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Tag Archive for Kulturgut

Kulturgut in Syrien und Irak (Februar und März 2018)

Die Situation in Syrien ist mit den nunmehr komplexeren Koalitionen nochmals unübersichtlicher geworden – das gilt auch in Bezug auf Kulturgüter, die auch unter den neuen Voraussetzungen Spielball der Politik sind. Schuldzuweisungen sind in jeder Richtung mit großer Vorsicht zu geniesen.

Mari, Tell mit Schutzdach 1993
(Foto: M. Scholz)

Daesh-Zerstörungen in Mari

Tell Hariri an der Grenze zum Irak war lange Zeit im Machtgebiet des Daesh, jetzt liegen erste Beobachtungen nach deren Vertreibung vor. Die syrische Alterumsbehörde postete Bilder der Zerstörungen. Offenbar wurde die Fundstelle systematisch umgegraben, die Mauern des Palastes von Mari (s. Wikipedia), im 3. und 2. Jahrtausend v.Chr. Mittelpunkt eines wichtigen mesopotamischen Reiches wurden systematisch untergraben. Das Schutzdach, mit dem das langjährigen archäologische Grabungsareal geschützt worden war, ist eingestürzt.

Mari, Tell mit Schutzdach 1993
(Foto: M. Scholz)

Die Fundstelle ist wegen ihres Keilschriftenarchivs sowie einiger exzeptionelle Funde, von denen sich einige heute im Louvre befinden, bekannt. Es ist anzunehmen, dass sich die Plünderer  hier Funde versprochen haben, die bei Sammlern im Ausland begehrt sind. Es ist weiters anzunehmen, dass die Raubgräber ihre Ware inzwischen an Zwischenhändler verkauft haben und dabei an Daesh „Steuern“ bezahlt haben. Es dürfte Jahre dauern, bis die Funde irgendwo auf dem Markt auftauchen.
Zu vermerken ist, dass Daesh mit dieser Fundstelle, die auf der Tentativliste der UNESCO steht, keine Propaganda betrieben hat.

Die türkische Offensive in Nordsyrien

Das militärische Eingreifen der Türkei im Norden Syriens hat dem ehemaligen Bürgerkrieg in Syrien eine neue Dimension gegeben. Neben den zivilen Menschenopfern und den Angriffen auch auf zivile Einrichtungen in Afrin stehen auch die Angriffe auf archäologische Fundstellen in einem bemerkenswerten Gegensatz zu den Beteuerungen der Türkei, nur Terroristen zu verfolgen.

Nordbasilika in Brad
(Foto: Hani Simo [CC BY 2.0]
via WikimediaCommons [Version v. 27.3.2011])

Am 22.3. melden Quellen aus dem Umfeld des Assad-Regimes wie auch die syrische Altertumsbehörde Bombenangriffe auf die byzantinische Siedlung Brad, 15 km südlich von Afrin. Sie ist die nördlichste der Totenstädte, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen.

Die syrische Altertumsbehörde unterstellt der Türkei einen systematischen Plan syrisches Kulturerbe zu zerstören. Die Meldung nennt weitere Zerstörungen in Qurosh und Tal Jendyres.

Weitere Meldungen zu den türkischen Zerstörungen in Ain Dara

Schadensmeldungen

Nach den unmittelbaren Kriegsschäden gibt es nun zunehmend Meldungen über Folgeschäden durch Vernachlässigung und mangelnde materielle wie administrative Infrastruktur. Offenbar wird die Gelegenheit gerne genutzt, Altbauten zugunsten von Neuinvestitionen los zu werden.

Mosul

Abbrucharbeiten nach Daesh in Mosul:

Impressionen aus Mossul:

Zustand des Aleppo Museums

Ein facebook-Post auf Aleppo Archaeology zeigt Bilder angeblich des Museums von Aleppo (auf der angegebenen Quelle konnte ich sie nicht ausfindig machen). Erkennbar ist ein Hinterhof mit Müll und Autowracks, vor allem aber – geschätzt von den Autowracks – etwa 20 cm hoch stehendes, schon total veralgtes Wasser, das nach dem facebook-Post vermuten lässt, dass Funde im Museum ebenfalls im Wasser liegen.

Raubgrabungen & Antikenhehlerei

Im Kontext mit der Frage nach dem Schicksal der geplünderten Funde (der Kunsthandel hat jüngst darauf verwiesen, dass in Europa bisher keine Funde des IS aufgetaucht seien. – T.E. Schmidt, Kulturgutschutzgesetz ohne Grundlage. Weltkunst 23.2.2018), ist eine Meldung von Interesse, bei der es allerdings um Funde aus dem IS-Gebiet in Libyen geht: In Spanien wurden Funde sicher gestellt, die vom IS in Libyen geplündert worden sein sollen. Das wäre ein erster Nachweis, dass „Blutantiken“ tatsächlich den westlichen Markt erreichen – allerdings werden die angeblichen Beweise (noch?) nicht offen gelegt. Nach einem französischen Zeitungsartikel geht es um einen renommierten Händler aus Brüssel, der auch auf der angeblich mit höchsten Sorgfalt arbeitenden Brussels Art Fair ausgestellt hat. In Spanien soll Anklage wegen Terrorfinanzierung erhoben werden. Die Funde gingen von Libyen über Ägypten, Vereinigte Arabische Emirate/Jordanien und Deutschland (! – mit was für Papieren?) nach Spanien und Belgien

Verdachtsfälle gab es aber schon zuvor:

Tagung der UNESCO in Paris mit dem (wahrscheinlich vergeblichen) Versuch, den Kunsthandel in die Maßnahmen gegen Antikenhehlerei und Raubgrabungen einzubinden

 Artikel

  • Neil Brodie & Isber Sabrine (2017) The Illegal Excavation and Trade of Syrian Cultural Objects: A View from the Ground. Journal of Field Archaeology, 43:1, 74-84, DOI: 10.1080/00934690.2017.1410919

Restaurierung & Wiederaufbau

Aleppo

Restaurierung der Omayaden-Moschee in Aleppo:

Der Damage Newsletter von Heritage for Peace vom 12.3.2018 weist auf einen arabischen Artikel zu den Baulizenzen in der Altstadt von Aleppo hin, die nach der Eroberung durch das Assad-Regime vergeben werden und weitere Substanzverluste befürchten lassen.
Es wird bemängelt, dass die Bestimmungen des Denkmalschutzes umgangen würden und der Wiederaufbau unsachgemäß mit Beton durchgeführt würde. Ein Problem scheint indes der Mangel an traditionellen Baumaterialien zu sein. Es gibt wohl Gespräche zwischen Stadtverwaltung und Denkmalschutz. Unter den aktuellen Bedingungen mit einer Kontrolle durch das Assadregime ist es kaum denkbar, dass all die im Ausland geschmiedeten Pläne (vergl. Archaeologik 19.5.2017) groß in den Wiederaufbau eingebracht werden können.

Palmyra

Weitere 3D-Rekonstruktionen

Buchpublikation:

  • M. Silver/G. Fangi/A. Denker, Reviving Palmyra in multiple dimensions. Images, ruins and cultural memory (2017). – ISBN 978-184995-296-5 
Eine syrische Delegation hat in Moskau eine Vereinbarung über Restaurierungsarbeiten unter russischer Beteiligung unterschrieben:

Irak

UNESCO-Statement zum Wiederaufbau im Irak:

Mosul
Neben den Meldungen über Trümmer und Tote – während noch die Leichen in den Straßen liegen – gibt es auch solche zu ersten Restaurierungen.

Resonanz

Diskussion in Wien:

Auswirkungen des deutschen Kulturgutschutzgesetzes:

Kunst in London

Schulung für syrische Museumsmitarbeiter in Beirut durch HTW Berlin

    Literatur

    Links

    frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

    Dank an diverse Kollegen für Hinweise.

      „Wem gehört die Kunst der Kolonialzeit?“ – Rückgabe von afrikanischen Gebeinen und Kulturobjekten

      Bauen wir Museen in Afrika!. Von Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Hinter einer paywall: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/kunst-der-kolonialzeit-bauen-wir-museen-in-afrika-15415223.html   Pressemitteilung: Parzinger: „Wir brauchen internationale Regeln“ https://www.preussischer-kulturbesitz.de/news-detail/news/2018/01/25/parzinger-wir-brauchen-internationale-regeln.html   Bezieht sich auf: à l’Afrique. Discours devant des étudiants de l’université de Ouagadougou. Emmanuel … Weiterlesen

      Sammlungen des Adels

      Klaus Graf: Rezension von: Ulrike Sbresny: Sammlungen des Adels. Bedeutung, Kulturgüterschutz und die Entwicklung der Welfensammlung nach 1918, Bielefeld: transcript 2016 in KUNSTFORM 18 (2017), Nr. 12, https://www.arthistoricum.net/kunstform/rezension/ausgabe/2017/12/ bzw. sehepunkte 17 (2017), Nr. 12 [15.12.2017], URL: http://www.sehepunkte.de/2017/12/29839.html „Die literarischen und … Weiterlesen

      Nahes und fernes Kulturerbe – Gedanken zu „Zweierlei Moral”

      Beitrag von Raimund Karl

      Abriss des Immenrather Doms 2018
      zur Erweiterung des Braunkohletagebaus
      (Foto: Raimond Spekking [CC BY-SA 4.0]
      via Wikimedia Commons)

      Der provokative Beitrag Zweierlei Moral? (Archaeologik [19.1.2018]) hat in der fb-Gruppe Archäologie in Deutschland zu einigen Reaktionen geführt. Einige Kommentatoren haben die Vergleichbarkeit der beiden Fälle bezweifelt oder das geringe Alter des „Immenrather Doms“ hingewiesen (was für dessen Bedeutung für die Dorfgemeinschaft und die Regionalgeschichte aber nicht wesentlich ist, zumal er nur exemplarisch für den ganzen Braunkohletagebau steht), doch wurde auch darauf verwiesen, dass es in Deutschland möglicherweise eine höhere Wertschätzung fremden Kulturgutes gäbe. Die recht ausführlichen Gedanken von Raimund Karl dazu möchte ich auch hier im Blog einstellen, da ich sie für eine überfällige Debatte als hilfreich empfinde [RS]:

      In diesem Fall sehe ich wenig Grund, die von Rainer Schreg in diesem Fall postulierte „Ungleichwertung“ von kulturellem Erbe bzw. die „Doppelmoral“ in der Bewertung der Zerstörung von Kulturgütern mit einer Überkompensation des Missbrauchs des „eigenen“ kulturellen Erbes Deutschlands während des 3. Reichs und einem dadurch verursachten „gestörten“ Verhältnis der „Deutschen“ mit diesem zu erklären. Eine solche Überkompensation hat es zweifellos gegeben und gibt es zweifellos auch immer noch, und der „Nationalstolz“ der „Deutschen“ auf das deutsche Kulturerbe ist in diesem Sinn tatsächlich gestört. Gerade im Fall des Vergleichs der Empörung über die Zerstörung Palmyras durch Daesh (oder wei auch immer man sie gerade nennen soll) und der weit geringeren Empörung über die Zerstörung des „Immenrather Doms“ (und anderem Kulturerbe im Braunkohletagbau, die sich, wenn man von dem gerade konkret herangezogenen Fall einmal absieht, tatsächlich in Anbetracht von 95% Zerstörungsquote bekannter archäologischer Fundstellen im Braunkohletagbau – um von den unbekannten gar nicht erst zu reden – durch vollständiges Fehlen öffentlich geäußerter Empörung auszeichnet) würde ich ganz andere Gründe für die „Ungleichwertung“ verantwortlich machen.

      Um zu zeigen, dass diese „Doppelmoral“ nicht durch „deutsche Überkompensation“ erklärbar ist, ein kurzer Blick nach Großbritannien, wo ich ja lebe, erhellend: hier hat die Zerstörung von Palmyra auch viel mehr Empörung „ausgelöst“ als z.B. die Pläne für die teilweise Verlagerung (für deren geplante Verbreiterung) der an Stonehenge vorbeiführenden Bundesstrasse in einen Tunnel und die – wenn es zur Umsetzung dieser Pläne kommt – damit verbundene radikale Umgestaltung der historisch gewachsenen Kulturlandschaft um Stonehenge (zu der natürlich auch die an diesem Denkmal vorbeiführende Strasse gehört, die somit auch Kulturerbe ist); geschweige denn die stetig vorkommende (ob nun ganz oder nur teilweise archäologisch dokumentierte) Vernichtung weit weniger prominenter archäologischer Fundstellen und anderer Kulturdenkmale im Kontext der normalen modernen Landschaftsnutzung. Und die Briten sind gerade auf Stonehenge besonders stolz und leiden auch auf ihr sonstiges kulturelles Erbe sicherlich nicht an einer „deutschen Überkompensation“. Es scheint mir also höchst unwahrscheinlich, dass die „Doppelmoral“, die Rainer Schreg hier kritisiert, irgendwas mit einem „gestörten“ Verhältnis zum „eigenen“ Kulturerbe oder einer ebenso „gestörten“ nationalen Identität zu tun hat.
      Ich sehe gerade im Fall dieser „Doppelmoral“ ganz andere und weit wichtiger Gründe, die die unterschiedliche Bewertung der (bzw. Empörung über die) Zerstörung Palmyras und des „Immenrather Doms“ weit besser erklären.

      Diese sind

      1. der Propagandakrieg zwischen Daesh und der restlichen („zivilisierten“ und auch nicht so „zivilisierten“) und insbesondere der „westlichen“ Welt. Dieser war keineswegs eine rein einseitige Sache, bei der der „bösen“ Propaganda des Daesh (und die Zerstörung von Palmyra war in erster Linie eine Propagandaaktion des Daesh) von der Gegenseite (zu der auch und insbesondere „wir“ in der „westlichen“ Welt gehören) nichts als die nackte Wahrheit entgegengestellt wurde. Vielmehr wurde die Zerstörung der „Weltkulturerbestätte“ Palmyra durch Daesh von „unserer Seite“ genauso zu (nur aus unserer Sicht „guten“) Propagandazwecken genutzt wie von Daesh.
        Der Punkt des Konzepts des „Weltkulturerbes“ ist, dass sich (idealerweise) Menschen in aller (aber insbesondere in der westlichen) Welt mit dem derart designierten Kulturerbe identifizieren, sowohl aus Gründen des (dadurch im Vergleich mit dem Schutz beliebiger anderer Kulturgüter im betreffenden Land normalerweise stark verbesserten) Kulturgüterschutzes für die so designierten Stätten, als auch aus beinharten ökonomischen Interessen im Bereich des Kulturtourismus, Die erwünschte Selbstidentifikation „aller“ (aber insbesondere „westlicher“) Menschen mit dem Weltkulturerbe führt nämlich letztendlich dazu, dass sich mehr (vor allem reiche „westliche“) Menschen die derart designierten Stätten anschauen wollen. Das macht es für (fast) jeden Staat und dessen Regierung attraktiv, diese Stätten besonders gut (und oft weit besser als anderes „nationales“ Kulturerbe) zu schützen, weil das Kohle auch in ihre Taschen spült, die sie sonst nicht hätten.
        Dadurch, dass sich „alle“ (und insbesondere „westliche“) Menschen selbst mit dem Weltkulturerbe identifizieren, macht es aber gerade in gewaltsamen Auseinandersetzungen (insbesondere solchen, in denen die eine Seite sich nicht zuletzt durch eine Abgrenzung gegenüber der „westlichen“ Welt definiert) zu einem extrem geeigneten Propagandamittel. Die, die sich gegen „den Westen“ (und auch „alle“ anderen) abgrenzen, können dadurch, dass sie Weltkulturerbe zerstören, zeigen dass sie „dem Feind“ damit „Schaden“ zufügen und somit bei ihren eigenen Anhängern punkten. Aber „der Westen“ (und „alle“ anderen auf der Gegenseite) können die Selbstidentifikation von Leuten auf der „westlichen“ (bzw. anderen) Seite mit diesem Kulturerbe ebenso nutzen, weil ein Angriff auf etwas, mit dem sich auch nur ein Teil der eigenen Bevölkerung identifiziert kann als Angriff auf die eigene Gemeinschaft (bzw. „die Menschheit“) in ihrer Gesamtheit dargestellt werden (und wurde es in diesem Fall auch; ebenso wie im Fall der Bamiyan Buddhas, wo sich genau dasselbe beobachten hat lassen).
        Die Medien spielen hier auch dankbar mit: „Skandale“, über die sich die Leute „empören“ können, verkaufen das Produkt der Medien besser als alles andere. Also wird in solchen Fällen – die bei uns im „Westen“ (und auch praktisch überall sonst auf der Welt) letztendlich gesellschaftlich weitestgehend folgenlos sind und bleiben (außer vielleicht, dass ein paar ArchäologInnen ein paar Millionen Euro für neue Forschungs- und vielleicht ein paar Wiederaufbauprojekte für das betroffene Kulturerbe bekommen, die dafür woanders im Kulturgüterschutz weggespart werden) – die propagandistisch gewollte „Empörung“ gehypt.
      2. In Deutschland wie auch in Großbritannien ist – selbst extreme – „Empörung“ über die Zerstörung „unseres gemeinsamen Welterbes“ vollkommen unproblematisch, wenn nicht sogar nützlich. „Wir Deutsche“ oder auch „wir Briten“ oder sogar „wir zivilisierten Menschen“ können uns alle vollkommen einig drüber sein, dass das „ein Skandal ist!!!!!!!!„, weil es hier praktisch niemanden gibt, der ein ernsthaftes Interesse daran haben kann, irgendwo in Syrien oder auch Afghanistan, wo 99% der Bevölkerung nicht nur nie waren, sondern auch nie hinkommen werden, irgendwelche alten Sachen in die Luft zu blasen. Die „Empörung“ über diese Zerstörung tut also niemandem weh und schweißt „uns“ zusammen. Mit der Zerstörung von „unserem eigenen“ Kulturerbe wie dem „Immenrather Dom“ (oder auch der historisch gewachsenen Kulturlandschaft um Stonehenge; oder auch der sonstigen Archäologie im deutschen Braunkohletagbau oder irgendwo in Großbritannien, die Baumaßnahmen zum Opfer fallen soll) ist das hingegen ganz anders. Weil die Erhaltung unseres „eigenen“ Kulturerbes bedeutet wenigstens für manche von „uns“ einen Verzicht auf irgendetwas. Im Fall des „Immenrather Doms“ (und des archäologischen Kulturerbes in den Braunkohlegebieten) hatte wenigstens das Unternehmen, das dort Braunkohle abbauen will (und wahrscheinlich auch dessen Angestellte, die ihren Job behalten und bezahlt werden wollen) ein gewisses Interesse daran, dass es dieses Kulturerbe zerstören darf. Und überhaupt ist der Denkmalschutz vielen Menschen ein gewisser Dorn im Auge, vor allem wenn er sie selbst und ihr Eigentum betrifft und eventuell ihre Pläne, wie sie dieses Eigentum nutzen (oder auch nur verändern) wollen behindert. Oder anders gesagt: es gibt in unserer jeweiligen („deutschen“, „britischen“, „westlichen“ etc.) Gesellschaft selbst eine nicht irrelevante Bevölkerungsgruppe, die zwar vielleicht nicht gegen, aber jedenfalls auch nicht für die Erhaltung des „eigenen“ Kulturerbes ist; und sogar in Fällen, in denen dieses sie selbst und die Verwirklichung ihrer eigenen Interessen behindern könnte, ganz konkret gegen die Erhaltung des (bzw. wenigstens dieses bestimmten) Kulturerbes ist.
        Das „eigene“ Kulturerbe spaltet also die „eigene“ Gesellschaft in zwei Lager; und diese beiden Lager können vielleicht gegeneinander Propagandafeldzüge führen, aber nicht einen gemeinsamen Propagandafeldzug gegen einen gemeinsamen „äußeren“ Feind. Daher ist auch die gesamtgesellschaftliche „Empörung“ und vor allem der diese zusätzlich anfeuernde Medienhype weitaus geringer.

      Die Folge dieser beiden Gründe ist, dass in einem Fall sich die „Empörung“ soweit aufschaukelt, wie es geht, während im anderen Fall die Empörung eher unterdrückt wird bzw. durch Unterstützung der Zerstörung ausgeglichen wird. Folge ist eine scheinbare „Doppelmoral“, die aber eigentlich gar keine ist, bzw. nur sehr bedingt eine ist.

      Der „innerdeutsche“ („innerbritische“ etc.) Interessenskonflikt wird noch dazu durch gesamtgesellschaftlich akzeptierte, bei uns noch dazu demokratisch legitimierte Interessensausgleichsmechanismen aufgefangen: es ist eben die Aufgabe der staatlichen Denkmalpflege, zwischen dem berechtigten Allgemeininteresse am Kulturgüterschutz und dem ebenso berechtigten Allgemein- und Individualinteresse an der wirtschaftlichen Nutzung der Landschaft und in dieser vorhandener Überreste der Vergangenheit abzuwägen. Die Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert das letztendlich auch und regt sich daher nicht besonders darüber auf (wenn ihr nicht am konkret betroffenen Kulturdenkmal besonders viel liegt), wenn etwas weggebaggert wird, bei dem das Denkmalamt der Ansicht war, dass es „schon nicht so wichtig ist“. Folge: weniger Empörung.

      Es bedarf also keiner tiefenpsychologischen Kollektivschuldpsychose, um diese scheinbare „Doppelmoral“ zu erklären. Vielmehr erklärt sie sich dadurch, dass es daheim mehr weh tut, wenn man sich streitet, als wenn man sich gemeinsam daheim darüber empört, dass irgendwer irgendwo irgendwas macht, das man nicht will…

      Zweierlei Maß?

      http://archaeologik.blogspot.de/2018/01/zweierlei-moral.html Rainer Schreg kommentiert: „Im einen Fall werden Kulturgüter zerstört, weil nach der Überzeugung der Täter eine gottgefällige Welt geschaffen werden soll, im anderen Fall, weil Geld aus einer veralteten umweltschädigenden Technik gewonnen werden soll. In der Praxis ist beides … Weiterlesen

      Zweierlei Moral?

      Warum ist die eine Kulturgutzerstörung akzeptiert, die andere aber nicht?Abriss des Immenrather Doms zur Erweiterung des Braunkohletagebaus(Foto: Raimond Spekking [CC BY-SA 4.0] via Wikimedia Commons)Zerstörung des Baalshamin-Tempels in Palmyra(Propaga…

      Der Fall Untermaßfeld

      „In einer kürzlich im Fachjournal „Journal of Paleolithic Archaeology“ veröffentlichten Studie widerlegt der Senckenberg-Wissenschaftler Prof. Dr. Ralf-Dietrich Kahlke gemeinsam mit einem internationalen Team renommierter Steinzeitexperten eine kürzlich erschienene Veröffentlichung zur Ausbreitung des Menschen in Europa. In dieser wird die These … Weiterlesen