Klassischer Journalismus von Egon Erwin Kisch

Es ist einfach eine schöne und interessante Sammlung an Texten: Egon Erwin Kisch hat im Jahr 1923 das Buch „Klassischer Journalismus – die Meisterwerke der Zeitung“ herausgegeben. Der „Rasende Reporter“ hat eine Sammlung  von journalistischen Artikeln zusammengestellt, die man so vielleicht nur Anfang des letzten Jahrhunderts verfassen konnte. Denn er geht weit zurück und startet mit Martin Luther, geht über diverse Aufklärerische Schriften von Blaise Pascal oder Voltaire hin zu Benjamin Franklin, Charles Dickens, Victor Hugo, Fjodor Dostojewskij, Karl Marx und weiteren Autoren, die man heutzutage nicht als Journalisten und Zeitungsautoren kennt. 
Und was für Text sind dabei! Ferdinand Lassalles „Die Presse, der Hauptfeind der gesunden Entwicklung“ von 1863 enthält schon alle Elemente der aktuellen Journalismusdiskussion von „Lügenpresse“ bis hin zu „Wie finanziert sich der Journalismus?“:

„Unser Hauptfeind, der Hauptfeind aller gesunden Entwicklung des deutschen Geistes und des deutschen Volkstums,  das ist heutzutage die Pr e s s e. Die Presse ist in dem Entwicklungsstadium, auf welchem sie angelangt ist, der gefährlichste, der wahre Feind des Volkes, ein um so gefährlicherer, als er verkappt auftritt. Ihre Lügenhaftigkeit, ,ihre Verkommenheit‘, ihre Unsittlichkeit werden von nichts anderem überboten, als vielleicht von ihrer Unwissenheit.“

Das könnte auch von Bernd-Björn Höcke stammen.

Ich kann euch hier nicht die Geschichte der europäischen Presse geben. Genug, einst war sie wirklich der Vorkämpfer für die geistigen Interessen in Politik, Kunst und Wissenschaft, der Bildner, Lehrer und geistige Erzieher des großen Publikums. Sie stritt für Ideen und suchte zu diesen die große Masse emporzuheben. Allmählich aber begann die Gewohnheit der bezahlten Anzeigen, der sogenannten Annoncen oder Inserate, die lange gar keinen, dann einen sehr beschränkten Raum auf der letzten Seite der Zeitungengefunden hatten, eine tiefe Umwandlung in dem Wesen derselben hervorzubringen. Es zeigte sich, daß diese Annoncen ein sehr ergiebiges Mittel seien, um Reichtümer zusammenzuschlagen, um immense jährliche Revenuen aus den Zeitungen zu schöpfen. Von Stund an wurde eine Zeitung eine äußerst lukrative Spekulation für einen kapitalbegabten oder auch für einen kapitalhungrigen Verleger. Aber um viele Anzeigen zu erhalten, handelte es sich zuvörderst darum, möglichst viele Abonnenten zu bekommen, denn die Anzeigen strömen natürlich in Fülle nur solchen Blättern zu, die sich eines großen Abonnentenkreises erfreuen. Von Stund an handelte es sich also nicht mehr darum, für eine große Idee zu streiten, und zu ihr langsam und allmählich das große Publikum hinaufzuheben. Sondern umgekehrt, solchen Meinungen zu huldigen, welche, wie sie auch immer beschaffen sein mochten, der größten Anzahl von Zeitungskäufern (Abonnenten) genehm sind. Von Stund an also wurden die Zeitungen, immer unter Beibehaltung des Scheins, Vorkämpfer für geistige Interessen zu sein, aus Bildnern und Lehrern des Volks zu schnöden Augendienern der geldbesitzenden und also abonnierenden Bourgeoisie und ihres Geschmackes, die einen Zeitungen gefesselt durch den Abonnentenkreis, den sie bereits haben, die anderen durch den, den sie zu erwerben hoffen, beide immer in Hinsicht auf den eigentlich goldenen Boden des Geschäfts, die -Inserate

Das könnte – in etwas abgeschwächter Form – auch von Stefan Niggemeier stammen und journalistische Geisterbahnen wie „Der Westen“ beschreiben. Aber Kischs Band versammelt auch noch weitere  Texte. Emile Zolas „J’accuse“, den berühmten Text der Dreyfuß-Affäre. Den in Deutschland zu unrecht vergessenen Jules Hurets, der mit „Göttingen: Die Studentenverbindungen“ eine zutiefst bittere Beschreibung der Burschenschaften, die ihm als Außenstehender schon im Jahr 1900 so bizarr vorkamen wie das ganze Burschenschaftswesen uns heute. Auch Henry Stanleys war im Auftrag einer Zeitung unterwegs, um David Livingstone zu finden. Seine Expedition ist weltberühmt, aber der entstandene Text ist… weniger gehaltvoll:

Das Gespräch begann. Worüber? Ich gestehe, ich habe es vergessen. Ach, wir wechselten Fragen aus, wie folgende: „Wie sind Sie hergekommen?“ und „Wo sind Sie die ganze Zeit gewesen, die Leute wähnten Sie schon tot.“ Jawohl, so begann das Gespräch. Was aber der Doktor mir sagte, und was ich ihm erwiderte, das könnte ich nicht genau berichten, denn ich war stets damit beschäftigt, ihn anzublicken, des wundervollen Mannes Gestalt und Züge zu studieren, an dessen Seite ich nun in Zentral-Afrika saß. Jedes Haar seines Hauptes und Bartes, jede Runzel seines Antlitzes, seine hageren Züge, sein etwas abgespanntes Wesen – sie alle teilten mir mit, was ich stets zu erfahren wünschte, seitdem ich die Worte vernommen: „Nehmen Sie, was Sie brauchen, aber finden Sie Livingstone.“ Was ich sah, eine besonders interessante Nachricht für mich, eine unübertünchte Wahrheit. Ich lauschte undlas zu gleicher Zeit. Was erzählten mir doch diese stummen Zeugen!

Das war’s. Der Mann reist mit enormem Aufwand und gigantischen Kosten durch den Kongo, dabei sterben zig Mitglieder seiner Expedition unter riesigen Strapazen und am Ende entsteht dieser Text, in dem er einfach den Inhalt des Gesprächs vergessen hat. Schon alleine für diese journalistische Dreistigkeit lohnt sich die Lekture.

Karl Marx darf sich über die Einstellung seiner Zeitung 1849 beklagen, Theodor Herzl verkünden, dass er „ein Judenblatt“ mache, George Forster in wilde Schwärmerei über den Kölner Dom ausbrechen, Melchior Grimm 1787 eine bittere Klage über einen Verkehrsunfall schreiben, Charles Dickens eine Gerichtsszene schildern, Henry Stephan Oppert de Blowitz sich 1878 selbstgerecht beweihräuchern, wie er sich mit großem Aufwand „den deutsch-französischen Vertrag“ ein paar Stunden vor den anderen Journalisten verschaffte, was die Weltgeschichte nunmal im Rückblick betrachtet überhaupt nicht verändert hat, E.T.A Hoffmann liefert eine wunderbare Beschreibung des Treibens auf einem Wochenmarkt, Richard Wagner schreibt über Gemälde und Heinrich Heine über Konzerte. Was für eine Sammlung! 

Gerade da die Texte so alt sind, bieten sie einen komprimierten Einblick in eine fremde Welt, eine vergangene Debatte, in Dinge, die früher hitzig diskutiert wurden, jetzt aber völlig in Vergessenheit geraten sind. Wer einmal die Fährte aufgenommen hat und weiter recherchiert, wird hier mit reicher (Wissens-)beute belohnt. Was ist damals eigentlich genau in der Dreyfuß-Affäre passiert? Was hat Karl Marx 1848 genau gemacht? Wogegen wettert Jonathan Swift eigentlich genau? Wie sehen die beschriebenen Gemälde aus? Wie hört sich die beschriebene Musik an? Gibt es noch weitere Reportagen von Jules Huret auf Deutsch online? (Anscheinend nicht). Giuseppe Mazzinis „Manifest des jungen Italiens“ verleitet zur Recherche der Geschichte der italienischen Einigung und so weiter und so fort. 
Nicht alles ist im Rückblick wirklich gut. Manch berühmter Text, wie etwa der oben erwähnte Stanley, mag nicht überzeugen. Manche Debatten sind im Rückblick völlig irrsinnig und irrsinnig ist auch Ludwig Speidels zwölfseitige Suche nach dem Fuß einer Schauspielerin. Und manch ein damaliger Journalist hat auch nicht gerade messerscharf, sondern eher wie ein herkömmlicher Forentroll argumentiert. Zudem gibt es tolle Wörter zu entdecken: Universalstupidität und Zetergeschrei sollte man häufiger benutzen. 

Daher kann man nur sagen: Ein toller Band, der definitiv lesenswert ist. Die Werke Egon Erwin Kischs sind seit Anfang Januar gemeinfrei, daher könnt ihr euch den Band hier herunterladen oder hier online anschauen. 

Die Reportagen Kischs, die ihn so berühmt gemacht haben, sind übrigens auch mehr als lesenswert. Er bietet einen sehr scharfen Blick in eine uns mittlerweile völlig fremde Welt und hat ein Gespür für die Armut und das Elend der Menschen und er geht dahin, wo es gute Geschichten gibt: Er geht in Obdachlosenunterkünfte in London, auf Schlachtfelder im Balkankrieg, er begleitet Nordseefischer, besucht Gerichtsverhandlungen, schreibt über Kriminalfälle, interviewt Artisten und Karl May, taucht mit einem der ersten Taucheranzüge auf den Meeresgrund, besucht Fabriken und beschreibt die Not der Arbeiter. Er reist um die Welt, USA, Australien, Mexiko, Russland, China, der Nahe Osten und muss dann als bekennender Kommunist und Antifaschist vor den Nazis fliehen. Australien verwehrt ihm die Einreise, Kisch springt trotzdem an Land. Mit Eifer bereist er die Sowjetunion und lässt sich dann doch täuschen oder will sich täuschen. Seine Reportagen zeigen die Sowjetunion wie sie vielleicht hätte sein sollen – als Utopie, in der die Menschen ihre Fesseln abgeworfen haben und jetzt alles durch gemeinsame Arbeit besser wird – und eben nicht den stalinistischen Terror, die Ausbeutung und die Not und das Elend der Menschen im angeblich besseren System.

Ich habe hier einige seiner Bücher gesammelt. Die gesamte Werksausgabe gibt es im Internet Archive. Ein guter Einstieg ist der Band „Der Rasende Reporter“, der ihm nicht nur seinen Spitznamen gegeben hat, sondern der auch höchst interessant ist – viel Spaß damit!

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Die Kurrentschreibmaschine

Es ist ein einfaches, aber geniales Werkzeug: Die Kurrentschreibmaschine des neuen Archivführers Deutsche Kolonialgeschichte hilft beim Entziffern von alten Schriften. Der Nutzer bekommt das Kurrent-Alphabet angezeigt und kann dort die Buchstaben auswählen, bei denen er sich sicher ist. Dann sucht die Webseite im Korpus des Deutschen Koloniallexikons nach möglichen Wörtern, welche genau diese Buchstabenkombination enthalten und zeigt diese in Kurrent an. Auf diese Weise können auch komplizierte Fachwörter recht schnell erkannt werden, denn die meisten Buchstabenkombinationen kommen dann doch nicht so häufig vor.

Wer also am Kurrent verzweifelt, darf gerne einen Blick auf dieses Tool werfen. Da der hinter der Webseite stehende Textkorpus einen starken Kolonialbezug hat, schlägt die Kurrentschreibmaschine bevorzugt entsprechende Begriffe vor. Gerade bei völlig obskuren Ortsnamen und Begriffen aus der Kolonialzeit ist das Gold wert. Zur Transkription von anderem Schriftgut eignet sie sich daher aber leider nur bedingt. Es wäre daher wünschenswert, wenn es diese Technik auch mit anderen Wörterbüchern wie etwa einem zeitgenössischen Duden im Hintergrund geben würde.

Auch sonst ist der Archivführer Deutsche Kolonialgeschichte übrigens einen Blick wert. Dort findet man jede Menge Informationen über die zu unrecht vergessene deutsche Kolonialgeschichte, die aber in so vielen Aspekten immer noch nachwirkt.

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Shouldn’t we be there, too?

Das tolle an der Recherche für @die_reklame ist, dass man immer wieder unglaublich tolle Dinge findet. McDonnell Douglas schaltete im US-Magazin für Weltraumfreunde, Final Frontier, in der Oktoberausgabe 1988 diese tolle Anzeige. Zu sehen ist das Core-Modul der russischen Weltraumstation Mir, welche im Jahr 1986 gestartet wurde. Im Kalten Krieg konnte es nicht anders sein – natürlich wurde auch von amerikanischer Seite überlegt und geplant, eine eigene Weltraumstation zu starten. Und um hier Druck auf Präsident Reagan aufzubauen, gab es eine ganze Serie von Anzeigen mit Raumstationwerbung. Diese sticht besonders heraus, einfach weil sie es meisterhaft schafft, den Kalten Krieg einzufangen.

Die amerikanische Weltraumstation wurde so nie gebaut. Nach dem Ende des Kalten Krieges begann eine Phase der Kooperation im Weltraum. Das Space Shuttle flog zur russischen Mir. Und die Weltraumstation wurde in internationaler Kooperation gebaut und fliegt jetzt als ISS um unseren Planeten.

Bonusmaterial: Weitere Weltraumstationswerbung:

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Dichtestress oder warum es einfach zu viele Autos gibt

Momentan brodelt die Verkehrsdebatte wieder heftig hoch. Der Dieselskandal, mögliche Fahrverbote für Schmutzdiesel und eine steigende Anzahl an getöteten Fahrradfahrern erhitzen die Gemüter und führen zu heftigen Debatten nicht nur in sozialen Medien. Zeit, einmal eine historische Perspektive einzunehmen und ein paar Punkte zu beleuchten.

Schaut man sich alte Aufnahmen aus Städten an, dann fällt auf, wie „leer“ diese sind. Es gibt einige nette Videos mit Führerstandsmitfahrten aus Straßenbahnen aus den Anfangszeiten der Motorisierung. Achtet einmal auf den Verkehr – es ist nicht nur so, dass Autos die Pferdekutschen ersetzt haben, sondern auch, dass es schlicht und einfach viel mehr Autos gibt als es jemals Pferdekutschen gab. Das Fehlen von parkenden Autos am Straßenrand fällt in diesen Videos extrem auf.

Früher war einfach weniger Verkehr und es gab vor allem weniger geparkte Autos.

Das kann ich auch statistisch untermauern. Das Kraftfahrtbundesamt führt eine Statistik über den Fahrzeugbestand nach Fahrzeugklassen:

Seit 1960 ist die Zahl der PKW von 4,5 Millionen auf 46,5 Millionen angestiegen und hat sich damit glatt verzehnfacht. Die Zahl der LKWs ist von 680.000 auf 3 Millionen gestiegen. Die gesamte Zahl der Kraftfahrzeuge ist in den letzten 58 Jahren von 8 auf 56,5 Millionen gestiegen. Auch in den letzten Jahren ist die Zahl der Autos kontinuierlich gestiegen. Diese Zahl steigt übrigens kontinuierlich und ist nicht nur ein einmaliger Effekt der Wiedervereinigung. Nicht einberechnet ist eine erhöhte Fahrleistung, stärkerer Transitverkehr gerade auf Autobahnen und so weiter.

Diese Fahrzeuge müssen natürlich irgendwo hin und müssen auch irgendwo fahren. Die zehnfache Menge an PKW braucht auch (mindestens) die zehnfache Menge an Abstellplätzen. Wenn die zehnfache Menge an Autos sich morgens in den Berufsverkehr stürzt, dann benötigt dies andere Straßen und eine andere Infrastruktur am Zielort. Eine Schule, an der die Schüler mit dem Fahrrad oder mit dem Bus kommen, verursacht einfach anderen Verkehr als eine Schule, an der die Eltern ihre Kinder mit dem Auto absetzen.

Das erklärt auch in einem gewissen Maße das Scheitern der autogerechten Stadt. Im Grundkonzept fährt der Herr Oberstudiendirektor oder der Doktor mit seinem Wagen ohne im Stau zu stehen in die Innenstadt, parkt dort direkt vor dem Geschäft oder in einem Parkhaus und kauft ein. Danach fährt er wieder zurück in sein Eigenheim. Dieses Konzept hatte immer einen gewissen elitären Touch – es funktioniert nur, wenn die Masse, die normalen Arbeiter und Angestellten, weiterhin in ihren Zechensiedlungen wohnen oder zu Fuß, mit dem Rad oder mit der Straßenbahn zur Arbeit fahren. So wirklich wurde nicht mitgedacht, was passiert, wenn plötzlich auch die Kindergärtnerin oder der Bauarbeiter Samstags mit dem eigenen PKW in die Innenstadt zu Primark will.

Da wir mittlerweile nicht mehr unsere Altstädte planieren, um Einfallsschneisen für Autos zu schaffen, sind recht apokalyptische Szenarien die Folge. Wer bei Google News nach „Innenstadt voll“ sucht, findet deutschlandweit Berichte von völlig überfüllten Innenstädten, in denen die Autofahrer stundenlang vor den Parkhäusern Schlange stehen. Mein Favorit ist diese Meldung aus Freiburg, wo es an einem Samstag so viel Stau gab, dass die Autos nicht aus den Parkhäusern kamen und dort die Kohlenmonoxidbelastung kritisch wurde. Die Feuerwehr musste das Parkhaus evakuieren. Das ist nicht ein Problem der fehlenden Parkhäuser oder Straßen, sondern schlicht und einfach ein Problem der zu vielen Autos. Ein Auto braucht mindestens 6m² Platz und in einer herkömmlichen Innenstadt gibt es einfach nicht genügend Raum, um jedem im Weihnachtsverkehr einen Parkplatz zu bieten.

Zugeparkt – das Dortmunder Kreuzviertel (CC-BY-SA 3.0 Mathias Bigge)

Gerade die alten Stadtviertel, die noch nicht mit Blick auf das Auto gebaut wurden, haben mittlerweile ein großes Problem: Parkdruck. Da man die schönen Gründerzeit-Altbauten schlecht abreißen kann und auch schlecht verschieben kann, gibt es schlicht und einfach keinen Parkplatz für jeden Bewohner. Wie denn auch, wenn vier- oder fünfstöckige Häuser jeweils ein paar Parkplätze vor der Tür und vllt. ein paar im Hof haben? Das Ergebnis: Parksuchverkehr, Stress für Pendler, die nach Feierabend ihr Auto nicht abstellen können, Zeitverlust, Spritverschwendung, Lärm, Abgasbelastung und vor allem völlig lebensfeindliche Gegenden: Wo überall Autos parken, können keine Kinder spielen, keine Radfahrer spielen, keine Anwohner sitzen. Und wenn alle Parkplätze weg sind, helfen auch keine Parkplatz-Apps. Das Grundproblem ist, dass es einfach zu viele Autos gibt.

Historische Freiburger Straßenbahn mit Beiwagen bei Günterstal

Das Prinzip des „Immer mehr“ gilt übrigens nicht nur für den Autoverkehr. Wer einmal in einem Eisenbahnmuseum war oder mit einer historischen Straßenbahn gefahren ist, die vielerorts von Enthusiasten immer noch in Schuss gehalten werden, wundert sich, wie klein diese sind. Sie sind langsamer, unbequemer und haben deutlich weniger Kapazität als die modernen Varianten. Mit diesen Fahrzeugen würde der moderne ÖPNV genauso zusammenbrechen wie der Fernverkehr mit den nostalgischen Dampfloks.

Auch der Eisenbahnverkehr ist rapide angestiegen. Die Bahn bewältigte 1990 44,6 Milliarden Personenkilometer, 2016 waren es schon 95,8 Milliarden Kilometer. Bei allen Problemen, die die Bahn gerade hat: Sie hat noch nie so viele Fahrgäste so weit transportiert.

Eine ähnliche Entwicklung sieht man im Flugverkehr. Im Jahr 1950 bewältigte der Flughafen Frankfurt 195.330 Passagiere. 1960 waren es 2.172.494, 1991 nach der Wiedervereinigung 27.991.435. Zur Jahrtausendwende waren es 49.369.429 und 2016 60.792.308.

Die Bevölkerungszahl Deutschlands ist übrigens nicht in diesem Maße gestiegen. Wir sind also deutlich mobiler geworden als jemals zuvor. Und das führt dazu, dass der Verkehr deutlich angeschwollen ist – und damit auch belastender wirkt. 4 Millionen Autos bundesweit haben einfach einen anderen Impact als 46 Millionen und die Anwohner des Frankfurter Flughafens würden sich deutlich weniger beschweren, wenn dieser einen Flugverkehr auf dem Level von 1950 abwickeln würde. Das, was heute noch erträglich ist, kann mit zunehmendem Verkehr dann belastend wirken.

In den Städten führt die stetig gestiegene Zahl der Autos dann zu Dichtestress. Viele der aktuellen Probleme wären gar keine Probleme, wenn es nur die Hälfte des Verkehrs gäbe. Die Luft wäre sauberer, weil nur noch die Hälfte der Abgase in die Luft geblasen würde. Der Schummeldiesel würde zwar immer noch schummeln, aber die Masse macht es hier. Weniger geparkte Autos würden bedeuten, dass die Anlage von Radwegen einfacher wäre. Radwege sind auf verkehrsarmen Straßen ohne parkende Autos sogar eigentlich recht überflüssig. Weniger Verkehr bedeutet weniger Unfälle. Weniger Stau. Weniger Lärm. Weniger Stress. Weniger Gefahrenpotenzial. Weniger Konfliktpotential.

Aber: Es ist bequem und toll, mobil zu sein. Wir müssen mobil sein, weil dies unser Lebenstandard erfordert. Und weil es das Leben erfordert, das wir leben wollen. Ich selbst habe jetzt die letzten Jahre eine Fernbeziehung von NRW nach Freiburg geführt – und das ging nur so gut, weil es schnelle Verkehrsverbindungen gab. Andere Menschen pendeln zig Kilometer zu ihrem Job, damit sie den Feierabend mit ihren Liebsten verbringen können. Andere müssen jeden Tag weit pendeln, weil sie sich die Mieten in der Nähe des Arbeitsplatzes nicht mehr leisten können. Auch wenn es natürlich Leute gibt, die aus purem Spaß Auto fahren – im Berufsverkehr tun es die wenigsten. Auch auf den Wochenendausflug verzichtet man genauso ungerne wie auf den Jahresurlaub.

Nun fehlt aber seit Jahrzehnten das wirklich überzeugende Verkehrskonzept. In die bestehenden Strukturen werden immer mehr Autos gekippt und sie so immer mehr be- und überlastet. Die Autos sind zudem immer größer und noch wilder motorisiert geworden und so langsam knallt es dann. Auf der Straße, aber auch in wilden Mobilitätsdiskussionen. Die Ursache ist immer, dass in den Städten immer mehr Verkehr immer dichter zusammen auf nicht radikal größeren Flächen fließt. Genau wie das Paar, das sich nachts in einem viel zu kleinen Bett um die Bettdecke streitet oder zwei Haustiere in einem zu kleinen Käfig, beißen sich die Verkehrsteilnehmer.

Hier fehlt bislang der große Wurf – der es irgendwie schaffen muss, diese gigantisch angestiegene Verkehrsflut in den Griff zu bekommen. Denn es ist auch nicht damit getan, einfach die Autos aus den Städten zu verbannen – der ÖPNV ächzt im Berufsverkehr vielerorts schon an der maximalen Belastungsgrenze. Auch selbstfahrende Autos bringen nicht, wenn sie dann eingesetzt werden wie unsere aktuellen Autos. Denn auch ein selbstfahrendes Auto benötigt seine 6m² und die gibt es einfach nicht für alle. Vielleicht zieht es die Firmen irgendwann wieder aus den angesagten Städten in weniger hippe, dafür aber bezahlbarere Städte. Vielleicht bekommen wir die Klein- und Mittelstädte so attraktiv, dass die einzigen Akademiker dort nicht nur die Lehrer sind. Vielleicht können wir einen öffentlichen Personennah- und fernverkehr schaffen, der wirklich funktioniert und bezahlbar ist. Immer mehr Autos in die Stadt fahren lassen, wird irgendwann jedenfalls nicht mehr funktionieren. Da hilft dann auch die wilde Wut gegen Dieselfahrverbote oder Umweltzonen nichts mehr – ein BILD-Aufkleber am Heck schafft trotzdem keine Parkplätze.

Aber etwas Ehrenrettung muss auch sein: Früher war auch nicht alles besser und wir haben schon gewaltige Fortschritte gemacht. Die Zahl der Verkehrstoten war astronomisch. New York den Stand der Verkehrstoten von 1910, also vor der massenhaften Verbreitung des Autos erreicht. Deutschland erreichte mit 21332 Toten im Jahr 1970 einen traurigen Zenit. Im Jahr 2017 starben „nur“ noch 3180 Menschen – bei der dreifachen Menge an Fahrzeugen auf der Straße und 20 Millionen Einwohnern mehr. Das sind zwar immer noch zu viele, aber angesichts der gewaltig gestiegenen Zahl der Autos, die zudem auch deutlich besser motorisiert sind, ist das ein Fortschritt. Die Sicherheitsfeatures haben etwas gebracht – und eine deutliche Verschärfung der Regeln. Gurtpflicht, Senkung der Promillegrenze, Einführung von Höchstgeschwindigkeiten inner- und außerorts und Helmpflicht für Motorradfahrer sind nur einige der eingeführten Verschärfungen.

Quelle: Statistisches Bundesamt

Die damaligen Anti-Sicherheitsgurt-Kampagnen erinnern übrigens frappierend an heutige Diesel-Fanboys und die heutige Debatte

Es tobte in Glaubenskrieg in Deutschland in jenen Tagen, der unerbittlich ausgefochten wurde – mit allen sozialen Konsequenzen. Gurtträger galten als ängstliche und kleinliche Spießbürger. Wer sich anschnallte, stand überdies im Ruf, mit missionarischem Eifer seine Umwelt zu nerven. Nicht wenige Autofahrer legten anfänglich genau deshalb den Gurt nicht an, weil sie solche ablehnenden Äußerungen vermeiden wollen. Umgedreht bezichtigten überzeugte Gurtträger die Gegner als verantwortungslos, arrogant und egoistisch – und forderten vereinzelt sogar Fahrverbote für Gurtmuffel.

http://www.spiegel.de/einestages/einfuehrung-der-gurtpflicht-a-946925.html

Wir haben schon einen gewaltigen Teil unserer Städte zurückerobert. Man kann zwar mit dem Auto in die Innenstadt fahren, aber es ist schwerer geworden, mit dem Auto direkt durch die Innenstadt zu fahren. Noch vor wenigen Jahrzehnten waren zentrale Plätze in der Innenstadt häufig einfach Parkplätze. Heute ist es kaum vorstellbar, dass etwa der Münsterplatz in Freiburg mal zum Parken verwendet wurde.

Und was ist mit der Luft? Die Grenzwerte werden zwar fast täglich überschritten, aber es ist trotzdem kein Vergleich zu früher, wo es noch Kohleöfen gab, die Industrie ungefiltert Abgase in die Umwelt blasen konnte und man an der Tankstelle verbleites Benzin gekauft hat und dann noch fleißig überall geraucht wurde. 

Von daher gibt es bereits massive Fortschritte – trotz Schummelsoftware ist auch ein moderner Diesel sauberer als seine Vorfahren. Das Problem ist nur, dass er besser motorisiert ist und es schlicht und einfach viel, viel mehr von ihnen gibt. Und für dieses viel mehr benötigen wir eine Lösung.


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Alte Produktkataloge

Alte Produktkataloge sind nicht nur spannend durchzuschauen, sondern sind auch ein immenser Datenschatz: Welche Produkte waren verfügbar? Wie teuer waren diese? Was war gerade neu und aufregend? Und was wollten die Leute haben? Was war aufregend? Was verschwand wieder? Womit beschäftigte man sich? Wie ging die technische Entwicklung?Man muss natürlich auch an Kataloge die nötige Quellenkritik anwenden, denn immerhin sind dort z.B. auch Produkte enthalten, die verkauft werden sollten und groß beworben wurden, sich aber nicht verkauft haben. Man denke nur an die große Verkaufsoffensive für 3D-Fernsehern vor ein paar Jahren, die dann doch keiner haben wollte.

Auf jeden Fall sind Produktkataloge eine tolle Quellengattung, die auch noch sehr schlecht erschlossen ist. In Bibliotheken findet man den alten Quelle-Katalog nicht und auch online ist es häufig etwas mau. Archive.org hat eine große Sammlung von Katalogen, aber diese stammen zum großen Teil aus dem englischsprachigen Raum. Dann haben Hobbyisten die alten Kataloge ihres Gebietes gescannt. So ist es einfacher, online einen alten Märklin-Katalog zu finden als einen alten Neckermann-Katalog. Zwei Seiten mit entsprechend alten Katalogen sind mittlerweile leider wieder aus dem Internet verschwunden und auch nicht über die Wayback Machine verfügbar.

Das ist schade. Daher habe ich eine kleine Sammlung von alten Produktkatalogen gestartet. Hierbei handelt es sich v.a. um bereits online verfügbares Material. Bislang ist zusammengekommen:

Wenn Ihr weitere Links zu oder Scans von alten Katalogen hat, würde ich mich über eine kurze Nachricht an blog@schmalenstroer.net oder per Twitter an @mschfr freuen. Es gibt auch noch Digitalisierungsbedarf – wenn jemand von euch entsprechendes Material herumliegen hat, bitte ich um Kontaktaufnahme.

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Neues für PlanetHistory

Es gibt etwas Nachschub für PlanetHistory. Ich bin in der letzten Zeit leider nicht dazu gekommen, die Seite wirklich gut zu betreuen. Mitte des Jahres bin ich von Ahlen (Westfalen) wieder nach Freiburg gezogen und pendelte auch vorher bereits regelmäßig zwischen Nordrhein-Westfalen nach Südbaden. Das Schreiben diverser Bewerbungen, Vorstellungsgespräche, der Umzug mit allen Vor- und Nachwehen und natürlich dann der Start in der neuen, alten Stadt im neuen Job haben hier ihren Tribut gefordert. Zudem habe ich beim Umzug auch noch meinen Notizzettel mit den bereits gesammelten Blogs verloren. Wenn ihr mich also in der letzten Zeit kontaktiert habt und um eine Aufnahme gebeten habt, dann bitte ich um Entschuldigung und eine kurze Meldung.

Einige haben sich dann doch angesammelt. Folgende Blogs sind neu:

Tour de Kultur
Historisch denken lernen
Hof und Ordnung
Männlich-weiblich-zwischen
Stadtarchiv Aschaffenburg

Mal schauen – der große Stress ist jetzt hoffentlich vorbei und vielleicht auch wieder mehr Zeit für dieses Blog und PlanetHistory.

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Denkmäler, die rumstehen #2 – Über den Rhein

Es ist immer wieder faszinierend, welch absurde Denkmäler in Deutschland so herumstehen und welch merkwürdige Ereignisse gewürdigt werden. Teil 2 einer losen Serie.

Am Rhein steht dieses wunderbare Denkmal, dass daran erinnert, das Feldmarschall Blücher an genau dieser Stelle den Rhein überquert hat, um dann Franzosen zu töten zur Ehre der deutschen Nation. Das Denkmal ist schon etwas älteren Datums, aber es ist in einwandfreiem Zustand, sauber, frei von Moos und Witterungseinflüssen und die Schrift hat auch anscheinend jemand in den letzten Jahren erneuert. Es muss also irgendwo im Budget einer deutschen Kommune einen Posten zur Erhaltung eines antifranzösischen Monuments geben. Vielleicht gibt es auch eine Bürgerinitiative, die sich um die Erhaltung kümmert oder es wurden Projektgelder zur Renovierung des Denkmals eingeworben. Das ist… schon erstaunlich.

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Ein paar Gedanken zur @die_reklame

Nach einigen Monaten @die_reklame und tausenden Werbeanzeigen haben sich ein paar Erkenntnisse angesammelt. Zuerst die wichtigste: Das Projekt entwickelt sich durchaus erfolgreich und steht momentan bei ca. 1300 Followern auf Twitter. Das sind mehr als wir gedacht haben und es macht auch immer noch richtig Spaß.

1) Die alten Anzeigen kommen wirklich gut an

Wir haben eine erstaunlich hohe Interaktionsrate. Die Nutzer retweeten und liken die Anzeigen mit Begeisterung, kommentieren sie und leiten sie an andere Nutzer per Mention weiter. Wer also für einen Social Media-Auftritt einer etwas älteren Firma oder Institution verantwortlich ist, sollte ruhig mal einen Blick ins Firmenarchiv werfen und ältere Werbung suchen. Sie kommt gut an – ich würde sogar darauf wetten, dass eine Werbekampagne im passenden Retro-Stil richtig einschlagen könnte.

(Das ist jetzt natürlich eine Binsenweisheit: Produkte wie die Retro-Fanta oder diverse Retro-Editions von Niveau oder Persil zeigen, dass das funktioniert. Werbung will Aufmerksamkeit generieren und alles, was sich vom Einheitsbrei und -design abhebt, erregt Aufmerksamkeit)

2) Bodyshaming ist so alt wie Werbung allgemein. 

Nicht nur die Apotheken-Umschauen und Frauenzeitschriften der heutigen Zeit sind voll mit Werbung für zweifelhafte Produkte, welche schlank und gesund machen sollen, sondern früher war es nicht anders. Es gibt nur einen kleinen Unterschied: Früher gab es auch an Frauen gerichtete Werbung für Gewichtszunahme, die heute praktisch verschwunden ist. Dafür dürfen sich jetzt die Männer ihr Körperbild von tausenden Anzeigen zerfetzen lassen, die behaupten, dass man ohne riesige Muskelberge als kleiner Lauch keine Frauen abbekommt. Es ist anscheinend ein epochenübergreifendes und gut funktionierendes Geschäftsmodell, Menschen Unsicherheiten einzureden und ihnen dann etwas zu verkaufen. Der psychische Flurschaden dieser Werbemasche dürfte enorm sein.

3) Quacksalber schalten fleißig Werbung

Damit eng verbunden: Quacksalber schalten fleißig Werbung und das seit Jahrhunderten. Was heute die ganzen Anzeigen für Diätprodukte in Frauenzeitschriften sind, gibt es schon sehr, sehr lange. Firmen, welche die Lösung verschiedener gesundheitlicher Probleme versprechen, diese aber nicht einhalten können. Firmen, die verschwunden sind ohne eine Spur zu hinterlassen – die hochgepriesenen, angeblich revolutionären Heilmethoden haben es zu aktuell 0 Treffern bei Google gebracht. Heilmethoden, welche den Erfinder reich, berühmt, verehrt und hoch dekoriert gemacht hätten – wenn sie denn funktionieren würden und nicht reine Scharlatanerie wären.

4) Werbung stört sich nicht an Regimewechseln

Firmen hatten keine Probleme, ihre Werbung während des Nationalsozialismus an diesen anzupassen, kriegsbedingte Engpässe zu überspielen und dann nach dem Krieg nahtlos weiterzumachen.

5) Werbung wird visueller

Früher gab die Drucktechnik es nicht her, Bilder in Massen und in Farbe zu drucken. Entsprechend bestanden die Anzeigen komplett aus Text

Aber auch noch in den 1950ern und 1960ern enthielten Anzeigen deutlich mehr Text als heutzutage. 

6) Werbung entfernt sich zunehmend von „Fakten“

Es gibt einen klaren Unterschied zwischen diesen beiden Werbungen:

 

Die eine versucht mit Fakten zu überzeugen, die andere versucht ein Image zu transportieren, welches der kaufende Kunde dann auf sich selbst projizieren kann. (Die „Fakten“ in der Werbung muss man natürlich in Anführungsstrichen schreiben, da die Werber fleißig das Blaue vom Himmel versprechen.) Es hat sich das komplette Vorgehen der Werber gewandelt: So werden etwa Autos nicht mehr mit technischen Eigenschaften beworben, sondern mit Emotionen.

7) Die Gesetze gegen bestimmte Werbeversprechen wirken und sind sinnvoll

Ab und an geistern verschiedene Urteile durch die Presselandschaft, in denen es darum geht, ob man Bier als „bekömmlich“ bewerben darf oder nicht. Hintergrund ist eine EU-Richtlinie, die Werbung mit Gesundheitsversprechen untersagt. Aber auch weitere Einschränkungen der Werbung, etwa in Hinsicht auf Tabakwerbung oder Werbung für rezeptpflichtige Medikamente, wirken. Im Rückblick ist es schon erstaunlich, wie und für was früher geworben wurde. An Jugendliche gerichtete Zigarettenwerbung mit Gratisspielen in PC-Zeitschriften? Werbung für Heroin? Zigarettenwerbung mit Gesundheitsversprechen? Was heute einen breiten Proteststurm verursachen würde, war früher normal. Und in anderen Ländern ist es auch heute noch Normalität.

8) Werbung wird größer und mehr

In den Anfängen waren die Anzeigen in vielen Zeitungen ganz am Ende und erinnerte etwas an Kleinanzeigen. Häufig war sie auch mit privaten Kleinanzeigen vermischt zu finden. Dann werden die Anzeigen größer, werden visueller und damit auffälliger und sie dringt immer weiter nach vorne. Mittlerweile ist sie auf den Titelseiten zu finden oder überdeckt diese gar. Es wäre eine schöne Bachelor-Arbeit, einfach mal nachzuzählen, wie sich Menge und Platzierung der Werbung in länger laufenden Zeitschriften und Zeitungen verändert hat. Wieviel Prozent einer Spiegel-Ausgabe von 1952 ist Werbung und wieviel von einer Ausgabe 2018?

9) Werbung verlinkt, verkauft aber nicht mehr direkt

Früher war es Standard – ein Händler schaltet eine Produktliste mit Preisen und auszuschneidendem Bestellformular als Anzeige. Das ist bis auf wenige Nischenbereiche mittlerweile vollkommen verschwunden. Der Kunde wird auf die Webseiten der Händler gelockt, was für die Zeitschriftenverlage natürlich ein riesiges Problem darstellt. Sie sind nicht mehr Zeitschrift und „Warenkatalog“ gleichzeitig, sondern haben diese Position als Gatekeeper zu den kaufenden Kunden größtenteils verloren.

10) Ich erzähle Quatsch

Es ist natürlich absoluter Blödsinn, solche hochtrabenden Erkenntnisse aus einzelnen Anzeigen diverser unsystematisch zusammengesuchter Zeitungen abzuleiten und dabei noch nicht mal die Publikationen der Reklameforschung gelesen zu haben. Glaubt mir kein Wort!
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Denkmäler, die rumstehen #1 – Nothweiler

Es ist immer wieder faszinierend, welch absurde Denkmäler in Deutschland so herumstehen und welch merkwürdige Ereignisse gewürdigt werden. Teil 1 einer losen Serie.
In Nothweiler hängen diese Infotafeln am Dorfgemeinschaftshaus. Nothweiler ist ein kleines Dörfchen im Pfälzer Wald direkt an der französischen Grenze. Geht man nur wenige hundert Meter von dieser Tafel, kommt man an einem alten Zollhäuschen vorbei und steht dann direkt im Nachbarland. Hier erinnert die Dorfgemeinschaft an eine Aktion im deutsch-französischen Krieg 1870, bei der ein Adeliger über die Grenze ritt, in Frankreich u.a. einen Postboten ausraubte, sich ein paar Scharmützel lieferte und dann hier in Nothweiler wieder über die Grenze kam. Die Wikipedia bezeichnet dies als “ ausgedehnten Erkundungsritt“. Der Beitrag der Nothweilerer zu dieser *hust* Sternstunde der deutschen Militärgeschichte ist, dass sie dem siegreichen Helden dann ein Frühstück serviert haben nachdem er all die Franzosen vermöbelt hat. Das wirklich irritierende an dieser Infotafel ist aber, dass sie nicht aus der Zeit der glühenden Franzosenfeindschaft stammt, sondern recht neu ist. Hier hat dann irgendwer entschieden, dass es eine gute Idee wäre, diese ruhmreiche Episode der deutsch-französischen Beziehungen groß herauszustellen.
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Kochbücher aus dem Ersten Weltkrieg

Interessiert sich noch jemand für den Ersten Weltkrieg? Oder ist das Interesse mit dem Hype zum 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs 1914 erloschen? Erinnert sich noch jemand an „Die Schlafwandler“ von Clarke? Oder steht das immer noch ungelesen im Regal? Interessiert sich jemand noch für die 100. Jahrestage irgendwelcher Schlachten? Aktuell wohl eher kaum, dabei trat der Weltkrieg vor 100 Jahren in eine sehr interessante Phase, die dann mit dem Zusammenbruch der deutschen Armee endete.
In der öffentlichen Debatte und im öffentlichen Gedenken wurde viel über den Kriegsausbruch diskutiert, es gab hunderte Ausstellungen mit Lokalbezug und natürlich ein großes offizielles Gedenken mit dem Fokus, dass jetzt die Europäische Einigung einen solchen Krieg unmöglich macht. Und es gab eine völlig überzogene und überhitzte Debatte, dass die Welt jetzt aufgrund des Ukraine-Konfliktes wieder in einen neuen Weltkrieg schlafwandle. Wir leben immer noch.
Die Leiden der einfachen Leute, der Soldaten und der hungernden Zivilisten an der „Heimatfront“ blieben meiner Meinung nach etwas zu sehr im Hintergrund. Die Frage ist, wie man sich diesen Erfahrungen nähern kann. Daher habe ich in den letzten Monaten jede Menge Kochbücher aus dem Ersten Weltkrieg gesammelt. Diese zeigen anschaulich, wie sich die Versorgungslage zunehmend verschlechtert. 1914 oder 1915 sind es noch normale Kochbücher, die zum Sparen aufrufen. Dann kippt die Lage dramatisch und es endet mit dünnen Rezeptheftchen, in denen solch „schmackhafte“ Rezepte enthalten sind.
Eigentlich war der Plan, einige dieser Rezepte hier nachzukochen und zu berichten, wie sie schmecken. Dafür reicht aber gerade die Zeit und Muße nicht. Und wenn man sich schon die Zeit zum Kochen nimmt, dann ist fade Kriegskost aus dem Ersten Weltkrieg eindeutig nicht die erste Wahl. Es hat einen Grund, warum es so selten Mehlsuppe auf den Speisekarten dieser Republik gibt.
Daher ist aus der Idee nichts geworden. Aber die Sammlung der Kochbücher gibt es immer noch und sie ist hier in meinem privaten Wiki verfügbar.
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