Planet History

Hiltibold

Hörbares: Roms Tragödie in Germanien — Neue Facetten in der Lutherforschung — Die Kelten und der Hotzenweg



Gesprächsrunde: Sieglos an der Elbe – Roms Tragödie in Germanien | Spieldauer 44 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download

Reformation quergedacht: Neue Facetten in der Lutherforschung | Spieldauer 49 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download
Kelten im Schwarzwald: Der Hotzenweg | Spieldauer 7 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download
(OFF-Topic) Wie Bäume kommunizieren – Was flüstert die Fichte? | Spieldauer 23 Minuten | DF | Direkter Download
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Ein grausiger Mord am Vorabend des Vesuv-Ausbruchs

Am 10. Juli 1869 machten Archäologen bei Ausgrabungen in der vom Vulkan Vesuv verschütteten römischen Stadt Herculaneum eine bemerkenswerte Entdeckung. An der heute als Cardo III bezeichneten Straße, stießen sie im Hinterzimmer eines Eckladens auf mehrere in den Boden eingelassene Fässer aus Terracotta – ähnlich jenen auf dem obigem Bild. Das war an sich noch nichts Ungewöhnliches, sondern vielmehr handelte es sich hierbei um ein in der Antike übliches Verfahren zur Lagerung von Wein und anderen Lebensmitteln. Außergewöhnlich war allerdings der Inhalt eines dieser dolia. Der bestand nämlich aus drei Sägen, einem kleinen Hammer sowie menschlichen Knochen! Wie weitere Untersuchungen ergaben, war hier der Leichnam eines Mannes zerstückelt und seine Einzelteile samt den Tatwerkzeugen hastig versteckt worden.
Es ist wenig verwunderlich, dass dieser grausige Fund bis heute die (ohnehin blühende) Fantasie der Archäologen bis aufs Äußerste anregt. So wurde beispielsweise die Vermutung angestellt, der Besitzer des Ladens sei hier mit einem Geschäftspartner oder Kunden in Streit geraten und habe diesen im Affekt ermordet. Denkbar ist angeblich auch, dass ein Nebenbuhler ins Hinterzimmer gelockt wurde, um ihn dort zu beseitigen. Oder der Ladenbesitzer, bei dem es sich wahrscheinlich um einen freigelassenen Sklaven handelte, war von seinem Patron und ehemaligen Eigentümer beauftragt worden, ein fremdes Mordopfer verschwinden zu lassen. Handelte es sich dabei vielleicht gar um eine bekannte Persönlichkeit? 
Interessanterweise ist die Leiche nicht vollständig. Unter anderem fehlt ihr Kopf, den man vielleicht am schnellsten loswerden wollte, um im Falle eines unplanmäßigen Entdeckens durch Dritte eine Identifikation zu verhindern. Desweiteren zogen die Ausgräber den Schluss, dass der mutmaßliche Mörder aufgrund des Vesuvausbruchs dabei gestört wurde, die restlichen Leichenteile – nach und nach – aus der Stadt zu schaffen, um sie beispielsweise in der Nacht ins nahe Meer zu werfen. 
Gut möglich ist außerdem, dass er sein Opfer nicht lange überlebte und nur Stunden oder vielleicht einen Tag später in den heißen pyroklastischen Strömen des Vulkans selbst den Tod fand – so wie rund die Hälfte der Einwohner Herculaneums.

Ein weiteres interessantes Beispiel für die mitunter mörderischen Umtriebe in den Hinterzimmern römischer Läden liefert die Hauptstadt selbst. Dort soll der Überlieferung nach ein Bäcker immer wieder auswärtige Laufkundschaft entführt haben, um sie daraufhin angekettet zur schweren Arbeit an den Getreidemühlen zu zwingen. Nach einiger Zeit wurden die bis zur totalen Erschöpfung geschundenen Entführten wahrscheinlich umgebracht und durch Neuzugänge ersetzt. Aufgeflogen ist das alles erst, als der Bäcker und seine Gehilfen an einen zivil gekleideten, hartgesottenen Legionär gerieten, dem es gelang, seine Angreifer zu töten. Der Skandal soll großes Aufsehen in Rom erregt haben.

Mit einem Einzelfall hatte man es hier allerdings nicht zu tun. Denn bezeichnenderweise kam es in der Kaiserzeit wiederholt zu Durchsuchungen von Landgütern, nachdem römische Bürger immer wieder von der Straße weg entführt wurden, um Sklavenarbeit zu verrichten. Zur äußerst fragwürdigen Sicherheit auf römischen Straßen siehe auch meinen Blogbeitrag: Wie sicher waren die Straßen des Römischen Reichs wirklich?

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Weiterführende Literatur / Quellen:

Weitere interessante Themen:

Der Experimentalarchäologe Marcus Junkelmann antwortet seinen Kritikern

Mein Interview mit dem Experimentalarchäologen Marcus Junkelmann stieß auf reges Interesse und wurde dementsprechend nicht nur häufig aufgerufen, sondern auch fleißig kommentiert. Die meisten Kommentatoren stimmten der im Interview geäußerten Kritik an qualitativ fragwürdigem Reenactment zu. Doch vereinzelt gab es auch Widerspruch, der im Fall eines Nutzers außerdem in persönlichen Unterstellungen mündete. Marcus Junkelmann bat mich nun, seine ausführliche Entgegnung darauf zu veröffentlichen. Dem komme ich selbstverständlich gerne nach (das originale Interview samt Leserkommentaren ist hier zu finden).

Die Gegenkritik, ich würde nicht bemängeln, dass viele der männlichen Darsteller auf Grund zu großen Gewichts, zu hohen Alters, zu bleicher Haut keine Idealbesetzungen für die Rollen von Soldaten oder gar Gladiatoren sind, ist nicht richtig, denn ich habe den physiognomischen Aspekt unabhängig vom Geschlecht („Barttracht) generell als sehr wichtig bezeichnet. Bleichheit, Alter und dergleichen sind da natürlich gleich zu subsumieren. Diesen Schluss ziehen zu können, traue ich meinen Lesern durchaus zu, offensichtlich nicht immer mit Recht. Abgesehen davon, dass sich bei Petronius die Beschreibung einer etwas fragwürdig zusammengesetzten Gladiatorentruppe findet und dass das Borghese-Mosaik stark übergewichtige Arenakämpfer zeigt, manche Forscher sogar davon ausgehen, dies sei regelrecht angestrebt worden (was ich allerdings nicht glaube), war das hier nicht das eigentliche Thema, denn die Frage galt ganz dezidiert den weiblichen Darstellern männlicher Rollen. Ich predige übrigens allen meinen Leuten immer, sie sollten sich rechtzeitig bräunen, aus Gründen der sachlichen Wahrscheinlichkeit wie auch der antiken Ästhetik, doch wird das leider nicht immer befolgt. Es sind das aber immer nur Einzelfälle. Grenzen zu ziehen, ist schwierig, da es sich lediglich um Gradunterschiede handelt. Ob ich mich dagegen im Geschlecht vertue, das ist ein Wesensunterschied. Zudem zeichnen sich gerade die meisten weiblichen Gladiatoren, die ich zu Gesicht bekommen habe, nicht gerade durch „flachbrüstigen durchtrainierten“ Körperbau aus und schon gar nicht durch kämpferisches Können. Ich habe da nur eine Ausnahme erlebt, und diese Kämpferin ist nur intern bei einer Universitätsveranstaltung aufgetreten, ein echtes Naturtalent. 

Und was das Alter anbetrifft, so habe ich in der Tat in meiner Truppe einige wenige Kämpfer, die schon die 50 überschritten haben und auf eigenen Wunsch ausgeschieden sind, die ich aber, wenn es darauf ankommt (etwa Fernsehen), unbedingt versuche, wieder zu mobilisieren, nicht nur wegen Ihrer langjährigen Erfahrung, sondern auch wegen ihrer kämpferischen Leistungsfähigkeit und ihrer überzeugenden physiognomischen Beschaffenheit, Punkte, in denen sie mindestens 50 % des Jungvolks turmhoch überlegen sind. Der desavouierend gemeinte Hinweis auf meine eigene nicht mehr jugendfrische Physiognomie ist sinnlose Polemik, da ich auf dem fraglichen Photo in Zivil abgebildet bin und da ich schon lange nicht mehr als Kämpfer auftrete. 

Und nun zu den verleumderischen Behauptungen, die laut dem Kommentator „NRW-Loverboy“ dazu geführt haben sollen, dass ich in Xanten nicht mehr eingeladen werde. Weder alkoholisiertes Auftreten, noch unverständliches Schwadronieren, noch unzureichendes Aussehen oder Können meiner Gladiatoren wurden von Seite des APX ins Spiel gebracht, sondern räumliche Sachzwänge. Da der Zuschauer-raum des Xantener Amphitheaters nur zu einem Drittel rekonstruiert worden ist, haben höchstens 4.000 Menschen Platz, Tausende können nur von der Stadtmauer aus von ferne zuschauen. Man wollte daher das Programm raffen, um einen schnelleren Zuschauerdurchlauf zu erreichen. Da man fürchtete, diese rasche Folge von Einsätzen würde meine Männer überfordern, sollten sie abwechselnd mit einer mangelhaft ausgerüsteten Jungvolkgruppe zum Einsatz kommen. Ich lehnte diesen Kompromiss ab, weil er erstens auf eine Verwässerung des Programms und der Informationen hinauslaufen müsste und zweitens, weil ich uns nicht der Verwechslungsgefahr mit der anderen Gruppe aussetzen wollte. Die Veranstalter entschieden sich daraufhin für das Engagement der Nachwuchsgladiatoren, weil ihnen das in ihr Infantilisierungs- und Verhackstückungskonzept passte. Die weiteren Argumente wurden erst später bei Diskussionen mit anderen Gruppen geäußert, die sich erstaunt zeigten, dass ich als Begründer der Veranstaltung nicht mehr dabei war. Dass NRW-Loverboy von dieser Seite kommt, zeigt ja seine Formulierung „wenn er nicht mehr wie bei uns im Park – eingeladen wird“. 

Was die persönlichen Angriffe anbetrifft, so ist es zutreffend, dass ich es aus prinzipiellen Erwägungen ablehne, mir während einer solchen Veranstaltung ein (ganz unhistorisches) Alkoholverbot aufs Auge drücken zu lassen, wie das der Tendenz zum unverhohlenen Prohibitionismus entspräche. Das tue ich ostentativ, wie ich auch – bei anderen Gelegenheiten – dazu übergegangen bin, gelegentlich einen Zigarillo zu paffen, obwohl ich dem Rauchen eigentlich nichts abgewinnen kann, doch ist es mir ein Bedürfnis gegen diese widerlichen Bevormundungs-bestrebungen aufzumucken. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich nie mehr trinke, als ich vertragen kann, und dass von alkoholisiert – im Sinne von angetrunken – keine Rede sein kann. Ich hasse diesen Zustand und habe ihn seit meinen frühen Studentenjahren konsequent vermieden. 

Dass ich mit meinem durch Gebrauch von Fachausdrücken (die stets erklärt werden) unverständlichen „Schwadronieren“ das Publikum langweilen und zum Massenexodus veranlassen würde, widerspricht allen meinen Erfahrungen, die ich unter anderem auch bei Hunderten von Schulvorträgen und sehr vielen Fernsehauftritten gewonnen habe. Auch die Kinder gehen immer begeistert mit und wollen sehr viel mehr wissen als die auf Primitivisierung setzenden Verantwortlichen in den Parks wahrhaben wollen. Die Fernsehleute bestätigen mir immer wieder, dass ich eine ausgezeichnete Mischung aus Präzision, Informationsreichtum und Unterhaltsamkeit hinkriege. Mag sein, dass „Loverboys“ da überfordert sind, die Zuschauer in ihrer überwältigende Mehrheit jedenfalls nicht. Angesichts der systematischen Nivellierung nach unten ist vielleicht zu befürchten, dass das allmählich „unzeitgemäß“ wird, doch so lange man mich lässt, werde ich dagegensteuern.

Dr. Marcus Junkelmann

Hörbares: Die kleine Eiszeit — Deutsches Kulturgutschutzgesetz — Tollensetal-Schlacht — Anfänge und Geschichte der Kriminaltechnik — Der Rattenfänger von Hameln

Die kleine Eiszeit – eine Kälteperiode und ihre Folgen | Spieldauer 20 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download
Deutsches Kulturgutschutzgesetz – Was hat es gebracht? | Spieldauer 30 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download
Tollensetal-Schlacht und die Ausstellung „Blutiges Gold“ | Spieldauer 8 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

Anfänge und Geschichte der Kriminaltechnik – Verbrecher hinterlassen Spuren  | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

Der Rattenfänger von Hameln – was geschah wirklich? | Spieldauer 23 Minuten | BR | Direkter Download
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Videos: Peinliches Herumgezappel im Tollensetal — Die Schiffswracks vom Bodensee — Tatorte der Reformation

Die bronzezeitliche Schlacht im Tollensetal | Spieldauer 8 Minuten | NDR/ARD | Stream & Info
*LOL* – Die Spielszenen dieses Beitrags entsprechen exakt dem peinlichen Herumgezappel, das der Experimentalarchäologe Marcus Junkelmann in seinem Interview mit mir kritisiert hat 😊
Die Macher versuchen den Umstand, dass die Kampfszenen extrem tollpatschig wirken, durch schnelle Schnitte zu überspielen, aber das gelingt natürlich nicht. Die hier dargebotene Performance entspricht ja nicht einmal dem Niveau der Stummfilmära. Vielmehr hat man scheinbar ein paar LH-Kollegen dazu gebracht, sich für die Fernseh-Fuzzis ein bisschen zum Affen zu machen.
Geheimnisse der Tiefe – Die Schiffswracks vom Bodensee | Spieldauer 45 Minuten | SWR | Stream & Info

Tatorte der Reformation: Worms & Wartburg | Spieldauer 29 Minuten | ARD/MDR | Stream & Info
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Ab urbe condita, 30. Buch: Die Schlacht von Zama und das Ende des 2. Punischen Kriegs

Der antike Autor Titus Livius schildert in den Büchern 21 bis 30 seines Geschichtswerkes Ab urbe condita den berühmten 2. Punischen Krieg (218 – 201 v. Chr.) zwischen Rom und Karthago. Das vorliegende 30. Buch umfasst den Zeitraum von 203 – 201 v. Chr. Zentrales Thema sind hier die von Scipio (Africanus) ins karthagische Kernland getragenen Kamphandlungen: Dazu zählen unter anderem die Auseinandersetzungen mit dem numidischen Herrscher Syphax (ein Verbündeter Karthagos), die Rückberufung Hannibals aus Italien nach Nordafrika (um dort die Heimat zu verteidigen), die berühmte Entscheidungsschlacht bei Zama zwischen Scipio und Hanibal sowie der Friedensschluss zwischen Rom und Karthago.

Karthago zögerte in den letzten Kriegsjahren eigentlich die unvermeidliche Niederlage nur noch hinaus, wie aus dem letzten Teil von Livius‘ Beschreibung des 2. Punischen Krieges hervorgeht. Mit Roms italischem Rekrutierungspotential konnte man einfach nicht mithalten. Deutlich wird dies bei der Schlacht von Zama, wo Hannibal mit seiner hastig zusammengewürfelten und unterschiedlichst bewaffneten Söldnerarmee gegen den ethnisch relativ homogenen Block Scipios mittlerweile klar im Nachteil war. Neben Karthagern gehörten der Truppe Hannibals Makedonen, Gallier, Ligurer, Mauren, Balearen, Bruttier und sogar einige abtrünnige Latiner aus Italien an; das Sprachwirrwarr war enorm, wie Livius berichtet. Unterschiedlich waren auch die Beweggründe der einzelnen Volksgruppen, für Karthago zu kämpfen: Hoffnung auf Beute, Land und politischen Einfluss einerseits, aber auch Zwang (besonders bei den Bruttiern) andererseits. Und doch, mit etwas Glück hätte Hannibal die Schlacht von Zama vielleicht gewinnen können, denn Livius attestiert ihm, eine sehr kluge Schlachtaufstellung gewählt zu haben. Schlussendlich scheiterte er wohl vor allem am fehlenden inneren Zusammenhalt seiner ‚Multikulti‘-Truppe, wie zumindest die Überlieferung nahelegt.
Am Ende des Buchs wird das Zustandekommen des weitestgehend von Rom diktierten Friedensvertrages geschildert. Und Livius gibt auch gleich einen vagen Ausblick auf das 31. Buch, in dem der bereits am Horizont heraufziehende Krieg gegen Makedonien im Zentrum der Betrachtungen stehen wird.

Die Übersetzung stammt von Ursula Blank-Sangmeister. Der lateinischen Text wurde von ihr in ein modernes, allgemein verständliches Deutsch übertragen. Positiv hervorzuheben sind auch die unzähligen erklärenden Endnoten, ein Verzeichnis der enthaltenen Eigennamen und eine nützliche Inhaltsübersicht, in der die wichtigsten Ereignisse des geschilderten letzten Kriegsabschnitts chronologisch bzw. nach Kapiteln geordnet zu finden sind.

Randbemerkung: Endlich ist jetzt Livius‘ Schilderung des 2. Punischen Kriegs bei Reclam vollständig erhältlich! Die Veröffentlichung der zehn dünnen Bücher (Ab urbe condita 21-30) hat sich nämlich von 1999 (!) bis in dieses Jahr wie ein Strudelteig in die Länge gezogen.
Freilich, ich möchte mir lieber nicht ausmalen, wie lange der Verlag benötigt, um den Rest dieses bedeutenden Geschichtswerks zu veröffentlichen …

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Krimskrams: Verärgertes Museums-Fandom

Ich hätte mir nicht gedacht, dass das Interview mit Marcus Junkelmann dermaßen viele Leute interessiert – es ist ja doch ein sehr spezielles Thema, das da behandelt wurde. Nichtsdestotrotz wurde der Beitrag innerhalb weniger Tage schon rund 5000 mal angeklickt. Das ist ganz ordentlich!
Interessanterweise wurde ich als Folge des Interviews von Fans (Angestellten?) des sogenannten Limeskastell Pohl ‚heimgesucht‘. Jemand hatte nämlich im Kommentarbereich unter dem Junkelmann-Interview darauf hingewiesen, dass dieses Freilichtmuseum sozusagen Müll sei und Hiltibold – also ich – dazu schon mal einen kritischen Blogbeitrag verfasst hätte. Genau den ergoogelten die Limeskastell-Fans und waren davon gar nicht begeistert. Sofort haben sie damit begonnen, mich mit Ausreden zuzukleistern, warum das z.T. in Fertigteilbauweise (!), aber als „weitestgehend authentisch“ bezeichnete ‚Limeskastell‘ so aussieht wie es aussieht: Nicht genügend Geld, böse Bauvorschriften, Fachleute waren als Berater tätig (es könne demnach nicht so unhistorisch bzw. schlecht sein) usw. usf.  
Kommt uns das alles nicht von einem ähnlichen Projekt her bekannt vor 😉
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Weitere interessante Themen:

Videos: Kannibalen im Herzen Europas — Richard Löwenherz — Tatorte der Reformation

Archäologie: Kannibalen im Herzen Europas? | Spieldauer 2 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download
Tatorte der Reformation: Münster & Köln | Spieldauer 30 Minuten | MDR | Stream & Info

Interview mit Prof. Stefan Weinfurter über Richard Löwenherz | Spieldauer 8 Minuten | SWR | Stream & Info
Apropos Richard Löwenherz: Sozusagen als begleitende Maßnahme zu der im Video erwähnten Ausstellung über diesen berühmten englischen König ist kürzlich ein neues Buch erschienen. Zurzeit lese ich es noch, allerdings irgendwann diesen Herbst werde es hier im Blog besprechen.
Der Kaufpreis beträgt zwar 35 Euro, aber teuer ist das eigentlich nicht, wenn man bedenkt, um was für eine dicke, großformatige Schwarte es sich dabei handelt: Nähere Infos
Foto: Hiltibold | Cover: (C) Historisches Museum der Pfalz Speyer
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Hörbares: Musik des Mittelalters — Cäsars "deutsches" Römerlager — Leben wie Ötzi — Buchmalerei im Mittelalter — Graben in Olympia — Das Kirchenlied — Orlando di Lasso



Marc Lewon und die Musik des Mittelalters (inkl. Hörbeispielen) | Spieldauer 115 Minuten | SWR | Stream & Info
Cäsars „deutsches“ Römerlager | Spieldauer 3 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download
Eine Woche im Steinzeitpark: Leben wie Ötzi | Spieldauer 9 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download

Gespräch mit Prof. Anja Grebe: Buchmalerei – Domäne der Mönche im Mittelalter | Spieldauer 11 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download

Die Archäologen Hirschfeld und Boetticher graben in Olympia | Spieldauer 4 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download
Das Kirchenlied – Klang und Botschaft | Spieldauer 23 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download
1557: Orlando di Lasso – Musikerfürst am Münchner Hof | Spieldauer 22 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

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Bestimmungsbuch Archäologie: Gürtel – erkennen, bestimmen, beschreiben

Die Verwendung möglichst einheitlicher Begriffe ist in der archäologischen Forschung von großer Wichtigkeit, damit es bei der Ansprache der unterschiedlichen Objekte einer Fundgattung zu keinen Missverständnissen kommt. In diesem Zusammenhang wurde 2008 die AG Archäologiethesaurus gegründet. Ihr Ziel ist die schrittweise Veröffentlichung des entsprechenden Vokabulars in Form gedruckter Bestimmungsbücher wie dem vorliegenden 5. Band.

In „Gürtel: erkennen – bestimmen – beschreiben“ (Deutscher Kunstverlag) wurden hauptsächlich für den deutschen Sprach- und Kulturraum typische Gürtel bzw. ihre erhalten gebliebenen (metallenen) Einzelbestandteile wie Schnallen, Gürtelhaken oder Riemenzungen  in sehr übersichtlicher Weise systematisch geordnet und erläutert. 

Der Zeitraum der behandelten Gürtelbestandteile reicht ca. von der Späten Bronzezeit bis zur Karolingerzeit. Bedauerlicherweise geht diese zeitlich doch klare Einschränkung weder aus dem Cover- noch dem Klappentext hervor. Ich habe diese Auslassung schon bei einem anderen Band dieser Reihe bemängelt.

Die im Buch angewandte Systematik sowie die Entwicklung des Gürtels im Laufe der Geschichte wird in einer mehrseitigen Einführung erläutert. Außerdem erhält der Leser anhand zweier ‚Zeitstrahlen‘ einen Überblick über die Chronologie sowie die unterschiedlichen kulturellen Entwicklungsgeschwindigkeiten der norddeutschen bzw. süddeutschen Vor- und Frühgeschichte.

Mit diesem Buch sollen auch diejenigen Interessierten angesprochen werden, die zwar mit archäologischen Objekten zu tun haben, ohne aber Fachwissenschaftler zu sein – heißt es. Genannt werden hier Restauratoren, Magazinverwalter, Museologen, Leiter von Mehrspartenmuseen, Grabungsleiter und Wissenschaftler anderer Fachbereiche.
Freilich, ‚vergessen‘ hat man bei dieser Aufzählung Living-History-Hobbyisten wie mich, Antiken-Händler und natürlich die allseits beliebten Sondengeher 😃

Fazit: Ein nützliches Buch, sofern einen die zeitliche Einschränkung der betrachteten Funde nicht stört. Der Kaufpreis beträgt relativ günstige 19,90 Euro.

Randbemerkung: Wer designed eigentlich solche Cover? Wieso legt man die Schrift ausgerechnet über das Bild, obwohl oben und unten noch genügend Platz gewesen wäre? Gehts noch ungeschickter? So etwas sieht doch nicht schön aus.

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Hörbares: Neues zur Varusschlacht — Die Geschichte der Imkerei — Kulturgeschichte des Einkaufens — Die Geschichte der Schäferei



Neues zur Varusschlacht – Archäologen revidieren einen Mythos | Spieldauer 24 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download
In dieser Sendung geht es am Rande auch um die interessante Frage, ob in Kalkriese tatsächlich die Varusschlacht stattgefunden hat. Und selbst wenn – möglicherweise handelte es sich nur um einen zweitrangigen Nebenkriegsschauplatz. Varus könnte mit der Hauptstreitmacht nämlich ganz woanders marschiert sein. Was meiner Ansicht nach kein unrealistisches Szenario ist, denn bei der Masse an Truppen, die er mit sich führte, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Römer in mehreren Marschsäulen  vorrückten. Anderenfalls hätte sich ihr Heerwurm wohl dermaßen in die Länge gezogen, dass, wenn die ersten Soldaten bereits den Platz für ihr Nachtlager erreichten, noch nicht einmal alle ihre Kameraden den Ort des Abmarsches verlassen hätten. Hans Dieter Stöver schildert dieses Möglichkeit sehr anschaulich in seinem Buch „Der Sieg über Varus“.

Die Geschichte der Imkerei  – Das Geschäft mit der Biene | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

Kulturgeschichte des Einkaufens – Tauschen – Feilschen – Kaufen | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download
Die Geschichte der Schäferei – Ein spartanisches Idyll | Spieldauer 23 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download
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Buch: Von der Kupfersteinzeit zu den Seltenen Erden

Im Buch Von der Kupfersteinzeit zu den Seltenen Erden (Verlag Springer Spektrum) zeichnet der Mineraloge Florian Neukirchen die sich über viele Jahrtausende erstreckende Geschichte der Metallgewinnung nach.
Gleich zu Beginn weist der Autor darauf hin, dass die in Schulen undifferenziert vermittelte Abfolge der verschiedenen Metallzeiten – nämlich Kupfersteinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit – für viele Regionen nicht zutreffend ist. Auch wären die zeitlichen Eingrenzung der einzelnen Metallzeiten problematisch. So wurde beispielsweise gediegenes Kupfer, das an der Erdoberfläche aufgelesen werden konnte, bereits zu Beginn (!) der Jungsteinzeit verwendet. 
Weiters heißt es, die Entdeckung der Metalle sei für die menschliche Kultur keineswegs so revolutionär gewesen, wie lange Zeit angenommen wurde. Die Vorstellung, Kupfer und Bronze hätten unmittelbar zu radikalen gesellschaftlichen Umbrüchen geführt, wird als unzutreffend bezeichnet. Die frühesten Metallobjekte sind nämlich fast niemals Werkzeug oder Waffen, sondern vor allem kleine Schmuckstücke und Kultobjekte. Die bereits vorhandenen nichtmetallischen Materialien herrschten demgegenüber noch lange vor. Es dauerte Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende, bis das Metall im Alltag der Menschen angekommen war.
Mehr noch als dem kulturhistorischen Aspekt, widmet sich der Autor dem naturwissenschaftlichen bzw. technischen: In welcher Form kommen die jeweiligen Metalle in der Natur vor? Wie wurden sie abgebaut und verhüttet? Welche chemischen Reaktionen spielten sich dabei im Metall ab? Warum standen Öfen zur Verhüttung häufig an Bergabhängen? Welche Stoffe wurden schon sehr früh zum Legieren und Verbessern von Werkstoffeigenschaften eingesetzt? Welche wichtigen Informationen können Archäologen aus den Überresten von Schlacke ziehen? Mit welchen Methoden ist es heute möglich, Metall einem bestimmten Abbaugebiet zuzuordnen? Wie alt sind die ältesten von Menschen gemachten Eisenobjekte (Antwort: mindestens 6000 Jahre alt!)? Was steckt hinter der hethitischen Bezeichnung „gutes Eisen“? Was sind die ältesten Objekte aus Stahl? Wie viele tausend Tonnen Blei bliesen die Römer in Form von Abgasen bei der Silber- und Bleiverhüttung jährlich in die Luft? Usw. usf.

So weit so gut, nun zu den (wenigen) Kritikpunkten: Der Autor gibt zwar sehr brav seine Quellen an, allerdings nicht einfach in Form von Fuß- oder Endnoten, sondern er fügt sie direkt in den Text ein. Das ist zwar nicht völlig unüblich, stört aber, wenn es zu oft vorkommt, den Lesefluss . 
Ebenfalls weniger gefallen hat mir der Umstand, dass die Geschichte der mittelalterlichen Metallerzeugung vergleichsweise kurz behandelt wird – es dominieren stattdessen die Vorgeschichte und die Antike. Bis zu einem gewissen Grad ist diese Gewichtung zwar verständlich, aber dass etwa speziell das Frühmittelalter mit fast nur einem einzigen Satz abgehandelt wird, hat mich dann schon ein bisschen gewurmt. Hier hätte es definitiv mehr zu erzählen gegeben.
Fazit: Punktuell wird der eine oder andere Leser vielleicht ein wenig mit den dargebotenen Detailinformationen aus der Metallurgie überfordert sein. Allerdings ist der Text im Großen und Ganzen so formuliert, dass man den Ausführungen wohl auch als absoluter Laie relativ leicht folgen kann. Mit hat das Buch jedenfalls gefallen: Es ist gut strukturiert und – trotz kleinerer Auslassungen – äußerst informativ.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung
– Montanarchäologie und Archäometallurgie
– Grundlegende Eigenschaften von Metallen und Legierungen
– Metallverarbeitung
– Metalle und ihre Erze
– Drei Lagerstättentypen
– Literatur

Das erste Kupfer
– Die Anfänge in der Steinzeit
– Verhüttung von Kupfererzen
– Kupferzeit in Osteuropa und im Nahen Osten
– Arsenbronze und Fahlerzkupfer
– Gold aus dem Kaukasus
– Literatur

Bronzezeit
– Frühe Bronzezeit im Nahen Osten
– Zinnbronze
– Woher kam das Zinn?
– Mittlere und Späte Bronzezeit im Nahen Osten und am Mittelmeer
– Kontamination und Krankheiten
– Kupfer und Bronze in Mitteleuropa
– China
– Literatur

Vom ersten eisen zur Antike
– Die ältesten eisenobjekte
– Rennofen, Eisen und Stahl
– Frühe Eisenzeit
– Afrika
– Kelten in Mitteleuropa
– Krösus und das erste Geld
– Blei und Silber
– Zink und Messing
– Metalle in der Antike
– Literatur

Mittelalter und Renaissance
– Metalle im Mittelalter
– Johannes Gutenberg und die beweglichen Lettern
– Renaissance im Bergbau
– Georgius Agricola
– Alchemisten und Wünschelruten
– Die Fugger – Der erste Bergbaukonzern
– Saigerhütten und Vitriole
– Holzverbrauch und Entwaldung
– Eldorado: Metalle aus der Neuen Welt
– Krieg und Krise
– Literatur

Industrielle Revolution und Hightech
– Frühkapitalismus und Manufakturen
– Dampf und Eisen
– Kupfer und Elektrizität
– Aluminium
– Stahlgewitter und Eiserner Vorhang
– Titan und andere Supermetalle
– Computer, Mobiltelefone und Akkus
– Seltene Erden
– Literatur

Glossar

Sachverzeichnis

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Weiterführende Informationen:


Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

Krimskrams: Stumpfes Messer mit Gürtel aus Leder schärfen? — Polystratus und ein antikes Buch mit Gegenwartsbezug?

Polystratus und ein antikes Buch mit Gegenwartsbezug?

In der sogenannten Villa dei Papiri – einer antiken Landvilla, die im Jahr 79 n. Chr. beim Ausbruch des Vesuvs verschüttet wurde – entdeckten Forscher schon früh verkohlte Bücher/Schriftrollen, an deren Entzifferung bis heute gearbeitet wird. 
Darunter befinden sich auffällig viele Werke epikureischer Philosophen. Der Villen-Besitzer – oder zumindest einer seiner Vorgänger – scheint eine Vorliebe für diese philosophische Schule gehabt zu haben.
Als ich kürzlich ein wenig über die von den Archäologen ans Tageslicht geförderten Schriften las, sprang mir ein vom Epikureer Polystratus stammender Titel sofort ins Auge und ich musste aufgrund seines unfreiwilligen Gegenwartsbezuges schmunzeln – er lautet nämlich: Über die unsinnige Verachtung der Volksmeinung
Es gibt offenbar Dinge, die sich selbst in über 2000 Jahren nicht geändert haben 😉. 
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Stumpfes Messer mit Gürtel aus Leder schärfen?


Was tun, wenn man mit in Mittelalter- oder Römerausstattung mitten in der Pampa unterwegs ist und plötzlich feststellt, dass das Messer nicht mehr gut schneidet? Genau, man holt den Schleifstein hervor. Wenn der aber vergessen wurde, dann tut es mitunter auch ein Gürtel. Als ich nämlich kürzlich in die beschriebene Situation kam, habe ich das Messer in meiner Not mit großem Erfolg gut zehn Minuten am straff gespannten Leder des Gürtels abgezogen. Dem Gürtel hat das so gut wie nichts ausgemacht, denn man setzt die Klinge dabei ja in einem sehr flachen Winkel auf.
Freilich, richtig tiefe, wüste Kerben bekommt man damit nicht heraus (die würden sogar eher dem Leder schaden), aber sofern die Schneide noch nicht völlig ruiniert ist, kann das Schärfen am Gürtel trotzdem viel bringen – und zwar auch dann, wenn keine Schleifpaste auf dem Leder aufgetragen wurde, wie das bei speziellem Abziehleder gerne gemacht wird.

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Weitere interessante Themen:

Videos: Goldschatz-Fund — Antike Siedlungen von Staudamm bedroht — Das römische Aquädukt Pont du Gard — usw.

Goldschatz-Fund beim Pipeline-Bau | Spieldauer 4 Minuten | DW | Stream  & Info

Wie Geld gewinnt und Bagger Geschichte zertrümmern | Spieldauer 5 Minuten | BR | Stream  & Info

Archäologen entdecken 5500 Jahre alten Schädel in der Blätterhöhle | Spieldauer 3 Minuten | WDR | Stream  & Info
Das römische Aquädukt Pont du Gard | Spieldauer 14 Minuten | WDR | Stream  & Info
Antike Siedlungen von Staudamm bedroht | Spieldauer 5 Minuten | DW | Stream  & Info
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Interview mit dem Experimentalarchäologen Marcus Junkelmann: Von Junk-Living-History und Billig-Reenactment

Marcus Junkelmann zählt zweifellos zu den bedeutendsten und bekanntesten Pionieren der Experimentellen Archäologie. 1985 erregte der praktizierende und darstellende Militärhistoriker zum ersten Mal größeres Aufsehen, als er zusammen mit acht Gefährten in römischer Legionärsausrüstung von Italien nach Deutschland marschierte; Vierundzwanzig Tage dauerte dieser von großem Medieninteresse begleitete Alpenmarsch. Wenige Jahre später wiederholte Junkelmann das Experiment, nun allerdings in Form eines dreißigtägigen Ritts entlang des obergermanisch-raetischen Limes; selbstverständlich wieder in historisch möglichst korrekter ‚Adjustierung‘, deren Praxistauglichkeit man ausgiebig testete. Die Ergebnisse wurden in populären, immer wieder neu aufgelegten Büchern veröffentlicht. Zu nennen sind hier beispielsweise Die Reiter Roms (4 Auflagen), Panis Militaris (3 Auflagen), Die Legionen des Augustus (15 Auflagen!).
Mit allgemein verständlichen, gut illustrierten Publikationen wie diesen, befeuerte Junkelmann besonders im deutschen Sprachraum das, was heute gemeinhin als „Reenactment“ oder „Living History“ bezeichnet wird; also das praktische Nachempfinden vergangener Lebenswelten auf Grundlage möglichst harter wissenschaftlicher Fakten.
Doch es ist längst nicht alles Gold, was da glänzt. So attestiert Marcus Junkelmann beispielsweise in der jüngsten Auflage seines Buchs Die Legionen des Augustus dem Römer-Reenactment einen qualitativen Verfall. Darüber sowie über einiges mehr – wie etwa Frauen in Rüstung, peinliche Schlachten-Reenactments und museumsdidaktische Kasperltheater – wird es in folgendem Interview gehen.


Lieber Herr Junkelmann, Ihr vor über dreißig Jahren durchgeführter Marsch über die Alpen verursachte Kosten von rund dreihunderttausend Mark. Sie mussten sogar eine kleine Eigentumswohnung verkaufen, um die Finanzierung der teuren Ausrüstung stemmen zu können. Nun hat sich seit damals einiges geändert; der von Ihnen mitausgelöste Living-History- bzw. Reenactment-Boom bewog zahlreiche Handwerker dazu, sich als Zulieferer der neu entstandenen Szene zu betätigen, was wiederum zu einem Sinken der Preise führte. Günstig ist beispielsweise eine hochwertige Legionärsausrüstung trotzdem nicht. Manch Einsteiger bedient sich daher bei Billigherstellern wie der indischen Firma Deepeeka. 
Was konkret stört Sie daran? Man könnte ja argumentieren, dass der Unterschied für die meisten Menschen rein optisch ohnehin nicht erkennbar ist und nur Insider bzw. Fachleute unhistorische Edelstähle usw. identifizieren können. Oder läuft hier mehr falsch?

Perfekte Authentizität bis hin zu den Materialien und Herstellungsweisen wird sich aus Zeit- und Fínanzierungsgründen gewiss nur in Ausnahmefällen erzielen lassen. Es kommt ja auch immer darauf an, ob ein Experiment mehr handwerklich-herstellungstechnischer oder einsatz-verwendungs-technischer Natur ist. In letzterem Falle ist es unwesentlich, ob ein Helm aus modernem Messingsblech getrieben worden ist oder ob man die Legierung selbst mit historisch korrekten Methoden hergestellt hat. Es geht hier nur um Form, Gewicht, Funktionsweise, da darf es keine Kompromisse geben, sonst werden optischer Eindruck und praktische Ergebnisse verfälscht. Unverständlich ist für mich, warum so viele Stücke „made in India“ in der Form und in den Proportionen falsch sind. Es richtig zu machen, wäre nicht teurer gewesen. Wenn solche Produkte dann museumsdidaktisch eingesetzt werden, dann ist das unseriös und geschieht auf Kosten der ernsthaften Handwerker und Darsteller.
Hier müsste von Museen und ähnlichen Institutionen mehr Qualitätsbewußtsein und Solidarität erwartet werden. Statt dessen glaubt man, auf diesem Gebiet nach dem Motto „Merkt ja niemand“ mogeln und Geld sparen zu können. Das zeigt, dass in Deutschland häufig experimentelle Archäologie und die lebendige Präsentation nach wie vor von vielen Museumsleuten als didaktisches Kasperletheater aufgefasst und nicht wirklich ernst genommen werden. Für irgendwelche modischen Mätzchen von Ausstellungsarchitekten werden dagegen horrende Summen herausgeworfen. Im Grunde stellt das Betrug am Publikum dar, denn die meisten Leute erwarten größtmögliche Authentizität, auch wenn nur eine – mittlerweile gar nicht so kleine –Minderheit es beurteilen kann. Man präsentiert den Leuten in den Vitrinen ja auch keine Fälschungen im Vertrauen darauf, dass es keiner merkt. Das ist eine Frage der Ehrlichkeit.


Was waren rückblickend die bedeutendsten Erkenntnisse, die Sie mit Limesritt und Alpenmarsch gewinnen konnten? In welchem Ausmaß war seinerzeit die Fachwelt überhaupt bereit, sich auf diese relativ neue Methode der Geschichtsforschung einzulassen? Und wie ist die Situation heute?
Problematisch scheint mir nämlich zu sein, dass der Begriff ‚Experimentelle Archäologie‘ in den letzten Jahren zunehmend verwässert wurde. Selbst das Binden eines Reisigbesens, das Färben von Wolle oder das Töpfern einer Schale wird von vielen Freilichtmuseen – und sogar Universitäten – bereits als Experimentelle Archäologie angepriesen. Setzt dieses permanente Trivialisieren die Leistungen von praxisbezogenen Forschern wie Ihnen nicht herab?

Es würde zu weit führen, hier die bei den diversen Experimenten gewonnenen Erkenntnisse zu diskutieren, zumal ich das in meinen beiden Büchern ausführlich getan habe. Erwähnen möchte ich hier nur die Erfahrungen mit dem steigbügellosen Reiten, dem römischen Hörnchensattel und dem Nachweis, dass sowohl die Maskenhelme des Militärs – zumindest die frühen Typen – , als auch die Gladiatorenhelme, wie sie durch die ausgegrabenen Originalstücke dokumentiert sind, keine reinen Paradewaffen waren, sondern durchaus im scharfen Einsatz verwendet werden konnten.
Grundsätzliche Vorbehalte von Fachseite hat es gegenüber meinen Unternehmungen überraschend wenige gegeben. Es überwogen von Seiten der Historiker und Archäologen ganz entschieden die Zustimmung und die Kooperationsbereitschaft. Da könnte ich sehr viele Namen im In- und Ausland nennen. Dass der Begriff „Experimentelle Archäologie“ inzwischen reichlich inflationär benutzt wird, da gebe ich Ihnen vollkommen recht. Oft handelt es sich um banale Selbstverständlichkeiten oder um das Nachäffen bereits geleisteter Experimente, meist mit unzureichenden Mitteln, aber mit vollmundigen Ansprüchen. Hochstapelei und geistiger Diebstahl sind gang und gäbe und werden oft von den Museen aus Gleichgültigkeit oder Knauserei gedeckt. Natürlich gefährdet das auch das Image der seriösen Gruppen.

Freilichtmuseen verfügen häufig über einen sogenannten wissenschaftlichen Beirat, der mit Fachleuten aus dem Geschichtsbetrieb besetzt wird. Und doch ist eine solche Einrichtung kein Garant für Qualität, wie manch Beispiel belegt. Auch TV-Dokumentationen, die seit einigen Jahren geradezu inflationär mit aus wissenschaftlicher Sicht fragwürdigen Spielszenen aufgehübscht werden, sind problematisch, wie Sie beispielsweise in Ihrem Buch Hollywoods Traum von Rom kritisieren.
Ist es nicht unethisch, wenn Historiker und Archäologen ihren guten Namen schludrig umgesetzten Projekten zur Verfügung stellen – Stichwort „argumentum ad verecundiam“  – und diesen dadurch eine gewisse Legitimation verschaffen?
Die Sucht, Dokumentarfilme in Spielfilme mit unzureichenden Mitteln zu verwandeln, ist zu einer regelrechten Pest geworden. Leider lassen sich da viele Fachleute unkritisch und widerstandslos vereinnahmen, was teils mit mangelndem Interesse und Verständnis gegenüber dem Medium Film zusammenhängt. Das Verhalten der Filmemacher selber ist sehr unterschiedlich. Manche sind durchaus gutwillig und berücksichtigen Einwände und Vorschläge, manche aber – vor allem unter den Produzenten – sind völlig uneinsichtig und reiten auf einer kontraproduktiven künstlerischen Autonomie herum, bei der es sich meist um die ewige Wiederholerei abgedroschener Klischees handelt und um den Irrtum, Authentizität sei notwendigerweise langweilig.
Man kommt da in ein echtes Dilemma – kann ich mich aus Frustration vor der Verantwortung drücken und den Krempel hinwerfen, oder gefährde ich durch erzwungene Kompromisse die Vertretbarkeit des Ergebnisses und meinen guten Namen, um wenigstens das Schlimmst zu verhüten? Nicht umsonst habe ich das einschlägige Kapitel meines Buches „Die Leiden des historischen Beraters“ genannt.
Man fragt sich auch oft, welche Rolle die „wissenschaftlichen Beiräte“ beispielsweise bei der Gestaltung der Museumsshops spielen. Denn da wird vielfach ein peinlicher Mist angeboten, als bestünde das Publikum nur aus Kindern und kindischen Erwachsenen. Dass es auch anders geht, kann man in den angelsächsischen Ländern sehen.
Den langjährigen Lesern dieses Blogs dürfte einer dieser schrägen Museumsshops – nämlich jener der baden-württembergischen Mittelalterbaustelle Campus Galli – noch gut in Erinnerung sein 😉. Es handelt sich dabei sozusagen um ein Paradebeispiel, das Ihre Kritik aufs Anschaulichste bestätigt.


In den vergangenen Jahren wurde gelegentlich von Journalisten und Historikern Schlachten-Reenactment kritisiert: Da würde von ein paar kostümierten Hanseln zum Gaudium der Massen der Krieg verherrlicht, hieß es.
Ist das zutreffend? Oder ist Schlachten-Reenactment aus anderen Gründen problematisch – etwa weil dem Publikum aus Mangel an Darstellern fast nie die tatsächliche Dimension einer militärischen Auseinandersetzung vermittelt werden kann?

Schlachten-Reenactments sind in der Tat ausgesprochen problematisch. Gerade wenn Hunderte oder gar Tausende bei einem Großreenactment auftreten, entsteht der Eindruck realistischer Dimensionen, obwohl niemals mehr als ein kleiner Bruchteil der damals tatsächlich anwesenden Massen vertreten ist. Es entsteht so eine Art riesiges Zinnfigurendiorama, bei dem gleichfalls Bataillone von 500 Mann von 30-Mann-Trupps dargestellt werden. Dieser vorgegaukelte Realismus wirkt unweigerlich verniedlichend. Besonders peinlich wird es, wenn ein paar Leute umfallen und Leichen simulieren, um ein paar Minuten später wieder aufzustehen. Da degeneriert die „blutige“ Schlacht schnell zum Kasperletheater, zumal wenn sich das Spektakel auf einer Art Fußballfeld unter Volksfestcharakter abspielt. Man sollte bei ausreichender Masse lieber kleinere Formationen 1:1 darstellen, Kompanien, Bataillone, Eskadrons statt Dutzende von Zwergeinheiten mit viel zu vielen Fahnen, Offizieren und Spielleuten herumturnen zu lassen. Und es sollte alles exerzier- oder manövermäßig ablaufen, aber niemals realen Kampf zu suggerieren versuchen. Mit Feuerwaffen würde es noch halbwegs gehen, aber mit Blankwaffen ist es hoffnungslos. Stellen Sie mal eine Kavallerieattacke realistisch nach mit Einbruch, Einhauen und allem! Man denke nur an das alberne Rumgeschiebe der Infanterie mit senkrecht gehaltenen Spießen oder Bajonetten.

Was halten Sie von Frauen in Männerkleidung bzw. Kampfausrüstung, wie sie beispielsweise im Vorjahr vermehrt beim ‚1066‘-Reenactment in Hastings zu sehen waren? Es erscheint mir nämlich äußerst widersprüchlich, wenn Darsteller einerseits akribisch an ihrer Austattung feilen, andererseits aber historische Rollenbilder grob missachten. Könnte sich daraus nicht ein ernsthaftes Glaubwürdigkeitsproblem für die lebendige Geschichtsdarstellung ergeben? 

Frauen in Rüstungen und Uniformen sind schlicht lächerlich. Man erkennt die Fälschung in aller Regel schon auf 20 Meter. Besonders bizarr sind in letzter Zeit die überall aus dem Boden schießenden weiblichen Gladiatoren. Gewiss, es hat hat sie ganz vereinzelt gegeben – gerade eine einzige bildliche Darstellung mit zwei Namen unter Tausenden von Männern ist dokumentiert. Man sollte nicht ausgerechnet krasse Ausnahmefälle in Szene setzen und so ein ganz schiefes Bild vermitteln. Und vor „oben ohne“ scheut man dann doch zurück (Gott sei Dank!). Generell ist zu beachten, dass die Physiognomie und ganz besonders auch die Haar- und Barttracht, Make-up, Brillen Tätowierungen u.ä. organischer Teil des gesamten Erscheinungsbildes sind und nicht ausgeblendet werden dürfen – wie dies von einigen Stilbruchfanatikern sogar gefordert wird. Das zerstört alles. Auch wenn es politisch inkorrekt ist – es kann nicht jede(r) alles darstellen, ohne eine Farce zu veranstalten.

Glaubt man den Statistiken, dann steigt in Westeuropa das Bildungsniveau/die Akademikerquote beständig an. Ist dieser Umstand, wie manche Leute meinen, tatsächlich dafür mitverantwortlich, dass sich immer mehr Menschen mit Lebendiger Geschichte beschäftigen? 
Böse Zungen behaupten nämlich, das Mehr an Akademikern erkaufe man sich mit einem drastischen Absenken der Bildungsstandards. Viele geisteswissenschaftliche Unis seien daher längst zu Titelmühlen für Kompetenz-Attrappen herabgesunken.

Das angeblich steigende Bildungsniveau halte ich in der Tat vornehmlich für eine Verdrängung der Qualität durch Quantität, wie das ja von vielen Bildungspolitikern unverblümt eingefordert wird. Was wir mit dem akademischen Schrott anfangen sollen, der da in wachsender Menge produziert wird, ist mir schleierhaft.

Marcus Junkelmann vor rund drei Jahrzehnten als
römischer Centurio zur Zeit des Augustus.

Man beachte die auffälligsten Kennzeichen dieses
Ranges: Quergestellter Helmbusch (crista transversa),
Rebenstock (vitis), versilberten Beinschienen (ocrea)
 und das im Gegensatz zu normalen Soldaten nicht
rechts sondern links getragene Kurzschwert (gladius).
Aus dem Buch: „Die Legionen des Augustus“
Herbert Utz Verlag 2015 | (C) Marcus Junkelmann

Nach über 30 Jahren Living History und Reenactment hängen Sie dieser Tage Ihre caligae an den Nagel. Viele werden das sicher bedauern.

Ich hänge die caligae an den Nagel, weil meine Freunde und ich einfach durch die Billigkonkurrenz verdrängt und kaum mehr engagiert werden. Es ist bitter, an Orten, wo man selbst vor Jahrzehnten das Ganze in die Wege geleitet hat, die Plagiatoren sich wichtigtuerisch in Szene setzen zu sehen und mehr schlecht als recht das vorführen, wofür ich in vieljähriger, aufwendiger Arbeit die Recherche geleistet und die Prototypen geschaffen habe. Eine besonders fragwürdige Tendenz ist es, ausgerechnet die römische Gladiatur zur Kinderbespaßung zu missbrauchen und nach Art der leidigen Ritterturniere auf Mittelaltermärkten ablaufen zu lassen  – einschließlich Herz- und Schmerz-Handlung.
Ich bin nun viele Jahre lang vor den Plagiatoren von einem Thema zum anderen geflohen – Legionäre, Küche, Kavallerie, Gladiatoren, stets wurde ich, nachdem ich die Ergebnisse – ganz im Gegensatz zu fast allen anderen Gruppen – ausführlich publiziert hatte, eingeholt und habe jetzt allmählich von der Römerei genug. Für wirklich qualitätvolle Projekte bin ich nach wie vor zu haben, wenn ich auch fürchten muss, das mangels Einsätzen sich meine Gruppe allmählich auflöst!


Das wäre sehr schade! Doch zumindest als Autor bleiben Sie uns sicher auch weiterhin erhalten. Vielleicht können Sie abschließend einen kleinen Ausblick auf geplante Bücher und andere Projekte geben?

Ich versuche nun, in der Schlossanlage Schleißheim eine schöne, facettenreiche Barockveranstaltung zu etablieren, die enorm ausbaufähig ist. An einschlägigen Büchern bereite ich vor allem in Zusammenarbeit mit dem Archäologischen Park Carnuntum eine völlig überarbeitete und erweiterte, um einen beiliegenden DVD-Film bereicherte Auflage meines seit langem vergriffenen Buches „Galdiatoren. Das Spiel mit dem Tod“ vor, das in einem Jahr unter dem Titel „Die Söhne der Nemesis“ im Nünnerich-Asmus-Verlag erscheinen wird. Für den Pustet Verlag soll ich ein Büchlein genau zu unserem Thema schreiben: Römisches Reenactment. Da muss ich eigentlich nur noch die Bebilderung zusammenstellen. Für den Zauberfeder-Verlag arbeite ich an einem Buch zur römischen Zivilkleidung. Und der Beck-Verlag hat ein großes Handbuch zur römischen Militärgeschichte 750v.Chr. – 450 n.Chr. in Auftrag gegeben, das mit 750 Seiten veranschlagt ist. Das wird noch etwas dauern.

Auf diese Bücher freue ich mich schon sehr! Und vielen lieben Dank, Herr Junkelmann, dass Sie uns so ausführlich Auskunft gegeben haben.



UPDATE: Auf die vereinzelt im Kommentarbereich geäußerte Gegenkritik antwortet Herr Junkelammann in folgendem Beitrag ausführlich.


Weitere Informationen zum Gesprächspartner:
Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

Hörbares: Improvisation mit Alter Musik — Ken Follets "Das Fundament der Ewigkeit" — Zur Arbeit von Archäologen — Kulturgeschichte der Toilette — Antike Kirchen in Syrien — Unterwäsche im Wandel der Zeit



Improvisation mit Alter Musik – wie vor Jahrhunderten | Spieldauer 7 Minuten | DF | Stream & Info 

„Müll ist für uns lebenswichtig“: Zur Arbeit von Archäologen | Spieldauer 8 Minuten | DF/ARD | Stream & Info | Direkter Download

Ken Follet: „Das Fundament der Ewigkeit“ – die Geschichte des ersten Geheimdienstes im 16. Jahrhundert | Spieldauer 10 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download

Kulturgeschichte der Toilette – Von der Latrine zum Washlet | Spieldauer 22 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download
Türkisch-syrisches Kampfgebiet – Christen wollen ihre antiken Kirchen retten | Spieldauer 22 Minuten | DF/ARD | Stream & Info | Direkter Download

Unterwäsche – Hautnahes im Wandel der Zeit | Spieldauer 21 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download
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Buch: Caesarenwahn – Herrscher, die sich für Götter hielten

Hatten einige römische Kaiser – wie etwa Caligula, Claudius, Nero, Domitian, Commodus, Caracalla und Elagabal – einen gröberen Sprung in der Schüssel? Zumindest vertrat die Geschichtswissenschaft diese Meinung lange Zeit relativ undifferenziert. Mittlerweile ist ein Gegentrend zu beobachten, zu dem auch das von Alexander Rudow verfasste Buch Caesarenwahn – Herrscher, die sich für Götter hielten (Regionalia Verlag) zählt.

Im Großen und Ganzen führt der Autor den schlechten Ruf bestimmter römischer Kaiser auf den Umstand zurück, dass diese mit dem ungeschriebenen Gesetz des Augustus brachen, den römischen Senat bzw. seine aus der Oberschicht stammenden Mitglieder zumindest pro forma zu respektieren. Unterblieb diese ‚Reminiszenz‘ an die Gepflogenheiten der untergegangenen Republik, wurden die aus der Reihe tanzenden Kaiser – auch wenn sie beim einfachen Volk noch so beliebt waren – von der senatorisch geprägten Geschichtsschreibung in die Pfanne gehauen und verteufelt.
An sich ist dieser Schluss nicht völlig von der Hand zu weisen. Aber die Argumentation wirkt im Detail gelegentlich dann doch ein wenig ‚bemüht‘. Etwa wenn Neros extreme Verschwendung von staatlichen Steuereinnahmen folgendermaßen relativiert wird:

So viel Zerstreuung und Aufmerksamkeit wie unter ihm (Anm: Nero) sind der plebs urbana schon lange nicht mehr zuteil geworden. Zusätzliche Getreidelieferungen sorgten für einen relativen Wohlstand und die Veteranen der Legionen und die Prätorianer sind exzellent versorgt.
‚Brot und Spiele‘ also. Was aber soll – objektiv betrachtet – positiv daran sein, wenn die Ausgaben für den Müßiggang ständig hochgeschraubt werden? Wer bezahlt das denn? Richtig, früher oder später die Leistungsträger des Staates – also die, die einer steuerpflichtigen Erwerbstätigkeit nachgehen. Neros Nachfolger Vespasian sah sich sogar genötigt, Urin zu besteuern, um die Staatsfinanzen wieder in Ordnung zu bringen („Geld stinkt nicht“).

Die unzähligen überlieferten Grausamkeiten von Typen wie Caligula waren – wie der Autor schreibt – zumeist kühl kalkuliert, um die Gegner – vor allem jene im Senat – einzuschüchtern und auf Linie zu bringen. Die verantwortlichen Kaiser wären demzufolge zwar mindestens Verbrecher im großen Stil, nicht aber zwingend rein emotionsgesteuerte Wahnsinnige.
Das mag durchaus so sein. Allerdings ist es schon auch ein wenig Definitionssache, wo Geistesgestörtheit bzw. Wahn beginnt. Diese Frage ist umso wichtiger, da wir nicht nur in einer Zeit leben, in der das vorschnelle Pathologisieren von Andersmeinenden schwer in Mode ist, sondern selbst hochbezahlte Gerichtsgutachter reihenweise psychiatrische Fehldiagnosen produzieren.
Auch ein paar andere Aussagen in diesem Buch erscheinen mir diskussionsbedürftig: Nachdem 64 n. Chr. durch Feuer große Teile Roms zerstört oder stark beschädigt worden sind, wurden von Nero Baugesetze erlassen, die ähnlichen Brandkatastrophen vorbeugen sollten. Der Autor urteilt darüber folgendermaßen:

Tatsächlich kommen solche Großbrände nach Neros Umgestaltung auch nicht mehr vor.
In Wirklichkeit brannte Rom nur wenige Jahre später – 80 n. Chr. – unter Titus bereits wieder einmal lichterloh. Auch zur Zeit von Commodus – 192 n. Chr. – gingen Teile Roms im Feuer unter. Diese Brände mögen nicht so umfangreich wie jener unter Nero gewesen sein, katastrophale Großbrände, die ganze Stadtteile zerstörten, waren es aber allemal. Dermaßen nachhaltig, wie suggeriert wird, dürfte Neros einschlägige Gesetzgebung demnach auch wieder nicht gewesen sein …
Fakten wie diese sollte man keinesfalls unter den Tisch fallen lassen. Es sei denn, man legt es darauf an, Nero unbedingt zu rehabilitieren (was ich dem Autor nicht unterstellen möchte, aber darauf läuft es schlussendlich hinaus).

Hinterfragenswert ist auch die im Buch geäußerte These, wonach vor allem jene Kaiser ungerechtfertigterweise eine schlechte ‚Presse‘ hatten, die als letzte ihrer Dynastie über keinen Verwandten als direkten Nachfolger verfügten, der ihr Andenken trotz eines beleidigten Senats – etwa mittels offizieller Vergöttlichung – auf schön bürsten konnte. Siehe etwa Nero (Claudier), Domitian (Flavier) und Commodus (Antoninen).
Hier wurde der Fehler begangen, eine Korrelation mit einer Kausalität gleichzusetzen. Genauso gut wäre es nämlich denkbar, dass die betroffenen Kaiser nicht einfach zufällig die letzten ihrer Dynastie waren, sondern weil sie gerade wegen ihres üblen Betragens zu einem verfrühten Zeitpunkt (einen gewaltsamen Tod) starben, als ihre Nachfolge – etwa durch Adoption – noch nicht geregelt worden war.

Am Ende des Buchs wird auch noch einem verhaltensauffälligen Staatschef aus der jüngeren Vergangenheit ein eigenes, recht umfangreiches Kapitel spendiert. Nein, es handelt sich nicht um Stalin, Pol Pot oder Mao, sondern natürlich wieder einmal um ‚ihn‘.
Und obwohl mich der gescheiterte Landschaftsmaler aufgrund seiner medialen Dauerpräsenz nur noch anödet, muss ich einräumen, dass der Autor hier dann doch einige interessante Details über dessen möglichen Geisteszustand zusammengetragen hat. Von daher handelt es sich für mich bei diesem Kapitel unerwartet um einen Gewinn.

Fazit: Caesarenwahn ist im Großen und Ganzen kein übles Buch, wobei aber die Beurteilung römischer Kaiser offenbar enorm viel Interpretationsspielraum zulässt und immer auch dem Zeitgeist unterworfen ist. Dieser Umstand wirkt sich meiner Ansicht nach spürbar auf einige der vom Autor wiedergegebenen Überlegungen aus, die zwar interessant, bei näherer Betrachtung jedoch nur mäßig überzeugend sind.
Der Preis des 162seitigen Hardcover-Buchs ist mit seinen knapp 4 € (!) auf jeden Fall unschlagbar.

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Weiterführende Informationen: 

Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

PDFs: Neues vom umstrittenen Goldschatz von Bernstorf

Der Rezensent ist von der Echtheit des Fundes offenbar nicht restlos überzeugt. Interessant sind dabei die angesprochenen Kritikpunkte. Das Theater dürfte wohl noch geraume Zeit weitergehen …
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Ein breiter Streifen oder zwei? – Die "tunica laticlavia" römischer Senatoren

Glaubt man Experten wie Marcus Junkelmann, dann kennzeichneten die Standestracht römischer Senatoren – die sogenannte tunica laticlavia – zwei relativ breite, senkrecht eingewebte oder aufgenähte (?) purpurfarbene Streifen, welche jeweils von der Schulter zum unteren Saum des Kleidungsstückes verliefen; als Indiz für diese Behauptung wird gelegentlich ein pompejanisches Wandgemälde genannt, auf dem die dargestellte Tunika tatsächlich zwei breite Purpurstreifen wie auf der linken obigen Abbildung aufweist. Allerdings ist von diesen beiden clavi nur einer zu sehen; das purpurne Band links stammt hingegen vom Saum der ebenfalls abgebildeten toga praetexta. Vor allem ist es aber unklar, ob es sich beim abgebildeten togatus (Togaträger) tatsächlich um einen Senator handelt. Möglicherweise ist es ein Priester, worauf die über den Kopf gezogene Toga hindeuten könnte (aber nicht muss). Eine toga praetexta – also eine Toga mit Purpursaum wurde nicht nur von hohen politischen Amtsträgern aus dem Senatorenstand getragen (Konsul, Prätor, Kurulischer Ädil), sonder beispielsweise auch von bestimmten Priestern (und möglicherweise sogar von den höheren Verwaltungsbeamten in den selbstverwalteten Städten des Reichs). Trotz all dieser Unklarheiten deutet die Kombination aus zwei breiten clavi und purpurverbrämter Toga eher auf einen Senator hin.
Besonders in Spielfilmen werden senatorische Tuniken hingegen gerne mit einem einzelnen, vom Kopfloch zum unteren Saum verlaufenden breite Streifen dargestellt (siehe die rechte obere Abbildung). Doch dabei handle es sich, wie Marcus Junkelmann in seinem Buch Hollywoods Traum von Rom darlegt, um einen schon lange innerhalb der Echokammer Hollywoods tradierten Fehler, der auf z.T. überholtem Wissen beruhe (siehe etwa hier).

Freilich, völlig geklärt ist die Frage der Senatorenstreifen in Althistoriker-Kreisen offenbar nicht. So ist etwa in einer erst vor wenigen Monaten erschienen Livius-Übersetzung des Reclam-Verlages von Tuniken mit nur einem Streifen die Rede. Konkret heißt es darin über den Numider Massinissa, dass ihn Scipio Africanus und der Römische Senat (als Dank für die Unterstützung gegen Karthago im 2. Punischen Krieg) mit allerlei Ehrenzeichen überhäufte, die normalerweise nur Römer erhielten. Darunter befand sich ein Kurulischer Stuhl (sella curulis = Amtssymbol der höchsten römischen Beamten) sowie diverse Triumphalinsignien wie eine mit Palmzweigen bestickte Tunika (tunica palmata). Besonders interessant wird es schließlich, wenn es heißt:

Sie (Anm.: die Senatoren) trafen auch einen Beschluss über die Geschenke, die die Gesandten dem König (Anm.: Massinissa) bringen sollten: zwei purpurfarbene Kriegsmäntel mit jeweils einer goldenen Spange und Tuniken mit breitem Purpurstreifen („et lato clavo tunicis“) […] sowie Zelte und militärisches Gerät, wie sie üblicherweise einem Konsul zur Verfügung gestellt würden. 
Livius, Ab urbe Condita, 30. Buch, 13 | Reclam Verlag | 2017
Ausdrücklich erhält Massinissa also Geschenke, die typischerweise herausragenden Mitgliedern der senatorischen Führungsschicht zustanden. Dieser Kontext ist von Bedeutung, denn er legt nahe, dass auch die erwähnten „Tuniken mit breitem Purpurstreifen“ („breitem“, nicht „breiten“ – also Einzahl!) gezielt ausgewählte Ehrenzeichen sind – und keineswegs irgendwelche unüblichen Sonderanfertigungen. In der dazugehörenden Anmerkung/Endnote der Übersetzerin (Ursula Blank-Sangmeister) heißt es dann auch klar, besagte Tuniken mit einem Streifen seien „das Gewand der Senatoren“ gewesen.
Schon mehrmals kam mir in einschlägigen Büchern – wie z.B. Die Macht der Toga – bezüglich der angeblich zwei Purpurstreifen auf römischen Senatorentuniken eine Quelle unter, die bei näherer Betrachtung nicht ganz koscher zu sein scheint: Suetons Augustus-Biografie. Dort heißt es zur Kleidung des ersten römischen Kaisers: 

Als Kleidung trug er kaum je eine andere als Hausgewandung, die von seiner Schwester, Gattin, Tochter oder seinen Enkelinnen angefertigt war; seine Toga war weder zu eng noch zu weit, der Purpursaum weder zu breit noch zu schmal („togis neque restrictis neque fusis, clavo nec lato nec angusto,…“), das Schuhwerk etwas zu hoch, so dass er in Wirklichkeit größer zu sein schien als er in Wirklichkeit war.
Sueton, Augustus, 73 | Reclam Verlag | 1988/2010
Der „Purpursaum“ sei demnach weder zu breit noch zu schmal gewesen. So weit, so gut. Doch bezieht sich das wirklich auf die hier nicht explizit erwähnte Tunika – wie einige Leute zu glauben scheinen – oder ist damit nicht vielleicht die im selben Satz erwähnte Toga gemeint, die, wenn man sie mit einem Purpurstreifen am Rand versieht, eine toga praetexta gewesen wäre, wie sie Augustus als erster Mann im Staat (princeps) höchstwahrscheinlich trug?
An anderer Stelle ist hingegen ausdrücklich von einer Tunika die Rede, die über einen „breiten Purpursaum“ verfügte.

Als Augustus die Männertoga anlegte (als Zeichen der Volljährigkeit), fiel die Tunika mit dem breiten Purpursaum zu seinen Füßen, da sich zu beiden Seiten die Nähte (Anm.: die Schulternähte) gelöst hatten („sumenti virilem togam tunica lati clavi resuta ex utraque parte ad pedes decidit“). Einige legten das so aus, dies könne nur bedeuten, dass der Stand, dessen Ehrenzeichen dieser Saum war, Augustus einmal unterstellt sein werde.
Sueton, Augustus, 10 | Reclam Verlag | 1988/2010
In der dazugehörenden Anmerkung des Übersetzers (Dietmar Schmitz) heißt es, es sei hier der Senatorenstand gemeint. Trotzdem – oder gerade deshalb – erscheint diese Textstelle ein wenig rätselhaft. Egal ob die Tunika nun einen oder zwei breite Streifen aufwies – die Abzeichen des Senatorenstandes erhielt man zur Zeit der späten Republik erst nach der Aufnahme in den Senat. Bis dahin trug auch der männliche Nachwuchs von Senatoren maximal zwei schmale purpurne Streifen auf der Tunika; dabei handelte es sich um die Abzeichen des römischen Ritterstandes. Wohl erst viele Jahre später, als Augustus selbst Herrscher geworden war, änderte sich diese Praxis. Das bedeutet, die von Sueton wiedergegebene Anekdote dürfte eine Erfindung aus späterer Zeit sein, in der man mit den Gepflogenheiten und Regeln der Republik nicht mehr ganz vertraut war.
Noch etwas stört mich – nämlich die im Originaltext gar nicht vorkommende Bezeichnung „Saum“. Darunter verstehe man normalerweise die Ränder eines Kleidungsstückes, aber weder einen senkrechten Streifen in der Mitte noch zwei senkrechte Streifen in den beiden äußeren Dritteln der Tunika (siehe obige Abbildungen).
Nicht nur solche Freiheiten beim Übersetzen stellen für den an Details interessierten Leser mitunter ein Problem dar; auch Kopierfehler mittelalterlicher Mönche können den lateinischen Text, den wir ja zumeist nicht mehr im antiken Original vorliegen haben, verfälschen.

Der bekannte Althistoriker und Vielschreiber Karl-Wilhelm Weeber legt sich in seinem Nachschlagewerk Alltag im Alten Rom – Das Leben in der Stadt bezüglich der Frage, ob Senatoren (sowie Ritter/Equites) nun einen oder zwei purpurne Streifen auf ihrer Tunika trugen, gar nicht erst fest.

Die Popularität der Tunika als Kleidungsstück des Alltages zeigt sich besonders darin, das Rittern und Senatoren das ‚ius clavi‘ als Standesprivileg eingeräumt wurde. Ein oder zwei schmale, vertikale Purpurstreifen (clavus angustus von ca. 3 cm Breite) wiesen den Träger der tunica als Ritter (eques) aus; ein bzw. zwei erheblich breitere Purpurstreifen  (clavus latus von ca. 10 cm Breite) zeigten jedem Passanten an, dass er einem Senator begegnet (tunica angusticlavia bzw. laticlavia: Quint. XI 2, 138; Varro LL IX 79).

Ich persönlich neige eher zu der Ansicht, dass Senatoren zwei breite Purpurstreifen auf ihren (Ausgeh-)Tuniken trugen. Denn auch wenn wohl keine absolut verlässlichen Bildquellen von Tuniken überliefert sind, die eindeutig dem Senatorenstand zugeordnet werden können, so ist doch bei antiken Darstellungen ’normaler‘ Tuniken auffällig, dass diese so gut wie nie über nur einen zentralen Streifen verfügen, sondern, wenn überhaupt, zwei schmale aufweisen, die jeweils von einer der beiden Schultern herab verlaufen.
Abbildungen mit einem einzigen, in der Mitte angebrachten Streifen sind mir hingegen vor allem aus der frühmittelalterlichen Karolingerzeit bzw. dem Stuttgarter Psalter bekannt. Wobei es hier aus meiner Sicht durchaus denkbar ist, dass diese clavi auf Missinterpretationen antiker Schriftquellen beruhen bzw. es sich um antikisierende Elemente handelt. Oder die Buchmaler nahmen bei byzantinischen/koptischen Textilien Anleihe, welche eventuell in Form von Geschenken an den karolingischen Hof gelangten. Allerdings: Auch diese Kleidung aus dem Osten weist – ganz in alter römischer Tradition – überwiegend zwei clavi auf, ergänzt durch zusätzliche Stickereien (PDF – S 100, 101, 134).

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Weitere interessante Themen:

Hörbares: Die Ständegesellschaft im Mittelalter — Der deutsche Bauernkrieg — Die Kabbala — Wanderung der Frauen vor 4000 Jahren — Die Stadt des Affengottes — Die Bibel als Tagebuch der Menschheit



Die Ständegesellschaft im Mittelalter – Beten, kämpfen, arbeiten | Spieldauer 23 Minuten | BR/ARD  | Stream & Info | Direkter Download
Der deutsche Bauernkrieg – Aufstand des gemeinen Mannes | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download
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„Die Stadt des Affengottes“ – Gefährliche Spurensuche im Dschungel | Spieldauer 6 Minuten | DF |  | Stream & Info | Direkter Download
Die Bibel als Tagebuch der Menschheit | Spieldauer 22 Minuten | DF |  Stream & Info | Direkter Download

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Videos: Neue Indizien zur Varusschlacht in Kalkriese — Wikingersiedlung Haithabu — Das 3000 Jahre alte Schlachtfeld Tollensetal

Neue Indizien zur Varusschlacht: Römische Wallanlage bei Kalkriese gefunden | Spieldauer 01:27 Minuten | NDR | Stream und Info
Hinweis: Diese Grabungen werden von Leuten finanziert und durchgeführt, die überwiegend kein Interesse daran haben, dass die Varusschlacht eventuell nicht in Kalkriese stattgefunden hat, wie es ja gar nicht einmal so wenige Wissenschaftler in Erwägung ziehen. Wehe, die Gegner der Kalkriese-These liegen richtig, dann wäre das vor sich hin rostende Museum vor Ort eine immense Fehlinvestition, denn schließlich lebt es vom Mythos, Arminius und Varus hätten sich in Kalkriese geprügelt – und keinesfalls irgendwo anders! 😊
Erfolgreiche archäologische Spurensuche in der Wikingersiedlung Haithabu | Spieldauer 3 Minuten | NDR | Stream und Info
3.000 Jahre Geschichte ausgraben – Doku über das bronzezeitliche Schlachtfeld im Tollensetal | Spieldauer 29 Minuten | NDR | Stream und Info
Sehr schön, wie das Thal heute ausschaut: Den Horizont bedeckt ein dichter Wald von Windgeneratoren. Die Menschen der Bronzezeit würde vermutlich der Schlag treffen.

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 Mehr Videos

Krimskrams: Vom Campus Galli auf Facebook gesperrt (*LOL*) — Fauler (Fake-)Rezensent bei Amazon



Kritik an Junk-Living-History: Vom Campus Galli auf Facebook gesperrt 

Die Mittelalterbaustelle Campus Galli hat wieder einmal zugeschlagen: Sowohl auf der Projekt-Homepage wie auch bei Facebook bezeichneten die Verantwortlichen eine Veranstaltung, bei der nachfolgendes Foto geschossen wurde, wortwörtlich als „Living History“ und verwiesen überdies ausdrücklich auf die angebliche Kompetenz der Darsteller: Foto
Im Angesiecht der Schuhe, die der Herr in der Mitte des Fotos trägt, kann man eigentlich nur darüber lachen, wenn hier hochtrabend mit Begriffen wie „Living History“ hantiert wird. Und gelacht bzw. diesen Käse kritisiert haben dann auch tatsächlich mehrere Beobachter bei Facebook. Woraufhin der Campus Galli in üblicher Manier versucht hat, sich mit halbwahrem Wortgeknatter bzw. einer erfundenen Kausalität aus der Affäre zu ziehen. Siehe die nachfolgenden Screenshots, die ein paar Beispiele der auf mehrere Diskussionsfäden verteilten Kommentare zeigen.

Quelle: Facebook-Seite des Campus Galli

Quelle: Facebook-Seite des Campus Galli

Selbstverständlich wäre es möglich gewesen, dem Baustellenmitarbeiter für seine schauspielerische Einlage vorübergehend ein Paar historisch wenigstens halbwegs authentische Schuhe aus dem Fundus zu spendieren. Zumindest hätte es dergestalt ein seriöses Museum gehandhabt, dem bewusst ist, dass im Rahmen der Wissensvermittlung solche Details wichtige Bedeutungsträger sind. Doch entweder wurde dies von den grenzintelligenten Verantwortlichen des Campus Galli nicht bedacht oder es war ihnen schlicht und ergreifend wurscht. Als routinierter Beobachter der Möchtegern-Klosterstadt gehe ich ausdrücklich von letzerer Möglichkeit aus.

Weil man es nun aber beim Campus Galli nicht so mit Kritik hat, wurde ich nach obigem Posting, bei Facebook blockiert 😆.

Quelle: Facebook-Seite des Campus Galli

Soso. Er selbst war andererseits ganz froh, als ich ihm in diesem Blog eine Plattform gab, um in einem Gastbeitrag den Kritikern seine Sicht der Dinge darzulegen. Der undankbare Herr Napierala misst offenbar mit zweierlei Maß. Oder ist er immer noch beleidigt, weil ihn damals mehrere Leser im Kommentarbereich für seine schwammigen Wischiwaschi-Aussagen ‚abwatschten‘?

Selbstverständlich habe ich mich noch in einer E-Mail beim Geschäftsführer für die erwiesene Nettigkeit persönlich bedankt. Man weiß schließlich, was sich gehört:

Danke für die Sperre bei Facebook, Herr Doktor,

so etwas motiviert selbstverständlich ungemein, das ambitionslose Geschichts-Voodoo des Campus Galli auch weiterhin der verdienten Lächerlichkeit preiszugeben. 😊

Mit vorzüglichen Grüßen,

Ihr Lieblingsblogger

Übrigens: Trotz mehrfacher Ankündigungen wurde vom Campus Galli auch dieses Jahr noch keine einzige vernünftige wissenschaftliche Dokumentation der als „Experimentelle Archäologie“ bezeichneten Arbeiten veröffentlicht.
Anstatt endlich – nach gutem wissenschaftlichen Brauch – die Quellen offenzulegen, die etwa für das angeblich fertiggestellte Holzkirchlein Grundlage waren, schwadroniert der Geschäftsführer in befreundeten Medien lieber über zukünftige Pläne wie den mit 500.000 Euro (sic!) Steuergeld subventionierten, aber schon mehrfach verschobenen Bau einer Scheune. Man beachte hier auch unbedingt die ‚begeisterten‘ Kommentare der Eingeborenen unter dem verlinkten Artikel des Lokalblattes 😉.

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Fauler (Fake-)Rezensent bei Amazon

Schon wieder ein extrem auffälliger Fake-Rezensent bei Amazon! Man scrolle einmal durch dessen erstaunliche Bewertungen und beachte nicht nur die immer gleiche Anzahl der vergebenen Sterne; der Rezensent ist nämlich sogar zu faul, seine Rezensionstexte wenigstens pro forma ein bisschen dem jeweiligen Produkt anzupassen.
Oder sollte man hier nicht von Faulheit, sondern vielmehr vom ökonomisch klugen Minimieren des Arbeitsaufwandes sprechen? ^^  Klick mich

Was mich wirklich ärgert ist, dass Amazon in solchen Fällen einfach die Hände in den Schoß legt. Wenn nämlich jemand massenhaft ausschließlich 5-Sterne-Rezensionen mit dem immer gleichen Text veröffentlicht, dann sollte das Grund genug sein, den betroffenen Nutzer einer Überprüfung zu unterziehen. Ein entsprechender Automatismus wäre softwareseitig kinderleicht zu implementieren. Stattdessen nutzt man solche Funktionen lieber, um das laut Fernabsatzgesetz festgeschriebene Rücktrittsrecht zu unterminieren und sperrt in mehr als nur fragwürdiger Weise einfach die Konten von Kunden, wenn diese nach Ansicht von Amazon zu viel bestellte Ware retournieren. Wobei „zu viel“ mitunter sehr eigenwillig interpretiert wird! Klick mich

Buch: Die Alpen in der Antike – Von Ötzi bis zur Völkerwanderung

Im Buch Die Alpen in der Antike – Von Ötzi bis zur Völkerwanderung (S. Fischer Velag, 2017) gibt der Historiker Ralf-Peter Märtin in sieben Kapitel Einblick in verschiedene geschichtliche Abschnitte der Alpen.
Thema des 1. Kapitels ist die bekannte kupfer-steinzeitliche Eismumie Ötzi. Wer war dieser Mann, wie sah die Kulturlandschaft der Alpen zu seiner Zeit aus, wie fand er den Tod und welche Besonderheiten weisen seine gut konservierten Überreste auf?
Hochinteressant ist beispielsweise, dass sich auf Ötzis Haut nicht nur Tätowierungen befinden, sondern diese auch noch exakt den Akupunktur-Linien des menschlichen Körpers folgten. Wer hätte weiters gedacht, dass unweit des von hinten mit einem Pfeil getöteten Ötzi eine 500 Jahre jüngerer Steintafel gefunden wurde auf der dargestellt ist, wie ein Mann von hinten mit Pfeil und Bogen erschossen wird? Handelte es sich womöglich um ein in dieser Gegend lange praktiziertes Ritual? War Ötzis vielleicht gar nicht einem schnöden Mord zum Opfer gefallen?
Im 2. Kapitel wirft der Autor einen Blick auf die Alpen in der Bronze- und Eisenzeit. Hierbei geht es vor allem um die immense Bedeutung des Bergbaus; Salz und Eisen machten manch Region in den Alpen reich und weithin bekannt: Stichwort „Norisches Eisen“, dessen hoher Mangan-Gehalt sich positiv auf die daraus geschmiedeten Endprodukte auswirkte.
Das 3. Kapitel handelt von Hannibal und dessen berühmten Marsch über die herbstlichen Alpen. Bereits Polybios kritisierte jedoch, dass die Gefährlichkeit eines solchen Unterfangens von einigen seiner Historiker-Kollegen aufgebauscht wurde. Und tatsächlich marschierten in der Antike auch andere Heere in der kalten Jahreszeit unbeschadet über die Alpen – wie etwa jenes der Kimbern rund 100 Jahre nach Hannibal.
Die Kimbern kamen nicht über den Brenner lautet die Überschrift zum 4. Kapitel. Hier geht es nun um den langen Marsch der Kimbern, Teutonen und Abronen, die sich möglicherweise wegen einer Klimaverschlechterung von Jütland und Norddeutschland in Richtung Süden aufmachten, um dort ein neues Zuhause zu finden. Dabei gelangten sie unter anderem in das keltische Königreich Noricum und somit in den unmittelbaren Wahrnehmungsbereich des gerade erst zur Großmacht aufgestiegenen Roms. Am Ende der von Hans-Peter Märtin übersichtlich geschilderten Ereignisse stand die völlige Vernichtung der wanderlustigen Germanenstämme. Mit Teddybären wurde damals eben noch nicht geworfen. 😊
Im 5. Kapitel geht es um das Ausgreifen des Römischen Reichs in den Alpenraum. Es ist wenig verwunderlich, dass dieser Vorgang auf mancherlei Widerstand stieß. Unter anderem zeigten sich die Räter höchst widerborstig. Diesem kulturell recht fortgeschrittenen Volk wurde bereits in der Antike eine Verwandtschaft mit den Etruskern nachgesagt. Auch interessant: Varus, der unglückselige Feldherr des Jahres 9. n. Chr., befehligte bereits bei den Alpenfeldzügen des Tiberius vorübergehend jene XIX. Legion, mit der zusammen er viele Jahre später in den Wäldern Germaniens untergehen sollte.
Das 6. Kapitel handelt von der spätantiken Völkerwanderung, die für die romanisierte Bevölkerung der Alpen eine immense Zäsur darstellte. Viele Menschen starben in den nun hereinbrechenden Wirren oder flohen in Richtung Italien. Einige Mutige blieben, mussten aber oft die Täler verlassen, um sich in den Schutz von Höhenfestungen zurückzuziehen. 
Im 7. und letzten Kapitel wird die Christianisierung der Alpen in der Spätantike beschrieben. ein Vorgang, der keineswegs glatt verlief. Beispielsweise wird davon berichtet, dass ein eifriger Bischof, der sich daran machte, ein heidnisches Götzenbild umzuwerfen, von den darüber erbosten Bauern mit ihren Holzschuhen beworfen wurde … 😃
Fazit: Ein abwechslungsreiches und kurzweiliges Buch. An einigen wenigen Stellen hätte es aber aus meiner Sicht ein bisschen mehr in die Tiefe gehen können. Der Kaufpreis beträgt 22 Euro.
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Weiterführende Informationen:

Stell dir vor, es ist Perserkrieg, und keiner geht hin …

Einen ersten Höhepunkt erlebten die Armeen des antiken Griechenland in ihrem Ringen mit den Persern im 5. Jh. v. Chr. Vor allem bei den zu Lande ausgetragenen Schlachten wurde dabei die Hauptlast von den Hopliten getragen – also den schwer bewaffneten Infanteristen, welche sich zu dieser Zeit überwiegend aus der bürgerlichen Ober- und Mittelschicht bzw. den ersten drei Vermögensklassen rekrutierten. Doch woher wusste beispielsweise im Stadtstaat Athen der einzelne Wehrpflichtige, ob er für einen anstehenden Feldzug vom zuständigen Strategen (General) angefordert wurde? Und wie war es auf der anderen Seite dem Strategen möglich, bestimmte Bürger namentlich zum Wehrdienst einzuziehen – besonders jene, die außerhalb der eigentlichen Stadt – also auf dem platten Land – lebten? 
Grundlage für die Lösung des Problems waren Aushebungsverzeichnisse mit den Namen der Wehrfähigen, welche wiederum auf den Bürgerlisten aufbauten, in die man als erwachsener (18jähriger) männlicher Bürger eingetragen wurde. Diese Listen – also sowohl die Bürgerlisten wie auch jene mit den Wehrpflichtigen – lagen wohl in den einzelnen Demen auf (= kleinsten Verwaltungseinheiten – siehe auch der davon abgeleitete Begriff ‚Demokratie‘) und wurden vom jeweiligen Demarchen (= Vorsteher einer Deme) geführt.
Eventuell beinhaltete ein solches Aushebungsverzeichnis (κατάλογος = Katalogos bzw. Katalog) Zuatzinformationen zu bisherigen Kriegseinsätzen der einzelnen Bürger. Für den Strategen hätte dies eine Erleichterung beim Zusammenstellen einer möglichst schlagkräftigen Truppe bedeutet (hingegen wurden nur selten – nämlich in absoluten Krisenzeiten – alle Wehrpflichtigen auf einen Schlag eingezogen).

Hatte der Stratege mithilfe von Assistenten seine Auswahl unter den Bürgern getroffen, so ließ er diese in Form einer Liste öffentlich aushängen. Aristoteles schreibt, die Namen wurden mit Holzkohle auf geweißte Tafeln geschrieben.
Da jeder der insgesamt zehn gewählten Strategen seine eigene Liste führte, waren es insgesamt zehn Stück (oder eher zehn Gruppen von Tafeln, da jeweils eine einzige eventuell nicht ausgereicht hätte), die auf der Agora Athens aufgestellt wurden. Daneben waren außerdem – wie aus einem Theaterstück des kriegserfahrenen Aristophanes hervorgeht – weitere relevante Bekanntmachungen ausgehängt. Aus ihnen ging hervor, wann und wo sich die gelisteten Männer zur Musterung einzufinden hatten und was an Ausrüstung und Verpflegung mitgebracht werden musste.

Da die Aushebungsverzeichnisse in Athen ausgehängt wurden, konnte keinesfalls davon ausgegangen werden, dass die gesamte Bevölkerung im Umland davon Kenntnis nahm. Manch Bürger könnte aufgrund dieses Umstandes sogar eine Chance gewittert haben, sich vor dem Kriegsdienst zu drücken. Von den Strategen wurden daher Boten entsandt, die die Bevölkerung zumindest auf den Aushang der Listen hinwiesen, wie ebenfalls aus einem Stück des Aristophanes hervorgeht. Desweiteren sind Trompetensignale denkbar; schließlich wurden diese dazu verwendet, um die männlichen Bürger im Notfall rasch zu den Waffen zu rufen. Warum also nicht auch zur Musterung?
Wer der Musterung unentschuldigt fernblieb, wurde nach Beendigung des Feldzuges vor ein spezielles Gericht gestellt, das sich aus Hopliten zusammensetzte und dem einer der zehn Strategen vorstand. Möglicherweise hat man die Angeklagten bis zum Gerichtstermin in Verwahrung genommen.

So weit, so gut. Was aber hatte ein einberufener Hoplit zu tun, wenn er der Meinung war, nicht für den Dienst im Heer tauglich zu sein?
Zuerst war es nötig, dass der Betroffene persönlich beim Strategen vorstellig wurde, um seinen Fall unter Eid vorzutragen. Der am häufigsten genannte Grund dürfte das Nichterfüllen der zum Dienst als Hoplit qualifizierenden Alters- und Vermögenskriterien gewesen sein.
Ausgehend von den überlieferten Regelungen zur Zeit des Aristoteles (4. Jh. v. Chr.), als die vorgegebene Altersspanne zwischen 18 und 59 Jahren lag, wird angenommen, dass es sich im 5. Jh. v. Chr. während der Perserkriege und des Pelopnnesischen Krieges bereits ähnlich verhielt (wobei laut Thukydides die ältesten und jüngsten Wehrpflichtigen normalerweise nicht für auswärtige Kriegseinsätze herangezogen wurden, sondern stattdessen die Grenzen der Polis zu sichern hatten).
Auch wer sich die kostspielige Panhoplie – also die Kampfausrüstung eines Hopliten – nicht leisten konnte, wird ein Freistellungsgesuch eingereicht haben.
Darüberhinaus waren bestimmte Amts- und Funktionsträger vom Militärdienst befreit. Dazu zählten die Mitglieder des Rates der 500, die Zolleinnehmer, die Mitglieder des bei großen öffentlichen Festen eingesetzten Chores inklusive der Choregen (‚Event-Veranstalter bzw. -Manager‘ aus dem Kreis der politischen Elite – vergleichbar mit den Veranstaltern von öffentlichen Spielen im antiken Rom).
Außerdem waren den Überlieferungen nach Krankheit (z.B. starke Augenentzündung) oder persönliche Härtefälle (z.B. ein abgebranntes Eigenheim) mitunter Grund genug, um eine Freistellung genehmigt zu bekommen. In welchem Ausmaß körperliche Gebrechen auch einfach nur vorgetäuscht wurden, wissen wir nicht. Allerdings ist es möglich, dass in zweifelhaften Fällen der Betroffene einen Ersatzmann zu stellen hatte.
Hopliten, die gerade erst von einem Feldzug zurückgekommen waren, konnten sich wohl ebenfalls von der Verpflichtung, sofort wieder an einem auswärtigen Feldzug teilzunehmen, befreien lassen; wobei sie dann allerdings nicht sofort ins Zivilleben zurückkehrten, sondern als Festungsbesatzung bzw. zur Grenzsicherung eingesetzt wurden.

Die oben beschriebenen Regelungen und Maßnahmen sorgten dafür, dass im Falle eines Krieges genügend Bürgersoldaten innerhalb relativ kurzer Zeit zur Verfügung standen. Darüberhinaus wurden aber gerade bei Feldzügen mit längerer Vorbereitungszeit auch sich freiwillig meldende Metöken (ansässige Griechen aus anderen Stadtstaaten) sowie Söldner von Auswärts eingesetzt. Das galt für die Waffengattung der Hopliten, besonders aber für Bogenschützen, Schleuderer und Reiterei.

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Weiterführende Literatur: 

PDFs: Wikinger-Kleidung (Klappenrock, Kappen usw.)

Making a Viking Age Dublin Cap | Kirstina Williams | Academia.edu
A Viking Belt based on the Skjoldehamn Find | Susan Verberg | Academia.edu
Viking Jewellery from the island of Gotland, Sweden | Dan S B Carlsson | Academia.edu
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Zeitschrift "Bayerische Archäologie": Sondengänger führt private ‚Notgrabung‘ durch — Die Bajuwaren waren ‚Warriors‘ — Fragwürdiger Denkmalschutz

Viermal jährlich erscheint im Verlag Friedrich Pustet die Zeitschrift Bayerische Archäologie. Die einzelnen Ausgaben haben unterschiedliche Schwerpunkte, enthalten daneben aber auch Beiträge zu diversen weiteren Themen.

Die Bajuwaren waren ‚Warriors‘

Das aktuellen Heft (3/2017) trägt den Titel Zeitenwende II: Das Ende der Antike – und was kam dann? Dementsprechend handeln mehrere Texte von den im heraufziehenden Frühmittelalter zum ersten Mal ins Rampenlicht der Geschichte tretenden Bajuwaren (auch Baiuvaren, Baiovaren, Baioari, usw. geschrieben). Beispielsweise geht der Germanist Peter Wiesinger jener schon lange umstrittenen Frage nach, woher die Bezeichnung dieses Stammes überhaupt herrührt.  Gut möglich ist -wie erläutert wird – dass die ursprünglich von den keltischen Boiern (Bojern) besiedelte Landschaft Böhmen sowie das germanische Wort warjoz (=Wehrmänner; siehe auch das englische Wort warrior!) namensgebend waren. Bei den ersten Bajuwaren handelte es sich also möglicherweise um germanische Krieger, die aus dem von den keltischen Boiern schon lange verlassenen Böhmen kamen und sich als Söldner in den Dienst Ostroms stellten, das Ende des 5. Jahrhunderts – nach der Auflösung des Weströmischen Reichs – daran interessiert war, die an Böhmen grenzende Provinz Noricum militärisch abzusichern.

Sondengänger führt private ‚Notgrabung‘ durch 

Kurios ist der in einem anderen Beitrag beschriebene Fall von einem anonym abgegebenen, aus 89 Einzelobjekten bestehenden Bronzehort (siehe obiges Bild). Ein Sondengänger grub ihn in einem Wald bei Hemau in der Oberpfalz aus und schickte ihn daraufhin ans Landesamt für Denkmalpflege – inklusive eines Briefs, in dem er nicht nur den Fundort genau beschrieb, sondern auch seine Handlungsweise begründete: Die Objekte hätten sich neben einem stark frequentierten Wanderweg, jedoch auf keinem ausgewiesenen Bodendenkmal, befunden. Es bestand hier angeblich die dringende Gefahr, dass Wanderer den Hort zufällig entdecken und mopsen würden. Der Sondengänger initiierte deshalb eine Art private ‚Notgrabung‘ 😉. Außerdem verwehrte er sich in seinem Schreiben quasi vorsorglich dagegen, als „krimineller Raubgräber“ abgestempelt zu werden. Anonym wolle er bleiben, weil er den Behörden nicht vertraut. Deren genereller Umgang mit Sondengängern führe in eine Sackgasse, die für keine Seite einen Gewinn bringen würde. Seinen Finderanteil an dem Hort möge man einem gemeinnützigen Zweck zuführen, bittet er dann noch.
Das Denkmalamt führte an der beschriebene Stelle eine Nachgrabung durch und entdeckte noch drei weitere bronzezeitliche Metallobjekte. Allerdings ist man von der Eigenmächtigkeit des Sondengängers naturgemäß wenig begeistert. Wichtige Fundzusammenhänge seien durch die undokumentierte Bergung verlorengegangen. Dieses Argument halte ich bei einem Hortfund wie diesem jedoch für etwas überzogen, denn die Lage der Objekte zueinander wird hier – im Gegensatz zu einem Grab – kaum etwas von echter Bedeutung verraten. Trotzdem wäre es wahrscheinlich besser gewesen, der Sondengänger hätte sofort die Behörden verständigt. Nur wenn diese tatsächlich nicht zeitnah ihren Hintern hochbekommen hätten, wäre es moralisch vertretbar gewesen, in Eigenregie tätig zu werden. Und selbst in so einem Ausnahmefall ist es sicher sinnvoll, wenn man die Ausgrabung halbwegs vorsichtig durchführt, alles mit Fotos dokumentiert und nicht versucht, die zutage geförderten Objekte zu säubern, da hierbei die Gefahr besteht, dass z.B. eventuell vorhandene Textilanhaftungen am korrodierten Metall beseitigt werden.
Interessant wäre übrigens aus meiner Sicht noch gewesen, wenn man die für diesen Fall relevante bayerische Gesetzeslage in dem Artikel etwas näher erläutert hätte. Nicht jeder Leser wird diese kennen.
Fragwürdiger Denkmalschutz: Der Abbruch der Eselbastei 
Über den umstrittenen Abbruch der sogenannten Eselbastei in Ingolstadt schreibt Roland Gschlössl, der Herausgeber der Zeitschrift.  Konkret geht es hier darum, dass das erst 2012 unter Denkmalschutz gestellte renaissancezeitliche Mauerwerk in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgerissen wurde. Grund: Es war einem Hotel mit Tiefgarage im Weg. Eine Konservierung wurde nach Rücksprache mit dem Bauherren von einer Mehrheit des Stadtrates als zu kostspielig eingestuft.
Die Gegner des Abrisses argumentieren, dass hier ein sehr wichtiges Stück Stadtgeschichte leichtfertig zerstört wurde. So sei beispielsweise laut Überlieferung von der Eselsbastei aus dem schwedischen König Gustav Adolf bei einem Erkundungsritt das Pferd direkt unter dem Hintern weggeschossen worden, woraufhin dieser von einer Belagerung der stark befestigten Stadt absah. Übrigens, das damals getötete Pferd wurde als Trophäe nach Ingolstadt gebracht und ist dort heute im Stadtmuseum zu sehen; es gilt als ältestes Tierpräparat Europas – siehe das nachfolgende Bild.
Ich kann den Ärger der Kritiker verstehen, bin aber zwiegespalten. Die bisher schon nicht sichtbaren Mauern wären nach ihrer Dokumentation ohnehin wieder zugeschüttet worden, wenn es sich um eine normale archäologische Grabung gehandelt hätte und an der betreffenden Stelle keine Tiefgarage errichtet worden wäre. 
Abschließend noch eine kleine Randbemerkung zum Vorwort in diesem Heft. Darin schreibt der Herausgeber eingangs: „Liebe Leserin, lieber Leser, …“. Sehr brav, dafür gäbe es normalerweise die Note Eins im Fach Geschlechtergerechte Sprache. Doch leider, nur ein paar Zeilen weiter ist bereits unverzeihlicherweise vom „Zeitalter der Baiovaren“ die Rede; gerade so, als ob es damals keine Baiovarinnen gegeben hätte. Aber so ist das eben, diesen sprachlichen Schmarrn hält fast niemand konsequent durch. Daher verzichte zumindest ich komplett darauf 😊

Fazit: Alles in allem wieder ein interessantes Heft, mit thematisch gut durchmischten Beiträgen. Der Kaufpreis beträgt knapp 9 Euro.

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Weitere interessante Themen:

Hörbares: Richard Löwenherz — Heraklit — So klingt das Spätmittelalter — Das Hundetragen — Die Völlerei — Geschichte des Bettelns — Kaiser Barbarossa erobert die Peterskirche

Richard Löwenherz: Ritter, Abenteurer und Gefangener | DF | Spieldauer 22 Minuten | Stream & Info | Direkter Downlaod
Alles fließt – Das Weltbild des antiken Denkers Heraklit | BR/ARD | Spieldauer 22 Minuten | Stream & Info Direkter Downlaod
So klingt das Spätmittelalter | RBB/ARD | Spieldauer 15 Minuten | Stream & Info | Direkter Downlaod
Hier noch der Link zu jener im Beitrag erwähnten Internetseite, auf der sich etliche schöne Hörbeispiele spätmittelalterlicher Musik finden (jene Lieder mit mittelhochdeutschem oder frühneuhochdeutschem Text gefallen mir besonders gut): musical-life.net  
Das Hundetragen – eine Strafe des Mittelalters | BR/ARD | Spieldauer 3 Minuten | Stream & Info | Direkter Downlaod

Die Völlerei – Das große Fressen | BR/ARD | Spieldauer 22 Minuten | Stream & Info | Direkter Downlaod

Bettelei – Aus der Geschichte einer Lebensform | BR/ARD | Spieldauer 23 Minuten | Stream & Info | Direkter Downlaod
Der 29. Juli 1167 – Kaiser Barbarossa erobert die Peterskirche | WDR/ARD | Spieldauer 15 Minuten | Stream & Info | Direkter Downlaod
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Videos: Archäologische Knochenjagd mit Spürhund — Wie viel Neandertaler steckt in uns? — Historisches Heerlager — Jan Hus — Luther

Archäologische Knochenjagd mit Spürhund | Spieldauer 3 Minuten | BR | Stream & Info
Urmensch – wie viel Neandertaler steckt in uns? | Spieldauer 59 Minuten | SWR | Stream & Info
Historisches Heerlager bei der Burg Münzenberg: Zu Tisch im Mittelalter | Spieldauer 30 Minuten | BR | Stream & Info
Das ist genau die Art von Veranstaltung, die ich auch als Besucher meide wie der Teufel das Weihwasser. Trotzdem ist es ganz unterhaltsam, sich so etwas in Form einer TV-Sendung mal anzuschauen. Bei vielem was hier zu sehen ist, läuft mir ein wohliger Schauer den Rücken hinunter. Ich brauche keinen Stephen King, solange es solche Veranstaltungen gibt 😊

Reichsstadt-Festtage für Mittelalter-Fans | Spieldauer 5 Minuten | BR | Stream & Info
Jan Hus – verbrannt in Konstanz | Spieldauer 15 Minuten | SWR | Stream & Info
Luther – verdächtigt in Erfurt | Spieldauer 15 Minuten | SWR | Stream & Info
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 Mehr Videos

Buch: Historisches Lexikon der deutschen Länder

Bereits in der 7. Auflage ist Gerhard Köblers Historisches Lexikon der deutschen Länder (Verlag C.H. Beck) erschienen. In unterschiedlicher Ausführlichkeit werden auf beinahe 1000 Seiten rund 5000 Einheiten des historischen ‚Deutschlands‘ beschrieben – zu dem auch Österreich, Teile der Schweiz usw. zählen. 

Man könnte meinen, dass ein Lexikon wie dieses in Zeiten von Wikipedia völlig obsolet ist. Doch das ist es nicht, sofern man beispielsweise für eine Studienarbeit eine zitierfähige Quelle benötig. Darüberhinaus ist das Buch auch ein Schmöker im besten Sinn des Wortes.
Doch warum vergebe ich trotz dieser rundweg positiven Einschätzung ’nur‘ vier und nicht fünf Sterne? 
Na ja, ich habe mich ein wenig über die Auswahl der gelisteten Territorien und Städte gewundert bzw. geärgert. So hat zwar einerseits die kleine Kärntner Landeshauptstadt Klagenfurt einen eigenen Eintrag – und auch manch historisch noch weniger bedeutendes Städtchen wie das baden-württembergische Meßkirch – aber andererseits wurde Graz, immerhin die zweitgrößte Stadt Österreichs und einstige Residenz der Habsburger, kein eigener Eintrag spendiert. Wie ist das möglich? 
Mir ist selbstverständlich klar, dass bei einem solchen Lexikon Prioritäten gesetzt werden und Abstriche in Kauf genommen werden müssen, da es anderenfalls einen zu großen Umfang annehmen würde, aber speziell die genannte Auslassung ist für mich bei allem Verständnis nicht nachvollziehbar. Sollte es eine achte Auflage des Buchs geben, dann wäre es sicher begrüßenswert, wen man hier eine Ergänzung vornehmen würde.
FAZIT: Trotz Auslassungen handelt es sich bei diesem Lexikon um ein praktisches Nachschlagewerk. Besonders im Angesicht des günstigen Preises von nicht einmal 20 Euro. Landkarten sind übrigens keine enthalten.

Inhaltsverzeichnis:

Vorwort (zur 1. Auflage)
Vorwort zur 6. Auflage
Vorwort zur 7. Auflage
Überblick
Verzeichnis der wichtigsten Abkürzungen
Literaturhinweise
Historisches Lexikon
Register
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Weiterführende Informationen:

Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

Krimskrams: Haben Archäologen den Schädel von Plinius dem Älteren entdeckt? — Heribert Illig nervt Prof. Sowieso und alle Studienräte

Haben Archäologen den Schädel von Plinius dem Älteren entdeckt?

Es wär schon eine kleine Sensation, wenn es zutreffend ist, dass sich unter den sterblichen Überresten der Opfer des im Jahr 79 n. Chr. ausgebrochenen Vesuvs auch der Schädel von Plinius dem Älteren befindet: Klick mich

Freilich, im Gegensatz dazu geht der Archäologe Alberto Angela in seinem hier von mir besprochenen Buch “Pompeji – Die größte Tragödie der Antike” davon aus, dass der Leichnam des älteren Plinius NICHT im vom Vulkan fast vollständig zerstörten Stabiae zurückgelassen wurde, sondern mit der von ihm ursprünglich kommandierten Rettungsflotte in den Stützpunkt Misenum zurückkehrte.

Was mir nicht unlogisch erscheint, denn die, die den Tod von Plinius als Augenzeugen miterlebten, kehrten ja ebenfalls zurück und konnten vom Erlebten sehr detailliert berichten. Entsprechend heißt es in einem Brief des jüngeren Plinius (hier von mir zitiert), der Leichnam seines Onkels (=der ältere Plinius) sei am Tag nach dem Vulkanausbruch ohne äußere Zeichen von Verletzungen am Strand gefunden worden. Warum hätte man damals den hochrangigen Verstorbenen dort einfach liegenlassen sollen?

Ich bin daher skeptisch, dass der entdeckte Schädel tatsächlich einst dem älteren Plinius gehörte.

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Heribert Illig nervt Prof. Sowieso und alle Studienräte

Im Kulturmagazin Unser Lübeck erschien kürzlich ein Beitrag über Heribert Illig, seine Fantomzeit-These und den ‚erfundenen‘ Scharlöömanje – der komplette Titel lautet: Für Historiker eine Unperson – Der Verschwörungstheoretiker und Karlsleugner Heribert Illig nervt Prof. Sowieso und alle Studienräte 

Liest sich irgendwie ganz lustig 😊

Auch die Tageszeitung Die Presse brachte kürzlich einen Artikel über Heribert Illig. Darin scheint es darum zu gehen, dass angeblich auch Teile der Antike frei erfunden sein sollen (^^). Allerdings verbirgt sich der Großteil des Textes hinter einer Bezahlmauer.

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Weitere Interessante Themen auf diesem Blog: 

Von Spartacus bis Herodot: Ein Interview mit dem Althistoriker und Übersetzer Kai Brodersen

Wer ernsthaft mit der Antike auf Tuchfühlung gehen möchte – etwa im Zuge des Living-History-Hobbys – wird relativ früh die Notwendigkeit erkennen, abseits von Sekundärliteratur auch die Original-Schriftzeugnisse von Livius, Plinius und Co. zumindest in Form von Übersetzungen zu lesen. Und doch zögern viele Interessierte aufgrund von Berührungsängsten, die nicht selten auf der Annahme fußen, dass es sich bei antiken Texten um eine schwer verdauliche Kost handelt.
Das ist auch nicht grundsätzlich falsch, denn manch immer noch erhältliche Übersetzung ist schon etwas angestaubt und daher in einem schwülstigen Deutsch gehalten, das dem Leser eine gewisse Leidensfähigkeit abverlangt. So muss man beispielsweise noch in der 1972 von Karl Büchner übersetzten Verschwörung des Catilina kaskadierende Endlossätze wie diesen erdulden: 
Nachdem das die Männer vernommen hatten, die alles Übel im Überfluss besaßen, aber nichts Gutes noch eine gute Aussicht, forderten, wenn es ihnen auch schon ein großer Gewinn schien, den Ruhezustand in Bewegung zu bringen, doch die meisten, er solle darlegen, wie die Bedingungen des Krieges seien, was sie für Lohn mit ihren Waffen errängen, was sie überall an Hilfe oder Hoffnung besäßen.
Glücklicherweise sind die Zeiten solcher Satzungetüme vorbei. Moderne Übersetzungen sind in der Regel weitaus geschmeidiger formuliert, sodass mit ihnen ein deutlich größerer Leserkreis angesprochen werden kann. 
Es bleibt für manch Interessierten deshalb mitunter nur ein einziger triftiger Hinderungsgrund, sich in antike Texte zu vertiefen: Der sogenannte ‚Anschaffungswiderstand‘, wie es in der Elektronik so schön heißt 😉. Denn die Preise reichen von günstig bis schmerzhaft.
Darüber – und über einiges mehr – unterhalte ich mich in folgendem Interview mit dem Althistoriker Kai Brodersen, der seit Jahren zu den fleißigsten Übersetzern und Autoren im deutschen Sprachraum zählt.


Lieber Herr Brodersen, wie geht es Ihnen, wenn Sie beispielsweise Cicero-Übersetzungen aus dem 18. oder 19. Jahrhundert lesen? Bereitet Ihnen das vergleichsweise altertümliche Deutsch Vergnügen oder strengt es Sie, so wie mich, eher an?

Übersetzungen macht man immer für die eigene Zeit – der will man ja den Zugang zur Antike erleichtern. Und so, wie es heute Menschen gibt, die gerne deutsche Literatur aus den letzten Jahrhunderten lesen, gibt es auch heute Menschen, die Vergnügen an jener Sprachform haben. Wenn man z.B. die Übersetzung von Thukydides’ Geschichtswerk nimmt, die Georg Peter Landmann 1960 vorgelegt hat und die nach wie vor lieferbar und heute die am meisten verbreitete deutsche Übesetzung des Werks ist, dann kann man sich an deutschen Passagen freuen, die zeigen, dass der Übersetzer sich zum George-Kreis rechnete und eine sehr „gehobene“ Sprache nutzte. Man kann aber auch verzweifeln, wenn man herausfinden möchte, was denn im Originaltext steht…

Abgesehen von der sich ändernden Sprache: Übersetzt man heute, anders – eventuell freier – als noch vor 100 oder 200 Jahren? 

Nein, nicht freier, sondern umgekehrt eher genauer. Wenn Sie z.B. die neueren Übersetzungen von Niklas Holzberg anschauen, sehen Sie, wie er sich um eine möglichst genaue Übersetzung bemüht, und das sogar in Versform! Bei Fachliteratur, etwa bei Palladius’ Buch über das Bauernjahr oder Apuleius’ Heilkräuterbuch, war mir sehr daran gelegen, möglichst genau zu übersetzen, also z. B. die Pflanzennamen oder Fachbegriffe genau zu verstehen und wiederzugeben, und dabei gerade keine „dichterische Freiheit“ walten zu lassen. Ich möchte dasselbe lateinische Wort nicht einmal als „Harke“ und einmal als „Rechen“ übersetzen – und bei pharmakologischen Texten kann das sogar gefährlich werden.

Von wem geht in der Regel die Initiative für das Übersetzen eines bestimmten antiken Textes aus? Tritt ein Verlag an Sie heran und unterbreitet einen Vorschlag – oder ist es eher umgekehrt? 

Es gibt Verlagsinitiativen (so etwa die zweisprachige Ausgabe des Geschichtswerks von Herodot bei Reclam) und Übersetzerinitiativen (so etwa die zweisprachige Ausgabe von „Plinius’ Kleiner Reiseapotheke“ bei Steiner), aber oft entstehen solche Ideen im Austausch zwischen Verlag und Übersetzer – je mehr man miteinander schafft, umso besser.

Zur Zeit lese ich die Strategika des Polyainos, danach kommt die Taktika des Ailianos an die Reihe; beide Bücher erschienen erst kürzlich in deutscher Sprache und wurden von Ihnen übersetzt. Wie viele Stunden Arbeit müssen Sie in solche Werke normalerweise investieren?

Die Stunden zähle ich nicht, und solche Projekte laufen oft über lange Zeit. Zu Polyainos z. B. hatte ich schon 2010 einen Tagungsband herausgegeben, seither hat mich dieses umfangreiche Buch immer wieder beschäftigt. Ich bin ja Professor an der Uni Erfurt und habe in Forschung und Lehre zu arbeiten!


Wie viele antike Werke übersetzen Sie durchschnittlich pro Jahr?

Das hängt völlig an den Lebensumständen: Ich war lange Jahre in der akademischen Selbstverwaltung tätig, darunter 6 Jahre als Prorektor und 6 Jahre als Universitätspräsident. Da war nicht viel Zeit für solche Projekte! Umgekehrt beginnen manche Übersetzungen als Unterlagen für eine Lehrveranstaltung. So war etwa die „Reise ins Heilige Land“ der Egeria das Thema eines Seminars, das ich am Departement für Protestantische Theologie in Hermannstadt/Sibiu halten durfte. Wenn die Studierenden dann zeigen, dass sie der Text interessiert, ist die Motivation gleich dreimal so groß, so eine Übersetzung publikationsreif zu machen!


Da die meisten Schriften antiker Autoren nur über den Umweg mittelalterlicher Kopien überliefert wurden, haben sich im Laufe der Jahrhunderte oft Fehler eingeschlichen. Bereitet Ihnen das einen großen Mehraufwand beim Übersetzen? Müssen Sie eventuell sogar herumreisen, um Einblick in Überlieferungsvarianten nehmen zu können, die Sie dann miteinander vergleichen? Oder ist das dank Internet und digitaler Bibliotheken alles viel einfacher geworden?

Da ich fast ausschließlich zweisprachige Ausgaben mache, bei denen der griechische oder lateinische Text der deutschen Übersetzung gegenübersteht, ist mir die Festlegung des antiken Texts jedes Mal besonders wichtig. Wo sehr gute kritische Editionen vorliegen, nutzte ich diese, überlege aber in allen Zweifelsfällen, ob der rekonstruierte Text gut verständlich ist und biete immer ein Verzeichnis der Stellen, an denen „mein“ Text von der Bezugsedition abweicht. In anderen Fällen – so bei Damigerons „Heilenden Steinen“ und bei Ailianos’ „Antiken Taktiken“ – ist der Text neu zu erstellen, da es bislang keine zuverlässige Ausgabe des antiken Textes gab. Das Internet hilft da wenig – man muss schon die Überlieferungsträger, also die mittelalterlichen Handschriften, lesen, die man sich als Photographien oder Scans aus den Bibliotheken besorgen muss. Aber das macht schon auch Freude!

Ich stelle bei modernen Übersetzungen von ein und demselben antiken Text zum Teil spürbare Preisunterschiede fest; beispielsweise ist De Gruyter (Tusculum) als ziemlich hochpreisig verschrien. 
Inwieweit sind die Endpreise tatsächlich auf den Arbeitsaufwand des Übersetzers zurückzuführen? Ist beispielsweise das Hinzufügen erklärender Endnoten ein signifikanter Preistreiber? Mir ist nämlich aufgefallen, dass Ihre Übersetzungen bei Marix über keine Endnoten verfügen, jene bei Reclam hingegen schon. 

Ob es – wie bei Marix – eine ausführliche Einleitung und Erläuterungen im Text selbst gibt oder – wie bei manchen, aber längst nicht allen Reclamausgaben – Endnoten, hat nichts mit dem Preis zu tun – die Information (und die Arbeit, die zu erstellen) ist dieselbe, nur die Präsentation nicht, und die Gestaltung eines Buchs folgt ja in der Regel dem Inhalt – „form follows function“! Nehmen Sie z.B. bei Reclam Aristeas’ Buch „Der König und die Bibel“ – da habe ich die Erläuterungen in einer sehr ausführlichen Einleitung, nicht in Endnoten geboten. Was ein Buch im Buchhandel dann kostet, ist eine Frage der Kalkulation des Verlags – der muss das Buch ja verkaufen! Das hat mit dem Arbeitsaufwand des Übersetzers überhaupt nichts zu tun.

Wie darf man sich das Entlohnungsmodell für das Übersetzen eines lateinischen oder altgriechischen Buchs vorstellen? Wird z.B. nach Wörtern oder Normseiten abgerechnet? Und ganz wichtig für jene, die das beruflich eventuell auch machen wollen: Kann man von dieser Arbeit anständig leben? 😉

Ganz einfach: Ich erhalte bei den meisten Verlagen überhaupt kein Honorar, aber ich habe ja auch einen Beruf, in dem wissenschaftliche Publikationen zu meinen Aufgaben gehören, und muss nicht vom Übersetzen leben. Nur bei einem Verlag, den Sie schon genannt haben, erhalte ich 3% vom Nettoerlös. Unter Nettoerlös versteht man den Bezugspreis abzüglich der darin gesetzlichen Mehrwertsteuer und der gewährten Rabatte. Wie Sie wissen, ist der Buchhandelrabatt in der Regel etwa 40%, der Mehrwertsteuersatz für Bücher 7%. Das heißt, dass ein Buch, das im Buchhandel 29.95 Euro incl. Mehrwertsteuer, also etwa 28 Euro ohne Mehrwertsteuer. Davon sind etwa 11,20 Euro Buchhandelsrabatt, der Nettoerlös beträgt also etwa 16,80. Davon sind 3% etwa 50 Cent. Wenn so ein Buch über die Jahre vielleicht dreihundertmal verkauft wird, bekomme ich insgesamt 150 Euro, die ich selbstverständlich versteuern muss. Zu Ihrer Frage: Man kann immer anständig sein. aber sicher nicht einmal unanständig vom Übersetzen antiker Texte leben.

Die von Reclam angebotene Ausgabe der Historien des Herodot, bei der Sie als Herausgeber fungieren, wird ’scheibchenweise‘ veröffentlicht; will heißen, die neun Teile, aus denen Herodots Geschichtswerk besteht, kommen einzeln in den Handel. Das ist auch verständlich, weil das kompakte ‚Reclam-Format‘ hier gewisse Grenzen setzt. Andererseits verwundert mich der Umstand, dass, obwohl schon 2002 mit der Veröffentlichung begonnen wurde, man 15 Jahre später erst beim 7. Teil angelangt ist. 
Ist das vom Verlag so gewollt? Ich frage hier vor allem deshalb, weil für viele Interessierte nur eine vollständige Ausgabe wirklich interessant sein dürfte. Aus diesem Grund habe auch ich kürzlich schon etwas verzweifelt bei der Konkurrenz – dem Kröner Verlag – zugegriffen.

Die Verlagspolitik von Reclam hat sich über die Jahre geändert. Meine Kollegin und ich sind nun gebeten worden, den kompletten Herodot in einem Band vorzulegen. Ich bin gespannt, wie Ihnen die doch arg in die Jahre gekommene und von Heinz-Günther Nesselrath kürzlich nur „behutsam modernisierte“ Übersetzung von August Horneffer, die Sie gekauft haben, gefällt: Er hat von 1875 bis 1955 gelebt, war promovierter Musikwissenschafter, hat am Nietzsche-Archiv gearbeitet und war aktiver Freimaurer – ein faszinierender Lebenslauf für einen Übersetzer!

Die Modernisierung von Nesselrath liest sich durchaus angenehm, ist preislich günstig und verfügt über viele erklärende Endnoten. Allerdings ist sie nur einsprachig (meine Rezension).


Gibt es ein wichtiges antikes Werk, von dem Sie sagen, dass eine Übersetzung oder Neuübersetzung längst überfällig ist?

Allerdings – es fehlt uns eine Übersetzung der bedeutenden Reden des Aelius Aristides, es fehlen aber auch Übersetzungen in wenigstens eine moderne Sprache der allermeisten Werke des bis in die Neuzeit einflussreichen Mediziners Galenos. Und es fehlen noch eine ganz Menge spannender antiker Werke.

Eventuell können Sie uns abschließend einen kleinen Ausblick auf geplante Buch-Projekte geben?
Als nächste zweisprachige Ausgabe soll die „Vermischte Forschung“ des Ailianos erscheinen – ein buntes Werk, dem Sie Antworten etwa auf folgend Fragen entnehmen können: Welcher antike König war in einen Baum verliebt? Wer hat die Königsherrschaft als „ehrenvolle Sklaverei“ bezeichnet? Wo durften Frauen keinen Wein trinken? Gab es eine antike Utopia? Wo kam Faulheit vor Gericht? Wo stand Kunst, die ihren Gegenstand schöner erscheinen ließ, als er war, unter Strafe? Wer war der erste „Trainspotter“? Wer hat das Katapult erfunden? Welcher Tyrann wurde nach seinem Sturz Grundschullehrer? Warum erweisen einen gefärbte Haare als Lügner? Wer stellte Grabsteine für Haustiere auf? Wo sind erstmals Brieftauben belegt? Gab es in der Antike so etwas wie den „Fluch der Pharaonen“? Wer war das Aschenputtel des Altertums? Wie vertrieb sich ein Perserkönig, der Analphabet war, auf langen Reisen die Zeit? 
Und derzeit bin ich in den „letzten Zügen“ eines Buches über „Dacia Felix“, also über die antike Geschichte Rumäniens, und einer kritischen Neuedition der Römischen Geschichte des Appianos von Alexandreia.

Vielen Dank, dass Sie meinen Lesern und mir so ausführlich Auskunft gegeben haben. Besonders auf Ihre geplante Neuedition von Appians Römische Geschichte freue ich mich schon, da für die aktuellste (bei Hiersemann erschienene) Ausgabe dieses antiken Werks längst Mondpreise verlangt werden.


Weiterführende Informationen zum Gesprächspartner:

Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

Hörbares: Rätselhafter Schädel auf dem Palatinhügel entdeckt — Archäologenstreit in Israel — Wikinger-Stockfisch — Wer erfand die Metallverarbeitung? — Antike Mysterien — usw.

Rätselhafter Schädel – Der Unbekannte vom römischen Palatinhügel | Spieldauer 5 Minuten | DF| Stream & Info | Direkter Download
Wikinger brachten Stockfisch nach Kiel | Spieldauer 7 Minuten | DF| Stream & Info | Direkter Download
Archäologie-Streit in Israel – Wo wurde Petrus geboren? | Spieldauer 5 Minuten | DF| Stream & Info | Direkter Download

Archäotechnica: Die Slawen | Spieldauer 6 Minuten | ARD/RBB | Stream & Info | Direkter Download

Metallverarbeitung – Wer hat´s erfunden? | Spieldauer 7 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download

Kulturgeschichte des Einkaufens: Tauschen – Feilschen – Kaufen | Spieldauer 21 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download
Naga – Die Neuentdeckung der Antike im Sudan | Spieldauer 23 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download
Antike Mysterien – Christentum und Mysterienkulte | Spieldauer 27 Minuten | SWR/ARD | Stream & Info | Direkter Download
Antike Mysterien – Der Isis- und Osiris-Kult | Spieldauer 27 Minuten | SWR/ARD | Stream & Info | Direkter Download


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Videos: Spannende Experimentalarchäologie auf dem Geiseltalsee — Pfusch am Fachwerkhaus — Primitive Sandalen im Eigenbau

Spannende Experimentalarchäologie auf dem Geiseltalsee | Spieldauer 10 Minuten | Youtube | Stream & Info

Ich verfolge die von Dominique Görlitz unternommenen experimentalarchäologischen Projekte zur prähistorischen Hochseefahrt schon seit Jahren mit Interesse. Sein als nächstes geplantes Abenteuer ist wieder besonders spannend und besitzt großes Potential, viele Menschen für diese Thematik zu begeistern.

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Primitive Sandalen im Eigenbau | Spieldauer 6 Minuten | Youtube/Primitive Technology | Stream & Info

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Totalschaden am Fachwerkhaus nach 20 Jahren Renovierung | Spieldauer 7 Minuten | Youtube | Stream & Info

Was für ein großer Schaden durch unsachgemäße Renovierung an einem alten Fachwerkhaus verursacht werden kann, wird in diesem Video gezeigt. Bemerkenswert daran ist auch, dass in einem Land, das für seine Regulierungswut berüchtigt ist, sich allem Anschein nach niemand für die ordnungsgemäße Instandhaltung historischer Bausubstanz wie der gezeigten zuständig fühlt. Da darf wohl gepfuscht werden, bis eines Tages der vielzitierte Arzt – in Form der Abrissbirne – kommt …

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 Mehr Videos

Buch: Mit Schild und Schwert für Attika!

Die Hopliten-Heere aus dem klassischen Griechenland genießen bis heute einen geradezu legendären Ruf. Obwohl zahlenmäßig vergleichsweise schwach, besiegten mit ihnen die griechischen Stadtstaaten häufig weit überlegenen Feinde; siehe etwa die berühmten Schlachten von Marathon und Plataiai gegen die Perser – oder Xenophons abenteuerlichen Zug der Zehntausend, den er in seiner Anabasis verewigte.
Im Buch „Mit Schild und Schwert für Attika!“ (Tectum Verlag) beschreibt der Althistoriker Martin Pickelmann in übersichtlicher Form das Heerwesen im antiken Attika (Athen) zur Zeit der Perserkriege und des Peloponnesischen Kriegs (wobei auch die unmittelbar davor und danach angrenzenden Jahrhunderte angeschnitten werden). Was waren Beispielsweise die jeweiligen Aufgaben der zehn gewählten Strategen? Wie war die Reiterei organisiert? Welches Ansehen genoss die Flotte? Usw. usf. 
Hauptsächlich geht es allerdings um die Hopliten bzw. das ausgeklügelte System ihrer Rekrutierung. Dazu gehört z.B. die Vorgehensweise bei der Zusammenstellung der Listen mit den Wehrpflichtigen, aber auch die Musterung und eine mögliche Freistellung vom Kriegsdienst.
Bis zu einem gewissen Grad wird auch auf die Kampfweise und Bewaffnung eingegangen, die im Laufe der Zeit immer wieder Veränderungen erfuhren: Wann kam beispielsweise der schwere Schild der Hopliten auf? Wie verbreitet war der u.a. aus Leinen gefertigte Kompositpanzer? Und was hat es mit dem othismos – dem Massendruck in der Schlacht – auf sich?
Quellenangaben sind in Form von Fußnoten reichlich vorhanden – sowohl zu Primär wie auch Sekundärliteratur. 
Ein paar Skizzen oder Diagramme hätten wohl nicht geschadet (Bilder sagen oft mehr als tausend Worte), allerdings störte mich deren Fehlen auch nicht übermäßig, da der Text klar und meist allgemein verständlich formuliert wurde. Einziger echter Kritikpunkt sind die fehlenden Übersetzungen einiger griechischer Begriffe. Ich konnte sie zwar entziffern, allerdings hätte der Autor nicht davon ausgehen sollen, dass dies jedem Leser möglich ist.

Der Preis beträgt knapp 20 Euro.

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Weiterführende Informationen:
Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

Krimskrams: Der Pileus Pannonicus des Campus-Galli-Drechslers — Doppelstandards bei Microsoft

Der Pileus Pannonicus des Campus-Galli-Drechslers

Ein Leser wies mich auf ein schönes Video mit aktuellen Eindrücken von der Mittelalterbaustelle Campus Galli hin. Interessant ist unter anderem der bei 0:20 auftauchende Drechsler des Projekts – siehe oben. Er trägt nämlich eine Art Pileus Pannonicus – also eine in der Spätantike gebräuchliche Kopfbedeckung, die schwerlich in die späte Karolingerzeit passt, in welcher der Campus Galli angesiedelt ist.
Ausnahmsweise habe ich unter dem Video einen Kommentar hinterlassen, in dem ich augenzwinkernd auf dieses Malheur hinwies. Dadurch wurde folgende Diskussion angestoßen, die sich phasenweise wie der Besuch in einer Klapsmühle oder Krabbelstube anfühlt 😊.
Nachdem ich keine Lust mehr hatte, meine Zeit mit dieser fruchtlosen Diskussion zu vertrödeln, schaltete sich unverhofft ein paar Tage später jener Leser ein, der mich ursprünglich auf das Video aufmerksam machte.

Die langjährige Erfahrung zeigt, dass der Campus Galli solche Schwachmaten geradezu magisch anzieht: Null facheinschlägige Kenntnisse (kann zweifellos eine Phrygische Mütze nicht von einer Pudelmütze unterscheiden), bis ins Mark ignorant, wehleidig, aber mit genügend Freizeit ausgestattet, um sich ohne Unterlass in haarsträubenden Sophismen zu ergehen.
Interessant wäre freilich, ob dieser Mensch gar in irgendeiner Weise direkt mit dem Campus Galli verbunden ist. Eventuell als Angestellter oder als Mitglied des Freundeskreises. Der sonst so gerne anonym in Erscheinung tretende Geschäftsführer ist es jedenfalls nicht, denn selbst dem – obwohl normalerweise um kaum eine Ausrede verlegen – wären die hier dargebrachten Kindereien zu peinlich …

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Doppelstandards bei Microsoft

Der Stift meines Surface Tabletts hatte im Urlaub plötzlich den Geist aufgegeben. Möglicherweise war ich daran nicht ganz unschuldig – allerdings bin ich mir diesbezüglich auch nicht sicher. Auf jeden Fall habe ich umgehend den Support von Microsoft angerufen und frech gefragt, ob sie mir einen Ersatz schicken – kostenlos versteht sich (das Ding schlägt normalerweise mit über 60 Euro zu Buche). 
Nach dem üblichen, eher sinnlosen Hin und Her („haben Sie wohl die aktuellsten Treiber installiert, bla bla bla“) erklärte man sich zum Austausch bereit. Allerdings müsse ich den defekten Stift vorher einschicken.
In den Anweisungen für diesen Vorgang stand dann der Warnhinweis, unbedingt eine feste (steife) Kartonverpackung zu verwenden – ein Kuvert mit Luftpolstern ginge hingegen gar nicht, denn da wäre die Gefahr einer Beschädigung zu groß. Zwar war der Stift eh schon kaputt, aber wenn Microsoft kein Luftpolsterkuvert möchte, dann halte ich mich natürlich auch dran. 
Nach exakt einer Woche kam dann der nagelneune Ersatzstift von Microsoft mit UPS. Und wie war dieser verpackt? Genau, in einem schnöden Kuvert mit Luftpolstern ^^

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Wahre Worte

Kürzlich habe ich einen schönen Satz gelesen, der immer öfter die Medien-Erfahrungen vieler Menschen widerspiegeln dürfte:
Ich fühle mich von den Journalisten seit jeher umfassend und wahrheitsgemäß informiert – außer auf dem Gebiet, wo ich mich auskenne.
  😄

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Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

Rätselhaftes Pompeji: Brach der Vesuv tatsächlich am 24. August 79 n. Chr. aus?

Spurensuche in den schriftlichen Überlieferungen

In den meisten Büchern über den spektakulären Untergang des römischen Pompeji steht geschrieben, der katastrophale Ausbruch des Vesuvs habe sich im Sommer, genauer gesagt am 24. August 79 n. Chr., zugetragen. Zwar kann das angegebene Jahr als relativ gesichert gelten, doch bezüglich des Tags und Monats verließ sich die Forschung lange Zeit fast ausschließlich auf den antike Autor Plinius den Jüngeren. Dieser schreibt in zwei Briefen an seinen Freund Tacitus:

[…]. Am 24. August, ungefähr zur siebten Stunde, machte meine Mutter ihn (Anm.: Plinius‘ Onkel) darauf aufmerksam, dass sich eine Wolke von ungewöhnlicher Größe und Gestalt zeige. […]
Er verlangte nach seinen Sandalen und stieg auf eine Stelle, von der aus man jene auffallende Erscheinung besonders gut betrachten konnte. Für Betrachter aus der Ferne war es nicht zu erkennen, aus welchem Berg die Wolke aufstieg.
Plinius der Jüngere, Epistulae, VI, 16
Darf man Plinius hier trauen, der immerhin den Ausbruch persönlich aus einiger Entfernung beobachten konnte? Oder besser gefragt: Wie verlässlich sind die im Mittelalter von Klerikern angefertigten Kopien des Plinius-Briefes? Denn nur sie sind heute noch erhalten, während das antike Original längst verloren ging.
Es könnte also durchaus ratsam sein, sich diese mittelalterlichen Kopien etwas genauer anzuschauen.

Tatsächlich wird das Datum im Folio 87 des Codex Laurentianus Mediceus mit dem 24. August bzw. „Non(um) Kal(endas) Septembres“ angegeben. Einen Exkurs in die etwas komplizierte Welt der römischen Monatstage erspare ich mir an dieser Stelle – nur so viel: die Angabe „neun Tage vor den Kalenden des September“ entspricht dem 24. August.
Das Problem hierbei: Lediglich in dieser einen Plinius-Überlieferung wird der 24. August genannt. Bei allen anderen kommen hingegen abweichende Varianten ins Spiel, in denen fast ausnahmslos der November oder späte Oktober – also ein Datum im Herbst – genannt wird. So etwa im Codex Oratorianus – dort steht: „Kl. Nove(m)bris“ – die „Kalenden des November“; das wäre der 1. November.
Warum nun also wurde und wird im Angesicht der obigen Fakten immer noch gerne dem 24. August der Vorzug gegeben? Ganz einfach: Die diesem Datum zugrundeliegende Handschrift – der bereits genannte Folio 87 des Codex Laurentianus Mediceus – ist älter als die anderen Überlieferungen – steht also zeitlich dem antiken Original am nächsten. Daher geht ein großer Teil der Forschung bis heute davon aus, bei dieser speziellen Ausgabe wäre die Wahrscheinlichkeit eines von mittelalterlichen Mönchen verursachten Kopierfehlers am geringsten.

Der italienische Archäologe Alberto Angela schreibt in seinem Buch Pompeji – Die größte Tragödie der Antike (siehe Link am Ende des Beitrages), dass jene These, der zufolge der Vesuv im Herbst und nicht im Sommer ausgebrochen sei, nicht nur von all den abweichenden Plinius-Überlieferungen gestützt werden würde, sondern auch vom antiken Historiker Cassius Dio. Dieser habe – laut dem im 18. Jahrhundert lebenden Altphilologen Carlo Maria Rossini – als Datum der Katastrophe den 23. November (79 n. Chr.) genannt („neun Tage vor den Kalenden des Dezember“). Allerdings konnte ich dergleichen weder in Reclams Quellensammlung zum Vesuvausbruch finden noch in der Dio-Übersetzung von Otto Veh.

Spurensuche in den archäologischen Befunden

Die Archäologie hat besonders in den letzten Jahrzehnten spannende Indizien zutage gefördert, welche scheinbar gegen einen Ausbruch des Vesuvs am 24. August sprechen und stattdessen ein Datum im Herbst nahelegen. Wie man jedoch sehen wird, besteht dabei mitunter ein gehöriger Interpretationsspielraum.

Indizien die gegen einen Ausbruch im August / Sommer sprechen: Aber:
Im Haus des Menander sowie im Haus der Keuschen Liebenden (beide in Pompeji) wurden Kohlebecken entdeckt, die zum Beheizen von Räumen dienten. Diese mobilen ‚Heizstrahler‘ der Antike wurden kaum im Sommer, sondern eher im Herbst benötigt.
Die Vulkan-Eruption erzeugte eine kilometerhohe Rauchsäule, welche die Sonne verdunkelte. Wie bei einer totalen Sonnenfinsternis sinkt die Temperatur daraufhin stark ab (Golfkriegsveteranen beobachteten einen ähnlichen Vorgang sogar mitten in der Wüste im Umfeld von brennenden Ölquellen). Dieser Effekt könnte die Verwendung von Kohlebecken im sommerlichen Pompeji erklären.
Möglich ist außerdem, dass die Becken für rituelle Zwecke verwendet wurden (freilich, dafür nutzten die Römer normalerweise spezielle Hausaltäre).
Einige der Opfer aus Pompeji, die in der feinen Vulkanasche Abdrücke hinterließen, waren in schwere Umhänge gehüllt, die kaum zu einem sommerlichen Wetter passen.
In einer Kinderwiege in der Stadt Herculaneum fand man die Reste einer Wolldecke. Auch das scheint nach Ansicht einiger Forscher der Sommer-These zu widersprechen.
Wie schon bei den oben genannten Kohlebecken, so könnte auch die Verwendung schwerer Umhänge und Wolldecken ihre Ursache im von der Aschewolke des Vulkans hervorgerufenen Temperatursturz haben.
Dicke, dicht gewebte Textilien dienten möglicherweise außerdem dazu, sich vor der aggressiven Vulkanasche zu schützen, die Atemnot hervorrufen kann.
Und schlussendlich ist es auch möglich, dass sich die Menschen in Pompeji mit schwerer Kleidung beim Verlassen ihrer Häuser vor dem Steinhagel schützen wollten, der über ihnen niederging (was freilich oft genug ein hoffnungsloses Unterfangen war, wie manch auf der Straße liegender Toter mit eingeschlagenem Schädel oder zerschmetterten Gliedmassen belegt; denn nicht nur der relativ leichte Bimsstein, sondern auch deutlich schwerere Brocken wurden vom Vulkan zeitweise ausgeworfen).
Ein Toter am Strand von Herculaneum trug eine Pelzmütze, was scheinbar nicht zu einem Vulkanausbruch im August passt; selbst der oben erwähnte Temperatursturz wird kaum dermaßen stark gewesen sein, um deshalb gleich den Kopf in Pelz zu hüllen.
Die Mütze dürfte auch nicht als Kopfschutz verwendet worden sein, denn obwohl Herculaneum sehr nahe am Vesuv lag, so wurde es doch aufgrund der vorherrschenden Winde von keinem einzigen (!) Bimsstein getroffen, während gleichzeitig im deutlich weiter entfernten Pompeji der vulkanische Fallout dermaßen groß war, dass die Dächer der Gebäude unter der Last zusammenbrachen (einige Bimssteine wurden über 72 km weit geschleudert!).
Aus Einzelfunden wie dieser Pelzmütze lassen sich nicht automatisch weitreichenden Schlüsse ableiten. Das gilt im Übrigen auch für die oben erwähnten schweren Textilien und Kohlebecken.
Grete Stefani, Grabungsleiterin in Pompeji, und der Botaniker Michele Borgongino haben in einer umfangreichen Studie zutage geförderte Pflanzenreste analysiert. Unter anderem fand man in den Vesuvstädten – z.T. in Form von Mahlzeitresten – Lobeerfrüchte, viele Nüsse und Kastanien, die größtenteils erst im Herbst reif werden. Das wird als Indiz gewertet, welches gegen einen Ausbruch im August/Sommer spricht.
Große Mengen getrockneter Feigen wurden entdeckt. Zwar ist es möglich, dass die Feigenernte bereits im Sommer begonnen hatte, die zum Trocknen vorgesehen Früchte erntete man jedoch erst im September.
Dass diese Feigen noch Reste aus dem Vorjahr sind, schließt man aus, da sie in Pompeji sehr oft gefunden wurden. Vielmehr soll es sich um Vorräte für den kommenden Winter gehandelt haben.
Könnte bei diesem Beispiel, wie auch bei dem vorhergehenden, nicht ein ein von der Gegenwart abweichendes Mikroklima zu anderen (früheren) Erntezeiten geführt haben?
Oder war vielleicht einfach nur das Wetter dieses speziellen Sommers für ein Vorziehen der Ernte verantwortlich?
Hinzu kommt, dass die archäologischen Untersuchungen von Feldern Bewässerungsversuche zum Zeitpunkt des Vesuvausbruchs nahelegen. Das würde eher zum Sommer, und weniger zum Herbst passen, in dem man eher bestrebt war, das Regenwasser abzuleiten.
Auch getrocknete Pflaumen fanden sich in Pompeji. Es heißt, diese wurden nur im Herbst in getrocknetem Zustand verzehrt, im Sommer jedoch frisch. Warum sollte es sich bei diesen getrockneten Pflaumen nicht – so wie schon bei den Feigen – um Vorräte für den kommenden Winter gehandelt haben?
In einer Villa in Oplontis fand man rund 1000 kg Granatäpfel, die zum Trocknen zwischen Strohmatten gelegt worden sind. Die Ernte erfolgte normalerweise Anfang Oktober, bevor die Regenfälle zunahmen.
Die Granatäpfel wurden eventuell unreif geerntet, zwecks Hinauszögerns des Reifeprozesses, sodass sie zwischen den Strohmatten leichter trockneten. In dieser speziellen Form wurden nämlich Granatäpfel in der Antike als Arznei verwendet.
Man entdeckte einige wenige Datteln, die in der Regel frühestens im Oktober aus Nordafrika importiert wurden, da sie dort erst kurz zuvor reiften.
Auch dieser Annahme legt man vor allem die üblichen Erntezeiten der Gegenwart zugrunde.
Rund um den Vesuv lagen in römischer Zeit etliche Landgüter. In einigen fanden Archäologen große Mengen Trester (Rückstände vom Weinpressen), die darauf hindeuten, dass die (heute) üblicherweise im September, spätestens aber im Oktober stattfindende Weinernte bereits vorüber war. Die Weinernte könnte schon in den Sommermonaten durchgeführt worden sein, so wie das in der betreffenden Gegend vereinzelt auch heute noch vorkommt.
In der Villa Regina bei Boscoreale fand man viele dolia (große Weinfässer aus Terrakotta), die bereits gefüllt, versiegelt und zur weiteren Reifung bis zum Hals in der Erde vergraben waren. Das spricht dafür, dass die im September/Oktober durchgeführte Weinernte zum Zeitpunkt des Vesuvausbruchs bereits rund einen Monat zurücklag. Denn nachdem der Traubensaft gekeltert und abgefüllt worden war, kontrollierte man ihn insgesamt rund 30 Tage lang, bevor die Fässer versiegelt wurden.
Der Wein könnte, siehe das vorhergehende Beispiel, schon im Sommer gekeltert worden sein.
Auch ist es möglich, dass er aus dem Vorjahr stammt und man ihn länger reifen ließ.
Im Bereich des Marktes von Pompeji gibt es eine heiligen Bezirk, in dem sich Bildnisse der kaiserlichen Familie befanden: Darunter Vespasian sowie seine Söhne Titus und Domitian. In der Nähe dazu entdeckte man einen Pferch mit Schafskeletten und stellte die Überlegung an, ob diese Schafe nicht eventuell für ein Opfer zu Ehren der kaiserlichen Familie vorgesehen waren. Als möglichen Anlass machte man den 24. Oktober aus, an dem Domitian Geburtstag hatte. Dieses Datum liegt volle zwei Monate hinter dem 24. August. Eine legitime Hypothese, die aber  auf sehr dünnen Beinen steht.
In mehreren Wohnhäusern wurde Fisch entdeckt – genauer gesagt größere Mengen der Gelbstriemenbrasse, die wohl für die Produktion von Garum (Fischsauce) verwendet wurden (dafür war Pompeji berühmt). Diese spezielle Fischart beißt zwar das ganze Jahr über, am liebsten jedoch im Juli und Anfang August. Das spricht eventuell gegen einen Ausbruch im Herbst bzw. für den Sommer.
Im sogenannten Haus des goldenen Armreifs (Pompeji) fand man bei einer Toten vierzig Gold- und hundertacht Silbermünzen. Eine dieser Münzen, die im Archäologischen Nationalmuseum Neapel unter der Inventarnummer P 14312/176 geführt wird, kann Kaiser Titus zugeordnet werden.
Auf der Rückseite findet sich die Angabe Imp(erator) XV; dies besagte, dass Titus zum Zeitpunkt der Münzprägung bereits fünfzehn Mal für einen wichtigen militärischen Erfolg zum Imperator ausgerufen worden war (dazu zählten auch Siege, die von anderen Feldherren errungen wurden, denen er als Kaiser im fernen Rom vorstand).
Die 15. Akklamation zum Imperator weist auf eine Datierung der Münze nach dem 24. August hin. Denn aus einem Brief an die Stadtverwaltung von Munigua und aus der Entlassungsurkunde eines Centurio in Fayum (Ägypten) ist bekannt, dass Titus am 7. September 79 n. Chr. zum 14. Mal Imperator wurde. Da bereits dieses Datum nach dem 24. August angesiedelt ist, so muss das erst recht für die Münze aus Pompeji gelten.
Da die betreffende Silbermünze stark korrodiert ist, lässt die nur schwer entzifferbare Inschrift auch andere Lesarten zu.
Ist nicht einmal auf die überlieferte Uhrzeit Verlass?
Selbst an der vom Augenzeugen Plinius überlieferten Uhrzeit gibt es mittlerweile Zweifel. Auslöser dafür sind unter anderem verkohlten Brote, die im Ofen einer pompejanischen Bäckerei entdeckt wurden. Dieser Umstand scheint nicht recht zur „siebten Stunde“ im oben zitierten Brief zu passen. Denn um 13:00 Uhr wurde dazumal eher kein Brot mehr gebacken, heißt es. Einige Vulkanologen und Archäologen sind nun der Ansicht, die ersten kleineren Eruptionen hätten sich bereits am Vormittag ereignet und dazu geführt, dass der Bäcker und seine Angestellten/Sklaven die Bäckerei fluchtartig verließen.
Da Plinius den Vulkanausbruch vom rund 20 km entfernten Misenum aus beobachtete, und überdies die Erde in der betroffenen Gegend schon Wochen vor dem Ausbruch verstärkt bebte, ist es denkbar, dass er die ersten kleineren Eruptionen noch gar nicht als solche erkannt hatte. Wie aus seinem Brief hervorgeht, wusste man in Misenum anfangs noch nicht einmal, von welchem Berg der Rauch aufstieg. Der damals noch ziemlich flache, dicht mit Buchen und Weißtannen bewaldete Vesuv, war von den Menschen schlicht und ergreifend nicht als tickende Zeitbombe wahrgenommen worden.
In dem Zusammenhang gibt es auch berechtigte Zweifel daran, dass es sich beim obigen Fresko aus Pompeji, welches man gerne als Darstellung des Vesuvs interpretiert, tatsächlich um diesen Vulkan handelt.

Wer sich für die Katastrophe des Jahres 79 n. Chr. im Detail interessiert, dem kann ich nur das unten verlinkte Buch Pompeji – Die größte Tragödie der Antike ans Herz legen.

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Weiterführende Literatur:
Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

Hörbares: Renaissance-Gärten — Die Heilige Schar von Theben — Die Ritter — Philipp Melanchthon — Johannes Calvin — Heraklit


Renaissance-Gärten – Kunstwerk aus Himmel, Erde und Wasser | Spieldauer 23 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

Make Love AND War – Die Heilige Schar von Theben | Spieldauer 18 Minuten | Das Geheime Kabinett | Stream & Info | Direkter Download
Die Ritter – Gezähmte Gewalt | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Downlaod

Philipp Melanchthon – Reformator, Politiker und Pädagoge | Spieldauer 22 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Downlaod
Johannes Calvin – Der Genfer Reformator | Spieldauer 23 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Downlaod
Alles fließt – Das Weltbild des antiken Denkers Heraklit | Spieldauer 22 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Downlaod
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Videos: "Townsends" – ein ausgezeichneter Youtube-Kanal für Living-History — Barry Lyndon in HD — Ernst Pernicka und eine kleine Kulturgeschichte des Goldes

„Townsends“ – ein ausgezeichneter Youtube-Kanal für Living-History

Zwar ist der Youtube Kanal Townsends im 18. Jahrhundert angesiedelt – also nicht in ‚meiner Zeit‘ – aber trotzdem handelt es sich dabei um eines der schönsten Angebote auf Youtube, die ich bisher zum Thema Living History entdecken konnte. 

Schwerpunkt ist das Kochen bzw. die Ernährung. Die gezeigten Rezepte sind sehr interessant und oft auch nicht schwierig – ich habe selbst schon ein paar ausprobiert. Und obwohl das Ergebnis mitunter etwas komisch aussieht 😊, so hat es (meistens) gut geschmeckt: Zur Kanal-Übersicht

Das nachfolgende Rezept habe ich übrigens auch schon als Ottone im nichtöffentlichen Living-History-Umfeld mehrmals gekocht. Einfach weil es fürs Frühmittelalter ohnehin so gut wie keine überlieferten Rezepte gibt und immer bloß gegrilltes Fleisch und Eintopf ist auf Dauer langweilig. Außerdem ist die Annahme nicht völlig abwegig, dass es eine rudimentäre Mahlzeit wie diese im 10. Jahrhundert gab (die Römer kochten ja auch schon ähnliches).
Übrigens, den Apfel im Teigmantel – eigentlich eine Art primitiver Knödel – kann man zusätzlich mit etwas Marmelade füllen und ihn dann, wenn alles fertig ist, mit einer Sauce aus Honig und Butter übergießen. Außerdem funktioniert das Rezept auch gut mit anderen Früchten wie Marillen, Pfirsichen, Kirschen usw. Möglicherweise sogar mit einer würzigen Fleischfüllung?

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Barry Lyndon in HD 

Apropos 18. Jahrhundert: Bezüglich der Kleidung habe ich ja eine große Affinität zu dieser Zeit – und wäre ich nicht schon als Ottone und Römer unterwegs, dann würde es mich schon reizen, mir auch noch ein schönes Rokoko-Outfit zuzulegen, wie man es beispielsweise in Kubricks hochgelobter und ziemlich authentisch ausgestatteter Romanverfilmung Barry Lyndon sieht; da stimmt sogar das billige Krapp-Rot der damaligen englischen Uniformen (obschon die Röcke der Offiziere – als Kontrast dazu – durchaus kräftigere Farben vertragen hätten). Den Film gibt es übrigens seit dem Vorjahr in einer sehr gut restaurierten HD-Variante.

Berühmt ist der Film auch für seinen Soundtrack (in diesem Trailer wurde eine etwas modernisierte Variante verwendet). Es handelt sich dabei um Händels Sarabande, welche wiederum eine Art Variation des wunderbaren ‚Stückes‘ La Folia aus dem 15. Jahrhundert ist, an dem sich im Laufe der Zeit zig bekannte und weniger bekannte Komponisten versucht haben. Darunter Antonio Martin y Coll (Jordi Savall) und Antonio Vivaldi (Apollo’s Fire).
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Ernst Pernicka – Kleine Kulturgeschichte des Goldes | Spieldauer 67 Minuten | Youtube | Stream & Info

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Buch: Marcus Junkelmanns Standardwerk "Die Legionen des Augustus"

Der bayerische Militärhistoriker Marcus Junkelmann ist international einer der bedeutendsten Pioniere im Bereich der Experimentellen Archäologie. Darüberhinaus gilt er besonders für den deutschsprachigen Raum als wichtiger Wegbereiter dessen, was heute gemeinhin als Living History bzw. Lebendige Geschichte bezeichnet wird; also das praktische Nachempfinden vergangener Lebenswelten auf möglichst strenger Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse.
Ins Scheinwerferlicht der breiten Öffentlichkeit trat Junkelmann zum ersten Mal im Jahr 1985. Damals nahm er die (irrtümlich abgehaltene) 2000-Jahrfeier Augsburgs zum Anlass, um gemeinsam mit acht Gefährten in voller augusteischer Legionärsausrüstung von Italien über die Alpen nach Deutschland zu marschieren; 24 Tage wurden für dieses Vorhaben benötigt, bei dem man sich – trotz relativ guter Planung – mit immer wieder neuen Schwierigkeiten konfrontiert sah. Darüberhinaus fand der Alpenmarsch großes internationales Medienecho, da es etwas vergleichbares bis dahin noch nicht gegeben hatte. Wobei nicht jeder Beobachter das Vorhaben auf Anhieb richtig einordnen konnte, wie bei einer von Junkelmann und Kollegen durchgeführte Zeremonie auf dem Kapitol in Rom offensichtlich wurde:

Der Anblick von Neorömern inklusive Lictoren mit Rutenbündeln (fasces) erweckte bei älteren Einheimischen unwillkürlich Reminiszenzen an die Tage Mussolinis, wie ich der Bemerkung entnehmen konnte, die während unserer Zeremonie ein Zuschauer hinter mir seinem Begleiter in ruhigem, sachlichem Ton zuraunte: „Ah, sono fascisti“ – „Ah, das sind Faschisten.“
😄

In Die Legionen des Augustus (Herbert Utz Verlag) schildert Marcus Junkelmann u.a. diesen experimentalarchäologischen Alpenmarsch aus dem Jahr 1985. Zu Wort kommen dabei auch seine einstigen Mitstreiter, die ihre Eindrücke Revue passieren lassen. Vor allem jene großen Mühen, in schwerer römischer Rüstung einen Bergpass nach dem anderen zu bezwingen, werden dabei immer wieder angesprochen. Nicht jeder Teilnehmer des Experiments war den physischen Belastungen ohne Weiteres gewachsen. Erkrankungen und vorübergehende Ausfälle waren die Folge. Hinzu kam, dass die begeisterte Bevölkerung den neuzeitlichen Legionären auf ihrem Weg nicht nur immer wieder reichhaltige Mahlzeiten, sondern auch Unmengen an Wein und Schnaps spendierte, sodass Junkelmann und Co. ständig mit einem gewissen Alkoholpegel unterwegs waren 😊. Möglicherweise verlieh dieser unvorhergesehene Umstand dem Experiment zusätzlich eine realistische Note, denn auch die Legionäre des Augustus dürften – so wie die meisten Soldaten – dem Alkohol nicht abgeneigt gewesen sein; milderte er doch vorübergehend die Strapazen. Diese Annäherung ans echte Legionärsleben brachte freilich auch Nachteile mit sich, wie der Autor rückblickend feststellt:

Die letzten Kilometer zum Lagerplatz marschierten wir durch Dörfer und blühende Obstgärten zum See hinab. Man erwartete uns mit Transparenten und Weinfässern, das lokale (italienische) Fernsehteam filmte eifrig. Als wir am Lagerplatz ankamen, war zum einzigen Mal auf unserem Marsch festzustellen, dass der Weingenuss die Dienstfähigkeit beeinträchtigte. Schon beim Ablegen des Gepäcks kippte ein ‚miles‘ aus dem Glied, das Einschlagen der Zeltheringe verlief ganz konfus, bis Karl energisch eingriff und sich im Eifer mit dem Beil ins Bein hackte.
😂

Es ist schön, dass Marcus Junkelmann diese kleinen Unzulänglichkeiten und Probleme nicht aus akademischer Eitelkeit verschämt unter den Teppich kehrt. Die Frühen 1980er-Jahre waren überdies – verglichen mit heute – noch eine völlig andere Zeit; abzulesen auch daran, dass der Alpenmarsch unfassbare 300.000 (!) Mark verschlang. Alleine die militärische Ausrüstung eines einzigen der acht ‚Legionäre‘ schlug mit rund 20.000 Mark zu Buche (Kleidung nicht mitgerechnet), ein Lederzelt mit immerhin 10.000 Mark – und das obwohl vieles selbst angefertigt worden war. Diese hohen Kosten sind nicht zuletzt auf den damaligen Mangel an spezialisierten Handwerkern zurückzuführen (wenig Konkurrenz = hohe Preise).
Marcus Junkelmann kritisiert allerdings, dass es mittlerweile eine Entwicklung ins gegenteilige Extrem gibt, seitdem Billigware aus Indien (Stichwort ‚Deepeeka‘) den europäischen Markt flutet. Das führe zu einem Qualitätsverlust beim Römer-Reenactment und mache selbst vor Unis nicht halt. In diesem Zusammenhang bemängelt er auch Experimente, die seinen Alpen-Marsch im kleineren Maßstab mehr oder weniger ‚imitieren‘ – wie z.B. ein 2010 durchgeführtes Projekt von 20 Studenten der Universität Augsburg, die Junkelmann wohl ein bisschen für schlecht vorbereitete Weicheier hält (wobei freilich – siehe oben – auch bei seinem Alpenmarsch nicht alles glatt lief). 
Des Weiteren bemängelt der Autor, dass sich die Verantwortlichen von Freilichtmuseen allzu oft nicht ausreichend um Authentizität bemühen und dem Publikum pauschal die Qualifikation zur Unterscheidungsfähigkeit absprechen – obwohl dieses nachweislich z.B. auf Brillen und moderne Frisuren negativ reagiert (die Mittelalterbaustelle Campus Galli lässt grüßen).
Dergestalt hingelangt wird vor allem in der umfangreichen Einleitung und dem ersten Kapitel. In den restlichen vier Kapiteln widmet sich Marcus Junkelmann dann ausführlich der Geschichte, Entwicklung, Organisation und Ausrüstung des römischen Heeres zur Zeit des Augustus; wobei immer wieder auch die späte Republik und die restliche frühe Kaiserzeit miteinbezogen werden. An sich ist das sinnvoll, allerdings erschienen mir einige Abschnitte dann doch eine Spur zu weitschweifig.
Der Schreibstil ist allgemein verständlich; Fremdwortvöllerei ist nicht Junkelmanns Fall. Als erfahrenem Didaktiker ist ihm eben klar, was er der Mehrheit seiner Lesern zumuten kann.
Obschon eher textlastig, verfügt das Buch trotzdem über zahlreiche aussagekräftige Abbildungen. Die vom Verlag gewählte Schriftgröße ist hingegen aus meiner persönlichen Sicht grenzwertig, sodass ich zu meiner Brille (1,5 Dioptrien) greifen musste.

Die vorliegende 15. Auflage wurde stark erweitert und in vielen Punkten auf den neuesten Stand der Forschung gebracht. Fuß- bzw. Endnoten finden sich allerdings nur im immerhin rund 30 Seiten starken Vorwort.

Fazit: Bei Die Legionen des Augustus handelt es sich zweifellos um DAS deutschsprachige Standardwerk für jeden Legionärsdarsteller der entsprechenden Zeit. Darüber hinaus ist dieses dicht mit Informationen vollgepackte Buch selbstverständlich auch für jeden anderen Leser hochinteressant, der Gefallen am Militär der frühen Kaiserzeit gefunden hat. 
Die Taschenbuchvariante kostet 38 Euro, die gebundene 58 Euro. 20 Euro Aufpreis sind hier meiner Ansicht nach nicht gerechtfertigt. Ich empfehle daher das Taschenbuch, welches ohnehin nicht bloß geklebt, sondern zusätzlich fadengebunden wurde und einen ausreichend robusten Eindruck macht.

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Weiterführende Informationen:


Zurück aus dem Urlaub

Hiltibold ist zurück aus dem Urlaub. Ab morgen startet das Blog mit neuem Elan in den kommenden Herbst!

Geplant ist demnächst unter anderem ein Interview mit dem Althistoriker Kai Brodersen, der einen Einblick in das Übersetzen antiker Bücher geben wird. Außerdem werde ich mit einem bekannten Experimentalarchäologen über Qualitätsmängel beim Römer-Living-History und bei einschlägigen Freilichtmuseen sprechen.