Das Werkzeug fehlt

Der Kapitalismus ist nicht in der Lage zwischen sinnvollen und völlig schwachsinnigen Anwendungen zu unterscheiden. Das fällt besonders in der Klimakrise auf: Hier gibt es noch die Ressourcen, die aber nicht verwendet werden sollten. Das Erdöl ist da, aber wenn wir es alles verfeuern, dann haben wir demnächst ein gigantisches Problem.

Uns fehlen einfach die Werkzeuge, um die sinnlose Nutzungen zu unterbinden und daher hauen wir mit stumpfen Knüppeln drauf und treffen im Zweifelsfall die Falschen.

Eine Benzinpreiserhöhung trifft alle – sowohl den Autoposer, der Freitagnacht hunderte Kilometer zu schnell mit seiner getunten Karre durch die Gegend fährt als auch die Krankenschwester, die aus dem Dorf ohne gute ÖPNV-Anbindung zur Arbeit muss. Sie trifft Menschen, die mit dem Auto 500 Meter zum Bäcker fahren und sie trifft den Menschen in der Fernbeziehung, der einfach nicht den Arsch zum Umzug hochbekommt.

Eine CO2-Steuer auf Flüge trifft sowohl den lange ersehnten und seltenen Familienbesuch in der alten Heimat als auch die B-Jugend des SV Oer-Erkenschwick 09, die nach Malle fliegen, um sich dort richtig die Kante zu geben. Sie trifft den Business-Kasper, der jedes Jahr zig Mal um die Welt fliegt, um dann in einem muffigen Meetingraum PowerPoint-Folien zu zeigen und sie trifft die Familie, die nach langen Corona-Monaten mal wieder urlauben will.

Eine Steuer auf Strom, Gas oder Heizöl trifft die arme Familie im Mietshaus mit den undichten Fenstern und sie trifft das Vorstadtviertel mit den klimatisierten Pools. Sie trifft den Geringverdiener und sie trifft das Business-Viertel, in dem auch nachts die Lichter in den leeren Büros brennen. Sie trifft Hartmut, der im Keller noch kistenweise 100W-Glühbirnen bunktert, weil LEDs ja ein so schlechtes Licht produzieren und sie trifft den Menschen, der sich eigentlich Mühe gibt, dessen Vermieter den Nachtspeicherofen aber nicht austauschen will.

Das hat soziale Härten: Während es am unteren Ende finanziell eng wird, kann am anderen Ende weiter sinnlos geprasst werden. Wer es sich leisten kann, der kann auch weiterhin sinnlos verschwenden und konsumieren. Was juckt es den Milliardenkonzern, wenn nachts die Lichter im Büro brennen und das im Jahr 4000€ kostet? Warum sollte ein Unternehmen nicht den Außendienst zum Sales Pitch zu diesem wichtigen Kunden nach Kuala Lumpur fliegen auch wenn es jetzt 700€ extra kostet? Interessieren den Millionär die paar zusätzlichen Euro für die Pool-Klimatisierung dann wirklich so, wenn es im Sommer heiß ist? Und den Typen, der sich für seinen getunten Audi übermäßig verschuldet hat, weil dieser Teil seiner Identität ist, hält auch ein 16 Cent höherer Benzinpreis nicht vom Cruisen ab.

An diesem Punkt wird die Debatte dann giftig und gerät in Schieflage: Statt sich darauf zu einigen, dass einige Nutzungen überproportional Ressourcen verwenden, wird dann auf die Extreme gezeigt und wilde Strohmann-Argumente aufgeführt. Bestes Beispiel war das Argument während der Debatte um Dieselfahrverbote, dass dann ja auch die Feuerwehr mit ihren Dieselfahrzeugen nicht zum Brand fahren dürfe. Auch Plastik hat seine sinnvollen Einsatzzwecke und sollte nicht komplett verbannt werden, aber der Supermarkt muss jetzt nicht die Bananen in Plastik einschweißen.

Es wäre schon viel geholfen, wenn wir für den Start erstmal die schlimmsten Auswüchse der Energie- und Ressourcenverschwendung angehen. Aber das kann unser aktuelles System nicht, weil uns die Werkzeuge dafür fehlen. Verteuerung hilft nicht, wenn bestimmte Dinge auch für Geringverdiener noch möglich sein sollen, denn dieser Preis schreckt dann die Normal- und Gutverdiener nicht ab. Ein höherer Preis schreckt auch nicht ab, wenn der Konsum der entsprechenden Ware notwendig ist. Wenn die Nudeln im Supermarkt plötzlich 2€ kosten, müssen wir trotzdem essen. Gerade Mobilität ist in diesem Bereich sehr inflexibel – die Leute müssen zur Arbeit, völlig egal, was der Sprit oder das Busticket kostet und die Leute müssen ihre Wohnung heizen. Ein System, das die Beheizung der Wohnung ermöglicht ohne es gleichzeitig zu ermöglichen, dass Leute im tiefsten Winter den Außenwhirlpool heizen, ist aber nicht realistisch umzusetzen.

Was hilft? Leider gar nichts – in einer Demokratie ist es nicht umzusetzen, dass man den einfachen Leuten den Weg zur Arbeit oder liebgewonnene Freizeitaktivitäten unmöglich teuer macht während die Reichen sich diese gönnen können. Es ist auch nicht realistisch möglich ein individuelles Budget für bestimmte Aktivitäten aufzustellen. Jeder darf nur x mal im Jahr fliegen und y Kilometer Auto fahren, denn am Ende braucht man eine Gelbe Sack-Vorratsdatenspeicherung gegen in Plastik eingeschweißte Bananen. Und es ist anscheinend leider auch nicht möglich bestimmte umweltzerstörende Produkte und Verhaltensweisen einfach zu verbieten – zum einen führt man dann einen Kampf gegen Windmühlen und immer neuen Blödsinn, den sich irgendein Produktmanager ausgedacht hat. Dann verbietet man nach einem langjährigen Prozess Einwegbesteck aus Plastik und die Hersteller drucken stumpf „Mehrwegbesteck“ auf die gleiche Verpackung und kommen auf die Idee, dass es eine total tolle Idee wäre, Plastiksichtfenster in Brötchentüten einzubauen. Der Fußballverband lobbyiert fleißig auf höchster Ebene, weil seine Mitglieder für ein Schweinegeld bundesweit Grasflächen durch Plastikflächen ersetzt haben und diese jetzt wie bescheuert Mikroplastik in die Umwelt abgeben und zur größten Quelle von Plastikverschmutzung geworden sind. Statt dass es eine ganz klare Ansage gibt, dass eine derartige Umweltsauerei nicht geht und sofort einzustellen ist, werden jetzt auf Übergangsfristen gefordert. Als ob weitere 8 Jahre Plastikverschmutzung irgendwie akzeptabel wären.

Kombiniert man das mit einer Kultur, in der radikalisierte Konservative ständig von „Verbotsparteien“ und „Cancel Culture“ schreien, wenn es um entsprechende Maßnahmen geht und damit große Wahlerfolge feiern, dann sind wir im Eimer. Genau wie bei Corona, wo ein hartes Gegensteuern immer erst passiert ist, wenn die Welle schon richtig lief und nie frühzeitig als man sie mit leichten Maßnahmen hätte brechen können. Richten wir uns auf eine 2 Grad-oder-schlimmer-Zukunft ein – denn es wird unmöglich, dem Kapitalismus den Unterschied zwischen sinnvollen und verschwenderischen Handlungen beizubringen.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Das Werkzeug fehlt

Fridolin Freudenfett und warum Lustige Taschenbücher nicht immer lustig sind

Die FAZ bringt einen Artikel darüber (gleicher Autor, gleiches Thema, keine Paywall im Standard), dass der Egmont-Verlag in der Lustige Taschenbücher Classic-Edition einige Übersetzungen geändert hat. Der Autor Achim Hölter ergießt sich lang und breit darüber, dass der Charakter Fridolin Freudenfett jetzt Fridolin Fröhlich heißt. Und dann folgt halt die alte Leier über Zensur, Political Correctness, Cancel Culture und alle sonstigen Totschlagargumente, mit denen Konservative alle Diskussionen totschlagen. Leider führen wir aktuell von konservativer Seite aus keine Debatten, sondern leider nur Scheingefechte. Man kann natürlich darüber streiten, ob der Name „Fridolin Freudenfett“ für einen dicken Menschen angebracht ist oder nicht. Wenn es nur das wäre – die Comics sind natürlich ein Kind ihrer Zeit und die Zeiten verändern sich natürlich. Ein Gag, der in den 60ern noch ok war, kann heute grob daneben liegen und natürlich birgt daher eine Neuauflage älterer Werke immer die Gefahr, dass sie halt den Zeitgeist nicht mehr treffen. Werte verändern sich, auch wenn die WerteUnion dies nicht verstehen will. Die älteren LTBs enthalten so einige Klopper, die man heutzutage so nicht mehr Kindern vorsetzen sollte. Ich habe einen Großteil der älteren LTB gelesen und sie sind nicht mehr wirklich kindgerecht. Warum?

Gewalt

In der Welt der LTBs ist Gewalt ein Mittel zur Lösung. Es ist nicht nur Onkel Dagobert, der Bittsteller mit einem ausgeklügelten System an Fallen aus seinem Büro befördert. Donald Duck selbst wendet ständig körperliche Gewalt gegenüber seinen Neffen an. Die körperliche Züchtigung wird als Normalfall und logische Konsequenz des Verhaltens der Neffen dargestellt – damals war das normal, aber zum Glück ist Gewalt gegenüber Kindern mittlerweile untersagt. Wenn die Kleinen jetzt über alte LTBs lernen, dass elterliche Züchtigung etwas Normales ist, dann haben sie etwas falsches gelernt.

Das gilt auch generell für allgemeine Gewaltanwendung: In diversen Stories tauchen Grobiane auf, die zwar als unsympathisch dargestellt werden, die aber ohne Konsequenzen einfach ihre Mitmenschen verprügeln. Auch in der faszinierend dysfunktionalen Familie Duck haut Donald nicht nur seine Neffen, sondern wird auch in wirklich jedem LTB mehrfach von seinem Onkel verdroschen. Das gehört natürlich irgendwie dazu und ich will mich auch nicht darüber beschweren, dass Asterix sich einen Spaß draus macht, die Römer zu vermöbeln, aber dieser Wert ist nur noch bei der WerteUnion anschlussfähig.

Frauenbild

Auch das Frauenbild lässt arg zu wünschen übrig: Daisy Duck und Minni Maus emanzipieren sich zwar stark in den neueren Ausgaben, werden dann aber extrem dominant und haben ihre Männer völlig unter dem Pantoffel. Eine wirkliche Beziehung auf Augenhöhe führt in Entenhausen keiner – und keine Figur zeigt dies besser als Gitta Gans. Die unglücklich in Dagobert Duck verliebte Gans versucht alles, um dessen Liebe zu erwecken und scheitert dabei natürlich in jeder Geschichte seit 1967. Auch Gitta entwickelt sich: Die älteren Geschichten spielen meist aus Sicht von Onkel Dagobert, der von einer furchtbaren Schreckschraube terrorisiert wird. Erst nach und nach gewinnt Gitta etwas an Profil und eigenständigem Charakter jenseits der verschmähten Liebhaberin. Das mag ein beziehungs- und liebeserfahrener Erwachsener anders lesen als ein Kind, aber Gitta ist kein Vorbild, das man seiner Tochter mitgeben möchte.

Ausländer

Die LTBs sind voll mit problematischen Darstellungen außereuropäischer Kulturen. Regelmäßig tauchen etwa Kannibalen auf, welche die Hauptcharaktere fressen oder in Vulkane werfen wollen. Das ist übrigens kein Phänomenen aus längst vergangenen Zeiten – noch LTB 372 aus dem Jahr 2008 enthält Eingeborene, welche sich nur mit Grunzlauten verständigen, eine primitive Religion pflegen und Donald Duck und Gustav Gans in einen Vulkan werfen wollen. Ich habe nicht alle neueren LTBs gelesen, aber es würde mich nicht wundern, wenn entsprechende Topoi auch dort auftauchen würden. Ein Verlag steht hier bei Neuauflagen vor dem gewaltigen Problem, dass es natürlich mittlerweile extrem problematisch ist, solche Darstellungen zu drucken. Wenn sie in den alten LTB vom Flohmarkt enthalten sind, dann kann man sich nicht beschweren. Aber als Neuauflage in 2021?

Sonstiges

Diese Darstellung könnte man noch fast ewig weiterführen – Gerd Strohmeiers APuZ-Beitrag zur Politik bei Benjamin Blümchen und Bibi Bocksberg wird zwar auch 15 Jahre nach Erscheinen gerne belächelt, hat aber einen wahren Kern, der auch für die Disney-Comics gilt. Politik und Polizei kommen schlecht weg. Der Bürgermeister ist gerne einfach mal ein dickes Schwein, die Bürokratie ist unfähig, Steuereintreiber werden als raffgierige Geier dargestellt und von Dagobert Duck ernsthaft mit Reichsbürgermethoden bekämpft, indem er einen eigenen Staat gründet (LTB 737 Flucht nach Duckland). Die Polizei bekommt nichts auf die Kette und wäre ohne Privatdetektiv Micky Maus oder Superheld Phantomias den Panzerknackern hilflos ausgeliefert. Die LTBs sind natürlich grundsätzlich satirisch ausgelegt, aber

Die Änderungen des Egmont Ehepa-Verlages erscheinen zudem etwas inkonsequent: Es ist ja sicherlich nicht verkehrt, dass man kein Bodyshaming betreiben will und daher den Namen „Fridolin Freudenfett“ für eine dicke Person ändert. Aber wenn die Person halt als dickes, tolpatschiges und unsportliches Schwein gezeichnet wird, dann hilft es auch nicht einfach nur den Namen zu ändern. Genau wie es wie man oben im eingebetteten Tweet sieht auch nur so mittel hilfreich ist, wenn man einfach nur die schlimmsten rassistischen Panels aus einer Story entfernt, die halt einfach nur so trieft vor rassistischen Klischees.

Die einzige Antwort kann dann eigentlich nur sein, die entsprechenden Stories einfach nicht mehr neu zu verlegen. Es gibt genügend Comics und auch zigtausend Seiten modernere Lustige Taschenbücher und sonstige Disney-Comics. Egmont Ehepa hat hier das gigantische Problem, dass Carl Barks natürlich einer der Kultautoren ist, dessen Werk von Donaldisten verehrt wird wie wohl kaum ein anderes. Auch die Übersetzung von Erika Fuchs wird glühend verehrt und eine Neuübersetzung ist bei der Fanbase dann schwierig. Und eine Neuauflage der Carl Barks-Comics als LTB Classic Edition ist natürlich ein sicheres Ding. Das verkauft sich.

Und ist Fridolin Freudenfetts „Schlachtung“ (so die FAZ) jetzt eine Ausgeburt einer verachtenswerten Political Correctness? Mitnichten. Es zeigt aber schön auf, wie Agendasetting funktioniert: Statt über die oben aufgeführten problematischen Elemente der Comics zu reden, wird hier einfach nur ein Randaspekt problematisiert. Damit kann man natürlich wunderbar Stimmung gegen diese ominöse „Political Correctness“ machen, denn natürlich ist diese Umbenennung nicht sehr sinnvoll. Damit hat man dann die Debatte geprägt und Onkel Heinz hat mal wieder was, um sich Abends beim Bier aufzuregen. Die wirklich interessante Debatte um die Inhalte in den Lustigen Taschenbüchern wird leider nicht geführt – und da geht es ja darum, die Inhalte kritisch zu reflektieren. Man muss seine Sammlung nicht verbrennen, man darf sie weiter lesen, aber man darf dann auch überlegen, welche Inhalte alte LTB an Kinder vermitteln können, wenn man als Eltern das nicht entsprechend begleitet.

Veröffentlicht unter Bücher | Kommentare deaktiviert für Fridolin Freudenfett und warum Lustige Taschenbücher nicht immer lustig sind

Der Publikationsort

Man lernt es im Tutorat des ersten Proseminars und es ist fest verankert in diversen Zitationsregeln: Die Angabe des Publikationsortes. Berlin. Leipzig. München. New York. Aber ist das nicht eigentlich Quatsch?

Bei den meisten Angaben gibt es wenig zu kritisieren: Den Namen des Autoren benötigt man. Titel und Untertitel des Werkes sind auch höchst hilfreich. Die Auflage erscheint auch sinnvoll, da sich ja zwischen Auflagen inhaltlich etwas ändern kann, auch wenn sich das natürlich etwas mit dem ebenfalls höchst sinnvollen Erscheinungsjahr überschneidet. Die Angabe eines Verlages, die übrigens nicht in allen Zitiervorgaben Pflicht ist, erscheint auch sinnvoll, da man so natürlich gerade in vordigitalen Zeiten wusste, wo und wie man ein Buch bestellen kann und Verlage natürlich immer eine gewisse Ausrichtung besitzen. Es macht einen Unterschied, ob ein historisches Buch im C.H. Beck-Verlag oder bei Propyläen erschienen ist, in der Edition Ost oder im Kopp-Verlag.

Nur der Publikationsort: Zum einen doppelt es sich mit dem Verlag. Der Verlag sitzt natürlich so oder so an einem Ort. Der Ort sagt einem grob, in welchem Land ein Buch erschienen ist, wenn man unbekannte Kleinstädte Ländern zuordnen kann. Mittlerweile gibt es auch global agierende Verlage mit mehreren Firmensitzen, was dann zu Quatschangaben wie „New York, Dubai, Delmenhorst“ führt. Der sonstige Erkenntnisgewinn ist gering: Ich kann nicht wie früher als berittener Buchhändler in den Publikationsort reiten und mich dann in der örtlichen Taverne zum jeweiligen Verleger durchfragen. Das würde zwar ein sehr unterhaltsamer Trip nach Berlin, aber wirklich praxistauglich ist ein derartiges Vorgehen nicht. Ich kann auch auf Basis der Ortsangabe eine Liste der örtlich ansässigen Verlage durchforsten, aber logischerweise finde ich den Verlag natürlich schneller, wenn man einfach den Verlagsnamen angibt und dann googlet.

Ansonsten kann der Ort grob als „ideologischer Filter“ im Zeitalter der Extreme dienen: Ein Text mit der Ortsangabe „New York 1972“ ist etwas anderes als einer mit „Berlin 1937“, „Moskau 1951“ oder „Pjöngjang 2021“. Aber – der gute Wissenschaftler bewertet eine Quellenangabe natürlich erst nach dem Lesen der Quelle und nicht nach dem Publikationsort dieser. Ein Beleg ist ein Beleg und er taugt entweder etwas oder nicht, aber ein untauglicher Beleg ergibt sich nicht zwangsläufig aus dem Publikationsort.

Dann gibt es noch Spezialfälle wie etwa den Reclam-Verlag, den es in Zeiten der deutschen Teilung zweimal gab. Aber auch dieser ist jetzt seit drei Jahrzehnten wieder vereint und es macht natürlich keinen Sinn, aufgrund solcher Spezialfälle jede Quellenangabe mit dem Ort zu versehen. Bei namensgleichen, nicht zusammengehörigen Verlagen ist eine entsprechende Zusatzangabe natürlich sinnvoll.

Und dann gibt es noch etwas, das gerne vergessen wird: Es gibt mit der ISBN eine international standardisierte Buchidentifikationsnummer und mit der ISSN eine international standardisierte Identifikationsnummern für fortlaufende Sammelwerke. Will man also ein Buch als Quellenangabe exakt angeben, würde eine ISBN-Angabe deutlich sinnvoller sein als Ort oder Verlag. Die üblichen Bibliotheks- und Buchhandelskataloge erlauben natürlich eine Suche nach dieser Nummer, denn genau dafür wurde sie in den 1960er Jahren geschaffen.

Der einzige Grund, der mir spontan einfällt: „Das haben wir schon immer so gemacht“. Auch Tradition genannt. Klar ist es schwierig, die gesamte Zitiertradition eines Faches zu ändern. Zeitschrift für Zeitschrift. Verlag für Verlag. Und das passiert natürlich nicht. Dank moderner Bibliotheksdatenbanken findet man verfügbare Literatur ja auch problemlos, selbst wenn man nur Autor und Jahr angeben würde oder nur den Titel. Oder gar nur den Verlag und den Untertitel.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Der Publikationsort

Updates im Wiki

Es gibt einige Updates in meinem Wiki:

  • Zwei Reportagen des Berliner Kriminalkommissars Ernst Engelbrecht aus diesem Buch. Einbrecher schildert in wundervollster Polizeiprosa die Jagd nach einer Einbrecherbande während Nachtkaschemmen ein Streifzug durch Berliner Kneipen der 20er ist
  • Die Reportage Plünderer von Leo Heller aus dem gleichen Buch, welche ein uns heute so fremdes und wildes Berlin aufzeigt
  • Ebenfalls aus Leo Hellers Buch eine Sammlung der unglaublich tollen Kapitelüberschriften, die eine wunderbare Übung im Lesen von Kurrentschrift sind.
  • Die Reportage/Novelle Oktoberfest von des amerikanischen Schriftstellers Thomas Wolfe, der auf einer seiner Deutschlandreisen 1928 auf das Münchener Fest besuchte und hier wohl den perfekten Rausch beschreibt. Was er hingegen nicht erwähnt: Einen Tag später geht er nochmal hin und gerät in eine wilde Schlägerei, wird schwer verletzt und flieht dann vor der Polizei aus dem Land.
  • Die alte Kartensammlung ist jetzt auch wieder zurück – ich liebe alte Karten und hier sammel ich einfach meine Favoriten
  • Ein paar Initialen mit Fahrrädern aus dem Jahre 1897
  • Der Start einer kleinen oder großen Sammlung an Druckgrafiken mit Fahrradbezug
  • Delete your stuff – eine kleine Sammlung mit Tools, wie man seine Daten in den großen Sozialen Netzwerken löscht ohne gleich seinen ganzen Account löschen zu müssen
Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Updates im Wiki

Wie viel Nationalsozialismus steckt in unserem Arbeitsleben?

West-Berlin, 1955: Wicklungseinbau im Generatorenbau in der AEG-Turbinenfabrik
This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany license.
Attribution: Bundesarchiv, B 145 Bild-F002763-0004 / Brodde / CC-BY-SA 3.0

Die aktuelle Coronakrise zeigt zuverlässig alles auf, das auch vorher schon nicht so richtig funktioniert hat. Wir wussten, dass es in der Kranken- und Altenpflege nicht besonders gut läuft. Wir wussten, dass unsere Schulen definitiv keine Vorreiter der Digitalisierung sind. Und die Krise zeigt auch ganz bittere Wahrheiten in unserer Arbeitswelt auf.

Nachdem jahrelang im Boom von Fachkräftemangel gesprochen wurde und von einem Wandel in der Arbeitswelt, einem kollegialen Umgang der Chefs mit ihren Mitarbeitern und eine netten Kuschel-Wohlfühl-Arbeitswelt propagiert wurde, zeigt diese nun wieder ihre hässliche Fratze. Nicht nur ein Tönnies spielt mit der Gesundheit und dem Leben seiner Mitarbeiter – dem trauen wir eh alles Schlimme zu. Natürlich wussten wir auch vorher, dass die Arbeitsbedingungen für ungelernte Arbeiter und gerade für ausländische Kräfte in unseren Fleischfabriken, Reinigungskolonnen oder Paketdiensten katastrophal sind. Aber jetzt trifft es auch die Mittelschicht in den Teppichetagen: Die Gefahr, direkt am Arbeitsplatz zu erkranken oder gar zu sterben. Corona ist gefährlich und es ist schon erklärungsbedürftig, wenn Chefs es nicht einsehen, dass Home Office Leben rettet und zudem verhindert, dass irgendwann der gesamte Innendienst flach liegt, weil jemand die Seuche eingeschleppt hat. Die Geschichten aus der Arbeitswelt sind streckenweise gruselig.

Das alles verstärkt dieses im Hinterkopf lauernde Gefühl, das die Arbeitswelt ein undemokratisch in unsere Demokratie ragendes Stück Autoritarismus ist. Denn die Arbeitswelt ist vom Prinzip her als Diktatur aufgebaut. Der Chef bestimmt – und die Mitarbeiter führen die Befehle aus und wenn sie nicht folgen, dann war es das ganz schnell mit dem Job. Die Organisationshierarchie manch einer Firma unterscheidet sich nicht von der eines autoritären Staates. Oben sitzt der alles bestimmende Herrscher und darunter gibt es dann verschiedene Lakaien/Abteilungsleiter, die seine Befehle an weitere Untergebene weiterreichen. Eine klassische Organisationshierarchie in Pyramidenform, wie man sie sehr häufig in den klassischen Familienunternehmen findet. Oben der Firmenchef und darunter dann der Rest der Pyramide. Manchmal ist die Rhetorik von inhabergeführten Firmenchefs auch nicht weit weg vom Führerprinzip.

Corona zeigt, wie brüchig die demokratischen Elemente der Arbeitswelt sind. Wenn der Chef dich ins Büro ruft, dann hast du wenig Chancen dem Ruf nicht zu folgen. Er kann dich in deiner Gesundheit und deinem Leben gefährden und du bist ihm ausgeliefert. Ich habe zum Glück gerade einen Arbeitgeber, der mir Home Office ermöglicht – mein voriger Chef hingegen schreibt gerade Leserbriefe an die Lokalzeitung, in denen er sich über die hohen Kosten für die Schnelltests für Mitarbeiter beschwert. Diese kosten im Aldi 3,99€ und weitere Fragen zu den Arbeitsbedingungen und sonstigen Corona-Schutzmaßnahmen erübrigen sich eigentlich.

Aber wo kommt das alles her? Mir ist das Buch „Gehorsam macht frei. Eine kurze Geschichte des Managements – von Hitler bis heute“ von Johann Chapoutot in die Hände gefallen und die Kernfrage des Klappentextes klang gerade sehr, sehr interessant: „Wie stark ist unsere Arbeitswelt noch heute vom Geist der NS-Zeit geprägt?“

Tja, diese Frage beantwortet das Buch leider nicht, es ist aber trotzdem spannend. Zuerst muss ich aber Propyläen etwas rügen – das Buchcover ist einfach etwas zu martialisch aufgemacht und der Titel „Gehorsam macht frei“ ist natürlich auch arg reißerisch. Das geht sicherlich auch etwas weniger dramatisch.

Chaopoutot untersucht den Werdegang des NS-Juristen Reinhard Höhn. In der Weimarer Republik ist dieser ein typischer nationalrevolutionärer Akademiker, der die Demokratie verachtet und zugleich Standesdünkel gegenüber den Nationalsozialisten hat. Diese sind ihm einfach zu plebejisch – was ihn aber nicht davon abhält nach 1933 kräftig Karriere zu machen und einer der profiliertesten NS-Rechts- und Staatswissenschaftler zu werden.

Nach Kriegsende taucht der SS-Oberführer zuerst unter und praktiziert als Heilpraktiker in Lippstadt. 1956 gründet er die Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft Bad Harzburg, welche – große Überraschung – die Führungskräfte des Wirtschaftswunders ausgebildet hat. Über 600.000 Personen aus leitenden Positionen aus allen namhaften Firmen besuchten die Akademie im Laufe der Jahre und genau dies ist Chapoutots Untersuchungsgegenstand: Was wurde gelehrt? Und wie verhalten sich diese Lehrinhalte zu Höhns Inhalten aus dem Nationalsozialismus? Welche inhaltlichen Kontinuitäten gab es? Was lernten die Chefs der 50er beim SS-Mann?

Höhn entwickelte das Harzburger Modell:

Das Harzburger Modell[3] betrachtet die Mitarbeiter als selbstständig denkende, handelnde und entscheidende Individuen. Es handelt sich um ein leistungs- und zufriedenheitsorientiertes Modell, das Zielorientierung statt Verfahrensorientierung propagiert und Unternehmensziele und Mitarbeiterziele zu integrieren versucht. Dabei bestimmt es durch das Kaskadenverfahren (Zielsystem mit Ober- und Unterzielen) individuelle oder gruppenbezogene Ziele, die regelmäßig zu überprüfen und anzupassen sind (englisch Management by Objectives). Im Regelfall wird delegiert, der Vorgesetzte greift lediglich im Ausnahmefall ein (englisch Management by Exception), ansonsten beobachtet und kontrolliert er seine Mitarbeiter. Die Mitarbeiter übernehmen die Selbstkontrolle ihres in Stellenbeschreibungen fest umrissenen Aufgabenbereichs[4] und führen mit ihren Vorgesetzten eine gemeinsame Abweichungsanalyse durch. Die Verantwortung wird im Modell durch Aufteilung in Handlungs- und Führungsverantwortung getrennt. Letztere beruht auf der „Allgemeinen Führungsanweisung“, die über die Festlegung der Führungsgrundsätze das Verhältnis zwischen Vorgesetztem und seinen Mitarbeitern regelt. Insbesondere ist der Dienstweg einzuhalten, Stabsstellen ist keine Weisungsbefugnis zugeordnet. Der Stellvertreter und dessen Aufgabe der Stellvertretung sind wichtige Kriterien zur Aufrechterhaltung der Handlungsfähigkeit.[5]

Dieses Modell fällt nicht vom Himmel: Er greift zum einen tief in die (Militär)Geschichte zu Scharnhorsts Auftragstaktik, bei der die Offiziere einen Auftrag bekamen und diesen dann mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln selbstständig erreichen sollten. Der Chef gibt die Anweisung, dass etwa eine bestimmte Stückzahl produziert werden soll und beschränkt sich dann auf die Beobachtung, ob auch diese bestimmte Stückzahl produziert wird. Wie dies geschieht, ist ihm egal. Höhn greift hier auf seine eigenen Überlegungen aus dem Nationalsozialismus zurück. Denn dieser war doch weiter von einem höchst effizienten und alles kontrollierenden Staatswesen entfernt als weithin bekannt ist. In einem langen – und für Laien höchstwahrscheinlich unlesbaren – Kapitel ergründet Chaopoutot die Staatsskepsis der Nationalsozialisten, welche die „Lebenskraft des deutschen Volkes“ vom preußischen Verwaltungswesen erstickt sahen. Es ist dieses gewissermaßen jugendliche Zerstören althergebrachter Vorschriften und Verwaltungsroutinen, das den Nationalsozialismus auszeichnet. Die moderne Digitalwirtschaft würde vielleicht davon sprechen, dass die Verwaltung „disrupted“ wurde.

Es ist aber nicht nur eine Skepsis gegen starre Regeln: Der nationalsozialistische Eroberungsfeldzug stellt die Verwaltung ganz konkrete Personalprobleme. Es gibt schlicht und einfach nicht genügend deutsches Verwaltungspersonal, um all die eroberten Gebiete so zu verwalten wie das Reich selbst. Die der Wehrmacht folgenden Verwaltungsbeamten müssen mit wenig Personal viel leisten und hier soll für Höhn wieder die Auftragstaktik greifen: Von oben kommt das Ziel und wie es dann vor Ort umgesetzt wird, ist Sache des Verwaltungsbeamten vor Ort. Möglichst wenig Regeln und Gesetze sollen dessen Handlungsfähigkeit einschränken. Wichtig ist nur, dass er sein Ziel erreicht. Egal wie.

Dieser Freiraum an Autonomie zog eine entsprechend größere Verantwortung nach sich: Den Auftrag erfolgreich abzuschließen wurde erwartet; daran zu scheitern bedeutete das persönliche Versagen desjenigen, der seiner Aufgabe offensichtlich nicht gewachsen war. Die Autonomie war nichts als Fassade: Der Untergebene war zwar frei, die Mittel zu wählen, aber sicherlich nicht, das Ziel zu bestimmen.

Das funktioniert natürlich nicht: Gerade die Gebiete im Osten sind bekannt für die Exzesse, die Korruption und die persönliche Bereicherung durch die deutsche Verwaltungsspitze. Diese konkrete Umsetzung der Ideen Höhns vor Ort thematisiert Chaopoutot leider nicht stark.

Wirklich vage bleibt er auch bei seiner eigentlichen Fragestellung: Zum einen ist Höhns Harzburger Modell heute nicht mehr das Modell, welches in den Wirtschaftsakademien gelehrt wird. Gewisse Elemente kommen uns bekannt vor, aber im normalen Arbeitsleben wird man nicht mehr mit dem Harzburger Modell in Berührung kommen. Chaopoutot bleibt auch in seiner Analyse bei den Texten Höhns und geht nicht auf die wirklich interessante Frage ein, wie das Harzburger Modell dann in den Betrieben gelebt und wie diese Ideen dort umgesetzt wurden. Denn wir wissen alles, dass alle betriebswirtschaftlichen Organisationstheorien beim ersten Kontakt mit der Firmenrealität sofort zu brennen anfangen. Man kann sich wunderbar vorstellen, wie so manch ein Firmenpatriarch der 50er Jahre aus der Akademie in Bad Harzburg zurück kam und natürlich seinen Mitarbeitern keine (Schein)autonomie gegeben hat. Dies zu untersuchen wäre schwieriger als theoretische Texte auf Kontinuitäten zu der Zeit vor 1945 zu untersuchen. Hier dürfte eine passende Quellenbasis nur schwer zu finden sein.

In den 1970er Jahren holt seine Vergangenheit Höhn ein: Der Spiegel berichtet groß und breit über ihn und seine Tätigkeit vor 1945 als er gerade dabei war, lukrative Beratungstätigkeiten für die Bundeswehr einzufädeln. Und der Zeitgeist wandelt sich: Das Harzburger Modell sei zu starr, zu wenig flexibel, zu bürokratisch. Andere Modelle setzen sich durch, die zwar ähnlich sind, aber dann doch anders: So ist das „Management by Objectives“ (auch heute noch bekannt durch seine SMART-Ziele) im Kern nah an Höhn, aber dann doch eben völlig ohne einen nationalsozialistischen Kern: Entwickelt wurde es von Peter Drucker, einem ursprünglich jüdischen, zum Protestantismus konvertierten Managementberater, der vor den Nazis in die USA geflüchtet ist. Es bleibt daher leider offen, was hier dann wirklich der nationalsozialistische Kern der Theorie ist und wie dieser die Nachkriegsarbeitswelt geprägt hat. Was bleibt, ist ein weiterer Baustein in der Erforschung der Frage, wie stark 1945 ein Bruch war. Auch für den Falle Höhns zeigt sich, dass der Bruch nicht so radikal war, wie gerne behauptet wurde, sondern dass die Gedankenwelt, die Theorien und die Ideen rhetorisch abgerüstet dann doch in die BRD gerettet werden konnten. Der eigentliche Bruch kam dann erst später mit der Ablösung der NS-Funktionäre aus leitenden Positionen.

Veröffentlicht unter Bücher | Kommentare deaktiviert für Wie viel Nationalsozialismus steckt in unserem Arbeitsleben?

Wiki überarbeitet

Einige haben es vielleicht schon bemerkt: Ich habe mein altes Wiki umgestellt und das MediaWiki abgeschaltet. Dieses hatte sich bereits seit einer Weile als zu aufwändig zu administrieren erwiesen. Die Software hinter der Wikipedia ist dann doch für einen Einzelkämpfer wie mich eine Runde zu groß und läuft auch auf einem vServer nicht ideal. Ich hatte es bereits vor einer Weile durch eine statische Version ersetzt und die dynamische Version nur in einem Verzeichnis mit Zugriffsschutz betrieben, aber auch das war kein Idealzustand. Ein Wiki als private Notizensammlung lebt ja gerade davon, dass man es schnell aktualisieren kann.

Nach langer Suche stellt sich zum einen heraus, dass das Softwaregenre der Wikis recht tot ist. Es gibt MediaWiki. Es gibt diverse Enterprise-Produkte zur firmeninternen Dokumentation und dann noch diverse OpenSource-Produkte, die wieder keinen perfekten Eindruck auf mich gemacht haben.

Daher habe ich jetzt den Schritt zu ZIM-Wiki gemacht, welches ein grundliegend anderes Konzept verfolgt. Es ist zuerst ein Desktop-Notiztool ohne Datenbank. Die Notizen liegen einfach in markdownähnlichem Format auf der Festplatte. Eine Textdatei pro Unterseite und die Bilder liegen dann in einem weiteren Unterordner. Daraus kann man dann alles als HTML exportieren und als Webseite benutzen. Das ist so denkbar simpel, dass es (hoffentlich) zukunftssicher ist. Reines HTML & CSS benötigt keine Sicherheitsupgrades, keine Datenbanken und da die Software selbst lokal läuft, sollte sie auch die nächsten zig Jahre funktionieren. Falls nicht, sind alle Daten nicht in einer kryptischen Datenbank ohne Exportfunktion gefangen, sondern in simplen Textdateien, die sich auch über andere Softwares verarbeiten lassen.

Ich habe noch nicht alle Seiten migriert und habe die Migration auch dazu genutzt, um einmal kräftig aufzuräumen. Aber es sind auch einige neue Dinge hinzugekommen – etwa eine umfangreiche Sammlung historischer und höchst lesenswerter Reportagen, ein paar Unterseiten zu @die_reklame wie z.B. meine Sammlung lesbarer Kurrent- und Sütterlinbeispiele und auch Excel-Tipps für fortgeschrittene Nutzer.

In der nächsten Zeit kommen noch ein paar weitere Sachen hinzu, denn nun macht das Aktualisieren auch wieder Spaß.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Wiki überarbeitet

Freitagabendgestaltung

Schritt 1: Die taz berichtet über Leo Heller, einen Journalisten und Chronisten der Berliner Unterwelt der 1920er Jahre. Genau mein Ding. Ich will was von ihm lesen.

Schritt 2: Seine Bücher sind aber nirgends online zu finden und antiquarisch auch nicht zu greifen. ZVAB & Co haben nichts im Angebot und die Bücher sind in den 1920ern in nicht allzu großer Auflage erschienen. Schlechte Karten also, etwas zum Lesen zu finden.

Schritt 3: Einen freundlichen Hinweis erhalten, dass das Zeitungsportal ANNO einige seiner Reportagen in seinen Zeitungsscans hat und die mit Freude gelesen.

Schritt 4) Auch die lokalen Bibliotheken hier in Freiburg haben seine Bücher nicht.

Schritt 5) Google Books hat das gesuchte Buch „Berliner Razzien“ gescannt, aber zeigt dieses aus Urheberrechtsgründen nicht an.

Schritt 6) Der KVK verweist auf HaitiTrust, welches das Buch zwar nachweist, aber mir auch aus Urheberrechtsgründen nicht anzeigt.

Schritt 7) VPN an und in die USA getunnelt: Jetzt ist das Buch im Volltext zu sehen! Ein kompletter Download ist aber nur möglich als „Mitglied einer Partnerinstitution“, was ich nicht bin. Ich könnte alle 209 Seiten als Einzel-PDF herunterladen und dann manuell zusammenfrickeln.

Schritt 8) Aber: Ein weiterer Downloadlink verweist wieder auf Google Books, welches mir als „VPN-Amerikaner“ einen Download ermöglicht.

Schritt 9) Oder auch nicht – zum Download benötige ich einen Google-Account und ich habe nur einen deutschen Account. Meine Motivation, mir einen weiteren Google-Account anzulegen, geht gegen null.

Schritt 10) Daher einen Google Books Downloader gesucht und neben diverser sehr dubioser Seiten und Angebote auf GitHub ein passendes Python-Skript gefunden. Dieses lädt mir jetzt das Buch von Google Books herunter und erstellt daraus direkt ein PDF.

Schritt 11) Jetzt kann ich endlich das Buch lesen. Was ein Quatschfug.

Veröffentlicht unter Digitales Werkzeug | Kommentare deaktiviert für Freitagabendgestaltung

LKW fahren, 1974

Diese alte Fernsehreportage aus der Sendung der Maus im lange vergangenen Jahr 1974 ist einfach ein wunderbares Zeitdokument.

Die Dokumentation zeigt den Arbeitsalltag eines Fernfahrers aus richtig melancholischer Sicht, aber es sind die kleinen Details, welche sie zum Kleinod machen: Diese Innenaufnahmen der Raststätte! Der Zigarettenautomat! Der Umgang mit dem Thema Ladungssicherung! Die Organisation einer Spedition vor Handys, GPS und Navigationsgeräten – wie da der Fernfahrer erst am Ziel die Gelegenheit hat, per Festnetz die Zentrale anzurufen. Das Luftgewehr über dem Bett des Sohnes! Der akkurat gebundene Schlips. Wie sie im Büro ganz selbstverständlich rauchen. Wie er mit der Kippe im Mund den Tank befüllt. Der Sendeschluss im Radio – die ganze Doku bringt ein völlig vergessenes Westdeutschland wieder ans Tageslicht und bietet gerade in Ihren kleinen Details unglaublich viel.

Veröffentlicht unter Fundstücke | Kommentare deaktiviert für LKW fahren, 1974

Ein historischer Wahl-o-Mat zur Reichstagswahl 1919

Den Wahl-o-maten kennt mal von diversen Bundes- und Landtagswahlen. Das Bundesarchiv hat im Rahmen seines Projektes 100 Jahre Weimarer Republik einen historischen Wahl-o-maten für die Reichstagswahl 1919 online. Es funktioniert, wie man es gewohnt ist: Man bekommt einige Fragen gestellt und am Ende gibt es ein Ergebnis, welche Partei zu einem passen würde:

Vor 100 Jahren hätte ich anscheinend SPD gewählt.

Das ist ein wirklich wunderbares Tool, um in die Parteienlandschaft der Weimarer Republik einzusteigen. Die SPD kennt man ja. Aber wer war nochmal die DDP, die mir mit 62% empfohlen wird? Was macht die DNVP so wenig empfehlenswert für mich? Welche Positionen des Zentrums teile ich? Gerade für den Geschichtsunterricht ist das ein perfekter Einstieg ins Thema.

Der Wahl-o-Mat ist Teil eines großen Themenportals zur Weimarer Republik mit zahlreichen Quellendigitalisaten aus dem Bundesarchiv und weiteren Informationen.

Veröffentlicht unter Fundstücke | Kommentare deaktiviert für Ein historischer Wahl-o-Mat zur Reichstagswahl 1919

Mediendiät oder einfach mal abschalten

Warum nicht mal rausgehen?

Es sind gerade wilde Zeiten und es ist viel, viel los. Die Nachrichten überschlagen sich jeden Tag und es sind keine guten Nachrichten. COVID-19. US-Wahlen mit all dem, was Donald Trump so produziert. Kriege. Terrorismus. Schwankende Potentaten, die zündeln, um die eigene Macht zu erhalten. Das Eis im Nordmeer kommt nicht mehr, die Klimakatastrophe nimmt also gigantisch an Fahrt zu. Die Wirtschaft wackelt, die Wälder brennen und all das kommt schön per Pushnachricht rein. Und das ist auf Dauer nicht gesund.

Das stetige Bombardement mit schlechten Nachrichten macht etwas mit den Menschen: Fast egal mit wem man redet, am Ende merkt man, dass sich etwas aufstaut und dann platzt es aus den Leuten heraus. Ich habe das Glück, (noch?) keinen Coronaleugner im Bekanntenkreis zu haben, aber auch so merkt man deutlich, dass eine aufgestaute Wut herrscht. Die Maßnahmen sind nicht genug. Die Maßnahmen sind schlecht umgesetzt. Dies und das könnte besser umgesetzt werden. Und warum tut denn keiner mal was gegen dies und das? 

Fiebrig sitzt die Nation vor den Livetickern, stetig steigende, schlechte Zahlen prasseln herein und aus den Nachbarländern kommen Katastrophennachrichten und Bilder, die schlimmes für einen selbst ahnen lassen. Die Tagesschau um 20 Uhr könnte auch der Vorspann eines Horrorthrillers sein. Auf Twitter, Facebook & Co wird ein Aufreger nach dem nächsten durchs Dorf getrieben. Wirre Wirrköpfe bekommen eine Bühne, weil alle deren Aussagen weiterverbreiten, um zu kommentieren, dass die natürlich völlig wirr sind. Trotzdem bekommen die geistigen Ergüsse von Veganköchen, Musikern und sonstigen Experten-Virologen enorme Reichweite. In den Telegram-Gruppen der Schlagerbarden herrscht ein Tonfall, der so aufgeheizt ist, dass man jederzeit befürchten muss, dass die ganze Verschwörerszene in den bewaffneten Untergrund geht. Dieses Geschwurbel wird einem täglich ins Gehirn gespült – und selbst wenn man die Naidoos noch ignorieren kann, den Blödfug des US-Präsidenten kann man nicht ignorieren, denn er wird wirklich auf allen Kanälen durch die Medien gepumpt.

Das ist auf Dauer nicht gesund. Diese stetige Aufgeregtheit macht keine gute Stimmung. Achtet mal auf euch: Wann war das letzte Mal als ihr in Twitter geschaut habt und mit besserer Laune herausgekommen seid? Das letzte Mal, dass ihr wirklich Spaß und Freunde beim Checken von Facebook-Nachrichten hattet? Wann war das letzte Mal, dass ihr die Tagesschau geschaut habt und gedacht habt, dass das jetzt eine wirklich gute Nachricht ist? 

Ich will kein allgemeines Plädoyer dafür halten, gar keine Nachrichten mehr zu lesen. Aber es macht aktuell Sinn, den Konsum zu reduzieren und sich ganz bewusst zu fragen, ob man sich jetzt wirklich einen bestimmten Aufreger geben will oder ob man sich nicht dann doch lieber auf sein Sofa zurückzieht und ein gutes Buch liest. Muss man den Artikel “Bei Niederlage von Trump: US-Rechtswissenschaftler warnt vor „totalem System-Zusammenbruch” lesen? Oder kann man damit nicht doch einfach warten und schauen, ob der Kerl wiedergewählt wird und dann schauen, was passiert? Beeinflussen kann man die US-Wahl von Deutschland aus eh nicht, man ist nicht wahlberechtigt und auch wenn man jede Debatte des Wahlkampfes fiebrig verfolgt, ändert das trotzdem nichts. Warum sich also aufregen? Einfach ausblenden und am Mittwoch Morgen wissen wir, wer gewählt wurde.

Das gilt auch für Corona: Es gibt gerade zwei Dinge, die man nicht ignorieren darf: Das lokale Infektionsgeschehen, um die eigene Gefährdung zu beurteilen und die aktuell geltenden Regelungen und Gesetze, damit man sich dran halten kann. Aber alles andere? Muss man jetzt die Zahlen verschiedener Länder vergleichen? Muss man sich noch eine Talkshow reinziehen, in der Vertreter der Gastronomie erzählen, wie schrecklich alles ist? Ja, das ist schrecklich, aber ganz ehrlich: Beeinflussen kannst du das auch nicht. Die Politik kann Hilfen beschließen. Oder auch nicht. Du kannst halt mal zum Restaurant um die Ecke schlurfen und dir was zum Mitnehmen holen – das hilft viel mehr als noch eine Folge Markus Lanz schauen und sorgt für bessere Laune. Futter das Takeout und schau lieber einen guten Film.

Kannst du beeinflussen, ob irgendwelche Nasen in Berlin irgendwelche Coronademo-Superspreaderereignisse veranstalten? Nein. Du kannst auf deine Crowd aufpassen und die darauf hinweisen, wie wichtig es ist, jetzt vorsichtig zu sein. Zieh dir nicht den Irrsinn von Attilla Wirrkopf rein, denn auch das belastet. Vertraue oder hoffe darauf, dass irgendwann die zuständigen Stellen diesem Treiben ein Ende bereiten. Wenn du dich in deinem Wohnzimmer vor dem Laptop aufregst, bringt das absolut gar nichts außer dich selbst zu belasten

Gute Laune ist nämlich gerade rar – und daher ist es auch völlig okay, wenn man sich selbst in eine Gute Laune-Wohlfühlblase zurückzieht und mal nicht irgendwelche Videos vom Krieg in Bergkarabach schaut oder auch mal den nächsten von US-Polizisten erschossenen Schwarzen ignoriert. Da kannst du nämlich eh nichts machen und es ist in Ordnung, wenn du das nicht in dich reinfrisst bis die Wut überkocht. Spende einen Fuffi an Black Lives Matter, aber schau dir nicht in HD und Farbe an, wie jemand langsam erstickt wird und um sein Leben bettelt. Das bringt nur eins – dass du dich aufregst, dass du die Schlechtheit der Welt in dich reinfrisst und dass du dich von all dem Schrecklichen überwältigt fühlst.

Eine so krasse und dynamische Nachrichten- und Weltlage hat von uns wohl kaum einer erlebt. Daher gibt es auch keine Erfahrungen damit – die früheren Krisen sind nicht mit einer so dermaßigen Wucht ins Leben geknallt. Damals gab es andere Medien und man muss sagen, dass Zeitungen, Radio oder Fernsehen nicht diese unglaubliche stetige Berieselung erzeugen können wie die geballte Macht des Echtzeit-Internets.

Pass daher auf dich auf – die nächste Zeit wird nicht gerade lustig werden, es wird sich alles noch eine Weile hinziehen und es können noch ganz bittere Schicksalsschläge kommen. Daher ist es wichtig, dass du deine Kräfte behältst und dir auch mal eine Auszeit gönnst. Wenn es regnet, darf man sich auch mal unterstellen. Schau genau drauf, was du an Medien konsumierst.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Mediendiät oder einfach mal abschalten