Planet History

Tag Archive for Archäologie

Krimskrams: Satyricon — Mittelaltermark oder seriös? — Kleines Nähprojekt — Diebstahl in Pompeji — Unachtsame Archäologin

Satyricon
Im Laufe der Jahre ist mir in Sach- und Fachbüchern über die Antike eine Quelle auffällig oft untergekommen: Petrons Schlemenroman Satyricon bzw. die darin enthaltene Episode „Das Gastmahl des Trimalchio“.
Der antike Text ist vollgepackt mit Detailinformationen zum römischen Alltagsleben – ganz besonders zur Esskultur. Ich werde daher die von mir kürzlich gelesene Reclam-Übersetzung (die gewisse ‚Eigenheiten‘ aufweist) hier in den kommenden Monaten noch detailliert besprechen.

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Mittelaltermarkt oder seriöse Museumsveranstaltung?

Was meinen die Leser; handelt es sich beim jüngsten Event der Klosterbaustelle Campus Galli um eine seriöse Veranstaltung (von einem Lokalmedium als „Historischer Markt“ bezeichnet) oder haben wir es hier unterm Strich eher mit einer mittelaltermarkt-mäßigen Histotainment-Lärmerei zu tun? Klick mich
Mit dabei war übrigens auch wieder die legendäre gürtellose Arbeitsanleiterin, über deren Beweggrüde für den Verzicht auf einen Gürtel auch nach bald 5 Jahren modischer Eigenwilligkeit keinesfalls spekuliert werden darf 😉

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Kleines Nähprojekt

Ich habe schon länger nichts mehr für meine beiden Living-History-Ausstattungen genäht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ich vom Nähen relativ leicht Kopfschmerzen bekomme (wegen der gebückten Haltung). Wenn ich allerdings nicht wesentlich mehr als 20 Minuten am Stück nähe, dann geht es. 

Geplant sind zwei Beutel aus naturfarbenem Leinen und eine phrygische Mütze aus Wolle mit Leinenfutter; ich habe übrigens zum jetzigen Zeitpunkt noch überhaupt keine Ahnung, wie man das Futter sauber in die Mütze hineinfummelt (die Naht mit der das Futter befestigt wird, sollte mehr oder weniger verdeckt sein),
Außerdem brauche ich für besagte Mütze noch einen passenden roten Schurwollstoff, aus welcher der aufgenähte Saum gemacht werden soll. Mal sehen, ob ich irgendwelche Stoffreste dafür auftreiben kann. Weil extra etwas zu bestellen lohnt sich sich bei der minimalen Menge nicht, die ich benötige.
Im Sommerurlaub, wenn das Blog für einen Monat pausiert, soll es losgehen. Bei meinem üblichen Schneckentempo bin ich vermutlich irgendwann knapp vor Weihnachten damit fertig 😊. Auf jeden Fall möchte ich dann auch einen Beitrag über die Arbeiten an Beuteln und Mütze verfassen, in dem Arbeitsschritte, Schnittmuster, verwendete Nähstiche usw. genau und leicht nachvollziehbar dargelegt werden.
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Diebstahl in Pompeji


Ein wertvolles Bronzeobjekt – genauer gesagt ein Türbeschlag – wurde in der antiken Ruinenstadt Pompeji entwendet, schreibt die Zeitung der Standard: Klick mich
Interessant, dass es eine solche Meldung überhaupt in die Zeitung schafft. Mir hat nämlich eine gute Freundin mit besten Verbindungen nach Pompeji erzählt, dass dort und im Archäologischen Nationalmuseum von Neapel (wo viele Funde aus Pompeji ausgestellt sind) immer wieder Objekte verschwinden. Das hätte sich innerhalb der letzten 100 Jahre dermaßen summiert, dass man mit all dem Diebesgut eine stattliche Ausstellung bestücken könnte …

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Unachtsame Archäologin

Die vorangegangene Meldung erinnerte mich an eine andere Geschichte. Dieselbe Freundin, die mir berichtete, dass das Abhandenkommen von Funden in Pompeji eine gewisse Tradition besitzt, war vor nicht allzu langer Zeit in Wien unterwegs. Wie es der Zufall so wollte, kam sie beim Shoppen an einer archäologischen Ausgrabung vorbei und stellte sich zu ein paar Schaulustigen, die das Treiben beobachteten. Da meinte jemand neben ihr, dass eine der Ausgräberinnen in der Grube ständig über etwas Schmutzig-Weißes latscht, und ob das nur ein Stein oder ein Knochen sei?
Als gelernte Archäologin schaute meine gute Freundin nun genauer hin und erkannte, dass es sich dabei eventuell um das mehr oder weniger kugelförmige Ende (Epiphyse) eines Langknochens handelt. Sie rief daher die Ausgräberin, die keinen Meter daneben kniete an, dass da etwas sei. Doch die junge Frau hörte nichts, da sie Ohrhörer in den Ohren hatte; als nächstes stand sie auf und trat wieder genau auf die Stelle mit dem Knochen, woraufhin dieser teilweise zerbröselte. Jetzt wurde die Freundin unrund; am liebsten wäre sie in die Grube hinuntergesprungen. Stattdessen knüllte sie ein Prospekt aus ihrem Einkaufssack zusammen und warf es dem Mädel in der Grube direkt vor die Nase. Endlich nahm diese die Ohrhörer heraus und blickte auf. 
Wie sich daraufhin bald herausstellte, war das weiße Objekt im Boden tatsächlich ein Kochen. 

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Bier zum Inhalieren 😂

Die Sklaven von Lagos: Episode 3 – Historische CSI-Arbeit

Die Knochenarbeit im Labor für Forensische Anthropologie der Universität Coimbra geht weiter. Nach der Bestimmung von Geschlecht und Alter der Menschen, zu denen die Knochen einst gehörten, untersucht das Team um die Anthropologin Dr. Maria Teresa Ferreira das Material nach Spuren von Krankheiten, Abnutzungs- und Mangelerscheinungen sowie nach Hinweisen auf Verletzungen ab. Die ersten Befunde deuten auf ein hartes und entbehrungsreiches Leben hin – das Leben von Sklaven. Eine C14-Untersuchung der Knochen soll letzte Gewissheit geben. Stammen die menschlichen Überreste aus der Zeit, in der das Königreich Portugal unter Heinrich dem Seefahrer zur überseeischen Handelsmacht aufstieg?

Videos: Archäologisches Grab geschändet — Pompeji — Bau von antikem Römerboot — Hochmittelalterliches Schlachtengemälde — El Dorado der deutschen Archäologen — Der Schrecken der Archäologen

Bau von antikem Römerboot nimmt Form an | Spieldauer 4 Minuten | BR | Stream & Info
Hochmittelalterliches Schlachtengemälde erstrahlt im neuen Glanz | Spieldauer 3 Minuten | MDR | Stream & Info
El Dorado der deutschen Archäologen | Spieldauer 3 Minuten | SWR | Stream & Info
Raubgräber – der Schrecken der Archäologen | Spieldauer 4 Minuten | SWR | Stream & Info

Archäologisches Grab geschändet | Spieldauer 3 Minuten | BR | Stream & Info
Eine ziemlich rabulistische Umschreibung dafür, dass hier ein unbekannter Depp einen Schädel von einer archäologischen Ausgrabung gemopst hat. Wenn man sich schon auf den in diesem Zusammenhang aberwitzigen Begriff „Schändung“ versteigt, dann sollte man darauf hinweisen, dass diese in Wirklichkeit bereits mit der Freilegung der sterblichen Überreste durch Archäologen ihren Anfang genommen hat. Desweiteren ist es mehr als nur fragwürdig, dass mit der Trivialität eines entwendeten mittelalterlichen Schädels die Kriminalpolizei behelligt wird. Als ob die nicht wichtigere Dinge zu tun hätte, als morschen Knochen hinterherzujagen – jeder Wohnungseinbruch besitzt größere Relevanz. Übrigens, es geht beim konkreten Fall um eine Ausgrabung des Archäologen Matthias Hensch (Schauhütte Archäologie), zu dessen Youtube-Videos ich hier erst kürzlich verlinkt habe. 
Wiederauferstehung Pompejis am Computer | Spieldauer 5 Minuten | Youtube/Altair4

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Fundstücke KW 20

Die in KW 19 erwähnten Fragmente einer altdeutschen Handschrift aus dem 8.-9. Jh. sind wohl erst im 20. Jahrhundert in die Bibliothek des Benediktinerstifts Admont gelangt, wie Der Standard meldet. Der Standard weiß auch, dass der Finder des 2014 entdeckten … Weiterlesen

Hörbares: Die mittelalterliche Globalmacht Hanse — Winckelmann-Ausstellung — Archäologische Sammlung Trier — 500 Jahre Reformation



Handel im Mittelalter – Die Hanse als globale Macht | Spieldauer 28 Minuten | ARD/DF | Stream & Info | Direkter Download
Kulturnacht: Winckelmann-Ausstellung in Weimar | Spieldauer 42 Minuten | ARD/MDR | Stream & Info | Direkter Download
Von Amphoren und antiken Skulpturen: Archäologische Sammlung der Universität Trier | Spieldauer 4 Minuten | ARD/SWR | Stream & Info | Direkter Download

Landesausstellung „500 Jahre Reformation – Die Epoche des Umbruchs“ | Spieldauer 4 Minuten | ARD/BR | Stream & Info | Direkter Download
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Die Sklaven von Lagos: Episode 2 – „Knochenarbeit“ Bioarchäologie

Zurück in ihrer Heimatuniversität Coimbra untersucht die Anthropologin Dr. Maria Teresa Ferreira mit ihrem Team die vielen Knochen, die zufällig bei Bauarbeiten in Lagos gefunden wurden. Erster Schritt ist dabei die Säuberung der menschlichen Überreste von Schmutz und anderem Fremdmaterial. Anschließend müssen Tausende von Knochen vermessen und katalogisiert werden. Erst dann geht es an die eigentliche Puzzlearbeit: Welche Knochen gehören zusammen? Was sagen Sie aus über Geschlecht, Alter, aber auch über Herkunft und Lebensumstände der Menschen? Deuten Krankheitsspuren und Fehlbildungen auf harte Arbeit hin? Handelt es sich bei dem Fund um die Überreste von Sklaven? Das besondere Material liefert viele Daten und Indizien mehr, als auf dem ersten Blick zu vermuten ist.

Hörbares: Johannes Fried über die Karolinger — Forschungstaucher — Götterdämmerung im Römischen Reich — Homo Naledi — usw.



Interview mit Johannes Fried – Thema „Karolinger“ | Spieldauer 42 Minuten | ARD/HR | Stream & Info | Direkter Download
Interview mit dem Forschungstaucher Florian Huber | Spieldauer 37 Minuten | ARD/RB | Stream & Info | Direkter Download
„Gegen Julian“ – Götterdämmerung im Römischen Reich | Spieldauer 8 Minuten | ARD/DF | Stream & Info | Direkter Download
Der Archäologe Johann Joachim Winckelmann und ein historischer Geheimcode | Spieldauer 14 Minuten | ARD/RBB | Stream & Info 
Homo Naledi: Frühmenschen lebten zeitgleich mit Homo Sapiens | Spieldauer 6 Minuten | ARD/WDR | Stream & Info | Direkter Download
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Videos: Römischer Streitwagen gegen Ferrari — Scheiterhaufen — Weltkulturerbe Uruk — Steinzeit-Siedlung entdeckt — "Einzischartische" antike Kostbarkeiten

Römischer Streitwagen gegen Ferrari | Spieldauer 3 Minuten | MDR/ARD | Stream & Info

Erinnerungen an den Scheiterhaufen | Spieldauer 2 Minuten | SWR/ARD | Stream & Info | Direkter Download


7500 Jahre alte Steinzeit-Siedlung entdeckt | Spieldauer 2 Minuten | SWR/ARD | Stream & Info

Archäologisches Zentrum in Mainz: „Einzischartische“ antike Kostbarkeiten ziehen um | Spieldauer 2 Minuten | ARD/SWR | Stream & Info | Direkter Download


Weltkulturerbe Uruk – Trainingsprogramme des Iraqi-German Expert Forum | Spieldauer 11 Minuten | DAI / Youtube

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Fundstücke KW 19

In der Bibliothek der Benediktinerabtei Admont ist ein 1200 Jahre altes Schriftsück aufgetaucht – in deutscher Sprache geschrieben! Hier die Kurzmeldung auf Spiegel Online, hier die kostenpflichtige Langfassung. Der Standard meldet den Fund des Wörterbuchfragments ebenfalls. Ausgrabungen im Herzen von Bielefeld … Weiterlesen

Mysteriöse Erdställe als Klangräume und Orte der Heilung? – Ein Interview mit der Forscherin Birgit Symader

Erdställe sind ein archäologisches Phänomen, das erst seit wenigen Jahren in den Fokus einer etwas breiteren Öffentlichkeit geraten ist – obschon die Forschungsgeschichte bis mindestens in das 19. Jahrhundert zurückreicht. 
Der von der modernen Wissenschaft verwendete Begriff „Erdstall“ führt freilich ein wenig in die Irre, denn hier ist keineswegs von einem unterirdischen (Tier-)Stall die Rede. Nein, vielmehr ist damit eine Stelle unter der Erde gemeint; genauer gesagt eine Ansammlung von miteinander verbundenen Hohlräumen, deren tatsächlicher Sinn und Zweck bis dato Rätsel aufgibt.
Auch bei der Datierung dieser Anlagen herrscht unter den Erdstallforschern keine Einstimmigkeit. Einige sprechen von einer möglichen Errichtung im Mittelalter, andere wiederum verorten zumindest einzelne Bauten im Magdalénien (ausgehende Altsteinzeit). Möglicherweise ist beides richtig, denn mit der Bezeichnung „Erdstall“ könnte die Forschung unwissentlich zeitlich weit auseinanderliegende Anlagen unter einem Oberbegriff zusammengefasst haben.
Über die Erdstallforschung in der Steiermark wurde hier bereits mehrmals berichtet (Links dazu finden sich am Ende des Beitrages). Doch auch in Bayern gibt es engagierte Forscher, die sich dieses spannenden Themas annehmen. Eine von ihnen ist Birgit Symader, die den Arbeitskreis für Erdstallforschung e.V. leitet. In folgendem Gespräch wird sie Einblick in ihre wissenschaftliche Tätigkeit geben.


Liebe Frau Symader, wie sind Sie dazu gekommen, sich intensiv mit Erdställen zu beschäftigen?
Mein Hobby ist seit etwa 25 Jahren die Höhlenforschung und Archäologie. Gerade bei der Höhlenforschung stolpert man immer über andere unterirdische Anlagen, wie Bergbau, Wassergänge oder eben auch Erdställe. Durch eine örtliche Veränderung in die Oberpfalz wurde das Thema, aufgrund der räumlichen Nähe zu den Erdställen, ein größeres Anliegen für mich – bzw. fast schon mein zweiter Job.   


Wie viele Erdställe konnten bisher in Bayern dokumentiert werden? 

Die Mitglieder in unserem Verein haben bisher gut 50 Anlagen dokumentiert und weiteren 580 Anlagen Aufgrund von Hinweisen oder Überlieferungen in eine Datenbank aufgenommen. Die Dokumentationen enthalten meistens eine detaillierte Gangbeschreibung, Pläne und Bilder. 


Wie hoch ist ungefähr der Anteil jener bayerischen Erdstall-Anlagen, die archäologisch sorgfältig erforscht werden konnten? Ich könnte mir nämlich vorstellen, dass bei der überwiegenden Anzahl aus Kostengründen nur ein eine rudimentäre Dokumentation stattfindet, oder?

Archäologisch wurden bisher nur wenige Anlagen untersucht. Und zwar die Anlage in 🔼Mitterschneidhart (Lkr. Kelheim), Prof. Rind / Kaulich; 🔼Höcherlmühle (Lkr. Schwandorf), Schaller; 🔼Grasfilzing (Lkr. Cham), Symader; 🔼Aumbach (Lkr. Cham), Symader; 🔼Sierning (Oberösterreich) Traxler (Landesmuseum) in Zusammenarbeit mit AK-Erdstallforschung. 
Die archäologische Dokumentation ist für Laien eine Herausforderung. Die Vorgaben für die ehrenamtlichen Helfer sind exakt die gleichen wie für Grabungsfirmen. Viele Ehrenamtler schrecken vor dieser ungemein wichtigen Arbeit zurück. Nicht die Kosten, sondern das Know-How und die Zeit sind das Problem. Nur wenige Mitwirkende in unserem Arbeitskreis nehmen dies auf sich.

Es gibt verschiedene Arten von Erdställen: Gemauerte (Trockenmauer-Bauweise) und in den Fels oder in loses Gestein/Erdreich gegrabene. Dominiert eine bestimmte Bauform in Bayern? Und ist es überhaupt wahrscheinlich, dass beide Bauformen zur selben Zeit ‚en vogue‘ waren? Können nicht relativ lange Zeiträume zwischen dem Entstehen von gemauerten und gegrabenen Erdställen liegen? Werden hier mitunter gar Dinge in einen Topf geworfen, die keinen besonders engen Bezug zueinander haben, außer dass es sich um unterirdische Gänge handelt?

In Bayern sind die Anlagen aus dem anstehenden Fels geschlagen. Trockenmauern sind ganz selten. Die Datierung der Arbeitspuren ist nach jetzigem Stand nicht möglich, es ist lediglich anhand der Bearbeitungsspuren das Arbeitsgerät zu eruieren und dies ist zeitlich einzuordnen.
Ich persönlich würde unterschiedliche Zeitstellungen auf keinen Fall ausschließen. Wir konnten wenige Spuren von unterschiedlichen Bauphase belegen, aber warum sollten die Anlagen nicht auch in unterschiedlichen Epochen genutzt worden sein …


Sind die Erdställe Ihrer Meinung nach für einen längeren Aufenthalt geeignet? Bei künstlichen Höhlen ist ja speziell die Belüftung häufig ein Problem. Und gibt es bezüglich des Raumklimas bei den verschiedenen Erdstall-Bauformen spürbare Unterschiede? 

Ich denke nicht, dass die Erdställe für einen längeren Aufenthalt gebaut wurden. Der Mensch ist bequem und hätte es sich sicher für längere Zeit auch gemütlich gemacht. Es gibt aber keine Befunde, die auf einen längeren Aufenthalt des Menschen oder anderer Lebewesen hindeuten.
Für kürzere Aufenthalte, als Versteck, sicher eine gutes Plätzchen. Ich habe bei meinen vielen längeren Aufenthalten in Erdställen, aufgrund von Grabungen und Dokumentationen, den Ort immer als angenehm empfunden. Die Belüftung war nur bei stark gestörten Anlagen, durch äußerliche Eingriffe,  ein Problem. 


Sie vertreten die Meinung, dass sich Erdställe – entgegen einer immer wieder geäußerten These – nicht gut als Verstecke vor Räubern oder ähnlich bösen Gesellen geeignet haben. Als Grund führen Sie unter anderem an, dass die in Erdställen oft vorhandenen Schlupfe (siehe obiges Bild) zu eng für dicke Menschen oder Schwangere sind; und das obwohl Frauen in den vergangenen Jahrhunderten – verglichen mit heute – relativ häufig schwanger waren. 
Auch gibt es bisher keine eindeutigen Belege, die eine religiöse Verwendung der unterirdischen Gangsysteme beweist. Als Vorratsräume seien sie ebenfalls nur sehr bedingt geeignet, heißt es.
Stattdessen könnte Ihrer Meinung nach manch Erdstall eventuell zum Kurieren von Krankheiten verwendet worden sein, was sehr spannend klingt. Hat diese Überlegung etwas mit Ihren Versuchen zu tun, das Verhalten von Schwingungen/Resonanzen in Erdställen zu beobachten? Vielleicht können Sie davon Einzelheiten berichten?

Ja, es würde wenig Sinn machen ein Versteck für eine bestimme Zielgruppe zu bauen. Auch als Lager ist es für unser heutiges Verständnis gar nicht gut geeignet, würde man meinen. Leider hat sich bisher niemand wissenschaftlich mit der Theorie Lagerhaltung/Verstecke auseinandergesetzt. Sei es um diese zu belegen oder auszuschließen. Das wäre die normale Vorgehensweise.
Es gibt aktuell eine Wissenschaftlerin, die sich speziell mit dem Thema Lagerhaltung bzw. welches Lagergut zu dem Erdstall passen würde, auseinandersetzt. Wir können jetzt schon auf die Publikation gespannt sein. Allerdings wird dabei immer davon ausgegangen dass wir uns im Mittelalter befinden.  Lebensmittel des Mittelalters, Lebensumstände etc.
Es gibt zwar einige Befunde für das Mittelalter, diese weisen aber auf eine Zeit hin in der die Erdställe nicht mehr für den ursprünglichen Zweck genutzt worden sind. Stattdessen hat man sie als Abfallgruben zweckentfremdet. Meiner Meinung nach sollte man den zeitlichen Rahmen nicht einengen, sondern fragen „wie war es vor 1000 n. Chr.“.
Aber für was ist der Raum Erdstall noch geeignet? Man kennt z.B. aus Ägypten Klangräume. Eine Frage die ich gerne klären möchte: Welche Frequenzen werden im Erdstall aufgebaut, wenn dort z.B. ein Ton eines Instruments abgesetzt wird? Und wie reagiert der menschliche Organismus darauf? In der Elektrotherapie wird mit verschiedenen Frequenzen geheilt, selbst das Schnurren einer Katze hat heilende Wirkung. Diese Tests lassen sich sehr einfach durchführen, sofern man das Equipment und Know-How hat.
Weitere medizinische Aspekte: Der Raum Erstall weist ähnliche Merkmale wie eine Naturhöhle auf, z.B. bei der Luftfeuchtigkeit. Also ein idealer Platz für einen Asthmatiker. Und wie verhalten sich Vierenstämme unter diesen Bedingungen? Welche Krankheiten lassen sich hier besonders gut ausheilen? Alles Fragen mit denen sich bisher noch niemand beschäftigt hat. Es liegt noch viel Forschungsarbeit vor uns. 

In alten österreichischen Kirchendokumenten tauchen Hinweise auf Erdställe („Schratteln“) auf. Wie sieht es bezüglich schriftlichen Überlieferungen in Bayern aus? 
Schlecht. Ein Schriftstück aus dem Bistum Passau soll vorhanden sein, erst letztes Jahr wurde um Einsicht gebeten. 
Lokale Sagen handeln oft von Wesen (z.B. Zwergen), die in Höhlen unter der Erde hausen, woraus bis zu einem gewissen Grad auch ein Zusammenhang mit tatsächlich vorhandenen Erdställen abgeleitet werden kann. Wie stark beziehen Sie solche Informationen bei Ihrer Forschung mit ein? 

Sehr. Wenn es eine Geschichte gibt, ist auch irgendetwas Unterirdisches zu finden – allerdings nicht immer ein Erdstall. Die Geschichte der Schrazeln, Zwerge, Erdweibl, Erdmannli gibt es überall wo es unterirdische Anlagen gibt. Es war für die Menschen ja auch eine gute Erklärung, denn wer sonst soll dort gelebt haben? In Arnschwang in der Oberpfalz gab es im letzten Jahrhundert jemanden, der den „Schrazn“ noch etwas zum Essen und sogar Kleidung hingelegt hat.
Fakt ist, die kleinen Wesen sind in den Erzählungen allesamt nett zum Menschen. Dann macht der Mensch einen Fehler und sie verschwinden. 

Ein kritischer Punkt ist die Datierung. Manch Forscher meint, die Erdställe stammen allesamt aus dem Mittelalter. Als ‚Beweis‘ führt man einige wenige Holzkohlereste aus Erdställen an, die mittels C14-Methode untersucht bzw. datiert wurden. Äußerst Problematisch hierbei ist freilich, dass diese Holzkohlestückchen genauso gut im Zuge einer Sekundärnutzung der Anlagen eingebracht worden sein könnten, die ja bei nicht wenigen Erdställen tatsächlich dokumentiert ist. Die verlässliche Absolut-Datierung eines Erdstalls ist mir dieser Methode daher nicht möglich, oder?

Nein, das denke ich nicht. Wir können davon ausgehen dass die Erdställe etwa ab dem 12. – 13. Jhd. nicht mehr zu dem ursprünglichen Zweck genutzt wurden. Eingebrachte Funde belegen dies, und diese sind in der Regel aus dem 11-14 Jahrhundert. Die letzte Datierung aus dem Erdstall Grasfilzing belegte sehr gut eine mögliche Nutzung bis in das 13. Jhd. Eine eingebrachte Pflanzenschicht die direkt auf dem Boden auflag ist mir der Nutzungszeit in Verbindung zu bringen.
Eine Datierung zur Entstehung gibt es im Ansatz nur bei dem Erdstall Höcherlmühle bzw. einem dort befindlichen Bauschacht (um 1000 n. Chr.) – sofern man davon ausgeht, das letzerer direkt im Anschluss an seine Fertigstellung verschlossen wurde. Aber bei lediglich einem gegrabenen Bauschacht ist es nicht sinnvoll, die Befunde auf alle Erdställe umzulegen. Wenn wir 20 archäologisch untersuchte Bauschächte haben, könnte man sicher eine Aussage treffen, doch jetzt ist so etwas eigentlich noch nicht möglich. 


Im Falle einer intensiven Sekundärnutzung der Erdställe kann von der Möglichkeit ausgegangen werden, dass älteres Material im Zuge von Reinigungsarbeiten entfernt wurde. Selbiges könnte bei späteren Erweiterungen der Anlagen – die in einigen Fällen nachweisbar sind – geschehen sein. Erschweren diese Unwägbarkeiten verlässliche Aussagen zum Alter einzelner oder gar aller Erdställe nicht ungemein?

Ja natürlich. Bei den meisten bestehenden Anlagen ist es schwierig noch Befunde zu rekonstruieren Es wurde auch meistens bei den ersten Begehungen davon ausgegangen dass die Funde nicht zur Nutzzeit gehören und somit nicht wichtig sind. Das ist schade, denn auch diese Funde wären wichtig gewesen. Daher kommt übrigens auch die allgemeine Aussage „Erdställe sind fundleer“. Sie sind definitiv nicht fundleer, 


Erdstallforscher in der Steiermark erklären, dass sie mittels der sogenannten TCN-Methode (Terrestrial Cosmogenic Nuklides), die seit einigen Jahren in der Archäologie angewendet wird, in der Lage sind, unter bestimmten Umständen das bearbeitete Gestein von Erdställen direkt zu datieren. Und zwar dann, wenn diese in Trockenmauer-Bauweise errichtet wurden. Sie kommen hierbei auf ein Alter, das einen Entstehungszeitpunkt nahelegt, der etliche Jahrtausende vor der Zeitendwende angesiedelt ist. Wie sehen Sie die Sache? Wäre TCN eine (zugegebenermaßen nicht gerade billige) Untersuchungsmethode, die zukünftig auch für Ihre Forschung in Bayern eine Option darstellen könnte?

Für die Datierung mit der TCN-Methode sind unserer Erdställe nicht gut geeignet. Es bedarf eingebauter Steine/Platten, die an der Oberfläche gebrochen wurden. Wir haben z.B. lediglich eingebrachte Mühlsteine, die sicherlich an der Oberfläche gefertigt wurden. Es fehlen aber die Referenz-Steinbrüche dazu.
Außerdem muss ich gestehen, fehlt es uns am Know-How, die Proben zu entnehmen und für mich wäre eine Interpretation das noch größere Problem. Meiner Meinung nach kann ich nicht davon ausgehen – nehmen wir das Beispiel mit dem Mühlstein – dass dieser mit der Bauzeit unmittelbar in Verbindung steht. Er kann ja auch schon Jahrhunderte lang anderweitig benutzt worden sein.

In der Steiermark (Raum Vorau) wurden von Heinrich Kusch sogenannte Lochsteine in Zusammenhang mit Erdställen gebracht. Hat man in Bayern ähnliches beobachtet oder sind Lochsteine bei Ihnen nicht weit genug verbreitet, um solche Schlüsse zu ziehen?

Lochstein-Reihen, wie sie das Vorauer Gebiet durchziehen, haben wir in Bayern nicht. Erst kürzlich bin ich aber über einen „gestolpert“. Und zwar im Gebiet Untergriesbach bei Passau. Dort wurde ich für eine Expertise zu einem unterirdischen Gang gerufen. Vorab waren einige interessante Indizien bekannt:
🔼 Unmittelbar nördlich ein ehemaliger Burgstall aus dem Hochmittelalter.
🔼 800 Meter südwestlich ein ehemaliger Herrensitz.
🔼 Ein unterirdischer Gang soll lt. Überlieferung die beiden Anwesen verbinden.
Die Fakten waren:
🔼 Ein Gang existierte etwas südlich des Burgstalls.
🔼 Es handelte sich um einen Bergbaustollen aus dem Mittelalter und der Verlauf ging in Richtung des Herrensitzes, war aber nach 70m verschüttet.
🔼Im Ort stand ein Lochstein. Dieser Lochstein stand ursprünglich am ehemaligen Herrensitz mit noch zwei weiteren.
Jetzt könnte man natürlich spekulieren. Ich bin jedenfalls sehr froh, durch Dr. Kusch auf Lochsteine sensibel zur reagieren. Sie werden auch immer eingemessen und in den Berichten mit beschrieben. Wer weiß, wann diese Information von Nutzen sein wird.

Immer wieder stößt man bei Bauarbeiten auf Erdställe; oder Bauern brechen mit ihren Traktoren in diese Hohlräume ein. Manch Entdecker wird sie einfach verfüllen, ohne den Denkmalschutz zu informieren. Und das wohl nicht nur aus Unwissenheit, denn dem Grundstückseigentümer drohen in Bayern bei einer Meldung erhebliche Kosten, die ihm für die fachgerechte Dokumentation eines solchen Bodendenkmals aufgebrummt werden können. Doch hier springen nun Sie und Ihr gemeinnütziger Verein helfend ein und erledigen die anfallende archäologische Arbeit quasi kostenlos. Sind Ihnen deshalb die kommerziellen Grabungsfirmen, die so um Aufträge umfallen, ein bisschen böse? Oder besteht hier keine direkte Konkurrenz?

Dies kann ich jetzt nicht so einfach beantworten. Üblicherweise wird bei einem Bodendenkmal, das z.B. bei Erschließung eines Baugebiets gefunden wird, eine Grabung durchgeführt. Das Bodendenkmal wird dabei zerstört, somit muss es entsprechenden den Vorgaben dokumentiert werden. Die Kosten übernimmt in diesem Fall der Eigentümer. Dies kann bei einer Grabung schon in die Tausende gehen. Die Entscheidung was gegraben wird und was nicht, trifft das Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) oder die Kreisarchäologie. Die Erdställe, die bisher einer Baustelle gewichen sind, wurden leider nicht gemeldet, sie waren dann halt einfach mal weg. Es wurden keine archäologischen Dokumentationen durchgeführt.
Sehr schade, denn wir als Verein würden so etwas für den Eigentümer übernehmen. Die Zerstörung eines Erdstalles ist leider per Gesetz nur eine Ordnungswidrigkeit und kostet nicht besonders viel Strafe.
Es ist traurig wie viele Erdställe die letzten 30 Jahre schon weichen mussten und nicht mehr dokumentiert werden konnten. Dies ist eine große Aufgabe, die der Arbeitskreis zusammen mit dem BLfD stemmen möchte. Es gab schon Gespräch mit den Zuständigen der Bodendenkmalpflege und ein Konzept für die Erdställe wird die nächsten Jahre umgesetzt werden. Das beinhaltet unter anderem die Erdställe in die „Vorgaben zur Dokumentation“ speziell mit einzubinden, damit sichergestellt ist, Erdställe vor Raubgräbereien zu bewahren. Diese Dokumentationen könnten dann natürlich auch Grabungsfirmen durchführen.
Bisher, bei all meinen Erdstall Sicherungen und archäologischen Dokumentationen, wurde der Eigentümer nicht belastet (Im Detail nachzulesen in unseren Jahresschriften 41 und 42). Die Gelder wurden von uns vom Bezirk, Gemeinde oder vom BLfD beantragt. Die Arbeiten wurden vom AK geleistet. Ich hoffe sehr, dass es uns so gelingt weitere Zerstörungen der Erdställe zu verhindern.
Tja, und ob uns die Grabungsfirmen böse sind, weiß ich nicht. Ich arbeite ja selbst in einer und ich kann nur sagen, viele meiner Kollegen haben mit dem Thema Erdstall noch „Berührungsprobleme“. Trotz meiner Aufklärungsarbeit ist eben ein neolithisches Gräberfeld interessanter 😊


Das Thema Erdstall dem Ottonormalbürger zu vermitteln, ist eine Aufgabe, die Ihr Verein ebenfalls in Angriff genommen hat. Neben einigen für die Öffentlichkeit begehbaren Anlagen ist mittlerweile sogar ein europäisches Erdstall-Forschungszentrum in Planung. Was hat es damit auf sich?

Ja, es wird ein Europäisches Erdstallforschungszentrum mit archäologischer Dokumentation – wie der offizielle Titel lautet – geben.
Mitten in der Oberpfalz – in Neukirchen-Balbini – hat die Gemeinde ein denkmalgeschütztes Haus, mit einem Erdstall im Keller, erworben, das ab 2019 als Museum vorgesehen ist. Die Forschungsergebnisse unseres deutsch–österreichischen Vereins und der europäischen Schwestergesellschaften werden zusammengeführt und bilden somit die Grundlage für die weiterführende Erdstallforschung in Europa. Das Museum dient damit als Basis-Station für die Mitglieder des Arbeitskreises e.V. und als Informationsquelle für die zuständigen Ämter, für Universitäten, Schulen und heimatgeschichtlich interessierte Privatpersonen. Es werden archäologische Funde ausgestellt und ein Periskop gibt einen Blick in die Endkammer des Erdstalls. Die Themen werden von den Sagenwelten bis zu der Erbauung eines Erdstalles das Komplette Spektrum abdecken. Im Haus sind auch unser Archiv und eine Bibliothek untergebracht, die wir dem Fachpublikum zur Verfügung stellen.
Derzeit beschäftigen wir uns noch mit dem Konzept, das wir zusammen mit der Firma archaeotext ausarbeiten. Bis zur Museumseröffnung 2019 werden steht uns noch viel Arbeit bevor.


Was sind, neben dem Erdstall-Forschungszentrum Ihre Pläne für die Zukunft? Gibt es etwas, das Sie besonders gerne näher erforschen würden?
Derzeit arbeite ich meine letzte Erdstall-Grabung auf. Dabei werde ich versuchen, einen Abdruck der Bearbeitungsspuren zu machen. Es geht mir darum, eine größere Fläche des Felsens mit einer Abformmasse abzubilden. Dieses könnte z.B. in Gips gegossen ein prima Ausstellungsstück für unser Museum abgeben. In der Anlage sind auch schöne Kienspanlöcher, die abzuformen mir hoffentlich ebenfalls gelingt.
Außerdem möchte ich gerne weitere Resonanz-Tests durchführen. Leider ist mein bisheriger Partner für dieses Experiment plötzlich verstorben, somit musste ich es erst mal auf Eis legen. Es wird sich hoffentlich noch jemand finden.
Mir ist sehr daran gelegen, die Erdställe in den nächsten Jahren als ernstzunehmendes Forschungsobjekt zu etablieren. Es gibt noch viel zu erforschen.
Dann werde ich weiter daran arbeiten, dass die Erdstallbesitzer mit uns und den BLfD kooperieren, um weiter Zerstörungen der Erdställe zu verhindern. Es wäre schön, wenn sich mehr Menschen für das Thema begeistern könnten und uns im Arbeitskreis unterstützen. 

Diesem Wunsch schließe ich mich an. Und vielen lieben Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, das interessante Thema Erdstall hier näher zu erörtern. 

Weiterführende Informationen:
Weitere interessante Beiträge in diesem Blog:

Die Sklaven von Lagos: Episode 1 – Skelette an der Algarve

Die portugiesische Hafenstadt Lagos an der Algarveküste zieht heute vor allem Touristen an. In der gut erhaltenen Altstadt betreten Besucher irgendwann auch den historischen Sklavenmarkt (Mercado de Escravos), war Lagos im ausgehenden Mittelalter vor allem ein Umschlagplatz für Sklaven aus Afrika. Zeugnis davon legt nicht zuletzt ein grausiger Fund ab, der im Zuge des Baus eines neuen Parkhauses zufällig gemacht wurde: zahlreiche Menschen-Skelette, die das Bild einer menschlichen Müllkippe abgeben. Die Anthropologin Dr. Maria Teresa Ferreira von der Universität Coimbra vermutet, dass es sich hierbei um die Überreste von Sklaven handelt. Wer aber waren diese Menschen? Welches Schicksal haben sie erlitten? Was lässt sich aus der Erforschung dieser Skelette Neues über die Geschichte der Sklaverei sagen?

Videos: Neues Wikinger-Museum — Außergewöhnliche Mehrfachbestattung des Mittelalters

Ein Neues Wikinger-Museum | Spieldauer 6 Minuten  | ARD | Stream & Info

Im erklärenden Text zum Videobeitrag heißt es:

„Blonde Hünen mit gehörnten Helmen, die brandschatzend durch die Welt zogen. So werden die Wikinger gerne dargestellt.“
Von den Hörnerhelmen abgesehen ist daran auch nichts falsch (und selbst die gab es, wenn wohl auch nur im kultischen Bereich).  Und weiter:

„Ein neues Museum in Stockholm zeichnet nun ein umfassenderes Bild und betont auch die Bedeutung der Wikinger-Frauen.“

Bitte die Kirche im Dorf bzw. das Drachenschiff im Hafen lassen 😉. Es sollte nämlich bedacht werden, dass sich die Tätigkeiten der Wikingerfrauen nicht wesentlich von ihren Geschlechtsgenossinen in anderen Kulturen des frühmittelalterlichen Europas unterschieden: Man schaute auf Haushalt und Kinder, wenn die Männer nicht zuhause waren. 
Alles sehr wichtig, keine Frage. Aber die häuslichen Leistungen der Frauen haben die Wikinger nicht dermaßen bekannt gemacht, sondern die von ihren Männern durchgeführten Raubzüge; der hierbei entstandene Schaden für die europäische Kultur ist immens – vom verursachten menschlichen Leid gar nicht zu reden. Entsprechend haben sich diese außergewöhnlichen Vorgänge in der Geschichtsschreibung niedergeschlagen.
Was hingegen herausgekommen wäre, wenn diese kriegerische Aufgabe weibliche Wikinger übernommen hätten, lässt sich anhand eines relativ aktuellen Videos erahnen, dass drei schwedische Polizistinnen in Aktion zeigt. Man weiß nicht, ob man darüber lachen oder mitleidig den Kopf schütteln soll …
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Eine außergewöhnliche Mehrfachbestattung des Mittelalters an der Spitalkirche von Amberg | Spieldauer 11 Minuten  | Schauhütte Archäologie | Stream & Info

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Fundstücke KW 17-18

Zwei Termintipps: Am Mittwoch, den 10. Mai widmet sich ein kostenloser Vortrag im Historischen Museum Frankfurt Krieg und Kampf der antiken eurasischen Nomaden. Und am 29.-30. Mai finden die 8. Mannheim-Heidelberger Werkstattgespräche zur Geschichte des Mittelalters statt. Russische Forscher vermuten, … Weiterlesen

Fundstücke KW 16*

* Jetzt stimmt auch die Wochenzählung wieder! Maxi Maria Platz stellt auf Archaeologik die Disziplin „Mittelalterarchäologie“ vor. In Mössingen ist ein Alamannengrab mit einem kopflosen Pferdeskelett entdeckt worden, wie das Schwäbische Tagblatt meldet. „Warum die Vernetzung unter Wissenschaftlern essentiell ist“ … Weiterlesen

Open Access und Open Data in der Ur- und Frühgeschichte. Bestandsaufnahme und Ausblick

http://dx.doi.org/10.11588/ai.2015.1 Der Beitrag leitet die Publikation von Aufsätzen ein, die aus zwei Tagungen im Herbst 2014 herrühren, welche sich auf Initiative der Autoren mit den Themen Open Access und Open Data beschäftigten: eine Sektion bei der EAA im September 2014 in Istanbul und die DGUF-Jahrestagung am 6. Oktober 2014 in Berlin. Die übergreifende Zielsetzung wird […]

Hörbares: Illegale Archäologie — Alchemie — Archälogie im Heiligen Land — Die Nok-Kultur

Illegale Archäologie in Brandenburg | Spieldauer 5 Minuten | ARD/RBB | Stream & Info | Direkter Download
Die absolute Merkbefreitheit des Interviewten ist phänomenal: Es gäbe zu viele illegale Schatzsucher, und das trotz der Möglichkeit, eine offizielle Sucherlaubnis zu erhalten, heißt es. 
Auf die Idee, dass die Zusammenarbeit mit der Landesarchäologie deshalb allzu oft abgelehnt wird, weil das Land Brandenburg wertvolle Funde kurzerhand enteignet, kommt der Herr offensichtlich nicht. Stattdessen ergeht er sich in der üblichen Archäologen-Rabulistik und schwurbelt von „Raubzügen“ und „Raublöchern“ ( 😂 ).
Freilich, der mit Abstand größte Hirnmüll, der in diesem Interview zum Besten gegeben wird, ist der Vorwurf, illegale Sondengeher würden die Totenruhe stören. Mal davon abgesehen, dass Tote ohnehin nichts mehr spüren, so ist es doch die professionelle Archäologie selbst, die tagtäglich in den Knochen von Verstorbenen herumwühlt und manch Skelett zum Gaudium des Publikums sogar in Vitrinen ausstellt. 
Fazit: Mit Heuchelei und Enteignung wird man die Problematik des illegalen Sondengehens sicher nicht in den Griff bekommen. Im Gegenteil, damit provoziert man nur Unverständnis in weiten Teilen der Bevölkerung und sorgt für eine Verhärtung der Fronten.
Geheimsache Gold – Warum Alchemie noch heute fasziniert | Spieldauer 55 Minuten | ARD/RBB | Stream & Info | Direkter Download
Archäologie im Heiligen Land – Ein Gespräch mit dem Archäologen und Theologen Dieter Vieweger | Spieldauer 33 Minuten | ARD/NDR | Stream & Info | Direkter Download
Die archäologische Forschung der Nok-Kultur in Nigeria | Spieldauer 10 Minuten | ARD/HR | Stream & Info | Direkter Download
Projekt: Der Kölner Dom in 360° | Spieldauer 6 Minuten | ARD/WDR | Stream & Info | Direkter Download
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Buch-Empfehlung: Pompeji – Die größte Tragödie der Antike

Im Jahr 79 n. Chr. spie der am Golf von Neapel gelegene Vesuv plötzlich riesigen Mengen an Feuer und Rauch. Viele tausende Menschen, die bis zu diesem Zeitpunkt in unmittelbarer Nähe des Vulkans lebten, fanden in den darauffolgenden Stunden einen schrecklichen Tod. Die Ortschaften Pompeji, Herculaneum, Oplontis, Stabiae, Boscoreale sowie Tarzigno wurden völlig zerstört und unter einer meterhohen Decke aus Asche und Bimsstein begraben.
In Pompeji – Die größte Tragödie der Antike (Goldmann Verlag, 2016) verwebt der italienische Archäologe Alberto Angela den aktuellen Forschungsstand mit kleinen fiktiven Episoden, die sich unmittelbar vor, während und nach dem Vulkanausbruch in ähnlicher Form zugetragen haben könnten.
So darf der Leser beispielsweise einigen namentlich genannten und einst tatsächlich existierenden Stadt-Oberen Pompejis über die Schulter blicken, wie sie in völliger Unkenntnis der kurz bevorstehenden Katastrophe noch pflichtbewusst Reparaturen des lokalen Wasserleitungssystems anordnen und beaufsichtigen. Dieses war nämlich – laut archäologischem Befund – vermutlich aufgrund von etlichen kleinen Erdbeben, die der Vesuv Tage oder Wochen vor seinem Ausbruch verursacht hatte, stark beschädigt worden.

Litten die Pompejaner also aufgrund der beschädigten Leitungen in der Stunde Ihres Todes an Durst? Vermutlich nicht, denn die Stadt besaß, wie erläutert wird, auch unzähliger Zisternen, die heute direkt unter den Füßen ahnungsloser Touristen liegen. In diesen z.T. meterhohen Bogengewölben wurde schon Regenwasser gespeichert, lange bevor die Römer Pompeji an ein rund 100 km langes Aquädukt anschlossen.

Wer hätte weiters gedacht, dass der durchschnittliche Pompejaner aufgrund des hohen Fluor-Gehalts in seinem Trinkwasser gesündere Zähne als die meisten anderen Einwohner des antiken Italiens hatte? Nicht zufällig wird ja Fluor häufig unseren heutigen Zahnpasten beigemengt (obschon das nicht mehr ganz unumstritten ist).
Die Pompeji-Forschung förderte aber noch mehr Kuriositäten zutage; beispielsweise Backwaren in Penisform und Damenslips aus Leder ^^
Ebenfalls höchst kurios ist, dass in einem vornehmen pompejanischen Haus ein Tisch entdeckt wurde, der ursprünglich wohl Publius Servilius Casca gehörte. Dieser Mann war es, der den ersten Stich ausführte, als 123 Jahre vor dem Vesuvausbruch Caesar in Rom von einer Gruppe seiner Feinde überwältigt und getötet wurde. Nachdem der geflohene Casca einige Zeit später vom römischen Senat geächtet worden war, versteigerte man seinen Besitz. Ein Teil davon gelangte offensichtlich im Laufe der Zeit in das Haus reicher Pompejaner.
Und schließlich dürften die Archäologen sogar einem vor beinahe 2000 Jahren begangenen Verbrechen auf die Spur gekommen sein. Im Hinterzimmer eines Ladens in Herculaneum fanden sich nämlich, versteckt in einem großen Gefäß, die Teile einer zerstückelten menschlichen Leiche, deren Kopf vom Mörder bereits beseitigt worden war …

Alberto Angela räumt in seinem Buch auch mit mancherlei Mythen und Irrtümern auf: Etwa der Vorstellung, dass der Vesuv zum Zeitpunkt seiner Eruption bereits ähnlich aussah, wie er sich uns heute präsentiert. In Wirklichkeit existierte damals der steil aufragende Vulkankegel noch nicht, sondern war flach, stark bewaldet und unterschied sich kaum von den sanften Höhenzügen seiner Umgebung. Kein Wunder, dass die Menschen nichts von der Gefahr ahnten, die hier in der Tiefe lauerte. 
Als unrichtig wird auch jene von Fremdenführern gelegentlich immer noch aufgestellte Behauptung entlarvt, wonach die im Straßenpflaster Pompejis eingegrabenen parallelen Rinnen (Straßenbahnschienen ähnlich) quasi zufällig im Laufe der Zeit von Fuhrwerken verursacht wurden. Richtig ist stattdessen, dass es sich hierbei um eine Art Leitliniensystem handelt, mit dem Pferdewägen auch in der Nacht sicher durch die Straßen gelenkt werden konnten, ohne beispielsweise Trittsteine oder die oft in die Straßen hineinragenden Brunnen zu touchieren. Für die meisten Gefährte herrschte in römischen Städten ja Tagfahrverbot, sodass viele Lieferanten ihre Geschäfte im Dunklen erledigen mussten.
Auch dem in heutigen Sachbüchern häufig anzutreffenden „Thermopolium“ geht es ein wenig an den Kragen: Dieser für römische ‚Gasthäuser‘ so gerne verwendete Begriff existierte in der Antike noch gar nicht, sondern ist, trotz altgriechischer Bestandteile, eine moderne Kreation. Im Übrigen dienten die berühmten Löcher in den Theken der pompejanischen Thermopolia keineswegs als Abstellmöglichkeit für (Wein-)Amphoren, wie gerne angenommen wird. Vielmehr handelte es sich dabei vor allem um eine kommode Möglichkeit getrocknete Lebensmittel zu lagern.

Die Liste der hochinteressanten Detailinformationen, die in diesem knapp 500-seitigen Buch genannt werden, könnte man noch lange fortsetzen. 

Gibt es also gar nichts zu kritisieren? Sind alle Schilderungen perfekt? Nein, ein paar Kleinigkeiten sind mir schon aufgefallen: Etwa wenn es heißt, Honig sei im antiken Rom das einzige Süßungsmittel gewesen. Das stimmt nicht so ganz, denn beispielsweise ist bekannt, dass Wein gerne mit (höchst ungesundem) Bleizucker (Bleiacetat) ‚gepanscht‘ wurde. Unzutreffend ist auch, dass Salz die einzige Möglichkeit zum Haltbarmachen von Lebensmitteln gewesen wäre. Räuchern und Lufttrocknen waren nämlich ebenfalls gängige Verfahren – siehe hierzu Catos De agri cultura. Doch wie gesagt, bei diesen Punkten handelt es sich um Kleinigkeiten, aus denen man dem Autor sicher keinen Strick drehen kann. Außerdem besteht ja die Möglichkeit, dass beim Übersetzen aus dem Italienischen ins Deutsche manch Formulierung verkürzt wiedergegeben wurde. Wer weiß.
Erwähnenswert, aber für mich ebenfalls nicht weiter tragisch ist der Umstand, dass auf Fußnoten bzw. detaillierte Quellenangaben verzichtet wurde. Zwar wären diese Dinge ein zusätzlicher Bonus gewesen, aber man kann eben nicht alles haben. Und immerhin enthält das Buch ja ein Register, in dem der Leser sogar Begriffe wie „Lupanar“ nachschlagen kann 😊
FAZIT:  Äußerst geschickt verbindet Alberto Angela Wissenschaft mit einer ausgewogenen Dosis Fiktion. Pompeji – Die größte Tragödie der Antike lässt eine längst untergegangene Welt wiederauferstehen und ist meiner Meinung nach ein echtes Sachbuch-Highlight, das sogar Mary Beards gelungenes Pompeji-Buch aus dem Jahr 2011 übertrifft. 
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Weiterführende Informationen:


Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

Krimskrams: Panem et circenses? — Böse E-Mail für mich

Archäologen entdeckten Vergnügungsviertel in der Römerstadt Carnuntum …

… schreibt der Online-Standard: Klick mich

Und natürlich verwendet auch der Autor dieses Artikels den von Juvenal geprägten Begriff „Brot und Spiele“ in einem größtenteils unpassenden Kontext: Panem et circenses bezieht sich nämlich nicht primär auf Gladiatorenspiele, sondern auf Wagenrennen. Nur letztere, die im Circus – und nicht etwa im Amphitheater der Gladiatoren stattfanden – wurden circenses genannt (es gab im Amphitheater zwar Wagenkämpfe, die wurden allerdings nicht als circenses bezeichnet; sofern ich mich recht entsinne, war diese Kampfform laut Plinius d. J. von Kaiser Claudius eingeführt worden, nachdem die Römer sich im Zuge der Eroberung Britanniens auch mit keltischen Kriegern auf Streitwägen hatten auseinandersetzen müssen).
Siehe zu diesem Thema zwei meiner schon etwas älteren Blogbeiträge: Brot und Spiele? Nicht ganz.  Panem et CIRCENSES – lost in translation …

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Böse E-Mail für mich

Interessant, nachdem ich eine halbe Ewigkeit nichts mehr von verärgerten Fans der Mittelalterbaustelle Campus Galli gehört habe, tut sich in letzter Zeit wieder einiges. Unter anderem erhielt ich kürzlich folgendes Schreiben:

Sg. Herr Hiltibold,Ihre böswillige Kritik an Campus Galli entbehrt jeder Grundlage. Sie haben keine Ahnung von was Sie schreiben. Sie wissen nicht, worum es in Wirklichkeit dabei geht. Warum respektieren Sie die Leistung der Mitarbeiter dieses weltweit einzigartigen Projekts nicht und reiten stattdessen auf den Kosten herum? Geld ist nicht alles ! Oder haben Sie kein Herz für die nichtmateriellen Dinge ?

Hmm, dazu fällt mir spontan folgender Vers von Wilhelm Busch ein:

Oftmals paaret im Gemüte,
Dummheit sich mit Herzensgüte.
Während höh’re Geistesgaben,
meistens böse Menschen haben.  

😄

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Weitere interessante Themen auf diesem Blog;

Videos: Römische Funde in Konstantin-Basilika — Schauhütte Archäologie — Abenteuer Campus Galli

Römische Funde in Konstantin-Basilika (Trier) | Spieldauer 2 Minuten | SWR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

Grabung im Areal des spätmittelalterlichen Friedhofs am Amberger Spital | Spieldauer 8 Minuten | Schauhütte Archäologie / Youtube | Stream & Info

„…das ist doch (̶k̶)ein Beinbruch…“ – Was uns Knochen noch so erzählen können… | Spieldauer 11 Minuten | Schauhütte Archäologie / Youtube | Stream & Info
Abenteuer Klosterstadt Meßkirch – Bauen wie im Mittelalter | Spieldauer 45 Minuten | SWR/ARD | Stream & Info
Zum Saisonstart des Campus Galli wiederholt der SWR quasi als begleitende PR-Maßnahme einen Werbefilm eine Dokumentation über dieses Projekt. Der Seher mag sich anhand dessen ausmalen, wie ‚kritisch‘ der Staatsfunk den hochdefizitären und ebenfalls staatsnahen Campus Galli journalistisch begleitet ^^
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Hörbares: Antiker Tempel mit Wassersystem — "Den Teufel an die Wand malen"– Geschichte der Menschenwürde — Das Judentum, die Religion der Feste und Feiern — Ausstellung Antike und Mode

Geschichte der Menschenwürde – Niemand ist weniger wert als andere | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download
Ausgrabungen in Ägypten: Antiker Tempel mit Wassersystem | Spieldauer 5 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download
„Den Teufel an die Wand malen“ | Spieldauer 5 Minuten | WDR | Stream & Info | Direkter Download

Das Judentum – Die Religion der Feste und Feiern | Spieldauer 22 Minuten | BR | Direkter Download

„Divine X Design“: Ausstellung Antike und Mode in München | Spieldauer 4 Minuten | ARD/BR | Stream & InfoDirekter Download

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Fundstücke KW 15

Ist die Zombie-Apocalypse keine Erfindung Hollywoods? Funde von verstümmelten Skeletten in England legen nahe, dass bereits unsere mittelalterlichen Vorfahren Angst vor Untoten hatten, wie Der Standard meldet. In seinem Archäologie-Blog berichtet Der Standard außerdem über die Lufterkundung möglicher Fundstellen. Die … Weiterlesen

Castellum, Curia, Palatium?! Die mittelalterliche Besiedlungsgeschichte eines mainfränkischen Zentralortes auf dem Kapellberg bei Gerolzhofen

1000 Worte Forschung: Dissertation im Fach „Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit“, Otto-Friedrich-Universität Bamberg; Disputation im Mai 2015; unter o.g. Titel im Herbst 2015 erschienen als 5. Band der Reihe „Bamberger Schriften zur Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit“ beim…

Krimskrams: Ephesos trifft Noreia! — Verschwundene Facebook-Kommentare — Doktorarbeit über Dänikens Prä-Astronautik — Textile Handarbeit — Coming soon …

Ephesos trifft Noreia!

Trockenmauer einer der Anlagen, die von den Noreia-Forschern erkundet und dokumentiert wurde
© noreia-norici.at | Zum Vergrößern auf das Foto klicken
Im Vorjahr führte ich hier mit dem Bürgerforscher Joseph Stockinger von der  Plattform „Tal der Könige“ ein Interview. Er und seine Forscherkollegen sind davon überzeugt, im Kärntner Görtschitztal das legendäre keltische Oppidum Noreia entdeckt zu haben, in dessen Nähe laut historischen Überlieferungen im Jahr 113 v. Chr. ein konsularisches Heer der Römer von Kimbern, Teutonen und Ambronen vernichtend geschlagen wurde. 
Über die mangelnde Unterstützung seitens der offiziellen Archäologie schüttelten die engagierten Bürgerforscher verärgert die Köpfe; handelt es sich doch bei den von ihnen untersuchten und dokumentierten Strukturen um eine ausgedehnte Ansammlung gewaltiger vorgeschichtlicher (Wehr-)Anlagen, die ihresgleichen suchen. Und selbst wenn dies alles doch nicht Noreia sein sollte, so ist der Platz nichtsdestotrotz äußerst geschichtsträchtig und schreit geradezu nach einer umfangreichen Untersuchung durch Fachleute: Zum Interview.
Ebenfalls im Vorjahr interviewte ich die Kärntner Archäologin Sabine Ladstätter vom ÖAI, die aufgrund der politischen Situation in der Türkei ihre Grabungslizenz für das antike Ephesos verloren hatte (die Gesamtentwicklung in der Türkei war freilich seit Jahren absehbar – eh schon wissen: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind.“ usw.). 
Auch ging es in dem Gespräch mit ihr um die Frage, wie sinnvoll staatlich finanzierte Auslandsgrabungen sind, während gleichzeitig zuhause – siehe den oben erwähnten Fall der Noreia-Forscher – Bodendenkmäler wissenschaftlich unbeackert bleiben, verfallen und seit Jahrzehnten von Metallsuchern undokumentiert leergeräumt werden. Im Kommentarbereich war daraufhin einiges los: Zum Interview
Nun hat es sich ergeben, dass Frau Ladstätter auf Einladung der Plattform „Tal der Könige“ am 21. April 2017 um 19:00 Uhr in Wieting (Gasthof König) einen Vortrag halten wird. Thema ist nicht nur ihre langjährige Grabungstätigkeit in Ephesos, sondern sie möchte auch ausloten, ob Interesse an einem Forschungsprojekt „Görtschitztal“  unter ihrer Leitung besteht
Diese Entwicklung hört sich doch sehr interessant an!

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Verschwundene Facebook-Kommentare (zu Hülf!)
Ich kenne mich mit Facebook nicht wirklich gut aus. Einfach weil ich es zu wenig aktiv nutze (und es auch nicht allzu oft nutzen möchte).
Nun habe ich neuerdings ein Problem, das mich vor ein Rätsel stellt: Ich bekomme ja immer dann eine E-Mail-Benachrichtigung, wenn eines meiner Facebook-Posts (die ausschließlich auf Blogbeiträge von mir verweisen), bei Facebook kommentiert wird. In der E-Mail Benachrichtigung steht der Facebook-Name des Kommentators und auch der Kommentar selbst. Der Witz ist neuerdings aber: Gehe ich dann zu meinem betreffenden Beitrag bei Facebook, der angeblich kommentiert wurde, dann steht dort gar kein Kommentar. Ich kann also auch nicht darauf antworten. Was ist denn da los? 😕

Wer Lust hat, kann den Link zu diesem Blogbeitrag bei Facebook kommentieren, um selbst auszuprobieren, ob dabei etwas Vernünftiges herauskommt. Irgendwie habe ich den Verdacht, dass eventuell dann ein Kommentar nicht sichtbar ist bzw. ins Nirwana verschwindet, wenn der Kommentator nicht auf meiner Freundesliste von Facebook steht. Aber das ist nur eine Vermutung. Mittlerweile habe ich diesbezüglich ein wenig in den Einstellungen herumgespielt, weiß aber nicht, ob es etwas gebracht hat …
Am sichersten ist übrigens, wenn direkt im Blog kommentiert wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass hier ein Kommentare verloren geht, ist deutlich geringer als bei Facebook.
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Doktorarbeit über Erich von Dänikens Prä-Astronautik
Neulich entdeckte ich ein Interview, in dem es um eine Doktorarbeit zu Erich von Dänikens berühmt-berüchtigter Prä-Astronautik-These (Paläo-SETI) geht: Klick mich
Und bei Academia.edu gibt es eine Leseprobe der Diss: Klick mich
Faszinierend, über welche schrulligen Themen man heutzutage dissertieren darf … Aber immerhin, der Herr setzt sich mit Dänikens Ideen auf wissenschaftlicher Basis auseinander. So gehört sich das.

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Textile Handarbeit …
… meets feministische Kunst: Klick mich
Viel vulgärer und tiefer geht es eigentlich nicht – wobei …

Der Geschichts-Youtuber Lindybeige hat bereits vor einiger Zeit in einem Video dargelegt, was mit moderner Kunst seiner Meinung nach falsch läuft: Modern art insults me
Auch sehr interessant sind die Erläuterungen dieses Fachmanns: Why is Modern Art so Bad?
Und so richtig auf den Putz haut der Typ hier: Why Modern Art is Absolute Crap

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Coming soon …
Schon lange habe ich keine gedruckte Publikation davon mehr besprochen. Das werde ich irgendwann in den kommenden Wochen auf mehrfachen Wunsch nachholen; nicht zuletzt auch deshalb, weil mir jemand ein für mich kostenneutrales ‚Rezensionsexemplar‘ zuschickt  😊

Eine Leserin hat mir übrigens berichtet, dass ihr bevorzugter Buchhändler den Kram wieder aus der Auslage seines Ladens genommen hat, nachdem er erfuhr, wie wenig wissenschaftlich bei diesem Projekt gearbeitet wird. So etwas will er nicht unterstützen.

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Weitere interessante Themen auf diesem Blog; 

Hörbares: Geschichte der Sklaverei — Der Koloss von Kairo — Eiszeit-Kunst — Spektakuläre Felszeichnungen — Epoche der Geheimnisse — Babylon-Fieber im deutschen Kaiserreich

Geschichte der Sklaverei – Wenn der Mensch zum Werkzeug wird | Spieldauer 22 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

Der Koloss von Kairo: Mit Schwertransporter durch die Stadt | Spieldauer 7 Minuten | WDR | Stream & Info | Direkter Download
Weltkultur von der Alb: Archäologen erforschen Eiszeit-Kunst | Spieldauer 28 Minuten | SWR | Stream & Info Direkter Download
Bonner Archäologen entdecken spektakuläre Felszeichnungen | Spieldauer 3 Minuten | WDR | Stream & Info | Direkter Download
Das Mittelalter, Epoche der Geheimnisse? | Spieldauer 9 Minuten | WDR | Stream & Info | Direkter Download
Der Orient-Exzess: Das Babylon-Fieber im deutschen Kaiserreich | Spieldauer 44 Minuten | WDR | Stream & Info | Direkter Download

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Fundstücke KW 14

Auf archivalia.hyptheses.org geht Klaus Graf der Traditionsbildung eines Mordes im Jahre 1367 in Lübeck nach. Focus Online versucht zu erklären, was Archäologie eigentlich ist (Hinweis: Nix mit Dinosauriern …), warum sie wichtig ist und was sie mit uns Normalsterblichen zu … Weiterlesen

Videos: Burgenbau in Guédelon — Römischer Silberschatz in Kalkriese entdeckt — Die Germanen im Südwesten



Guédelon – Experimentelle Archäologie und wie man eine Mittelalterburg baut | Spieldauer 26 Minuten | BR Stream & Info
Richtig seriöse Experimentelle Archäologie betreibt man in Guédelon nicht, da dort beispielsweise Bagger und Plastikplanen zum Einsatz gekommen sind; und das sind nur zwei Beispiele von vielen. Selbst Mitarbeiter des Projekts haben in anderen Sendungen bereits erklärt, das Guédelon irgendwo zwischen Histotainment und Experimental-Archäologie angesiedelt ist. Die Beschreibung des Projekts durch den BR ist daher ‚überoptimistisch‘. Man plappert einfach die steilen Marketingsprüche des Bauleiters nach (woran erinnert uns das nur …?)
Wo kämen wir denn hin, wenn sich Journalisten einmal fundiert mit dem Thema ihrer Sendung auseinandersetzen würden. Gleichzeitig behaupten diese ahnungslosen Labertaschen und hohlen Nüsse ständig, sie wären der Inbegriff von Qualität.


Römischer Silberschatz in Kalkriese entdeckt | Spieldauer 2 Minuten | NDR | Stream & Info

„Kalkriese gilt seit Jahren als der Ort der Varusschlacht“ – Brav, wie der Herr vom Staatsfernsehen dem ebenfalls staatlich finanzierten Museum hier zur Seite springt. Dass Kalkriese in Wirklichkeit lediglich als möglicher Ort der Varusschlacht gilt, da hieb- und stichfeste Beweise bis dato fehlen, wird verschwiegen. Wie nennt man diese Art von Journalismus? Fake-News? Lückenpresse? 
Die Germanen im Südwesten – Krieger und Siedler | Spieldauer 45 Minuten | SWR | Stream & Info
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Die Sklaven von Lagos

Das Forschungsprojekt Der Hafen der portugiesischen Stadt Lagos war im 15. Jahrhundert Anlaufpunkt für Sklavenschiffe aus Afrika, und von dort aus wurden die Menschen in Portugal und Europa weiter verteilt. Bei einer Notgrabung auf einem für den Bau eines unterirdischen Parkhauses vorgesehenen Gebiet im außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern gelegenen Ortsteil Valle da Gafaria entdeckten Archäologen im Jahr 2009 zwei menschliche Begräbnisstätten: eine gehörte zu einem Leprosorium, eine zweite war vermischt mit einer sechs Meter dicken Schicht städtischen Abfalls aus dem 15. bis 17. Jahrhundert. Sie enthielt 158 menschliche Skelette, darunter 107 Erwachsene, 49 Heranwachsende und zwei Personen unbestimmbaren Alters. Zahlreiche Hinweise sprachen dafür, dass die hier Bestatteten afrikanische Sklaven waren: Die Menschen waren teilweise gefesselt, viele trugen Gegenstände afrikanischer Herkunft wie Ringe und Halsketten und hatten absichtlich veränderte Zähne. Alle Personen waren ohne Bestattungsriten in einer Abfallgrube beerdigt worden. Erste morphometrische und genetische Analysen belegten die afrikanische Abstammung der in Valle da Gafaria bestatteten Personen. Eine AMS C14-Untersuchung datierte den Beginn der Bestattungen auf die Zeit zwischen 1420 und 1480 – und somit zeitgleich zu den ersten historischen Verweisen auf die Ankunft von Schiffen mit afrikanischen Sklaven in Lagos.
Innerhalb Portugals ist der Fund von Valle da Gafaria einzigartig, und auch weltweit sind nur wenige Sklavenfriedhöfe bekannt, die noch dazu alle in der Neuen Welt angesiedelt sind und deutlich später angelegt wurden. Ziel eines Forschungsvorhabens von Dr. Maria Teresa Ferreira ist es, die in Lagos aufgefundenen Skelette umfassend mit den Methoden der Bioarchäologie zu untersuchen und das Leben und Sterben der in Valle da Gafaria beerdigten Menschen zu dokumentieren. Leitfragen beziehen sich zum einen auf die Bestimmung des jeweiligen biologischen Profils (Alter, Geschlecht, Herkunft, Gestalt), die Erhebung der Paläodemographie des gesamten Fundes und auf die Untersuchung von Migrationsbewegungen sowie Wachstums- und Entwicklungsfaktoren. Paläopathologische Analysen sollen Hinweise auf Krankheiten und somit auch auf Ernährung, Aktivitätsmuster, Lebensbedingungen und durch Gewalt und Misshandlungen vor und nach dem Tod entstandene Traumata geben. Die Sammlung von Lagos bietet die Gelegenheit, über die zur Verfügung stehenden historischen Quellen hinaus mehr über die früheste Phase des transatlantischen Handels mit Sklaven in der Frühen Neuzeit zu erfahren. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts sollen zum einen in Fachzeitschriften veröffentlicht und zum anderen bei nationalen und internationalen wissenschaftlichen Konferenzen vorgestellt werden.

Hörbares: Ist das Judentum monotheistisch? — Akustische Archäologie — Ein Transvestit im Dienste des Sonnenkönigs — Luther wollte mehr — Der Körper im Judentum

Ist das Judentum monotheistisch? – Zwei Götter im jüdischen Himmel | Spieldauer 17 Minuten | DR | Stream & Info | Direkter Download
Der Körper im Judentum – Wertschätzung des Lebens | Spieldauer 22 Minuten | DR | Stream & Info | Direkter Download

Akustische Archäologie – Wie Paris im 18. Jahrhundert klang | Spieldauer 5 Minuten | DR | Stream & Info | Direkter Download

Le Chavalier d´Eon – ein Transvestit im Dienste des Sonnenkönigs | Spieldauer 16 Minuten | Das geheime Kabinett | Stream & Info | Direkter Download

Luther wollte mehr – Eugen Drewermann im Gespräch mit Hans Dieter Heimendahl | Spieldauer 23 Minuten | DR | Stream & Info | Direkter Download
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Fundstücke KW 13

Das Blog „Museumsperlen“ liefert einen nützlichen Überblick der Freilichtmuseen in Bayern. Im spätantiken Ungarn scheinen Römer und Hunnen weitgehend freidlich koexistiert zu haben, wie Der Spiegel vermeldet. Wikinger waren im 8.-11. Jahrhundert vor allem gefürchtete Plünderer, haben sich heute aber … Weiterlesen

Feministische Archäologie: In Östrogen gegossenes Wunschdenken

Triggerwarnung für Feministen und ‚innen‘: Dieser Blogbeitrag enthält Naturwissenschaft, Logik, Fakten und eventuell Spuren von Testosteron.

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„Feministische Archäologie“ – was ist das? Selbst Personen, die im Geschichtsbetrieb beruflich tätig sind, können sich oft darunter nur wenig vorstellen. Eine kurze formelle Erklärung findet man hier. Freilich, aus diesem hochtrabenden Geschwurbel dürfte erst recht nicht jeder schlau werden. Versuchen wir es daher folgendermaßen: Die feministische Archäologie beklagt den Umstand, dass beispielsweise archäologische Funde häufig auf Grundlage traditioneller Rollenbilder interpretiert werden. Z.B.: Das Nudelholz muss einst einer Frau gehört haben, das Schwert einem Mann. In Wirklichkeit könnte es auch umgekehrt gewesen sein, wendet man ein. Was hätte denn etwa Frauen in der Vorzeit daran gehindert, sich als Kriegerinnen zu betätigen? Tja, eigentlich nicht sehr viel. Außer vielleicht der klitzekleine Umstand, dass Frauen typischerweise im Oberkörper um rund 45 % weniger Kraft als ein durchschnittlicher Mann verfügen. Auch sind weibliches Herz sowie Lungen kleiner und das Blut enthält weniger Hämoglobin, wodurch selbstredend weniger Sauerstoff im Körper transportiert werden kann. In einem kräftezehrenden Kampf hat man auf Grundlage dieser Voraussetzungen als Frau eher schlechte Überlebenschancen. Will heißen, eine Streitmacht, für die der Nahkampf die übliche Form der Auseinandersetzung mit dem Feind ist, schwächt sich zwangsläufig durch das Eingliedern von Frauen. Diese Tatsache versteht und akzeptiert jeder, nur nicht der Feminismus, der mit Biologie und Logik bekanntermaßen nicht sehr eng befreundet ist 😛  

Die von Mann und Frau übernommenen Rollen waren dereinst den biologischen Unterschieden geschuldet. Die jeweiligen Vorteile der beiden Geschlechter wurden optimal ausgenutzt. Natürlich gibt es bezüglich der traditionellen Geschlechterrollen auch Ausnahmen. Sowohl individuelle wie auch kulturell bedingte – oder einfach den Zeitumständen geschuldete; der etablierten Forschung ist das, ganz ohne Zutun der feministischer Archäologie, längst bewusst! Man weiß aber auch, das sich aus Einzelfällen keine allgemeine Regelhaftigkeit ableiten lässt.  
Ein hübsches Beispiel für das feministische Zurechtbiegen der Realität stellt ein von mir kürzlich entdeckter Blogbeitrag dar (Teil 1, Teil 2). Die Verfasserin, die sich selbst als Feministin bezeichnet (und wirklich alles an ihr bestätigt diese Eigendefinition), erklärt zwar vorab, dass ihr Text aus dem Jahr 2013 kein Fachartikel ist, doch betont sie auch, gelernte Historikerin zu sein und sich mit Archäologie auszukennen. Wenn sie also schon dergestalt auftrumpft, dann sollte man doch annehmen dürfen, dass auch einschlägige Blogpostings von ihr gewisse Qualitätskriterien erfüllen.
Anlass für das Lamento der guten Frau war ein für sie höchst unbefriedigender Besuch des MAMUZ in Asparn an der Zaya. Die Beschreibungen einiger der im Museum ausgestellten Objekte gingen nicht mit ihren Vorstellungen von archäologischer Forschung und Geschlechtergerechtigkeit konform. Sehen wir uns daher ein paar der von ihr geäußerten Kritikpunkte näher an. Vieles davon ist ja durchaus repräsentativ für die Ansichten innerhalb der Feministischen Archäologie. (Anmerkung: Die Zitat-Kästchen wurden von mir absichtlich in Mädchen-Rosa eingefärbt – zur Erbauung aller Feministinnen und Gläubigen der Gender Studies. 😄)

Webgewichte, Spinnwirtel und Garn – das Handwerkzeug der jungsteinzeitlichen Frau” steht da auf der Tafel. Aha. Soso. Klar: Es hat wahrscheinlich in der ganzen Jungsteinzeit kein einziges männliches Wesen gegeben, das jemals auch nur in die Nähe der Produktion von Textilien gekommen ist […].
Die gab es vielleicht. In Abschnitten des Mittelalters sowie der Neuzeit wurde das professionelle Weberhandwerk sogar hauptsächlich von Männern ausgeübt. Doch ist das an dieser Stelle nicht von Bedeutung, da es vielmehr um die Frage gehen muss, ob die Befundlage des inkriminierten Objekts den Schluss nahe legt, dass es im Neolithikum einer Frau gehörte. Eventuell war es eine Grabbeigabe. Die Kritikerin scheint aber bezüglich des Fundkontextes nicht im Bilde zu sein. Sie meckert lieber einfach drauf los. Für eine gelernte ‚Historikerin‘ ein fragwürdiges Verhalten, Emanzen andererseits gebärden sich häufig dermaßen ‚übereifrig‘.
Außerdem lässt sich, wenn beispielsweise Webgewichte hauptsächlich Frauen als Grabbeigaben zugeordnet werden können, daraus der logische Schluss ziehen, dass die Weberei in einer bestimmten Zeitperiode/Kultur primär eine weibliche Domäne war. Eine sprachliche Verallgemeinerung kann in diesem Fall durchaus in Ordnung sein. Schließlich sollten die beschreibenden Texte in Museen aus didaktischen Gründen kurz und knackig gehalten werden; nicht jede Mutmaßung und eventuelle Abweichung von einer Norm kann hierbei Berücksichtigung finden.
Die Kritikerin macht es sich in weiterer Folge recht einfach, indem sie sämtliche archäologischen Erkenntnisse mit folgender Begründung relativiert:

Trotz einer Anzahl von Archäologinnen*, die in den Anfangstagen der Archäologie Grabungen durchführten und Frauen*, die bei Grabungen ihrer Archäologenväter*, -brüder*, -partner* auf verschiedene Arten mitarbeiteten, trotz aller feministischer Archäologie und Historiographie seit dem 19./20. Jahrhundert ist auch die Archäologie und Geschichtsschreibung nicht vor dem Patriarchat gefeit. 
Quasi zum Ausgleich muss sich die moderne Wissenschaft des 21. Jahrhunderts mit Absonderlichkeiten wie der Feministischen Archäologie herumschlagen, die aufgrund ihres ideologischen Unterbaus dazu neigt, ein historisches Phänomen nicht mehr nur um des Verständnisses seiner selbst willen zu betrachten. Vielmehr spielen Aktualitätsbezüge eine wichtige Rolle, um für ein in der Gegenwart beheimatetes Anliegen, Belege in der Vergangenheit zu finden. Dazu gleich mehr.
[…] Ergo wurden und werden Grabungsfunde aus der Sicht des Patriarchats gedeutet, was z.B. dazu führt(e), dass Skelette mit Waffen – speziell Schwertern – als Grabbeigaben ohne weitere Untersuchung als Männer deklariert wurden, auch wenn ein Skelett möglicherweise das einer Frau* war. Gräber mit “Frauenschmuck” wurden dagegen als Frauengräber interpretiert.
Deshalb gibt es auch die Möglichkeit, das Geschlecht eines skelettierten Toten mittels morphologischer Untersuchung oder DNA-Analyse zu bestimmen. Unter Zuhilfenahme genau dieser Methoden wurde vor wenigen Jahren von einer Archäologin der Versuch unternommen, bajuwarisch-merowingerzeitliche Bestattungen einer „Geschlechtsumwandlung“ zu unterziehen. Nicht Männer wären da einst mit Schwertern verbuddelt worden, sondern Frauen. Sogar eine reichlich beliebig interpretierbare Stelle in der frühmittelalterlichen Lex Baiuvariorum wurde als Indiz für die These bemüht.
Doch leider, man hatte sich zu früh gefreut. Das abschließende Fazit der Archäologin musste nämlich lauten: „Die DNA-Analysen an bajuwarischem Skelettmaterial haben eindeutige Ergebnisse geliefert. Im Hinblick auf die Frage nach Waffenbeigaben in Frauengräbern, die auf eine Existenz von „Kriegerinnen“ im Frühmittel-alter schließen ließen, muss die Antwort negativ ausfallen.“
Dazu kommt, dass es aus der Steinzeit, egal ob alt oder jung, keine schriftlichen Quellen gibt und die archäologische Fundlage bruchstückhaft, undurchsichtig und eben sehr anfällig für und abhängig von Interpretationen ist. Vieles wissen die heutigen Forscher*innen einfach nicht und werden es vielleicht nie erfahren. 
Ja, aber deshalb fallen nicht sämtliche Erkenntnisse einer beliebigen Interpretation durch Pseudowissenschaftler und Ideologen anheim. Der Methodenapparat der Geschichtswissenschaften (inkl. der Archäologie) ist nämlich nicht auf dem Stand des 19. Jahrhunderts stehengeblieben! Längst leisten auch die Naturwissenschaften einen erheblichen Beitrag zur Forschungsarbeit (siehe das obige Beispiel mit der DNA-Analyse). Das Ausmaß der Ironie ist kaum steigerbar, wenn nun ausgerechnet aus der Gender- und Feministinnen-Ecke die angeblich zu unscharfen Methoden der modernen Geschichtsforschung kritisiert werden. Schließlich haben gerade Feministen und Konsorten mit empirischer Beweisführung so gut wie nichts am Hut (siehe auch den Anhang an diesem Blog-Beitrag zum Thema ‚Gender Pay Gap‘).

Dabei wurde lange Zeit angenommen, dass Forscher objektiv seien, Frauen das nicht wären und daher für die Forschung nicht geeignet seien und mehr als zwei Geschlechter gab es in der Forschung offiziell nicht. 
Mehr als zwei Geschlechter gibt es in der Realität beim Menschen auch nicht (echte Intersexualität, Stichwort ‚Zwitter‘, ist ein relativ seltener Sonderfall). Der Spielverderber Biologie grätscht hier also wieder einmal böse dazwischen. Doch davon lassen sich Ideologen – sowohl weibliche wie auch männliche – naturgemäß nicht beirren. Das Geschlecht, von dem es angeblich dutzende (!) Varianten geben soll, werde primär vom Oberstübchen vorgegeben – nicht etwa von der Anatomie. Wohin diese Art von postfaktischer Phantasterei führen kann, sieht man an diesem Beispiel, bei dem es sich um keinen verfrühten Aprilscherz handelt.
Heute kommen einige Menschen in der Forschung im Allgemeinen und auch in der Geschichtsforschung immer mehr darauf, dass Menschen nicht objektiv sein können und unsere persönlichen Prägungen, Ansichten, Stereotype, Gefühle etc. immer in unsere Forschungen – und alles andere auch – einfließen lassen, ob bewusst oder unbewusst. Wie objektiv ist also ein*e nicht für Feminismen sensibilisierte*r Forscher*in?
Gegenfrage: Wie objektiv bzw. ernst zu nehmen ist jemand, der behauptet, es gäbe viel mehr als nur zwei Geschlechter? So jemand hat sich doch schon längst aus der empirischen Wissenschaft ausgeklinkt und sich stattdessen einem Kult verschrieben. Verglichen damit ist selbst Erich von Dänikens Prä-Astronautik-Theorie nobelpreisverdächtig.
Wer glaubt, mit all dem hier bisher behandelten Unsinn sei der Gipfel des Wahnsinns erklommen, muss sich umgehend eines Besseren belehren lassen. Im zweiten Teil der Kritik schreibt die Frau über ihren traumatischen Museumsbesuch nämlich folgendes:
Wir kamen zur Statuette der “Venus von Falkenstein” aus der jungsteinzeitlichen Lengyel-Kultur, die “unserem Schönheitsideal mehr entspricht” (Aussage des Führers*) als die Venus von Villendorf (die hat dafür einen eigenen Wikipedia-Eintrag).
Warum müssen die immer alle “Venus” heißen, selbst heute noch, wo längst andere Begriffe gefunden werden könnten? 
Warum man solche Statuetten bzw. Idole „Venus“ nennt? Ja wie denn sonst? Jazz GittiStefanie Werger? Freilich, bezüglich der Optik wären das wohl eine passendere Bezeichnungen für diese steinzeitlichen Wuchtbrummen 😃. Doch sollte gerade die feministische Kritikerin froh über den Euphemismus „Venus“ sein, ist er doch scheinbar ganz in ihrem Interesse – wie folgende Aussage nahelegt.
Und warum müssen steinzeitliche Frauen*statuetten um der “modernen Vermittlung” willen fatshaming ausgesetzt sein? (Und warum gibt es zu fatshaming noch keinen eigenen Wikipedia-Eintrag?)
Tja, selbst selbst den Wikipedia-Hanseln – und das will etwas heißen – ist dieser Begriff aus Übersee wohl zu dümmlich und trivial, um dafür extra einen eigenen Eintrag zu basteln. 
Danach wurde ich dann gerügt, dass ich nicht mehr fotografieren sollte – ich habe mich nicht daran gehalten. Ich habe aber auch nicht weiter dokumentiert oder aufgepasst. Ich habe nur noch einen bösen Kommentar im Gästebuch hinterlassen (Monierung der nicht geschlechtergerechten Sprache und “Geschichtsbild wie aus den 1950er-Jahren”) und habe mich nach draußen verzogen.
Held_in! Für diese feministische Zivilcourage wird der Dame hoffentlich der Pussy Hat mit Eichenlaub und Schwertern verliehen.  😊
Übrigens: Die feministischen Archäologen und ‚innen‘ haben selbstverständlich auch ein Netzwerk gebildet, das den Namen FemArc trägt. Die Allwissende Müllhalde weiß darüber folgendes zu berichten:

Das Netzwerk verfolgt zwei Ziele: zum einen das Etablieren von Geschlechterthemen und feministischen Ansätzen in den verschiedenen archäologischen Disziplinen; zum anderen die Unterstützung von Frauen bei ihren archäologischen Karrieren.

Neben dem Verbreiten ihrer ideologischen Vorstellungen geht es den weiblichen Mitgliedern von FemArc also darum, sich gegenseitig Posten zuzuschanzen – so zumindest mein Eindruck. Die meisten feministischen Aktivistinnen sind nämlich – nachdem im Westen die Frau längst dem Mann rechtlich sowie sozial gleichgestellt ist – dazu übergegangen, über Quoten bei Professuren, in der Politik, dem Management und bei Studienplätzen Vorteile für sich herauszuschinden. Nicht mehr die persönliche Leistung zählt, sondern das, was man zwischen den Beinen hat bzw. eben nicht hat. Somit ist der Feminismus in der Tat zu einer einer reinen Rosinenpickerei verkommen. Sehr gut abzulesen auch an dem Umstand, dass von Feministinnen nie folgendes gefordert wird: Eine Frauenquoten für Berufe am Bau; eine Gleichstellung beim gesetzlichen Pensionsantrittsalter; die Wehrpflicht für Frauen. 

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Zusatzinformationen:

  • Eigentlich haben die nachfolgenden beiden Links bezüglich ‚Gender Pay Gap‘ nicht direkt etwas mit dem Thema dieses Blogbeitrags zu tun. Ich weise trotzdem darauf hin, weil hier sehr gut veranschaulicht wird, dass heutige Feministinnen (in Komplizenschaft mit Journalisten) selbst bei einem ihrer zentralen Themen die Öffentlichkeit nach Strich und Faden behumpsen:  Youtube-Video | Telepolis-Artikel

Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

ECHY 2018 und die Archäologie: Die Spundwand der römischen Hafenmauer in Köln, die Archäologie in Deutschland und das Europäische Kulturerbejahr

Köln, Fritz Thyssen Stiftung | 19:00 Uhr

Europas reiches kulturelles Erbe ist maßgeblicher Bestandteil unserer gemeinsamen europäischen wie auch lokalen Identität. Mit dem Europäischen Kulturerbejahr 2018 werden alle Bürger eingeladen, ihr gemeinsames Kulturerbe zu erleben.
 
Auf dieses Ereignis möchte der Arbeitskreis Bodendenkmäler mit einem Vortrag aufmerksam machen. Matthias Wemhoff, Museum für Vor- und Frühgeschichte (Berlin), wird zentrale archäologische Projekte im Rahmen des Kulturerbejahres thematisieren und dabei einen wesentlichen Aspekt aufgreifen, nämlich, dass unser kulturelles Erbe immer beides ist: lokal und europäisch.
 
Der Vortrag findet statt am:  Donnerstag, 6. April 2017 | 19:00 Uhr
 
Fritz Thyssen Stiftung
Apostelnkloster 13-15
50672 Köln