Planet History

Hiltibold

Buch: Columna Traiani / Trajanssäule (Tyche Sonderband 9)

„Eigenlob stinkt“, sagt man. Freilich, dabei handelt es sich um eine eher moderne Sichtweise. In der Antike hingegen gehörte es durchaus zum guten Ton, die eigenen Leistungen unablässig hinauszuposaunen – zumindest wenn man dem Establishment angehörte oder gar als Monarch an der Spitze des Staates stand. Ein beredtes Zeugnis davon liefert die Trajanssäule in Rom. Sie wurde im Jahr 113 n. Chr. eingeweiht und verherrlicht auf einem spiralförmigen, sich um den Säulenschaft windenden Relief den erfolgreichen zweiten Dakien-Feldzug des römischen Kaisers Marcus Ulpius Traianus.

Als sich 2013 die Einweihung des Monuments zum 1900 mal jährte, kam in Wien eine Gruppe von Fachleuten zusammen, deren Tagungsbeiträge nun im Sonderband 9 der Fachzeitschrift Tyche (Verlag Holzhausen) unter dem Titel Columna Traiani veröffentlicht wurden.
Auf über 400 Seiten widmen sich die Autoren unterschiedlichen Aspekten der Trajanssäule. Beispielsweise beschreibt und analysiert Karl Strobl Szene für Szene des Reliefs; vom Aufbruch des Kaisers in Italien, über die Schanzarbeiten während des Feldzuges bis hin zum Tod des feindlichen dakischen Herrschers Decebalus. Dabei wird auch auf die Bedeutung oft übersehener Details eingegangen: Was verrät uns beispielsweise die Marschrichtung der dargestellten Soldaten? Und warum fehlen bestimmte Episoden des Feldzuges?
Unterm Strich handelt es sich hier um einen sehr interessanter Beitrag. Bedauerlicherweise wurde aber darauf verzichtet, den einzelnen Schilderungen die entsprechenden Reliefszenen der Trajanssäule beizufügen. Zwar ist dies für das Verständnis der Ausführungen nicht zwingend erforderlich, doch hätte es deren Informationswert deutlich gesteigert. 
Ioan Piso geht in seinem Text der Frage nach, ob die Eroberung Dakiens überhaupt erforderlich war. Seine Antwort lautet: Ja. Allerdings spielte bloße Geldgier dabei keine übergeordnete Rolle, wie die marxistisch geprägte Geschichtsschreibung behauptet, sondern vielmehr standen militärstrategische Erwägungen im Vordergrund: Dakien war nämlich für Rom ein unzuverlässiger, theokratisch-fundamentalistisch geprägter Nachbar. Es dürfte, wie Ioan Piso erklärt, kein Zufall gewesen sein, dass nach dem Sieg Roms sämtliche Heiligtümer des Landes bis auf die Grundmauern geschliffen wurden; ein für Rom keineswegs typisches Vorgehen in eroberten Gebieten!
In einigen Beiträgen entfernen sich die Autoren mitunter relativ weit vom eigentlichen Thema. Etwa wenn hinsichtlich der Rezeptionsgeschichte darum geht, welchen künstlerischen Einfluss die Trajanssäule auf die ottonische Bernwardssäule in Hildesheim hatte. Mehr ‚on-topic‘ und für mich ungleich interessanter war da schon der Text von Werner Eck, in dem dieser schildert, wie der ursprünglich nicht übermäßig herausragende Politiker Marcus Ulpius Traianus durch eine Art stillen Staatsstreich als Kaiser installiert wurde. Nach dem absehbaren Tod des ‚guten‘ Übergangskaisers Nerva sollte nämlich nicht wieder jemand vom Schlage eines Domitian oder Nero auf dem Kaiserthron Platz nehmen. Und so nahm hier unverhofft das von der Geschichtsforschung sehr positiv bewertete Zeitalter der Adoptivkaiser seinen Ausgang.
13 der insgesamt 30 Beiträge sind fremdsprachig – und zwar überwiegend Englisch. Für eine hauptsächlich von deutschsprachigen Lesern bezogene Zeitschrift erscheint mir das eher suboptimal. Andererseits werden die meisten Interessierten zumindest der englischen Sprache ausreichend mächtig sein, um mit diesem Umstand keine gröberen Probleme zu haben.
Der relativ umfangreiche Bildteil am Ende des Buchs enthält viel Interessantes, wie z.B. die 3D-Rekonstruktion eines auf der Trajanssäule abgebildeten hölzernen Amphitheaters sowie eine ausgezeichnete grafische Übersicht, in der die einzelnen, auf der Säule abgebildeten Szenen-Felder kurz beschrieben werden. Eine volle fotografische Wiedergabe der Reliefs enthält das Buch allerdings nicht. Das ist, wie schon weiter oben geschrieben, zwar nicht tragisch, nichtsdestotrotz wäre es dem Thema angemessen gewesen, wenn man die entsprechenden Bilder lückenlos beigefügt hätte. So musste ich mir eben mit meinem Tablett-PC und den Abbildungen auf trajans-column.org behelfen …

Fazit: Perfekt will mir die Umsetzung zwar nicht erscheinen, aber das Buch gibt bezüglich der Trajanssäule trotzdem einen aspektreichen Einblick in den aktuellen Forschungsstand. Der Kaufpreis beträgt eher happige 75 Euro…

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Weiterführende Informationen:

Weitere interessante Themen:

Videos: Der Youtube-Kanal Anarchäologie — Luthers Bücherstube — Archäologische Funde — Ausgrabungen im Irak — usw.

Die Amploniana – Luthers Bücherstube | Spieldauer 30 Minuten | MDR | Stream & Info

Viele archäologische Funde bei Polch | Spieldauer 2 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download

Peter Pfälzer erforscht im Irak das Reich der Akkad | Spieldauer 7 Minuten | SWR | Stream & Info


Archäologische Ausgrabungen einfach erklärt | Spieldauer 8 Minuten | Youtube / Anarchaeologie | Stream & Info

Die Videos des Youtube-Kanals Anarchaeologie sind gut gemacht und erklären verschiedenste Aspekte der archäologischen Arbeit in anschaulicher Weise. Freilich, ich bin nicht mit jeder Aussage in den Videos einverstanden, aber das muss ich ja auch nicht 😊

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 Mehr Videos

Buch: Vor-Romanik in Südtirol

Im Bildband Vor-Romanik in Südtirol (Athesia Verlag) präsentiert der Archäologe und Bauforscher Hans Nothdurfter (😁) auf 248 Seiten unzählige großformatige Fotos, Grundrisse und Texte zu rund 90, größtenteils kirchlichen Gebäuden in Südtirol, die gänzlich oder zumindest teilweise der Vor-Romanik zugeordnet werden; darunter beispielsweise die Kirche St. Benedikt in Mals, die für ihre karolingerzeitlichen Fresken berühmt ist.
Freilich, der gewählte Zeitrahmen wurde vom Autor relativ großzügig interpretiert, denn gemeinhin lässt die Forschung die Vor-Romanik spätestens im 11. Jahrhundert enden, während in diesem Buch auch Bauten besprochen werden, die noch im 12. Jahrhundert entstanden. Der Titel scheint mir daher ein klein wenig irreführend zu sein …
Die Erläuterungen zu den einzelnen Gebäuden umfassen in der Regel eine Beschreibung der Lage, einen Überblick zu Baugeschichte sowie Konstruktionsdetails und mitunter auch nähere Informationen zur Forschungsgeschichte. Generell wurden die einzelnen Texte vom Autor relativ kurz und bündig gehalten. Auch Quellen zu weiterführender Literatur werden angegeben.
Der Kunstgeschichtler und Denkmalschützer Karl Gruber steuerte viele der großformatigen Fotos bei. Darunter befinden sich auch etliche Luftaufnahmen, die er in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder bei Hubschrauberflügen mit den Carabinieri machen konnte (heute hat man es natürlich wesentlich einfacher, da es Quadrokopter und ähnliche Fluggeräte für vergleichsweise wenig Geld zu kaufen gibt).
Fazit: Vor-Romanik in Südtirol ist ein schönes Buch zum Schmökern. Der Kaufpreis beträgt 35 Euro.
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Inhalt:

Vorwort – ein Streifzug

Einleitung

Aldein, Pfarrkirche St. Helena 

Bozen, Dom Mariä Himmelfahrt

Bozen, Maria in der Au
Bozen, St. Quirinus in Gries
Bozen, St. Virgil am Virgl
Brixen, Dom Mariä Himmelfahrt
Brixen, St. Andrä
Brixen, St. Cyrill in Tils
Brixen, St. Johann in Karnol
Brixen, Elvas – St. Peter und Paul
Bruneck, St. Georgen
Bruneck, Pfarrkirche St. Peter und Paul in Reischach
Deutschnofen, St. Agatha und St. Benedikt
Eppan, Kirchenruine St. Vigilius in Perdonig
Eppan, Schloss Hocheppan
Eppan, Schloss Sigmundskron
Feldthurns, St. Andreas in Garn
Gais, Kehlburg und Schlössl Uttenheim
Glurns, St. Jakob in Söles
Glurns, St. Laurentius
lnnichen, Stiftskirche zu den hll. Candidus und Korbinian
Kaltern, St. Leonhard in Unterplanitzing
Kaltern, St. Peter in Altenburg
Kastelruth, Katzenlocher Bühel
Klausen, Säben
Klausen, St. Sebastian
Kuens, Pfarrkirche St. Korbinian und Mauritius
Laas, Pfarrkirche St. Johann, St. Sisinius und St. Marx
Laas, St. Ottilia in Tschengls
Lajen, St. Bartholomäus in Tanirz
Lana, St. Georg in Völlan
Lana, St. Margareth
Latsch, St. Medardus in Tarsch
Latsch, St. Nikolaus
Latsch, St. Vigilius und Blasius in Morter
Mals, Kloster Marienberg in Burgeis
Mals, St. Benedikt
Mals, St. Johann
Mals, St. Martin
Mals, St. Nikolaus in Burgeis
Mals, St. Stephan in Burgeis
Mals, St. Veit in Tartsch
Meran, Zenoburg
Mölten,St.Georgin Versein
Mölten, St. Valentin in Schlaneid
Montan, Castelfelder
Mühlbach, Pfarrkirche Meransen
Nals, St. Apollonia in Sirmian
Naturns, Pfarrkirche St. Zeno
Naturns, St. Laurentius in Staben
Naturns, St. Prokulus
Neumarkt, St. Florian in Laag
Pfalzen, Pfarrkirche St. Cyriak
Prad, St. Johann
Rasen, Ruine Altrasen
Ritten, St. Lucia in Unterinn
Ritten, St. Ottilia in Lengstein
Rodeneck, Burg Rodenegg
Sand in Taufers, Burg Taufers
Sand in Taufers, Kapelle der Burg Tobl in Ahornach
St. Lorenzen, Kloster Sonnenburg
St. Lorenzen, Pfarrkirche St. Laurentius
Schenna, Alte Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt und St. Martin am Friedhof
Schlanders, Pfarrkirche St. Johann, St. Georg und St. Laurentius in Kortsch
Sterzing und Trens
Taufers, Hospiz St. Johann
Terenten, St. Zeno in Pein
Terlan, St.Kosmas und Damian in Siebeneich
Tirol, Schloss Tirol
Tirol, St. Peter in Gratsch
Tisens, St. Hippolyt
Tisens, St. Jakob in Grissian
Toblach, Aufkirchen St. Peter am Kofel
Tramin, St.Jakob in Kastellaz
Vahrn, Neustift, Michaelskapelle „Engelsburg“
Villanders, Pfarrkirche St. Stephan
Vintl, Alte Pfarrkirche St. Urban
Völs, Pfarrkirche und St. Peter am Bühel
Welsberg, St. Georg in Taisten
Wengen-La Val, Alte Pfarrkirche St. Genesius
Winnebach, St. Silvester auf der Alpe

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Weiterführende Informationen:


Hörbares: Der Spartacus-Aufstand — Seneca: Das Leben ist kurz — Erasmus von Rotterdam — Bayerische Aspekte der Reformation



Der Spartacus-Aufstand | Spieldauer 33 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download

Den beschreibenden Text zu dieser Sendung hat wohl ein Praktikant oder die Putzfrau des Senders verfasst. Er lautet nämlich: „Gladiator Spartakus scharte Tausende von Sklaven hinter sich und rebellierte gegen das Heilige Römische Reich.“ 😃

Seneca: Das Leben ist kurz (1/2) | Spieldauer 30 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download
Seneca: Das Leben ist kurz (2/2) | Spieldauer 30 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download
Erasmus von Rotterdam. Zwischen Rom und Wittenberg | Spieldauer 26 Minuten | ARD/BR | Stream & Info | Direkter Download
Bayerische Aspekte der Reformation | Spieldauer 53 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

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Krimskrams: Vorankündigung für Buchverlosung zur Adventszeit

Hier der kurze Hinweis, dass ich kommenden Advent wieder mit den Erlösen, die aus den ins Blog eingebundenen Amazon-Partnerlinks generiert werden, eine Buchverlosung finanziere. Besagte Partnerlinks finden sich übrigens immer am Ende aller meiner Buchbesprechungen. 
Selbst wenn das jeweilige Buch nicht nach dem Klicken auf so einen Link bei Amazon bestellt wird, aber eine andere Ware, dann erhalte ich stattdessen für eben diese „andere Ware“ eine Mini-Gutschrift. Es ist deshalb willkommen, wenn möglichst viele Leser über die Partner-Links einkaufen, damit in den Topf für die Verlosung im kommenden Monat noch Geld fließt – letztendlich kommt das ja auch all jenen selbst zugute, die an der Verlosung teilnehmen wollen 😉.  
Zurzeit stehen rund 90 Euro auf dem Konto. Eventuell wäre mehr zusammengekommen, wenn ich die Links auffälliger gestaltet hätte, aber ich will hier andererseits den Lesern auch nicht mit allzu nerviger Werbung auf den Keks gehen. Es ist halt eine Abwägungssache…
Insgesamt sollen mindestens drei Bücher verlost werden – und zwar Sachbücher. Eines habe ich bereits ausgewählt: „Pompeji – Die größte Tragödie der Antike“.  
Sofern noch genügend Gutschriften zusammenkommen, könnte außerdem dieses hervorragende Buch angeschafft werden. Dafür müssten die Partnerlinks allerdings wirklich kräftig genutzt werden 😉
Vorschläge für weitere Bücher sind durchaus willkommen – egal ob hier im Kommentarbereich oder per E-Mail.

Per prähistorischem Schilfboot von Sotschi nach Kreta – Ein Interview mit dem Experimentalarchäologen Dominique Görlitz

Schon relativ früh fielen der modernen Geschichtsforschung bemerkenswerte Parallelen zwischen den Hochkulturen des Mittelmeerraums und jenen Südamerikas auf – wie etwa die Darstellungen von bärtigen Kulturbringern oder Stufenpyramiden. Diese und viele weitere Gemeinsamkeiten legen den Verdacht nahe, dass es sich hierbei keinesfalls um eine bloße Ansammlung von Zufällen handelt. Vielmehr ist es möglich, dass lange vor Kolumbus ein Wissens- und Kulturaustausch über den Atlantik hinweg stattfand.
Kritiker dieser These merken an, in der Vorgeschichte und der Antike sei es noch gar nicht möglich gewesen, dermaßen große Distanzen auf dem offenen Meer per Schiff zu überbrücken. Schließlich hätten die damaligen Menschen noch nicht die Fähigkeit besessen, gegen den Wind zu kreuzen, sodass sie den Meeresströmungen und Winden angeblich völlig ausgeliefert waren.
Doch ist das zutreffend? Der Experimentalarchäologe und Biogeograph Dominique Görlitz sagt nein: Bereits mit den Wasserfahrzeugen der Jungsteinzeit wäre es durchaus möglich gewesen, räumlich weit ausgreifende Hochseefahrt zu betreiben. Um das zu beweisen, baut und erprobt er seit beinahe drei Jahrzehnten Schilfboote unterschiedlicher Größe, bei deren Formgebung er sich u.a. an vorägyptischen Felsbildern orientierte.
Zuletzt versuchte Dominique Görlitz im Jahr 2007 mit der 12 Meter langen und 12 Tonnen schweren Abora III von New York aus den Atlantik nach Europa zu überqueren. Doch die elfköpfige Crew musste aufgrund außergewöhnlich schlechten Wetters das Schiff nach immerhin 2.400 zurückgelegten Seemeilen (ca. 4.450 km) aufgeben.
Nachdem die Pläne für den erneuten Versuch einer Atlantiküberquerung mehrmals verschoben wurden, ist parallel dazu die Vorbereitung für ein weiteres Projekt angelaufen: Auf der 14 Meter langen Abora IV möchte Herr Görlitz im Jahr 2019 vom russischen Sotschi bis nach Kreta segeln – siehe die nachfolgende Karte.

Route der Abora IV | Keine Rechte Vorbehalten, doch um die Nennung der Quelle wird gebeten: HIltibold.Blogspot.com

Im vergangenen August wurde bereits ein verkleinertes Trainings-Modell des Schilfboots auf dem Geiseltalsee in Sachsen-Anhalt getestet. Interessierte, die gerne zur Besatzung der geplanten Abora IV gehören möchten, bekamen hierbei die Gelegenheit, ihre seemännischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Darüber – und über weitere spannende Aspekte der Forschungsarbeit von Dominique Görlitz – wird es in folgendem Interview gehen.

Lieber Herr Görlitz, ist zwischenzeitlich Ihre Besatzung für die Abora IV vollzählig oder dauert das Auswahlverfahren noch an?

Das Auswahlverfahren wird wohl bis kurz vor dem eigentlichen Expeditionsstart andauern. Natürlich gibt es eine konkrete Vorstellung über die Stammcrew, also Mitstreiter, die bereits an mindestens einer oder mehreren Expeditionen teilgenommen haben. Aber es werden auch noch neue Mitstreiter auf ihre Team- und Segelfähigkeit getestet. Das ganze muss man sich wie in der modernen Raumfahrt vorstellen, bei der sich anfangs viele Menschen bewerben, am Ende aber nur wenige mit an den Start gehen. Das ganze Prozedere ist sehr komplex und von verschiedenen Faktoren abhängig.


Wie historisch authentisch wird es denn auf der Abora zugehen?

Experimente, wie mit der ABORA, sind keine authentischen Rekonstruktionen. Sie können aber zu solchen führen! Aus diesem Grund können wir uns einerseits immer nur auf den aktuellen Wissensstand im archäologischen Schiffbau und andererseits auf unsere modernen Kenntnisse der gegenwärtigen Seefahrt berufen.
Unser historischer Kenntnisstand ist hingegen sehr gering, was solche Explorationen auf dem Schwarzen Meer angeht. Zwar können wir in der antiken Literatur auf erstaunliche Quellen zurückgreifen, wie z.B. Marinos von Tyros (Ende des 2. Jh. v. Chr.) oder die Argonauten-Sage (um 1.200 v. Chr.), welche einen räuberischen Beutezug übers Schwarze Meer überliefert. Etliche Details bleiben dennoch unbekannt. Das bedeutet, dass wir viel improvisieren oder durch moderne Hilfsmittel ersetzen müssen, weil wir eben nicht genau wissen, wie die Seeleute damals ihre Reisen über das Meer realisierten.
Dass die frühgeschichtlichen Seefahrer dazu fähig waren, ist evident. D.h. die Argonauten und auch die etwas jüngere Odyssee spiegeln die überlieferten Fahrten weiterer und auch viel älterer Kulturen wider. Und diese Fahrten haben sowohl vor als auch nach dem Altertum rings um das Mittelmeer, aber auch auf dem Atlantik, dem Indischen und Pazifischen Ozean stattgefunden.


Die geplante Route der Abora IV ist rund 3000 Kilometer lang – das ist kein Pappenstiel. Wie riskant bzw. gefährlich schätzen Sie die Seereise ein? Das Mittelmeer kann ja durchaus ungemütlich werden. So sind dort beispielsweise schon zwei Nachbauten von Wikingerschiffen gesunken. 
Ich brauche mir nicht die gesunkenen Wikingerschiffe ins Gedächtnis zu rufen. Ich bin mit ABORA I und II bereits zwei Mal auf dem Mittelmeer gesegelt. Wenngleich wir keine Wind­stärke 10 auf die Nase bekommen haben, hatte sich das Mittelmeer mehrfach sehr ungemütlich gezeigt. Besonders tückisch – und das ist für die Ägäis doppelt zutreffend – ist der Umstand, dass man dort bei schönstem Himmel in heimtückische Starkwindgebiete segelt, wo der Wind plötzlich aus dem Nichts auf annähernd Sturmstärke anschwillt. Das hatte mir vor der Küste von Zypern den Bruch unserer Rahe (Baum für das Großsegel) eingebracht!
Auch das Schwarze Meer ist für heftige Stürme bekannt. Aber vor allem der Seeweg durch die Ägäis und die Inselwelt der Kykladen erweist sich für ein Segelfloß als äußerst anspruchsvoll. Ehrlich – ich habe tiefen Respekt vor diesem Wasserweg, insbesondere, wenn wir bei Starkwind zwischen den zahlreichen Inselgruppen hindurch navigieren müssen. Da ist es aus meiner Sicht auf dem ruppigen Nordatlantik nicht ungemütlicher, denn dort hat man in jeder Richtung mehrere tausend Kilometer freie See, um so einen Sturm auf Vorwindkurs abzuwettern…


Sotschi, der Ausgangspunkt der geplanten Seereise, liegt beinahe in derselben Ecke des Schwarzen Meeres wie das legendäre Kolchis (heute Georgien), in dem laut einer griechischen Sage der Abenteurer Jason das berühmte Goldene Vlies stahl. Sie schreiben, dass diese Geschichte auf deutlich älteren Überlieferungen beruhen könnte und weisen beispielsweise auf eine Erzählung Herodots hin, wonach der ägyptische Pharao Sesostris im frühen 2. Jahrtausend v. Chr. auf einem Kriegszug bis nach Kolchis gelangte. In Thrakien soll er sogar eine Siegessäule errichtet haben, die Herodot selbst noch gesehen haben will.
Wandeln Sie demnach mit ihrem ägyptischen Schilfboot – der Abora IV – ein bisschen auf den Spuren dieses Herrschers? Ägypten ist für Sie ja auch ansonsten kein unbekanntes Feld, denn in Ihrer Dissertation ging es unter anderem um den ‚Export‘ von südamerikanischem Tabak bis ins bronzezeitliche Ägypten – Stichwort „transatlantischer Kulturaustausch“.

Bei solchen Fragen, ob nun die Schilderungen von Herodot über die Kriegs- und Handelsfahrten der alten Ägypter bis ins ferne Schwarzmeergebiet auf Tatsachen beruhen oder nicht, sind sich die Experten bekanntlich nie einig. Sicherlich ist es schwer vorstellbar, dass der im 5. Jh. v. Chr. lebende Herodot bei seinem Aufenthalt in Ägypten noch auf direkte Informationen zurückgreifen konnte, die uns tatsächlich über das ägyptische Seewesen im 3. und 2. Jahrtausend v. Chr. aufklären. Viel wahrscheinlicher ist, dass er in Ägypten mit Menschen sprach, die ihm älteres Wissen – z.B. über das Land ‚Kolchis‘ (von ihm „Phasis“ genannt) – mündlich überlieferten. Dennoch sollte man den Informationsgehalt dieser Überlieferungen nicht zu gering einschätzen; hat doch jede historische Legende einen realistischen Kern. Aus kulturhistorischer Sicht ist das alles freilich nicht absolut wichtig. Entscheidender für die vorliegende Fragestellung sind die vielen neuen Hinweise (wissenschaftliche Evidenzen) über mögliche ägyptische Fernhandelsfahrten, welche in den letzten Jahrzehnten aus den Anrainerstaaten rings um das Schwarze Meer zusammengetragen wurden. In Summe liefern sie schwerwiegende Hinweise für meine Hypothese, die unter anderem besagt, dass die Ägypter bereits im Alten Reich (zwischen 2.700 – 2.200 v. Chr.) wirtschaftliche Kontakte mit den Völkern vom Schwarzen Meer pflegten und von dort wichtige Rohstoffe bezogen. Dazu zählen z.B. Bernstein, Zinn, Kobaltblau, vermutlich auch Gold und Silber sowie das Harz der Kaukasischen Pinie, welches bereits ab der Mitte des 4. Jahrtausends v. Chr. für die Mumifikation in Ägypten nachweislich verwendet worden ist. Außerdem wurde auf dem Seeweg wahrscheinlich Eisen exportiert!
Nicht erst meine Entdeckung von Eisenresten in der Großen Pyramide untermauern Herodots Hinweise zur Verwendung von Eisen beim Bau der bronzezeitlichen Cheops-Pyramide. Vielmehr konnten bereits Colonel Hill (1837) sowie der amerikanische Ägyptologe G. Reisner (1908) größere Eisenreste in bzw. an den Großen Pyramiden von Gizeh nachweisen. Die Möglichkeit, dass die Ägypter das Eisen entweder direkt oder indirekt von anderen, älteren Eisen produzierenden Völkern bezogen, ist leider noch nicht im Bewusstsein der Archäologen verankert. Dabei könnte dies erklären, warum wir im Alten Reich keine Eisenschlacken als Herstellungsnachweis von Eisen auf ägyptischen Boden finden.
Hier schließt sich nun der Kreis: Meine Recherchen zusammen mit Wissenschaftlern in Armenien haben nämlich ergeben, dass man dort am Fuße des Kaukasus zu Cheops Zeiten in sogenannten Rennöfen primitives Schmiedeeisen produziert hat. Das ist fast 900 Jahre vor dem Beginn der offiziell akzeptierten Datierung der ersten Eisenproduktion durch die Hethiter ab etwa 1.600 v. Chr. Außerdem konnten die Forscher die Präsenz von Ägyptern in unmittelbarer Nähe der besagten Eisenverhüttung astroarchäologisch nachweisen!
So etwas sind noch keine „echten Beweise“, aber wichtige Indikatoren dafür, dass die Fernhandelsbeziehungen der alten Ägypter viel weitrechender und effizienter waren als wir es bisher gedacht haben. Aus diesem Grund kann die Rekonstruktion der vermeintlichen Handelsrouten helfen, viele essentielle Fragen über die sozio-kulturellen und ökonomischen Verhältnisse zu beantworten sowie den Raum für wissenschaftliche Spekulationen einzuschränken. Zudem wird die ABORA-Mission zwischen vielen Wissenschaftlern Brücken bauen und neue Wissenskanäle bilden, die so vorher nicht existierten. So stehe ich bereits heute mit bulgarischen Archäologen in Kontakt, die mir wichtige Kenntnisse über wenig bekannte Funde vermittelten, wie z.B. einen ägyptischen Ankerfund aus der 5. Dynastie nahe der Urlauberstadt Burgas. Solche neuen Befunde helfen unglaublich, die Überlieferungen von Herodot immer mehr auf eine realistische Basis zu stellen.
An dieser Stelle ist mir noch wichtig darauf hinzuweisen, wie man mit Stefan Erdmann und mir im Zusammenhang mit den Vorwürfen der Beschädigung der berühmten „Cheops-Kartusche“ umgegangen ist. Nicht nur, dass jene Verleumdungen völlig haltlos waren. Vielmehr haben sie dazu beigetragen, die wissenschaftliche Bedeutung und die experimentellen Ergebnisse meiner Arbeit völlig aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verdrängen. Unsere Eisenentdeckung ist für die Erforschung der Materialzeitalter ungemein wertvoll, aber keiner scheint sich in irgendeiner Form noch dafür zu interessieren, weil alle nur über diese Kartusche sprechen.
Die Fakten sind jedoch die Fakten. Und Fakt ist, wir haben dort die Reste von Schmiedeeisen im originären Verbau nachgewiesen. Diese eisenhaltigen Reste helfen, eine der Kardinalfragen des Pyramidenbaus zu beantworten. 

Was sind die historischen Quellen, auf denen die Abora IV und der kürzlich getestete kleine Prototyp beruhen? Besonders ins Auge stechen ja die Seitenschwerter (siehe Bild oben). Welche Erkenntnisse erwarten Sie sich davon?

Die ältesten bekannten Segelschiffdarstellungen stammen aus der Vorzeit. Sie zeigen vielfach besser als auf den jüngeren ägyptischen Tempeldarstellungen, wie man sich einen frühen Handelssegler vorstellen kann. Einige dieser Bilder, vielfach aus dem vordynastischen Oberägypten, z.T. aber auch aus dem Mittelmeerraum zeigen Seitenschwerter oder ruderartige Strukturen, welche zum Steuern genutzt worden sein konnten. Dass diese Seitenschwerter auf dem Meer tatsächlich als „Kiel“ funktionieren, wurde von uns bereits mehrfach unter Beweis gestellt. Außerdem ist es möglich, mit der Befahrung bestimmter Seegebiete wichtige ozeanographische Erkenntnisse zu sammeln, welche man später mit den archäologischen Befunden in einen Zusammenhang bringen kann: Z.B. offenbaren der bereits erwähnte Ankerfund vor der bulgarischen Halbinsel St. Kirik oder die noch viel älteren Spondylus-Muschelfunde vor der bulgarischen Küste bei Varna, dass es dort einst einen regen Verkehr gegeben haben muss, von dem die meisten westeuropäischen Archäologen kaum etwas wissen.
Es ist hier eine der großen Stärken der Experimentalarchäologie, dass wir bisher unklare Befunde in Zusammenhang mit neuen Fragestellungen bringen und diese sogar teilweise empirisch überprüfen können. Aus diesem Grund wird man nach dem Ende der Fahrt durchaus viele neue Erkenntnisse und noch wichtigere, neue Zusammenhänge ableiten können, welche man ohne die Seereise der ABORA IV nicht hätte erkennen können.


Wer baut die Abora IV? Vermutlich ist es nicht einfach, die passenden Fachleute zu finden, die in der Lage sind, ein 14 Meter langes, hochseetaugliches Wasserfahrzeug aus Schilf zu bauen.
Der Bau des Expeditionsschiffes ist sicherlich nicht einfach, aber auch kein Hexenwerk! Deshalb kooperiere ich seit mehr als 15 Jahren mit den Aymara-Indianern vom Titikakasee, aber auch vielen europäischen Handwerkern, die mir helfen, meine seetüchtigen Schilfboote zu bauen. 
Die größte Schwierigkeit ist jedoch nicht der Bau, sondern die Einwerbung der notwendigen Finanzmittel. Das bereitet mir vielmehr Kopfschmerzen…

Apropos Finanzmittel: Sie betreiben mit ihren nautischen Projekten Experimentalarchäologie auf höchstem Niveau. Damit unterscheidet sich Ihre Forschungsarbeit wohltuend von dem ambitionslosen Geschluder, das manch Freilichtmuseum aus Marketing-Gründen irreführenderweise ebenfalls als „Experimentelle Archäologie“ anpreist. Andererseits sind aufwendige Projekte wie die Abora-Missionen nicht billig. Können Sie uns eine ungefähre Vorstellung vom Aufwand bzw. den Kosten geben?
Ich werde hier nicht preisgeben, was solche Expeditionen genau kosten. Außerdem geht das auch nicht, weil schwankende Dollarkurse, Frachtratings und viele andere Faktoren die Endsumme stark beeinflussen. Viel wichtiger ist, dass ich hier zu Unterstüzuung des Projekts aufrufen möchte. Denn jeder gespendete Geldbetrag, seien es auch „nur“ 5 oder 10 Euro, trägt dazu bei, unsere Vision zu realisieren. 10.000 Leser Ihres Magazins können allein helfen, die Baukosten in Südamerika zu decken! Und damit habe ich doch schon mal eine Teilsumme genannt – oder?
Wir werden in den nächsten ein bis zwei Jahren sehen, ob es mir gelingt, die wirtschaftliche Hilfe einzuwerben, um die nächste ABORA IV Expedition starten zu können.
Vielen Dank, Herr Görlitz, dass Sie sich die Zeit genommen haben, uns Ihre interessante Forschungsarbeit näher zu bringen. Ich wünsche Ihnen für Ihre geplante Fahrt mit der Abora alles Gute und viel Erfolg. 
Interessierte finden hier ein Spendenkonto, über das sie das Projekt unterstützen können.

Videos: Staat zockt junge Schatzfinder ab — Bayerns Bodendenkmäler in Gefahr — Kritik an übereifrigen Archäologen


Kinder finden in Ettlingen (BW) mittelalterlichen Münzhort – und werden umgehend abgezockt | Spieldauer 2 Minuten | SWR/ARD | Stream & Info

Der Wert der vom Staat einkassierten Silbermünzen aus dem Spätmittelalter beträgt angeblich rund 2000 Euro – was aber, wie in Deutschland nicht unüblich, auch einfach nur viel zu niedrig angesetzt worden sein kann. Doch wie auch immer: Würden die Finder im Vereinigten Königreich leben, dann wären sie jetzt um mindestens 1000 bis 2000 Euro reicher – je nachdem, ob sie mit einem Grundstückseigentümer hätten teilen müssen. In ihrem deutschen Heimatbundesland freilich, wurden sie jeweils mit vergleichsweise läppischen 100 Euro Finderlohn und ein paar Kinogutscheinen abgespeist …
Was also dürften die nicht übermäßig glücklich wirkenden Kinderlein aus dieser Episode fürs weitere Leben gelernt haben – und zwar abseits des Gelabers aus dem Off? Vermutlich: Ehrlich währt am längsten, wer stiehlt, der lebt am schönsten…😉

Bayerns Bodendenkmäler in Gefahr | Spieldauer 2 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

10 Millionen Jahre alte Zähne: Kritik an übereifrigen Mainzer Archäologen | Spieldauer 2 Minuten | SWR/ARD| Stream & Info | Direkter Download
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 Mehr Videos

Hörbares: Öffentlich-rechtliche Luther-Beweihräucherung — Die mittelalterliche Sekte der Guglielmiten — Archäologen erforschen Bronzezeit im Nordirak — usw.


Martin Luther – Thesen, die die Welt verändert haben | Spieldauer 32 Minuten | Deutschlandfunk Nova | Stream & Info | Direkter Download

Wem die Luther-Beweihräucherung in obigem Audiobeitrag zu viel wird, der kann sich als Alternative dazu ein aktuelles Video ansehen, in dem ein gelernter Archäologe Martin Luther kritisch, aber locker unter die Lupe nimmt. Grundlage dafür sind dessen überlieferte Aussagen zu Frauen, Hexen, Juden und dem einfachen Volk. Das in die Abbildung von mir eingefügte Zitat zählt übrigens noch zu den harmloseren ‚Sprüchen‘ des Reformators …

Ketzerische Sekte: Die Guglielmiten im Mittelalter | Spieldauer 28 Minuten | SRW | Stream & Info | Direkter Download

Archäologie: Lost Places – „Verlorene Orte“ zwischen Zerfall und Erinnerung | Spieldauer 21 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download
Ausgrabungen Tübinger Archäologen im Nordirak: Nachrichten aus der Bronzezeit | Spieldauer 7 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download
Eine Reise ins Frühmittelalter und Grabungen in politisch umstrittenem Gelände | Spieldauer 15 Minuten | Deutschlandfunk Nova | Stream & Info
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Buch-Empfehlung: Die Luwier und der Trojanische Krieg (ein intrigenreiches Forschungsgebiet!)

Von den alten Römern, Griechen, Ägyptern und Babyloniern haben die meisten ‚Bildungsbürger‘ schon einmal etwas gehört oder gelesen. Aber wer bitteschön, sind denn die Luwier?
Diese Frage bildet sozusagen das Rahmenwerk für die jüngste Publikation des deutschen Geoarchäologen Eberhard Zangger. In Die Luwier und der Trojanische Krieg (Verlag Orell Füssli) geht er der Frage nach der geschichtlichen Bedeutung dieses Volks auf den Grund, das ca. ab 2300 v. Chr. nach West-Kleinasien einwanderte, eine indoeuropäische Sprache verwendete und wahrscheinlich in der ausgehenden Bronzezeit maßgeblich am Niedergang der heute ungleich bekannteren Hethiter beteiligt war. Mehr noch, hinter den Luwiern dürften sich außerdem die mysteriösen „Seevölker“ verbergen, denen die Forschung eine Mitschuld am plötzlichen Untergang weiterer Hochkulturen bzw. Staatengebilde um 1200 v. Chr. gibt. Und auch die Einwohner der legendären Stadt Troja waren wohl luwischer Herkunft. Überhaupt hinterließen die Angehörigen dieses Volks in großen Teilen des östlichen Mittelmeerraums unverkennbare kulturelle Spuren, sodass es erklärungsbedürftig ist, warum die Forschung von ihnen lange Zeit keine rechte Notiz nahm oder zumindest ihre Bedeutung weit unterschätzte. Der Buchautor hat dafür durchaus plausibel klingende Antworten gefunden.

Die hier nachgezeichnete Geschichte der Luwier – unter besonderer Berücksichtigung der luwischen Hieroglyphenschrift – wurde eng mit den Biographien ihrer bedeutendsten Erforscher verknüpft, welche auffällig oft eine Gemeinsamkeit aufweisen: Sie stießen in den Netzwerken der arrivierten Wissenschaft an allen Ecken und Enden auf Gegenwind. Selbst wenn sich die von ihnen zutage geförderten Erkenntnisse als bedeutend herausstellten, versagte man ihnen nicht selten die akademische Anerkennung. Dass sich daran bis heute kaum etwas geändert hat, musste der Buchautor Eberhard Zangger am eigenen Leib erfahren. Solange er sich als Geoarchäologe in Griechenland und Kreta betätigte, lief seine Karriere wie am Schnürchen. Das änderte sich jedoch schlagartig, als er begann, das bronzezeitliche Kleinasien und Troja unter die Lupe zu nehmen.

Dieses Buch ist viel mehr als nur der x-te Aufguss des ‚Troja-Rätsels‘ – das übrigens, anders als der Buchtitel suggeriert, ohnehin nicht im Zentrum der Betrachtungen steht. Nein, vielmehr zeichnet Eberhard Zangger anhand mehrerer Forscherschicksale – inklusive seines eigenen – auch ein Sittenbild des Wissenschaftsbetriebes. Eitelkeiten und Missgunst scheinen weit verbreitet Charaktereigenschaften in diesen Kreisen zu sein. Querdenker schweigen häufig aus Karriereangst – oder werden anderenfalls gezielt verleumdet, um ihnen die berufliche und wirtschaftliche Existenz für weitere Forschungsarbeiten zu entziehen. Nicht der, mit den besseren Argumenten behält die Oberhand, sondern jener, mit den besseren Beziehungen.
Äußerst anschaulich wird das anhand einer Begebenheit illustriert, die sich Ende der 1990er zutrug; der Buchautor hatte damals vor, mittels Hubschrauber – also nichtinvasiv (!) – die Landschaft rund um die Troja-Ruinen geoarchäologisch zu untersuchen. Die private Finanzierung war bereits sichergestellt, ebenso wie die Zustimmung der türkischen Behörden. Doch kurz vor Start der Unternehmung, die wissenschaftlich wertvolle Daten hätte erbringen können, erfuhr der damalige deutsche Grabungsleiter Trojas davon. Wie vom wilden Affen gebissen setzte er Himmel und Hölle in Bewegung, um die Forschung seines als lästig empfundenen ‚Konkurrenten‘ zu unterbinden. Leider mit Erfolg. Dieser mittlerweile verstorbene Ausgräber, der sich über Jahrzehnte als engstirniger Oberintrigant geriert hat, wird freilich bis heute von einem Häufchen seiner in die Jahre gekommenen Groupies beweihräuchert.
Übrigens, in diesem Zusammenhang absolut zu empfehlen ist auch das vom Althistoriker Frank Kolb verfasste Buch Tatort Troja.

Fazit: Sehr geschickt und kurzweilig verwebt der Autor Forschungsergebnisse mit Forscherbiographien. Angereichert wird das alles mit einer großen Portion farbig geschilderten Intrigantentums aus der Troja- bzw. Luwier-Forschung. Ein rundum gelungenes Buch, das am Ende noch mit einer kleinen Sensation aufwartet: Nämlich der erstmaligen Veröffentlichung eines lange Zeit verschollen geglaubten luwischen Hieroglyphentextes, der die extremen politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen am Ende der Bronzezeit – welche schließlich ins „Dunkle Zeitalter“ führten – in einem z.T. völlig neuen Licht erscheinen lässt! 

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Videos: Prä-Historiker Hermann Parzinger — Archäologe und Goldexperte Hans-Gert Bachmann

Karsten Schwanke trifft den Prä-Historiker Prof. Hermann Parzinger | Spieldauer 45 Minuten | BR | Stream & Info
Achtung, die Sendung funktioniert nur mit deutscher IP – also gegebenenfalls Opera oder ein entsprechendes Add-on für den Browser benutzen. Das gilt auch für das nächste Video.
Prof. Hans-Gert Bachmann ist Archäologe und Goldexperte | Spieldauer 43 Minuten | BR | Stream & Info
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Buch: Antike Taktiken / Taktika – von Ailianos

Das antike Werk Taktika – dessen Originaltitel nicht einheitlich überliefert wurde – entstand um 100 n. Chr. und wurde von seinem Autor – Ailianos – dem römischen Kaiser Trajan gewidmet. Zweck des Buchs war es, Trajan und seinen Zeitgenossen die alten Taktiken aus hellenistischer Zeit näherzubringen, um eventuell daraus Nutzen für die römische Kriegsführung der damaligen Gegenwart ziehen zu können.

Zu Beginn der Ausführungen werden die neun unterschiedlichen Waffengattungen wie Hopliten, Pelasten, gepanzerte Reiter, Kriegselefanten usw. genannt. Desweiteren erläutert Ailianos ausführlich deren Aufbau, die Befehlsstruktur sowie die möglichen taktischen Manövern. Hierbei geht der Autor mitunter sehr ins Detail; z.B. nennt er den erforderlichen Abstand der einzelnen Hopliten zueinander; an anderer Stelle beschreibt er wiederum, wie weit die Sarissen (Lanzen) der hinteren Reihen einer Phalanx über die vorderste Reihe hinausragen.
So viel Penibilität kann für den Leser ermüdend sein, wobei freilich bei weitem nicht jedem Aspekt die gleiche Aufmerksamkeit geschenkt wird. Manches, wie etwa die Beschreibung der Bewaffnung, fiel vergleichsweise oberflächlich aus. Grundsätzlich ist das Buch aber zweifellos eine wertvolle Informationsquelle bezüglich des Militärs zur Zeit Alexanders des Großen und der Diadochen.
Ailianos war wohl kein Mann mit großer persönlicher Militär-Erfahrung, jedoch kannte er Frontinus, den Autor der Strategemata (Kriegslisten), in dessen Haus er sogar einige Tage verbracht hatte und der ihm vielleicht auch ein wenig mit Rat zur Seite stand. Für sein Werk dürfte Ailianos auf jeden Fall eine Vielzahl an heute zum Teil unbekannten hellenistischen Quellen herangezogen haben.
Die vorliegenden zweisprachige Übersetzung von Kai Brodersen fußt auf einer Überlieferung im Codex Laurentianus LV 4 aus dem 10. Jh. n. Chr. 
Der Ausgabe des Marix Verlags wurde ein ausführliches Vorwort spendiert, das als Ersatz für die nicht vorhandenen Endnoten/Anmerkungen gedacht ist. Ein Konzept, das hier meiner Ansicht nach weitestgehend funktioniert.
Fazit: Die Taktika des Ailianos ist ein staubtrockenes, aber informatives Werk. An der Übersetzung gibt es nichts zu meckern – der griechische Originaltext wurde in ein leicht verständliches, modernes Deutsch übertragen.  Der Kaufpreis für das 160-seitige Buch im Hardcover-Einband beträgt 15 Euro.
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Buch: Antike Taktiken / Taktika – von Ailianos

Das antike Werk Taktika – dessen Originaltitel nicht einheitlich überliefert wurde – entstand um 100 n. Chr. und wurde von seinem Autor – Ailianos – dem römischen Kaiser Trajan gewidmet. Zweck des Buchs war es, Trajan und seinen Zeitgenossen die Taktiken aus hellenistischer Zeit näherzubringen bzw. das alte Wissen für die römische Kriegsführung der damaligen Gegenwart nutzbar zu machen.

Zu Beginn der Ausführungen werden die neun unterschiedlichen Waffengattungen wie Hopliten, Peltasten, gepanzerte Reiter, Kriegselefanten usw. genannt. Desweiteren erläutert Ailianos ausführlich deren Aufbau, die Befehlsstruktur sowie die möglichen taktischen Manöver. Hierbei geht der Autor mitunter sehr ins Detail; z.B. nennt er den erforderlichen Abstand der einzelnen Hopliten zueinander; an anderer Stelle beschreibt er wiederum, wie weit die Sarissen (Lanzen) der hinteren Reihen einer Phalanx über die vorderste Reihe hinausragen.
So viel Penibilität kann für den Leser ermüdend sein, wobei freilich bei weitem nicht jedem Aspekt die gleiche Aufmerksamkeit geschenkt wird. Manches, wie etwa die Beschreibung der Bewaffnung, fiel vergleichsweise oberflächlich aus. Grundsätzlich ist das Buch aber zweifellos eine wertvolle Informationsquelle bezüglich des Militärs zur Zeit Alexanders des Großen und der Diadochen.
Ailianos war wohl kein Mann mit großer persönlicher Militär-Erfahrung, jedoch kannte er Frontinus, den Autor der Strategemata (Kriegslisten), in dessen Haus er sogar einige Tage verbracht hatte und der ihm vielleicht auch ein wenig mit Rat zur Seite stand. Für sein Werk dürfte Ailianos auf jeden Fall eine Vielzahl an heute zum Teil unbekannten hellenistischen Quellen herangezogen haben.
Die vorliegenden zweisprachige Übersetzung von Kai Brodersen fußt auf einer Überlieferung im Codex Laurentianus LV 4 aus dem 10. Jh. n. Chr. 
Der Ausgabe des Marix Verlags wurde ein ausführliches Vorwort spendiert, das als Ersatz für die nicht vorhandenen Endnoten/Anmerkungen gedacht ist. Ein Konzept, das hier meiner Ansicht nach weitestgehend funktioniert.
Fazit: Die Taktika des Ailianos ist ein staubtrockenes, aber informatives Werk. An der Übersetzung gibt es nichts zu meckern – der griechische Originaltext wurde in ein leicht verständliches, modernes Deutsch übertragen.  Der Kaufpreis für das 160-seitige Buch im Hardcover-Einband beträgt 15 Euro.
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Hörbares: Roms Tragödie in Germanien — Neue Facetten in der Lutherforschung — Die Kelten und der Hotzenweg



Gesprächsrunde: Sieglos an der Elbe – Roms Tragödie in Germanien | Spieldauer 44 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download

Reformation quergedacht: Neue Facetten in der Lutherforschung | Spieldauer 49 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download
Kelten im Schwarzwald: Der Hotzenweg | Spieldauer 7 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download
(OFF-Topic) Wie Bäume kommunizieren – Was flüstert die Fichte? | Spieldauer 23 Minuten | DF | Direkter Download
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Ein grausiger Mord am Vorabend des Vesuv-Ausbruchs

Am 10. Juli 1869 machten Archäologen bei Ausgrabungen in der vom Vulkan Vesuv verschütteten römischen Stadt Herculaneum eine bemerkenswerte Entdeckung. An der heute als Cardo III bezeichneten Straße, stießen sie im Hinterzimmer eines Eckladens auf mehrere in den Boden eingelassene Fässer aus Terracotta – ähnlich jenen auf dem obigem Bild. Das war an sich noch nichts Ungewöhnliches, sondern vielmehr handelte es sich hierbei um ein in der Antike übliches Verfahren zur Lagerung von Wein und anderen Lebensmitteln. Außergewöhnlich war allerdings der Inhalt eines dieser dolia. Der bestand nämlich aus drei Sägen, einem kleinen Hammer sowie menschlichen Knochen! Wie weitere Untersuchungen ergaben, war hier der Leichnam eines Mannes zerstückelt und seine Einzelteile samt den Tatwerkzeugen hastig versteckt worden.
Es ist wenig verwunderlich, dass dieser grausige Fund bis heute die (ohnehin blühende) Fantasie der Archäologen anregt. So wurde beispielsweise die Vermutung angestellt, der Besitzer des Ladens sei hier mit einem Geschäftspartner oder Kunden in Streit geraten und habe diesen im Affekt ermordet. Denkbar ist angeblich auch, dass ein Nebenbuhler ins Hinterzimmer gelockt wurde, um ihn dort zu beseitigen. Oder der Ladenbesitzer, bei dem es sich wahrscheinlich um einen freigelassenen Sklaven handelte, war von seinem Patron und ehemaligen Eigentümer beauftragt worden, ein fremdes Mordopfer verschwinden zu lassen. Handelte es sich dabei vielleicht gar um eine bekannte Persönlichkeit? 
Interessanterweise ist die Leiche nicht vollständig. Unter anderem fehlt ihr Kopf, den man vielleicht am schnellsten loswerden wollte, um im Falle eines unplanmäßigen Entdeckens durch Dritte eine Identifikation zu verhindern. Desweiteren zogen die Ausgräber den Schluss, dass der mutmaßliche Mörder aufgrund des Vesuvausbruchs dabei gestört wurde, die restlichen Leichenteile – nach und nach – aus der Stadt zu schaffen, um sie beispielsweise in der Nacht ins nahe Meer zu werfen. 
Gut möglich ist außerdem, dass er sein Opfer nicht lange überlebte und nur Stunden oder vielleicht einen Tag später in den heißen pyroklastischen Strömen des Vulkans selbst den Tod fand – so wie rund die Hälfte der Einwohner Herculaneums.

Ein weiteres interessantes Beispiel für die mitunter mörderischen Umtriebe in den Hinterzimmern römischer Läden liefert die Hauptstadt selbst. Dort soll der Überlieferung nach ein Bäcker immer wieder auswärtige Laufkundschaft entführt haben, um sie daraufhin angekettet zur schweren Arbeit an den Getreidemühlen zu zwingen. Nach einiger Zeit wurden die bis zur totalen Erschöpfung geschundenen Entführten wahrscheinlich umgebracht und durch Neuzugänge ersetzt. Aufgeflogen ist das alles erst, als der Bäcker und seine Gehilfen an einen zivil gekleideten, hartgesottenen Legionär gerieten, dem es gelang, seine Angreifer zu töten. Der Skandal soll großes Aufsehen in Rom erregt haben.

Mit einem Einzelfall hatte man es hier allerdings nicht zu tun. Denn bezeichnenderweise kam es in der Kaiserzeit wiederholt zu Durchsuchungen von Landgütern, nachdem römische Bürger immer wieder von der Straße weg entführt wurden, um Sklavenarbeit zu verrichten. Zur äußerst fragwürdigen Sicherheit auf römischen Straßen siehe auch meinen Blogbeitrag: Wie sicher waren die Straßen des Römischen Reichs wirklich?

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Weiterführende Literatur / Quellen:

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Der Experimentalarchäologe Marcus Junkelmann antwortet seinen Kritikern

Mein Interview mit dem Experimentalarchäologen Marcus Junkelmann stieß auf reges Interesse und wurde dementsprechend nicht nur häufig aufgerufen, sondern auch fleißig kommentiert. Die meisten Kommentatoren stimmten der im Interview geäußerten Kritik an qualitativ fragwürdigem Reenactment zu. Doch vereinzelt gab es auch Widerspruch, der im Fall eines Nutzers außerdem in persönlichen Unterstellungen mündete. Marcus Junkelmann bat mich nun, seine ausführliche Entgegnung darauf zu veröffentlichen. Dem komme ich selbstverständlich gerne nach (das originale Interview samt Leserkommentaren ist hier zu finden).

Die Gegenkritik, ich würde nicht bemängeln, dass viele der männlichen Darsteller auf Grund zu großen Gewichts, zu hohen Alters, zu bleicher Haut keine Idealbesetzungen für die Rollen von Soldaten oder gar Gladiatoren sind, ist nicht richtig, denn ich habe den physiognomischen Aspekt unabhängig vom Geschlecht („Barttracht) generell als sehr wichtig bezeichnet. Bleichheit, Alter und dergleichen sind da natürlich gleich zu subsumieren. Diesen Schluss ziehen zu können, traue ich meinen Lesern durchaus zu, offensichtlich nicht immer mit Recht. Abgesehen davon, dass sich bei Petronius die Beschreibung einer etwas fragwürdig zusammengesetzten Gladiatorentruppe findet und dass das Borghese-Mosaik stark übergewichtige Arenakämpfer zeigt, manche Forscher sogar davon ausgehen, dies sei regelrecht angestrebt worden (was ich allerdings nicht glaube), war das hier nicht das eigentliche Thema, denn die Frage galt ganz dezidiert den weiblichen Darstellern männlicher Rollen. Ich predige übrigens allen meinen Leuten immer, sie sollten sich rechtzeitig bräunen, aus Gründen der sachlichen Wahrscheinlichkeit wie auch der antiken Ästhetik, doch wird das leider nicht immer befolgt. Es sind das aber immer nur Einzelfälle. Grenzen zu ziehen, ist schwierig, da es sich lediglich um Gradunterschiede handelt. Ob ich mich dagegen im Geschlecht vertue, das ist ein Wesensunterschied. Zudem zeichnen sich gerade die meisten weiblichen Gladiatoren, die ich zu Gesicht bekommen habe, nicht gerade durch „flachbrüstigen durchtrainierten“ Körperbau aus und schon gar nicht durch kämpferisches Können. Ich habe da nur eine Ausnahme erlebt, und diese Kämpferin ist nur intern bei einer Universitätsveranstaltung aufgetreten, ein echtes Naturtalent. 

Und was das Alter anbetrifft, so habe ich in der Tat in meiner Truppe einige wenige Kämpfer, die schon die 50 überschritten haben und auf eigenen Wunsch ausgeschieden sind, die ich aber, wenn es darauf ankommt (etwa Fernsehen), unbedingt versuche, wieder zu mobilisieren, nicht nur wegen Ihrer langjährigen Erfahrung, sondern auch wegen ihrer kämpferischen Leistungsfähigkeit und ihrer überzeugenden physiognomischen Beschaffenheit, Punkte, in denen sie mindestens 50 % des Jungvolks turmhoch überlegen sind. Der desavouierend gemeinte Hinweis auf meine eigene nicht mehr jugendfrische Physiognomie ist sinnlose Polemik, da ich auf dem fraglichen Photo in Zivil abgebildet bin und da ich schon lange nicht mehr als Kämpfer auftrete. 

Und nun zu den verleumderischen Behauptungen, die laut dem Kommentator „NRW-Loverboy“ dazu geführt haben sollen, dass ich in Xanten nicht mehr eingeladen werde. Weder alkoholisiertes Auftreten, noch unverständliches Schwadronieren, noch unzureichendes Aussehen oder Können meiner Gladiatoren wurden von Seite des APX ins Spiel gebracht, sondern räumliche Sachzwänge. Da der Zuschauer-raum des Xantener Amphitheaters nur zu einem Drittel rekonstruiert worden ist, haben höchstens 4.000 Menschen Platz, Tausende können nur von der Stadtmauer aus von ferne zuschauen. Man wollte daher das Programm raffen, um einen schnelleren Zuschauerdurchlauf zu erreichen. Da man fürchtete, diese rasche Folge von Einsätzen würde meine Männer überfordern, sollten sie abwechselnd mit einer mangelhaft ausgerüsteten Jungvolkgruppe zum Einsatz kommen. Ich lehnte diesen Kompromiss ab, weil er erstens auf eine Verwässerung des Programms und der Informationen hinauslaufen müsste und zweitens, weil ich uns nicht der Verwechslungsgefahr mit der anderen Gruppe aussetzen wollte. Die Veranstalter entschieden sich daraufhin für das Engagement der Nachwuchsgladiatoren, weil ihnen das in ihr Infantilisierungs- und Verhackstückungskonzept passte. Die weiteren Argumente wurden erst später bei Diskussionen mit anderen Gruppen geäußert, die sich erstaunt zeigten, dass ich als Begründer der Veranstaltung nicht mehr dabei war. Dass NRW-Loverboy von dieser Seite kommt, zeigt ja seine Formulierung „wenn er nicht mehr wie bei uns im Park – eingeladen wird“. 

Was die persönlichen Angriffe anbetrifft, so ist es zutreffend, dass ich es aus prinzipiellen Erwägungen ablehne, mir während einer solchen Veranstaltung ein (ganz unhistorisches) Alkoholverbot aufs Auge drücken zu lassen, wie das der Tendenz zum unverhohlenen Prohibitionismus entspräche. Das tue ich ostentativ, wie ich auch – bei anderen Gelegenheiten – dazu übergegangen bin, gelegentlich einen Zigarillo zu paffen, obwohl ich dem Rauchen eigentlich nichts abgewinnen kann, doch ist es mir ein Bedürfnis gegen diese widerlichen Bevormundungs-bestrebungen aufzumucken. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich nie mehr trinke, als ich vertragen kann, und dass von alkoholisiert – im Sinne von angetrunken – keine Rede sein kann. Ich hasse diesen Zustand und habe ihn seit meinen frühen Studentenjahren konsequent vermieden. 

Dass ich mit meinem durch Gebrauch von Fachausdrücken (die stets erklärt werden) unverständlichen „Schwadronieren“ das Publikum langweilen und zum Massenexodus veranlassen würde, widerspricht allen meinen Erfahrungen, die ich unter anderem auch bei Hunderten von Schulvorträgen und sehr vielen Fernsehauftritten gewonnen habe. Auch die Kinder gehen immer begeistert mit und wollen sehr viel mehr wissen als die auf Primitivisierung setzenden Verantwortlichen in den Parks wahrhaben wollen. Die Fernsehleute bestätigen mir immer wieder, dass ich eine ausgezeichnete Mischung aus Präzision, Informationsreichtum und Unterhaltsamkeit hinkriege. Mag sein, dass „Loverboys“ da überfordert sind, die Zuschauer in ihrer überwältigende Mehrheit jedenfalls nicht. Angesichts der systematischen Nivellierung nach unten ist vielleicht zu befürchten, dass das allmählich „unzeitgemäß“ wird, doch so lange man mich lässt, werde ich dagegensteuern.

Dr. Marcus Junkelmann