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Tag Archive for Mittelalter

Buch: Im Paradies des Alphabets – Die Entwicklung der lateinischen Schrift

Vorweg: Nach Klaus Grewes Aquädukte – Wasser für Roms Städte wird hier nun zum zweiten Mal ein Buch besprochen, dessen Autor/Herausgeber dem wissenschaftlichen Beirat der medial belobhudelten Mittelalterbaustelle Campus Galli (pro forma) angehört. 
Im Paradies des Alphabetes – Die Entwicklung der Lateinischen Schrift wurde von Cornel Dora – Stiftsbibliothekar des Klosters St. Gallen – herausgegeben. Es handelt sich hierbei um eine Begleitschrift zur gleichnamigen Ausstellung im Jahr 2017.
In verschiedenen Kapiteln wird anhand von handschriftlichen Beispielen aus der umfangreichen Stiftsbibliothek des Schweizer Klosters St. Gallen die Entwicklung der lateinischen Schrift von der Spätantike bis zum Spätmittelalter veranschaulicht (4.-15. Jh.). Man beginnt mit der sogenannten Capitalis quadrata und arbeitet sich bis zur Humanistischen Kursive vor. Darüber hinaus werden auch Sonderformen wie die eher verwirrend wirkende Ogham-Schrift und das angelsächsische Runen-Alphabet behandelt. Weiters enthält das Buch großformatige Musteralphabete, die vor allem für jene interessant sein dürften, die sich selbst in der Praxis mit Kalligraphie auseinandersetzen wollen.
Der Titel ist leider etwas überoptimistisch bzw. irreführend. Die Entwicklung der lateinischen Schrift beginnt nämlich nicht erst im 4. Jahrhundert. Über das Davor erfährt man hier aber kaum etwas. 
Der Einband dieses fadengebundenen, schön gestalteten Buchs ist aus einem Karton mit einer rauen, empfindlichen Oberfläche. Wenig überraschend musste ich bereits beim Auspacken an der rechten unteren Ecke eine Beschädigung feststellen (siehe Bild). Hier hat man nach meinem Dafürhalten an der falschen Stelle geknausert. Ein folierter Karton hätte, wenn überhaupt, nur ein paar Cent mehr gekostet. 
Fazit: Inhaltlich handelt es sich um ein weitestgehend gelungenes Buch, das besonders in Bezug auf die verschiedenen Varianten der lateinischen Schriften des Mittelalters einen anschaulichen und allgemein verständlichen Überblick bietet. Der Kaufpreis beträgt 25 Euronen.
Inhaltsverzeichnis:
Vorwort
Zur Einführung: Schreiben im Mittelalter
Antike und Spätantike
Vorkarolingische Vielfalt
Insulare Schriften
Karolingische Minuskel
Gotische Schriften nördlich der Alpen
Italienische Schriften in Spätmittelalter und Renaissance 
Skriptorium und Bibliothek auf dem St. Galler Klosterplan
Initiallkunst
Die Schriften der Urkunden
Musteralphabete 
Ogham
Anhang
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Weiterführende Informationen: 

Krimskrams: Der infantile Rechtschreibguru vom Campus Galli — Spannende Facebook-Vorschläge

Der infantile Rechtschreibguru vom Campus Galli 

Die in Baden-Württemberg beheimatete Mittelalterbaustelle Campus Galli ist ein beständiger Quell des unfreiwillig Komischen. Siehe etwa den folgenden Wortwechsel, der sich kürzlich unter einem Beitrag über den Bau einer eher sinnfreien Obstgartenmauer des Möchtegern-Klosters entspann (zum Vergrößern auf das Bild klicken).
Zum Vergrößern auf das Bild klicken | Quelle: Campus-Galli.de
Hinter dem Pseudonym „Campus Galli“ verbirgt sich Hannes Napierala, der Geschäftsführer des Projekts, wie ein kurzer Blick in den Quelltext der Seite zeigt (comment byuser comment-author-hannes). Diese überempfindliche Mimose erschnüffelt im obigen Kommentar also (Mikro-)Aggressionen …
Aber mehr noch: Wie ein Zwölfjähriger reibt er der Kommentatorin einen winzigen Tippfehler unter die Nase, um sie öffentlich bloßzustellen. Peinlich!
Den Vogel schießt Herr Napierala freilich ab, indem er selbst umgehend einen Fehler produziert – und zwar ausgerechnet in jenem letzten Satz, in dem er über die Rechtschreibung seines Gegenüber herzieht. Das Anredepronomen „Ihrer“ wird nämlich groß – und nicht etwa klein – geschrieben. 😊

Irgendetwas von „Versteinerung der Architektur veranschaulichen“ blubbert der selbsternannte Rechtschreibguru dann noch. Versteinert ist allerhöchstens sein Oberstübchen, wenn er ernsthaft glaubt, dieses hohle Sprachartistik würde nicht umgehend durchschaut werden. Aber Hannes Napierala kann es eben nicht lassen: Anstatt kurz und offen einzugestehen, dass beim Campus Galli das momentane Handwerkerangebot nicht mit den vorhandenen Fähigkeiten, Geldmitteln und Plänen konform geht, fühlt sich dieser notorische Dampfplauderer bemüßigt, zusätzlich eine pseudowissenschaftliche Rechtfertigung nachzuschieben.
Um die „Beschaffung der Rohmaterialien“ ginge es beim Bau der Obstgartenmauer, behauptet er – und erweckt gezielt den Eindruck, als handle es sich um ein ausgetüfteltes, vielgliedriges wissenschaftliches Experiment. Lachhaft, werden die verbauten Steine doch gar nicht von den Mitarbeitern des Projekts aus ihren Lagerstätten gebrochen, sondern einfach per LKW aus einem benachbarten Steinbruch angeliefert!
Im Übrigen konnte man beim Campus Galli bereits mit dem Fundament der Holzkirche und dem dazugehörenden Altar ausgiebig Erfahrungen im Steinbau sammeln. Auch das hat dieser auf Halbwahrheiten spezialisierte Schmähtandler wohlweislich verschwiegen.
Und überhaupt: Was wäre wohl aus dem – im Gegensatz zum Campus Galli – finanziell erfolgreichen Burgbau-Projekt Guédelon geworden, wenn sich die Verantwortlichen dort selbst nach rund fünf Jahren (so lange existiert der Campus Galli schon) noch immer nicht die nötigen Kenntnisse im Bauen mit Steinen erarbeitet hätten?

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Spannende Facebook-Vorschläge: „Personen, die du kennen könntest“

Schön wärs 😄

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Weitere interessante Themen auf diesem Blog: 

Wissenschaftsblogs als Publikationsorte – Ein von den Geisteswissenschaften noch zu wenig genutztes Potential?

Die Bekanntmachung der neuen Förderrichtlinie „Freier Informationsfluss in der Wissenschaft – Open Access“ des BMBF hat mich als Geisteswissenschaftlerin, aktive Bloggerin und Mitglied der Redaktionen von de.hypotheses.org und von Mittelalter. Interdisziplinäre Forschung und Rezeptionsgeschichte…

Fundstücke KW 28

Tote Katzen, die bei der archäologischen Untersuchung von Abfallgruben in Spanien entdeckt wurden, dienten wohl als Felllieferanten, schreibt Jörg Römer im Spiegel. Ein toter Hund aus dem Frühmittelalter wurde bei Grabungen in Ascheberg (NRW) gefunden, meldet der Westfälische Anzeiger. Tipps … Weiterlesen

PDF: Germanische Kriegerinnen? Leider nein.

Vielleicht erinnern sich einige Leser noch an den Versuch seitens neofeministisch angehauchter Archäologen und Innen, einige germanische/bajuwarische Bestattungen in Richtung eines weiblichen Kriegertums im merowingerzeitlichen Mittelalter zu interpretieren. Eine der Vertreterinnen dieser These hat mittlerweile eingeräumt, dass dem doch nicht so ist (ich habe darauf bereits in meinem Beitrag Feministische Archäologie: In Östrogen gegossenes Wunschdenken hingewiesen). 
Nun hat mich ein Leser freundlicherweise auf eine aktuelle Arbeit aufmerksam gemacht, in der das Thema von den angeblichen germanischen Kriegerinnen ebenfalls behandelt wird; auch hier bestätigt sich, dass ein regelrechtes weibliches Kriegertum im Frühmittelalter nicht belegt werden kann: Klick mich

Zitat:

Normalerweise wurden Individuen im frühen Mittelalter mit geschlechtsspezifischen Beigaben bestattet, so werden Männer und Jungen häufig mit Waffenbeigaben, Frauen und Mädchen meist mit Schmuckbeigaben bestattet (BRATHER, 2008, GÄRTNER, 2013). In der Regel können die Bestatteten dabei auch über ihre Beigaben relativ sicher geschlechtsbestimmt werden (Anm.: Eine Tatsache, mit der manch Neofeministin absolut keine Freude hat – siehe mein Beitrag zur feministischen Archäologie). In dieser Beigabensitte ist wohl auch die klassische Rollenverteilung der beiden Geschlechter im Frühmittelalter widergespiegelt. Während Männer physisch anstrengende Arbeiten verrichteten, Handel trieben, Krieg führten und politische sowie Rechtsgeschäfte tätigten, war es Frauen vorbehalten, zu heiraten, Kinder zu bekommen und sich um Haus, Hof und die Familie zu kümmern (BITEL, 2002). Dennoch gibt es immer wieder Fälle, in denen sich die archäologische und die anthropologische Geschlechtsbestimmung widersprechen (GÄRTNER, 2013, GÄRTNER ET AL., 2014, HAAS-GEBHARD, 2013). In vielen Fällen handelt es sich dabei um Frauen, die mit Waffenausrüstung bestattet wurden und damit Anlass zur Postulierung frühmittelalterlicher „Amazonen“ gegeben haben (z. B. GÄRTNER, 2012, SCHNEIDER, 2008). Ein Absatz der Lex Baiuvariorum, der das Strafmaß für den Angriff auf eine Frau verringert, wenn diese selbst zur Waffe greift, wird häufig auch dahingehend gewertet, dass (bajuwarische) Frauen durchaus als „Kriegerinnen“ fungiert haben könnten, wenngleich vermutlich nur in Familienfehden und nicht in kriegerischen Auseinandersetzungen mit anderen Stämmen (HAAS-GEBHARD, 2013). Befeuert wurde diese Diskussion zusätzlich durch eine mittlerweile widerlegte molekulare Geschlechtsbestimmung einer vermeintlichen Frau, die in Niederstotzingen zusammen mit 2 Männern in Rüstung begraben wurde (WAHL ET AL., 2014, ZELLER, 2000). 

[…] In der vorliegenden Arbeit wurden Bestattungsphänomene, die regelmäßig auf frühmittelalterlichen Reihengräberfeldern angetroffen werden können, aus einer molekularbiologischen Sicht untersucht und beurteilt. Zu diesen Phänomenen zählen neben den sogenannten „Amazonen“, also Frauen, die in Waffenausrüstung bestattet wurden, auch Mehrfachbestattungen in allen denkbaren Variationen. […]. Durch die erneute Untersuchung von Frauen in Waffen konnte gezeigt werden, dass es diese Art der Bestattung nicht gab, wie auch die übrigen Bestattungen, deren Geschlechtszuweisung von anthropologischer und archäologischer Seite widersprüchlich war (IMMLER, 2013, GÄRTNER ET AL., 2014). […]. Vor allem vermeintlich spektakuläre Ergebnisse bedürfen hier immer einer unabhängigen Reproduktion, Anwendung verschiedener Verfahren und kritischen Betrachtung, wie der ursprüngliche Fall einer vermeintlichen Amazone aus Niederstotzingen (WAHL ET AL., 2014, ZELLER, 2000) zeigt.  

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 Mehr PDFs

Fundstücke KW 27

Andreas Fasel beschreibt für Die Welt die Arbeit eines Luftbildarchäologen – hört sich nach einem Traumjob an! Sind „Mittelaltermärkte“ reenactment? Und was ist der Unterschied zur living history? Das Hobby Mittelalter hat heutzutage viele verschiedene Facetten mit unterschiedlichen Ansprüchen, Ansichten … Weiterlesen

Reichlich Funde bei Ausgrabung auf Burg Falkenstein (Flintsbach)

Bei Ausgrabungen auf der Burg Falkenstein bei Flintsbach am Inn nahe Rosenheim öffnete sich ein Fenster in das Leben auf einer Burg im Mittelalter und der Frühen Neuzeit. Die Archäologen fanden Reste von Keramikgefäßen und Ofenkacheln aus dem 12. bis zum 18. Jahrhundert. Die Grabungen ergaben zudem, dass das Bodenniveau im Innenhof der Burg früher … Reichlich Funde bei Ausgrabung auf Burg Falkenstein (Flintsbach) weiterlesen

Der Beitrag Reichlich Funde bei Ausgrabung auf Burg Falkenstein (Flintsbach) erschien zuerst auf Burgerbe.de.

Diana-Tempel in Nürnberg?

„Abriß des uralten Dianen-, nachmals aber zu St. Margareth benannten Tempels, nächst an dem kaiserlichen Schloß auf der Reichs-Vesten zu Nürnberg“ – wer die Unterschrift dieses Kupferstichs liest, traut seinen Augen nicht. Hielt man den „Heidenturm“ der Kaiserburg tatsächlich, wie der Name es ja andeutet, für einen später christianisierten römischen Dianatempel? Aber war mit „Diana“ hier überhaupt die römische Göttin gemeint? Die Sagen über eine römische Gründung Nürnbergs sind eine Frucht des 15. Jahrhunderts, als Nürnberg die alten Römerstädte Augsburg und Regensburg endgültig eingeholt und überholt hatte und sich jetzt, verstärkt durch die Begeisterung des Humanismus für klassische Kultur, eine […]

Hörbares: Museum für Stauferkaiser Friedrich II — Über das Abschreiben als Grundlage unserer Kultur — usw.

Museum für Stauferkaiser Friedrich II. – Im Dauer-Clinch mit der Kirche | Spieldauer 7 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

Georg Friedrich Händel – Gute Geschäfte und ein „Halleluja“ | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download
Georg Philippp Telemann – Der Vielschreiber | Spieldauer 21 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

Tafelmusik | Spieldauer 4 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download
Ich bin ein Kopist – Über das Abschreiben als Grundlage unserer Kultur | Spieldauer 54 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download
Zitat aus der Sendung: „Was wir heute noch von Antiken Autoren kennen, ist dem Abschreiben (in Klöstern) zu verdanken. Wobei nicht alles gleichermaßen beachtet wurde. Ingenieurstechnik interessierte die Mönche offenbar nur wenig. Wie sonst konnte das römische Verfahren zur Betonherstellung einfach in Vergessenheit geraten.“

Nein, mit Verlaub, so unglaublich dämlich können die Sendungsmacher doch nicht sein. Oder glauben sie diesen pauschalisierenden Blödsinn, den sie da verzapfen, tatsächlich? Was ist denn z.B. mit den Werken von Vitruv (De architectura libri decem) und Faventinus (Artis architectonicae privatis usibus adbreviatus liber)? Dort wird die Herstellung des römischen ‚Betons‘ nämlich erläutert. 
Aus Sicht der kopierenden Mönche handelte es sich dabei auch keinesfalls um überflüssiges Wissen; das belegt der Umstand, dass mehrere Abschriften der obigen Bücher überliefert wurden. Außerdem war antikes Ingenieurswissen auch im Mittelalter für den Bau von großen Kirchen und Klöstern unerlässlich. 
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Fundstücke KW 26

Aus dem Badischen Landesmuseum Karlsruhe sind wertvolle Artefakte verschwunden, meldet die Stuttgarter Zeitung. Eine erfolgreiche Woche für die Archäologen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL): Wie Archäologie Online berichtet wurde bei Dorsten im Kreis Recklinghausen ein hölzerner Brunnen aus dem Mittelalter freigelegt. … Weiterlesen

Fundstücke KW 25

Auf einen Artikel im Schwäbischen Tagblatt über die interessante Ergrabung einer im 14. Jh. aufgegebenen Siedlung („Wüstung“) wies mich freundlicherweise Herr Jablonksi hin. Der Schwarzwälder Bote berichtet über eine Grabungsbegehung bei Bad Teinach. Das Archäologie-Blog des Standards widmet sich der … Weiterlesen

Fundstücke KW 24

Das Blog der LWL-Archäologie berichtet über die siedlungshistorisch sehr interessanten Ergebnisse der Notgrabungen bei Scharmede. Gleich zwei ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger wurde an Christi Himmelfahrt in Mecklenburg-Vorpommern fündig und entdeckten wikingerzeitliche Schmuckstücke, wie das Blog Bodendenkmalpfleger meldet. Am Freitag, den 24. Juni … Weiterlesen

Hörbares: Burgen — Mittelalter-Darsteller im Interview — Der Golem — Wie die Götter auf die Welt kamen

Burgen – Schutz und Hut des Landes | Spieldauer 24 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download
Mittelalter-Darsteller Andrea und Norbert Sturm erzählen von ihrem Hobby | Spieldauer 31 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download
Archäologie des Glaubens: Wie die Götter auf die Welt kamen | Spieldauer 28 Minuten | ARD/SWR | Stream & Info | Direkter Download
Der Golem – Erschaffen aus Lehm und Sprache | Spieldauer 24 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download
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Krimskrams: Campus Galli entdeckt Stein der Weisen und erzeugt Eisen aus Bohnen! — usw.

Campus Galli entdeckt Stein der Weisen und erzeugt Eisen aus Bohnen!
Schon wieder die Mittelalterbaustelle Campus Galli: Laut Schwäbischer Zeitung – von Einheimischen auch liebevoll Schäbige Zeitung genannt – scheinen die Klosterbaumeister in Meßkirch eine geradezu sensationelle Entdeckung gemacht zu haben. Folgendes wird nämlich im Zusammenhang mit dem Besuch einer Schülergruppe berichtet:

Eisen aus Bohnen gewinnen? Echt jetzt? Oder handelt es sich hier lediglich um eine peinliche Verwechslung mit dem lokal im Boden vorkommenden Bohnerz? Höchstewahrscheinlich! 😄
Es wird aber noch besser: Nachdem ein Leser der Schwäbischen Zeitung die Frage aufwarf, wie man denn bitteschön aus Brechbohnen Eisen herstellt, wurde seine Kommentar gelöscht sowie die betreffende Stelle im Artikel leicht geändert; wobei man den einen Unsinn durch einen anderen ersetzt hat:

Es stellt sich die Frage: Ist die hier zutage tretende Dummheit wirklich nur beim Campus Galli zu verorten oder spielt eventuell auch der ‚Pressepartner‘ des Projekts – die Schwäbische Zeitung – eine unrühmliche Rolle?

Ein Leser dieses Blogs (derselbe, dessen kritische Frage von der Schwäbischen Zeitung gelöscht wurde) bekam auf Nachfrage von der Redaktion die Antwort, dass den Schülern gegenüber „bewusst von ‚Brechbohnen‚ als Synonym für kleine Steine gesprochen wurde“. 
Also dürfte hier doch der Campus Galli selbst die Quelle dieses haarsträubenden Blödsinns sein. Was wiederum äußerst peinlich ist, schließlich wird dieses mit Steuergeld subventionierte Projekt der Öffentlichkeit als pädagogisch wertvolle  ‚Bildungseinrichtung‘ verkauft.

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Doof wie ein Sack Zement …
…. aber – wir mir scheinen will – für dieses Milieu nicht ganz untypisch 😄
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„Citizen Science“ oder …. ?

Zu 03:33 springen und die Ohren spitzen!  Klick mich
Handelt es sich hierbei wieder einmal um eine deutsche Dialekt-Besonderheit – so wie der „Arschäologe“? 😂
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Fundstücke KW 22-23

Die Welt widmet sich in einem Artikel der (unrühmlichen) Rolle der Kirche im Stedinger Bauernaufstand von 1234. Der „Geschichtserlebnisraum Lübeck“ ist ein gemeinnütziges Projekt, das Kindern und Jugendlichen die Geschichte (des Mittelalters) durch persönliches Erleben und Mitwirken näher bringt. Für … Weiterlesen

Hörbares: Was Mumien über Diäten verraten — Sabbatruhe seit Antike umstritten — Archäologie in Jordanien — Karl Baedeker


Udo Pollmer: Abnehmen mit Kleopatra – was die Mumien über Diäten verraten | Spieldauer 5 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download


Sabbatruhe seit Antike umstritten: Gespräch mit Bibelforscher Reinhard Achenbach | Spieldauer 10 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download

Jordanien: Endlichkeiten von Kulturen trotzen einem endlosen Konflikt | Spieldauer 18 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download

Steinmetz-Training in Jordanien – Schlagkräftige Kulturhilfe | Spieldauer 5 Minuten | ARD/DF | Stream & Info | Direkter Download
(Off-Topic) Karl Baedeker – Welche Lust gewährt das Reisen | Spieldauer 23 Minuten | ARD/DF | Stream & Info | Direkter Download
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Hörbares: Was Mumien über Diäten verraten — Sabbatruhe seit Antike umstritten — Archäologie in Jordanien — Karl Baedeker


Udo Pollmer: Abnehmen mit Kleopatra – was die Mumien über Diäten verraten | Spieldauer 5 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download


Sabbatruhe seit Antike umstritten: Gespräch mit Bibelforscher Reinhard Achenbach | Spieldauer 10 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download

Jordanien: Endlichkeiten von Kulturen trotzen einem endlosen Konflikt | Spieldauer 18 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download

Steinmetz-Training in Jordanien – Schlagkräftige Kulturhilfe | Spieldauer 5 Minuten | ARD/DF | Stream & Info | Direkter Download
(Off-Topic) Karl Baedeker – Welche Lust gewährt das Reisen | Spieldauer 23 Minuten | ARD/DF | Stream & Info | Direkter Download
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Buch: Die deutschen Königspfalzen – Band 5.3 – Bayerisch-Schwaben

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Eines der Hauptmerkmale des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation war das Reisekönigtum. Deutschen Könige (und Kaiser) des Mittelalters verfügten über keine feste Residenz, sondern reisten quer durchs Land, um von verschiedenen Orten aus ihre Regierungsmacht auszuüben. Wichtige Voraussetzung hierfür waren ausreichende Unterbringungsmöglichkeiten für das oft sehr umfangreiche königliche Gefolge. Diesen Aufenthaltsorten – man spricht von sogenannten Pfalzen – widmet sich die vom Verlag Vandenhoeck & Ruprecht veröffentlichten Repertoriumsreihe Die deutschen Königspfalzen.
Beim vorliegenden Buch handelt es sich um den Teilband 5.3, in dem die Königspfalzen bzw. die dazugehörenden Siedlungen in Bayerisch-Schwaben einer näheren Betrachtung unterzogen werden. Konkret sind das:

🔼Augsburg 🔼Donauwörth 🔼Günzburg
🔼Hohenaltheim 🔼Holzkirchen 🔼Memmingen
🔼Mering 🔼Zusmarshausen

Die in diesem Band behandelten Pfalzorte werden nach zwei verschiedenen Schemata behandelt. Schema A – für Königspfalzen, Königshöfe und andere Besitzungen des Reichs zum Zeitpunkt der ersten Aufenthalts; und Schema B – für Aufenthaltsorte der Könige ohne nachweisbare Existenz einer Königspfalz, eines Königshofes oder anderer Besitzungen des Reichs zum Zeitpunkt des ersten Aufenthalts.

Folgende Informationen beinhaltet Schema A (von mir gekürzt wiedergegeben):
I. Name des Pfalzortes
II. Historisch-geographische Beschreibung (Lage in Landschaft; Verkehrslage; Lage des Pfalzortes in der Wirtschaftsgeographie, der kirchlichen Geographie, der Wirtschaftsgeographie und der politischen Geographie)
III. Siedlungsgeschichte des Pfalzbereichs (Frühgeschichte, Bezeichnung der Siedlung in den Quellen, Beziehung zwischen Siedlung und Pfalz)
IV. Topographie der Pfalz (Bezeichnung der Pfalz in den Quellen; Lage der Pfalz in ihren Bestandteilen; Bauten und Ausstattung)
V. Königtum und Pfalz (Aufenthalt der Könige in der Pfalz und am Pfalzort; Nichtkönigliche Aufenthalte in der Pfalz und am Pfalzort; Königserhebungen, Hoftage, Heeresversammlungen, Synoden; Versammlungen und Landtage in der Pfalz und am Pfalzort; Gerichtstage am Pfalzort; Empfang von Päpste; usw. )
VI. Besitz, Serviten und Aufgaben (Königsgut und Pfalz; auf der Pfalz erhobene Abgaben; besondere Reichsaufgaben der Pfalz)
VII. Späteres Schicksal der Pfalz
VIII. Bedeutung der Pfalz in den einzelnen Perioden

IX. Bibliographie und Hilfsmittel (Häufig zitierte Quellen, Quellensammlungen und Regestenwerke; Bücher und Aufsätze; Karten; Bilder)  

Folgende Informationen beinhaltet Schema B (von mir gekürzt wiedergegeben):
I. Name des Pfalzortes
II. Historisch-geographische Beschreibung (Lage in Landschaft; Verkehrslage; Lage des Pfalzortes in der Wirtschaftsgeographie, der kirchlichen Geographie, der Wirtschaftsgeographie und der politischen Geographie)
III. Geschichte des Ortes (Siedlungsgeschichte; Institution oder Person, die den König beherbergte, und ihre Beziehung zum Königtum
IV. Örtlichkeit der Königsaufenthalte (Bezeichnung; Lage; Bauten)
V. Königtum vor Ort (Aufenthalt des Königs am Ort; Nichtkönigliche Aufenthalte von Bedeutung; Königserhebeungen, Hoftage, Heeresversammlungen und Synoden …; Versammlungen und Landtage …; Gerichtstage des Königs; Empfang von Päpsten, …; Geisliche Festfeiern des Königs; Weltliche Festfeiern des Königs; usw.)
VI. Besitzverhältnisse, Servititen und Reichsaufgaben
VII. Nachwirkungen der Funktion des Ortes für das Königtum

VIII. Bedeutung als Aufenthaltsort von Königen in den einzelnen Perioden
IX. Bibliographie (Häufig zitierte Quellen, Quellensammlungen und Regestenwerke; Bücher und Aufsätze; Karten; Bilder)

Der oben dargelegte Aufbau der Schemata ist stringent und übersichtlich. Das erleichtert das Arbeiten mit diesem Repertorium sehr. Mehrere ausklappbare Karten stellen zusätzlich ein nützliches Hilfsmittel dar.
Die großzügig zitierten Textstellen der historischen Quellen wurden im lateinischen Original wiedergegeben. Für Leser mit vergleichsweise bescheidenen Lateinkenntnissen (ego) ist dieser Umstand etwas problematisch. Da die essentiellen Informationen aber immer auch in deutscher Sprache genannt werden, kann man von keiner gravierenden Hürde sprechen.
Die Ausführungen zu den unterschiedlichen Pfalzorten unterscheiden sich sehr in ihrem Umfang. So beansprucht beispielsweise alleine Augsburg rund die Hälfte der Seiten des vorliegenden Bandes. Was freilich im Angesicht der herausragenden historischen Bedeutung dieses Ortes wenig verwunderlich ist (außerdem galt mein spezielles Interesse ohnehin Augsburg).

Trotz des schönen Leineneinbandes mit Goldprägung, der sich unter dem Schutzumschlag verbirgt, dürfte der Preis von 130 Euro vielen Interessenten ziemlich happig erscheinen – deshalb vier statt fünf Sterne.

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Weiterführende Informationen:

Weitere interessante Themen auf diesem Blog: 

„Um 1504. Die Kleidung – Grundausstattung“

Bei großen, hochwertigen Geschichtsveranstaltungen sind sogenannte „kit guides“ gebräuchlich, die vorab an potentielle Teilnehmer verteilt werden. In solchen Ausstattungsleitfaden wird anhand von zeitgenössischen Abbildungen, Fotos von Originalen und möglichst authentischen Rekonstruktionen dargestellt, wie Kleidung und persönliches Zubehör für Angehörige ausgewählter … Weiterlesen

Videos: Archäologen graben Schmuck in Haithabu aus — Friedhof aus Bajuwarenzeit — Wie gesund ist "Urgetreide"? — Der Mittelalter-Check — Der Römer-Check



Haithabu: Archäologen graben Schmuck aus | Spieldauer 3 Minuten | ARD | Stream & Info

Archäologen entdecken Friedhof aus Bajuwarenzeit | Spieldauer 1 Minuten | ARD | Stream & Info
Der Mittelalter-Check | Spieldauer 24 Minuten | ARD | Stream & Info
(Die Sendung bewegt sich ein wenig auf Kindergartenniveau, aber man ist unter anderem beim Geschichtspark Bärnau-Tachov unterwegs, wo die Zugochsen scheinbar ähnlich gut erzogen sind wie die beim Campus Galli 😄. Der Reporter hatte Glück, dass er nicht ein Huf abbekommen hat …)
Der Römer-Check | Spieldauer 24 Minuten | ARD | Stream & Info
(Gleiches Konzept wie das der obigen Sendung. Wer Lust hat, darf Fehler und Anachronismen zählen 😃)
Wie gesund ist „Urgetreide“? | Spieldauer 24 Minuten | ARD | Stream & Info
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Hörbares: 30 Mumien entdeckt — Pharaonen-Forscher — Latein für Angeber — Archäologie im Kloster Lorsch — Das Lehensgesetz — usw.

Der Pharaonen-Forscher Dietrich Raue | Spieldauer 29 Minuten | WDR | Stream & Info | Direkter Download
Schatzkammer Ägypten – wieder 30 Mumien entdeckt | Spieldauer 6 Minuten | WDR | Stream & Info | Direkter Download

Latein für Angeber | Spieldauer 58 Minuten | Freies Radio Freistadt | Stream & Info
Archäologie im Kloster Lorsch | Spieldauer 5 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download

28. Mai1037 – Das Lehensgesetz wird unterzeichnet | Spieldauer 15 Minuten | WDR | Stream & Info | Direkter Download
Deutscher Archäologe unterrichtet syrische Kinder | Spieldauer 4 Minuten | WDR | Stream & Info | Direkter Download
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Krimskrams: Pseudo-Rezensionen bei Amazon — Stoffe für Beutel und frühmittelalterliche Mütze — Frühmittelalterdorf Unterrabnitz

Es geht langsam los: Stoffe für Beutel und Mütze


Letzte Woche habe ich ja davon geschrieben, dass ich nach einer halben Ewigkeit wieder einmal etwas nähen möchte: Und zwar einen Leinenbeutel sowie eine Phrygische Mütze für meine ottonenzeitliche Ausstattung.  Zum Glück hatte ich noch noch passende Textilreste auftreiben können. 
Für den Beutel werde ich einen ziemlich robusten, weißen Leinenstoff verwenden (linkes Bild), der bereits für eine meiner Thorsberghosen benutzt wurde (Blogbeitrag). 
Die Mütze wird aus grünem Schurwollstoff genäht (rechts), aus dem auch meine „Übertunika“ ist (Blogbeitrag). Gefüttert wird die Kopfbedeckung mit weißem Leinen, das von einem alten Leintuch stammt (in Deutschland überwiegend „Bettlaken“ genannt 😉). Alte bzw. lange benutzte Leintücher sind nämlich schön weich (aber aufpassen, dass das wirklich Leinen ist, und nicht Baumwolle oder irgend ein modernes Mischgewebe!). Den unteren Mützenrand besetze ich mit einem gelben Leinenstoff, der schon seit ein paar Jahre in meiner Näh-Kiste liegt. Ursprünglich wollte ich zwar roten Stoff verwenden, aber Gelb passt meiner Ansicht nach doch besser zu dem Grün der Mütze. Außerdem überlege ich mir noch, besagten Besatz dezent zu besticken – und zwar mit Fäden aus dem grünen Wollstoff der Mütze. Das sollte an sich ganz gut hinhauen, denn beispielsweise auch beim Teppich von Bayeux wurde mit Wolle auf Leinen-Untergrund gestickt. Doch ist es sinnvoll, den Besatz vor dem Anbringen an die Mütze zu besticken oder erst hinterher? 
Bezüglich des Schnittmusters werde ich mich an meiner anderen phrygischen Mütze orientieren (Blogbeitrag), aber diesmal mit den Abmessungen etwas großzügiger sein.
In den kommenden Tagen wird alles zugeschnitten und dann beginne ich (seeeehr) langsam, die Einzelzeile zusammenzunähen. Wobei ich zuerst die Mütze und später die Beutel angehe.
Das Nähgarn werde ich direkt aus den verwendeten Stoffen gewinnen, indem ich bei diesen am Rand Fäden heraustrenne. Das ist besonders beim Besatz von Vorteil, weil hier aufgrund der Gleichfarbigkeit von Stoff und Garn die Nähte so gut wie unsichtbar sein werden.

Einen ausführlichen Blogbeitrag zum Mützenprojekt – inklusive historischen Quellen, Fotos usw. – gibt es dann, wenn alles fertig ist. Ob ich über die simplen Leinenbeutel auch etwas schreibe, weiß ich noch nicht. Es zahlt sich ja fast nicht aus.

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Frühmittelalterdorf Unterrabnitz
Auf das kleine, aber schön gelegene burgenländische Frühmittelalterdorf Unterrabnitz habe ich hier vor wenigen Monaten schon einmal hingewiesen, Nun findet dort vom 5. bis zu 13. August 2017 eine Dorfbelebung durch die Frühmittelalter-Gruppe Solibacher statt.  Am 5. und 6. August wird überdies die Austrian Longbow Society vorbeischauen und Einblicke ins Hochmittelalter geben.
Eintritt: freie Spende zur Erhaltung des Dorfs.

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Pseudo-Rezensionen bei Amazon

Ich habe im Rahmen des Blogs ja schon mehrmals auf kuriose bzw. auffällige Rezensionen bei Amazon hingewiesen. Auch die folgende verdient hier zweifellos Erwähnung. 
Den Screenshot habe ich gemacht, nachdem das betreffende Buch gerade einmal zwei Tage im Handel erhältlich war. Und schon 79 Rezensenten wollen bereits zu diesem Zeitpunkt die 256 Seiten gelesen haben? Sehr fleißig … ^^
Nicht, dass ich den Autor – einen in seinem eigenen Zensur- und Ideologiewahn abgesoffenen Irrwisch – verteidigen möchte, allerdings sagt mir meine Erfahrung, dass die meisten Rezensenten das Buch gar nicht gelesen haben, sondern hier bloß ihren Ärger über die Politik dieses Herren zum Ausdruck bringen wollten – u.a. daran abzulesen, dass sich bei den Rezensionen der Anteil an verifizierten Käufen meilenweit unterhalb des üblichen Niveaus bewegt (das gilt mehr oder weniger auch für die vereinzelten positiven Rezensionen). Weiters ist bei den von mir stichprobenartig gelesenen Rezensionen kaum je ein klarer Bezug zum Buchinhalt feststellbar. Einer dieser Nicht-Leser schreibt sogar ganz offen: „Endlich mal ein Buch, von dem ich bereits den Inhalt kenne, ohne es lesen zu müssen.“
Wieso wird so etwas nicht entfernt? Der Rezensionsbereich von Amazon ist schließlich nicht zum Ablassen von politischem Frust da. Dafür gibt es längst eine viel geeignetere Einrichtung: Ihre Bezeichnung: Wahlzelle!

Wer am aktuellen Stand der Bewertung interessiert ist, der klicke bitte hier.
Übrigens, wie ich einen Tag nach dem Erstellen des Screenshots gelesen habe, soll das Rezensieren mittlerweile nur noch Nutzern erlaubt sein, die das inkriminierte Buch bei Amazon gekauft haben (= verifizierte Käufe). Bezeichnenderweise wurden seit dieser Teilsperre kaum noch Rezensionen veröffentlicht.

Ach ja, wer Zeit hat, kann sich durch die hochgeladenen Kundenbilder des Buch klicken. Sehr lustig 😃

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Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

PDFs: Die römische Staatstracht — Archäologische Textilien — Gefärbte Textilien im vorgeschichtlichen Europa — Römerzeitliches Wagengrab — Maskendarstellungen der Wikingerzeit — The Thorsberg Trousers — Metallklebemasse an römischem Reiterhelm

(Langsam aber sicher stellt sich mir die Frage, wozu ich das Buch „Die Macht der Toga“ gekauft habe, denn mittlerweile habe ich nahezu alle Beiträge daraus auf Academia.edu entdeckt ^^)


Maskendarstellungen der Wikingerzeit Thorsten Lemm | Academia.edu

The Thorsberg TrousersSunnifa Gunnarsdottir (Charlotte Mayhew) | olvikthing.org
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Kloster Cluny in der regionalen Siedlungsgeschichte

Das Kloster von Cluny in Burgund ist als Zentrum der cluniazensischen Klosterreform des 10. Jahrhunderts von überregionaler Bedeutung. Um 910 gegründet, wurde es durch seine gut mit dem Hochadel und dem Königsfamilie vernetzten Äbte rasch außerordentlich wohlhabend. Das Kloster erhielt zahlreiche Schenkungen und konnte Besitztümer in der Umgebung hinzukaufen.

Cluny
(Foto: R.Schreg)

Die Lage des Klosters in einem sanften, fruchtbaren Nebental der Sâone repräsentierte möglicherweise einen idealen „locus amoenus“. Schriftliche wie archäologische Quellen lassen bei einer näheren Betrachtung erkennen, dass Cluny tatsächlich in einer eher abgelegenen, marginalen Landschaft gegründet wurde.

Eine Kartierung der frühmittelalterlichen Gräberfelder, wie sie sich aus der Carte archéologique de la Gaule (Rebourg 1994) gewinnen lässt, zeigt, dass das obere Tal der Grosne um Cluny im frühen Mittelalter keine Fundstellen aufweist.  Entlang der Sâone und auch im unteren Talabschnitt der Grosne nördlich von Cluny liegen beigabenführende Gräberfelder im Abstand von wenigen Kilometern, und umgeben Cluny und seinen frühen Besitz im Norden und Osten. Dieses Fehlen von Gräberfeldern ist allerdings nicht zwingend ein Indiz dafür, dass der Talabschnitt unbesiedelte Wildnis war. Der Befund deutet aber doch an, dass hier keine zentralen Bauerndörfer lagen. Wie die Siedlungsgeschichte zwischen dem Ende der Beigabensitte und der Klostergründung verlief, ist zumindest mit archäologischen Funden kaum festzustellen.
Zur Gründungsausstattung des Kloster stiftete der Herzog von Aquitanien Wilhelm I jedoch Land, das im wesentlichen zu einem Jagdrevier gehört hatte – Land also, das nicht ungenutzt war, aber einer besonderen herrschaftlichen Landnutzung unterlag.

Stellt man den frühen Klosterbesitz (Rosenwein 1989) der Kartierung der frühmittelalterlichen Grabfunde der Region gegenüber, zeigt sich, dass das Kloster vor allem abseits der alten Siedlungszentren Besitz ansammeln konnte. Nur im Nordosten erhielt das Kloster auch Schenkungen aus Landstrichen, die nach Ausweis der Grabfunde schon früher besiedelt waren.
Die kartierten Besitzungen, die das Kloster gekauft oder geschenkt bekommen hat, wurden wohl nicht erst durch das Kloster erschlossen. Sie liegen aber auffallend in den Lücken zwischen den durch Gräberfelder markierten alten Siedlungszonen. Insgesamt sind deutlich intensivere Erwerbungen nördlich des Klosters zu erkennen, die sich überwiegend an den Tälern orientieren. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Ortsbezeichung sich auf die Gemarkungen bzw. das Wirtschaftsland der in den Tälern liegenden Siedlungen liegt, sich die konkreten Grundstücke aber durchaus auch in entfernteren, evtl. höheren Lagen  befunden haben können. Das ist eine Frage der räumlichen Auflösung, die eine Ortsangabe nach Bezug auf die Siedlung, leisten kann.

Frühmittelalerliche Bestattungen und hochmitterliche Besitzerwerbungen
(Graphik R.Schreg)

Gleichwohl stellt sich die Frage, weshab die Erwerbungen des Klosters Cluny vor allem jene Gebiete betreffen, die im frühen Mittelalter keine Bestattungsplätze aufweisen. Fassen wir damit das Ideal des Klosters, in der Abgeschiedenheit zu leben? Oder handelt es sich um spät aufgesiedelte Gebiete, in denen die Besitzstrukturen flexibler und unsicherer waren? Gerade im Umland von Cluny lässt sich zeigen, dass Schenkungen an das Kloster oft durch die Intention der Schenker motiviert waren, den Besitz nicht aus der Hand zu geben.  Guy Bois hat beispielsweise die Entstehung eines Immobilienmaktes postuliert, der dazu geführt hat, dass verschuldte Höfe Gefahr liefen, ihr Land verkaufen zu müssen. Eine rechtzeitige Stiftung an das Kloster mit einem Nutzungsrecht für sich und die kommenden Generationen, konnte dieses Risiko abwehren.  Waren also entweder in diesen Gebieten die Besitzansprüche weniger gefestigt als im Altsiedelland oder waren diese Gebiete wirtschaftlich riskanter und die Höfe eher verschuldet?
Die Archäologie kann dazu im Augenblick wenig beitragen. Sie muss sich darauf beschränken, die besondere Lage der Besitzerwerbungen des Klosters in der Siedlungslandschaft zu konstatieren. Genauere Untersuchungen zu den wirtschaftlichen Verhältnissen der regionalen Siedlungen von archäologischer Seite liegen m.W. derzeit nicht vor. Die relativ detaillierte schriftliche Überlieferung zu Lournand lässt aber Mitte des 10. Jahrhunderts eine stattliche Siedlung mit 75 Gütern erkennen, die überwiegend auf Ackerbau beruhte, aber auch über Weinberge verfügte. Im Ort spielten wohl Kleinbauern eine wichtige Rolle. Das sind wesentliche Charakteristika der Siedlungen im Altsiedelland, die zeigen, dass die Erwerbungen des Klosters in dieser Region nicht etwa ärmliche, erst jüngst gegründete Ausbausiedlungen betrafen.

Literaturverweise

  • G. Bois, Umbruch im Jahr 1000. Lournand bei Cluny – ein Dorf in Frankreich zwischen Spätantike und Feudalherrschaft (München 1999). 
  •  A. Rebourg, Saône-et-Loire, Carte archéologique de la Gaule 71/4 (Paris 1994)
  •  B. H. Rosenwein, To be the neighbour of Saint Peter. The social meaning of Cluny’s property 909-1049 (Ithaca 1989)
  •  R. Schreg, Mönche als Pioniere in der Wildnis? Aspekte des mittelalterlichen Landesausbaus. In: M. Krätschmer, Marco/ K. Thode/ C. Vossler-Wolf, Christina (Hrsg.), Klöster und ihre Ressourcen. Räume und Reformen monastischer Gemeinschaften im Mittelalter. RessourcenKulturen (Tübingen 2017 in Vorber.)

Kloster Cluny in der regionalen Siedlungsgeschichte

Das Kloster von Cluny in Burgund ist als Zentrum der cluniazensischen Klosterreform des 10. Jahrhunderts von überregionaler Bedeutung. Um 910 gegründet, wurde es durch seine gut mit dem Hochadel und dem Königsfamilie vernetzten Äbte rasch außerordentlich wohlhabend. Das Kloster erhielt zahlreiche Schenkungen und konnte Besitztümer in der Umgebung hinzu kaufen.

Cluny
(Foto: R.Schreg)

Die Lage des Klosters in einem sanften, fruchtbaren Nebental der Sâone repräsentierte möglicherweise einen idealen „locus amoenus“. Schriftliche wie archäologische Quellen lassen bei einer näheren Betrachtung erkennen, dass Cluny tatsächlich in einer eher abgelegenen, marginalen Landschaft gegründet wurde.

Eine Kartierung der frühmittelalterlichen Gräberfelder, wie sie sich aus der Carte archéologique de la Gaule (Rebourg 1994) gewinnen lässt, zeigt, dass das obere Tal der Grosne um Cluny im frühen Mittelalter keine Fundstellen aufweist. Entlang der Sâone und auch im unteren Talabschnitt der Grosne nördlich von Cluny liegen beigabenführende Gräberfelder im Abstand von wenigen Kilometern, und umgeben Cluny und seinen frühen Besitz im Norden und Osten. Dieses Fehlen von Gräberfeldern ist allerdings nicht zwingend ein Indiz dafür, dass der Talabschnitt unbesiedelte Wildnis war. Der Befund deutet aber doch an, dass hier keine zentralen Bauerndörfer lagen. Wie die Siedlungsgeschichte zwischen dem Ende der Beigabensitte und der Klostergründung verlief, ist zumindest mit archäologischen Funden kaum festzustellen.

Zur Gründungsausstattung des Kloster stiftete der Herzog von Aquitanien Wilhelm I jedoch Land, das im wesentlichen zu einem Jagdrevier gehört hatte – Land also, das nicht ungenutzt war, aber einer besonderen herrschaftlichen Landnutzung unterlag.

Stellt man den frühen Klosterbesitz (Rosenwein 1989) der Kartierung der frühmittelalterlichen Grabfunde der Region gegenüber, zeigt sich, dass das Kloster vor allem abseits der alten Siedlungszentren Besitz ansammeln konnte. Nur im Nordosten erhielt das Kloster auch Schenkungen aus Landstrichen, die nach Ausweis der Grabfunde schon früher besiedelt waren.
Die kartierten Besitzungen, die das Kloster gekauft oder geschenkt bekommen hat, wurden wohl nicht erst durch das Kloster erschlossen. Sie liegen aber auffallend in den Lücken zwischen den durch Gräberfelder markierten alten Siedlungszonen. Insgesamt sind deutlich intensivere Erwerbungen nördlich des Klosters zu erkennen, die sich überwiegend an den Tälern orientieren. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Ortsbezeichung sich auf die Gemarkungen bzw. das Wirtschaftsland der in den Tälern liegenden Siedlungen liegt, sich die konkreten Grundstücke aber durchaus auch in entfernteren, evtl. höheren Lagen befunden haben können. Das ist eine Frage der räumlichen Auflösung, die eine Ortsangabe nach Bezug auf die Siedlung, leisten kann.

Frühmittelalerliche Bestattungen und hochmitterliche Besitzerwerbungen
(Graphik R.Schreg)

Gleichwohl stellt sich die Frage, weshab die Erwerbungen des Klosters Cluny vor allem jene Gebiete betreffen, die im frühen Mittelalter keine Bestattungsplätze aufweisen. Fassen wir damit das Ideal des Klosters, in der Abgeschiedenheit zu leben? Oder handelt es sich um spät aufgesiedelte Gebiete, in denen die Besitzstrukturen flexibler und unsicherer waren? Gerade im Umland von Cluny lässt sich zeigen, dass Schenkungen an das Kloster oft durch die Intention der Schenker motiviert waren, den Besitz nicht aus der Hand zu geben.  Guy Bois hat beispielsweise die Entstehung eines Immobilienmaktes postuliert, der dazu geführt hat, dass verschuldte Höfe Gefahr liefen, ihr Land verkaufen zu müssen. Eine rechtzeitige Stiftung an das Kloster mit einem Nutzungsrecht für sich und die kommenden Generationen, konnte dieses Risiko abwehren.  Waren also entweder in diesen Gebieten die Besitzansprüche weniger gefestigt als im Altsiedelland oder waren diese Gebiete wirtschaftlich riskanter und die Höfe eher verschuldet?

Die Archäologie kann dazu im Augenblick wenig beitragen. Sie muss sich darauf beschränken, die besondere Lage der Besitzerwerbungen des Klosters in der Siedlungslandschaft zu konstatieren. Genauere Untersuchungen zu den wirtschaftlichen Verhältnissen der regionalen Siedlungen von archäologischer Seite liegen m.W. derzeit nicht vor. Die relativ detaillierte schriftliche Überlieferung zu Lournand lässt aber Mitte des 10. Jahrhunderts eine stattliche Siedlung mit 75 Gütern erkennen, die überwiegend auf Ackerbau beruhte, aber auch über Weinberge verfügte. Im Ort spielten wohl Kleinbauern eine wichtige Rolle. Das sind wesentliche Charakteristika der Siedlungen im Altsiedelland, die zeigen, dass die Erwerbungen des Klosters in dieser Region nicht etwa ärmliche, erst jüngst gegründete Ausbausiedlungen betrafen.

Literaturverweise

  • G. Bois, Umbruch im Jahr 1000. Lournand bei Cluny – ein Dorf in Frankreich zwischen Spätantike und Feudalherrschaft (München 1999). 
  •  A. Rebourg, Saône-et-Loire, Carte archéologique de la Gaule 71/4 (Paris 1994)
  •  B. H. Rosenwein, To be the neighbour of Saint Peter. The social meaning of Cluny’s property 909-1049 (Ithaca 1989)
  •  R. Schreg, Mönche als Pioniere in der Wildnis? Aspekte des mittelalterlichen Landesausbaus. In: M. Krätschmer, Marco/ K. Thode/ C. Vossler-Wolf, Christina (Hrsg.), Klöster und ihre Ressourcen. Räume und Reformen monastischer Gemeinschaften im Mittelalter. RessourcenKulturen (Tübingen 2017 in Vorber.)

Hörbares: Banausen — Ist die Archäologie eine seriöse Wissenschaft? — Inschriftenkunde — Feudalismus im Mittelalter — Römische Thermen


Banausen – die Helden der athenischen Demokratie | Spieldauer 22 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download 
Ist die Archäologie eine seriöse Wissenschaft? | Spieldauer 40 Minuten | Youtube | Stream & Info
Feudalismus im Mittelalter | Spieldauer 22 Minuten | ARD/NDR | Stream & Info | Stream & Info | Direkter Download
Römische „Thermae“ – Badezimmer einer ganzen Stadt? | Spieldauer 60 Minuten | Freies Radio Freistadt | Stream & Info
Inschriftenkunde – Epigraphik (Teil 1) | Spieldauer 60 Minuten | Freies Radio Freistadt | Stream & Info
Inschriftenkunde – Epigraphik (Teil 2) | Spieldauer 60 Minuten | Freies Radio Freistadt | Stream & Info
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Fundstücke KW 21

Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll: In Nürnberg fordert ein Aktionsbündnis den Abriss der mittelalterlichen Stadtmauer als „Symbol der Engstirnigkeit“– so ist es auf der Website des Bayrischen Rundfunks zu lesen. (Dank an Frau Lipk für den Hinweis!) … Weiterlesen

Verhandlung und Demonstration von Macht: Mittel, Muster und Modelle in Texten deutschsprachiger und skandinavischer Kulturräume des Mittelalters (08.–10. Juni 2017, Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald)

Die Erforschung der historischen und kulturellen Bedingtheit der Konzepte und Bewertung von Macht hat sich in den letzten Jahren auffällig intensiviert. In diesem Zusammenhang wurde die literarische Verhandlung von Macht mit unterschiedlichen Diskursen wie zum Beispiel Identitätskonstruktion, Ritualisierung, Repräsentationsform, Inszenierung,…

Videos: Archäologisches Grab geschändet — Pompeji — Bau von antikem Römerboot — Hochmittelalterliches Schlachtengemälde — El Dorado der deutschen Archäologen — Der Schrecken der Archäologen

Bau von antikem Römerboot nimmt Form an | Spieldauer 4 Minuten | BR | Stream & Info
Hochmittelalterliches Schlachtengemälde erstrahlt im neuen Glanz | Spieldauer 3 Minuten | MDR | Stream & Info
El Dorado der deutschen Archäologen | Spieldauer 3 Minuten | SWR | Stream & Info
Raubgräber – der Schrecken der Archäologen | Spieldauer 4 Minuten | SWR | Stream & Info

Archäologisches Grab geschändet | Spieldauer 3 Minuten | BR | Stream & Info
Eine ziemlich rabulistische Umschreibung dafür, dass hier ein unbekannter Depp einen Schädel von einer archäologischen Ausgrabung gemopst hat. Wenn man sich schon auf den in diesem Zusammenhang aberwitzigen Begriff „Schändung“ versteigt, dann sollte man darauf hinweisen, dass diese in Wirklichkeit bereits mit der Freilegung der sterblichen Überreste durch Archäologen ihren Anfang genommen hat. Desweiteren ist es mehr als nur fragwürdig, dass mit der Trivialität eines entwendeten mittelalterlichen Schädels die Kriminalpolizei behelligt wird. Als ob die nicht wichtigere Dinge zu tun hätte, als morschen Knochen hinterherzujagen – jeder Wohnungseinbruch besitzt größere Relevanz. Übrigens, es geht beim konkreten Fall um eine Ausgrabung des Archäologen Matthias Hensch (Schauhütte Archäologie), zu dessen Youtube-Videos ich hier erst kürzlich verlinkt habe. 
Wiederauferstehung Pompejis am Computer | Spieldauer 5 Minuten | Youtube/Altair4

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Fundstücke KW 20

Die in KW 19 erwähnten Fragmente einer altdeutschen Handschrift aus dem 8.-9. Jh. sind wohl erst im 20. Jahrhundert in die Bibliothek des Benediktinerstifts Admont gelangt, wie Der Standard meldet. Der Standard weiß auch, dass der Finder des 2014 entdeckten … Weiterlesen

Hörbares: Die mittelalterliche Globalmacht Hanse — Winckelmann-Ausstellung — Archäologische Sammlung Trier — 500 Jahre Reformation



Handel im Mittelalter – Die Hanse als globale Macht | Spieldauer 28 Minuten | ARD/DF | Stream & Info | Direkter Download
Kulturnacht: Winckelmann-Ausstellung in Weimar | Spieldauer 42 Minuten | ARD/MDR | Stream & Info | Direkter Download
Von Amphoren und antiken Skulpturen: Archäologische Sammlung der Universität Trier | Spieldauer 4 Minuten | ARD/SWR | Stream & Info | Direkter Download

Landesausstellung „500 Jahre Reformation – Die Epoche des Umbruchs“ | Spieldauer 4 Minuten | ARD/BR | Stream & Info | Direkter Download
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Buch: Chronik des Campus Galli 2017 – Von "Mohamedanern" und lässig verteiltem Steuergeld

Im baden-württembergischen Meßkirch soll in den kommenden Jahrzehnten mit dem Campus Galli ein Kloster nach dem Vorbild des karolingerzeitlichen Klosterplans von St. Gallen errichtet werden. Wie wenig ich von diesem medial gehypten Vaporware-Projekt halte, dürfte hinlänglich bekannt sein.
Einer meiner zentralen Kritikpunkte ist dabei seit jeher die extrem dürre Dokumentation der Arbeiten, sodass für Außenstehende eine Überprüfbarkeit nach wissenschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten schwierig bis unmöglich ist (ein Schelm, wer dahinter Absicht seitens der Verantwortlichen vermutet 😉).
Neben den überwiegend nicht sehr detailfreudigen Blogbeiträgen auf der Homepage des Projekts, wird jährlich eine knapp hundertseitige Chronik veröffentlicht. Nun sollte man eigentlich annehmen dürfen, in diesem Heft würden die Betreiber vor allem das vergangene Arbeitsjahr Revue passieren lassen, um das (wenige) Erreichte zu dokumentieren. Doch Pustekuchen, die angebliche Chronik entpuppt sich als verkappte Anthologie; will heißen, es handelt sich um ein Sammelsurium aus größtenteils wenig relevanten Allerwelts-Informationen. Ich habe das ja bereits bei meiner kurzen Rezension der 2013er-Chronik kritisiert. Doch sehen wir uns die Beiträge diesmal etwas genauer an.
➤ Das Heft beginnt mit einem Vorwort des ehemaligen Landrats Dirk Gaerte, der sich in seiner politisch aktiven Zeit an der Errichtung jenes Förderdickichts beteiligte, ohne dessen beständige Unterstützung der ‚pseudo-private‘ Verein Campus Galli wahrscheinlich längst in die Insolvenz geschlittert wäre. Dem Vernehmen nach wirkt Herr Gaerte auch als Vorsitzender des Freundeskreises der Karolingischen Klosterstadt bis heute eifrig daran mit, die defizitäre Mittelalterbaustelle mit Geldern aus dem Topf des Steuerzahlers zu alimentieren.
65 755 Besucher hätten den Campus Galli 2016 besucht, jubelt der gute Mann. Er ‚vergisst‘ dabei freilich, dass es laut der ursprünglichen Prognose – mit welcher man der Lokalbevölkerung das Projekt einst schmackhaft gemacht hatte – rund 150 000 hätten sein sollen…

➤ Nachdem man sich durch die schöngefärbte Alternativrealität des Altpolitikers gelesen hat, gelangt man zum Beitrag eines gewissen Herrn Wolff, der 2014 in der ‚klösterlichen‘ Schmiede das Ruder übernahm, nachdem sein Vorgänger der Möchtegern-Klosterstadt fluchtartig den Rücken gekehrt hat – wie übrigens auch einige andere Mitarbeiter der ursprünglichen Kernmannschaft längst kündigten, da sie wohl von den Arbeitsbedingungen und/oder der Bezahlung wenig angetan waren: Darunter eine Steinmetzin sowie ein den Medien gerne als Vorzeigemitarbeiter präsentierter Ochsenführer, der bei mehreren Gelegenheiten behauptete, die Anstellung beim Campus Galli sei ein Job fürs Leben. Tja, so kann man sich täuschen.
Doch zurück zum aktuellen Schmied des Projekts: Der berichtet davon, wie er an seinem neuen Arbeitsplatz unzählige Werkzeuge vorfand, die aus historischer Sicht größtenteils völlig unpassend für eine karolingerzeitliche Schmiede waren. 90 Prozent davon mussten deshalb im Laufe der Zeit aussortiert werden – darunter jener moderne Amboss, der manch Beobachter des Projekts noch in unguter Erinnerung sein dürfte. Schon fast symbolhaft stand nämlich dieser überdimensionierte Metallklotz für das umfangreiche Geschluder der Verantwortlichen, die treuherzig versprochen hatten, es würde nur mit Werkzeugen des 9. Jahrhunderts gearbeitet werden.
Einiges an Hirnschmalz scheint in die Konstruktion von Blasebälgen geflossen zu sein, deren Aufgabe es ist, das Schmiedefeuer mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen. Es dauerte laut Herrn Wolff geraume Zeit, bis man eine möglichst effiziente und haltbare Konstruktion entwickelt hatte. Freilich, ob hier echte Experimentalarchäologie betrieben oder lediglich das Rad neu erfunden wurde ist eine durchaus berechtigt Frage, denn gut funktionierende Rekonstruktionen von mittelalterlichen Blasebälgen wurden anderenorts schon vor vielen Jahren gebaut.
Neben Werkzeug und Blasebalg bereitete aber vor allem die als Grubenhaus errichtete Schmiede selbst Probleme, sodass diese bereits nach wenigen Jahren radikal renoviert werden musste. Details dazu wurden hier keine genannt, lediglich auf das Konstruieren einer neuen Esse ging man noch näher ein.

➤ Es folgt ein längerer Beitrag des Archäologen Tilman Marstaller, der seine Ideen zum schon lange angekündigten, aber von den Projektverantwortlichen immer wieder verschobenen Bau einer (mit viel Steuergeld finanzierten) Scheune darlegt. Hierzu sei übrigens angemerkt, dass dieser Text auch auf der Homepage des Campus Galli abgerufen werden kann.

 Der St. Galler Klosterplan und das Gozbertmünster lautet die Überschrift eines Beitrages, für den der St. Galler Stiftsbibliothekar Cornel Dora verantwortlich zeichnet. Obschon inhaltlich durchaus nicht uninteressant, so ist dergleichen in einer Chronik eher deplatziert.

➤ Es folgen einige Foto-Collagen mit Impressionen von der Baustelle – dies passt nun endlich wieder einmal zu einer Chronik. Einleitend heißt es jedoch:

„2016 konnte mit der Holzkirche das erste Bauwerk der karolingischen Klosterstadt fertiggestellt werden.“
In Wirklichkeit ist die Kirche selbst jetzt – Mitte 2017 – noch nicht fertiggestellt, wie man anhand verschiedenster Quellen problemlos feststellen kann. Werden wir hier möglicherweise mit dem Dunning-Kruger-Effekt konfrontiert? So bezeichnet man nämlich eine kognitive Verzerrung, bei der relativ inkompetente Menschen unter anderem dazu tendieren, das eigene Können massiv zu überschätzen …
Eventuell hat die obige ‚Postfaktizität‘ aber auch andere Gründe. Benötigt man etwa verzweifelt ein vermeintliches Erfolgserlebnis, um in den Augen der Öffentlichkeit nicht als träger Haufen von ‚Steuergeld-Schnorrern‘ dazustehen? Man darf nämlich keinesfalls außer Acht lassen, dass es besonders in der Lokalbevölkerung Kritiker gibt, denen die immer wieder in die Verlängerung gehende Bezuschussung des Campus Galli längst gehörig gegen den Strich geht.
➤ Als nächstes kommt der Leser in den Genuss eines Beitrages des Historikers Matthias Becher, der den Lebensweg und das Wirken Karls des Dicken nachzeichnet. Wer keinen Computer bedienen und beispielsweise Wikipedia aufrufen kann, der dürfte aus Herrn Bechers Einlassungen einen gewissen Nutzen ziehen …
➤ Ähnlich deplatziert wie der vorangegangene Text ist jener über die heilige Scholastika (ja, die Frau wird von der Kirche tatsächlich so genannt).
➤ Nun wird es wieder etwas interessanter: Drei Gästeführer des Campus Galli berichten von ihren überwiegend positiven Erfahrungen. Eine Dame schränkt dabei allerdings ein:

„Es gibt jedoch auch Gruppen, in denen jemand negativ oder zweifelnd gegenüber Campus Galli eingestellt ist. Da kommen bereits an der Kasse negative Bemerkungen.“

Wenn der Gästeführerin dieser Umstand eine Bemerkung wert ist, dann legt dies den Schluss nahe, dass negatives Feedback weitaus häufiger vorkommt, als die Geschäftsleitung der Öffentlichkeit gerne weismachen möchte.
An anderer Stelle berichtet ein Kollege der Frau sinngemäß, sogar eine ganze Gruppe von Besuchern hätten bei der Führung über das Gelände des Campus Galli ein großes Maß an offenkundigem Desinteresse gezeigt. Verständlich, bei dem bescheidenen Angebot, das noch am ehesten kleine Kinder und Senioren auf Kaffefahrt zu beeindrucken vermag. 
➤ Vor allem für jene, die mit den hohe Kosten des Projekts wenig Freude haben, ist der Text von Rüdiger Semet – seines Zeichens Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Werkstättle – interessant. Das Werkstättle stellt nämlich einen wichtigen Aspekt des weiter oben erwähnten Förder- und Abpumpdickichts dar: Wird nämlich in den Medien über die vom Campus Galli eingestreiften Zuschüsse  berichtet, dann bezieht sich dies zumeist auf Gelder, die direkt von der Stadt Meßkirch beigesteuert werden (sogenannte Betriebskostenzuschüsse). Unerwähnt bleibt hingegen, dass sich freilich auch hinter der Hilfe des Werkstättle hohe Summen aus dem Topf des Steuerzahlers verbergen. So wird beispielsweise von Herrn Semet berichtet, dass das Jobcenter Sigmaringen dem Werkstättle bereits zu Beginn seines Campus-Galli-Engagements finanziell massiv unter die Arme griff (=Steuergeld). Darüberhinaus wurden und werden Förderungen aus dem Europäischen Sozialfond lukriert (=Steuergeld).
Die Beteiligung des Werkstättle am Campus Galli sei aber eine Erfolgsgeschichte. Neun Langzeitarbeitslose – acht davon nach der ersten Saison – wurden vom Campus Galli in ein festes, sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis übernommen. Und in der Tat wirkt das auf den ersten Blick positiv. Schaut man hingegen genauer hin, dann stellt sich die Frage, wie viele Langzeitarbeitslose dem gegenüber nach Ablauf ihrer befristeten Anstellung (1-Euro-Jobs) nicht behalten, sondern schnurstracks zum Jobcenter zurückgeschickt wurden? Es dürften in den letzten vier Jahren etliche gewesen sein.
Und wurde eigentlich je eine seriöse Projekt-Evaluierung vorgenommen, in der prozentuell aufgeschlüsselt ist, wie viele dieser Langzeitarbeitslosen aufgrund ihres vom Campus Galli erhaltenen Arbeitszeugnisses zumindest anderenorts eine Anstellung fanden bzw. in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden konnten (was nämlich das angebliche Ziel ist)? Nein, dazu gibt es bisher nichts, nada, nihil.
Es entsteht daher aus meiner Sicht der unschöne Verdacht, dass beim als ‚teil-kommunal‘ zu bezeichnenden Campus Galli vor allem das Ausnutzen der Arbeitskraft von Langzeitarbeitslose im Vordergrund steht; ermöglicht durch eine Art ‚public-privat partnership‘.

➤ Der nächste Beitrag stammt aus der Feder des Mineralienhändlers Schinko. Er betreibt auf dem Gelände des Campus Galli eine kleine Verkaufsbude, in der allerlei Nippes auf Steinbasis angeboten wird. Und so sinnfrei seine Anwesenheit auf einer frühmittelalterlichen Baustelle ist, so sinnfrei sind größtenteils auch seine oberflächlichen Einlassungen zu Mineralien in diesem als „Chronik“ bezeichneten Heft.
Darüber hinaus unterliefen Herrn Schinko Fehler, wie etwa auf Seite 82, wo er die karolingische Epoche zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert ansiedelt – vermutlich eine Verwechslung mit der Wikingerzeit …
So weit, so schlecht. Doch dann – beim Barte des Propheten! – wird’s spannend! Der gute Mann schreibt nämlich folgendes:
Große religiöse Bedeutung erlangte Bernstein bei […] den Mohammedanern für die Fertigung von Gebetsschnüren (Teshbi).“
Mohammedaner„? Was für ein schlimmer Fauxpas, ist doch dieser Begriff laut offiziöser Sprachpolizei abwertend konnotiert und sollte daher tunlichst vermieden werden (fast schon handelt es sich dabei um ein Äquivalent zum „Neger(kuss)“).
Freilich, von mir aus kann der Verfasser Mohammedaner oder wahlweise auch gerne Muselmanen schreiben, so viel er will. Mich stört das nicht im Geringsten. Doch auf der anderen Seite ist der quasi staatsnahe Campus Galli selbstredend Teil der politisch korrekten Blase, in der man für gewöhnlich großen Wert auf derlei Feinheiten legt. Was mögen demnach die Mitglieder der Geschäfts- und Vereinsleitung für Gesichter gemacht haben, als ihnen beim erstmaligen Durchlesen des Hefts diese Wortwahl ins Auge sprang? 
Nachdem der Autor mit seinen Ausführungen zu einem Ende gelangt ist, zieht er folgenden Schluss.

„Zusammenfassend kann gesagt werden, dass viele der heute beliebten Edelsteine bereits im frühen Mittelalter gehandelt und bearbeitet wurden.“ 

Wow, wer hätte das gedacht?! 😊

➤ Natürlich darf der Aufruf, Mitglied des Freundeskreises der Karolingischen Klosterstadt (=Campus Galli) zu werden, nicht fehlen. Für 36 Euro pro Jahr erwarten einen: ermäßigter Eintritt, regelmäßige Informationen über das Fortkommen der Arbeiten sowie – kein Scherz – ein gutes Gefühl …
Wer mag, so heißt es weiter, kann auch einfach nur so drauflos spenden. Ja dann …

➤ Den Abschluss des Hefts bildet der Bericht über ein Treffen des Freundeskreises, bei dem mittelalterartiges Brot gebacken wurde. Kein übermäßig spannendes Event, aber zumindest ‚on-topic‘.

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Wie bereits eingangs erwähnt, ist dieses Heft keine Chronik, sondern vielmehr eine verkappte Anthologie. Empfehlenswert allenfalls für Vereinsmitglieder und Hardcore-Fans des Projekts. Wobei erstere das Heft ohnehin kostenlos erhalten (bzw. mit ihrem jährlichen Beiträge bezahlen ^^).
Übrigens, vom Freundeskreis wurde in den Medien bejammert, dass es schwer fällt, kompetente Autoren für diese Publikation zu finden. Äußerst schwach und eigenartig will mir daher erscheinen, dass hier weder der Geschäftsführer des Projekts – Hannes Napierala – noch der Haushistoriker – Erik Reuter – einen Texte beisteuerten. Man sollte schließlich annehmen, dass gerade diese beiden Herren einiges darüber zu berichten hätten, was sich 2016 auf der Klosterbaustelle tat. Freilich, gerade letzerer ist aufgrund seiner reduzierten rhetorischen Fähigkeiten nicht gerade dafür prädestiniert, sich als Autor zu betätigen. So nimmt es auch nicht Wunder, dass er möglicherweise in nicht allzu ferner Zukunft seines Jobs verlustig geht – wie mir zugeflüstert wurde. Für diesen Fall steht mit Matthias Hofmann ein möglicher Nachfolger in den Startlöchern. Er ist bereits seit einiger Zeit als Gästeführer für den Campus Galli tätig und soll auch gute Beziehungen zur Vereinsleitung unterhalten.

Ich vergebe für die vorliegende Pseudo-Chronik zwei statt nur einen Sterne, weil nicht alle Beiträge eine Themenverfehlung darstellen. Außerdem zeige ich mich für jede gute Gelegenheit erkenntlich, den Campus Knalli und seine Living-History-Legastheniker in die Pfanne zu hauen 😏

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Verwandte Blog-Beiträge:
26: April 2013: Campus Galli: Freilichtmuseum, oder doch verkapptes Disneyland?
18. November 2013: Geurtens Mund, tut Nonsens kund
15. Jänner 2014: Bund der Steuerzahler kritisiert Campus Galli
22. April 2014: Die  Zahlenmagier vom Campus Galli
29. April 2014: Der Campus Galli – Ein pseudowissenschaftliches Laientheater
02. Juni 2014: Campus Galli: The show must go on!
04. August 2014: Hannes Napierala – Der neue Geschäftsführer des Campus Galli
10. September 2014: Der Campus Galli ist kein wissenschaftliches, sondern ein touristisches Projekt!
12. Dezember 2014: Der Campus Galli und seine Mittelalterversteher – Ein Fass ohne Boden
26. Jänner 2015: Gastbeitrag von Hannes Napierala: Zum Selbstverständnis des Projekts Campus Galli
30. Jänner 2015: Campus Galli: Nachbetrachtungen und neuer Unsinn von einem alten Bekannten
23. März 2015: Des Klosters neue Kleider – außen hui, innen pfui
12. Oktober 2015: Das potemkinsche Dorf Campus Galli – Ein kritischer Jahresrückblick
25. Oktober 2015: Weltsensation – Campus Galli rekonstruiert mittelalterlichen Traktor!
01. November 2015: Kauf dir ein paar Kritiker: Die fragwürdigen Jobangebote des Campus Galli
10. April 2016: Campus Galli: Offener Brief an den Geschäftsführer Hannes Napierala
28. August 2016: Der Campus Galli – Ein tolldreistes Medienmärchen
20. November 2016: Finanzmarode Mittelalter-Baustelle Campus Galli wird Prognosen wieder nicht erreichen!
19. Mai 2017: Chronik des Campus Galli 2017 – Von „Mohamedanern“ und lässig verteiltem Steuergeld

Alle meine Beiträge über den Campus Galli – inkl. der hier nicht gelisteten Kurzmeldungen


Ausgewählte externe Beiträge und Artikel:

Karfunkel: Causa Galli – Was ist los am Bodensee? – OFFLINE
Aachener Zeitung: Dunkle Wolken über der Klosterstadt – Klick mich

Bund der Steuerzahler: Kommt die Kloster-Katastrophe? – OFFLINE
Zollern-Alb-Kurier: Meßkirch muss nachschießen – OFFLINE
Tribur.de (Geschichte und so Zeugs):  Die Akte Campus Galli – Klick mich
Agis kritischer Bildbericht vom Campus Galli: Klick mich
Tribur.de (Geschichte und so Zeugs): Spiegel Geschichte und der Campus Galli – Klick mich

Badische Zeitung: Mittelalter-Stadt „Campus Galli“ – Weniger Besucher, mehr Kritik – Klick mich

Krimskrams: Kassian, der prügelnde Heilige — Mein Kaiser, mein Herr — Fernsehprogramm à la ZDF — usw.

Kassian, der prügelnde  Heilige

Kassian von Imola war nicht nur Schulmeister, sondern dürfte auch ein echter Sympathieträger gewesen sein. Der christliche Heilige wurde, nachdem er im Zuge spätantiker Christenverfolgung seiner Religion nicht abschwören wollte, zum Tode verurteilt. Die Vollstreckung der Strafe überließ man seinen eigenen Schülern, die ihn erbost mit ihren metallenen Schreibgriffeln marterten. Kassian soll sie als Lehrer körperlich oft gezüchtigt haben …
Nun war das Verprügeln von Schülern freilich fester Bestandteil antiker Pädagogik. Allerdings dürfte es der heilige Kassian damit ordentlich übertrieben haben, wenn ihn seine Schüler deshalb gleich mit Freude abstachen. Jedenfalls würde der gute Mann heutzutage wohl nicht mehr so ohne Weiteres die Kriterien zur Heiligsprechung erfüllen. ^^

Übrigens: Der beinahe zeitgleich mit Kassian lebende Augustinus berichtete mit Abscheu und Unbehagen von seiner eigenen Erfahrungen als Schüler. Prügel wurden von den Alten zwar gelobt, meinte er, aber durch diese Erziehungsmethoden „vervielfachte man nur die Mühe und Not der Kinder Adams.“ 


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Mein Kaiser, mein Herr (Zufälle gibt es …)

Ich lausche seit ca. einer Woche dem Hörbuch Mein Kaiser, mein Herr, das vollständig auf dem gleichnamigen Roman von Siegfried Obermeier beruht. Der Leser/Hörer begleitet darin Gerold – den fiktiven illegitimen Sohn des bayerischen Herzogs Tassilo – durch sein langes, abwechslungsreiches Leben, das er vor allem im Dienste Karls des Großen verbringt. Dabei übernimmt Gerold verschiedene Aufgabe, wie die des Soldaten, des Lehrers, des Dolmetschers oder des Gesandten.
Irgendwann im Verlauf der Geschichte büxt Gerold mit seiner Geliebten Hildtrud – einer Tochter Karls des Großen – aus. Um nicht erkannt zu werden, verkleiden sich die beiden. Gerold mimt dabei einen zur Pilgerfahrt verdonnerten Händler, während Hildtrud ihr Haare schert und sich als Diener ausgibt, der  – man glaubt es kaum – den Namen Hiltibold trägt 😊.
Ein wirklich lustiger Zufall, denn ich habe mir genau diesen Namen ja ursprünglich deshalb ausgesucht, weil er vor allem in dieser Schreibweise recht selten ist.

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Fernsehprogramm à la ZDF

Hmmm, handelt es sich bei der folgenden Zusammenstellung, die einen Ausschnitt aus lediglich sechs Tagen ZDF-Programm zeigt, um ein starkes Indiz für einen veritablen Dachschaden der Verantwortlichen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens? Klick mich
Im Angesicht dieser immensen Schlagseite ist es jedenfalls kein Wunder, dass große Teile der Menschheitsgeschichte im deutschen Fernsehen nur unter ferner liefen abgehandelt werden. Freilich, der ORF ist da noch viel schlimmer! Abseits von Natur-Dokus bekommen die Fernsehmacher auf dem Küniglberg so gut wie nichts auf die Reihe. Am besten man meldet den ORF ab und spendet die eingesparten Gebühren guten Alternativmedien der eigenen Wahl.

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Forscher entdecken in österreichischem Kloster ältestes Schriftstück auf Deutsch …

… schreibt die Berliner Zeitung: Klick mich

Übrigens, am 14. Mai hat auch die Kronenzeitung in ihrer Druckausgabe dazu einen Beitrag gebracht. Da heißt es in einem Interview unter anderem:
Frage: Warum ist dieser Fund so einzigartig?
Antwort: Es handelt sich um die erste Verschriftlichung der deutschen Sprache.
Nein, richtigerweise müsste es heißen, dass es sich um die bis dato älterste entdeckte Überlieferung handelt …

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Das fetzt

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