Ein kleines Update zu @die_reklame

Seaside landscape with ancient ruins on the coast (1674)
Jacobus Storck (Dutch, 1641-1687)

Tja. Ich hatte gerade meine neu gewonnenen Superkräfte eingesetzt, um das alte, seit einiger Zeit unbenutzte Subreddit von @die_reklame zu reaktivieren und dort wieder regelmäßig Content einzustellen, als aus dem Twitter Musks eine neue, irrsinnige Entscheidung das ganze Projekt in existenzielle Probleme gestürzt hat: Die API soll kostenpflichtig werden.

Wir sitzen natürlich nicht den ganzen Tag vor dem Rechner, um mehrfach am Tag alte Anzeigen zu posten. Das ist mit Hilfe des von Jürgen Hermes entwickelten AutoChirp automatisiert. Wir sammeln das ganze Jahr über Anzeigen in einer Dropbox und stellen dann einmal zu Jahresbeginn die Beiträge ein und dann läuft alles automatisiert durch. Und zwar mit Hilfe der API, welche für genau solche „Bots“ wie unseren Account gedacht ist.

Twitter lebt zu einem gewissen Teil von solchen automatisierten Accounts, da diese perfekt geeignet sind, um Informationen zeitnah und automatisiert zu verbreiten. So gibt es Bots, welche Verspätungen auf einzelnen Bahnlinien posten. Bots, welche Wetterbedingungen posten. Bots, welche Webcambildern eine größere Reichweite geben oder aktuelle Satellitenbilder posten. Bots, die Wikipedia-Edits aus dem Bundestagsnetz beobachten. Bots, welche diese praktisch unlesbaren Threads in lesbare Formate bringen. Und natürlich auch den berühmten Bot, der veröffentlicht, was der reichste Mann der Welt für eine Umweltsau ist, indem er einfach nur zeigt, wie dieser mit seinem Privatjet über den Globus jettet.

All diese Bots haben eins gemeinsam: Ohne API können sie nicht existieren. Sie haben kein Geschäftsmodell. Die Reklame hat kein Geschäftsmodell und will als Hobbyprojekt auch keins haben. Vielleicht könnten wir Firmen anbieten, dass wir ihre Retro-Werbung über den Kanal schicken, aber das würde den gesamten Charakter des Projektes zerstören.

Es ist daher aktuell völlig ausgeschlossen, dass wir für einen API-Zugang bezahlen werden. Denn hier schlägt eine weitere Besonderheit des neuen Twitters zu: Kurzfristigkeit und miserable Kommunikation. Die Zahlungspflicht soll schon nächste Woche kommen. Aktuell wurde aber noch nicht veröffentlicht, was der Spaß denn kosten soll. Es gibt nur einen Tweet von Musks selbst, in dem dieser von 100 Dollar pro Monat spricht – Kommunikation aus der Hölle und definitiv keine Summe, die man in so ein kleines Hobbyprojekt steckt. Vor allem, wenn der Empfänger der 100 Dollar einen so behandelt und quasi erpresst.

Wir wissen aktuell noch nicht, ob AutoChirp selbst einen bezahlten API-Zugang braucht, ob jeder Account, der es benutzt, einen braucht, ob es Ausnahmen für akademische Projekte gibt oder wie viel dies kosten würde. Das ist wirklich Firmenkommunikation, wie man sie nicht betreiben sollte.

Die Reklame lebt auch woanders – auf Instagram und auch der neue Mastodon-Account erfreut sich mit über 2000 Followern mittlerweile einiger Beliebtheit. Hier gibt es aber ein Problem: AutoChirp ist ein Twitter-Tool und Twitter ist hier das Master-System. Die Inhalte von Twitter werden zu Mastodon gecrosspostet und von dort aus rüber zu Reddit. Fällt Twitter, sitzen die anderen Netzwerke auch erstmal auf dem Trockenen.

Jürgen hat bereits durch die Blume ein „AutoTrööt“ angekündigt, also ein AutoChirp für Twitter. Es kann aber in den nächsten Tagen trotzdem zu Ausfällen kommen, denn aufgrund der Kurzfristigkeit steht die neue Technik natürlich noch lange nicht.

Gleichzeitig stellt sich mir die Frage, ob Twitter mittlerweile wirklich noch das richtige Medium für geisteswissenschaftliche Inhalte ist. Es ist nicht nur die Rückkehr von Rechtsradikalen, Nazis, ehemaligen US-Präsidenten und sonstigen unangenehmen Gestalten – das alleine würde ja schon ausreichen, um den Hut zu nehmen und zu gehen, wie ich es mit dem privaten Account bereits gemacht habe. Der Account war für nicht eingeloggte Leser in den letzten Monaten „dank“ der harten Twitter-Loginwall praktisch unlesbar. Nach nur wenigen Beiträgen schiebt sich ein Fenster über die Inhalte und fordert zum Anmelden auf. Zusätzlich werden die Inhalte dann durch Werbung, Trending Topics voller diversem Irrsinn und sonstigen Störern flankiert, so dass es für „Twitter-Laien“ höchstwahrscheinlich unmöglich ist, den Account vernünftig zu verfolgen. Gerade der Umstieg auf Mastodon hat mir gezeigt, wie furchtbar Twitter geworden ist – als langjähriger Nutzer sitzt man dort wie der sprichwörtliche Frosch im immer heißer werdenden Kochtopf.

Die Zukunft von PlanetHistory auf Twitter ist völlig offen: Es nutzt aktuell den FreeTier von Buffer, um die Beiträge der geisteswissenschaftlichen Blogs auf Twitter zu posten. Ich gehe mal davon aus, dass Buffer auch jetzt schon aufgrund der Menge an Tweets für die Nutzung der API zahlt und dass der FreeTier vorerst bestehen bleiben wird. Sollte dies nicht der Fall sein oder Buffer aufgrund höherer Kosten den kostenlosen Service einstellen, dann ist der Twitter-Account tot. Ich habe bislang keinen Mastodon-Account eingerichtet, einfach da – ihr habt es gemerkt – gerade die große Motivation zur Seitenpflege fehlt. Ich habe auch eine ganze Weile keine neuen Blogs mehr eingepflegt – wer wie ich jetzt länger nicht mehr beruflich in der Geschichtswissenschaft unterwegs ist, verliert irgendwann den Zugang zur Community und auch die Motivation, jetzt das zwölfte hoffnungsvoll gestartete Doktorandenblog oder Lokalarchiv aufzunehmen, das dann nach drei Beiträgen stirbt. Von daher: Wer mich unterstützen will, darf sich gerne melden.

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Der Mann aus Düsseldorf

Mein Newsletter Reportagen aus der Vergangenheit sendet euch jeden Monat eine spannende historische Reportage in euer Postfach. Die Einleitung teasere ich hier, den vollen Text könnt ihr direkt kostenfrei bei Steady lesen. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr dort auch direkt den Newsletter abonnieren.

Josef Stalin wird der Satz „Ein Toter ist eine Tragödie, eine Millionen Tote sind eine Statistik“ zugeschrieben und so ungerne man es auch zugeben will: Er hat dabei leider Recht. Die großen Zahlen mit den Millionen Toten und die Statistiken zu den Verwundeten und Vermissten schaffen es selten das Grauen eines Krieges begreifbar zu machen. Oder kann von euch jemand die Zahlen aus dem Ukraine-Krieg wirklich begreifen? Sie sind zu abstrakt. Was ist schon der Unterschied zwischen 1.000 und 10.000 und 100.000 Toten? Eine oder zwei Nullen auf dem Papier. Große Zahlen kann man so schwer mit dem Gehirn verstehen. 

Die großen Zahlen verdecken auch alles Leid im Kleinen. Die individuelle Trauer und Verzweiflung. Der Geist schützt sich bei großen Zahlen instinktiv auch davor sie wirklich in ihrer Grauenhaftigkeit zu erfassen. In der heutigen Reportage berichtet Hanns Heinz Ewers über einen Mann, der im Nachgang des Ersten Weltkrieges vom Leid anderer profitieren zu versucht. Und gerade das zeigt die menschliche Tragödie, die hinter der amtlichen Statistik „Vermisst im Felde“ steht. 

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Wie viele SS-Männer leben noch?

Irgendwann demnächst kommt der Tag, an dem der letzte SS-Scherge das zeitliche segnet und keiner wird es mitbekommen. Aber wie viele leben eigentlich aktuell noch? Eine amtliche Statistik wird darüber nicht geführt und daher können wir nur überschlagen und etwas rechnen.

„ Im Juni 1944 zählte die SS 794.941 Mitglieder. Davon gehörten 264.379 zur Allgemeinen SS. Vor dem Internationalen Gerichtshof in Nürnberg machte Robert Brill, ehemaliger Leiter des „Ergänzungsamtes der Waffen-SS“, am 5. und 6. August 1946 Angaben zur Personalentwicklung der Waffen-SS:Bei Kriegsende war die Waffen-SS noch ca. 550.000 Mann stark; bis Ende Oktober 1944 waren ca. 320.000 Mann gefallen oder schwerstverletzt. […] In der Waffen-SS dienten etwa 400.000 Reichsdeutsche, 300.000 Volksdeutsche und 200.000 Angehörige anderer Völker. […] Im Jahr 1944 wurde die Masse der noch Kriegsverwendungsfähigen aus den Wachmannschaften der Konzentrationslager herausgezogen und für den Wehrdienst freigemacht. Bis dahin wurden die Wachmannschaften aus Notdienstverpflichteten der Allgemeinen SS und des ehemaligen Frontkämpferbundes ‚Kyffhäuser‘ gestellt. 1944 kam noch ein starkes Kontingent aus der Wehrmacht. Es handelte sich meines Wissens zunächst um 10.000 Mann. Später mehr. […] Meines Wissens setzten sich die Wachverbände in den KZs im Jahre 1944 aus 6.000 Notdienstverpflichteten, 7.000 Volksdeutschen, 7.000 Heeresangehörigen und einer Anzahl von Luftwaffenangehörigen zusammen. […]“

– Documents of the Major War Criminals. Vol. XX, S. 371–471

https://de.wikipedia.org/wiki/Schutzstaffel#Organisationsentwicklung

Das setzt uns schonmal eine Obergrenze. Irgendwo zwischen den 550.000 Mitgliedern der Waffen-SS bei Kriegsende und den knapp 800.000 Mitgliedern allgemein Mitte 1944. Die SS hatte aber natürlich gerade gegen Kriegsende enorm hohe Verluste zu verzeichnen und seit Kriegsende sind jetzt auch schon fast 78 Jahre vergangen.

Das führt uns auf eine weitere Spur: Da das Eintrittsalter bei 18 Jahren lag und die Mitgliedschaft auf Männer begrenzt waren, können eigentlich rein formal nur Männer, die im Geburtsjahrgang 1927 bis zum 8. Mai geboren wurden, Mitglied gewesen sein. Ausnahmen, gerade gegen Kriegsende, sind bekannt, betreffen dann aber eher die 17-Jährigen als die 16-Jährigen. Daher macht es teilweise Sinn den gesamten Geburtsjahrgang 1927 zu betrachten. Aber der Geburtsjahrgang 1927 wird 2023 auch schon 96 Jahre alt. Selbst die jüngsten SS-Mitglieder müssten jetzt deutlich, deutlich über der durchschnittlichen Lebenserwartung für Männer liegen.

Wenn wir jetzt ganz unwissenschaftlich und naiv davon ausgehen, dass fast alle ehemaligen SS-Mitglieder in Deutschland wohnen und dabei natürlich ganz Österreich und die ausländischen SS-Hilfstruppen sowie alle SS-Schergen, die sich nach 1945 in Richtung Südamerika abgesetzt haben, ignorieren, dann können wir uns einer weiteren Maximalzahl annähern: Die offizielle Statistik des Statistischen Bundesamtes weist in der „Bevölkerungsfortschreibung auf Grundlage des Zensus 2011“ zum Stichtag 31.12.2021 in Tabelle 2.1 folgendes aus:


https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Bevoelkerungsstand/_inhalt.html

In Summe macht dies 57.027 in Deutschland lebende Männer, bei denen die Möglichkeit bestand, dass sie in der SS waren. Das setzt übrigens auch die Obergrenze für ehemalige Wehrmachtssoldaten.

Nun wird es haarig und kaum noch zu bestimmen: Natürlich waren nicht alle Männer dieser Jahrgänge SS-Mitglieder. Von den 57.027 wird der Großteil in der Wehrmacht gekämpft haben. Die 1927 Geborenen machen 34,6 % aus, von denen ein Großteil bei Kriegsende also noch minderjährig war. Durch die Migration nach Deutschland leben hier auch Menschen, die während des Kriegs im Zweifelsfall in der Türkei, der Sowjetunion oder anderen Ländern gewohnt haben und damit eher „SS-unverdächtig“ sind.

Das 18-jährige, fanatisierte Kanonenfutter der Waffen-SS ist jetzt auch nicht der „klassische SS-Mann“. Die damalige Führungsmannschaft dürfte mittlerweile nur noch in homöopathischen Anteilen vorhanden sein: Die Nazis waren zwar alle erstaunlich jung (Adolf Hitler etwa war bei Machtübernahme 1933 erst 43 Jahre alt), aber selbst wer bei Kriegsende 25 Jahre alt war, wäre jetzt 102 Jahre alt.

Es ist seriös nicht weiter zu ergründen, wie groß der Anteil der überlebenden SS-Männer an diesen 57.027 Männern ist. Weiterhin kann man davon ausgehen, dass diverse der über 96-Jährigen in den 12 Monaten seit Ende 2021 verstorben sind. Die Tabelle zeigt deutlich, dass in dieser Altersgruppe jährlich 30-40 % versterben – und gerade gibt es ja zusätzlich noch diese Seuche.

(Die amtliche Statistik bietet übrigens auch einen Einblick in die Zahl der noch in Deutschland lebenden NS-Zeitzeugen. Ende 2021 lebten demnach 8.151.017 Menschen der Geburtsjahrgänge 1944 und früher in Deutschland. Bei Kleinkindern greift natürlich die kindliche Amnesie – man kann jetzt lange diskutieren, ab welchem Alter man seine Umgebung so begreifen kann, dass man als Zeitzeuge wirklich etwas zu berichten hat, aber von den Jahrgängen 1935 und früher waren Ende 2021 immerhin noch 2.124.811 Menschen am Leben.)

Einen anderen Anhaltspunkt bietet uns einer dieser typisch bundesdeutschen Skandale im Umgang mit NS-Verbrechern. Denn wer in der SS mordete, der erwarb Rentenansprüche. Und aufgrund eines Erlasses von Adolf Hitler persönlich gilt dies auch für ausländische Mitglieder der SS. Da die Bundesrepublik unfähig war und ist, Rentenzahlungen für die Mitgliedschaft in der vielleicht verbrecherischsten Vereinigung der Geschichte einzustellen, wird dies in unregelmäßigen Abständen in ausländischen Parlamenten thematisiert. Die letzten Zahlen dazu finde ich 2019 aus Belgien mit 18 Empfängern und den Niederlanden mit 3 Empfängern. Das ist immer noch ein Skandal, aber die Zahlen zeigen deutlich, wie wenig SS-Schergen dort noch am Leben sind. Neuere Zahlen finde ich nicht, es könnte also sein, dass die Bundesrepublik dieses Problem erfolgreich ausgesessen hat.

Es gibt sie aber noch: Die Justiz der Bundesrepublik ist hier viel zu spät aufgewacht – aber aktuell gibt es immerhin ein paar Prozesse gegen hochbetagte NS-Täter und in einem dieser tauchte Mitte 2022 ein 101-jähriges ehemaliges SS-Mitglied auf. Ganz vorbei ist der Spuk also noch nicht – lange wird er aber auch nicht mehr dauern.

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W.E.B. du Bois – Along the color line

Der C.H. Beck-Verlag hat in seiner textura-Reihe ein nettes, schmales Bändchen mit Reportagen veröffentlicht, welche der schwarze US-Bürgerrechtler W.E.B. du Bois 1936 von seiner langen Reise durch Nazi-Deutschland veröffentlicht hat. Und das ist natürlich genau mein Ding.

Du Bois reiste 1936 länger durch Europa, verbrachte fünf Monate in Deutschland und berichtete für den Pittsburgh Courier. Er besucht die Olympischen Spiele, die Wagner-Festspiele in Bayreuth, unterhält sich ausführlich mit deutschen Intellektuellen, bereist Preußen, die Hansestädte, Sachsen, Thüringen, Westfalen, Württemberg, Bayern, Berlin, Lübeck, Hamburg, Bremen, Frankfurt, Köln, Mainz, Stuttgart, Breslau und München. Er hat dabei einen scharfen Beobachtungssinn, der vor allem durch seine Erfahrungen entlang der „color-line“, der US-amerikanischen Rassentrennung, geschult ist. Es ist also durchaus spannend, was er zu berichten hat.

Gleichzeitig ist es ein irgendwie ärgerlicher Band. Du Bois fasst sich häufig sehr kurz, was sicherlich auch dem begrenzten Platz seiner Kolumne in der Zeitung geschuldet ist. Aber man würde gerne mehr erfahren. Ein paar Seiten zu Olympia 1936 sind zu wenig. Die Beobachtung des Nazi-Antisemitismus durch einen amerikanischen Schwarzen ist hoch spannend – und fällt dann doch kürzer aus als ein Bericht über das Ausbildungswesen bei Siemens. Genau wie in George Orwells Reportagen aus dem Nachkriegsdeutschland hört es häufig genau dann auf, wenn es spannend wird. Man würde gerne mehr erfahren, mehr lesen, mehr Details erfahren.

Das große Problem ist aber ein anderes, das Du Bois selbst in einem anderen Zusammenhang wunderbar beschreibt:

„Menschen, die heutzutage über chemische oder physikalische Dinge schreiben, können dies nicht so tun, wie es noch vor fünfundzwanzig Jahren üblich gewesen wäre, ganz einfach, weil neue wissenschaftliche Experimente die Grundlagen ihres Wissens verändert haben und sie ihr Wissen entsprechend anpassen. […] Doch bei Fragen der Geschichte und der sozialen Entwicklung nimmt man an, dass es dort keinen wissenschaftlichen Fortschritt gibt und dass wir die Wahrheit vor fünfundzwanzig Jahren genauso gut kannten wie heute. Das stimmt natürlich nicht.“

Er reist im Jahr 1936 durch Nazideutschland und versucht dann mit dem, was er in Nazideutschland über Nazideutschland erfahren hat, Nazideutschland zu erklären. Das konnte er damals natürlich nicht anders machen, aber 77 Jahre nach dessen Ende sind wir deutlich klüger. Die moderne Geschichtswissenschaft hat in dieser Zeit mehr über die Entstehung des Nazi-Antisemitismus herausgefunden als W.E.B. du Bois damals als Reisender vor Ort erfahren konnte.

Es ist allerdings arg verwunderlich, dass der C.H. Beck-Verlag etwa Passagen zum angeblichen Duckmäusertum „der Juden“ während des Ersten Weltkrieges auch im Nachwort nicht passend einordnet. Die entsprechende völkische Propaganda wurde zwar bereits während der Weimarer Republik widerlegt, aber es ist durchaus verständlich, dass W.E.B. du Bois dies im Jahr 1936 nicht unbedingt in seinen Gesprächen in Nazideutschland erfährt. Dies zeigt auch wunderbar die Gefahren des Expertentums per Bereisung – die Bereisten können natürlich auch Unfug erzählen. Es wäre gut, wenn der Verlag das nicht einfach so stehen ließe.

Gleichzeitig zeigt aber die oben zitierte Passage, dass in diesem Bändchen einige interessante Entdeckungen stecken: So würde es auch der aktuellen Geschichtswissenschaft guttun, wenn sie selbstbewusst auf den hart erarbeiteten wissenschaftlichen Fortschritt und neu erworbene Erkenntnisse pocht und freundlich darauf verweist, dass das Schulwissen von vor 40 Jahren nicht mehr dem aktuellen Stand der Forschung entspricht. In so manch einer zeitgeschichtlichen Debatte reden die Menschen nämlich fleißig aneinander vorbei, weil sie den aktuellen Stand der Geschichtswissenschaft nicht kennen – oder kennen wollen. Keiner kann mit dem Wissen aus dem Biologie-Grundkurs der 10. Klasse aus dem Jahr 1972 ernsthaft über Biologie diskutieren, einfach, weil es da so kleine wissenschaftliche Fortschritte wie die gesamte Gentechnik gegeben hat. Und genauso kann keiner mit dem Wissen aus dem Geschichts-Grundkurs der 10. Klasse aus dem Jahr 1972 ernsthaft über Geschichte diskutieren. Das darf man auch mal offensiv einfordern.

Ein weiteres Element hat mir in der Zusammenstellung der Beiträge gefehlt: W.E.B. du Bois Perspektive während und nach dem Krieg. Es wäre spannend zu erfahren, wie er seine Reise und Erfahrungen im Nachhinein reflektiert. Ob und wie er sich zum Holocaust geäußert hat. Was er während oder nach dem Krieg zum NS gesagt hat. Das Nachwort erwähnt autobiografische Aufzeichnungen, aber schweigt sich sonst eher aus. Dem doch eher schmalen Band hätte hier ein weiteres Kapitel aus genau diesen Aufzeichnungen sehr gutgetan.

Was bleibt? Ich fand W.E.B. du Bois Reiseberichte interessant zu lesen. Die Zielgruppe dürfte aber schmal sein: Menschen, die Interesse an der Geschichte des Nationalsozialismus und der Schwarzen in den USA haben, welche aber genügend Background-Wissen haben, um sich nicht zeitgenössische Falschheiten als Fakten ins Gehirn zu speichern.

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Alles muss man selber machen

Es begann als eigentlich simple Idee: Ich lese als alter Onlinesuchti viele Artikel und habe bereits seit Jahren Instapaper bzw. nun Pocket als ReadLater-Dienst im Einsatz. Es ist nämlich deutlich angenehmer, Artikel nicht sitzend am Schreibtisch, sondern gemütlich auf dem Sofa in angenehmem Layout zu lesen. Volle Empfehlung von meiner Seite dafür. Internetdienste zum Linksammeln und Später Lesen haben aber als Genre die unangenehme Eigenschaft, dass sie alle nach und nach richtig bescheiden werden. Entweder die Entwicklung stagniert komplett (siehe Pinboard) oder sie verschwinden komplett (siehe del.icio.us) oder sie machen sonstigen Unfug wie Instapaper zum Start der DSGVO, wo dann plötzlich alle europäischen Nutzer ausgesperrt wurden. Oder sie arbeiten mit monatlichen Abos mit erschreckend hoher Eurosumme. Zusätzlich haben Internetseiten auch die unangenehme Eigenschaft, dass sie entweder irgendwann offline gehen oder – fast noch schlimmer – hinter einer Paywall verschwinden. Was nützt das schönste Lesezeichen, wenn man dann zum Aufruf ein Jahresabo der Washington Post abschließen muss?

Daher hatte ich die eigentlich simple Idee: Ein Offline-Volltext-Archiv aller gelesenen und für gut befundenen Artikel erstellen. In einem möglichst simplen Format, das die Zeiten überdauert, plattformunabhängig ist und auf keine spezielle Software angewiesen ist: Markdown. Eine simple Auszeichnungssprache, die leichte Formatierungen enthält, aber lesbarer ist als reines HTML. Sie ist in ihrer Flexibilität sowohl im Plaintext problemlos lesbar, kann aber auch von zig verschiedenen Anwendungen dargestellt werden.

Das erwies sich dann als erstaunlich kompliziert: Pocket selbst bietet keinen Volltext-Download des Artikelarchivs an. Es gibt eine Premium-Version, die ein Volltextarchiv anbietet, aber fast 50€ pro Jahr kostet. Genau wie die durchschnittliche deutsche Kommune will ich aber nicht für mein Archiv bezahlen müssen.

Also habe ich mich auf die Suche nach einer passenden Software gemacht und war etwas überrascht, dass es zwar sehr viele Optionen gibt, aber dass alle haarscharf an meinen Requirements vorbei gingen:

  • Pocket bietet einen Export an, der allerdings nur alle Links in „read“ und „unread“ sortiert, weder die Favoriten enthält noch die Tags
  • Instapaper ist seit der Katastrophe bei der DSGVO-Einführung kein verlässlicher Partner mehr
  • Diverse Tools wie MarkDownload bieten einen Download von Webseiten als Markdown an, aber automatisieren dies nicht. Man muss also jede Webseite manuell speichern. Wäre theoretisch ok, integriert sich aber extrem schlecht in meinen Workflow, da es MarkDownload nicht für Android gibt
  • Eine passende App wäre Markdownr, aber diese erstellt von Haus aus katastrophale Dateinamen, was dann selbst mit einem Nextcloud/Dropboy/Syncthing-Sync von Desktop und Android dazu führen würde, dass man immer den Titel des Artikels auf der Handytastatur schreiben müsste. Also genau daneben
  • Nextcloud Booksmarks funktioniert auch gut. Es zieht sich den Volltext zu den gespeicherten Links und legt diese in der Nextcloud-SQL-Datenbank ab. Ist zwar kein Markdown-Plaintext, aber den Text kriegt man ja durchaus aus der Datenbank exportiert – aber ich habe keine App gefunden, die Mobile wirklich gut funktioniert
  • Obsidian hat eigentlich alles integriert – man kann mit dem Pocket-Plugin seine Leseliste syncen, auch nach Tags gefiltert und dann aus der Liste Artikel als Markdown erstellen. Leider liefer auch hier die Pocket-API keinen Volltext, sondern nur ein Abstract. Den Volltext kann sich das Obsidian-Plugin „Extract URL content“ besorgen, was Obsidian zum sehr coolen Notiztool macht. Aber in diesem Fall würde es dann halt für jeden Artikel drei Extraklicks bedeuten, was man dann am Ende nicht macht und gemein gesagt auch nur die Nerdvariante von „Kopiere den Artikeltext manuell in ein Worddokument“ ist.
  • Pinboard hat ein Volltextarchiv, welches aber hinter einem Abo liegt und Pinboard selbst stagniert als Dienst auch so extrem, dass ich die Eignung als Langzeitarchiv anzweifle.
  • Wallabag wird hier als selbstgehosteter Bookmarkdienst gerne empfohlen, aber dort traue ich mir das Hosting gerade nicht so ganz zu und mein aktueller Hoster All-Inkl unterstützt auch kein Docker.

Alle Lösungen funktionieren so halb und alle Lösungen waren so nah dran am gewünschten, dass es schnell klar war, dass es irgendwo Standard-Libraries geben muss. Denn es wäre unwahrscheinlich, dass ein Einzelentwickler einer kleinen Android-App im PlayStore selbst wunderbar auf zig Seiten gut funktionierende Parser entwickelt und dann nur eine kleine App mit dem Hinweis „quick project“ erstellt. MarkDownload hat dann auf der Github-Seite den entscheidenden Hinweis gegeben: readability.js .

Also in einem Anflug von Wahnsinn schnell Python installiert. Ich kann glaube ich von mir behaupten, dass ich keine oder wenn, dann nur sehr wenig Ahnung vom Programmieren habe: Der Informatikunterricht ist über 20 Jahre her und beschäftigte sich mit TurboPascal und Assembler, was auch damals schon gnadenlos veraltet war. Alle anderen Gehversuche in dem Bereich sind auch schnell wieder eingeschlafen. In der Zwischenzeit habe ich aber einiges mit NoCode-Tools wie IFTTT gemacht und die wildesten Dinge in Excel.

Und was soll ich sagen? Es ging erstaunlich einfach von der Hand. Mit Hilfe der Dokumentation und diversen Codeschnipseln habe ich es in wenigen Stunden geschafft ein erschreckend gut funktionierendes Python-Skript zu produzieren. Es nimmt Links, lädt sie herunter, jagt sie durch readability, konvertiert dessen Output in Markdown und speichert sie nach Titel auf der Festplate ab. Es war viel Trial & Error und der Experte fällt höchstwahrscheinlich rückwärts vom Stuhl, aber hey, ich bin stolz drauf.

Schnell kam die Idee auf, Pocket direkt als Mittelmann zu killen. Ich hatte wirklich keine Lust mit deren API herumzuspielen, um an die Links zu kommen. Und wenn man schon ein Offline-Archiv mit Artikeln hat, dann gibt es wirklich wenig Gründe, einen Cloudanbieter zwischenzuschalten, der einen stetig zum Abschluss eines Abos nötigen will. Auf einer Radtour kam dann die nächste Idee: Ich habe mir bekannterweise einen sehr gut funktionierenden Workflow zum Lesen von Nachrichten per E-Mail und wenn man eh schon seine Nachrichten per Mail konsumiert, warum nicht auch den Readlater-Dienst ins Mailpostfach integrieren?

Also weitergebastelt. Herausgefunden, wie man sich per Python in ein Mailpostfach einwählt und Mails liest. Den Inhalt der Mail ausgelesen. Recherchiert, wie man URLs in Text findet. Herausgefunden, wie man per Python Mails verschickt. Einen Workflow überlegt. Und jetzt habe ich mir an einem chilligen Wochenende meinen eigenen Readlater-Dienst gebaut: Man schickt eine Mail mit einem enthaltenen Link an eine Mailadresse und bekommt dann eine E-Mail mit dem Volltext dieses Links zurück. Die Mail wird automatisch in einen Unterordner sortiert. Dieser „Ungelesen“-Ordner voller Volltexte bildet dann die Leseliste. Die gelesenen Artikel können dann einfach in weitere Ordner sortiert werden. Alles kann mit der in jedem Mailprogramm vorhandenen Suchfunktion bequem durchsucht werden. Es ist auf wirklich jedem emailfähigen Gerät verfügbar, auch offline. Tracking- und werbefrei. Mit integrierter Sharing-Funktion.

Neue Fähigkeiten führen zu neuen Ideen: Ich habe bislang mit Calibre meine Pocket-Liste als ePub heruntergeladen, um die Artikel gemütlich auf dem Sofa auf dem eBookreader zu lesen. Das ist nach jahrelanger Erfahrung die angenehmste Art und Weise, um längere Artikel aus dem Netz zu lesen. Keine blinkende Werbung an der Seite. Keine zweckfreien Bilder. Keine „related Artikel“. Kein Tab nebendran, der einen ablenkt. Kein Chat, der aufpoppt. Augenfreundliches eInk statt Monitor und natürlich gemütliches Lungern auf dem Sofa, der Gartenbank oder in der Badewanne statt aufrechtes, seriöses Sitzen am Schreibtisch. Der Abschied von Pocket hat das natürlich gestoppt.

Daher habe ich ein weiteres Programm geschrieben. Das loggt sich einmal am Tag in das Postfach ein, zieht sich die Volltexte der Mails aus dem „Ungelesen“-Ordner, wandelt sie in eine Textdatei um und mailt mir einmal am Tag eine aktualisierte Datei, die dann auf den Reader gezogen werden kann. Eigentlich sollte es ein ePub werden, aber dessen Erstellung ist erstaunlich kompliziert und gerade bin ich mit dem reinen Text sehr zufrieden.

Was bleibt als Fazit? Wenn ich vernünftig gegoogelt hätte, wäre ich auf archivebox.io gestoßen und hätte den Python-Ausflug gar nicht machen müssen. Aber er hat sich als erstaunlich fruchtbar erwiesen und ich bin höchst zufrieden. Das war deutlich einfacher als ich es mir vorgestellt habe und es wird nicht das letzte Projekt dieser Art sein. Es ist ein neues Werkzeug im Toolkit dieses Lebens und genau wie der DIY-Hobbyhandwerker, der sich eine Schlagbohrmaschine gekauft hat, werde ich jetzt ab Samstagmorgen Punkt 6 Uhr bohren, bis die Nachbarn sich beschweren. Wenn ich das alles ausführlich getestet habe, werde ich es vielleicht irgendwann auch veröffentlichen. Mal schauen.

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Vögel, Rüsseltiere und sterbende Netzwerke

Irgendwann in den 2010ern starben die Webforen reihenweise. Leise, ohne großen Knall, aber stetig siechten sie vor sich hin. Die Nutzer wanderten ab, meistens in die damals neuen Sozialen Netzwerke oder auch einfach in das „Real Life“. Die junge Generation, die ab den frühen 2000ern die Webforen bevölkert hatte, bekam Kinder, machte Karriere, heiratete und so im Chaos des Lebens blieb dann zunehmend der Blick ins Lieblingsforum aus.

Ein sterbendes Webforum fühlt sich ganz merkwürdig an. Es stirbt selten mit einem Servercrash, sondern nach und nach sinkt die Aktivität. Wo noch vor ein paar Monaten jeden Tag mehrere neue Threads pro Unterforum gepostet wurden, sind es dann auf einmal nur noch mehrere neue Threads im gesamten Forum. Und jeder Thread sammelt immer weniger Beiträge. Die Zahl der Beitragenden geht zurück, es schläft alles ganz langsam ein.

Es kommt auch kein neues Blut mehr hinzu. Die Alteingesessenen, die Veteranen und die täglichen Nutzer kommen noch, aber die letzte Neu-Userregistrierung ist schon eine Weile her gewesen. Dass wirklich ein neuer User eingestiegen ist und geblieben ist, das ist dann noch länger her. Die Veteranen köcheln im eigenen Saft und werden nach und nach immer weniger. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man selbst das Forum verlässt und ich habe es meistens selbst gar nicht gemerkt. Das Leben hat einen in Anspruch genommen. Es war troubelig. Andere Webseiten waren doch spannender. Der letzte Post war kein bewusster, sondern man hat es einfach vergessen. Was früher tägliche Routine war, verschwindet. Selten ist der letzte Post in einem Forum wirklich ein bewusster Abschiedspost gewesen.

In den 2010ern starben auch die Blogs. Die großen Hoffnungsträger des Medienwandels wurden zerrieben zwischen den Sozialen Netzwerken, welche damals ähnliche Veröffentlichungsmöglichkeiten boten, einer (leider immer noch) verfehlten Digitalgesetzgebung und ökonomischen Zwängen. Die besten Blogger wurden irgendwann Journalisten, einige Blogs zu kleinen Medienunternehmen mit entsprechender Verwertung und andere Blogs wurden nach und nach aufgegeben. Blogs können auf 4 Weisen enden_

  1. Der Blogautor veröffentlicht eine große Ankündigung, dass er definitiv plant, in der nächsten Zeit wieder mehr zu schreiben
  2. Er schreibt einen kurzen oder langen Abschiedspost
  3. Das Blog verschwindet einfach irgendwann im Nirwana. Sei es, dass das WordPress kaputt ist, sei es, dass die Serverrechnung dann doch zu teuer war oder ein digitaler Frühjahrsputz. Es ist irgendwann einfach weg. Einige meiner Lieblingsblogger sind einfach vom Erdboden verschwunden und nicht mehr auffindbar.
  4. Der letzte Post ist einfach irgendwas, bereits Monate alt und es kommt einfach kein neuer. Der Blogger hat das Interesse verloren und macht jetzt was anderes. Manchmal findet man ihn dann in den Netzwerken wieder

Auch hier trat das Phänomen auf, das wir schon bei den Foren beobachtet haben. Die Zahl der Blogger wurde kleiner. Die Blogosphäre hat kluge und interessante Köpfe verloren, nach und nach. Und es gab keinen Nachwuchs mehr. Es wurden mehr Blogs aufgegeben als neu gestartet wurden. Die alten Blogger (wie ich höchstwahrscheinlich auch einer bin) halten noch durch, aber auch ich habe früher mehr und intensiver gebloggt.

Ähnliches konnte man damals beobachten, als StudiVZ den Bach runterging. Wo es vorher eine rege Aktivität gab, die Leute fleißig gegruschelt haben, sich in Gruppen mit witzigen Namen zusammengetan haben und Beiträge veröffentlicht haben, wurde es zunehmend weniger. Die User gingen alle nach und nach zu Facebook.

Und auch wenn Facebook immer noch eins der erfolgreichsten Sozialen Netzwerke der Welt ist. In meiner Bubble ist es mausetot. Keiner postet mehr Beiträge oder Statusupdates. Die Accounts sind noch da, aber verwaist. Leere Hüllen, deren letztes Lebenszeichen dann vielleicht der Hinweis auf einen Artikel in 2014, ein Urlaubsfoto 2015 oder ein geteilter Beitrag einer Seite oder irgendeine Petition 2016 war. Danach… Stille.

Warum schreibe ich wie ein alter Mann vom Krieg? Wenn es um sterbende Soziale Netzwerke geht, dann kann es gerade eigentlich in Wirklichkeit nur um Twitter gehen. Seit der Übernahme durch Elon Musk steht man da als langjähriger Nutzer da und kann sich nur sprachlos anschauen, wie und was da im Rekordtempo zerschlagen wird.

Die traurige Wahrheit ist aber, dass Twitter schon seit einer ganzen Weile den Eindruck eines sterbenden Netzwerks gemacht hat. Die obige Erzählung von vergangenen Toden soll nur belegen, dass ich weiß, wie sich das anfühlt. Die Leere hat sich schon lange ins Netzwerk gefressen. Followerzahlen stagnierten schon eine Weile, was bedeutet, dass kaum noch neue Nutzer dazu kamen. Was jetzt auch kein Wunder ist. Der Ruf von Twitter als wild kreischende Horde von Halbwahnsinnigen war hart erarbeitet und die vielen klugen Köpfe schwer zu finden. Man konnte sogar wunderbar beobachten, wie die Twitter-Features viele eigentlich kluge Köpfe dazu brachten, sich selbst weniger klug zu verhalten. Manchmal steuert die Maschine auch den Menschen. Der nüchterne Blick in die Userzahlen und Geschäftsberichte zeigt auf jeden Fall, dass Twitter wenig neue Nutzer gewinnen konnte. Es gibt keine ernsthafte Statistik zum Deutschen Raum, aber hier dürfte es noch schlechter aussehen als international.

Auftritt Musk. Der reichste Mensch der Welt, wenn man die „geheimen“ Ranglistenersten von Vladimir Putin bis hin zum saudischen König Salman ibn Abd al-Aziz ignoriert, die durch ihre Privatisierung ganzer Staaten noch reicher sind als sich wir alle auch nur vorstellen können. Also Musk. Musk, der zwar mit PayPal, Tesla und SpaceX erfolgreiche Firmen aufgebaut hat, aber als Charakter … sprunghaft ist. Auf jeden Fall schafft Musk es jetzt, das gesamte Twitter als Firma und Community in ein heilloses Chaos zu stürzen. Wenn es nicht so viele Kollateralschäden verursachen würde, wäre es höchst unterhaltsam. Er feuert die Hälfte der Belegschaft, muss dann aber nachher verzweifelt Leute bitten, wieder zurückzukommen. Er liefert sich diverse Fehden auf seiner nun eigenen Plattform mit Prominenten, bei denen man als Außenstehender nur kopfschüttelnd daneben steht. Natürlich macht es wenig Sinn, einem der bekanntesten Schriftsteller der Welt, welcher kostenlos Inhalte für die eigene Plattform schreibt, vorzuverwerfen, dass er nicht 8 Euro pro Monat für die Subscription zahlt. Und auch das völlig absehbare Desaster mit den verifizierten Accounts lässt mich als langjährigen User einfach nur verwirrt zurück. Klar, die Verifizierung war seit Jahren eher kaputt. Aber Verifizierung ist auch ein echt hartes Problem, das Griftern und Betrügern so viel Potenzial bietet, dass es als Problem einfach unlösbar ist. Außer man scheißt auf alles und schafft innerhalb von 2 Wochen ein gigantisches Chaos – wie Musk.

Es ist vor allem erstaunlich, dass der reichste Mensch der Welt jetzt einen banalen blauen Verifizierungshaken zum Hügel erkürt, auf dem er sterben will. Von all den Problemen, die Twitter hatte. Die Verifizierung war es nicht.

Für mich als langjährigen Twitteruser (seit 2009! Es gibt Menschen, die sind in dem Jahr geboren und die laufen jetzt rum und man kann richtige Gespräche mit ihnen führen so wie mit echten Menschen und die können lesen und schreiben und all das!) ist diese Entwicklung natürlich traurig. Twitter war lange Zeit meine digitale Heimat. Projekte wie 9nov38 und DigitalPast waren nicht nur auf und dank Twitter höchst erfolgreich. Ich habe viele Freunde gewonnen, die ich ohne Twitter nicht hätte. Menschen, die mir wirklich etwas bedeuten. Daher fällt auch ein Abschied schwer und es ist schwer zu sehen, wie das eigene digitale Wohnzimmer vom reichsten Menschen der Welt übernommen und in Rekordzeit ruiniert wird. Vielleicht schafft Twitter es, aber ich fürchte, dass es jetzt das Ende wird. Musk hat sicher das Kapital, um das Netzwerk am Laufen zu halten. Aber das hat Murdoch auch für MySpace und auch Digg gibt es noch, wenn auch nur noch als leere Hülle früherer Großartigkeit. Ich bin alt, ich kann in Internetsachen mittlerweile den Zeitzeugen raushängen lassen und sagen, dass ich dabei war und daher weiß, wovon ich rede. Ich hatte sogar einen Redditaccount bevor sich Digg selbst zerstört hat und ich hatte einen MySpace-Account bevor dort alles implodierte. Irgendwo gibt es sogar noch ein Tumblrblog von mir aus der Zeit, bevor dort alles implodierte.

Auftritt Mastodon. Ein kleines, eher anarchisches, dezentrales Netzwerk, bevölkert von den Galliern des Internets und motiviert vom alten Hackerethos und dem Geist der Unkommerzialität. Ein Netzwerk, das es schon seit Jahren gab, das einen sehr moderaten Erfolg, aber einen Erfolg hatte und wo sich einige Nischencommunities versammelt hatten. Ein Netzwerk, das jetzt plötzlich im Rampenlicht steht und das plötzlich als die Twitteralternative gilt.

Ich hatte mir im April auf Anregung von Sebastian einen Account eingerichtet als die ersten Muskübernahmegespräche begannen und war seitdem begeistert. Es gab eine kleine, aber rege und kommunikative Community, die definitiv das Herz am richtigen Fleck hatte. Hacker. CCC Leute. Die Digitale Avantgarde. Kluge Menschen, neue Menschen und auch von Twitter altbekannte Gesichter. Es war ein Netzwerk, das auf den ersten Blick vieles richtig machte und einfach viele Features mitbrachte, die auf Twitter definitiv fehlen.

Und es ist auch ein Netzwerk, das durch seine bewusste Andersartigkeit aufgezeigt hat, wie sehr einen die Twitter Algos steuern. Bittere Erkenntnis, aber am Ende ist man nur ein fehlbarer Mensch im tosenden Meer dieser Welt und die Technik schleudert einen als brausende Welle umher. Es war faszinierend, wieder zu … lernen wie wunderbar Microblogging ohne Quotetweets funktioniert. Es war wunderbar, ein Netzwerk zu erleben, das wirklich kuschelig war. Ohne große Flamewars. Ohne schlimme Konfrontationen. Ohne dieses nagende Gefühl dem anderen rhetorisch eins draufzugeben müssen. Einfach, weil dieses Netzwerk fast idiotenfrei war und weil es nicht als algorithmischer Supercollider aufgesetzt ist. Es werden einem keine blödsinnigen Tweets aus der Welt.de-Redaktion in die Timeline empfohlen, weil die Welt.de-Redaktion zum einen nicht auf dem Netzwerk ist und zum anderen, weil es diese auf Hyperengagement optimierten und damit ragebaitigen Empfehlungen nicht gibt. Es hat wirklich Spaß gemacht.

Der Leser fragt sich jetzt sicherlich, warum ich in der Vergangenheitsform schreibe. Mastodon verändert sich gerade rapide. Es gibt einen enormen Nutzeranstieg, die Leute flüchten von Twitter. Die letzten Wochen waren wild, wirklich jeden Tag sind mehrere Bekannte aus meiner Twittertimeline dann auf Mastodon aufgeschlagen. Mittlerweile fehlen eigentlich nur noch drei User und dann hätte ich das Twitter-Panini-Album auch auf Mastodon komplett. Die Server crashten aufgrund der vielen neuen Nutzer. Die Community ist in einem rapiden Wachstums- und Transformationsprozess, der nicht jedem gefällt. Und es gibt die Sorge, ob das alles wirklich skaliert oder ob dann mit weiteren Millionen Nutzern alles in Flammen aufgeht. Was passiert, wenn auch die unangenehmen Internetnutzer auftauchen und die ganzen blöden Firmen und die Schwafelköpfe und die Selbstdarsteller und die Trolle und die Nazis und alle anderen. Man darf gespannt sein.

In der Zwischenzeit macht es trotz allem einfach Spaß. Wer will, darf sich hier mit mir vernetzen. Die Reklame habe ich bereits im April mit einem Account versehen. Die anderen Twitterprojekte lasse ich vorerst automatisiert auf Twitter. Planet History postet automatisch weiter, aber ehrlich gesagt fehlt mir gerade die Begeisterung für geisteswissenschaftliche Blogs (wer mich unterstützen will, darf sich gerne melden). Pastvertising wäre sicherlich noch ein Kandidat und Geschichtslinks war auch auf Twitter eher wenig erfolgreich. Das läuft so lange es noch läuft.

Was ist jetzt das Fazit? Verwirrung. Aber irgendwie auch das Gefühl, dass aus der Asche von Twitter ein goldener Phönix aufsteigen kann. Es wäre nicht schlecht, wenn er dezentral, mit Hackerethos und leicht anarchisch wäre. Mastodon ist in diesen Wochen definitiv das spannendste Social Network und es macht Laune dabei zu sein.

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Nachrichtenmühle, revisited

Ich habe vor einer Weile über meine neue Art des Nachrichtenkonsums gebloggt und nach ein paar Wochen ist es wohl Zeit das ganze Revue passieren zu lassen.

Das Ergebnis ist so einfach wie frustrierend. Die Technik funktioniert, aber es funktioniert trotzdem nicht rund. Die im ersten Beitrag beschriebene Technik funktioniert wunderbar. Ich habe mein eigenes Mailpostfach, in dem in separierten Unterordnern Mails aus verschiedenen Quellen aufschlagen, die dann vom integrierten Spamfilter sortiert werden. Der Trump findet dort nicht mehr statt. Die Nachrichten aus dem RSS-Feed der Tagesschau enthalten keine Nachrichten aus bestimmten Weltregionen mehr. Ich bekomme Newsletter von klugen Köpfen mit klugen Analysen zu interessanten Themen.

Mittlerweile habe ich sogar ein paar Ergänzungen vorgenommen und das System deutlich verbessert. Ich bin nun in der Lage, Mails mit Links an Pocket zu schicken. Und ich kann meine Pocket-Leseliste via Calibre-Plugin als ePub herunterladen, um sie ganz entspannt auf dem Tolino eBook Reader zu lesen.

Im Prinzip ist es perfekt. Alles Werbefrei. Ohne dass die Aufmerksamkeit von Popups, Bannern, „Related Articles“ oder Kommentarspalten gefressen wird. Ohne stetiges Upselling. Fokus auf Artikel. Auf Content. Auf Inhalte. Auf die Longform. Auf Gehalt statt Tratsch. Auf Hintergrundartikel statt des Geschreis im Vordergrund. Quasi die entschleunigte Manufaktum-Welt der Nachrichtenseiten. Daraus könnte man ein kleines, entspanntes Startup bauen.

Aber … das klappt dann doch leider nur technisch. Denn bekannterweise ist der Geist willig und das Fleisch schwach. Und der Sog des Netzes ist halt nicht einfach so durch eine andere Arbeitsweise zu stören. Doomscrolling wird bekannterweise nicht durch fehlende gehaltvolle Alternativen ausgelöst und es hat einen Grund, warum man nach einer 40h Woche nicht Krieg und Frieden liest, sondern doch eher Perry Rhodan. In diesen Zeiten ist Tiefe etwas, das man sich geistig leisten können muss und etwas, das nicht immer geht. Diese Idee, dass man plötzlich doch das gesammelte Werk von Shakespeare und Goethe lesen würde, wenn da nicht der PC, das Handy oder der Fernseher einen ablenken würde, greift nicht. Genau wie der Schriftsteller scheitert, der sich in ein Hotelzimmer einsperrt, um die Schreibblockade zu überwinden oder der arme Student, der mit seiner Abschlussarbeit nicht vorankommt und jetzt in die UB geht, um diesmal wirklich richtig zu arbeiten.

Oder anders gesagt. Ich habe mein wunderbar funktionierendes System, um dem Sog der Nachrichten und von Twitter zu entgehen, aber habe dann doch die letzten Wochen sehr viel auf Twitter rumgehangen und eben doch nicht mein eigenes System genutzt. Und leider kann ich mich jetzt nicht herausreden, dass es an der Technik liegt, denn die funktioniert wunderbar.

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Reportagen aus der Vergangenheit

Es ist mal wieder Zeit für ein neues, historisches Projekt: Reportagen aus der Vergangenheit ist ein monatlicher Newsletter, mit dem ich meine Leidenschaft für Reportagen und insbesondere historische Reportagen mit euch teilen will. Das Konzept ist simpel: Ich habe in den letzten Jahren hunderte Reportagen in alten Zeitungen, in diversen Sammelbänden und Büchern gelesen und dabei eine kleine Sammlung an besonders interessanten Reportagen aufgebaut. Diese teile ich mit euch – Ihr bekommt von mir jeden Monat kostenlos eine historische Reportage in euer Postfach.

Seid direkt mit dabei, wenn die talentiertesten Reporter der Vergangenheit in ihren Reportagen berichten! Begleitet die Berliner Polizei in Weimarer Zeiten auf ihren Razzien im Nachtleben. Reist in die französischen Strafkolonien. Streift durch das nächtliche Prag vor dem Ersten Weltkrieg. Begleitet Entdecker und Abenteurer durch Wüsten und Dschungel. Fahre mit Fischern im Kaiserreich auf große Fangtour. Lest über Schlachten und Kriege. Bereist Haiti, China, die USA, das Baskenland, Südamerika, Asien, Afrika, die ganze Welt. Folgt dem Reporter in die Slums von East London. Trinkt mit auf dem Oktoberfest. Verfolgt Gerichtsprozesse und Polizeiermittlungen. Fahrt mit der Eisenbahn. Und arbeitet in den Fabriken der industriellen Revolution.

Da es ein Hobbyprojekt ist, setzt das Urheberrecht leider klare Grenzen: Habe keine Zeit und kein Budget für langwierige Lizenzierungsverhandlungen mit Verlagen und Erben, von daher sind alle Reporter, von denen Ihr lesen werdet, schon seit über 70 Jahren tot und ihre Werke damit gemeinfrei. Ein Wallraff wird hier nicht auftauchen und wir werden uns vor allem im Bereich des Kaiserreiches bis zum Ende des Nationalsozialismus und der frühen BRD bewegen können.

Für den Newsletter anmelden könnt Ihr Euch hier. Los geht es morgen früh!

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Raus aus der Nachrichtenmühle

Die Weltlage gerade ist ja eher Weltschmerz denn Freude und in Vorbereitung auf einen sicherlich nicht wirklich  angenehmen Winter habe ich mir vorgenommen meinen Nachrichtenkonsum etwas anzupassen.  

Der Plan war der folgende:

  • Da externe Anbieter irgendwann zwangsläufig mies werden, soll das gesamte System in meiner Hand liegen
  • Das System soll möglichst wartungsfrei sein und eben nicht stetige Pflege benötigen
  • Es soll geräteübergreifend funktionieren, sowohl am PC mit verschiedenen Betriebssystemen als auch am Handy oder Tablet ,
  • Die Technik soll zukunftssicher sein, also keine experimentellen oder extrem veralteten Techniken einsetzen
  • Ich will alles an einer Stelle haben und will nicht zig Seiten besuchen müssen
  • Die Lösung war dann nach etwas Nachdenken keine fancy App, kein KI-gesteuertes Startup, kein RSS-Reader, sondern… ein simples Mailpostfach.
  • Das Mailpostfach auf meinem Server liegt in meiner Hand. Wird mein Hoster mies, kann ich es einfach zu einem anderen umziehen
  • Es ist zu 100 % wartungsfrei
  • Mails lassen sich praktisch überall abrufen, selbst auf manchen Kühlschränken
  • Etwas zukunftssicheres als E-Mail dürfte es kaum geben. Das bleibt
  • Es ist sowohl ein Push- als auch ein Pull-Dienst. Je nach Lust und Laune kann ich das Postfach lesen, wenn neue Mails kommen oder halt wenn ich gerade Lust habe

Herzstück sind zwei Elemente: Ein Dienst, der RSS-Feeds in Mails umwandelt und … Newsletter.

Und so banal sieht das dann aus

In der ersten Testphase nutze ich vorerst Blogtrottr.com – zugegebenermaßen ein Verstoß gegen die erste Vorgabe, dass alles in meiner Hand sein soll. Es gibt aber auch diverse Open Source-Tools für diesen Zweck, aber manchmal darf man einen Teil auch erstmal testen. Blogtrottr macht den Job ganz gut, blendet aber in der kostenfreien Version Werbung ein. Diese ist aber problemlos mit Thunderbird (PC) und Blockada (Android) zu blocken.

Mit Blogtrottr abonniere ich diverse RSS-Feeds, bei denen mir die Einträge dann als einzelne Mails oder (wahlweise) als Tageszusammenfassung zugestellt werden. Diese Mails sortiere ich dann per Filterregel im Postfach in einen Unterordner je nach Quelle.

Ein wirklich großartiger Nebeneffekt ist, dass man die Nachrichten auf diese Weise auch filtern und sortieren kann:

Ist der Absender „Tagesschau“ und der Betreff enthält „Trump“, lösche die Nachricht

Ist der Absender „Heise.de“ und der Betreff enthält „Tesla“ oder „Musk“ oder „Apple“, lösche die Nachricht

Ist der Absender „Tagesschau“ und der Text enthält „Freiburg“, verschiebe die Mail in den Ordner „Freiburg“

Auf die Weise kann man sich seine eigene Mediendiät zusammenstellen, was so mit dem normalen Surfen auf den üblichen Nachrichtenseiten nicht möglich ist. Dort bekommt man stets die volle Ladung Nachrichten um die Ohren geknallt, so irrelevant oder redundant sie auch sind. Bunt, mit Bildern, mit Videos und lautem Geschrei. Ich weiß aber bereits, dass Donald Trump ein großer Idiot ist. Ich will daher nicht mehr jeden Gedankenfurz von ihm lesen müssen, der genau das nochmal beweist. Ich habe gerade kein Interesse daran ein Produkt von Apple zu kaufen und trotzdem sind alle Techseiten voll mit Nachrichten und Spekulationen zum neuen iPhone. Auch das aktuelle Auto fährt noch, daher ist es auch total irrelevant, was ein Elon Musk gerade wieder macht.

Man unterschätzt es auch, wie sehr manche Personen die Medien „gehackt“ haben und sich ständig mit wilden Aussagen in der Öffentlichkeit platzieren. Da gibt es einen Bürgermeister einer süddeutschen Mittelstadt, der in seiner Partei keine weiteren Funktionen als Bürgermeister hat. Spiegel Online schrieb 554 Artikel über ihn. Da gibt es eine Politikerin einer deutschen Kleinpartei, die nur dank drei Direktmandate im Bundestag vertreten ist. 1776 Artikel. Die Herausgeberin einer Zeitschrift mit 25000 Lesern? 1199 Artikel.

Das gilt auch für bestimmte Länder – man liest mehr Artikel über die US-Innenpolitik als über die Innenpolitik unserer Nachbarländer. Ich habe noch nicht den perfekten Filter für das Ausblenden der für uns völlig irrelevanter US-Vorwahlen gefunden, aber höchstwahrscheinlich geht das wunderbar über „Lösche Mail, wenn sie „Trump“ enthält“ – auch hier ist man sicherlich besser dran, wenn man sich erst mit dem Thema beschäftigt, wenn die beiden Präsidentschaftskandidaten feststehen. 

Sieht wild aus, filtert aber erstaunlich viel Unfug. Ich bin übrigens kein erfahrener Administrator und bastel da trotzdem rum

Es ist wirklich angenehm, wenn man bestimmte Leute und Themen einfach ausblenden kann. Kein Interesse an Formel 1? Weg damit! Kein Interesse an Fußball? Löschen! Ist das schlimmste Cancel Culture? „Cancel Culture“ ist auch ein wunderbarer Begriff zum Filtern, denn kein Artikel mit diesen beiden Wörtern im Titel enthält etwas Sinnvolles.

Das ist jetzt kein Aufruf, sich nicht mehr zu informieren und den Kopf in den Sand zu stecken. Aber gleichzeitig ist es auch völlig ok, wenn man nicht alle Not der Welt in sich reinfrisst und bestimmte Themen, an denen man eh nichts ändern kann, einfach ignoriert. So wichtig staatsbürgerliches und politisches Engagement auch ist – den Nahostkonflikt bekommt man vom Sofa in Deutschland aus eh nicht gelöst und daher bringt einen auch die 237. Nachricht über Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen wirklich nicht weiter. Das kann man auch einfach ignorieren – und sollte die Lage dort wirklich komplett eskalieren, dann bekommt man es trotzdem irgendwie mit. 

Im Zeitalter des algorithmisch empfohlenen Schwachsinns ist es ernsthaft befreiend, wenn man bestimmte Themen einfach nach freier Entscheidung nicht mehr konsumieren muss, statt sie wirklich an jeder Stelle um die Ohren gehauen zu bekommen. Auf Twitter kommt man um den Aufreger des Tages nicht drumrum, die Nachrichten bringen es als Hauptschlagzeile und am Ende bekommt man die neusten dummen Aussagen eines Donald Trumps auch noch über das Widget in der Windows-Taskleiste direkt ins Gesicht geballert. Es ist wirklich schön, wenn man etwas dann doch aus freien Stücken ignorieren kann.

So geht’s

Aber ich schweife ab: Wer sich ebenfalls ein entsprechendes System abschauen will, der kann das recht einfach machen, die Bausteine sind wirklich simpel:

  1. Ein neues Mailpostfach einrichten. Ich hab hier meinen eigenen Server, aber jeder Freemailer geht natürlich auch oder man schickt alles in sein normales Postfach
  2. Ich nutze gerade Blogtrottr.com als RSS2Mail-Dienst
  3. Ich kombiniere das aktuell – in völliger Verletzung meines ursprünglichen Planes – dann noch mit morss.it einem Dienst, welcher beschnittene RSS-Feeds wieder in Volltext-Feeds umwandelt
  4. Das Filtern ist je nach Anbieter unterschiedlich

    Das Postfach kann dann wirklich überall gelesen werden: Browser, Mailprogramm, Smartphone, Tablet, Kühlschrank, Mittelklasse-Audi oder Smartwatch.

Auf die Weise kann man – ohne Werbung und ohne das Mailprogramm zu verlassen – alles entspannt lesen. Alle Dienste ließen sich aber problemlos auch selbst betreiben oder schnell ersetzen, wenn die fremdgehosteten Varianten den Weg aller Clouddienste gehen.

Das andere Element meiner neuen Nachrichtenstrategie sind Newsletter. Die boomen gerade eh und wer früher ein Blog hatte, hat jetzt einen Newsletter. Es gibt jede Menge kluge Köpfe und kluge Newsletter. Hier findet man – neben jeder Menge Müll – auch genau die leisen und ruhigen Stimmen, die lange, ausgewogene und durchdachte Artikel schreiben, welche in den Sozialen Netzwerken völlig untergehen. Und manch einer, der auf Twitter gerne provoziert, zeigt sich in seinen Newslettern dann sogar als kluger und durchdachter Feingeist. Und meine Lokalzeitung bietet sogar einen allabendlichen Newsletter, in dem das Lokalgeschehen zusammengefasst wird.

Welche Vorteile gibt es noch? Man hat ein Volltextarchiv der gelesenen Nachrichten, in dem man suchen kann. Man kann offline lesen. Nach einem Urlaub oder einer Phase der Nachrichtenabstinenz kann man sich wieder auf den aktuellen Stand bringen, ohne etwas zu verpassen. Man kann einfach alle Premium-Plus-Paywall-Artikel rausfiltern. Einen Daily Digest bestimmter Twitter-User bekommen. Oder mit einem Webseiten-Monitoring-Tool die Webseite der Freiburger Lebensmittelkontrollen beobachten, um in bestimmte Restaurants definitiv nie mehr zu gehen. 

Fazit

Es funktioniert. Es ist nerdig, es braucht etwas Einrichtungszeit, aber es ist eine wunderbar entspannte Art, um Nachrichten zu konsumieren. Die Infrastruktur in eigener Hand. Werbefrei. Unerwünschtes wird rausgefiltert.

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The Ministry for the future

Es gibt manchmal so Bücher, die einem plötzlich überall begegnen und über die verschiedene Menschen sich in verschiedenen Kontexten unterhalten. Mir ist das mit Kim Stanley Robinsons „The Ministry for the Future“ dieses Jahr passiert. Wenn verschiedene Menschen sich über ein Science Fiction-Buch unterhalten, dann ist das häufig ein Zeichen dafür, dass sich ein genauerer Blick lohnt. (Oder es handelt sich um Bücher wie 50 Shades of Grey, aber das ist ein anderes Thema)

Zuerst wurde ich auf das Buch Anfang des Jahres aufmerksam als in Indien eine gigantische Hitzewelle zuschlug – mein Twitter war plötzlich voll mit Erwähnungen des Buchs. Danach tauchte es immer wieder auf und als ich es dann in der örtlichen Buchhandlung sah, habe ich es einfach gekauft.

Und was soll ich sagen: Es ist ein krasses Buch. Ein Buch, das sich jeder Zusammenfassung entzieht. Ein Buch, das eigentlich Science Fiction ist, dann aber eben wieder so nah an der Gegenwart ist, dass diese Genrezuschreibung nicht passt. Ein Buch, das keine wirkliche Story hat, keinen großen Spannungsbogen und auch nur Charaktere, die verblüffend blass werden. Ein Buch, das fast mehr Sachbuch als Roman ist, aber dann eben doch kein Sachbuch ist.

Worum geht es? Es geht um das „Ministerium für die Zukunft“, eine UN-Organisation, welche die noch ungeborenen Menschen und ihre Interessen vertreten soll. Daraus entspinnt sich eine Geschichte der Klimakrise, der menschlichen Reaktionen auf diese Krise und möglicher Szenarien, wie die Klimakrise verlaufen könnte. Es ist wirklich schwer zu beschreiben, worum es überhaupt in diesem Buch geht: Robinson beschreibt eine mögliche, nahe Zukunft, in der gewaltige Klimakatastrophen passieren. Er beschreibt Lösungen, wie Menschen diese Krise versuchen zu bewältigen. Er beschreibt politische Maßnahmen. Er beschreibt technische Lösungen. Er beschreibt ein Aufkommen eines radikalen Ökoterrorismus, der sich gegen Klimasünder richtet. Das liest sich wie ein wilder Fiebertraum – Robinson haut einem in einem fast stenographischen Stil hunderte verschiedene Konzepte, Theorien und Ideen ins Hirn. Alle kurz und knapp, alle regen zum Nachdenken und Recherchieren an und wer das tut, wird mit dem Buch nie fertig werden, aber dafür klüger. 

Und vielleicht wird man auch etwas optimistischer: Aktuell fühlen sich alle Nachrichten an der Klimafront ja apokalyptisch an. So als ob man in einem viel zu schnell fahrenden Auto unterwegs ist, das gerade ins Schlingern gerät. Corona und der Ukraine-Krieg lenken gerade alle ab, wir verlieren weitere, wichtige Jahre und die Extremwetterereignisse werden mehr, wir verbrennen aber weiter immer mehr CO2. Am Ende kann man als mittelalter Mensch fast nur froh sein, wenn man dann irgendwann so 2050-2070 den Löffel abgeben kann und der Planet bis dahin noch nicht völlig zerstört ist. Wer Kinder hat, muss eigentlich verzweifeln.

Kim Stanley Robinson denkt wenigstens Wege, wie sich eine Katastrophe abschwächen kann. Wie die Menschheit doch noch die Kurve bekommen könnte. Und das ist wirklich höchst inspirierend. Man muss nicht jede Idee für gut halten. Man muss auch nicht jede Idee für umsetzbar halten. Manchmal macht sich Robinson die Lösung auch zu einfach – so „löst“ er das Problem des globalen Flugverkehrs einfach durch einen weltweiten Drohnenterrorismus gegen Flugzeuge, welche dann durch Luftschiffe ersetzt werden. Allgemein spielt Terrorismus gegen Umweltsünder eine große Rolle im Buch – ohne jetzt größere Spoiler zu bringen, fällt einem auf, dass das Buch radikaler denkt als die aktuelle Klimabewegung. Aktuell kleben sich die Radikalen Klimaschützer im Berufsverkehr auf Straßen, um gegen den Verkehr zu protestieren und werden dann dafür von Autofahrern verprügelt. Im Buch sieht dies deutlich anders aus – und ich bin wirklich gespannt, ob wir irgendwann eine radikale Ökoterrorismusbewegung sehen, die etwa Manager von Ölfirmen oder Milliardäre wie die Koch Brüder umbringt oder wirkliche Anschläge auf die fossile Infrastruktur begeht.

Von daher: „The Ministry for the Future“ ist ein radikales Buch. Anders als so vieles, was man sonst liest. Es widersetzt sich erfolgreich allen Genrekonventionen. Es regt zum Sorgen, zum Denken, zum Recherchieren an – und genau daher ist es absolut lesenswert.

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