Antike und Mittelalter“ zum Thema „Magische Schriftlichkeit und ihre Deponierung in mittelalterlichen Gräbern“.

                                                          WANTED: Medieval textual amulets

                                                          by Konrad Knauber

                                                          In autumn of 2015 a new project at the CRC 933 ‘Material Text Cultures’ (Heidelberg University) was started, dealing with ‘magical inscriptions and their deposition in mediaeval graves’. It aims at collecting and contextualizing text-carrying artefacts from the archaeological record connected to the sphere of magic and folk religion of the Christian Middle Ages. Since the initial project phase the main focus turned to an as-yet under-researched group of objects that were nonetheless probably quite common in wide parts of Europe: textual amulets with Christian influence, containing quotes from the Bible, prayers, blessings and incantations, sometimes appearing in very personalized versions. Elements of these textual formulas can be found in a great number of mostly medicinal manuscripts, which circulated throughout the monastic scriptoria and served as blueprints for the fabrication of protective artefacts against diseases, demonic influence and various other calamities.

                                                          fig. 1
                                                          Folded amulet from Drevic hillfort (CZ) with missing uninscribed outer face (finding situation on the left). Recognizable passages are callidi diaboli (line 2: ‘…of the cunning devil…’), Adiuro albis (line 4: ‘I conjure you, “elf”…’) and et spiritum sanc[tum] (line 5: ‘and [through] the Holy Spirit…’). Romanic minuscule of the 11th/12th cent. AD; folded size approx. 3,5 x 4,2 cm.

                                                          (photos by Z. Šámal / D. Blažek)
                                                          Although there were other writing materials (mostly parchment, see figure 3) in use and possible more common in certain regions, inscribed sheets of lead seem to be the find group with the most promise for a rise in numbers, since they are durable and reactive to metal detecting. In 2013, Arnold Muhl and Mirko Gutjahr wrote a first monography on the subject focusing on eight lead amulets from the federal state of Saxony-Anhalt (Germany), enlisting also 80 more comparable objects from all across Europe, dating from Late Antiquity to the end of the Middle Ages. Among them are amulets worn on the body as well as other pieces which, guessing from form, size or textual content, were rather meant to be protecting houses, graves or other fixed locations. The overview does not only show some regional distinctions, but also massive gaps in the general distribution (mainly western Europe and the Alps, though there are corresponding manuscript sources from these areas). For the moment, those might be explained with the use of organic writing materials just as well as with the poor general state of research, as the subject is placed in between archaeology, epigraphy and codicology, and the objects are mostly folded down to a small size in their finding state and often appear inconspicuous or uninscribed. Specific investigation regularly brings up newly found or unrecognized/unedited amulets: a new find from Czechia (fig. 1) will be published in the next months and, within four years, the number of known amulets from Saxony-Anhalt has risen to about 20 examples (fig. 2).
                                                          fig. 2

                                                          Detail of an unfolded lead tablet from the abandoned settlement of Seelschen near Ummendorf (Börde district, Germany) under polarized light: Recognizable words are ar/chang(e)los (line 1), m(arty)res (line 2), fa/mule d(e)i hazzg[a] (line 3: ‘the servant of God Hazzga’). Letter size is approx.. 1,5 mm; at the end of the inscription the year ‘1070’ is given.
                                                          (photo by K. Knauber)

                                                          With my ongoing dissertation in mind, I would be happy to include as many new or lesser known amulets as possible. With the help of some interested colleagues, several institutions as well as honorary field workers have been sensibilized towards the subject, but the same cannot be achieved by myself in the wider field of Europe in the remaining time for the project. Therefore I would be very grateful if you share this ‘call for finds’ with anyone interested and would gladly receive your any ideas and questions via the following email address:
                                                          • konrad.knauber [at] zaw.uni-heidelberg.de

                                                          You can find more information in my project description (English/German) and in an introductory article (German), which appeared last autumn in the German journal SPEKTRUM, special issue “Die Magie der Schrift”. If you don’t have access to academia.edu, please contact me and I will send you a pdf.

                                                          fig. 3
                                                          Parchment amulet for ‘Dobrozlava’ (14. Jh.) against the four days fever (malaria?), found during renovation work at St. George’s basilica in Prague around 1900.
                                                          (after
                                                          V. J. Nováček, Amulet ƶe XIV. století, naleƶený v chrámu sv. Jiří na Hradě Praƶ̌ském, Český lid 10,/5, 1901, 353-354)

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                                                          • Katerina Blažková / Zdenek Šámal / Daniela Urbanová / Konrad Knauber / Dalibor Havel, Stredoveký olovený amulet z hradište Drevíc (k. ú. Kozojedy, o. Rakovník) / A medieval lead amulet from the Drevíc hillfort in Central Bohemia. Archeologické rozhledy 69, 121-142 (in print).
                                                          • Klaus Düwel, Mittelalterliche Amulette aus Holz und Blei mit lateinischen und runischen Inschriften, in: Volker Vogel (Hg.), Ausgrabungen in Schleswig 15, Neumünster 2001.
                                                          • Arnold Muhl / Mirko Gutjahr, Magische Beschwörungen in Blei. Inschriftentäfelchen des Mittelalters aus Sachsen-Anhalt (Halle [Saale] 2013).
                                                          • Monika Schulz, Beschwörungen im Mittelalter. Einführung und Überblick (Heidelberg 2003).
                                                          • Don Skemer, Binding Words. Textual Amulets in the Middle Ages (University Park 2006).


                                                          Konrad Knauber is a PhD candidate at Heidelberg University. Within the SFB 933 „Materiale Textkulturen“ his research deals with magic signs and text deposited in medieval burials.

                                                          Klimawandel und Nahrungsmittelpreise – ein interdisziplinärer Blick zurück


                                                          J. Esper/ U. Büntgen/ S. Denzer/ P.J. Krusic/ R. Schäfer/ R. Schreg/ J. Werner: Environmental drivers of historical grain price variations in Europe.
                                                          Climate Research 72, 2017, 39–52

                                                          In der Diskussion um die Bedeutung des Klimas für die Geschichte werden sehr oft und pauschal Zusammenhänge postuliert, indem etwa „Klimaverschlechterung“ für wirtschaftliche Schwierigkeiten verantwortlich gemacht wird. Tatsächlich ist dies viel zu simpel. Die Zusammenhänge von Klima und Geschichte sind höchst komplex, da Gesellschaften unterschiedlich vulnerabel oder resilient gegen Krisen sein können. Was für die einen schlecht ist, kann für andere eher vorteilhaft sein. So sind beispielsweise die Anlage und Verteilung der Felder, aber auch Systeme der Vorratshaltung oder der Solidarität historisch-kulturell bedingte Rahmenbedingungen, die die Folgen des Klimawandels in einem gewissen Rahmen puffern können.  Problematsch sind das Zusammenwirken unterschiedlicher Faktoren sowie die Auswirkungen von Schwellenwerten aber auch die handlungsleitenden Weltbilder der Menschen. Reaktionen auf Klimawandel sind – wie heute die Trump-Administration demonstriert – nicht immer rational und möglicherweise sogar eher kontraproduktiv.
                                                          Um die Zusammenhänge zwischen Klima und Geschichte zu erfassen, bedarf es also einer Überprüfung, wie Klimawandel und historische Entwicklungen konkret zusammenhängen. Ein wichtiger Mittler dazu können Nahrungsmittelpreise sein, da sie prinzipiell Ernteschwankungen abbilden können. Solche Überlegungen waren der Anlass, für eine Studie auf Preisreihen zurück zu greifen, wie sie die Wirtschaftsgeschichte schon seit langem zusammen gestellt hat.

                                                          Roggen
                                                          (Foto: Alupus [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

                                                          Schwankungen der Getreidepreise waren ein Charakteristikum der europäischen Wirtschaftsgeschichte. Schon lange hat die Forschung daher Preisangaben für Gerste, Roggen und Weizen gesammelt. Trotzdem fehlt es an einem tieferen Verständnis der Zusammenhänge zwischen der Preisentwicklung und klimatischen oder umweltbedingten Faktoren. Immer wieder war von Historikern gewarnt worden, solche Preisserien als Ausdruck genereller Konjunkturen heranzuiziehen, da sie oft lokalen politischen Einflüssen unterworfen waren und so hochgradig regional beeinflusst sein können. Mit der Betrachtung der Preise erfassen wir dennoch einen Faktor, der sehr direkt von den Ernteerträgen und der jährlichen Witterung abhängt. Die Notwendigkeit, regionale politische Faktoren auszufiltern und langfristige Trends im Vergleich mit den klimatischen Entwicklungen zu erfassen, führt zu einer primär statistischen Analyse der Datenserie.

                                                          Korrelation historischer Getreidepreise und klimatischen Entwicklungen

                                                          Jahrringe spiegeln die klimatische Entwicklung
                                                          (Foto: R. Schreg)

                                                          Ausgangspunkt war also das Problem, die beobachtbaren Korrelationen von Umweltfaktoren und langfristigen sozialen Prozesse enger aufeinander zu beziehen. Getreidepreise erweisen sich hier als guter Proxy. Der neu erschienene Artikel nutzt historische Preisreihen aus 19 Städten aus Mittel- und Südeuropa aus dem Zeitraum vom 14. bis zum 18. Jahrhundert.  Wir haben dazu alte Sammlungen spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Getreidepreise digitalisiert und mit den dendrologisch gewonnenen Klimakurven abgeglichen. Mittels GIS lassen sich regionale, politisch bedingte „Anomalien“ ausfiltern.

                                                          Die darin auf einer zeitlichen Auflösung von einem Jahr bis zu mehreren Jahrzehnten erkennbare räumliche Variabilität wurde mit der Rekonstruktion der Sommertemperatur und hydroklimatischen Bedingungen verglichen, wie sie sich anhand dendrologischer Untersuchungen in Finnland ergeben. Diese Serie spiegelt sehr gut die Großwetterlagen in West-, Mittel- und Südeuropa wieder.
                                                           

                                                          Kriege überlagern Umweltfaktoren

                                                          Direkte Korrelationen zwischen historischen Getreidepreisen und rekonstruierten Trockenheitsindices sind zwar gering; konzentriert man sich aber auf Extremereignisse ergeben sich deutliche Hinweise auf eine klimatische Beeinflussung großer Preisschwankungen. Unter Normalbedingungen sind also in der Tat politische Entwicklungen wichtiger als klimatische Einflüsse. Während ausgeprägter Trockenperioden erweisen sich Getreidepreise aber als extrem hoch und während Feuchtphasen extrem niedrig.  Die Getreidepreise in Europa sind eng mit Hungersnöten und Ernährungsengpässen verbunden, die zudem mit regionalen Sommerdürren zusammen.  Der normale Witterungsverlauf zeigt hingegen kaum eine Korrelation mit Preisen, nur größere Witterungsevents wirken sich auf Ernten und Getreidepreise aus. Zudem zeigt sich aber, dass Schwankungen der Getreidepreise durch mittelfristige Temperaturtrends beeinflusst werden.

                                                          Ein Ergebnis, das in dem Artikel besonders hervorgehoben wird: In Kriegszeiten schaft sich der Mensch so viel eigene Probleme, dass diese dann den klimabedingten Stress überlagern. Der Einfluß der Sommertemperaturen ist nach dem 30jährigen Krieg im Zeitraum von 1650 bis 1750 besonders stark. Während Kriegsperioden sind die Korrelationen zwischen den verschiedenen Regionen relativ gering, während sie danach immer wieder zunimmt. Während der Unruheperioden werden klimatische Faktoren von soziokulturellen zurück gedrängt und zeigen größere regionale Variabilität.
                                                          So zeigt sich gesellschaftlich/politische Faktoren und Umweltfaktoren komplex ineinandergreifen. In Friedenszeiten kommen Umweltfaktoren stärker zum Tragen als während Kriegen.
                                                           

                                                          Archäologie als Mittler zwischen Historikern und Geowissenschaftlern

                                                          Auf den ersten (und wohl auch auf den zweiten) Blick hat das wenig mit Archäologie zu tun. Und dennoch war hier die Archäologie hier als Mittler zwischen Klimaforschern und Historikern ganz grundlegend. Letztlich war es nicht möglich, wie ursprünglich beabsichtigt, einen archäologischen Datensatz zur Siedlungsentwicklung mit der nötigen chronologischen Auflösung in die Überlegungen mit einzubeziehen, aber die traditionell engen Beziehungen der Archäologie sowohl zu den Natur- wie zu den Geschichtswissenschaften waren für die interdisziplinäre Verständigung außerordentlich hilfreich.
                                                          Der verfolgte methodische Ansatz hat weitere vertiefende Forschungspotentiale. Man wird nicht nur den Datensatz durch die Aufnahme weiterre Preisreihen noch ausbauen und regional differenzieren können, sondern auch versuchen können, weitere Faktoren ins Spiel zu bringen. Sind die Preisschwankungen in primär auf Getreidebau orientierten Landschaften anders als in Regionen mit stärkerer Viehwirtschaft? Lässt sich vielleicht eine Resilienz bestimmter Anbaupraktiken und Siedlungssysteme nachweisen? 
                                                          Hier kommen die historische Geographie sowie die Archäologie wieder stärker ins Spiel. Aufgrund der relativ schlechten chronologischen Auflösung, die man beispielsweise für die Datierung für Wüstungen erreichen kann, dürfte hier den räumlichen Korrelationen eine größere Bedeutung zukommen als den chronologischen.
                                                          Kurz: Schon allein das Nachdenken über Zeitreihen und langfristige Prozesse, wie es sich aus der Landschafts- und Umweltarchäologie ergibt, hat insofern einen Mehrwert, als es auch über das Fach hinaus Forschung anregen kann.

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                                                          US-Innenministerium stellt den Schutz archäologischer Monumente zur Disposition

                                                          Per Dekret hat POTUS D. Trump die Liste der nationalen Denkmäler zur Disposition gestellt. In einer Anhörung soll die Öffentlickeit über den weiteren Schutz abstimmen: Sachargumente haben dabei nur noch untergeordnete Bedeutung.  Argumentiert wird von Seiten der Republikaner unter anderem damit, dass der Bund damit Land besetze und beschlagnahme, was jedoch eine Verdrehung der Tatsache darstellt, dass der 1906 eingeführte Antiquities Act, um den es hier geht, prinzipiell nur für ohnehin schon in Staatsbesitz befindliches Land gilt. Auf Privatbesitz ist damit kein Schutz möglich.
                                                          Anasazi-Fundstelle „House on Fire Ruin“ im upper Mule Canyon,
                                                          Teil des neuen Bears Ears Nationaldenkmals
                                                          (Foto:  snowpeak   [CC BY 2.0] via  Wikimedia Commons)

                                                          Explizit werden wirtschaftlche Interessen als möglicher Grund für eine Streichung der Monumente angeführt. Insbesondere stehen die seit 1996 ausgewiesenen Monumente auf dem Prüfstand.  21 Monumente, darunter Bears Ears werden explizit genannt.

                                                          Hier scheint es wichtig, dass bei der öffentlichen Anhörung sich auch die Wissenschaft einbringt!
                                                          Ab 12. Mai sollte die Anhörung unter https://www.regulations.gov/searchResults?rpp=25&po=0&s=DOI-2017-0002&fp=true&ns=true zugänglich sein.

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                                                            Lebenslänglich für Raubgräber und Antikenhehler

                                                            Ägypten setzt die Strafen auf Raubgrabungen und illegalen Antikenhandel hoch:

                                                            Das Gesetz muss noch vom Parlament gebilligt werden.

                                                            Der Artikel verweist explizit auf den Fall  der deutschen „Hobbyforscher“, die 2013 eine Kartusche in der  Cheopspyramide ohne Genehmigung „beprobt“ und beschädigt haben sollen.

                                                            Fünf Jahre Syrienberichte

                                                            Der Bürgerkrieg in Syrien dauert bereits mehr als 6 Jahre an. Im April 2011 setzte das Regime Truppen gegen Demonstranden ein. Erstmals wurde der Konflikt im Mai 2012 ein Thema auf Archaeologik, als syrische Truppen die Kreuzfahrerburg Krak des Chevaliers beschädigten. Waren dies noch Kollateralschäden der Kampfhandlungen so kam mit dem Erstarken des Daesh/IS bald die systematische Kulturgutzerstörung hinzu. Wie fast überall, wo die staatliche Autorität zerbricht, nahmen Plünderungen ein dramatisches Ausmaß an. gemessen an den zahllosen Raubgrabungslöchern, die aus Luftbildern und Berichten bekannt geworden sind, ist bisher relativ wenig auf dem Markt aufgetaucht. Wahrscheinlich sind viele Objekte noch zwischengelagert, ehe sie, ggf. auch restauriert und mit Fake-Papieren mit Gewinnsteigerung auf den Markt geworfen werden. Allerdings ist in den USA auch seit 2011 anhand der Statistiken des Zolls eine deutliche Steigerung der Einfuhr von Antiken aus dem Nahen Osten zu beobachten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich in diesen Lieferungen sehr viele Raubgrabungsfunde der letzten Jahre befinden. Selbst wenn – wonach es immer noch nicht aussieht – der Bürgerkrieg rasch beendet und Daesh geschlagen sein sollte, werden die Plünderungen noch lange auf der Tagesordnung bleiben müssen. Die Schäden für die Erkenntnis der Vergangenheit sind jetzt schon irreparabel: Verlorenes Wissen, noch bevor es gewonnen werden konnte.
                                                            Beim ersten Blogpost hätte ich nie gedacht, dass mich das Thema so lange und so regelmäßig auf Archaeologik beschäftigen würde – zumal ich als Mittelalterarchäologe davon in meiner Arbeit nur randlich davon betroffen bin. Nach wie vor finde ich es bedauerlich, dass letztlich doch nur relativ wenige Kollegen, die sehr viel mehr mit den betroffenen Regionen befasst sind und sich dort auch wesentlich besser auskennen als ich, diese Kulturgutzerstörung thematisieren.

                                                            Die Archaeologik-Beiträge zu Syrien und Irak 

                                                            Als Überblick seien hier erneut die Beiträge zum Krieg in Syrien und  Irak, die auf Archaeologik seit 2012 bzw. 2014 erschienen sind, aufgelistet.

                                                            2017

                                                            2016

                                                            2015

                                                            2014

                                                            Säulenstraße in Apameia (2008)
                                                            (Foto: von Effi Schweizer [Public domain], Wikimedia Commons)

                                                            2013

                                                            2012

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                                                              Kulturgut in Syrien und Irak im April 2017

                                                              Rückeroberung von Hatra im Irak

                                                              Im Frühjahr 2015 war die antike Stadt Hatra im Irak in die Hände des Daesh gefallen, der bald darauf ähnlich wie in Palmyra propagandistisch Zerstörungen in Szene gesetzt hat (vergl. IS-Zerstörungen in Hatra – ein neues Propaganda-Video. Archaeologik (4.4.2015).

                                                               Das Museum in Mosul

                                                              Entsetzliche Bilder aus dem Museum von Mosul, in dem Daesh eine seiner ersten Kulturgutzerstörungen inszeniert hatte.

                                                              Wiederaufbau

                                                              Aleppo: Wiederaufbau

                                                              Aus Aleppo gibt es erste Meldungen über Wiederherstellungsmaßnahmen. Dabei geht es selbstverständlich noch nicht um denkmalpflegerische Maßnahmen, sondern um die Sicherung notwendiger Infrastrukturen.

                                                                Nimrud

                                                                Damaskus: Nationalmuseum unter Beschuß

                                                                Wie sich im Vormonat angedeutet hat, gerät Damaskus stärker ins Kriegsgeschehen. Die bisher als sicher erachtete Lage des Nationalmuseums geriet am 5. April erstmals unter Beschuss, wobei zunächst keine Schäden entstanden sind.

                                                                Raubgrabungen bei Hama

                                                                weitere Schadensmeldungen

                                                                Maßnahmen

                                                                Ausstellung in Damaskus über die Arbeit der syrischen Altertumsbehörde DGAM

                                                                Restaurierungsarbeiten

                                                                Im Gegensatz den oben genannten Wiederaufbauplänen in Aleppo und Mossul laufen an verschiedenen Orten bereits Restaurierungsarbeiten. Das zeigen mehrere Anfang April auf YouTube eingestellte Videos der Tourismusbehörde.

                                                                Die Türkei finanziert den Wiederaufbau von Moscheen – von denkmalpflegerischen Aspekten ist hier nicht die Rede.

                                                                  Erklärung der G7-Kulturminister

                                                                  Sonstige Berichte/ Interviews

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                                                                      frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

                                                                      Dank an diverse Kollegen für Hinweise und Übersetzungen.

                                                                            Zwischen staatlicher Fürsorge und privater Vorsorge – ein neues archäologisches Forschungsprojekt

                                                                            Von den Veränderungen der Spätantike waren auch die fundamentalen Lebensbedingungen in vielfältiger Weise betroffen. Die Unsicherheit wuchs, die staatlichen Strukturen wurden geschwächt.
                                                                            In den Städten frühbyzantinischer Zeit war eine “Ruralisierung“, oft verbunden mit einer Verlagerung oder Auflösung des Stadtkerns, wobei vielerorts kleine Häuschen in frühere öffentliche Gebäude oder gar deren Ruinen gesetzt wurden.
                                                                            Ganz grundlegend war für die Menschen jedoch die Sicherung der Nahrungsversorgung. Spielte bis dato die staatliche Getreideversorgung eine zentrale Rolle, so musste nun selbst Vorsorge getrofffen werden.
                                                                            Welche Auswirkungen hatte das auf die Familien? Wie veränderte dies die Ernährungsgewohnheiten, wie die landwirtschaftliche Produktion?  Wie reagierten die Menschen auf die veränderten Lebensumstände, welche Maßnahmen ergriffen sie zur Sicherung der Nahrungsmittelgrundlage? Diesem Fragenkomplex – oder vielmehr einer konkreten Fallstudie am Beispiel der Versorgung der spätantiken Stadt Caričin Grad widmet sich ab Sommer ein neues Forschungsprojekt: „Zwischen staatlicher Fürsorge und privater Vorsorge: Eine interdisziplinäre Studie zur Versorgungssicherung im 6. Jahrhundert anhand des Getreidespeichers von Caričin Grad„. Die Finanzierung dazu hat die Fritz-Thyssen-Stiftung bewilligt. Die Stadt Caričin Grad bietet eine perfekte Ausgangsbasis, um nach Antworten zu forschen. Sie wurde um 530 n. Chr. von Kaiser Justinian als Verwaltungsmittelpunkt gegründet, jedoch um 615 n. Chr., nach noch nicht einmal drei Generationen, wieder verlassen.
                                                                            Aus dem aktuell auslaufenden Projekt „Das kurze Leben einer Kaiserstadt – Alltag, Umwelt und Untergang des frühbyzantinischen Caričin Grad (Iustiniana Prima?)“ wissen wir um Vorräte in verschiedenen Häusern, aber auch um die Aufbereitung von Getreide für die lokale Verarbeitung. Jetzt stehen im Rahmen einer serbisch-französichen Kooperation Ausgrabungen in dem Horreum der Stadt an, die das neu bewilligte Projekt nutzen will, um diesen Privaten Versorgungsstrategien mit der staatlichen Getreideversorgung der sog. Annona zu vergleichen.

                                                                            Das Horreum in der nördlichen Oberstadt von Caricin Grad ist Gegenstand neuer Forschungen.
                                                                            (Foto: Archäologisches Institut Belgrad – Pressebild)

                                                                            Im Kern des Projektes, das das RZM (meine Wenigkeit [Rainer Schreg]) und die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Prof. Wiebke Kirleis) gemeinsam beantragt haben, stehen archäobotanische Untersuchungen, die Dipl.-Prähistorikerin Anna E. Reuter durchführen wird. Ergänzt werden diese Untersuchungen durch bodenkundliche Analysen, die nicht nur von erheblicher Bedeutung sind, wenn es darum geht, die Fundablagerungen einzuschätzen, sondern auch einen Betrag leisten, die Geschichte des Horreums und die dortigen Arbeitsabläufe zu verstehen. In dessen jüngster Phase sind dort eben solche kleine Einbauten entstanden, wie sie in der Sptantike vielfach zu beobachten sind.
                                                                            Während der Ausgrabungen im Sommer werden systematisch Proben gesammelt, die dann in Mainz und Kiel ausgewertet werden. Die bodenkundliche Expertise liegt bei den Projektpartner vom Geographischen Institut der Johannes-Gutenberg Universität  (Prof. Sabine Fiedler, Dr. Jago Birk).

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                                                                            "Die Wissenschaft darf nicht schweigen." – #BlogsforScience

                                                                            Tausende Wissenschaftler haben am Earth Day weltweit dafür demonstriert, dass Fakten und Forschung weiterhin ernst genommen werden und politische Entscheidungen nicht aus dem Bauch raus getroffen werdn.

                                                                            Entsprechende Veranstaltungen gab es weltweit.

                                                                            In Panama ist der Caminata por la Ciencia vergleichsweise klein ausgefallen – mit geschätzt über 300 Teilnehmern ist das jedoch für ein Land, das eher mit Kanal, Tigerente, Briefkastenfirmen und Bananen gleichgesetzt wird, beachtlich.
                                                                            „Ciencia no silencia“ skandierten die Marschierer – frei übersetzt: Die Wissenschaft darf nicht schweigen.

                                                                            Caminata por la Ciencia, Panama 22. April 2017
                                                                            (Foto: R. Schreg)

                                                                            Der Protest hatte hier auch deutlich eine soziale Komponente – Forderungen nach mehr Frauen in der Wissenschaft oder der Hinweis auf die Rolle für Bildung und Entwicklung waren zu lesen.  In dem zuletzt von Korruptionsskandalen gebeutelten Land fehlt es an Investitionen in das Bildungswesen.
                                                                            Auffallend war aber auch: das Engagement von Firmen wie esri, denen man gerne unterstellen mag, dass es natürlich auch um wirtschaftliche Interessen geht.

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                                                                            Die US-amerikanische National Science Foundation gibt nur 5% ihres Budgets für Sozialwissenschaften aus. 0,12% entfallen auf die Archäologie. Dennoch ist das dem Kongressabgeordneten und Vorsitzenden des Wissenschaftsausschuß Lamar Smith zu viel. Er will Mittelvergabe nicht nach wissenschaftlichen Kriterien, sondern nach deren politischer und wirtschaftlicher Wertigkeit. Schon 2014 war Smith aufgefallen, dass ihm die Freiheit der Forschung und die Bedeutung der Sozialwissenschaften unverständlich ist.
                                                                             

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                                                                            Die US-amerikanische National Science Foundation gibt nur 5% ihres Budgets für Sozialwissenschaften aus. 0,12% entfallen auf die Archäologie. Dennoch ist das dem Kongressabgeordneten und Vorsitzenden des Wissenschaftsausschuß Lamar Smith zu viel. Er will Mittelvergabe nicht nach wissenschaftlichen Kriterien, sondern nach deren politischer und wirtschaftlicher Wertigkeit. Schon 2014 war Smith aufgefallen, dass ihm die Freiheit der Forschung und die Bedeutung der Sozialwissenschaften unverständlich ist.
                                                                             

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