Wiki überarbeitet

Einige haben es vielleicht schon bemerkt: Ich habe mein altes Wiki umgestellt und das MediaWiki abgeschaltet. Dieses hatte sich bereits seit einer Weile als zu aufwändig zu administrieren erwiesen. Die Software hinter der Wikipedia ist dann doch für einen Einzelkämpfer wie mich eine Runde zu groß und läuft auch auf einem vServer nicht ideal. Ich hatte es bereits vor einer Weile durch eine statische Version ersetzt und die dynamische Version nur in einem Verzeichnis mit Zugriffsschutz betrieben, aber auch das war kein Idealzustand. Ein Wiki als private Notizensammlung lebt ja gerade davon, dass man es schnell aktualisieren kann.

Nach langer Suche stellt sich zum einen heraus, dass das Softwaregenre der Wikis recht tot ist. Es gibt MediaWiki. Es gibt diverse Enterprise-Produkte zur firmeninternen Dokumentation und dann noch diverse OpenSource-Produkte, die wieder keinen perfekten Eindruck auf mich gemacht haben.

Daher habe ich jetzt den Schritt zu ZIM-Wiki gemacht, welches ein grundliegend anderes Konzept verfolgt. Es ist zuerst ein Desktop-Notiztool ohne Datenbank. Die Notizen liegen einfach in markdownähnlichem Format auf der Festplatte. Eine Textdatei pro Unterseite und die Bilder liegen dann in einem weiteren Unterordner. Daraus kann man dann alles als HTML exportieren und als Webseite benutzen. Das ist so denkbar simpel, dass es (hoffentlich) zukunftssicher ist. Reines HTML & CSS benötigt keine Sicherheitsupgrades, keine Datenbanken und da die Software selbst lokal läuft, sollte sie auch die nächsten zig Jahre funktionieren. Falls nicht, sind alle Daten nicht in einer kryptischen Datenbank ohne Exportfunktion gefangen, sondern in simplen Textdateien, die sich auch über andere Softwares verarbeiten lassen.

Ich habe noch nicht alle Seiten migriert und habe die Migration auch dazu genutzt, um einmal kräftig aufzuräumen. Aber es sind auch einige neue Dinge hinzugekommen – etwa eine umfangreiche Sammlung historischer und höchst lesenswerter Reportagen, ein paar Unterseiten zu @die_reklame wie z.B. meine Sammlung lesbarer Kurrent- und Sütterlinbeispiele und auch Excel-Tipps für fortgeschrittene Nutzer.

In der nächsten Zeit kommen noch ein paar weitere Sachen hinzu, denn nun macht das Aktualisieren auch wieder Spaß.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Wiki überarbeitet

Freitagabendgestaltung

Schritt 1: Die taz berichtet über Leo Heller, einen Journalisten und Chronisten der Berliner Unterwelt der 1920er Jahre. Genau mein Ding. Ich will was von ihm lesen.

Schritt 2: Seine Bücher sind aber nirgends online zu finden und antiquarisch auch nicht zu greifen. ZVAB & Co haben nichts im Angebot und die Bücher sind in den 1920ern in nicht allzu großer Auflage erschienen. Schlechte Karten also, etwas zum Lesen zu finden.

Schritt 3: Einen freundlichen Hinweis erhalten, dass das Zeitungsportal ANNO einige seiner Reportagen in seinen Zeitungsscans hat und die mit Freude gelesen.

Schritt 4) Auch die lokalen Bibliotheken hier in Freiburg haben seine Bücher nicht.

Schritt 5) Google Books hat das gesuchte Buch „Berliner Razzien“ gescannt, aber zeigt dieses aus Urheberrechtsgründen nicht an.

Schritt 6) Der KVK verweist auf HaitiTrust, welches das Buch zwar nachweist, aber mir auch aus Urheberrechtsgründen nicht anzeigt.

Schritt 7) VPN an und in die USA getunnelt: Jetzt ist das Buch im Volltext zu sehen! Ein kompletter Download ist aber nur möglich als „Mitglied einer Partnerinstitution“, was ich nicht bin. Ich könnte alle 209 Seiten als Einzel-PDF herunterladen und dann manuell zusammenfrickeln.

Schritt 8) Aber: Ein weiterer Downloadlink verweist wieder auf Google Books, welches mir als „VPN-Amerikaner“ einen Download ermöglicht.

Schritt 9) Oder auch nicht – zum Download benötige ich einen Google-Account und ich habe nur einen deutschen Account. Meine Motivation, mir einen weiteren Google-Account anzulegen, geht gegen null.

Schritt 10) Daher einen Google Books Downloader gesucht und neben diverser sehr dubioser Seiten und Angebote auf GitHub ein passendes Python-Skript gefunden. Dieses lädt mir jetzt das Buch von Google Books herunter und erstellt daraus direkt ein PDF.

Schritt 11) Jetzt kann ich endlich das Buch lesen. Was ein Quatschfug.

Veröffentlicht unter Digitales Werkzeug | Kommentare deaktiviert für Freitagabendgestaltung

LKW fahren, 1974

Diese alte Fernsehreportage aus der Sendung der Maus im lange vergangenen Jahr 1974 ist einfach ein wunderbares Zeitdokument.

Die Dokumentation zeigt den Arbeitsalltag eines Fernfahrers aus richtig melancholischer Sicht, aber es sind die kleinen Details, welche sie zum Kleinod machen: Diese Innenaufnahmen der Raststätte! Der Zigarettenautomat! Der Umgang mit dem Thema Ladungssicherung! Die Organisation einer Spedition vor Handys, GPS und Navigationsgeräten – wie da der Fernfahrer erst am Ziel die Gelegenheit hat, per Festnetz die Zentrale anzurufen. Das Luftgewehr über dem Bett des Sohnes! Der akkurat gebundene Schlips. Wie sie im Büro ganz selbstverständlich rauchen. Wie er mit der Kippe im Mund den Tank befüllt. Der Sendeschluss im Radio – die ganze Doku bringt ein völlig vergessenes Westdeutschland wieder ans Tageslicht und bietet gerade in Ihren kleinen Details unglaublich viel.

Veröffentlicht unter Fundstücke | Kommentare deaktiviert für LKW fahren, 1974

Ein historischer Wahl-o-Mat zur Reichstagswahl 1919

Den Wahl-o-maten kennt mal von diversen Bundes- und Landtagswahlen. Das Bundesarchiv hat im Rahmen seines Projektes 100 Jahre Weimarer Republik einen historischen Wahl-o-maten für die Reichstagswahl 1919 online. Es funktioniert, wie man es gewohnt ist: Man bekommt einige Fragen gestellt und am Ende gibt es ein Ergebnis, welche Partei zu einem passen würde:

Vor 100 Jahren hätte ich anscheinend SPD gewählt.

Das ist ein wirklich wunderbares Tool, um in die Parteienlandschaft der Weimarer Republik einzusteigen. Die SPD kennt man ja. Aber wer war nochmal die DDP, die mir mit 62% empfohlen wird? Was macht die DNVP so wenig empfehlenswert für mich? Welche Positionen des Zentrums teile ich? Gerade für den Geschichtsunterricht ist das ein perfekter Einstieg ins Thema.

Der Wahl-o-Mat ist Teil eines großen Themenportals zur Weimarer Republik mit zahlreichen Quellendigitalisaten aus dem Bundesarchiv und weiteren Informationen.

Veröffentlicht unter Fundstücke | Kommentare deaktiviert für Ein historischer Wahl-o-Mat zur Reichstagswahl 1919

Mediendiät oder einfach mal abschalten

Warum nicht mal rausgehen?

Es sind gerade wilde Zeiten und es ist viel, viel los. Die Nachrichten überschlagen sich jeden Tag und es sind keine guten Nachrichten. COVID-19. US-Wahlen mit all dem, was Donald Trump so produziert. Kriege. Terrorismus. Schwankende Potentaten, die zündeln, um die eigene Macht zu erhalten. Das Eis im Nordmeer kommt nicht mehr, die Klimakatastrophe nimmt also gigantisch an Fahrt zu. Die Wirtschaft wackelt, die Wälder brennen und all das kommt schön per Pushnachricht rein. Und das ist auf Dauer nicht gesund.

Das stetige Bombardement mit schlechten Nachrichten macht etwas mit den Menschen: Fast egal mit wem man redet, am Ende merkt man, dass sich etwas aufstaut und dann platzt es aus den Leuten heraus. Ich habe das Glück, (noch?) keinen Coronaleugner im Bekanntenkreis zu haben, aber auch so merkt man deutlich, dass eine aufgestaute Wut herrscht. Die Maßnahmen sind nicht genug. Die Maßnahmen sind schlecht umgesetzt. Dies und das könnte besser umgesetzt werden. Und warum tut denn keiner mal was gegen dies und das? 

Fiebrig sitzt die Nation vor den Livetickern, stetig steigende, schlechte Zahlen prasseln herein und aus den Nachbarländern kommen Katastrophennachrichten und Bilder, die schlimmes für einen selbst ahnen lassen. Die Tagesschau um 20 Uhr könnte auch der Vorspann eines Horrorthrillers sein. Auf Twitter, Facebook & Co wird ein Aufreger nach dem nächsten durchs Dorf getrieben. Wirre Wirrköpfe bekommen eine Bühne, weil alle deren Aussagen weiterverbreiten, um zu kommentieren, dass die natürlich völlig wirr sind. Trotzdem bekommen die geistigen Ergüsse von Veganköchen, Musikern und sonstigen Experten-Virologen enorme Reichweite. In den Telegram-Gruppen der Schlagerbarden herrscht ein Tonfall, der so aufgeheizt ist, dass man jederzeit befürchten muss, dass die ganze Verschwörerszene in den bewaffneten Untergrund geht. Dieses Geschwurbel wird einem täglich ins Gehirn gespült – und selbst wenn man die Naidoos noch ignorieren kann, den Blödfug des US-Präsidenten kann man nicht ignorieren, denn er wird wirklich auf allen Kanälen durch die Medien gepumpt.

Das ist auf Dauer nicht gesund. Diese stetige Aufgeregtheit macht keine gute Stimmung. Achtet mal auf euch: Wann war das letzte Mal als ihr in Twitter geschaut habt und mit besserer Laune herausgekommen seid? Das letzte Mal, dass ihr wirklich Spaß und Freunde beim Checken von Facebook-Nachrichten hattet? Wann war das letzte Mal, dass ihr die Tagesschau geschaut habt und gedacht habt, dass das jetzt eine wirklich gute Nachricht ist? 

Ich will kein allgemeines Plädoyer dafür halten, gar keine Nachrichten mehr zu lesen. Aber es macht aktuell Sinn, den Konsum zu reduzieren und sich ganz bewusst zu fragen, ob man sich jetzt wirklich einen bestimmten Aufreger geben will oder ob man sich nicht dann doch lieber auf sein Sofa zurückzieht und ein gutes Buch liest. Muss man den Artikel “Bei Niederlage von Trump: US-Rechtswissenschaftler warnt vor „totalem System-Zusammenbruch” lesen? Oder kann man damit nicht doch einfach warten und schauen, ob der Kerl wiedergewählt wird und dann schauen, was passiert? Beeinflussen kann man die US-Wahl von Deutschland aus eh nicht, man ist nicht wahlberechtigt und auch wenn man jede Debatte des Wahlkampfes fiebrig verfolgt, ändert das trotzdem nichts. Warum sich also aufregen? Einfach ausblenden und am Mittwoch Morgen wissen wir, wer gewählt wurde.

Das gilt auch für Corona: Es gibt gerade zwei Dinge, die man nicht ignorieren darf: Das lokale Infektionsgeschehen, um die eigene Gefährdung zu beurteilen und die aktuell geltenden Regelungen und Gesetze, damit man sich dran halten kann. Aber alles andere? Muss man jetzt die Zahlen verschiedener Länder vergleichen? Muss man sich noch eine Talkshow reinziehen, in der Vertreter der Gastronomie erzählen, wie schrecklich alles ist? Ja, das ist schrecklich, aber ganz ehrlich: Beeinflussen kannst du das auch nicht. Die Politik kann Hilfen beschließen. Oder auch nicht. Du kannst halt mal zum Restaurant um die Ecke schlurfen und dir was zum Mitnehmen holen – das hilft viel mehr als noch eine Folge Markus Lanz schauen und sorgt für bessere Laune. Futter das Takeout und schau lieber einen guten Film.

Kannst du beeinflussen, ob irgendwelche Nasen in Berlin irgendwelche Coronademo-Superspreaderereignisse veranstalten? Nein. Du kannst auf deine Crowd aufpassen und die darauf hinweisen, wie wichtig es ist, jetzt vorsichtig zu sein. Zieh dir nicht den Irrsinn von Attilla Wirrkopf rein, denn auch das belastet. Vertraue oder hoffe darauf, dass irgendwann die zuständigen Stellen diesem Treiben ein Ende bereiten. Wenn du dich in deinem Wohnzimmer vor dem Laptop aufregst, bringt das absolut gar nichts außer dich selbst zu belasten

Gute Laune ist nämlich gerade rar – und daher ist es auch völlig okay, wenn man sich selbst in eine Gute Laune-Wohlfühlblase zurückzieht und mal nicht irgendwelche Videos vom Krieg in Bergkarabach schaut oder auch mal den nächsten von US-Polizisten erschossenen Schwarzen ignoriert. Da kannst du nämlich eh nichts machen und es ist in Ordnung, wenn du das nicht in dich reinfrisst bis die Wut überkocht. Spende einen Fuffi an Black Lives Matter, aber schau dir nicht in HD und Farbe an, wie jemand langsam erstickt wird und um sein Leben bettelt. Das bringt nur eins – dass du dich aufregst, dass du die Schlechtheit der Welt in dich reinfrisst und dass du dich von all dem Schrecklichen überwältigt fühlst.

Eine so krasse und dynamische Nachrichten- und Weltlage hat von uns wohl kaum einer erlebt. Daher gibt es auch keine Erfahrungen damit – die früheren Krisen sind nicht mit einer so dermaßigen Wucht ins Leben geknallt. Damals gab es andere Medien und man muss sagen, dass Zeitungen, Radio oder Fernsehen nicht diese unglaubliche stetige Berieselung erzeugen können wie die geballte Macht des Echtzeit-Internets.

Pass daher auf dich auf – die nächste Zeit wird nicht gerade lustig werden, es wird sich alles noch eine Weile hinziehen und es können noch ganz bittere Schicksalsschläge kommen. Daher ist es wichtig, dass du deine Kräfte behältst und dir auch mal eine Auszeit gönnst. Wenn es regnet, darf man sich auch mal unterstellen. Schau genau drauf, was du an Medien konsumierst.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Mediendiät oder einfach mal abschalten

Analoge Workflows

Nachdem ich mich letztens etwas über unangenehme Änderungen bei IFTTT beschwert habe, möchte ich mich jetzt einfach mal allgemein beschweren: Die Digitalwirtschaft tut gerne so als würde ihre Software die Produktivität erhöhen. Manchmal stimmt dies auch – ohne Excel würde die deutsche Wirtschaft komplett zusammenbrechen. Gleichzeitig sind analoge Workflows und Arbeitsprozesse einfach viel, viel zukunftssicherer als jede Software. Software ist nämlich einem stetigen Verschlechterungsprozess ausgesetzt.

Trotz aller Versprechen, dass Digitalisierung die Zukunft ist und dass die Digitalisierung aller Arbeitsprozesse viel Zeit spart und alles effizienter macht, sind analoge Arbeitsweisen immer noch zukunftssicherer. Kaum eine Software schafft es, Datenformate, Prozesse und Arbeitsweisen über Jahre und Jahrzehnte konstant zu halten.

Betrachtet man die letzten Jahrzehnte, dann gab es eine stetige Veränderung in der Systemlandschaft: Von den Heimcomputern der 80er hin zu den DOS-Maschinen der 90er über Windows 3.11, 95, 98 hin zu Windows XP, Vista, 7, 8 und jetzt 10. Dabei ist vieles an Software verloren gegangen. Von den führenden Software-Anbietern der Commodore 64-Ära ist kaum noch einer übrig. Deren Produktivitäts- oder Notizensoftware ist dann meistens vom Markt verschwunden. Blöd, wenn man jahreland seine Notizen und Dokumente in einer Software auf dem C64 gespeichert hat und sie da nicht mehr herausbekommt. Oder wenn man jahrelang eine Literaturdatenbank gepflegt hat, die jetzt keine Zukunft mehr hat. Die Tagebuch-App aus dem PlayStore wird in wenigen Jahren keiner mehr auslesen können.

Aber auch Anbieter, die blieben – also Microsoft -, haben ihre Software stetig weiterentwickelt oder verschlimmbessert. In deutschen Büros sitzen immer noch Menschen, die über die „neue“ Benutzeroberfläche von Office 2007 schimpfen. Jetzt kann man natürlich laut darüber lästern, dass jemand nach 13 Jahren es nicht geschafft hat, sich an das neue Interface zu gewöhnen. Aber die Kernfrage ist ja, warum jemand sich überhaupt ständig an neue Interfaces gewöhnen sollen muss. Manchmal macht ein Redesign Sinn, aber in den meisten Fällen wird einfach viel Wissen obsolet gemacht, weil dann die Druckerverwaltung plötzlich an einem anderen Ort ist.

Webseiten und Onlinedienste sind da noch radikaler: Ohne große Ankündigung wird dann von heute auf morgen das komplette Layout geändert und der Nutzer muss damit zurecht kommen. Wohlgemerkt: Verändert, nicht unbedingt verbessert. Meistens gehen diverse Features verloren, gewohnte Klickwege verschwinden und Lesezeichen führen plötzlich in die Irre oder hinter eine Paywall. Prinzip: Friss oder Stirb.

Wenn die geliebte Notizenapp plötzlich anders aussieht und sich anders bedient, dann ist das ein harter Schlag für den Nutzer. Er muss sich aktiv umgewöhnen. Oder ihm wurde etwas für ihn elementares genommen. Wird die App gleich komplett eingestampft , steht der Nutzer alleine und verloren da. Eine Weiternutzung der vorhandenen Daten in anderen Anwendungen ist häufig nicht möglich.

Analoge Workflows haben dieses Problem nicht. Ein Notizbuch ist ein Notizbuch und es ist jedem überlassen, was er dort mit handelsüblichen Stiften hineinschreibt. Wer einmal ein System gefunden hat, dass ihm passt, der kann dieses bis an sein Lebensende nutzen. Ob BulletJournal oder Zettelkasten – es reicht, dies einmal zu lernen und gut ist. Da ändert keiner das Layout – außer der Nutzer will es aktiv. Da dreht keiner am Datenbankformat. Kein Hersteller geht pleite und wenn, dann kann man auch Notizbücher und Stifte eines anderen nutzen. Es gibt keinen Lock-in-Effekt, sondern einfach die volle Kontrolle. Ein papierbasiertes Notizsystem ist daher absurder Weise zukunftssicherer als ein digitales, softwarebasiertes Notizsystem.

Veröffentlicht unter Digitales Werkzeug | Kommentare deaktiviert für Analoge Workflows

If this then Tod – vom Sterben eines Dienstes

Kommunikation aus der Hölle

Es ist so eine Nachricht, die einem schon etwas den Tag versauen kann: IFTTT, das Schweizer Taschenmesser der Webdienstverknüpfung, führt Premium Accounts ein und beschränkt gleichzeitig bestehende Accounts massiv. Ab sofort sind nur noch 3 selbsterstellte Applets möglich – für alles weitere muss man den Geldbeutel aufmachen.

Das ist natürlich unangenehm. Diverse meiner Webprojekte laufen mit IFTTT – so werden z.B. die Links, die ich in Diigo speichere, automatisch auf Twitter bei @geschichtslinks und bei Reddit in /r/geschichte veröffentlicht. Das spart Arbeit, ist praktisch und verbraucht jetzt schon zwei Applets.

Natürlich ist es ok, wenn eine Firma versucht, ein tragfähiges Geschäftsmodell zu finden. Premiumfeatures und Bezahlmodelle gehören natürlich dazu. Völlig verständlich – aber es ist auch für mich als Otto-Normalverbraucher nötig, dass ich mich nach einer kostenlosen oder günstigeren Alternative umschaue. Die geforderten 3,99 Dollar pro Monat summieren sich nämlich auch auf immerhin 47,88 Dollar im Jahr hoch. Da kann die Corporate Propaganda noch so laut tönen, dass dies ja nur ein Kaffee pro Monat sei, aber zum einen ist mein Kaffee günstiger und zum anderen ist ein Fuffi am Ende des Jahres auch ein netter Abend.

Diese ganzen Abos, die einem von allen Seiten verkauft werden wollen, läppern sich am Ende doch arg hoch. Wer es sich hart gönnt und Netflix, Amazon Prime, YouTube Premium, Spotify Premium, Spiegel Plus, Strava Premium und was nicht alles sonst noch abonniert, der hat am Ende dann einfach jeden Monat mehrere hundert Euro auf dem Konto. Death by a thousand cuts – wer nicht auswählt, ist schon am Ende.

IFTTT hat leider die Auswahl nicht gepackt: So nett das auch ist, der Dienst hat sich leider in den letzten Jahren nicht richtig weiterentwickelt, es fehlen mir ein paar elementare Features und mal ehrlich: Die Ankündigung, dass man in zwei Wochen fast alle bestehenden Applets killt, wenn man nicht zahlt, ist mehr als dreist. Das macht jetzt kein gutes Gefühl – es klingt sogar nach argen Finanzierungsproblemen von IFTTT in der aktuellen Wirtschaftskrise.

Es muss also eine Alternative her und diesmal war klar: Es wird keiner der anderen Anbieter wie Zapier, die ebenfalls ähnliche Geschäftsmodelle besitzen oder sie irgendwann einführen werden, sondern es soll etwas eigenes werden. Die Wahl ist nach etwas Recherche auf NodeRed gefallen. Es gibt zwar auch andere Dienste wie h8n oder Beehive, aber NodeRed macht den besten Eindruck und scheint am flexibelsten zu sein.

Ich würde jetzt gerne großspurig hochkompetent klingende Erklärungen und Anleitungen veröffentlichen, wie man NodeRed als IFTTT-Ersatz verwendet, aber ich bin natürlich auch noch blutiger Anfänger. Da ist es besser, auf die offiziellen Anleitungen zu verweisen, denn Menschen mit mehr Erfahrung schreiben meist die besseren Anleitungen. Daher hier nur als kurzer Werkstattbericht ein paar Notizen:

  • Das ganze läuft bei mir nicht auf einem Webserver, sondern auf meinem Raspberry Pi 4. Das hängt einfach damit zusammen, dass NodeRed nicht auf dem All-Inkl-Hosting dieser Webseite läuft und der Raspberry Pi eh hier arbeitet und noch Ressourcen frei hat.
  • Die Installation selbst ist wirklich einfach: Im Kern gibt man nur einen Befehl ins Terminal ein. Dann wird NodeRed automatisch installiert und ist dann per Browser verfügbar.
  • Die einzelnen Workflows kann man sich dann per grafischer Benutzeroberfläche zusammenstöpseln. Wobei das einfacher klingt als es ist – wer komplizierte Datenverarbeitung machen will, muss auch mit einer grafischen Benutzeroberfläche komplizierte Dinge machen.
  • Hier gibt es im Standard recht wenig Optionen, aber jede Menge Plugins für diverse Dienste. Wie üblich, werden diese Plugins im Zweifelsfall von unbezahlten Freiwilligen entwickelt und sind mal von größerer und mal von schlechterer Qualität. Und wenn Dienste ihre APIs ändern, kann es sein, dass das Plugin angepasst wird oder nicht.
  • Generell zeigt es sich, dass diverse Dienste den API-Zugang deutlich restriktiver handhaben als es mal war. Einige Anbieter haben den Zugang zur API ganz gestrichen, andere haben nur noch eine für Geschäftskunden, andere prüfen jede Anmeldung genauestens. Das macht IFTTT wirklich besser, indem es dem Endnutzer diesen Schritt erspart.
  • Gerade Facebook zeigt sich hier sehr restriktiv: So gerne ich irgendwas mit Whatsapp oder Instagram integrieren würde, es werden keine Schnittstellen dafür angeboten. Die Daten sollen im Silo bleiben.
  • RSS ist leider auf dem absteigenden Ast. Und zwar nicht, weil das Format so schlecht ist, sondern weil es einfach für die Firmen nicht richtig zu monetarisieren ist. Die eigenen Daten will kaum noch einer kostenlos an alle herausgeben, sondern alle sollen auf die eigene Webseite gelockt werden. So großartig RSS ist, leider verschwinden die Feeds zunehmend.
  • Ich habe quasi versehentlich einen Telegram-Bot für PlanetHistory gebaut. Wer will, kann jetzt hier folgen.
  • Mir fehlen aktuell die wirklich zündenden Ideen, was man mit dem doch sehr mächtigen NodeRed noch alles anfangen kann. Der Telegram-Kanal für PlanetHistory ist zwar eine nette Idee, aber jetzt auch eher unsexy. Das gilt auch für andere Integrationen: Natürlich kann ich die Anzeigen von @die_reklame in noch eine Plattform kippen, aber am Ende ist das zwar nett, aber auch nicht gerade nobelpreisverdächtig.
Veröffentlicht unter Digitales Werkzeug | Kommentare deaktiviert für If this then Tod – vom Sterben eines Dienstes

Wuppertal, Künstliche Intelligenz und warum das leider alles nicht so überzeugend ist

Vor ein paar Tagen habe ich hier ein Video gepostet, das eine Mitfahrt in der Wuppertaler Schwebebahn aus dem Jahr 1902 zeigt. Dieses tolle Video ging mittlerweile um die Welt.

Genauer gesagt ging nicht dieses Video um die Welt, sondern eine editierte Version. Diese wurde von Denis Shiryaev „optimiert“:

Upscaled to 4K; ✔ FPS boosted to 60 frames per second, I have also fixed some playback speed issues; ✔ Stabilized; ✔ Colorized – please, be aware that colorization colors are not real and fake, colorization was made only for the ambiance and do not represent real historical data.

Die farbige Version hat mittlerweile mehr Views auf YouTube als das Original und das wirft natürlich einige Fragen auf. In diesem Fall ist das natürlich arg harmlos, denn es handelt sich nur um eine alte Führerstandsmitfahrt und nicht um ein irgendwie wirklich historisches Video. Aber…

Es ist natürlich ganz offensichtlich kein korrektes historisches Arbeiten, wenn man per AI die Auflösung eines Videos erhöht. Bei diesem Upscaling werden dann Informationen in ein Video oder Foto gerechnet, die im Original nicht vorhanden sind. Das kann im Falle einer normalen Wand recht gut funktionieren, aber spätestens bei Gesichtern, Kleidung oder ähnlichen Dingen ist das nicht mehr angebracht. Damit wird das Original verfälscht und verliert damit seinen Quellenwert.

Das beliebte Colorizen erweist sich hier als besonders schwierig. Was als Hobby von Geschichtsfans begann, die mit großer Akribie historische Schwarz-Weiß-Fotos manuell einfärbten, wird mittlerweile auch mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz gemacht und das funktioniert mal gut und mal weniger gut. Dass ein Himmel blau oder grau ist und dass Wolken weiß oder grau sind, kann eine Software erkennen. Sie kann auch einen leichten Farbtupfer über alles legen, aber so wirklich überzeugend ist das alles nicht.

Zum einen scheitert die künstliche Einfärbung im Video bereit mehrfach daran, dass Bäume grüne Blätter haben. Zudem sind die Farben dort, wo die Bäume dann doch grün sind, arg ausgewaschen – denn überraschenderweise waren die Blätter von Bäumen früher genau so grün wie heute. Wir sind es nur aufgrund der früher mangelhaften Farbdarstellungen auf Filmen und der mittlerweile ausgeblichenen Farbpigmente auf alten Fotos gewöhnt, dass die Farben früher anders aussahen. Das passiert völlig unterbewusst: Logischerweise war der Himmel auch früher gleich blau wie heute und nicht so brutal überzeichnet blau wie in den Technicolor- und Kodacolor-Filmen aus den 1960ern. Der Film macht es, nicht das Gefilmte.

Schlimmer ist aber natürlich, dass hier einfach etwas erfunden wird. Während die Hobbyisten beim manuellen Einfärben von Fotos viel Arbeit in die Recherche stecken und z.B. recherchieren, welche korrekte Farbgebung getragene Orden oder Uniformen haben, kann eine AI das nicht wissen und macht daher einfach irgendwas. Sie färbt Häuser im Film ein, aber weiß nichts über die Originalfarbe. Das Ergebnis ist gut, irgendwie überzeugend und stimmig, aber grundfalsch. Ohne die zeitaufwändige Hintergrundrecherche, die dann doch so häufig ins Leere laufen wird, entsteht dabei dann realistisch aussehender Quatsch.

Ich habe zur Demonstration zwei Bilder durch Algorithmia laufen lassen, einen Dienst, der Schwarz-Weiß-Fotos einfärbt. Hier jeweils einmal ein Handybild vom Kaiserstuhl und einmal eine Stadtszene aus Eguisheim im Elsass, das wegen seiner farbigen Fachwerkhäuser ein besonders gemeines Beispiel ist. Ich habe das Originalfoto in ein Schwarzweiß-Foto umgewandelt und dieses dann von der Software einfärben lassen.

Das Original – übrigens immer eine Radtour wert!
Wie man sieht, sind die Blüten schwarz und das Grün hat einfach diesen „Retrotouch“. Ansonsten gibt es wenig zu meckern – die Straßen sind leicht zu gelb geworden, aber Himmel und der Schwarzwald im Hintergrund passen.
Das Original
Die Fälschung ist schon sehr gut gelungen – aber etwa die farbigen Fensterläden wurden komplett verschluckt und die Häuser haben alle die gleiche Farbe. Das Herbergen-Schild ist blau statt rot und hat seine farbigen Ornamente verloren. Das Gras zwischen den Pflastersteinen ist verschwunden. Der Blumenschmuck an den Häusern wirkt auch eher nach Friedhof als Frühling.

Die Demonstration zeigt, dass die Technik schon sehr gut ist, aber dann an kritischen Stellen daneben greift. Auf den ersten Blick wirkt es überzeugend, die Probleme erkennt man wie bei einem dieser „Finde die Unterschiede“-Suchbild aus der Fernsehzeitschrift nur bei genauerem Hinschauen. Es ist natürlich nicht nur schwer, sondern unmöglich, Farbinformation korrekt zu berechnen, wenn diese einfach nicht vorliegt.

Der Erfolg des Videos und anderer, vergleichbarer Projekte des gleichen Autoren zeigt, dass diese wichtige Differenzierung nicht in der breiten Öffentlichkeit ankommen. Bereits jetzt werden nachcolorierte Fotos fleißig als Original durch die Sozialen Netzwerke und WhatsApp-Gruppen gereicht. Es ist damit zu rechnen, dass sie irgendwann ungeprüft und ohne Kennzeichnung auch in seriösen Publikationen auftauchen. Die Quellenkritik wird hier noch wichtiger. Historiker müssen demnächst sehen lernen, solche Bildfärbungen zu erkennen.

Wer hingegen einmal richtig einen auf dicke Hose machen will, hier ein kurzer Software-Überblick:
Upscaling funktioniert mit Gigapixel AI von Topaz Labs für Fotos bzw. mit Topaz Video Enhance AI für Videos. Es gibt eine 30 Tage-Testversion, mit der man sich einen ersten Eindruck verschaffen kann.

Für das automatische Einfärben von Bildern gibt es etwa das oben genutzte Algorithmia. Einen Überblick über verfügbare Software gibt es hier. Es macht Spaß, mit dieser Software zu spielen und das ist wohl das größte Problem: Die eingefärbten Bilder wirken auf den ersten Blick überzeugend und daher verbreiten sie sich im Internet – und leider zu häufig ohne Kennzeichnung.

Veröffentlicht unter Digitale Geschichtswissenschaften | Kommentare deaktiviert für Wuppertal, Künstliche Intelligenz und warum das leider alles nicht so überzeugend ist

Die Wuppertaler Schwebebahn im Jahre 1902

Es gibt Videos, zu denen man einfach gar nicht viel schreiben kann. Diese Mitfahrt auf der Wuppertaler Schwebebahn im Jahre 1902 in 1080p gehört dazu. Was für ein tolles Video! Und was gibt es alles zu entdecken!

Veröffentlicht unter Fundstücke | Kommentare deaktiviert für Die Wuppertaler Schwebebahn im Jahre 1902

So schlimm war es noch nie

„Es war wie im Krieg“
„Ein noch nie dagewesenes Ausmaß an Gewalt“
„Eine neue Dimension der Gewalt“
„Wir haben es insgesamt mit einer Verrohung zu tun, der Umgangsformen, der Gewalt, die angewendet wird“
„Bürgerkriegsähnliche Zustände“

Immer, wenn es irgendwo in Deutschland einen Gewaltausbruch oder Krawalle gibt, fallen in den Medien solche Sätze. Sie sind wirkungsvoll und die Botschaft ist klar: Noch nie war es so schlimm wie jetzt und es wird immer schlimmer. Die Barbaren stehen vor den Toren und die Jugend von heute… schrecklich, Else! Da muss doch jemand was tun!

So eindrucksvoll das ist, so falsch ist das aber. Es wird natürlich schwer werden, das Level an Gewalt des Kriegsendes zu übertreffen mit marodierenden SS-Einheiten, Standgerichten und Massenmorden. Natürlich kann man jetzt auch ganz tief in die Geschichte eintauchen und auf den dreißigjährigen Krieg verweisen, in dem ebenfalls größere Teile Deutschlands verwüstet wurden. Das muss man aber gar nicht: Selbst in gar nicht so lang vergangenen Zeiten waren die Demonstrationen deutlich gewalttätiger.

Hier einfach mal ein Beispielsvideo aus der Hausbesetzerszene Berlins der 1980er:

Solche Bilder und so ein Ausmaß an Gewalt sind mittlerweile nicht mehr zu sehen.

Mittlerweile ist die Polizei zudem deutlich besser ausgerüstet. Schon ein Vergleich der individuellen Schutzausrüstung spricht Bände. Während bei den Krawallen der 1968er die Polizei nur mit normaler Ausrüstung unterwegs war, sind die Bereitschaftspolizisten mittlerweile gepanzert wie ein mittelalterlicher Ritter. Das macht einen gewaltigen Unterschied, wenn z.B. Steine fliegen. Alte Nachrichtenartikel und auch Videos zeigen deutlich, dass früher mehr Steine geworfen wurden.

Auch sonst: Demonstranten, die regelmäßig Steinschleudern mit Stahlkugeln mit auf Demos nehmen? Brennende Barrikaden? Randalierer, die mit Motorradhelmen und Stöcken herumlaufen? Viertägige Straßenschlachten mit 40.000 Teilnehmern? Polizisten, die während einer Demo erschossen werden? Mittlerweile in Deutschland eher undenkbar.

Jetzt ist natürlich jede Ausschreitung und jeder Krawall schlecht. Aber man sollte auch nicht völlig geschichtsvergessen sein und behaupten, dass es ein „noch nie dagewesenes Ausmaß an Gewalt“ war. Wir leben aktuell in Deutschland in einer Zeit, die so friedlich ist, wie noch nie zuvor. Gewaltkriminalität ist auf einem Rekordtief und daran ändern dann auch einzelne Fälle nichts. Mit entsprechender Rhetorik kann man natürlich die Oma in ihrem Reihenhaus in Panik versetzen – aber das ist nicht die Aufgabe von Polizei und Politik.

Anders gesagt: Wer historische Vergleiche zieht, der sollte auch etwas Ahnung von Geschichte haben. Ansonsten redet man nämlich ganz schnell Unfug. Und das will doch wirklich keiner.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für So schlimm war es noch nie