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Videos: Neue Indizien zur Varusschlacht in Kalkriese — Wikingersiedlung Haithabu — Das 3000 Jahre alte Schlachtfeld Tollensetal

Neue Indizien zur Varusschlacht: Römische Wallanlage bei Kalkriese gefunden | Spieldauer 01:27 Minuten | NDR | Stream und Info
Hinweis: Diese Grabungen werden von Leuten finanziert und durchgeführt, die überwiegend kein Interesse daran haben, dass die Varusschlacht eventuell nicht in Kalkriese stattgefunden hat, wie es ja gar nicht einmal so wenige Wissenschaftler in Erwägung ziehen. Wehe, die Gegner der Kalkriese-These liegen richtig, dann wäre das vor sich hin rostende Museum vor Ort eine immense Fehlinvestition, denn schließlich lebt es vom Mythos, Arminius und Varus hätten sich in Kalkriese geprügelt – und keinesfalls irgendwo anders! 😊
Erfolgreiche archäologische Spurensuche in der Wikingersiedlung Haithabu | Spieldauer 3 Minuten | NDR | Stream und Info
3.000 Jahre Geschichte ausgraben – Doku über das bronzezeitliche Schlachtfeld im Tollensetal | Spieldauer 29 Minuten | NDR | Stream und Info
Sehr schön, wie das Thal heute ausschaut: Den Horizont bedeckt ein dichter Wald von Windgeneratoren. Die Menschen der Bronzezeit würde vermutlich der Schlag treffen.

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Buch: Die Alpen in der Antike – Von Ötzi bis zur Völkerwanderung

Im Buch Die Alpen in der Antike – Von Ötzi bis zur Völkerwanderung (S. Fischer Velag, 2017) gibt der Historiker Ralf-Peter Märtin in sieben Kapitel Einblick in verschiedene geschichtliche Abschnitte der Alpen.
Thema des 1. Kapitels ist die bekannte kupfer-steinzeitliche Eismumie Ötzi. Wer war dieser Mann, wie sah die Kulturlandschaft der Alpen zu seiner Zeit aus, wie fand er den Tod und welche Besonderheiten weisen seine gut konservierten Überreste auf?
Hochinteressant ist beispielsweise, dass sich auf Ötzis Haut nicht nur Tätowierungen befinden, sondern diese auch noch exakt den Akupunktur-Linien des menschlichen Körpers folgten. Wer hätte weiters gedacht, dass unweit des von hinten mit einem Pfeil getöteten Ötzi eine 500 Jahre jüngerer Steintafel gefunden wurde auf der dargestellt ist, wie ein Mann von hinten mit Pfeil und Bogen erschossen wird? Handelte es sich womöglich um ein in dieser Gegend lange praktiziertes Ritual? War Ötzis vielleicht gar nicht einem schnöden Mord zum Opfer gefallen?
Im 2. Kapitel wirft der Autor einen Blick auf die Alpen in der Bronze- und Eisenzeit. Hierbei geht es vor allem um die immense Bedeutung des Bergbaus; Salz und Eisen machten manch Region in den Alpen reich und weithin bekannt: Stichwort „Norisches Eisen“, dessen hoher Mangan-Gehalt sich positiv auf die daraus geschmiedeten Endprodukte auswirkte.
Das 3. Kapitel handelt von Hannibal und dessen berühmten Marsch über die herbstlichen Alpen. Bereits Polybios kritisierte jedoch, dass die Gefährlichkeit eines solchen Unterfangens von einigen seiner Historiker-Kollegen aufgebauscht wurde. Und tatsächlich marschierten in der Antike auch andere Heere in der kalten Jahreszeit unbeschadet über die Alpen – wie etwa jenes der Kimbern rund 100 Jahre nach Hannibal.
Die Kimbern kamen nicht über den Brenner lautet die Überschrift zum 4. Kapitel. Hier geht es nun um den langen Marsch der Kimbern, Teutonen und Abronen, die sich möglicherweise wegen einer Klimaverschlechterung von Jütland und Norddeutschland in Richtung Süden aufmachten, um dort ein neues Zuhause zu finden. Dabei gelangten sie unter anderem in das keltische Königreich Noricum und somit in den unmittelbaren Wahrnehmungsbereich des gerade erst zur Großmacht aufgestiegenen Roms. Am Ende der von Hans-Peter Märtin übersichtlich geschilderten Ereignisse stand die völlige Vernichtung der wanderlustigen Germanenstämme. Mit Teddybären wurde damals eben noch nicht geworfen. 😊
Im 5. Kapitel geht es um das Ausgreifen des Römischen Reichs in den Alpenraum. Es ist wenig verwunderlich, dass dieser Vorgang auf mancherlei Widerstand stieß. Unter anderem zeigten sich die Räter höchst widerborstig. Diesem kulturell recht fortgeschrittenen Volk wurde bereits in der Antike eine Verwandtschaft mit den Etruskern nachgesagt. Auch interessant: Varus, der unglückselige Feldherr des Jahres 9. n. Chr., befehligte bereits bei den Alpenfeldzügen des Tiberius vorübergehend jene XIX. Legion, mit der zusammen er viele Jahre später in den Wäldern Germaniens untergehen sollte.
Das 6. Kapitel handelt von der spätantiken Völkerwanderung, die für die romanisierte Bevölkerung der Alpen eine immense Zäsur darstellte. Viele Menschen starben in den nun hereinbrechenden Wirren oder flohen in Richtung Italien. Einige Mutige blieben, mussten aber oft die Täler verlassen, um sich in den Schutz von Höhenfestungen zurückzuziehen. 
Im 7. und letzten Kapitel wird die Christianisierung der Alpen in der Spätantike beschrieben. ein Vorgang, der keineswegs glatt verlief. Beispielsweise wird davon berichtet, dass ein eifriger Bischof, der sich daran machte, ein heidnisches Götzenbild umzuwerfen, von den darüber erbosten Bauern mit ihren Holzschuhen beworfen wurde … 😃
Fazit: Ein abwechslungsreiches und kurzweiliges Buch. An einigen wenigen Stellen hätte es aber aus meiner Sicht ein bisschen mehr in die Tiefe gehen können. Der Kaufpreis beträgt 22 Euro.
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Weiterführende Informationen:

Stell dir vor, es ist Perserkrieg, und keiner geht hin …

Einen ersten Höhepunkt erlebten die Armeen des antiken Griechenland in ihrem Ringen mit den Persern im 5. Jh. v. Chr. Vor allem bei den zu Lande ausgetragenen Schlachten wurde dabei die Hauptlast von den Hopliten getragen – also den schwer bewaffneten Infanteristen, welche sich zu dieser Zeit überwiegend aus der bürgerlichen Ober- und Mittelschicht bzw. den ersten drei Vermögensklassen rekrutierten. Doch woher wusste beispielsweise im Stadtstaat Athen der einzelne Wehrpflichtige, ob er für einen anstehenden Feldzug vom zuständigen Strategen (General) angefordert wurde? Und wie war es auf der anderen Seite dem Strategen möglich, bestimmte Bürger namentlich zum Wehrdienst einzuziehen – besonders jene, die außerhalb der eigentlichen Stadt – also auf dem platten Land – lebten? 
Grundlage für die Lösung des Problems waren Aushebungsverzeichnisse mit den Namen der Wehrfähigen, welche wiederum auf den Bürgerlisten aufbauten, in die man als erwachsener (18jähriger) männlicher Bürger eingetragen wurde. Diese Listen – also sowohl die Bürgerlisten wie auch jene mit den Wehrpflichtigen – lagen wohl in den einzelnen Demen auf (= kleinsten Verwaltungseinheiten – siehe auch der davon abgeleitete Begriff ‚Demokratie‘) und wurden vom jeweiligen Demarchen (= Vorsteher einer Deme) geführt.
Eventuell beinhaltete ein solches Aushebungsverzeichnis (κατάλογος = Katalogos bzw. Katalog) Zuatzinformationen zu bisherigen Kriegseinsätzen der einzelnen Bürger. Für den Strategen hätte dies eine Erleichterung beim Zusammenstellen einer möglichst schlagkräftigen Truppe bedeutet (hingegen wurden nur selten – nämlich in absoluten Krisenzeiten – alle Wehrpflichtigen auf einen Schlag eingezogen).

Hatte der Stratege mithilfe von Assistenten seine Auswahl unter den Bürgern getroffen, so ließ er diese in Form einer Liste öffentlich aushängen. Aristoteles schreibt, die Namen wurden mit Holzkohle auf geweißte Tafeln geschrieben.
Da jeder der insgesamt zehn gewählten Strategen seine eigene Liste führte, waren es insgesamt zehn Stück (oder eher zehn Gruppen von Tafeln, da jeweils eine einzige eventuell nicht ausgereicht hätte), die auf der Agora Athens aufgestellt wurden. Daneben waren außerdem – wie aus einem Theaterstück des kriegserfahrenen Aristophanes hervorgeht – weitere relevante Bekanntmachungen ausgehängt. Aus ihnen ging hervor, wann und wo sich die gelisteten Männer zur Musterung einzufinden hatten und was an Ausrüstung und Verpflegung mitgebracht werden musste.

Da die Aushebungsverzeichnisse in Athen ausgehängt wurden, konnte keinesfalls davon ausgegangen werden, dass die gesamte Bevölkerung im Umland davon Kenntnis nahm. Manch Bürger könnte aufgrund dieses Umstandes sogar eine Chance gewittert haben, sich vor dem Kriegsdienst zu drücken. Von den Strategen wurden daher Boten entsandt, die die Bevölkerung zumindest auf den Aushang der Listen hinwiesen, wie ebenfalls aus einem Stück des Aristophanes hervorgeht. Desweiteren sind Trompetensignale denkbar; schließlich wurden diese dazu verwendet, um die männlichen Bürger im Notfall rasch zu den Waffen zu rufen. Warum also nicht auch zur Musterung?
Wer der Musterung unentschuldigt fernblieb, wurde nach Beendigung des Feldzuges vor ein spezielles Gericht gestellt, das sich aus Hopliten zusammensetzte und dem einer der zehn Strategen vorstand. Möglicherweise hat man die Angeklagten bis zum Gerichtstermin in Verwahrung genommen.

So weit, so gut. Was aber hatte ein einberufener Hoplit zu tun, wenn er der Meinung war, nicht für den Dienst im Heer tauglich zu sein?
Zuerst war es nötig, dass der Betroffene persönlich beim Strategen vorstellig wurde, um seinen Fall unter Eid vorzutragen. Der am häufigsten genannte Grund dürfte das Nichterfüllen der zum Dienst als Hoplit qualifizierenden Alters- und Vermögenskriterien gewesen sein.
Ausgehend von den überlieferten Regelungen zur Zeit des Aristoteles (4. Jh. v. Chr.), als die vorgegebene Altersspanne zwischen 18 und 59 Jahren lag, wird angenommen, dass es sich im 5. Jh. v. Chr. während der Perserkriege und des Pelopnnesischen Krieges bereits ähnlich verhielt (wobei laut Thukydides die ältesten und jüngsten Wehrpflichtigen normalerweise nicht für auswärtige Kriegseinsätze herangezogen wurden, sondern stattdessen die Grenzen der Polis zu sichern hatten).
Auch wer sich die kostspielige Panhoplie – also die Kampfausrüstung eines Hopliten – nicht leisten konnte, wird ein Freistellungsgesuch eingereicht haben.
Darüberhinaus waren bestimmte Amts- und Funktionsträger vom Militärdienst befreit. Dazu zählten die Mitglieder des Rates der 500, die Zolleinnehmer, die Mitglieder des bei großen öffentlichen Festen eingesetzten Chores inklusive der Choregen (‚Event-Veranstalter bzw. -Manager‘ aus dem Kreis der politischen Elite – vergleichbar mit den Veranstaltern von öffentlichen Spielen im antiken Rom).
Außerdem waren den Überlieferungen nach Krankheit (z.B. starke Augenentzündung) oder persönliche Härtefälle (z.B. ein abgebranntes Eigenheim) mitunter Grund genug, um eine Freistellung genehmigt zu bekommen. In welchem Ausmaß körperliche Gebrechen auch einfach nur vorgetäuscht wurden, wissen wir nicht. Allerdings ist es möglich, dass in zweifelhaften Fällen der Betroffene einen Ersatzmann zu stellen hatte.
Hopliten, die gerade erst von einem Feldzug zurückgekommen waren, konnten sich wohl ebenfalls von der Verpflichtung, sofort wieder an einem auswärtigen Feldzug teilzunehmen, befreien lassen; wobei sie dann allerdings nicht sofort ins Zivilleben zurückkehrten, sondern als Festungsbesatzung bzw. zur Grenzsicherung eingesetzt wurden.

Die oben beschriebenen Regelungen und Maßnahmen sorgten dafür, dass im Falle eines Krieges genügend Bürgersoldaten innerhalb relativ kurzer Zeit zur Verfügung standen. Darüberhinaus wurden aber gerade bei Feldzügen mit längerer Vorbereitungszeit auch sich freiwillig meldende Metöken (ansässige Griechen aus anderen Stadtstaaten) sowie Söldner von Auswärts eingesetzt. Das galt für die Waffengattung der Hopliten, besonders aber für Bogenschützen, Schleuderer und Reiterei.

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Weiterführende Literatur: 

PDFs: Wikinger-Kleidung (Klappenrock, Kappen usw.)

Making a Viking Age Dublin Cap | Kirstina Williams | Academia.edu
A Viking Belt based on the Skjoldehamn Find | Susan Verberg | Academia.edu
Viking Jewellery from the island of Gotland, Sweden | Dan S B Carlsson | Academia.edu
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Krimskrams: Haben Archäologen den Schädel von Plinius dem Älteren entdeckt? — Heribert Illig nervt Prof. Sowieso und alle Studienräte

Haben Archäologen den Schädel von Plinius dem Älteren entdeckt?

Es wär schon eine kleine Sensation, wenn es zutreffend ist, dass sich unter den sterblichen Überresten der Opfer des im Jahr 79 n. Chr. ausgebrochenen Vesuvs auch der Schädel von Plinius dem Älteren befindet: Klick mich

Freilich, im Gegensatz dazu geht der Archäologe Alberto Angela in seinem hier von mir besprochenen Buch “Pompeji – Die größte Tragödie der Antike” davon aus, dass der Leichnam des älteren Plinius NICHT im vom Vulkan fast vollständig zerstörten Stabiae zurückgelassen wurde, sondern mit der von ihm ursprünglich kommandierten Rettungsflotte in den Stützpunkt Misenum zurückkehrte.

Was mir nicht unlogisch erscheint, denn die, die den Tod von Plinius als Augenzeugen miterlebten, kehrten ja ebenfalls zurück und konnten vom Erlebten sehr detailliert berichten. Entsprechend heißt es in einem Brief des jüngeren Plinius (hier von mir zitiert), der Leichnam seines Onkels (=der ältere Plinius) sei am Tag nach dem Vulkanausbruch ohne äußere Zeichen von Verletzungen am Strand gefunden worden. Warum hätte man damals den hochrangigen Verstorbenen dort einfach liegenlassen sollen?

Ich bin daher skeptisch, dass der entdeckte Schädel tatsächlich einst dem älteren Plinius gehörte.

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Heribert Illig nervt Prof. Sowieso und alle Studienräte

Im Kulturmagazin Unser Lübeck erschien kürzlich ein Beitrag über Heribert Illig, seine Fantomzeit-These und den ‚erfundenen‘ Scharlöömanje – der komplette Titel lautet: Für Historiker eine Unperson – Der Verschwörungstheoretiker und Karlsleugner Heribert Illig nervt Prof. Sowieso und alle Studienräte 

Liest sich irgendwie ganz lustig 😊

Auch die Tageszeitung Die Presse brachte kürzlich einen Artikel über Heribert Illig. Darin scheint es darum zu gehen, dass angeblich auch Teile der Antike frei erfunden sein sollen (^^). Allerdings verbirgt sich der Großteil des Textes hinter einer Bezahlmauer.

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Weitere Interessante Themen auf diesem Blog: 

Von Spartacus bis Herodot: Ein Interview mit dem Althistoriker und Übersetzer Kai Brodersen

Wer ernsthaft mit der Antike auf Tuchfühlung gehen möchte – etwa im Zuge des Living-History-Hobbys – wird relativ früh die Notwendigkeit erkennen, abseits von Sekundärliteratur auch die Original-Schriftzeugnisse von Livius, Plinius und Co. zumindest in Form von Übersetzungen zu lesen. Und doch zögern viele Interessierte aufgrund von Berührungsängsten, die nicht selten auf der Annahme fußen, dass es sich bei antiken Texten um eine schwer verdauliche Kost handelt.
Das ist auch nicht grundsätzlich falsch, denn manch immer noch erhältliche Übersetzung ist schon etwas angestaubt und daher in einem schwülstigen Deutsch gehalten, das dem Leser eine gewisse Leidensfähigkeit abverlangt. So muss man beispielsweise noch in der 1972 von Karl Büchner übersetzten Verschwörung des Catilina kaskadierende Endlossätze wie diesen erdulden: 
Nachdem das die Männer vernommen hatten, die alles Übel im Überfluss besaßen, aber nichts Gutes noch eine gute Aussicht, forderten, wenn es ihnen auch schon ein großer Gewinn schien, den Ruhezustand in Bewegung zu bringen, doch die meisten, er solle darlegen, wie die Bedingungen des Krieges seien, was sie für Lohn mit ihren Waffen errängen, was sie überall an Hilfe oder Hoffnung besäßen.
Glücklicherweise sind die Zeiten solcher Satzungetüme vorbei. Moderne Übersetzungen sind in der Regel weitaus geschmeidiger formuliert, sodass mit ihnen ein deutlich größerer Leserkreis angesprochen werden kann. 
Es bleibt für manch Interessierten deshalb mitunter nur ein einziger triftiger Hinderungsgrund, sich in antike Texte zu vertiefen: Der sogenannte ‚Anschaffungswiderstand‘, wie es in der Elektronik so schön heißt 😉. Denn die Preise reichen von günstig bis schmerzhaft.
Darüber – und über einiges mehr – unterhalte ich mich in folgendem Interview mit dem Althistoriker Kai Brodersen, der seit Jahren zu den fleißigsten Übersetzern und Autoren im deutschen Sprachraum zählt.


Lieber Herr Brodersen, wie geht es Ihnen, wenn Sie beispielsweise Cicero-Übersetzungen aus dem 18. oder 19. Jahrhundert lesen? Bereitet Ihnen das vergleichsweise altertümliche Deutsch Vergnügen oder strengt es Sie, so wie mich, eher an?

Übersetzungen macht man immer für die eigene Zeit – der will man ja den Zugang zur Antike erleichtern. Und so, wie es heute Menschen gibt, die gerne deutsche Literatur aus den letzten Jahrhunderten lesen, gibt es auch heute Menschen, die Vergnügen an jener Sprachform haben. Wenn man z.B. die Übersetzung von Thukydides’ Geschichtswerk nimmt, die Georg Peter Landmann 1960 vorgelegt hat und die nach wie vor lieferbar und heute die am meisten verbreitete deutsche Übesetzung des Werks ist, dann kann man sich an deutschen Passagen freuen, die zeigen, dass der Übersetzer sich zum George-Kreis rechnete und eine sehr „gehobene“ Sprache nutzte. Man kann aber auch verzweifeln, wenn man herausfinden möchte, was denn im Originaltext steht…

Abgesehen von der sich ändernden Sprache: Übersetzt man heute, anders – eventuell freier – als noch vor 100 oder 200 Jahren? 

Nein, nicht freier, sondern umgekehrt eher genauer. Wenn Sie z.B. die neueren Übersetzungen von Niklas Holzberg anschauen, sehen Sie, wie er sich um eine möglichst genaue Übersetzung bemüht, und das sogar in Versform! Bei Fachliteratur, etwa bei Palladius’ Buch über das Bauernjahr oder Apuleius’ Heilkräuterbuch, war mir sehr daran gelegen, möglichst genau zu übersetzen, also z. B. die Pflanzennamen oder Fachbegriffe genau zu verstehen und wiederzugeben, und dabei gerade keine „dichterische Freiheit“ walten zu lassen. Ich möchte dasselbe lateinische Wort nicht einmal als „Harke“ und einmal als „Rechen“ übersetzen – und bei pharmakologischen Texten kann das sogar gefährlich werden.

Von wem geht in der Regel die Initiative für das Übersetzen eines bestimmten antiken Textes aus? Tritt ein Verlag an Sie heran und unterbreitet einen Vorschlag – oder ist es eher umgekehrt? 

Es gibt Verlagsinitiativen (so etwa die zweisprachige Ausgabe des Geschichtswerks von Herodot bei Reclam) und Übersetzerinitiativen (so etwa die zweisprachige Ausgabe von „Plinius’ Kleiner Reiseapotheke“ bei Steiner), aber oft entstehen solche Ideen im Austausch zwischen Verlag und Übersetzer – je mehr man miteinander schafft, umso besser.

Zur Zeit lese ich die Strategika des Polyainos, danach kommt die Taktika des Ailianos an die Reihe; beide Bücher erschienen erst kürzlich in deutscher Sprache und wurden von Ihnen übersetzt. Wie viele Stunden Arbeit müssen Sie in solche Werke normalerweise investieren?

Die Stunden zähle ich nicht, und solche Projekte laufen oft über lange Zeit. Zu Polyainos z. B. hatte ich schon 2010 einen Tagungsband herausgegeben, seither hat mich dieses umfangreiche Buch immer wieder beschäftigt. Ich bin ja Professor an der Uni Erfurt und habe in Forschung und Lehre zu arbeiten!


Wie viele antike Werke übersetzen Sie durchschnittlich pro Jahr?

Das hängt völlig an den Lebensumständen: Ich war lange Jahre in der akademischen Selbstverwaltung tätig, darunter 6 Jahre als Prorektor und 6 Jahre als Universitätspräsident. Da war nicht viel Zeit für solche Projekte! Umgekehrt beginnen manche Übersetzungen als Unterlagen für eine Lehrveranstaltung. So war etwa die „Reise ins Heilige Land“ der Egeria das Thema eines Seminars, das ich am Departement für Protestantische Theologie in Hermannstadt/Sibiu halten durfte. Wenn die Studierenden dann zeigen, dass sie der Text interessiert, ist die Motivation gleich dreimal so groß, so eine Übersetzung publikationsreif zu machen!


Da die meisten Schriften antiker Autoren nur über den Umweg mittelalterlicher Kopien überliefert wurden, haben sich im Laufe der Jahrhunderte oft Fehler eingeschlichen. Bereitet Ihnen das einen großen Mehraufwand beim Übersetzen? Müssen Sie eventuell sogar herumreisen, um Einblick in Überlieferungsvarianten nehmen zu können, die Sie dann miteinander vergleichen? Oder ist das dank Internet und digitaler Bibliotheken alles viel einfacher geworden?

Da ich fast ausschließlich zweisprachige Ausgaben mache, bei denen der griechische oder lateinische Text der deutschen Übersetzung gegenübersteht, ist mir die Festlegung des antiken Texts jedes Mal besonders wichtig. Wo sehr gute kritische Editionen vorliegen, nutzte ich diese, überlege aber in allen Zweifelsfällen, ob der rekonstruierte Text gut verständlich ist und biete immer ein Verzeichnis der Stellen, an denen „mein“ Text von der Bezugsedition abweicht. In anderen Fällen – so bei Damigerons „Heilenden Steinen“ und bei Ailianos’ „Antiken Taktiken“ – ist der Text neu zu erstellen, da es bislang keine zuverlässige Ausgabe des antiken Textes gab. Das Internet hilft da wenig – man muss schon die Überlieferungsträger, also die mittelalterlichen Handschriften, lesen, die man sich als Photographien oder Scans aus den Bibliotheken besorgen muss. Aber das macht schon auch Freude!

Ich stelle bei modernen Übersetzungen von ein und demselben antiken Text zum Teil spürbare Preisunterschiede fest; beispielsweise ist De Gruyter (Tusculum) als ziemlich hochpreisig verschrien. 
Inwieweit sind die Endpreise tatsächlich auf den Arbeitsaufwand des Übersetzers zurückzuführen? Ist beispielsweise das Hinzufügen erklärender Endnoten ein signifikanter Preistreiber? Mir ist nämlich aufgefallen, dass Ihre Übersetzungen bei Marix über keine Endnoten verfügen, jene bei Reclam hingegen schon. 

Ob es – wie bei Marix – eine ausführliche Einleitung und Erläuterungen im Text selbst gibt oder – wie bei manchen, aber längst nicht allen Reclamausgaben – Endnoten, hat nichts mit dem Preis zu tun – die Information (und die Arbeit, die zu erstellen) ist dieselbe, nur die Präsentation nicht, und die Gestaltung eines Buchs folgt ja in der Regel dem Inhalt – „form follows function“! Nehmen Sie z.B. bei Reclam Aristeas’ Buch „Der König und die Bibel“ – da habe ich die Erläuterungen in einer sehr ausführlichen Einleitung, nicht in Endnoten geboten. Was ein Buch im Buchhandel dann kostet, ist eine Frage der Kalkulation des Verlags – der muss das Buch ja verkaufen! Das hat mit dem Arbeitsaufwand des Übersetzers überhaupt nichts zu tun.

Wie darf man sich das Entlohnungsmodell für das Übersetzen eines lateinischen oder altgriechischen Buchs vorstellen? Wird z.B. nach Wörtern oder Normseiten abgerechnet? Und ganz wichtig für jene, die das beruflich eventuell auch machen wollen: Kann man von dieser Arbeit anständig leben? 😉

Ganz einfach: Ich erhalte bei den meisten Verlagen überhaupt kein Honorar, aber ich habe ja auch einen Beruf, in dem wissenschaftliche Publikationen zu meinen Aufgaben gehören, und muss nicht vom Übersetzen leben. Nur bei einem Verlag, den Sie schon genannt haben, erhalte ich 3% vom Nettoerlös. Unter Nettoerlös versteht man den Bezugspreis abzüglich der darin gesetzlichen Mehrwertsteuer und der gewährten Rabatte. Wie Sie wissen, ist der Buchhandelrabatt in der Regel etwa 40%, der Mehrwertsteuersatz für Bücher 7%. Das heißt, dass ein Buch, das im Buchhandel 29.95 Euro incl. Mehrwertsteuer, also etwa 28 Euro ohne Mehrwertsteuer. Davon sind etwa 11,20 Euro Buchhandelsrabatt, der Nettoerlös beträgt also etwa 16,80. Davon sind 3% etwa 50 Cent. Wenn so ein Buch über die Jahre vielleicht dreihundertmal verkauft wird, bekomme ich insgesamt 150 Euro, die ich selbstverständlich versteuern muss. Zu Ihrer Frage: Man kann immer anständig sein. aber sicher nicht einmal unanständig vom Übersetzen antiker Texte leben.

Die von Reclam angebotene Ausgabe der Historien des Herodot, bei der Sie als Herausgeber fungieren, wird ’scheibchenweise‘ veröffentlicht; will heißen, die neun Teile, aus denen Herodots Geschichtswerk besteht, kommen einzeln in den Handel. Das ist auch verständlich, weil das kompakte ‚Reclam-Format‘ hier gewisse Grenzen setzt. Andererseits verwundert mich der Umstand, dass, obwohl schon 2002 mit der Veröffentlichung begonnen wurde, man 15 Jahre später erst beim 7. Teil angelangt ist. 
Ist das vom Verlag so gewollt? Ich frage hier vor allem deshalb, weil für viele Interessierte nur eine vollständige Ausgabe wirklich interessant sein dürfte. Aus diesem Grund habe auch ich kürzlich schon etwas verzweifelt bei der Konkurrenz – dem Kröner Verlag – zugegriffen.

Die Verlagspolitik von Reclam hat sich über die Jahre geändert. Meine Kollegin und ich sind nun gebeten worden, den kompletten Herodot in einem Band vorzulegen. Ich bin gespannt, wie Ihnen die doch arg in die Jahre gekommene und von Heinz-Günther Nesselrath kürzlich nur „behutsam modernisierte“ Übersetzung von August Horneffer, die Sie gekauft haben, gefällt: Er hat von 1875 bis 1955 gelebt, war promovierter Musikwissenschafter, hat am Nietzsche-Archiv gearbeitet und war aktiver Freimaurer – ein faszinierender Lebenslauf für einen Übersetzer!

Die Modernisierung von Nesselrath liest sich durchaus angenehm, ist preislich günstig und verfügt über viele erklärende Endnoten. Allerdings ist sie nur einsprachig (meine Rezension).


Gibt es ein wichtiges antikes Werk, von dem Sie sagen, dass eine Übersetzung oder Neuübersetzung längst überfällig ist?

Allerdings – es fehlt uns eine Übersetzung der bedeutenden Reden des Aelius Aristides, es fehlen aber auch Übersetzungen in wenigstens eine moderne Sprache der allermeisten Werke des bis in die Neuzeit einflussreichen Mediziners Galenos. Und es fehlen noch eine ganz Menge spannender antiker Werke.

Eventuell können Sie uns abschließend einen kleinen Ausblick auf geplante Buch-Projekte geben?
Als nächste zweisprachige Ausgabe soll die „Vermischte Forschung“ des Ailianos erscheinen – ein buntes Werk, dem Sie Antworten etwa auf folgend Fragen entnehmen können: Welcher antike König war in einen Baum verliebt? Wer hat die Königsherrschaft als „ehrenvolle Sklaverei“ bezeichnet? Wo durften Frauen keinen Wein trinken? Gab es eine antike Utopia? Wo kam Faulheit vor Gericht? Wo stand Kunst, die ihren Gegenstand schöner erscheinen ließ, als er war, unter Strafe? Wer war der erste „Trainspotter“? Wer hat das Katapult erfunden? Welcher Tyrann wurde nach seinem Sturz Grundschullehrer? Warum erweisen einen gefärbte Haare als Lügner? Wer stellte Grabsteine für Haustiere auf? Wo sind erstmals Brieftauben belegt? Gab es in der Antike so etwas wie den „Fluch der Pharaonen“? Wer war das Aschenputtel des Altertums? Wie vertrieb sich ein Perserkönig, der Analphabet war, auf langen Reisen die Zeit? 
Und derzeit bin ich in den „letzten Zügen“ eines Buches über „Dacia Felix“, also über die antike Geschichte Rumäniens, und einer kritischen Neuedition der Römischen Geschichte des Appianos von Alexandreia.

Vielen Dank, dass Sie meinen Lesern und mir so ausführlich Auskunft gegeben haben. Besonders auf Ihre geplante Neuedition von Appians Römische Geschichte freue ich mich schon, da für die aktuellste (bei Hiersemann erschienene) Ausgabe dieses antiken Werks längst Mondpreise verlangt werden.


Weiterführende Informationen zum Gesprächspartner:

Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

Hörbares: Rätselhafter Schädel auf dem Palatinhügel entdeckt — Archäologenstreit in Israel — Wikinger-Stockfisch — Wer erfand die Metallverarbeitung? — Antike Mysterien — usw.

Rätselhafter Schädel – Der Unbekannte vom römischen Palatinhügel | Spieldauer 5 Minuten | DF| Stream & Info | Direkter Download
Wikinger brachten Stockfisch nach Kiel | Spieldauer 7 Minuten | DF| Stream & Info | Direkter Download
Archäologie-Streit in Israel – Wo wurde Petrus geboren? | Spieldauer 5 Minuten | DF| Stream & Info | Direkter Download

Archäotechnica: Die Slawen | Spieldauer 6 Minuten | ARD/RBB | Stream & Info | Direkter Download

Metallverarbeitung – Wer hat´s erfunden? | Spieldauer 7 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download

Kulturgeschichte des Einkaufens: Tauschen – Feilschen – Kaufen | Spieldauer 21 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download
Naga – Die Neuentdeckung der Antike im Sudan | Spieldauer 23 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download
Antike Mysterien – Christentum und Mysterienkulte | Spieldauer 27 Minuten | SWR/ARD | Stream & Info | Direkter Download
Antike Mysterien – Der Isis- und Osiris-Kult | Spieldauer 27 Minuten | SWR/ARD | Stream & Info | Direkter Download


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Videos: Spannende Experimentalarchäologie auf dem Geiseltalsee — Pfusch am Fachwerkhaus — Primitive Sandalen im Eigenbau

Spannende Experimentalarchäologie auf dem Geiseltalsee | Spieldauer 10 Minuten | Youtube | Stream & Info

Ich verfolge die von Dominique Görlitz unternommenen experimentalarchäologischen Projekte zur prähistorischen Hochseefahrt schon seit Jahren mit Interesse. Sein als nächstes geplantes Abenteuer ist wieder besonders spannend und besitzt großes Potential, viele Menschen für diese Thematik zu begeistern.

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Primitive Sandalen im Eigenbau | Spieldauer 6 Minuten | Youtube/Primitive Technology | Stream & Info

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Totalschaden am Fachwerkhaus nach 20 Jahren Renovierung | Spieldauer 7 Minuten | Youtube | Stream & Info

Was für ein großer Schaden durch unsachgemäße Renovierung an einem alten Fachwerkhaus verursacht werden kann, wird in diesem Video gezeigt. Bemerkenswert daran ist auch, dass in einem Land, das für seine Regulierungswut berüchtigt ist, sich allem Anschein nach niemand für die ordnungsgemäße Instandhaltung historischer Bausubstanz wie der gezeigten zuständig fühlt. Da darf wohl gepfuscht werden, bis eines Tages der vielzitierte Arzt – in Form der Abrissbirne – kommt …

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Buch: Mit Schild und Schwert für Attika!

Die Hopliten-Heere aus dem klassischen Griechenland genießen bis heute einen geradezu legendären Ruf. Obwohl zahlenmäßig vergleichsweise schwach, besiegten mit ihnen die griechischen Stadtstaaten häufig weit überlegenen Feinde; siehe etwa die berühmten Schlachten von Marathon und Plataiai gegen die Perser – oder Xenophons abenteuerlichen Zug der Zehntausend, den er in seiner Anabasis verewigte.
Im Buch „Mit Schild und Schwert für Attika!“ (Tectum Verlag) beschreibt der Althistoriker Martin Pickelmann in übersichtlicher Form das Heerwesen im antiken Attika (Athen) zur Zeit der Perserkriege und des Peloponnesischen Kriegs (wobei auch die unmittelbar davor und danach angrenzenden Jahrhunderte angeschnitten werden). Was waren Beispielsweise die jeweiligen Aufgaben der zehn gewählten Strategen? Wie war die Reiterei organisiert? Welches Ansehen genoss die Flotte? Usw. usf. 
Hauptsächlich geht es allerdings um die Hopliten bzw. das ausgeklügelte System ihrer Rekrutierung. Dazu gehört z.B. die Vorgehensweise bei der Zusammenstellung der Listen mit den Wehrpflichtigen, aber auch die Musterung und eine mögliche Freistellung vom Kriegsdienst.
Bis zu einem gewissen Grad wird auch auf die Kampfweise und Bewaffnung eingegangen, die im Laufe der Zeit immer wieder Veränderungen erfuhren: Wann kam beispielsweise der schwere Schild der Hopliten auf? Wie verbreitet war der u.a. aus Leinen gefertigte Kompositpanzer? Und was hat es mit dem othismos – dem Massendruck in der Schlacht – auf sich?
Quellenangaben sind in Form von Fußnoten reichlich vorhanden – sowohl zu Primär wie auch Sekundärliteratur. 
Ein paar Skizzen oder Diagramme hätten wohl nicht geschadet (Bilder sagen oft mehr als tausend Worte), allerdings störte mich deren Fehlen auch nicht übermäßig, da der Text klar und meist allgemein verständlich formuliert wurde. Einziger echter Kritikpunkt sind die fehlenden Übersetzungen einiger griechischer Begriffe. Ich konnte sie zwar entziffern, allerdings hätte der Autor nicht davon ausgehen sollen, dass dies jedem Leser möglich ist.

Der Preis beträgt knapp 20 Euro.

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Weiterführende Informationen:
Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

Rätselhaftes Pompeji: Brach der Vesuv tatsächlich am 24. August 79 n. Chr. aus?

Spurensuche in den schriftlichen Überlieferungen

In den meisten Büchern über den spektakulären Untergang des römischen Pompeji steht geschrieben, der katastrophale Ausbruch des Vesuvs habe sich im Sommer, genauer gesagt am 24. August 79 n. Chr., zugetragen. Zwar kann das angegebene Jahr als relativ gesichert gelten, doch bezüglich des Tags und Monats verließ sich die Forschung lange Zeit fast ausschließlich auf den antike Autor Plinius den Jüngeren. Dieser schreibt in zwei Briefen an seinen Freund Tacitus:

[…]. Am 24. August, ungefähr zur siebten Stunde, machte meine Mutter ihn (Anm.: Plinius‘ Onkel) darauf aufmerksam, dass sich eine Wolke von ungewöhnlicher Größe und Gestalt zeige. […]
Er verlangte nach seinen Sandalen und stieg auf eine Stelle, von der aus man jene auffallende Erscheinung besonders gut betrachten konnte. Für Betrachter aus der Ferne war es nicht zu erkennen, aus welchem Berg die Wolke aufstieg.
Plinius der Jüngere, Epistulae, VI, 16
Darf man Plinius hier trauen, der immerhin den Ausbruch persönlich aus einiger Entfernung beobachten konnte? Oder besser gefragt: Wie verlässlich sind die im Mittelalter von Klerikern angefertigten Kopien des Plinius-Briefes? Denn nur sie sind heute noch erhalten, während das antike Original längst verloren ging.
Es könnte also durchaus ratsam sein, sich diese mittelalterlichen Kopien etwas genauer anzuschauen.

Tatsächlich wird das Datum im Folio 87 des Codex Laurentianus Mediceus mit dem 24. August bzw. „Non(um) Kal(endas) Septembres“ angegeben. Einen Exkurs in die etwas komplizierte Welt der römischen Monatstage erspare ich mir an dieser Stelle – nur so viel: die Angabe „neun Tage vor den Kalenden des September“ entspricht dem 24. August.
Das Problem hierbei: Lediglich in dieser einen Plinius-Überlieferung wird der 24. August genannt. Bei allen anderen kommen hingegen abweichende Varianten ins Spiel, in denen fast ausnahmslos der November oder späte Oktober – also ein Datum im Herbst – genannt wird. So etwa im Codex Oratorianus – dort steht: „Kl. Nove(m)bris“ – die „Kalenden des November“; das wäre der 1. November.
Warum nun also wurde und wird im Angesicht der obigen Fakten immer noch gerne dem 24. August der Vorzug gegeben? Ganz einfach: Die diesem Datum zugrundeliegende Handschrift – der bereits genannte Folio 87 des Codex Laurentianus Mediceus – ist älter als die anderen Überlieferungen – steht also zeitlich dem antiken Original am nächsten. Daher geht ein großer Teil der Forschung bis heute davon aus, bei dieser speziellen Ausgabe wäre die Wahrscheinlichkeit eines von mittelalterlichen Mönchen verursachten Kopierfehlers am geringsten.

Der italienische Archäologe Alberto Angela schreibt in seinem Buch Pompeji – Die größte Tragödie der Antike (siehe Link am Ende des Beitrages), dass jene These, der zufolge der Vesuv im Herbst und nicht im Sommer ausgebrochen sei, nicht nur von all den abweichenden Plinius-Überlieferungen gestützt werden würde, sondern auch vom antiken Historiker Cassius Dio. Dieser habe – laut dem im 18. Jahrhundert lebenden Altphilologen Carlo Maria Rossini – als Datum der Katastrophe den 23. November (79 n. Chr.) genannt („neun Tage vor den Kalenden des Dezember“). Allerdings konnte ich dergleichen weder in Reclams Quellensammlung zum Vesuvausbruch finden noch in der Dio-Übersetzung von Otto Veh.

Spurensuche in den archäologischen Befunden

Die Archäologie hat besonders in den letzten Jahrzehnten spannende Indizien zutage gefördert, welche scheinbar gegen einen Ausbruch des Vesuvs am 24. August sprechen und stattdessen ein Datum im Herbst nahelegen. Wie man jedoch sehen wird, besteht dabei mitunter ein gehöriger Interpretationsspielraum.

Indizien die gegen einen Ausbruch im August / Sommer sprechen: Aber:
Im Haus des Menander sowie im Haus der Keuschen Liebenden (beide in Pompeji) wurden Kohlebecken entdeckt, die zum Beheizen von Räumen dienten. Diese mobilen ‚Heizstrahler‘ der Antike wurden kaum im Sommer, sondern eher im Herbst benötigt.
Die Vulkan-Eruption erzeugte eine kilometerhohe Rauchsäule, welche die Sonne verdunkelte. Wie bei einer totalen Sonnenfinsternis sinkt die Temperatur daraufhin stark ab (Golfkriegsveteranen beobachteten einen ähnlichen Vorgang sogar mitten in der Wüste im Umfeld von brennenden Ölquellen). Dieser Effekt könnte die Verwendung von Kohlebecken im sommerlichen Pompeji erklären.
Möglich ist außerdem, dass die Becken für rituelle Zwecke verwendet wurden (freilich, dafür nutzten die Römer normalerweise spezielle Hausaltäre).
Einige der Opfer aus Pompeji, die in der feinen Vulkanasche Abdrücke hinterließen, waren in schwere Umhänge gehüllt, die kaum zu einem sommerlichen Wetter passen.
In einer Kinderwiege in der Stadt Herculaneum fand man die Reste einer Wolldecke. Auch das scheint nach Ansicht einiger Forscher der Sommer-These zu widersprechen.
Wie schon bei den oben genannten Kohlebecken, so könnte auch die Verwendung schwerer Umhänge und Wolldecken ihre Ursache im von der Aschewolke des Vulkans hervorgerufenen Temperatursturz haben.
Dicke, dicht gewebte Textilien dienten möglicherweise außerdem dazu, sich vor der aggressiven Vulkanasche zu schützen, die Atemnot hervorrufen kann.
Und schlussendlich ist es auch möglich, dass sich die Menschen in Pompeji mit schwerer Kleidung beim Verlassen ihrer Häuser vor dem Steinhagel schützen wollten, der über ihnen niederging (was freilich oft genug ein hoffnungsloses Unterfangen war, wie manch auf der Straße liegender Toter mit eingeschlagenem Schädel oder zerschmetterten Gliedmassen belegt; denn nicht nur der relativ leichte Bimsstein, sondern auch deutlich schwerere Brocken wurden vom Vulkan zeitweise ausgeworfen).
Ein Toter am Strand von Herculaneum trug eine Pelzmütze, was scheinbar nicht zu einem Vulkanausbruch im August passt; selbst der oben erwähnte Temperatursturz wird kaum dermaßen stark gewesen sein, um deshalb gleich den Kopf in Pelz zu hüllen.
Die Mütze dürfte auch nicht als Kopfschutz verwendet worden sein, denn obwohl Herculaneum sehr nahe am Vesuv lag, so wurde es doch aufgrund der vorherrschenden Winde von keinem einzigen (!) Bimsstein getroffen, während gleichzeitig im deutlich weiter entfernten Pompeji der vulkanische Fallout dermaßen groß war, dass die Dächer der Gebäude unter der Last zusammenbrachen (einige Bimssteine wurden über 72 km weit geschleudert!).
Aus Einzelfunden wie dieser Pelzmütze lassen sich nicht automatisch weitreichenden Schlüsse ableiten. Das gilt im Übrigen auch für die oben erwähnten schweren Textilien und Kohlebecken.
Grete Stefani, Grabungsleiterin in Pompeji, und der Botaniker Michele Borgongino haben in einer umfangreichen Studie zutage geförderte Pflanzenreste analysiert. Unter anderem fand man in den Vesuvstädten – z.T. in Form von Mahlzeitresten – Lobeerfrüchte, viele Nüsse und Kastanien, die größtenteils erst im Herbst reif werden. Das wird als Indiz gewertet, welches gegen einen Ausbruch im August/Sommer spricht.
Große Mengen getrockneter Feigen wurden entdeckt. Zwar ist es möglich, dass die Feigenernte bereits im Sommer begonnen hatte, die zum Trocknen vorgesehen Früchte erntete man jedoch erst im September.
Dass diese Feigen noch Reste aus dem Vorjahr sind, schließt man aus, da sie in Pompeji sehr oft gefunden wurden. Vielmehr soll es sich um Vorräte für den kommenden Winter gehandelt haben.
Könnte bei diesem Beispiel, wie auch bei dem vorhergehenden, nicht ein ein von der Gegenwart abweichendes Mikroklima zu anderen (früheren) Erntezeiten geführt haben?
Oder war vielleicht einfach nur das Wetter dieses speziellen Sommers für ein Vorziehen der Ernte verantwortlich?
Hinzu kommt, dass die archäologischen Untersuchungen von Feldern Bewässerungsversuche zum Zeitpunkt des Vesuvausbruchs nahelegen. Das würde eher zum Sommer, und weniger zum Herbst passen, in dem man eher bestrebt war, das Regenwasser abzuleiten.
Auch getrocknete Pflaumen fanden sich in Pompeji. Es heißt, diese wurden nur im Herbst in getrocknetem Zustand verzehrt, im Sommer jedoch frisch. Warum sollte es sich bei diesen getrockneten Pflaumen nicht – so wie schon bei den Feigen – um Vorräte für den kommenden Winter gehandelt haben?
In einer Villa in Oplontis fand man rund 1000 kg Granatäpfel, die zum Trocknen zwischen Strohmatten gelegt worden sind. Die Ernte erfolgte normalerweise Anfang Oktober, bevor die Regenfälle zunahmen.
Die Granatäpfel wurden eventuell unreif geerntet, zwecks Hinauszögerns des Reifeprozesses, sodass sie zwischen den Strohmatten leichter trockneten. In dieser speziellen Form wurden nämlich Granatäpfel in der Antike als Arznei verwendet.
Man entdeckte einige wenige Datteln, die in der Regel frühestens im Oktober aus Nordafrika importiert wurden, da sie dort erst kurz zuvor reiften.
Auch dieser Annahme legt man vor allem die üblichen Erntezeiten der Gegenwart zugrunde.
Rund um den Vesuv lagen in römischer Zeit etliche Landgüter. In einigen fanden Archäologen große Mengen Trester (Rückstände vom Weinpressen), die darauf hindeuten, dass die (heute) üblicherweise im September, spätestens aber im Oktober stattfindende Weinernte bereits vorüber war. Die Weinernte könnte schon in den Sommermonaten durchgeführt worden sein, so wie das in der betreffenden Gegend vereinzelt auch heute noch vorkommt.
In der Villa Regina bei Boscoreale fand man viele dolia (große Weinfässer aus Terrakotta), die bereits gefüllt, versiegelt und zur weiteren Reifung bis zum Hals in der Erde vergraben waren. Das spricht dafür, dass die im September/Oktober durchgeführte Weinernte zum Zeitpunkt des Vesuvausbruchs bereits rund einen Monat zurücklag. Denn nachdem der Traubensaft gekeltert und abgefüllt worden war, kontrollierte man ihn insgesamt rund 30 Tage lang, bevor die Fässer versiegelt wurden.
Der Wein könnte, siehe das vorhergehende Beispiel, schon im Sommer gekeltert worden sein.
Auch ist es möglich, dass er aus dem Vorjahr stammt und man ihn länger reifen ließ.
Im Bereich des Marktes von Pompeji gibt es eine heiligen Bezirk, in dem sich Bildnisse der kaiserlichen Familie befanden: Darunter Vespasian sowie seine Söhne Titus und Domitian. In der Nähe dazu entdeckte man einen Pferch mit Schafskeletten und stellte die Überlegung an, ob diese Schafe nicht eventuell für ein Opfer zu Ehren der kaiserlichen Familie vorgesehen waren. Als möglichen Anlass machte man den 24. Oktober aus, an dem Domitian Geburtstag hatte. Dieses Datum liegt volle zwei Monate hinter dem 24. August. Eine legitime Hypothese, die aber  auf sehr dünnen Beinen steht.
In mehreren Wohnhäusern wurde Fisch entdeckt – genauer gesagt größere Mengen der Gelbstriemenbrasse, die wohl für die Produktion von Garum (Fischsauce) verwendet wurden (dafür war Pompeji berühmt). Diese spezielle Fischart beißt zwar das ganze Jahr über, am liebsten jedoch im Juli und Anfang August. Das spricht eventuell gegen einen Ausbruch im Herbst bzw. für den Sommer.
Im sogenannten Haus des goldenen Armreifs (Pompeji) fand man bei einer Toten vierzig Gold- und hundertacht Silbermünzen. Eine dieser Münzen, die im Archäologischen Nationalmuseum Neapel unter der Inventarnummer P 14312/176 geführt wird, kann Kaiser Titus zugeordnet werden.
Auf der Rückseite findet sich die Angabe Imp(erator) XV; dies besagte, dass Titus zum Zeitpunkt der Münzprägung bereits fünfzehn Mal für einen wichtigen militärischen Erfolg zum Imperator ausgerufen worden war (dazu zählten auch Siege, die von anderen Feldherren errungen wurden, denen er als Kaiser im fernen Rom vorstand).
Die 15. Akklamation zum Imperator weist auf eine Datierung der Münze nach dem 24. August hin. Denn aus einem Brief an die Stadtverwaltung von Munigua und aus der Entlassungsurkunde eines Centurio in Fayum (Ägypten) ist bekannt, dass Titus am 7. September 79 n. Chr. zum 14. Mal Imperator wurde. Da bereits dieses Datum nach dem 24. August angesiedelt ist, so muss das erst recht für die Münze aus Pompeji gelten.
Da die betreffende Silbermünze stark korrodiert ist, lässt die nur schwer entzifferbare Inschrift auch andere Lesarten zu.
Ist nicht einmal auf die überlieferte Uhrzeit Verlass?
Selbst an der vom Augenzeugen Plinius überlieferten Uhrzeit gibt es mittlerweile Zweifel. Auslöser dafür sind unter anderem verkohlten Brote, die im Ofen einer pompejanischen Bäckerei entdeckt wurden. Dieser Umstand scheint nicht recht zur „siebten Stunde“ im oben zitierten Brief zu passen. Denn um 13:00 Uhr wurde dazumal eher kein Brot mehr gebacken, heißt es. Einige Vulkanologen und Archäologen sind nun der Ansicht, die ersten kleineren Eruptionen hätten sich bereits am Vormittag ereignet und dazu geführt, dass der Bäcker und seine Angestellten/Sklaven die Bäckerei fluchtartig verließen.
Da Plinius den Vulkanausbruch vom rund 20 km entfernten Misenum aus beobachtete, und überdies die Erde in der betroffenen Gegend schon Wochen vor dem Ausbruch verstärkt bebte, ist es denkbar, dass er die ersten kleineren Eruptionen noch gar nicht als solche erkannt hatte. Wie aus seinem Brief hervorgeht, wusste man in Misenum anfangs noch nicht einmal, von welchem Berg der Rauch aufstieg. Der damals noch ziemlich flache, dicht mit Buchen und Weißtannen bewaldete Vesuv, war von den Menschen schlicht und ergreifend nicht als tickende Zeitbombe wahrgenommen worden.
In dem Zusammenhang gibt es auch berechtigte Zweifel daran, dass es sich beim obigen Fresko aus Pompeji, welches man gerne als Darstellung des Vesuvs interpretiert, tatsächlich um diesen Vulkan handelt.

Wer sich für die Katastrophe des Jahres 79 n. Chr. im Detail interessiert, dem kann ich nur das unten verlinkte Buch Pompeji – Die größte Tragödie der Antike ans Herz legen.

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Weiterführende Literatur:
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Hörbares: Renaissance-Gärten — Die Heilige Schar von Theben — Die Ritter — Philipp Melanchthon — Johannes Calvin — Heraklit


Renaissance-Gärten – Kunstwerk aus Himmel, Erde und Wasser | Spieldauer 23 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

Make Love AND War – Die Heilige Schar von Theben | Spieldauer 18 Minuten | Das Geheime Kabinett | Stream & Info | Direkter Download
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Alles fließt – Das Weltbild des antiken Denkers Heraklit | Spieldauer 22 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Downlaod
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Buch: Marcus Junkelmanns Standardwerk "Die Legionen des Augustus"

Der bayerische Militärhistoriker Marcus Junkelmann ist international einer der bedeutendsten Pioniere im Bereich der Experimentellen Archäologie. Darüberhinaus gilt er besonders für den deutschsprachigen Raum als wichtiger Wegbereiter dessen, was heute gemeinhin als Living History bzw. Lebendige Geschichte bezeichnet wird; also das praktische Nachempfinden vergangener Lebenswelten auf möglichst strenger Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse.
Ins Scheinwerferlicht der breiten Öffentlichkeit trat Junkelmann zum ersten Mal im Jahr 1985. Damals nahm er die (irrtümlich abgehaltene) 2000-Jahrfeier Augsburgs zum Anlass, um gemeinsam mit acht Gefährten in voller augusteischer Legionärsausrüstung von Italien über die Alpen nach Deutschland zu marschieren; 24 Tage wurden für dieses Vorhaben benötigt, bei dem man sich – trotz relativ guter Planung – mit immer wieder neuen Schwierigkeiten konfrontiert sah. Darüberhinaus fand der Alpenmarsch großes internationales Medienecho, da es etwas vergleichbares bis dahin noch nicht gegeben hatte. Wobei nicht jeder Beobachter das Vorhaben auf Anhieb richtig einordnen konnte, wie bei einer von Junkelmann und Kollegen durchgeführte Zeremonie auf dem Kapitol in Rom offensichtlich wurde:

Der Anblick von Neorömern inklusive Lictoren mit Rutenbündeln (fasces) erweckte bei älteren Einheimischen unwillkürlich Reminiszenzen an die Tage Mussolinis, wie ich der Bemerkung entnehmen konnte, die während unserer Zeremonie ein Zuschauer hinter mir seinem Begleiter in ruhigem, sachlichem Ton zuraunte: „Ah, sono fascisti“ – „Ah, das sind Faschisten.“
😄

In Die Legionen des Augustus (Herbert Utz Verlag) schildert Marcus Junkelmann u.a. diesen experimentalarchäologischen Alpenmarsch aus dem Jahr 1985. Zu Wort kommen dabei auch seine einstigen Mitstreiter, die ihre Eindrücke Revue passieren lassen. Vor allem jene großen Mühen, in schwerer römischer Rüstung einen Bergpass nach dem anderen zu bezwingen, werden dabei immer wieder angesprochen. Nicht jeder Teilnehmer des Experiments war den physischen Belastungen ohne Weiteres gewachsen. Erkrankungen und vorübergehende Ausfälle waren die Folge. Hinzu kam, dass die begeisterte Bevölkerung den neuzeitlichen Legionären auf ihrem Weg nicht nur immer wieder reichhaltige Mahlzeiten, sondern auch Unmengen an Wein und Schnaps spendierte, sodass Junkelmann und Co. ständig mit einem gewissen Alkoholpegel unterwegs waren 😊. Möglicherweise verlieh dieser unvorhergesehene Umstand dem Experiment zusätzlich eine realistische Note, denn auch die Legionäre des Augustus dürften – so wie die meisten Soldaten – dem Alkohol nicht abgeneigt gewesen sein; milderte er doch vorübergehend die Strapazen. Diese Annäherung ans echte Legionärsleben brachte freilich auch Nachteile mit sich, wie der Autor rückblickend feststellt:

Die letzten Kilometer zum Lagerplatz marschierten wir durch Dörfer und blühende Obstgärten zum See hinab. Man erwartete uns mit Transparenten und Weinfässern, das lokale (italienische) Fernsehteam filmte eifrig. Als wir am Lagerplatz ankamen, war zum einzigen Mal auf unserem Marsch festzustellen, dass der Weingenuss die Dienstfähigkeit beeinträchtigte. Schon beim Ablegen des Gepäcks kippte ein ‚miles‘ aus dem Glied, das Einschlagen der Zeltheringe verlief ganz konfus, bis Karl energisch eingriff und sich im Eifer mit dem Beil ins Bein hackte.
😂

Es ist schön, dass Marcus Junkelmann diese kleinen Unzulänglichkeiten und Probleme nicht aus akademischer Eitelkeit verschämt unter den Teppich kehrt. Die Frühen 1980er-Jahre waren überdies – verglichen mit heute – noch eine völlig andere Zeit; abzulesen auch daran, dass der Alpenmarsch unfassbare 300.000 (!) Mark verschlang. Alleine die militärische Ausrüstung eines einzigen der acht ‚Legionäre‘ schlug mit rund 20.000 Mark zu Buche (Kleidung nicht mitgerechnet), ein Lederzelt mit immerhin 10.000 Mark – und das obwohl vieles selbst angefertigt worden war. Diese hohen Kosten sind nicht zuletzt auf den damaligen Mangel an spezialisierten Handwerkern zurückzuführen (wenig Konkurrenz = hohe Preise).
Marcus Junkelmann kritisiert allerdings, dass es mittlerweile eine Entwicklung ins gegenteilige Extrem gibt, seitdem Billigware aus Indien (Stichwort ‚Deepeeka‘) den europäischen Markt flutet. Das führe zu einem Qualitätsverlust beim Römer-Reenactment und mache selbst vor Unis nicht halt. In diesem Zusammenhang bemängelt er auch Experimente, die seinen Alpen-Marsch im kleineren Maßstab mehr oder weniger ‚imitieren‘ – wie z.B. ein 2010 durchgeführtes Projekt von 20 Studenten der Universität Augsburg, die Junkelmann wohl ein bisschen für schlecht vorbereitete Weicheier hält (wobei freilich – siehe oben – auch bei seinem Alpenmarsch nicht alles glatt lief). 
Des Weiteren bemängelt der Autor, dass sich die Verantwortlichen von Freilichtmuseen allzu oft nicht ausreichend um Authentizität bemühen und dem Publikum pauschal die Qualifikation zur Unterscheidungsfähigkeit absprechen – obwohl dieses nachweislich z.B. auf Brillen und moderne Frisuren negativ reagiert (die Mittelalterbaustelle Campus Galli lässt grüßen).
Dergestalt hingelangt wird vor allem in der umfangreichen Einleitung und dem ersten Kapitel. In den restlichen vier Kapiteln widmet sich Marcus Junkelmann dann ausführlich der Geschichte, Entwicklung, Organisation und Ausrüstung des römischen Heeres zur Zeit des Augustus; wobei immer wieder auch die späte Republik und die restliche frühe Kaiserzeit miteinbezogen werden. An sich ist das sinnvoll, allerdings erschienen mir einige Abschnitte dann doch eine Spur zu weitschweifig.
Der Schreibstil ist allgemein verständlich; Fremdwortvöllerei ist nicht Junkelmanns Fall. Als erfahrenem Didaktiker ist ihm eben klar, was er der Mehrheit seiner Lesern zumuten kann.
Obschon eher textlastig, verfügt das Buch trotzdem über zahlreiche aussagekräftige Abbildungen. Die vom Verlag gewählte Schriftgröße ist hingegen aus meiner persönlichen Sicht grenzwertig, sodass ich zu meiner Brille (1,5 Dioptrien) greifen musste.

Die vorliegende 15. Auflage wurde stark erweitert und in vielen Punkten auf den neuesten Stand der Forschung gebracht. Fuß- bzw. Endnoten finden sich allerdings nur im immerhin rund 30 Seiten starken Vorwort.

Fazit: Bei Die Legionen des Augustus handelt es sich zweifellos um DAS deutschsprachige Standardwerk für jeden Legionärsdarsteller der entsprechenden Zeit. Darüber hinaus ist dieses dicht mit Informationen vollgepackte Buch selbstverständlich auch für jeden anderen Leser hochinteressant, der Gefallen am Militär der frühen Kaiserzeit gefunden hat. 
Die Taschenbuchvariante kostet 38 Euro, die gebundene 58 Euro. 20 Euro Aufpreis sind hier meiner Ansicht nach nicht gerechtfertigt. Ich empfehle daher das Taschenbuch, welches ohnehin nicht bloß geklebt, sondern zusätzlich fadengebunden wurde und einen ausreichend robusten Eindruck macht.

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Weiterführende Informationen:


Wie kamen die Juden ins antike Rom?


Bereits im frühen 1. Jh. nach Christus sollen in Rom mindestens 30.000 Juden gelebt haben. Das waren gut 4 Prozent der städtischen Bevölkerung, die für die Regierungszeit von Augustus/Tiberius auf insgesamt 700.000 Personen geschätzt wird. 
Philo von Alexandria, der 40 n. Chr. als Gesandter Rom besuchte, berichtet, dass quasi der ganze Stadtteil Trastevere (Transtiber-Distrikt) fest in jüdischer Hand gewesen sei. Auch zwischen der Porta Collina und der Porta Esquilina sowie vor der Porta Capena sollen viele Juden gelebt haben – die überwiegend das römische Bürgerrecht besaßen, untereinander aber wohl nicht Latein, Hebräisch, oder Aramäisch sprachen, sondern Griechisch, da ihre Wurzeln zumeist in den stark hellenisierten Gebieten der östlichen Mittelmeeerküste lagen.

Der Krieg als der Vater aller Dinge

Die meisten stadtrömischen Juden dürften entweder Sklaven oder Ex-Sklaven – sogenannte Freigelassene – gewesen sein. Womit sie keine Ausnahme darstellten, denn es wird angenommen, dass im frühkaiserzeitlichen Rom bis zu 80 Prozent der Einwohner einer dieser beiden beiden Gruppen angehörten.
Grund: Die zahlreichen siegreich geführten Kriege Roms sorgten für einen beständigen Strom an neuem Menschenmaterial. Jene Kriegsgefangenen, die nicht zu kräftezehrender Landarbeit verdonnert wurden, landeten in z.T. nicht weniger ungesunden Handwerksbetrieben oder, mit etwas Glück, in einem städtischen Haushalt der römischen Oberschicht. 
Das Schicksal der kriegsbedingten Sklaverei traf auch viele Juden, da ihre Heimat ein krisengeschüttelter Unruheherd war. Zog man nicht gegen äußere Feinde, dann bekämpften sich die unterschiedlichen Fraktionen gegenseitig. Schon in der Zeit der späten Republik dürften etliche jüdische Kriegsgefangene nach Rom verschleppt worden sein – nämlich als der große General Pompeius Jerusalem eroberte; genaue Zahlen sind aber nicht bekannt. Hingegen heißt es, dass wenige Jahre später Gabinius – ein weiterer römischer Polit-Militär, der sich im Nahen Osten herumtrieb – 30.000 unbotmäßige Juden als Sklaven verkauft haben soll; manch einer von ihnen dürften in der Hauptstadt des Imperiums gelandet sein.
Während des zweiten Triumvirats belagerte der aus altem jüdischem Adel stammende Herodes der Große – unterstützt von Soldaten, die Marcus Antonius entsandt hatte – Jerusalem, um sich seines Konkurrenten Antigonos zu entledigen. Bei der Erstürmung der Stadt kam es zu schweren Gräultaten an der Zivilbevölkerung. Beteiligt an den Übergriffen waren nicht nur die Belagerer, sondern auch die jüdischen Herodes-Sympathisanten, welche innerhalb der Mauern Jerusalem lebten und nun den Moment gekommen sahen, an ihren Landsleuten Rache zu nehmen. Die Machtübernahme des Herodes dürfte eine Flüchtlingswelle in Richtung Rom ausgelöst haben, wo Octavian – der Konkurrent des Herodes-Verbündeten Antonius – herrschte (interessante Randnotiz: In den Streitkräften des Juden Herodes sollen sich laut Flavius Josephus germanische Söldner befunden haben. Ob man das in den 1930er-Jahren in Deutschland gewusst hat?).
Herodes, der für lange Zeit als Klientelkönig von Roms Gnaden regieren durfte, starb im Jahre 4 v. Chr.; daraufhin brachen in seinem Herrschaftsgebiet schwere Unruhen aus. Der damalige syrische Statthalter Varus – welcher einige Jahre später durch seine desaströse Niederlage gegen Arminius in die Geschichte eingehen sollte – griff mit harter Hand durch: 2000 aufständische Juden wurden ans Kreuz geschlagen und eine unbekannte Anzahl eingekerkert. Überdies wurde die Zerstörung der Stadt Sepphoris angeordnet; sämtliche Einwohner versklavte man. Und so fanden wieder einmal etliche jüdische Kriegsgefangene ihren Weg nach Rom.
Einen besonders großen Schub erhielt die jüdische Gemeinde Roms, als in den 60er-Jahren des 1. Jahrhunderts der sogenannte Jüdische Krieg ausbrach. Flavius Josephus spricht von 97.000 Gefangenen, die nach der Eroberung von Jerusalem durch den späteren Kaiser Titus gemacht wurden. Doch schon in den Jahren unmittelbar davor wurden etliche Juden in die Sklaverei geführt; auch abseits des eigentlichen Kriegsschauplatzes in Judäa. So kam es beispielsweise im ägyptischen Alexandria, wo eine besonders stattliche jüdische Gemeinde lebte, zu massiven Ausschreitungen zwischen den sich notorisch feindlich gesinnten Juden und Griechen. Nachdem die Reibereien darin gipfelten, dass ein jüdischer Mob damit drohte, das mit Griechen gefüllte Amphitheater der Stadt anzuzünden, setzte der Statthalter Tiberius Alexander die Armee ein, um die Ordnung wieder herzustellen. Es kam in Folge zu einem regelrechten Blutbad, an dem sich nicht nur römische Soldaten, sondern auch die zutiefst erbitterte nichtjüdische Bevölkerung Alexandrias beteiligte: 50.000 Juden, vom Säugling bis zum Greis, sollen in Folge umgekommen sein. Darüber hinaus kann auch in diesem Fall davon ausgegangen werden, dass etliche der überlebenden Juden versklavt wurden – sofern sie nicht das römische Bürgerrecht besaßen. Nach diesen blutigen Ereignissen werden aber wohl auch viele Juden freiwillig Alexandria den Rücken gekehrt haben, so wie übrigens auch zahlreiche Einwohner Jerusalems ihre Stadt vor der Belagerung durch Titus verließen, um sich auf die Seite Roms zu schlagen

Exkurs: Die Schwarz-Weiß-Darstellung, es habe sich beim Jüdischen Krieg um einen Unabhängigeitskampf gegen das übermächtige Rom gehandelt, widerspricht den historischen Überlieferungen; vielmehr war es vor allem ein innerjüdischer Konflikt, in den Rom als Besatzungsmacht hineingezogen wurde. Trotzdem trug sich in der Nacht des 14. Mai 1948 Bemerkenswertes zu: Unter dem antiken Titusbogen in Rom – der unter anderem an den Triumph über die Juden erinnern soll – versammelten sich Mitglieder der jüdischen Gemeinde und riefen aus Anlass der Gründung des Staates Israel: „Rom ist vergangen, Israel gibt es immer noch!“ Darüberhinaus wurde der Titusbogen in jüngerer Vergangenheit mehrmals mit hebräischen Graffiti beschmiert und Reliefs mutwillig beschädigt.  

Gekommen um zu bleiben

Noch recht lange ließe sich die obige Aufzählung von all den kriegerischen Ereignissen fortsetzen, die dazu führten, dass die jüdische Gemeinde Roms im Laufe der Zeit immer mehr anwuchs. Bemerkenswert daran ist freilich, dass dieser demographische Aufwärtstrend selbst dann anhielt, wenn gegen die stadtrömische Juden harte Zwangsmaßnahmen erlassen wurden.
Zwar genossen die im Römischen Reich lebenden Juden seit Gaius Julius Caesar eine relativ gesicherte Rechtsstellung (es waren nämlich Juden unter Herodes‘ Vater Antipater, die Caesar 48 v. Chr. in Alexandria aus einer brenzligen Situation retteten) – doch galten sie Zeitgenossen, nicht zuletzt aufgrund ihrer monotheistischen Vorstellungen, nie als völlig in die römische Gesellschaft integriert; man hielt sie vielmehr für eigenbrötlerisch und nur mäßig assimilierungsfreudig. Beispielsweise meinte Philostratos noch im späten 2. Jahrhundert:

Die Juden sind uns in ihrem Wesen ferner als Susa, Baktra (Anm.: beides liegt in Persien) und die Inder. Denn sie teilen unser Leben nicht und teilen mit anderen Menschen weder Mahlzeiten noch Verträge, weder Gebete noch Opfer.
Philostratos, Vita Ap. 5,33

Auch dürfte der Umstand, dass die Juden vom Militärdienst befreit waren – bei ihrer gleichzeitigen Einbindung in die staatliche Getreideversorgung – zusätzliche Animositäten auf Seiten der römischen Mehrheitsbevölkerung hervorgerufen haben.
Unter Tiberius scheint es dann zum ersten Mal in der Stadt Rom ‚geknallt‘ zu haben. Im Jahr 19 n. Chr. ging er gegen die Anhänger ägyptischer Kulte und gegen das Judentum vor: Es wurde die Anordnung erlassen, Kultgegenstände und Priestergewänder der entsprechenden Religionen zu verbrennen. Außerdem verurteilte man eine große Anzahl jüngerer Juden zum Kriegsdienst in wenig angenehmen Provinzen. Der große Rest der jüdischen Gemeinde wurde kollektiv aus Rom verbannt. Wobei davon ausgegangen werden kann, dass diese Verbannung von vielen entweder nicht oder nur vorübergehend befolgt wurde. Anderenfalls hätte sich Kaiser Claudius gut zwei Jahrzehnte später nicht veranlasst gesehen, kurz nach seinem Herrschaftsantritt ein Versammlungsverbot über die stadtrömischen Juden  zu verhängen, die noch wegen gewissen Anordnungen von Claudius‘ Vorgänger Caligula verärgert waren.
Rund 8 Jahre später gab die jüdischen Gemeinde Roms erneut Anlass zum Einschreiten der Staatsmacht, als nämlich zum ersten Mal Christen bzw. Judenchristen in Erscheinung traten und wohl auch innerhalb von Synagogen für ihre Glaubensvorstellungen – die noch sehr stark jüdisch geprägt waren – (über)eifrig warben. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Synagogenvorsteher diese Umtriebe beim Kaiser bzw. seinen Beamten anzeigten. Der Grund hierfür: Claudius hatte – wie seine Vorgänger im Herrscheramt – den Juden zwar die freie Religionsausübung gewährt, allerdings nur unter der ausdrücklichen Auflage, dass sie sich mit ihren althergebrachten Rechten und ihrer bisherigen Lebensweise zufrieden geben. Anderenfalls wolle er sie „wie eine Krankheit bekämpfen“. Im Angesicht dessen könnten traditionelle Juden der Meinung gewesen sein, Judenchristen (ein moderner Begriff) würden mit ihren revolutionären Vorstellungen vom staatlich vorgegebenen Pfad der Tugend abweichen, sodass sie Anzuschwärzen nicht schaden könne. Claudius ließ daraufhin tatsächlich den harten Kern der problematischen jüdischen Elemente aus der Stadt werfen.
Diese Ausweisungen des Claudius dürften die traditionelle jüdische Gemeinde nicht wesentlich geschwächt haben. Anders wird sich die Situation aber bei den Judenchristen dargestellt haben. Aufgrund des Aderlasses stellten nun bald jene Anhänger der christlichen Lehrer die Mehrheit, welche ihre Wurzeln nicht im Judentum hatten, sondern in anderen antiken Religionen. Für die weitere Entwicklung des Christentums ist das von immenser Bedeutung, da der Graben zum Judentum dadurch deutlich vertieft wurde. Aus einer jüdischen Sekte entwickelte sich jetzt eine eigenständige Religion.

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Quellen / Weiterführende Literatur:

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Hörbares: Der Streit um die Ethik im Denkmalschutz — Denkmalschutz in Hessen läuft Amok — Indiana Jones und Archäologen im Film — Elfenbeinschnitzereien der Vorgeschichte — Römische Töpferwerkstätten


Streit um Grabungsstopp im UNESCO-Welterbe Grube Messel | Spieldauer 5 Minuten | DF | Direkter Download
Der präpotente Beamtenapparat des hessischen Landesamts für Denkmalpflege läuft, besoffen von seinen Machtbefugnissen, gerade Amok und sperrt unzählige Fossiliensucher und Wissenschaftler quasi von einem Tag auf den anderen aus der stillgelegten Ölschiefergrube Messel aus; zum Schaden des Wissenschaftstandorts Deutschland. Blödheit hat viele Erscheinungsformen, das ist eine davon.

„Unverantwortlich, gar unmoralisch?“ – Der Streit um die Ethik im Denkmalschutz | Spieldauer 45 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download

Elfenbeinschnitzereien der Vorgeschichte von der Alb | Spieldauer 15 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download
Ausgrabungen in der Eifel: Römische Töpferwerkstätten | Spieldauer 5 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download
Indiana Jones wird 75: Archäologen im Film | Spieldauer 7 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download
Ein nicht uninteressantes Thema. Kürzlich bin ich nämlich zufällig über eine deutsche Seifenoper gestolpert (wie die heißt, habe ich vergessen) in der es am Rande irgendwie auch um Archäologie geht. Allerdings musste ich schon schmunzeln, wie da die Schauspieler hölzern ein bisschen Archäologenvokabular austauschten. Immerhin, man scheint jemanden vom Fach als Berater eingestellt zu haben.

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Buch: Der Triumph – Siegesfeiern im antiken Rom

Triumphzüge gehören bis in unsere Gegenwart zu den bekanntesten Aspekten der römischen Antike. Doch wo liegen ihre historischen Ursprünge? Wie darf man sich den Ablauf dieser von Zeitzeugen als bombastisch beschriebenen religiös-militärischen Siegesfeiern vorstellen? Und was erzählen uns die Darstellungen auf Triumph- bzw. Ehrenbögen – wie beispielsweise jenen des Titus und Septimius Severus?
Diesen und weiteren Fragen geht Ritchie Pogorzelski in seinem Buch Der Triumph – Siegesfeiern im Antiken Rom – Ihre Dokumentation auf Ehrenbögen in Farbe mit viel Liebe zum Detail nach. Dabei zitiert der Autor ausgiebig antike Geschichtsschreiber wie Plutarch, Cassius Dio, Sueton usw.
Besonders hervorzuheben ist der Umstand, dass die erörterten Reliefdarstellungen der im Buch behandelten Bauten eingefärbt wurden (siehe Cover). Erst durch diese wichtige Annäherung an die antiken Originale werden  die dargestellten Szenen in vollem Umfang verständlich.
Sinnvollerweise beschreibt Ritchie Pogorzelski in Grundzügen auch gleich jene naturwissenschaftlichen Methoden, die bei der Suche nach mikroskopisch kleinen Farbanhaftungen auf antiken Bau- und Bildwerken zum Einsatz kommen. Weiters wird kurz die entsprechende Forschungsgeschichte betrachtet – ein wichtiger Punkt, da hierdurch ersichtlich wird, warum lange Zeit die irrige Meinung vorherrschte, die antike Architektur sei – von Wandmalereien abgesehen – vergleichsweise farblos gewesen; und das obwohl der Forschung doch bereits früh bekannt war, dass aus überlieferten Schriftzeugnissen klar hervorgeht, wie wenig Anklang etwa blanke Marmorstatuen in der Antike fanden.
Nach dem Betrachten der vielen farbenfrohen Abbildungen in diesem Buch dürften die meisten Leser sehr ähnliche Empfindungen.

Fazit: Eine ausführliche, äußerst detailreiche und auch für Laien leicht verständliche Monographie. Der Kaufpreis beträgt 29 Euro.

Inhaltsverzeichnis (gekürzt)

Einleitung
Der Einsatz von Farbe in der Kunst
Der römische Triumph
– Herkunft
– Beschreibung von Triumphzügen
– Der Triumphator
– Die Entwicklung
– Organisation
– Der Weg des Triumphzuges
– Das Opfer
– Die Kriegsbeute
Außerordenltiche Feiern
triumphus in Monte Albano
– Die ovatio
– Der Seetriumph
– Die ornamenta triumphalia
– Triumphähnliche Prozessionen
Der Ehrenbogen / Triumphbogen
– Der Augustusbogen in Susa
– Der Stadtgründungsbogen in Orange
– Der Titusbogen in Rom
– Der Traiansbogen in Benevent
– Der Bogen des Hadrian?
– Der Bogen des Marcus Aurelius in Rom
– Der Septimius-Severus-Bogen in Rom
– Der Septimius-Severus-Bogen in Leptis Mgana
– Die Valle Medici- und Valle Capranica-Reliefs
– Der Galierusbogen in Thessaloniki
– Der Konstantinsbogen in Rom
Schlussbetrachtung – Pietät und politische Propaganda
Glossar
Literatur
Abbildungsnachweis

—————–

Weiterführende Informationen:

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Buch: Der Triumph – Siegesfeiern im antiken Rom

Triumphzüge gehören bis in unsere Gegenwart zu den bekanntesten Aspekten der römischen Antike. Doch wo liegen ihre historischen Ursprünge? Wie darf man sich den Ablauf dieser von Zeitzeugen als bombastisch beschriebenen religiös-militärischen Siegesfeiern vorstellen? Und was erzählen uns die Darstellungen auf Triumph- bzw. Ehrenbögen – wie beispielsweise jenen des Titus und Septimius Severus?
Diesen und weiteren Fragen geht Ritchie Pogorzelski in seinem Buch Der Triumph – Siegesfeiern im Antiken Rom – Ihre Dokumentation auf Ehrenbögen in Farbe mit viel Liebe zum Detail nach. Dabei zitiert der Autor ausgiebig antike Geschichtsschreiber wie Plutarch, Cassius Dio, Sueton usw.
Besonders hervorzuheben ist der Umstand, dass die erörterten Reliefdarstellungen der im Buch behandelten Bauten eingefärbt wurden (siehe Cover). Erst durch diese wichtige Annäherung an die antiken Originale werden  die dargestellten Szenen in vollem Umfang verständlich.
Sinnvollerweise beschreibt Ritchie Pogorzelski in Grundzügen auch gleich jene naturwissenschaftlichen Methoden, die bei der Suche nach mikroskopisch kleinen Farbanhaftungen auf antiken Bau- und Bildwerken zum Einsatz kommen. Weiters wird kurz die entsprechende Forschungsgeschichte betrachtet – ein wichtiger Punkt, da hierdurch ersichtlich wird, warum lange Zeit die irrige Meinung vorherrschte, die antike Architektur sei – von Wandmalereien abgesehen – vergleichsweise farblos gewesen; und das obwohl der Forschung doch bereits früh bekannt war, dass aus überlieferten Schriftzeugnissen klar hervorgeht, wie wenig Anklang etwa blanke Marmorstatuen in der Antike fanden.
Nach dem Betrachten der vielen farbenfrohen Abbildungen in diesem Buch dürften die meisten Leser sehr ähnliche Empfindungen.

Fazit: Eine ausführliche, äußerst detailreiche und auch für Laien leicht verständliche Monographie. Der Kaufpreis beträgt 29 Euro.

Inhaltsverzeichnis (gekürzt)

Einleitung
Der Einsatz von Farbe in der Kunst
Der römische Triumph
– Herkunft
– Beschreibung von Triumphzügen
– Der Triumphator
– Die Entwicklung
– Organisation
– Der Weg des Triumphzuges
– Das Opfer
– Die Kriegsbeute
Außerordenltiche Feiern
triumphus in Monte Albano
– Die ovatio
– Der Seetriumph
– Die ornamenta triumphalia
– Triumphähnliche Prozessionen
Der Ehrenbogen / Triumphbogen
– Der Augustusbogen in Susa
– Der Stadtgründungsbogen in Orange
– Der Titusbogen in Rom
– Der Traiansbogen in Benevent
– Der Bogen des Hadrian?
– Der Bogen des Marcus Aurelius in Rom
– Der Septimius-Severus-Bogen in Rom
– Der Septimius-Severus-Bogen in Leptis Mgana
– Die Valle Medici- und Valle Capranica-Reliefs
– Der Galierusbogen in Thessaloniki
– Der Konstantinsbogen in Rom
Schlussbetrachtung – Pietät und politische Propaganda
Glossar
Literatur
Abbildungsnachweis

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Krimskrams: Die prekäre Museumspädagogik des Campus Galli — ‚Kugelsichere‘ Westen in der Antike

Die prekäre Museumspädagogik des Campus Galli 
Schüler bastelten im Unterricht zusammen mit ihrer Religionslehrerin ein Modell des auf dem sogenannten St. Galler Klosterplan dargestellten Klosters und übergaben es dem Töpfer der Mittelalterbaustelle Campus Galli, berichtet der Südkurier: Klick mich
So weit, so langweilig. Interessanter sind da schon die Auskünfte, die besagter Töpfer den Schülern bei ihrem Besucht erteilt haben soll. Der Klosterplan von St. Gallen, der ja mehr oder weniger als Vorlage für den Campus Galli dient, sei ein „Idealplan“ gewesen, der auf genau diese Weise nie umgesetzt wurde.
Ein Idealplan, ach wirklich? Und warum schreibt dann ausgerechnet der ‚Hüter‘ besagten Plans, der St. Galler Stiftsbibliothekar Cornel Dora – welcher übrigens im wissenschaftlichen Beirat des Campus Galli sitzt – in seiner Publikation Im Paradies des Alphabetes folgendes?
Bis heute bleibt offen, ob der Plan tatsächlich als Bauzeichnung gedacht war oder doch eher nur ein Konzept oder gar nur als eine Art Spiel […]. Klar ist hingegen, dass er nicht die Kopie eines Idealplans war. Dafür sind zu viele Korrekturen und direkte Bezüge zu St. Gallen sichtbar. Es handelt sich um eine spezifisch für St. Gallen angefertigte Architekturzeichnung mit Konzeptcharakter.
Dora gibt übrigens als Quelle für seine Aussage eine Publikation von Barbara Schedl aus dem Jahr 2014 an. Lustigerweise sitzt auch Frau Schedl im wissenschaftlichen Beirat des Campus Galli. Demnach darf eigentlich zwingend davon ausgegangen werden, dass den Verantwortlichen bekannt ist, dass der St. Galler Klosterplan nach aktuellem Forschungsstand ausdrücklich nicht mehr als Idealplan betrachtet wird.
Die offensichtliche Unwissenheit des Campus-Galli-Töpfers ist daher mehr als nur befremdlich. Noch dazu handelt es sich bei dem Herren um einen gelernten Mittelalterarchäologen. Was für ein Armutszeugnis also, dass ausgerechnet er den kindlichen Besuchern grob falsche bzw. überholte Informationen vorsetzt. Dieses Beispiel verdeutlicht freilich zum wiederholten Mal, wie prekär es um die Museumspädagogik dieses schludrig umgesetzten Projekts nach wie vor bestellt ist. 
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‚Kugelsichere‘ Westen in der Antike – oder: Der erstaunliche Brustpanzer des Demetrios Poliorketes


Demetrios Poliorketes – was soviel wie „Demetrios der Städtebelagerer“ heißt (vielleicht eine Anspielung auf Zeus, der als Beschützer der Städte galt) war sicher einer der interessantesten Diadochen-Herrscher. Zeit seines Lebens führte er mit wechselndem Erfolg Krieg und eroberte sich nicht zuletzt wegen seinen gewaltigen Kriegsmaschinen einen Platz in der Geschichte.
Weniger bekannt, aber mindestens ebenso interessant ist eine Überlieferung Plutarchs, wonach Demetrios einen erstaunlichen Brustpanzer besessen haben soll, der quasi das antike Äquivalent zu einer modernen kugelsicheren Weste darstellte:
Für diesen Krieg (Anm.: gegen Rhodos) wurden ihm zwei eiserne Panzer aus Kypros geschickt, jeder vierzig Minen schwer (Anm.: rund 17 kg). Um Stärke und Festigkeit zu beweisen, ließ der Hersteller Zoilos aus 20 Metern Entfernung einen Katapultpfeil auf den Panzer abschießen, der dabei unverletzt blieb, von einer leichten Schramme abgesehen, wie von einem Schreibgriffel.
Diesen Panzer trug Demetrios selbst, den anderen der Epirot Alkimos, einer der stärksten und waffentüchtigsten seiner Leute, der alleine eine zwei Talente schwere Rüstung trug (Anm.: ca. 52 kg), während die aller anderen ein Talent wog.
Plutarch, Demetrios 21

Es handelt sich hier wohl um Glockenpanzer (Harnisch, Brustpanzer), die mittels spezieller Wärmebehandlung gehärtet worden waren. Dass Plutarch die Widerstandskraft dieser Rüstung eine Erwähnung wert ist, deutet darauf hin, dass es sich hierbei um etwas ganz besonderes handelte. Der Hersteller könnte demnach seiner Zeit schmiedetechnisch deutlich voraus gewesen sein.

Mir persönlich sind Brustpanzer aus dem 16. Jh. bekannt, die tatsächlich in der Lage waren, eine Musketenkugel aufzuhalten; das Plattner-Handerwerk hatte zu dieser Zeit seinen Höhepunkt erreicht. Ich weiß allerdings nicht, inwieweit eine Musketenkugel mit einem „Katapultpfeil“ (Bolzen aus einem Torsionsgeschütz?) vergleichbar ist. Die Angaben von Plutarch sind hier einfach zu dürftig. 

Ab urbe condita, 29. Buch: Der 2. Punische Krieg geht in seine Endphase

Der antike Autor Titus Livius schildert in den Büchern 21 bis 30 den 2. Punischen Krieg (218 – 201 v. Chr.) zwischen Rom und Karthago. Das vorliegende 29. Buch umfasst den Zeitraum von 204 – 205 v. Chr. Zu den zentralen Geschehnissen zählen hier u.a. die Vorbereitungen des Scipio Africanus für seine Invasion des karthagischen Kernlandes in Nordafrika, die skandalösen Vorgänge in der zu Rom übergelaufenen Stadt Locri, die Überfahrt des Scipio Africanus nach Afrika mit einer großen Flotte sowie seine ersten militärischen Aktionen gegen die Stadt Karthago und ihre Verbündeten.
Hannibal hat seinen Zenit längst überschritten und es wird deutlich, dass er sich in der nun eintretenden Endphase des Krieges zunehmend gezwungen sieht, auf die Schachzüge Roms zu reagieren, anstatt selbst die Initiative ergreifen zu können. 
Wie man es von Livius kennt, neigt er dazu, die römische Sichtweise zu vertreten, allerdings scheut er auch nicht davor zurück, seinesgleichen scharf zu kritisieren; etwa im Fall des Legaten Pleminius, der in Locri (Calabrien) mit äußerster Brutalität gegen die eigentlich romfreundlichen Einwohner vorging – was nicht nur zu einem Aufstand unter einigen seiner Offiziere und Soldaten führte, sondern auch in Rom selbst politischen Ärger heraufbeschwor, da der direkte Vorgesetzte des Pleminius, Scipio Africanus, durch seine relative Untätigkeit in Bezug auf diesen Skandal politischen Gegnern eine Möglichkeit gab, gegen ihn selbst vorzugehen (siehe meinen Blogbeitrag dazu). Es hat scheinbar nicht viel gefehlt, und der begabte Militär Scipio wäre seines Kommandos enthoben worden, was den weiteren Verlauf des Krieges sehr zu Ungunsten Roms hätte beeinflussen können. Doch es kam nicht dazu und Hannibal wurde in der Schlacht bei Zama von Scipio besiegt. Diese Ereignisse werden jedoch erst im 30. Buch geschildert, das mittlerweile auch schon erhältlich ist.
Die Übersetzung stammt von Ursula Blank-Sangmeister, welche es sehr gut versteht, den alten lateinischen Text in ein allgemein verständliches und angenehm zu lesendes Deutsch zu übertragen. Neben dem modernen Schreibstil sind auch die unzähligen erklärenden Endnoten positiv hervorzuheben. Besonders nützlich erscheint mir außerdem die Inhaltsübersicht, in der die wichtigsten Ereignisse chronologisch bzw. nach Kapiteln geordnet zu finden sind. 

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Römisches Landgut zu verkaufen

Es erscheint uns heute ja schon ein wenig verwunderlich, dass der Grundbesitz der römischen Oberschicht oft außerordentlich weit verstreut lag. Beispielsweise ist bekannt, dass Cicero über Landgüter bei Arpinum, Tusculum, Pompeji, Cumae usw. verfügte. Wollte er nach dem Rechten sehen, musste er oft tage- oder gar wochenlange Reisen in Kauf nehmen, um von einer Villa rustica zur nächsten zu gelangen. Warum also konzentrierten Cicero und viele seiner wohlhabenden Standesgenossen ihren Besitz nicht nach Möglichkeit an ein bis zwei zentralen Orten? 
Eine Antwort auf diese Frage liefert Plinius der Jüngere. In einem aufschlussreichen Brief an seinen Jugendfreund und ‚Finanzberater‘ Calvisius Rufus berichtet er von der Möglichkeit, für drei Millionen Sesterzen ein stattliches Landgut zu erwerben, das sich in direkter Nachbarschaft zu seinem eigenen befindet. Doch er ist unsicher, ob ein Kauf klug wäre:

[…] An ihm (Anm.: dem zum Verkauf stehenden Landgut) reizt mich vieles; anderes – und zwar nicht weniger Wichtiges – schreckt mich ab.
Es reizt das schöne Gefühl, meine Ländereien abzurunden; dann – was ebenso nützlich wie angenehm ist – beide mit der selben Mühe und demselben Reisegeld zu besuchen, beide unter demselben Oberaufseher und beinahe demselben Verwalter zu haben, das eine Landhaus zu bewohnen und auszuschmücken, das andere nur zu unterhalten.
In dieser Rechnung sind auch die Kosten für das Geschirr, für Hausmeister, Gärtner, Handwerker und auch für das Jagdgerät; es kommt sehr darauf an, ob man dies alles an einem Ort beisammen hat oder auf verschiedene verteilt.
Andererseits fürchte ich, es könnte unbesonnen sein, einen so großen Besitz denselben Witterungsbedingungen und Zufällen auszusetzen; es erscheint sicherer, der Unbeständigkeit des Schicksals durch unterschiedliche Örtlichkeiten der Güter zu begegnen.
Auch ein Wechsel von Landschaft und Klima sowie gerade das Hin- und Herreisen zwischen den eigenen Gütern ist mit viel Annehmlichkeiten verbunden. […]. Plinius, Epiustulae, 3. Buch, 19. Brief)

Fassen wir abschließend kurz zusammen, was nach Ansicht des Plinius für bzw. gegen die Konzentration von Landbesitz spricht.

Pro: 

  • Weniger Reisekosten und Mühen (geringerer Zeitaufwand beim Inspizieren der Besitzungen)
  • Ersparnisse in Form geringerer Unterhaltskosten für Gebäude, Personal und Gerätschaften
Kontra:

  • Dieselben Witterungsbedinugungen und somit fehlende Risikostreuung. Selbst nur lokal auftretende Unwetter oder Trockenheiten konnten sich vergleichsweise stark auf die Gesamteinnahmen auswirken, wenn Landbesitz allzu stark an nur wenigen Orten konzentriert wurde (auch Kriege oder Sklavenaufstände zählten selbstverständlich zu den Risiken – vor allem zur Zeit der späten Republik)
  • Wer (z.B. beruflich) viel in Italien umherreisen musste, konnte nicht die Annehmlichkeiten nutzen, die eigene weit verstreute Güter boten; man war in diesem Fall auf wanzenverseuchte Herbergen angewiesen. Bestenfalls bestand noch die Möglichkeit, bei Freunden oder Verwandten unterzukommen (Stichwort hospitium) – wobei auch hier gilt: Je verstreuter deren Besitzungen waren, umso eher bekam man die Gelegenheit, sie als Nachtquartier zu nutzen.
  • Keine der jeweiligen Jahreszeit (oder sonstigen Bedürfnissen) entsprechende Auswahl an geeigneten Örtlichkeiten zum Urlauben und Entspannen. Viele wohlhabenden Römer zogen nämlich im Sommer in die Berge (wie auch heute noch der Papst), während man im Frühjahr und Herbst gerne Zeit am Meer verbrachte; besonders beliebt war hierbei der Golf von Neapel mit den Orten Baiae, Herculaneum, Pompeji, Oplontis usw.
Übrigens: Ob Plinius der Jüngere das besagte Landgut schlussendlich gekauft hat, ist leider nicht überliefert.
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Weiterführende Literatur:


Weitere interessante Themen:

Krimskrams: Danke Kunsthaus Graz — Ausgefallene Hobbys hellenistischer Herrscher– usw.

Die ausgefallenen Hobbys hellenistischer Herrscher

Plutarch gibt in seiner Biographie des Diadochen Demetrios Poliorketes – der als Konstrukteur/Auftraggeber gewaltiger Kriegsmaschinen wie der Helepolis (Stadtnehmerin) in die Geschichte einging – einen interessanten Einblick in die Freizeitgestaltung hellenistischer Herrscher. Offensichtlich gaben sich nicht alle primär der Jagd und Gelagen hin, wie man vorschnell annehmen könnte:

Denn wohlbegabt und erfinderisch, wie Demetrios war, verwendete er seinen Sinn für das Technische – nicht auf Spielereien und nutzlosen Zeitvertreib wie andere Könige, die Flöte spielten malten oder sich mit getriebenen Arbeiten beschäftigten. Der Makedone Aeropas machte nämlich meistens, wenn er nichts zu tun hatte, kleine Tische und Leuchter; Attalos Philometor zog in seinem Garten Arzneipflanzen, nicht nur Bilsenkraut und Nieswurz, sondern auch Schierling, Fingerhut und Doryknion; er säte und pflanzte sie selbst im königlichen Palast und hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ihre Früchte und Säfte zu kennen und zur rechten Zeit zu gewinnen. 
Plutarch, Demetrios 20

Übrigens, Demetrios Poliorketes soll auch einen bemerkenswerten Brustpanzer besessen haben. Dazu nächste Woche mehr.

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Danke Kunsthaus Graz!

Ach wie schön, das Kunsthaus Graz (💩) hat es nach Jahren relativer Ruhe wieder einmal (unfreiwillig) geschafft, meine Geburtsstadt einem großen, internationalen Publikum bekannt zu machen. Und zwar dank eines aktuellen Videos mit dem schönen Titel: Why Modern Architecture Sucks: Zum Video
(danke auch für den Hinweis)

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Den Löffel abgegeben

Der Monitor meines Desktop-PCs hat urplötzlich den Geist aufgegeben. Er ließ sich einfach nicht mehr einschalten. Wahrscheinlich hat das interne Netzteil versagt, denn es knistert nicht einmal mehr, wenn ich das Stromkabel in die Buchse am Monitor stecke. 
Naja, mit über 6 Jahren hat das Gerät eh schon einige Jahre auf dem Buckel gehabt und insgesamt zwei PCs überlebt. Der neue Bildschirm, der noch am selben Tag bestellt wurde (nachdem ich mich stundenlang durch Monitor-Reviews gelesen habe), wird in den kommenden Tagen geliefert. Bis dahin arbeite und blogge ich mit meinem Surface-Tablett von Winzigweich, dessen Kauf sich jetzt zum ersten Mal richtig bezahlt macht …

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Buch: Kleine Einführung in die Altertumswissenschaft

„Kleine Einführung in die Antike Altertums-wissenschaft“ (Verlag J. B. Metzler) lautet der Titel des neben abgebildeten Buchs von Mary Beard und John Henderson. 
Darin wollen die beiden Autoren anhand des in Griechenland liegenden Apollontempels von Bassai (Bassae) einen möglichst repräsentativen bzw. anschaulichen Einblick in die Altertumswissenschaft geben: Wo liegen Ihre Ursprünge? Was bewog und bewegt Menschen, sich mit der Antike zu beschäftigen? Welchen Einfluss hat die Altertumswissenschaft auf unser Weltbild – und umgekehrt? Usw. usf.
Hervorzuheben ist, dass hier dem Leser ein recht guter Eindruck bezüglich der (Un-)Verlässlichkeit alter Schriftquellen vermittelt wird (Stichwort Quellenkritik). So stellen beispielsweise die vom antiken Reiseschriftsteller Pausanias verfassten Beschreibungen des Apollontempels von Bassai nach aktuellem Forschungsstand eine Mischung aus interessanten Tatsachen und blühender Fantasie dar: Von Iktinos, jenem Architekten, der auch für den berühmten Parthenon in Athen verantwortlich war, sei er einst gebaut worden. Das weckte bei den Gelehrten des frühen 19. Jahrhunderts hohe Erwartungen, die z.T. bitter enttäuscht wurden, nachdem man zum ersten Mal den nach London verschifften Tempelfries zu Gesicht bekam.
Womit ich auch schon beim ersten Punkt angelangt wäre, der mir hier weniger gut gefällt: Das Buch liest sich zwar recht angenehm, doch mit der Strukturierung des Inhalts habe ich so meine Probleme. Man hüpft mal dahin, mal dorthin – und kaum wird es spannend, lässt man das entsprechende Thema auch schon wieder fallen. Wie etwa wenn es um das ‚Plündern‘ antiker Tempel-Überreste im frühen 19. Jahrhundert durch intellektuelle Abenteurer aus Europa geht.
Außerdem empfand ich es als ein wenig ermüdend, dass auf dem nicht gerade aufregenden Thema Antikenrezeption relativ ausführlich herumgeritten wurde. Hier hätte ich mir eine etwas andere Gewichtung gewünscht.
Und was mag sich die Übersetzerin bei Formulierungen wie „Was der Begriff Demokratie eigentlich genau meint […]“ gedacht haben? Um gutes Deutsch handelt es sich hierbei kaum (freilich, mein Deutsch ist in diesem Blog auch nicht immer perfekt, aber ich werde dafür ja auch nicht bezahlt 😉).


Fazit: Kein schlechtes Buch, aber auch keines, das mich vom Hocker gehaut hat. Der Preis von knapp 17 Euro ist jedoch angemessen.

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Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

Hörbares: Museum für Stauferkaiser Friedrich II — Über das Abschreiben als Grundlage unserer Kultur — usw.

Museum für Stauferkaiser Friedrich II. – Im Dauer-Clinch mit der Kirche | Spieldauer 7 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

Georg Friedrich Händel – Gute Geschäfte und ein „Halleluja“ | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download
Georg Philippp Telemann – Der Vielschreiber | Spieldauer 21 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

Tafelmusik | Spieldauer 4 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download
Ich bin ein Kopist – Über das Abschreiben als Grundlage unserer Kultur | Spieldauer 54 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download
Zitat aus der Sendung: „Was wir heute noch von Antiken Autoren kennen, ist dem Abschreiben (in Klöstern) zu verdanken. Wobei nicht alles gleichermaßen beachtet wurde. Ingenieurstechnik interessierte die Mönche offenbar nur wenig. Wie sonst konnte das römische Verfahren zur Betonherstellung einfach in Vergessenheit geraten.“

Nein, mit Verlaub, so unglaublich dämlich können die Sendungsmacher doch nicht sein. Oder glauben sie diesen pauschalisierenden Blödsinn, den sie da verzapfen, tatsächlich? Was ist denn z.B. mit den Werken von Vitruv (De architectura libri decem) und Faventinus (Artis architectonicae privatis usibus adbreviatus liber)? Dort wird die Herstellung des römischen ‚Betons‘ nämlich erläutert. 
Aus Sicht der kopierenden Mönche handelte es sich dabei auch keinesfalls um überflüssiges Wissen; das belegt der Umstand, dass mehrere Abschriften der obigen Bücher überliefert wurden. Außerdem war antikes Ingenieurswissen auch im Mittelalter für den Bau von großen Kirchen und Klöstern unerlässlich. 
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Buch: Die ersten Christen in Rom

Im Buch Die ersten Christen Roms (Palm Verlag) schildert der Theologe Bernd Kollmann die bescheidenen Ursprünge und den steinigen Aufstieg der christlichen Gemeinde im antiken Rom. Der betrachtete Zeitraum erstreckt sich hierbei hauptsächlich von der Herrschaft des Kaisers Tiberius bis zum Pontifikat Leos des Großen im 5. Jahrhundert n. Chr.
Bereits zu Beginn der Ausführungen wird deutlich, dass die Geschichte der allerersten Christen Roms untrennbar mit jener der dort lebenden Juden verbunden ist. Lange wurde nämlich zwischen diesen beiden Gruppen von der römischen Staatsgewalt keine Unterscheidung gemacht; vielmehr galten die Christen in den Augen der Kaiser Tiberius, Caligula und Claudius lediglich als eine weitere jüdische Splittergruppe. Die moderne Forschung spricht hier zurecht von Judenchristen, da diese überwiegend dem Judentum entstammten und sich dessen religiösen Gebräuchen noch sehr stark verpflichtet fühlten; man ließ beispielsweise die Söhne beschneiden und besuchte z.T. weiterhin die Synagoge. Doch nicht zuletzt wegen den mehrfach befohlenen Ausweisungen zigtausender Juden aus Rom – zu denen eben auch Judenchristen gezählt wurden – verschob sich die Zusammensetzung der christlichen Gemeinde zusehends hin zu solchen Christen, die ihre Wurzeln nicht im Judentum, sondern in anderen Religionen, wie etwa dem römischen Staatskult, hatten. Dadurch verloren jüdische Gebräuche – z.B. die Beschneidung – innerhalb des Christentums rasch an Bedeutung. 
Die ersten Christen Roms waren – wie der Autor sehr anschaulich schildert – nicht zentral organisiert, sondern in Hausgemeinden, die oft nur aus wenigen Mitgliedern bestanden und untereinander einen eher lockeren Kontakt pflegten; Gottesdienste wurden vor allem in diesen kleinen, überschaubaren Kreisen gefeiert. Manch interessante Information dazu findet sich im Römerbrief des Paulus, wo sogar die Bezeichnungen mehrerer dieser Hausgemeinden genannt werden.
Neben Paulus, der mit großer Wahrscheinlichkeit selbst Rom besucht hatte, zählt Petrus zu den bedeutendsten Personen des frühen Christentums. An der Frage, ob auch er in Rom war, scheiden sich aber bis heute die Geister. Der (evangelische) Buchautor kommt jedoch aufgrund mehrer Indizien zu dem Schluss, dass die Anwesenheit des Petrus in Rom nicht unwahrscheinlich ist – was wiederum die historische Legitimation der Päpste rettet, da sich diese als Bischöfe Roms in der direkten Nachfolge des Apostels Petrus sehen. 
Die frühen Christen hatten an Problemen keinen Mangel. Neben den Querelen mit ihren jüdischen Konkurrenten wandte sich unter Kaiser Nero plötzlich auch die römische Staatsmacht gezielt gegen sie. Nach dem Brand von Rom, den man ihnen in die Schuhe schob, kam es zu den ersten großangelegten Christenverfolgungen in der Geschichte. Diese endeten mit der Hinrichtung von Tausenden. Zwar erließ Nero interessanterweise kein gezielt gegen Christen gerichtetes Gesetz, allerdings hatte er mit den von ihm angeordneten Hinrichtungen einen bösen Präzedenzfall geschaffen, der noch bis ins frühe 4. Jahrhundert unzählige Male Nachahmung finden sollte.
Neben äußeren Feinden waren es zusehends interne Auseinandersetzungen, welche die Christen Roms auf die Probe stellten. Immer wieder wurden Gegenkirchen gegründet, die zum Teil einen immensen Zulauf hatten. Mehrere der abweichlerischen Kirchengründer, die recht unterschiedliche Vorstellungen vom einzig wahren Christentum hatten, werden vom Buchautor näher unter die Lupe genommen. Darunter Markion, Donatus, Arius, Nestor, Eutyches usw. Spannend fand ich dabei, wie auch die Vertreter der noch schwachen Mainstream-Kirche (eine ‚Amtskirche‘ gab es damals noch nicht) ihre Ansichten in Streitfragen immer wieder änderten. Das frühe Christentum, das wird dem Leser klar, war eine vergleichsweise pluralistische Religion, in der erst lange und mühsam um eine einheitliche Lehrmeinung gerungen werden musste. Und wer weiß, wohin sich all das hätte entwickeln können, wenn nicht die römische Staatsmacht ab dem 4. Jahrhundert das Christentum zunehmend vereinnahmt hätte.

Fazit: Die ersten Christen in Rom ist ein aus meiner Sicht erstaunlich kurzweiliges Buch. Ein potentiell zähes religiöses Thema wurde hier vom Theologen Bernd Kollmann in abwechslungsreicher, sachlicher, leicht verständlicher und gut strukturierter Form aufbereitet. Man muss kein gläubiger Christ sein, um den reichhaltig illustrierten Schilderungen mit Interesse folgen zu können. 

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Weiterführende Informationen:

Krimskrams: Hiltibolds Kampfstation — Wikipedia-Kritik — Sensation oder Super-Schwindel?

Hiltibolds Kampfstation


Jemand hat mich vor ein paar Tagen in einer E-Mail gelobt, dass ich von meiner „Kampfstation am Schreibtisch aus unermüdlich windige Experimentalarchäologie“ und „drittklassiges Reenactment“ kritisiere.
Ob „unermüdlich“ weiß ich nicht. Es könnte durchaus sein, dass mir beispielsweise die Sache mit dem Campus Galli irgendwann zu blöd wird. Nichtsdestotrotz – über den Zuspruch freue ich mich natürlich. Aber: Wie eine „Kampfstation“ sieht mein Schreibtisch eigentlich nicht aus (siehe Bild). Freilich, eine (leider nicht funktionsfähige) Strahlenpistole liegt immer griffbereit und an der Wand hängen zwei (stumpfe) Rapiere, aber davor braucht sich niemand bedroht fühlen 😊

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Relevanzkriterien und neue Autoren oder: steckt die Wikipedia in einer Sackgasse?

Unter obiger Überschrift erschien im Wiki-Watch-Blog ein Beitrag, in dem es darum geht, warum Wikipedia nicht in der Lage ist, den seit Jahren anhaltenden Autoren-Schwund aufzuhalten: Klick mich

Meine persönliche Erklärung zu diesem Umstand: Die wollen den Autorenschwund eigentlich gar nicht wirksam bekämpfen, sondern sind mit ihrer weltanschaulich ziemlich homogenen Blase, in der sie agieren können, ganz zufrieden. Damit ähneln sie sehr den typischen Mainstreamjournalisten, die, das passt eigentlich perfekt, sich dieser Tage besonders gerne bei Wikipedia informieren; währen umgekehrt die typischen Wikipediahanseln vorzugsweise solche Journalisten/Medien als Quellen heranziehen, deren Weltanschauung sie teilen. So schließt sich der Kreis bzw. kommt zusammen, was zusammenpasst.

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Sensation oder Super-Schwindel?

Die sogenannten Nazca-Linien in Peru wurden einer breiten Öffentlichkeit vor allem aufgrund der Bücher und TV-Dokumentation des Erich von Däniken bekannt. Er und einige seiner Prä-Astronautik Kollegen sehen darin Botschaften an außerirdische Besucher (vereinfacht ausgedrückt). Die arrivierte Wissenschaft teilt diese Meinung nicht.

Nun tut sich in unmittelbarer Nähe der Nazca-Linien wieder etwas in Bezug auf angeblich Außerirdische. Aber unweigerlich stellt sich hier die Frage: Sensation, archäologische Kuriosität oder äußerst aufwendig inszenierter Super-Schwindel? Jeder bilde sich sein eigenes vorläufiges Urteil. Hier ein differenzierter Artikel zu den Entdeckungen (inkl. Videos):  Klick mich

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Video: Mehrere nachgebaute antike Torsionsgeschütze in der Obersteiermark getestet

Video: Mehrere nachgebaute antike Torsionsgeschütze in der Obersteiermark getestet | Spieldauer 3 Minuten | ORF | Stream & Info
Wie viele dieser römischen Geschütze müssen im Sinne der Wissenschaft eigentlich noch rekonstruiert und getestet werden? Pro Jahr kommen mir solche Meldungen nämlich mehrmals auf den Tisch.
Mich erinnert das ein bisschen an den Campus Galli und seine vermeintliche Experimentalarchäologie, die hauptsächlich daraus besteht, das Rad jedesmal neu zu erfinden. Aber vielleicht ist im obigen Fall ja alles anders und lediglich der ORF hat vergessen, von den bahnbrechenden neuen Erkenntnissen zu berichten, die hier gewonnen wurden …
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"… so wird ein schöner Körper desto schöner sein, je weißer er ist." – Über den Mythos der marmorweißen Antike

Ich mach‘ mir die Welt widdewidde wie sie mir gefällt …

Nein, die in der Hauptüberschrift des Blogbeitrages zitierten Worte stammen nicht vom Ku-Klux-Klan 😉, sondern vom Begründer der wissenschaftlichen Archäologie: Dem Kunstschriftsteller Johann Joachim Winckelmann (Bild). Das vollständige Zitat lautet:

„Da nun die weiße Farbe diejenige ist, welche die mehresten Lichtstrahlen zurückschicket, … so wird ein schöner Körper desto schöner sein, je weißer er ist.“
Ganz in der Tradition von Renaissance-Künstlern wie Michelangelo erklärt der im 18. Jh. lebende Winckelmann Weiß bzw. den weißen Marmor zum bildhauerischen und architektonischen Schönheitsideal schlechthin. Damit beeinflusste er nicht nur den damals gerade aufkommenden Klassizismus, sondern auch die Altertumsforschung, welche aufgrund Winckelmanns fachlicher Autorität lange Zeit den Umstand ignorierte, dass Skulpturen und Reliefs in der Antike überwiegend bemalt waren. Dieses Ausblenden von Fakten – aufgrund subjektiven ästhetischen Empfindens – wirkt bis heute in den Köpfen vieler Menschen nach. Abzulesen etwa daran, dass in Sach- und Schulbücher zeichnerisch rekonstruierte Tempel der Antike zumeist unbemalt bleiben. Auch in Spielfilmen huldigt man dergestalt dem überholen und unwissenschaftlichen Ideal des Klassizismus.

Gegenbeweise in antiken Schriftquellen

Archäologische Belege für die Vielfarbigkeit (Polychromie) antiker Bildhauerwerke gibt es etliche. Einiges davon war natürlich auch Winckelmann bekannt und wurde von ihm sogar genau beschrieben, wie etwa eine 1760 in Pompeji entdeckte Statue der Göttin Artemis. Trotzdem redete er sich – zumindest öffentlich – gerne darauf hinaus, dass solche Funde lediglich „barbarisch“ anmutende Ausnahmen seien, die beispielsweise aus der Frühzeit stammen oder den Etruskern zugerechnet werden könnten. Dieser Realitätsverweigerung widersprachen freilich antike Schriftquellen: Z.B. ist von Plinius d. Ä. eine Anekdote über den berühmten griechischen Bildhauer Praxiteles überliefert, der einst auf die Frage, welche seiner marmornen Statuen ihm am besten gefallen, geantwortet haben soll:

„Diejenigen, an die Nikias (ein berühmter Maler) Hand angelegt hat.“ 

Auch der Philosoph Platon spricht in seiner Politeia klar von bemalten Statuen:

„Wie, wenn nun jemand, indem wir [eine Statue] bemalten, herzutreten würde und uns tadelte, dass wir den schönsten Teilen des Körpers nicht auch die schönsten Farben auflegten, weil die Augen, als das Schönste, doch nicht mit Purpur bestrichen wären, sondern mit Schwärze, [wie] wir glauben würden, uns ganz angemessen gegen diesen zu verteidigen, wenn wir sagten: Du Wunderlicher, verlange nur nicht, dass wir so schöne Augen bemalen sollen, dass sie gar nicht mehr als Augen erscheinen, und so auch die anderen Glieder; sondern sieh nur darauf, ob wir bei jedem das Gehörige anbringen und so das Ganze schön machen.“

Und in der Tragödie „Helena“ des Dramatiker Euripides heißt es:

„Mein Leben und mein Schicksal sind ein Grauen. Daran trägt […] meine Schönheit Schuld. Könnt ich die nur vertauschen gegen hässliche Gestalt; so hässlich wie ein Marmorbild mit abgewischten Farben.“



Die Lebenslüge des Klassizismus beginnt zu bröckeln

Spätestens im frühen 19. Jahrhundert ließ sich Winckelmanns wackelige Argumentation von den angeblichen „Ausnahmefällen“ nicht mehr rechtfertigen (auch er selbst dürfte davon in seinen späten Jahren schon nicht mehr restlos überzeugt gewesen sein, wie u.a. private Notizen belegen). Damals kaufte der Kunstagent Johann Martin von Wagner für den bayerischen König Ludwig I. diverse Giebelfiguren des Aphaia-Tempels von Ägina an und entdeckte darauf etliche Farbanhaftungen. Er schrieb darüber:

„Wir wundern uns über diesen scheinbar bizarren Geschmack und beurteilen ihn als eine barbarische Sitte […]. Hätten wir vorerst unsere Augen rein und Vorurteilsfrey, und das Glück zugleich, einen dieser griechischen Tempel in seiner ursprünglichen Vollkommenheit zu sehen, ich wette, wir würden unsere Vorurteile gerne wieder zurücknehmen.“

Damit war sozusagen aus klassizistischer Sicht die Büchse der Pandora geöffnet worden. Von nun an war es kein ‚Tabu‘ mehr, die Polychromie antiker Plastiken gezielt zu erforschen und ausgiebig darüber zu diskutieren. Im Jahr 1830 erschien das erste Werk, das sich explizit mit dieser Thematik beschäftigte – sein Titel: „De l’architecture polychrome chez les grecs“, vom deutsch-französischen Architekten Jacob Ignaz Hittorff. Auch der berühmte Architekt Gottfried Semper verfasste, nachdem er für längere Zeit Griechenland bereist hatte, zwei einschlägige Publikationen: „Vorläufige Bemerkungen über die bemalte Architektur und Plastik bei den Alten“ (1834; Onlineausgabe) und „Über die Anwendung der Farben in der Architektur und Plastik“  (1836).
Doch es dauerte geraume Zeit, bis sich zumindest in Gelehrten- und Künstler-Kreisen die Ansicht endgültig durchsetzte, dass antike Architektur und Bildhauerei nicht monochrom sondern polychrom war. Selbst noch 1868, als in Prima Porta die berühmte gleichnamige Statue des Augustus ausgegraben wurde, reagierte der anwesende Maler Arnold Böcklin regelrecht geschockt, nachdem er feststellte, dass das Kaiserbildnis Spuren von Farbe aufwies. Er soll damals gesagt haben: 

„Der Klassizismus, wie ich ihn kennengelernt habe, ist falsch und unzutreffend.“

Und trotzdem änderte sich in der Praxis wenig. Auch weiterhin wurde in der klassizistischen Architektur zumeist auf Farbe verzichtet. Das Bild von der vermeintlich marmorweißen Ästhetik der Antike hatte sich bereits viel zu sehr in den Köpfen der Intelligenzia festgesetzt.
Freilich, es gab Ausnahmen. So thematisierte beispielsweise der britisch-niederländische Maler Sir Lawrence Alma-Tadema in einigen seiner Gemälde sehr zutreffend die Buntheit der Antike – siehe etwa das nachfolgende Bild.

Wie viel Farbe vertrug die Antike? 

Nachdem für die meisten Gelehrten zweifelsfrei feststand, dass in der gesamten antiken Kunst und Architektur die Vielfarbigkeit einen festen Platz hatte – also auch abseits der ohnehin schon lange bekannten Wandmalereien – begann sich die Debatte zunehmend um die Frage zu drehen, in welchem Ausmaß koloriert wurde (dazu trugen wohl auch Textstellen wie jene von Platon bei, die bereits oben zitiert wurde). Aufgrund des sehr beschränkten naturwissenschaftlichen Methodenapparats des 19. und frühen 20. Jahrhunderts war das keinesfalls leicht zu beantworten. Ja selbst in heutiger Zeit fällt es mitunter schwer. Ein gutes Beispiel dafür ist der (in ein riesiges Zelt verpackte) griechische Apollontempel bei Bassae (Bassai). Einige Forscher vertreten die Meinung, die Platten des Frieses wären ursprünglich komplett in leuchtenden Farben bemalt gewesen. Andere glauben, Farbe sei vor allem zur Hervorhebung wichtiger Details verwendet worden. Und eine dritte Gruppe spricht gar davon, dass nur der Hintergrund mit einer zarten Tünche überzogen war, um die Figuren des Reliefs deutlicher hervortreten zu lassen. Die bisherigen Untersuchungen lassen jedenfalls – wie es heißt – noch keinen eindeutigen Schluss zu. Und das trotz all der modernen technischen Möglichkeiten, mit deren Hilfe Farbanhaftungen auf antiken Objekten bereits in vielen anderen Fällen entdeckt und analysiert wurden.

Wissenschaftliche Methoden der Farbanalyse

➤ Von einiger Bedeutung für die Ermittlung der einstigen Bemalung sind Verwitterungsreliefs. Farben die weniger haltbar sind – wie Ocker – geben relativ frühzeitig den blanken Stein frei, während z.B. Blau und Zinnoberrot besonders lange schützend anhaften. Mittels Streiflicht kann die darauf zurückzuführende unterschiedlich starke Verwitterung der Oberfläche sichtbar gemacht werde. Aus den daraus erlangten Ergebnissen lassen sich wiederum Rückschlüsse auf die ursprünglich verwendeten Farben/Pigmente ziehen (mineralische Farbstoffe sind zumeist beständiger als pflanzliche).
➤ Der Einsatz eines Auflicht-Stereo-Mikroskops dient dem Aufspüren von winzigen Überresten der einstigen Bemalung
➤ Die Zusammensetzung von Farbreste kann unter bestimmten Voraussetzungen mithilfe der Infrarotspektroskopie oder Röntgendiffraktometrie bestimmt werden
➤ Bei Verwendung der sogenannten UV/VIS-Reflexionsspektralphotometrie ist eine Bestimmung der Pigmente und Farbwerte ohne die Entnahme von Proben möglich. Wegweisend auf diesem Gebiet waren entsprechende Untersuchungen, die in den 1960er-Jahren bei Objekten der Münchner Glyptothek durchgeführt wurden

Restbestände klassizistischer Ignoranz

Im Angesicht der aktuellen technischen Möglichkeiten, den eindeutigen Hinweisen in antiken Schriftquellen und der langen Forschungsgeschichte ist es ärgerlich, dass bei der ikonographischen Deutung antiker Werke ihre einstige Bemalung immer noch kaum Berücksichtigung findet.
Auch werden Museumsbesucher nur in Ausnahmefällen darauf hingewiesen, dass manch ausgestelltes Objekte aufgrund des Fehlens jedweder Farbe uns heute einen völlig anderen optischen Eindruck vermittelt als den Menschen der Antike.

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Weiterführende Literatur / Quellen: 

  • Ritchie Pogorzelski | Der Triumph. Siegesfeiern im antiken Rum und ihre Dokumentation auf Ehrenbögen in Farbe | Nünnerich-Asmus | 2016 | Infos bei Amazon
  • Mary Beard | Kleine Einführung in die Altertumswissenschaft |  J.B. Metzler | 2015 | Infos bei Amazon


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Buch: Historien, von Herodot (Neuübersetzung)

Der um 485 v. Chr. geborene Herodotos von Halikarnassos – normalerweise kurz und bündig „Herodot“ genannt – verfasste ein aus neun Büchern bestehendes Geschichtswerk, das heute zu den bedeutendsten Schriftquellen der Antike zählt: Die sogenannten Historien. Ihr mehr oder weniger chronologisch geordneter Inhalt  reicht von der mythischen Zeit der alten Griechen bis zu den Perserkriegen im ersten Drittel des 5. Jahrhunderts (eine übersichtliche Inhaltsangabe findet man hier).
Herodot war ein ‚Wissenwoller‘ (‚wissen wollen‘ ist die eigentliche Bedeutung des griechischen Wortes historein, woher beispielsweise ‚Historie‘ stammt). Auf ausgedehnten Reisen – wie etwa nach Ägypten – lernte er viele fremde Kulturen und deren Besonderheiten kennen. Geschickt verwob er die gewonnenen Informationen in seinem Werk mit Berichten über Herrscher, Schlachten und Politik. 
Auch wenn Herodot nicht gerade den Qualitätsstandards der modernen Geschichtsschreibung gerecht wird, so sind seine Historien aufgrund ihres farbigen Detailreichtums für die Altertumsforschung von unschätzbarem Wert. Ein paar Beispiele: Im 1. Buch wird vom Drogenkonsum der Massageten (ein iranisches Volk) gesprochen, die bestimmte Früchte verbrannten, um den dabei entstehenden Rauch zu inhalieren. An anderer Stelle beschreibt Herodot die Bauweise von Schilden und erzählt von einem bei Ausschachtungsarbeiten entdeckten menschlichen Skelett, das sieben Ellen lang gewesen sein soll (= ca 3,36 m).
Kurz gesagt: Die Historien sind zwar bereits rund 2500 Jahre alt, doch kommt beim Lesen der abwechslungsreichen Schilderungen nur selten Langeweile auf. Zumindest mir ging es so.
Die vorliegende, im Alfred Kröner Verlag erschienene Übersetzung stammt vom Philologen Heinz-Günther Nesselrath. Sie enthält etliche, mitunter recht ausführliche Anmerkungen (Endnoten) und ein Namensregister. Das Deutsch der Übersetzung ist zeitgemäß, allerdings muss ich ich einen Stern abziehen, weil hier, anders als beispielsweise bei der Ausgabe des Reclam Verlages, der griechische Originaltext nicht enthalten ist. Freilich, Reclam hat es andererseits bisher nicht geschafft, alle Teile/Bücher der Historien zu veröffentlichen. Seit dem Jahr 2002 trödelt man herum, sodass trotz dieses langen Zeitraums erst sieben der neun Bücher erhältlich sind. Die von Kröner publizierte Ausgabe ist hingegen vollständig. Auch ist sie mit knapp 28 Euro deutlich günstiger als die beim ‚Wucherer‘ De Gruyter (Sammlung Tusculum) erschienene Gesamtausgabe; zwar ist diese wiederum zweisprachig, aber aus meiner Sicht rechtfertigt das keinesfalls einen Preis von saftigen 110 Euro.
Fazit: Wer den altgriechischen Text nicht zwingend benötigt, der ist mit dieser einsprachigen und modernen Übersetzung bestens bedient. Der verlangte Preis ist für das in Leinen gebundene, mit einem Schutzumschlag versehen Buch sehr gut. 
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Weiterführende Informationen:

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Pfusch am Bau in der Antike: Der römische Ingenieur Nonius Datus und ein (fast) misslungener Aquädukt-Tunnel

An der Küste Algeriens lag in römischer Zeit die Stadt Saldae. Dort war im 2. Jh. n. Chr. von den lokalen Autoritäten der Bau einer Fernwasserleitung beschlossen worden. Aus einem 17 Kilometer (Luftlinie) entfernten Quellgebiet sollte Trinkwasser herangeführt werden. Für die Bewältigung dieser Aufgabe wurde beim Militär um die Entsendung eines geeigneten Bauingenieurs angesucht (was darauf hindeutet, dass derlei Profis vor allem dort, und nicht im zivilen Umfeld zu finden waren). Der Bitte wurde entsprochen und man schickte einen Ingenieur namens Nonius Datus. Dieser begann die Arbeiten zwar, zog sich aber zu einem unbestimmten Zeitpunkt wieder zurück. Wer ihm nachfolgte ist nicht bekannt, doch traten nach einiger Zeit beim Bau eines Tunnels gröbere Probleme auf. Selbst ein Abbruch sämtlicher Bauarbeiten wurde deshalb schon in Betracht gezogen. Und obwohl seit dem Beginn des Aquäduktbaus ca. 15 – 20 Jahre vergangen waren, erinnerte man sich noch an jenen Mann, der ursprünglich Planung und Arbeiten geleitet hatte: Nonius Datus. Der mittlerweile in den Ruhestand getretene Veteran sollte den Karren noch einmal aus dem Dreck ziehen. Darüber berichtet er auf seinem Grabmonument in einer ausführlichen Inschrift, die unter anderem auch den Brief eines römischen Statthalters beinhaltet, wie aus nachfolgender Übersetzung hervorgeht.
Brief des Procurators (Statthalters) Varius Clemens an den Legionslegaten Valerius Etruscus: Sowohl die herrlichste Stadt Saldae als auch ich mit den Salditanern bitten Dich, Herr, dass Du Nonius Datus, Feldmesser und Veteran der Legio III Augusta, aufforderst, nach Saldae zu kommen, um von seinem Werk fertig zu stellen, was noch aussteht.

Nonius Datus: Ich habe mich aufgemacht und bin auf dem Wege unter Räuber geraten; ausgeraubt und verwundet bin ich mit den meinen entronnen; ich bin nach Saldae gekommen und habe den Procurator Clemens aufgesucht. Er hat mich zu dem Berg geführt, wo man über den misslungenen Tunnelbau klagte; man glaubte, ihn aufgeben zu müssen, weil der Vortrieb der beiden Stollen bereits länger ausgeführt war, als der Berg breit war. Es war offensichtlich, dass man mit den Vortrieben von der Trasse abgekommen war; so wie der obere Teil des Tunnels nach rechts, also nach Süden abwich, so ist in ähnlicher Weise der untere Teil ebenfalls nach rechts, also nach Norden abgewichen; beide Baulose haben also die Richtung verfehlt, weil man der Trasse nicht gefolgt war. Die exakte Trassenlinie war aber mit Pfählen von Ost nach West über den Berg abgesteckt worden. Damit aber beim Leser kein Missverständnis bezüglich der Stollen entsteht, wenn es hier ‚oberer‘ und ‚unterer‘ heißt, so ist das so zu verstehen: Mit ‚oberer‘ ist der Teil gemeint, in dem der Tunnel das Wasser aufnimmt, mit ‚unterer‘ der Teil, wo das Wasser wieder herauskommt. Als ich die Arbeiten zuteilte, damit sich jeder darüber im Klaren war, welche Strecken des Vertriebs er aufzufahren hatte, habe ich die Flottensoldaten und die Soldaten aus gallischen Hilfstruppen um die Wette arbeiten lassen (von beiden Seiten her), und so haben sie sich beim Durchstich des Berges getroffen. Ich also war es, der zuerst das Nivellement gemacht und den Bau der Wasserleitung organisiert und in die Wege geleitet hatte nach den Plänen, die ich dem Procurator Petronius Celer gegeben hatte. Das vollendete Bauwerk hat der Procurator Varius Clemens durch die Einleitung des Wassers seiner Bestimmung übergeben. [Die Transportleistung des Aquäduktes beträgt ?] Fünf Scheffel. Damit mein Bemühen um diesen Aquädukt von Saldae deutlicher erscheint, habe ich einige Briefe angefügt […]. 

(CIL 8,1 2728 | Übers.: Klaus Grewe)

Die für die heutige Forschung hochinteressante Grabinschrift deutet darauf hin, dass Nonius Datus sehr daran gelegen war, der Nachwelt nicht als Verantwortlicher für die Schwierigkeiten beim Tunnelbau des Aquädukts von Saldae in Erinnerung zu bleiben. Vielmehr präsentiert er sich – wohl zurecht – als Problemlöser. Da die beiden Bautrupps des im Gegenort-Verfahren geplanten Tunnels aneinander vorbeigegraben hatten (siehe Grafik), ließ Nonius Datus neue Vermessungen vornehmen und eine Querverbindung zwischen den beiden Teilstücken herstellen.
Nach ihrer Fertigstellung war die Fernwasserleitung 21 km lang und transportierte pro Tag ca. 10000 Kubikmeter Wasser. Jener Tunnel, der so ungemein viele Schwierigkeiten bereitet hatte, war 428 Meter lang und lag bis zu 86 Meter unter der Erde.

Misslungener Tunnelbau im Gegenort-Verfahren. Beide Bautrupps wichen unbeabsichtigt vom geplanten Trassenverlauf des unterirdischen Aquädukts von Saldae ab und verfehlten sich.
Keine Rechte vorbehalten, aber um die Nennung der Quelle wird gebeten: HILTIBOLD.Blogspot.com
Dieses Beispiel zeigt, dass selbst die für ihre Bauten auch heute noch berühmten Römer keinesfalls Wunderwuzzis waren, denen keine gröberen Fehler unterliefen. Im Gegenteil, die Bauforschung kennt längst etliche ähnlich gravierende Missgeschicke.

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Weiterführende Literatur:


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Kunstkalender: Römische Fresken

Mal etwas ganz anderes: Römische Fresken sind das Thema eines vom KV&H Verlag vertriebenen Kalenders, den ich kürzlich bei Amazon entdeckt habe.
Auf 12 Blättern (plus Deckblatt) sind ebenso viele Wandmalereien / Fresken dargestellt, die hauptsächlich in den antiken Vesuv-Städten wie Pompeji, Boscoreale, Stabiae usw. von Archäologen ausgegraben wurden. Die Rückseite des Kalenders zeigt eine entsprechende Übersicht zu den einzelnen Motiven, in der u.a. Bezeichnung, Fundort und Datierung genannt werden. 
Wegen des überaus großen Formats von 49 x 68 cm kann man sogar einzelnen Pinselstriche unterscheiden, was mir persönlich sehr gut gefällt.
Die Monate und Tage hat man dezent am unteren Bildrand platziert, wo sie nicht stören bzw. kaum zu erkennen sind (siehe das Übersichtsbild unten). Die Kalenderfunktion stellt daher meiner Ansicht nach eher eine Art Alibi dar, denn so einen Kunstkalender hängt man sich vor allem wegen den schönen Motiven an die Wand (wer das aktuelle Datum wissen möchte, schaut heutzutage ja sowieso meist aufs Handy). Im Prinzip wäre es hier ohne weiteres möglich, die Kalendertage wegzuschneiden und das dadurch kaum beeinträchtigte Bild kostengünstig zu rahmen, um damit eine kahle Wand zu verschönern.
Zum Schluss ein winziger Kritikpunkt, der die Zuordnung der Motive zu den einzelnen Monaten betrifft. Beispielsweise hätte ich den Vogel in üppiger grüner Natur nicht im Winter bzw. Dezember platziert, sondern eher im Frühjahr oder Sommer. Aber das ist wohl auch eine Frage des persönlichen Geschmacks; es gibt nämlich sicher auch den einen oder anderen, der es gerade im Winter gerne grün hat 😊. Der Kaufpreis beträgt knapp 40 Euro.

PS: Mein Wunsch an den Verlag wäre es, auch einen Kalender mit enkaustischen Mumienporträts aus römischer Zeit zu veröffentlichen. In dem Bereich gibt es etliche wunderschöne Darstellungen!

Hörbares: Was Mumien über Diäten verraten — Sabbatruhe seit Antike umstritten — Archäologie in Jordanien — Karl Baedeker


Udo Pollmer: Abnehmen mit Kleopatra – was die Mumien über Diäten verraten | Spieldauer 5 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download


Sabbatruhe seit Antike umstritten: Gespräch mit Bibelforscher Reinhard Achenbach | Spieldauer 10 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download

Jordanien: Endlichkeiten von Kulturen trotzen einem endlosen Konflikt | Spieldauer 18 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download

Steinmetz-Training in Jordanien – Schlagkräftige Kulturhilfe | Spieldauer 5 Minuten | ARD/DF | Stream & Info | Direkter Download
(Off-Topic) Karl Baedeker – Welche Lust gewährt das Reisen | Spieldauer 23 Minuten | ARD/DF | Stream & Info | Direkter Download
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Hörbares: Was Mumien über Diäten verraten — Sabbatruhe seit Antike umstritten — Archäologie in Jordanien — Karl Baedeker


Udo Pollmer: Abnehmen mit Kleopatra – was die Mumien über Diäten verraten | Spieldauer 5 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download


Sabbatruhe seit Antike umstritten: Gespräch mit Bibelforscher Reinhard Achenbach | Spieldauer 10 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download

Jordanien: Endlichkeiten von Kulturen trotzen einem endlosen Konflikt | Spieldauer 18 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download

Steinmetz-Training in Jordanien – Schlagkräftige Kulturhilfe | Spieldauer 5 Minuten | ARD/DF | Stream & Info | Direkter Download
(Off-Topic) Karl Baedeker – Welche Lust gewährt das Reisen | Spieldauer 23 Minuten | ARD/DF | Stream & Info | Direkter Download
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Video: Der Experimentalarchäologe Dominique Görlitz im Gespräch

Ein Leser hat mich auf nachfolgendes Gespräch mit dem bekannten Experimentalarchäologen Dominique Görlitz aufmerksam gemacht, der, wie sein Vorbild Thor Heyerdahl, von einer weit in die Prähistorie zurückreichenden Hochseefahrt überzeugt ist. Zurzeit bereitet er sich auf seine vierte Expedition mit einem großen Schilfboot vor. Ziel ist die nicht ungefährliche Überquerung des Nordatlantiks, um dadurch die Möglichkeit eines frühen vorgeschichtlichen Kulturaustauschs zwischen Europa/Afrika und Amerika zu belegen.
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Videos: Archäologen graben Schmuck in Haithabu aus — Friedhof aus Bajuwarenzeit — Wie gesund ist "Urgetreide"? — Der Mittelalter-Check — Der Römer-Check



Haithabu: Archäologen graben Schmuck aus | Spieldauer 3 Minuten | ARD | Stream & Info

Archäologen entdecken Friedhof aus Bajuwarenzeit | Spieldauer 1 Minuten | ARD | Stream & Info
Der Mittelalter-Check | Spieldauer 24 Minuten | ARD | Stream & Info
(Die Sendung bewegt sich ein wenig auf Kindergartenniveau, aber man ist unter anderem beim Geschichtspark Bärnau-Tachov unterwegs, wo die Zugochsen scheinbar ähnlich gut erzogen sind wie die beim Campus Galli 😄. Der Reporter hatte Glück, dass er nicht ein Huf abbekommen hat …)
Der Römer-Check | Spieldauer 24 Minuten | ARD | Stream & Info
(Gleiches Konzept wie das der obigen Sendung. Wer Lust hat, darf Fehler und Anachronismen zählen 😃)
Wie gesund ist „Urgetreide“? | Spieldauer 24 Minuten | ARD | Stream & Info
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Plinius zu Gast bei einem üblen Geizhals

Zu den wichtigsten Quellen der römischen Antike zählt zweifellos die Briefsammlung von Plinius dem Jüngeren (ca. 61 – 115 n. Chr.). Seine Epistulae decken eine große Bandbreite an Themen ab – wie z.B. Geldangelegenheiten, Naturkatastrophen (Vesuvausbruch im Jahr 79 n. Chr.), Gerichtsprozesse usw. Ja sogar über die Teilnahme an einem Gastmahl berichtet Plinius und gewährt uns damit Einblick in die – aus heutiger Sicht – mitunter recht kuriosen Gepflogenheiten der herrschenden Klasse Roms.
Plinius grüßt seinen Avitus!
Es wäre zu umständlich, weiter auszuholen, und es ist auch unwichtig, wie es dazu kam, dass ich als keineswegs guter Bekannter bei einem Mann speiste, der nach seiner Meinung großzügig und bedachtsam, nach meiner aber geizig und verschwenderisch zugleich war. Denn sich und einigen Wenigen tischte er allerhand köstliche Gerichte auf, den übrigen aber nur billige Speisen und kleine Portionen. Auch den Wein hatte er in drei Sorten in sehr kleinen Flaschen verteilt – nicht, damit man die Möglichkeit habe auszuwählen, sondern damit man nicht das Recht habe abzulehnen; die eine Sorte für sich und uns, eine zweite für geringere Freunde – er hatte nämlich Freunde nach Rangstufen – und eine dritte für seine und unsere Freigelassenen.
Das alles bemerkte mein Tischnachbar und fragte mich, ob ich das billige; ich verneinte es. 
Er fragte daraufhin: „Wie ist es bei dir üblich?“ 
„Ich setze allen dasselbe vor. Denn ich lade zu einem Essen, nicht zu einer Zensur, und in jeder Hinsicht behandle ich die gleich, mit denen ich Tisch und Speisesofa geteilt habe.“
„Auch die Freigelassenen?“
„Ja, denn dann sehe ich sie als Gäste, nicht als Freigelassene an.“
„Das kostet dich aber viel.“
„Keineswegs.“
„Wie ist das möglich?“
„Weil meine Freigelassenen nicht dasselbe trinken wie ich, sondern ich dasselbe wie sie.“ (😄)
Bei Gott, wenn man seine Esslust zügelt, ist es nicht lästig, was man braucht, mit anderen zu teilen. Sie also musst du einschränken, sie gleichsam in Schranken halten, wenn du Kosten sparen willst. Dafür sorgst du viel richtiger durch eigene Enthaltsamkeit als durch Zurücksetzung anderer.
Wozu sage ich dies? Damit dich, einen jungen Mann in besten Anlagen, nicht der Tafelluxus gewisser Leute, die sich unter dem Deckmantel der Sparsamkeit zeigt, beeindruckt. […]. Denke also daran, dass man nichts mehr meiden muss als diese neuartige Verbindung von Verschwendungssucht und Geiz; sind schon beide Laster für sich alleine höchst schändlich, so noch schändlicher, wenn sie sich verbinden.
Lebe wohl!

(Plinus, Epistulae, 2. Buch, 6. Brief)

Plinius hält es offensichtlich für charakterlich fragwürdig und ein Zeichen mangelhafter Umgangsformen, nicht allen geladenen Gästen dieselben Speisen und Getränke zu servieren. Er unterstreicht dies mit der spöttischen Bemerkung, dass er selbst es völlig anders handhabt, da er schließlich zu einem Essen – und nicht etwa zu einer Zensur – einlädt. Womit hier auf den im alten Rom üblichen Vorgang Bezug genommen wird, von Seiten der staatlichen Verwaltung die männlichen Bürger nach ihrem Vermögen bestimmten Klassen zuzuteilen; dies wurde „Zensur“ (censura) genannt.
Plinius meint weiters, die Sitte seine Gäste ungleich zu behandeln sei „neuartig“. Mir stellt sich bei diesem Punkt allerdings die Frage, was genau unter „neuartig“ zu verstehen ist, denn bereits in Quellen, die rund ein halbes Jahrhundert vor Plinius‘ Brief zu datieren sind, gibt es einschlägige Hinweise. So etwa im Schelmenroman Satyricon. An einer Stelle der turbulenten Geschichte bewahren zwei Gäste einen Haussklaven vor der Auspeitschung. Dieser verspricht ihnen daraufhin für das kurz bevorstehende Gastmahl folgendes:

„Ihr werdet bald merken“, sagte er, „an wem ihr eine gute Tat getan habt. Der Wein des Herren ist des Schenken Dank.“

(Petronius, Satyricon 31)
Daraus kann geschlossen werden (sofern die obigen Zeilen nicht nur im übertragenen Sinn zu verstehen sind), dass es bereits damals (zu Neros Zeiten) nicht unüblich war, Gästen – abhängig vom jeweiligen Status – unterschiedliche Weine zu kredenzen. Das ist in diesem speziellen Fall umso wahrscheinlicher, weil die beiden Retter des Sklaven keine Freunde des Hausherren (namens Trimalchio) waren, sondern Wildfremde, die quasi von der Straße weg zum Gastmahl eingeladen wurden.Ein weiteres Beispiel für die Doppelstandards mancher Gastgeber – nun wieder aus der Zeit des Plinius – liefert der Satirendichter Juvenal. Über einen gewissen Virro spottet er:
Den Freunden, die er gering schätzt, wird er recht zweifelhafte Pilze vorsetzen. Der Herr hingegen bekommt Champignons. Natürlich solche, wie sie Claudius aß, bevor ihm seine Frau einen servierte, nachdem er überhaupt nichts mehr aß. Dann lässt sich Virro und seinen Mit-Virronen herrliche Äpfel geben […]. Du aber bekommst einen vergammelten Apfel […]

Juvenal, Satiren 5, 30-38
Lustig ist natürlich, wie sich Plinius selbst als Gastgeber davor schützt, allzu viel für Speisen und Getränke ausgeben zu müssen, ohne dabei gleichzeitig einen Teil seiner Gäste zurückzusetzen bzw. zu kränken: Er gibt einfach allen Anwesenden – auch sich selbst – gleich wenig zu essen sowie den gleichen mittelmäßigen Wein zu trinken. Freilich, so verfuhr er wohl vor allem bei umfangreicheren Banketten. Anderenfalls hätte er sich im Kreis seiner noblen Freunde rasch den Ruf eines Geizhalses eingehandelt. Er scheint jedoch, nach allem was wir wissen, ein beliebter und hochangesehener Mann gewesen zu sein.
Unterscheidungen nach Rang, gegen die wohl auch Plinius nichts einzuwenden hatte, waren bei der Positionierung der Gäste rund um den Esstisch (mensa) seit jeher üblich. Ein idealtypisches Beispiel soll mit der folgenden Grafik veranschaulicht werden: Auf jedem Speisesofa lagen maximal drei Personen (hier durch Pfeile repräsentiert). Für den Ehrengast oder den gesellschaftlich am höchsten stehenden Gast war der unterste Platz des mittleren Speisesofas (lectus medius) vorgesehen. Man sprach hier auch vom locus consularis oder locus praetoris – also dem Platz, der gegebenenfalls einem anwesenden Konsul oder Praetor zustand. Direkt gegenüber, am linken Rand des untersten Speisesofas (lectus imus) lag der Gastgeber.
Konsul oder Praetor lagerten übrigens wohl deshalb traditionell am Rand und nicht in der Mitte des zentralen Speisesofas, damit Boten leichter Zugang zu diesen wichtigen Amtsträgern hatten.


Idealtypische Anordnung römischer Speisesofas

Nach einer Darstellung in Altag im alten Rom – Das Leben in der Stadt
Keine Rechte Vorbehalten – doch um die Nennung der Quelle wird gebeten: HILTIBOLD.Blogspot.com
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Quellen und weiterführende Literatur: 
  • Plinius / H. Philips, M. Giebel (Übers.) | Epistulae | Reclam | 2014 | Infos bei Amazon
  • Petronius / Harry C. Schnur (Übers.) | Satyricon – Ein römischer Schelmenroman  | Reclam | 1968 | Infos bei Amazon
  • Juvenal / Harry C. Schnur (Übers.) | Satiren | Reclam | 1969 | Infos bei Amazon
  • Karl-Wilhelm Weeber | Alltag im Alten Rom – Das Leben in der Stadt | Patmos/Primus | 2000/2012 | Meine Rezension | Infos bei Amazon
Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

PDFs: Die römische Staatstracht — Archäologische Textilien — Gefärbte Textilien im vorgeschichtlichen Europa — Römerzeitliches Wagengrab — Maskendarstellungen der Wikingerzeit — The Thorsberg Trousers — Metallklebemasse an römischem Reiterhelm

(Langsam aber sicher stellt sich mir die Frage, wozu ich das Buch „Die Macht der Toga“ gekauft habe, denn mittlerweile habe ich nahezu alle Beiträge daraus auf Academia.edu entdeckt ^^)


Maskendarstellungen der Wikingerzeit Thorsten Lemm | Academia.edu

The Thorsberg TrousersSunnifa Gunnarsdottir (Charlotte Mayhew) | olvikthing.org
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Hörbares: Banausen — Ist die Archäologie eine seriöse Wissenschaft? — Inschriftenkunde — Feudalismus im Mittelalter — Römische Thermen


Banausen – die Helden der athenischen Demokratie | Spieldauer 22 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download 
Ist die Archäologie eine seriöse Wissenschaft? | Spieldauer 40 Minuten | Youtube | Stream & Info
Feudalismus im Mittelalter | Spieldauer 22 Minuten | ARD/NDR | Stream & Info | Stream & Info | Direkter Download
Römische „Thermae“ – Badezimmer einer ganzen Stadt? | Spieldauer 60 Minuten | Freies Radio Freistadt | Stream & Info
Inschriftenkunde – Epigraphik (Teil 1) | Spieldauer 60 Minuten | Freies Radio Freistadt | Stream & Info
Inschriftenkunde – Epigraphik (Teil 2) | Spieldauer 60 Minuten | Freies Radio Freistadt | Stream & Info
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