Raus aus der Nachrichtenmühle

Die Weltlage gerade ist ja eher Weltschmerz denn Freude und in Vorbereitung auf einen sicherlich nicht wirklich  angenehmen Winter habe ich mir vorgenommen meinen Nachrichtenkonsum etwas anzupassen.  

Der Plan war der folgende:

  • Da externe Anbieter irgendwann zwangsläufig mies werden, soll das gesamte System in meiner Hand liegen
  • Das System soll möglichst wartungsfrei sein und eben nicht stetige Pflege benötigen
  • Es soll geräteübergreifend funktionieren, sowohl am PC mit verschiedenen Betriebssystemen als auch am Handy oder Tablet ,
  • Die Technik soll zukunftssicher sein, also keine experimentellen oder extrem veralteten Techniken einsetzen
  • Ich will alles an einer Stelle haben und will nicht zig Seiten besuchen müssen
  • Die Lösung war dann nach etwas Nachdenken keine fancy App, kein KI-gesteuertes Startup, kein RSS-Reader, sondern… ein simples Mailpostfach.
  • Das Mailpostfach auf meinem Server liegt in meiner Hand. Wird mein Hoster mies, kann ich es einfach zu einem anderen umziehen
  • Es ist zu 100 % wartungsfrei
  • Mails lassen sich praktisch überall abrufen, selbst auf manchen Kühlschränken
  • Etwas zukunftssicheres als E-Mail dürfte es kaum geben. Das bleibt
  • Es ist sowohl ein Push- als auch ein Pull-Dienst. Je nach Lust und Laune kann ich das Postfach lesen, wenn neue Mails kommen oder halt wenn ich gerade Lust habe

Herzstück sind zwei Elemente: Ein Dienst, der RSS-Feeds in Mails umwandelt und … Newsletter.

Und so banal sieht das dann aus

In der ersten Testphase nutze ich vorerst Blogtrottr.com – zugegebenermaßen ein Verstoß gegen die erste Vorgabe, dass alles in meiner Hand sein soll. Es gibt aber auch diverse Open Source-Tools für diesen Zweck, aber manchmal darf man einen Teil auch erstmal testen. Blogtrottr macht den Job ganz gut, blendet aber in der kostenfreien Version Werbung ein. Diese ist aber problemlos mit Thunderbird (PC) und Blockada (Android) zu blocken.

Mit Blogtrottr abonniere ich diverse RSS-Feeds, bei denen mir die Einträge dann als einzelne Mails oder (wahlweise) als Tageszusammenfassung zugestellt werden. Diese Mails sortiere ich dann per Filterregel im Postfach in einen Unterordner je nach Quelle.

Ein wirklich großartiger Nebeneffekt ist, dass man die Nachrichten auf diese Weise auch filtern und sortieren kann:

Ist der Absender „Tagesschau“ und der Betreff enthält „Trump“, lösche die Nachricht

Ist der Absender „Heise.de“ und der Betreff enthält „Tesla“ oder „Musk“ oder „Apple“, lösche die Nachricht

Ist der Absender „Tagesschau“ und der Text enthält „Freiburg“, verschiebe die Mail in den Ordner „Freiburg“

Auf die Weise kann man sich seine eigene Mediendiät zusammenstellen, was so mit dem normalen Surfen auf den üblichen Nachrichtenseiten nicht möglich ist. Dort bekommt man stets die volle Ladung Nachrichten um die Ohren geknallt, so irrelevant oder redundant sie auch sind. Bunt, mit Bildern, mit Videos und lautem Geschrei. Ich weiß aber bereits, dass Donald Trump ein großer Idiot ist. Ich will daher nicht mehr jeden Gedankenfurz von ihm lesen müssen, der genau das nochmal beweist. Ich habe gerade kein Interesse daran ein Produkt von Apple zu kaufen und trotzdem sind alle Techseiten voll mit Nachrichten und Spekulationen zum neuen iPhone. Auch das aktuelle Auto fährt noch, daher ist es auch total irrelevant, was ein Elon Musk gerade wieder macht.

Man unterschätzt es auch, wie sehr manche Personen die Medien „gehackt“ haben und sich ständig mit wilden Aussagen in der Öffentlichkeit platzieren. Da gibt es einen Bürgermeister einer süddeutschen Mittelstadt, der in seiner Partei keine weiteren Funktionen als Bürgermeister hat. Spiegel Online schrieb 554 Artikel über ihn. Da gibt es eine Politikerin einer deutschen Kleinpartei, die nur dank drei Direktmandate im Bundestag vertreten ist. 1776 Artikel. Die Herausgeberin einer Zeitschrift mit 25000 Lesern? 1199 Artikel.

Das gilt auch für bestimmte Länder – man liest mehr Artikel über die US-Innenpolitik als über die Innenpolitik unserer Nachbarländer. Ich habe noch nicht den perfekten Filter für das Ausblenden der für uns völlig irrelevanter US-Vorwahlen gefunden, aber höchstwahrscheinlich geht das wunderbar über „Lösche Mail, wenn sie „Trump“ enthält“ – auch hier ist man sicherlich besser dran, wenn man sich erst mit dem Thema beschäftigt, wenn die beiden Präsidentschaftskandidaten feststehen. 

Sieht wild aus, filtert aber erstaunlich viel Unfug. Ich bin übrigens kein erfahrener Administrator und bastel da trotzdem rum

Es ist wirklich angenehm, wenn man bestimmte Leute und Themen einfach ausblenden kann. Kein Interesse an Formel 1? Weg damit! Kein Interesse an Fußball? Löschen! Ist das schlimmste Cancel Culture? „Cancel Culture“ ist auch ein wunderbarer Begriff zum Filtern, denn kein Artikel mit diesen beiden Wörtern im Titel enthält etwas Sinnvolles.

Das ist jetzt kein Aufruf, sich nicht mehr zu informieren und den Kopf in den Sand zu stecken. Aber gleichzeitig ist es auch völlig ok, wenn man nicht alle Not der Welt in sich reinfrisst und bestimmte Themen, an denen man eh nichts ändern kann, einfach ignoriert. So wichtig staatsbürgerliches und politisches Engagement auch ist – den Nahostkonflikt bekommt man vom Sofa in Deutschland aus eh nicht gelöst und daher bringt einen auch die 237. Nachricht über Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen wirklich nicht weiter. Das kann man auch einfach ignorieren – und sollte die Lage dort wirklich komplett eskalieren, dann bekommt man es trotzdem irgendwie mit. 

Im Zeitalter des algorithmisch empfohlenen Schwachsinns ist es ernsthaft befreiend, wenn man bestimmte Themen einfach nach freier Entscheidung nicht mehr konsumieren muss, statt sie wirklich an jeder Stelle um die Ohren gehauen zu bekommen. Auf Twitter kommt man um den Aufreger des Tages nicht drumrum, die Nachrichten bringen es als Hauptschlagzeile und am Ende bekommt man die neusten dummen Aussagen eines Donald Trumps auch noch über das Widget in der Windows-Taskleiste direkt ins Gesicht geballert. Es ist wirklich schön, wenn man etwas dann doch aus freien Stücken ignorieren kann.

So geht’s

Aber ich schweife ab: Wer sich ebenfalls ein entsprechendes System abschauen will, der kann das recht einfach machen, die Bausteine sind wirklich simpel:

  1. Ein neues Mailpostfach einrichten. Ich hab hier meinen eigenen Server, aber jeder Freemailer geht natürlich auch oder man schickt alles in sein normales Postfach
  2. Ich nutze gerade Blogtrottr.com als RSS2Mail-Dienst
  3. Ich kombiniere das aktuell – in völliger Verletzung meines ursprünglichen Planes – dann noch mit morss.it einem Dienst, welcher beschnittene RSS-Feeds wieder in Volltext-Feeds umwandelt
  4. Das Filtern ist je nach Anbieter unterschiedlich

    Das Postfach kann dann wirklich überall gelesen werden: Browser, Mailprogramm, Smartphone, Tablet, Kühlschrank, Mittelklasse-Audi oder Smartwatch.

Auf die Weise kann man – ohne Werbung und ohne das Mailprogramm zu verlassen – alles entspannt lesen. Alle Dienste ließen sich aber problemlos auch selbst betreiben oder schnell ersetzen, wenn die fremdgehosteten Varianten den Weg aller Clouddienste gehen.

Das andere Element meiner neuen Nachrichtenstrategie sind Newsletter. Die boomen gerade eh und wer früher ein Blog hatte, hat jetzt einen Newsletter. Es gibt jede Menge kluge Köpfe und kluge Newsletter. Hier findet man – neben jeder Menge Müll – auch genau die leisen und ruhigen Stimmen, die lange, ausgewogene und durchdachte Artikel schreiben, welche in den Sozialen Netzwerken völlig untergehen. Und manch einer, der auf Twitter gerne provoziert, zeigt sich in seinen Newslettern dann sogar als kluger und durchdachter Feingeist. Und meine Lokalzeitung bietet sogar einen allabendlichen Newsletter, in dem das Lokalgeschehen zusammengefasst wird.

Welche Vorteile gibt es noch? Man hat ein Volltextarchiv der gelesenen Nachrichten, in dem man suchen kann. Man kann offline lesen. Nach einem Urlaub oder einer Phase der Nachrichtenabstinenz kann man sich wieder auf den aktuellen Stand bringen, ohne etwas zu verpassen. Man kann einfach alle Premium-Plus-Paywall-Artikel rausfiltern. Einen Daily Digest bestimmter Twitter-User bekommen. Oder mit einem Webseiten-Monitoring-Tool die Webseite der Freiburger Lebensmittelkontrollen beobachten, um in bestimmte Restaurants definitiv nie mehr zu gehen. 

Fazit

Es funktioniert. Es ist nerdig, es braucht etwas Einrichtungszeit, aber es ist eine wunderbar entspannte Art, um Nachrichten zu konsumieren. Die Infrastruktur in eigener Hand. Werbefrei. Unerwünschtes wird rausgefiltert.

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The Ministry for the future

Es gibt manchmal so Bücher, die einem plötzlich überall begegnen und über die verschiedene Menschen sich in verschiedenen Kontexten unterhalten. Mir ist das mit Kim Stanley Robinsons „The Ministry for the Future“ dieses Jahr passiert. Wenn verschiedene Menschen sich über ein Science Fiction-Buch unterhalten, dann ist das häufig ein Zeichen dafür, dass sich ein genauerer Blick lohnt. (Oder es handelt sich um Bücher wie 50 Shades of Grey, aber das ist ein anderes Thema)

Zuerst wurde ich auf das Buch Anfang des Jahres aufmerksam als in Indien eine gigantische Hitzewelle zuschlug – mein Twitter war plötzlich voll mit Erwähnungen des Buchs. Danach tauchte es immer wieder auf und als ich es dann in der örtlichen Buchhandlung sah, habe ich es einfach gekauft.

Und was soll ich sagen: Es ist ein krasses Buch. Ein Buch, das sich jeder Zusammenfassung entzieht. Ein Buch, das eigentlich Science Fiction ist, dann aber eben wieder so nah an der Gegenwart ist, dass diese Genrezuschreibung nicht passt. Ein Buch, das keine wirkliche Story hat, keinen großen Spannungsbogen und auch nur Charaktere, die verblüffend blass werden. Ein Buch, das fast mehr Sachbuch als Roman ist, aber dann eben doch kein Sachbuch ist.

Worum geht es? Es geht um das „Ministerium für die Zukunft“, eine UN-Organisation, welche die noch ungeborenen Menschen und ihre Interessen vertreten soll. Daraus entspinnt sich eine Geschichte der Klimakrise, der menschlichen Reaktionen auf diese Krise und möglicher Szenarien, wie die Klimakrise verlaufen könnte. Es ist wirklich schwer zu beschreiben, worum es überhaupt in diesem Buch geht: Robinson beschreibt eine mögliche, nahe Zukunft, in der gewaltige Klimakatastrophen passieren. Er beschreibt Lösungen, wie Menschen diese Krise versuchen zu bewältigen. Er beschreibt politische Maßnahmen. Er beschreibt technische Lösungen. Er beschreibt ein Aufkommen eines radikalen Ökoterrorismus, der sich gegen Klimasünder richtet. Das liest sich wie ein wilder Fiebertraum – Robinson haut einem in einem fast stenographischen Stil hunderte verschiedene Konzepte, Theorien und Ideen ins Hirn. Alle kurz und knapp, alle regen zum Nachdenken und Recherchieren an und wer das tut, wird mit dem Buch nie fertig werden, aber dafür klüger. 

Und vielleicht wird man auch etwas optimistischer: Aktuell fühlen sich alle Nachrichten an der Klimafront ja apokalyptisch an. So als ob man in einem viel zu schnell fahrenden Auto unterwegs ist, das gerade ins Schlingern gerät. Corona und der Ukraine-Krieg lenken gerade alle ab, wir verlieren weitere, wichtige Jahre und die Extremwetterereignisse werden mehr, wir verbrennen aber weiter immer mehr CO2. Am Ende kann man als mittelalter Mensch fast nur froh sein, wenn man dann irgendwann so 2050-2070 den Löffel abgeben kann und der Planet bis dahin noch nicht völlig zerstört ist. Wer Kinder hat, muss eigentlich verzweifeln.

Kim Stanley Robinson denkt wenigstens Wege, wie sich eine Katastrophe abschwächen kann. Wie die Menschheit doch noch die Kurve bekommen könnte. Und das ist wirklich höchst inspirierend. Man muss nicht jede Idee für gut halten. Man muss auch nicht jede Idee für umsetzbar halten. Manchmal macht sich Robinson die Lösung auch zu einfach – so „löst“ er das Problem des globalen Flugverkehrs einfach durch einen weltweiten Drohnenterrorismus gegen Flugzeuge, welche dann durch Luftschiffe ersetzt werden. Allgemein spielt Terrorismus gegen Umweltsünder eine große Rolle im Buch – ohne jetzt größere Spoiler zu bringen, fällt einem auf, dass das Buch radikaler denkt als die aktuelle Klimabewegung. Aktuell kleben sich die Radikalen Klimaschützer im Berufsverkehr auf Straßen, um gegen den Verkehr zu protestieren und werden dann dafür von Autofahrern verprügelt. Im Buch sieht dies deutlich anders aus – und ich bin wirklich gespannt, ob wir irgendwann eine radikale Ökoterrorismusbewegung sehen, die etwa Manager von Ölfirmen oder Milliardäre wie die Koch Brüder umbringt oder wirkliche Anschläge auf die fossile Infrastruktur begeht.

Von daher: „The Ministry for the Future“ ist ein radikales Buch. Anders als so vieles, was man sonst liest. Es widersetzt sich erfolgreich allen Genrekonventionen. Es regt zum Sorgen, zum Denken, zum Recherchieren an – und genau daher ist es absolut lesenswert.

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Innenstädte

Die Innenstädte sind in der Krise, so schallt es überall her. Selbst in Freiburg, wo es noch boomt und die Stadt zu jeder Gelegenheit voll ist, wird über eine Krise der Innenstadt geredet. In anderen Städten stolpert man über Leerstand, 1 Euro-Läden, Spielhallen und gähnende Langeweile.

Der Schuldige ist in der Lokalpresse natürlich schnell ausgemacht: Der böse Onlinehandel. Wenn die Menschen einfach alles bei Amazon bestellen, dann fährt keiner mehr in die Innenstadt und die Geschäfte sterben. Aber ist es wirklich so einfach?

Auch vor Corona waren viele deutsche Innenstädte vor allem eins: Austauschbar. Ob man jetzt nach Dortmund, Freiburg, Köln oder Frankfurt gefahren ist, am Ende ist man immer auf die gleichen Ketten gestoßen. Neben dem Karstadt gibt es dann den Kaufhof, den H&M, den C&A, den Thalia, den WMF-Store, den Saturn, einen Douglas, den Jack Wolfskin, den Deichmann, New Yorker, Telekom, Vodafone, O2, S. Oliver, Depot und dm. Oder halt die etwas heruntergekommene Variante für die etwas angeranzten Fußgängerzonen: Der Euroshop. Die Handyhüllen-Geschäfte.

Einerseits ist es natürlich nicht groß zu kritisieren, dass die großen Ketten ihre Waren auch in die kleineren Provinzstädte bringen. Andererseits ist das natürlich extrem langweilig. Wenn ich dann in einer fremden Stadt bin und genau das gleiche Angebot bekomme wie in Freiburg, dann erlischt natürlich jede Shoppinglust. Dann kann auch auch direkt zuhause einkaufen und muss die Einkäufe nicht mitschleppen. Aber es fehlt einfach etwas – wenn man im Urlaub einen coolen Laden findet, dann hat das etwas und der deutsche Innenstadteinheitsbrei erstickt das. Der Thalia hat halt das Thalia-Sortiment, aber er ist halt nicht der kleine Buchladen, in dem man die wirklichen Schätze findet und wenn es nur noch den Thalia gibt, dann wird der Städtetrip unattraktiver.

Austauschbarkeit ist ja eigentlich egal, wenn es um die eigene Stadt geht. Ob der Karstadt in Greifswald jetzt die gleichen Waren feilbietet wie der in Freiburg, kann mir als Freiburger wirklich egal sein. Wenn ich dann als Freiburger auf Urlaub in Greifswald kritisiere, dass die T-Shirts die gleichen sind, dann ist das meckern auf hohem Niveau. Das Problem sitzt tiefer:

Die Innenstädte sind in der Krise, weil man in ihnen wenig anderes machen kann als Einkaufen, Bürokratie, Arbeit, Arztbesuche, Essen und Trinken. Schon alleine aufgrund der hohen Mieten ist praktisch jeder Quadratmeter kommerzialisiert – Geschäft reiht sich an Café an Geschäft an Imbiss an Geschäft. Selbst die Gehwege und Plätze sind mittlerweile mit Außengastronomie belegt. Wer kein Geld hat und nicht gerade so spannende Dinge wie Arzt- oder Amtsbesuche erledigen muss, der kann in einer herkömmlichen Innenstadt wenig machen.

Nehmen wir mal Freiburg als Beispiel: Ohne Geld kann man sich auf die Betonwüste auf dem Platz der alten Synagoge setzen. Man kann auf dem Rathausplatz vor dem Brunnen sitzen, vor dem KGIV, im Colombipark auf dem Augustiner- und Adelhauserplatz. Man kann das Münster besuchen. Es gibt genau einen eher kleineren Spielplatz.

Erschreckenderweise hört es dann auf. Die Uni- und Stadtbibliotheken bieten immerhin ein paar unkommerzielle Elemente, aber es gibt ansonsten herzlich wenig zu tun, was nicht mit Einkaufen, Bürokratie, Arbeit, Essen und Trinken zu tun hat. Wer futtern will, ist gut aufgehoben. Wer sich eine ungesunde Menge an Cocktails in die Birne schrauben will, der auch. Wer etwas kaufen will, der auch. Aber eine interessante Innenstadt lebt eben von genau den Sachen, die nicht kommerziell sind. Den Effekt erlebt man dann am Sonntag, wenn die Geschäfte geschlossen sind: Dann wird die Innenstadt zur Wüste, mit der Gastro voller Touristen als Oase. Aber für den Einheimischen gibt es wirklich wenig Gründe, warum man dann am Sonntag in die Innenstadt fahren sollte.

Schaut man mal in einen Reiseführer zu einer beliebigen Stadt, dann tauchen dort selten die großen Shopping-Tempel auf. Die wirklich außergewöhnlichen, irgendwie urigen Geschäfte tauchen auf, aber zur lokalen H&M-Filiale wird man nicht vom Lonely Planet geleitet. In einer herkömmlichen deutschen Innenstadt gibt aber exakt diese sehenswerten Geschäfte nicht – und genau das macht sie dann so austauschbar und langweilig. Einkaufen. Bürokratie. Fressen. Saufen. Das war’s.

Eine lebenswerte Innenstadt ist aber mehr als das – ein richtig cooler Spielplatz für die Kinder bringt Leben rein. Der Freiburger Tanzbrunnen, wo sich im Sommer Abends Menschen einfach zum Tanzen treffen, bringt Leben rein. Eine handelsübliche Wiese, auf der Menschen sitzen können, macht jede Stadt lebenswerter als ein Nanu Nana. Und auch der Freiburger Augustinerplatz war zu seinen Hochzeiten ein Highlight – hunderte junge Menschen trafen sich dort an lauen Sommerabenden und saßen einfach friedlich zusammen.

Das zeigt aber auch die Probleme: Die Anwohner des Augustinerplatzes haben massiv mobil gemacht und die Stadt so lange bearbeitet, so dass dieser Treffpunkt jetzt nicht mehr das ist, was er mal war. Auch am Tanzbrunnen gab es Beschwerden eines Mediävistik-Doktoranden über den „unerträglichen Lärm“ der Tanzenden. Die Innenstadt scheitert an ihrer Dreifachfunktion als komplett durchkommerzialisierte Zone, Ausgehviertel und Wohngebiet. Unkommerziell genutzte Flächen wecken schnell Begehrlichkeiten – wenn diese Leute da eh im Sommer schon alle auf diesem Platz sitzen und Bier trinken, dann könnte man da ja auch eine größere Außengastronomie hinklatschen und richtig viel Geld verdienen. So geschehen etwa beim Ufercafé.

Natürlich wollen Menschen auch nach 22 Uhr noch gemütlich zusammensitzen, aber dann beschweren sich die Anwohner über die Nachtruhe – ein Problem nicht nur für unkommerzielle Treffpunkte, sondern auch für normale Kneipen. Da stoßen dann schnell verhärtete Fronten aufeinander. Am Ende leidet die ganze Attraktivität der Innenstadt.

Diese leidet auch an den gigantischen Mieten. Gerade in Freiburg ist es nicht gerade günstig einen Innenstadtladen zu betreiben und daher sind in den letzten Jahrzehnten nach und nach die kleinen, wirklich attraktiven Läden verschwunden. Sie sind entweder in die außerhalb gelegenen Bezirke gewandert, ins Internet oder halt ganz verschwunden. Es gab mal einen Buchladen, der sich auf Fantasy und Science-Fiction spezialisiert hat und eine wirklich gute Auswahl hatte. Die urigen Antiquariate mit ihren wild übereinander gestapelten Büchern sind verschwunden. Die anarchischen Second Hand-Laden sind weg. Die Nische ist im Prinzip nur noch im Luxussegment mit seinen hohen Margen möglich. Auch daran erstickt eine Innenstadt, denn gerade die Nische macht sie ja interessant und attraktiv. Will ich mir z.B. einen Schallplattenspieler kaufen, dann ist ein kleiner Laden mit ordentlicher Beratung und einer guten Auswahl halt attraktiver als der Saturn, der halt irgendwo zwei Standard-Modelle stehen hat, die ich aber auch deutlich günstiger online klicken kann. Der HighEnd-Audioladen, wo jeder Plattenspieler eine vierstellige Summe kostet und mit seinem minimalistischen Design ein Statement für den gesamten Wohnbereich ist, spricht auch nur eine sehr kleine Nische von sehr gut verdienenden Menschen an. Ein guter Buchladen ist inspirierender als das öde Sortiment in einer Buchladenkette wie Thalia – wenn ich das neue Buch von Daniel Kehlmann möchte, kann ich es auch einfach bei Jeff im Regenwald bestellen ohne in die Stadt zu fahren.

Also: Eine Stadt wird erst wirklich lebenswert, wenn man in ihr etwas anderes machen kann als Einkaufen, Fressen, Saufen, Arbeiten, Arztbesuche und Bürokratie. Es wäre zu wünschen, dass unsere Stadtplaner dies auch in ihre Planungen aufnehmen.

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Irrationale Akteure

Mir ist in der letzten Zeit etwas aufgefallen: Im Umgang mit irrationalen Akteuren denken viele Menschen immer noch, dass man diese irrationalen Akteure nicht provozieren dürfe oder dass man ihnen keine „Munition“ für ihre Propaganda geben dürfe.

Nehmen wir die Querdenker: Da waren viele Leute der Meinung, dass man nicht zu laut über eine Impfpflicht oder auch nur die Nebenwirkungen der Impfung reden dürfe, weil dies ja „Wasser auf die Mühlen“ der Querdenker sei. Bloß nichts zu laut sagen, damit diese dann hoffentlich nichts mitbekommen und dann kein großes Geschrei veranstalten. Gleichzeitig liefen die Querdenker lautstark durch die Straßen und schrien, dass es eine weltumspannende Verschwörung gebe, die alle Menschen durch die Impfung entweder umbringen oder mit Mikrochips kontrollieren wolle und dass im September 2021 alle Geimpften sterben würden und dass unsere Regierung uns alle in eine Diktatur bringen will.

Ähnliches mit Russland: Da wird gerade gerne getan, dass man ja Russland nicht durch irgendwas provozieren dürfe, weil Putin sonst eine ganz schlimme Gegenreaktion machen würde. Gleichzeitig zieht dieser Putin eine Schneise der Verwüstung durch die Ukraine. Seine Truppen morden, vergewaltigen, beschießen Theater, Schulen, Einkaufszentren, begehen Kriegsverbrechen und seine Propaganda lügt wie gedruckt. Er ist ein Meister darin, sich irgendwelche Provokationen auszudenken – wie schon alleine der offizielle Kriegsgrund zeigt, dass die Ukraine ein faschistischer Staat sei, der jetzt von der russischen Armee zu entnazifizieren sei. Die russischen Medien haben auch ein starkes Propaganda-Game und finden immer etwas. Dabei reißen sie auch gerne irrelevante Kleinigkeiten aus dem Kontext und bauen daraus einen riesigen Skandal. Oder sie verbreiten einfach ganz dreist offensichtliche Lügen.

Die QAnons sind ähnlich – wer ernsthaft glaubt und verbreitet, dass Hillary Clinton im Hinterzimmer einer Pizzeria in Washington Kinder sexuell missbraucht, der hat sich einfach aus der Realität verabschiedet.

Im Kleineren gibt es diesen Mechanismus auch in privaten Beziehungen, am Arbeitsplatz oder in der Schule. Es ist falsch zu denken, dass etwa jemand, der von seinem Partner geschlagen und missbraucht wird, daran eine Mitschuld habe. Dabei sind die Mechanismen andere: Das Opfer ist hier nicht der auslösende Faktor, sondern die Gewalt kommt tief aus dem missbrauchenden Partner und es geht um Macht, Kontrolle und Unterdrückung.

Auch beim Mobbing geht es nicht um den Inhalt der jeweiligen Mobbingaktivität – deswegen sind auch z.B. Kampagnen, die Schülern vermitteln sollen, dass Markenklamotten nicht wichtig sind oder Forderungen nach Schuluniformen, weil die Schüler sich dann nicht mehr über die Klamotten mobben können, wenig zielführend. Schlechte Menschen finden immer einen Anlass – oder denken sich einfach etwas aus. Das Gerücht trifft auch den saubersten Saubermann.

Einen ähnlichen Gedankengang findet man in der Literatur und in den Erinnerungen etwa zum stalinistischen Terror: Diese extreme Verwunderung der Opfer, dass sie jetzt in den Fokus der Repression geraten sind, obwohl sie ja nichts getan haben. Dieses blanke Unbegreifen bei der Konfrontation mit einem wahllosen Terror, der mit festen, zentral festgelegten Verhaftungs- und Erschießungsquoten gearbeitet hat. Und gleichzeitig dieses nagende Gefühl, dass ja irgendetwas dran sein müsse und dass die Nachbarn ja irgendwas angestellt haben müssen, weil sie sonst ja nicht verhaftet worden wären.

Was bedeutet das jetzt? So merkwürdig es klingt: Freiheit. Wenn die gehässigen Hexen aus der Parallelklasse sich so oder so die irrsinnigsten Gerüchte ausdenken, dann kann man sich auch die Haare blau färben und muss sein Taschengeld nicht für die neusten Markenklamotten sparen. Die lästern eh, egal, was man tut. Wenn die russische Propaganda aus harmlosen Nichtigkeiten einen Skandal macht, dann muss man in seinem Handeln keine Rücksicht auf sie nehmen. Wenn die Querdenker eh glauben, dass die Regierung alle Leute mit einer Impfung umbringen will, dann können wir als Restgesellschaft auch eine ehrliche und offene Diskussion über Impfungen & Gesundheit führen ohne auch nur ansatzweise Rücksicht auf diese verwirrten Gestalten mit dem Aluhut nehmen zu müssen. An irrationale Akteure kann man nicht mit normalen Maßstäben herangehen, denn ihr Verhalten entspringt nicht dem normalen Aktion -> Reaktion-Muster, das uns so vertraut ist. Es ist wichtig, dass wir dies endlich wahrnehmen.

Leider wird zu häufig noch den Opfern die Schuld oder wenigstens eine Mitschuld zugesprochen – die getragenen Klamotten hätten ja den Vergewaltiger so erregt, dass er sich einfach nicht mehr zurückhalten konnte. Man hätte sich nicht öffentlich zu Thema XYZ äußern sollen, da ist ja klar, dass man Morddrohungen von Rechtsextremisten bekommt. Der gemobbte Schüler soll dann das Gespräch mit den Mobbern suchen. Faktenchecks sollen „Fake News“ debunken. Der wahllos bei einer harmlosen Verkehrskontrolle erschossene Schwarze in den USA hatte ja vor 10 Jahren mal eine Verurteilung wegen Kriminalität. Dann steht mal wieder ein Amokläufer in einer Grundschule in den USA und erschießt haufenweise Kinder und spätestens dann zeigt sich die Leere dieses Gedankens: Die Opfer können nichts für die Tat. Der Täter befindet sich in einer Welt des Wahnsinns, die für Außenstehende nicht zu begreifen ist. Aber genau deshalb darf man sich auf diese Spiele im Wahnsinn nicht einlassen – der konkrete Anlass der Tat ist egal, der ist purer Vorwand. Nur den Vorwand zu vermeiden, bringt daher nichts.

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Abenteuer im 3D-Druck

Eigentlich war es ja klar, dass nach dem Stiftplotter und ersten Gehversuchen mit 3D-Programmen hier irgendwann auch ein 3D-Drucker ins Haus kommt. Dafür sind die Techniken doch zu nah verwandt und daher habe ich bei einem passenden Angebot zugeschlagen: Der Anycubic i3 Mega S für 149€ war als Angebot einfach zu günstig.

In den letzten Wochen habe ich daher intensiv mit dem Drucker gespielt und dafür dann auch das Stiftplotten schändlich vernachlässigt.

Zuerst die wichtigste Erkenntnis: Das ist alles gar nicht so schwer wie gerne getan wird. Wenn man versucht sich in den Bereich einzulesen, stolpert man sofort über schlimmstes Fachkauderwelsch, irgendwelche Druckerupdates, obskure Probleme mit komplizierten Lösungswegen oder verschiedene Drucktechniken. Umso überraschter war ich, dass das Gerät einfach so out of the box funktioniert. Man nimmt es aus dem Paket, baut es innerhalb von kürzester Zeit mit einer bebilderten Anleitung zusammen und dann kann man auch schon direkt den ersten Druck von der mitgelieferten SD-Karte starten. Nach einer halben Stunde Bastelzeit fließt auch schon das erste Plastik durch die Düse – und wer irgendwie etwas Ahnung von Technik hat, wer in der Lage ist ein Windows zu installieren oder gar eine Grafikkarte in einem Rechner zu installieren, der kann auch 3D-drucken.

Und das ist richtig cool! Ich war nie wirklich gut im Handwerken – wenn man mir eine Säge, Holz und diverse Schrauben gibt, dann bekomme ich kein Vogelhaus gebaut. Und wenn, dann eins, das schief und krumm ist und nicht nur von Vögeln verlacht würde. Mit dem Drucker könnte ich jetzt ein wunderbares Vogelhaus produzieren. Das macht Spaß und öffnet gleich neue Bahnen der Kreativität.

Wobei Kreativität gar nicht nötig ist: Man kann den Drucker auch einfach als Star Trek-Replikator nutzen. Es gibt diverse Plattformen wie Thingiverse, auf denen es zehntausende Druckvorlagen in allen auch nur denkbaren Varianten gibt. Egal ob praktische Helferlein, Ersatzteile oder lustige Spielereien, es gibt für alles etwas. Die Szene ist auch von einer enormen Offenheit geprägt – da wird gerne geteilt, CC-Lizenzen sind der Standard und es wird auch fleißig an anderen Designs verbessert und remixt.

Dabei sollte man nicht vergessen, dass die Drucks durchaus lange dauern können. Wenn man komplexere und größere Drucke probiert und die feinste Schichtdicke für das beste Druckbild wählt, dann können die gerne mehrere Tage dauern. Wer sich jetzt gedacht hat, dass er in die industrielle Massenfertigung einsteigen kann, der hat sich getäuscht.

Ebenfalls zum Thema „industrielle Massenfertigung“: Man sieht den fertigen Objekten an, dass sie 3Dgedruckt sind. Sie haben nämlich ganz feine Schichten, irgendwo zwischen 0,1mm und 0,3mm, welche man sieht und z.T. auch spürt. Wer wirklich elegante Teile drucken will oder ganz feine Details wie bei Tabletop-Figuren, der benötigt eine andere Technik als den FDM-Druck.

Ein Nachteil ist auf jeden Fall zu erwähnen: Die Dinger stinken. Im Endeffekt schmilzt man ja Plastik und spritzt dann das geschmolzene Plastik in Form. Also hat man Plastikdämpfe in der Wohnung – und die sind im Zweifelsfall nicht gerade gesund und angenehm. Man sollte also die nötigen räumlichen Voraussetzungen haben. Den Bastelkeller, die Abstellkammer mit eigener Lüftung oder den ungenutzten Nebenraum. Ansonsten werden spätestens die Mitbewohner irgendwann rebellieren.

Will man nicht nur von anderen gefertigte Modelle drucken, sondern auch eigene Dinge erstellen, dann wird das Projekt zu einer ganz anderen Herausforderung: Ich bin gerade erst in den Anfängen davon mit CAD-Programmen herumzuspielen und die Lernkurve ist sportlich. Ich sitze jetzt seit bald 35 Jahren vor Computern herum und mache sogar beruflich was mit Computern, aber das ist ein ganz eigenes Genre. Da fühlt man sich dann wirklich wie Karlheinz (58), der in Word daran verzweifelt einen Text fett zu setzen. Selbst simpelste Dinge fallen einem extrem schwer und es ist unglaublich schwer etwas, was man im Kopf hat, dann auch umzusetzen. Das ist eine Lektion in Demut – gerade da sie es einem sehr nahebringt, wie andere Menschen vor Computern sitzen.

Ansonsten ist der 3D-Druck ein recht günstiges Hobby: Den Drucker habe ich für 150€ bekommen und 1kg Filament kostet um die 20€. Plastik ist bekannterweise leicht und daher bekommt man aus dem Kilo einiges heraus. Dazu kommen dann noch die Stromkosten und das war es. Das kann man machen und erschreckenderweise refinanziert sich das sogar recht schnell, wenn man ein paar Ersatzteile druckt, für die Hersteller ja gerne Mondpreise nehmen.

Zum Schluss möchte ich noch festhalten, dass ich natürlich keinerlei Ahnung habe. Es ist ja ein generelles Problem im Internet, dass jeder jeden Blödsinn reinschreiben darf und dass gerade Experten in ihrem Gebiet meist gut damit beschäftigt sind, vielgefragte Experten zu sein und daher keine Blogbeiträge oder YouTube-Videos erstellen. Ich hab den Drucker erst einen Monat und höchstwahrscheinlich würde ich in einem Jahr einen völlig anderen Artikel schreiben. Falls also jetzt jemand Lust hat sich ebenfalls einen 3D-Drucker zu kaufen, dann hört nicht auf mich.

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PenPlots: Digital Lego

Nach einem Abend experimentieren habe ich jetzt die Pipeline stehen, um digitales Lego in PenPlots zu verwandeln. Dafür muss man nur gekonnt vier Softwares hintereinander schalten und schon bekommt man wunderbare Vorlagen für den Stiftplotter. Es gibt eine Reihe von Softwares wie stud.io oder Mecabricks, mit denen man am PC Legos bauen kann. Diese eignen sich dann gerade aufgrund der klaren Linien der Steine perfekt für einen Stiftplot.

Es hat eine Weile gedauert, bis die nötige Software stand: Stud.io funktioniert zwar zum Bauen, aber der Export des fertigen Modells als Collada/DAE-Datei ist funktional kaputt. Hier bekommt man zwar einen Export, aber mit völlig verschobenen Steinen. Der Umweg über Mecabricks hat dann geklappt und danach konnte ich die Szene in Blender mit Freestyle rendern und dann mit vpype optimieren.

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PenPlot: Freiburg, isometrisch

Ein weiterer PenPlot aus dem Freiburger 3D-Modell. Es sieht jetzt nicht viel anders aus als der vorige Plot, aber dafür ist der gesamte Techstack im Hintergrund anders:

  • Als 3D-Programm ist jetzt Rhino 3D im Einsatz. Blender mit Freestyle funktioniert zwar auch, aber Rhino ist doch deutlich einfacher zu bedienen als Blender, bei dem schon alleine die Menüs völlig undurchdringlich sind
  • Zur Optimierung der SVG läuft nun vpype, ein erstaunlich mächtiges Kommandozeilentool, welches direkt für PenPlots gedacht ist und daher einen höchst großartigen Job macht
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Weltminderung

File:Pierre-Auguste Renoir 064.jpg
Pierre-Auguste Renoir – Bal du moulin de la Galette, 1878

In den letzten Wochen las ich Alfred Kerrs „Zwischen Paris und Rom“, eine Sammlung von Reiseberichten. Der vielleicht prominenteste Theaterkritiker des Kaiserreichs reiste um die Jahrhundertwende durch Europa und veröffentlichte seine Reiseberichte und -notizen. Diese sind … nicht so wirklich toll. Sie sind schwärmerisch. Fühlen sich an wie ein euphorischer Fiebertraum. Der ältere Mann lechzt den jungen französischen und italienischen Mädchen nach. Wie ein textgewordenes Gemälde von John William Godward. Er schwärmt, er ist romantisch, er romantisiert die Welt, berichtet praktisch nicht negatives. Das klingt interessant, verliert aber schnell seinen Reiz, da unter dem Schwärmen gerade in seinen Berichten aus Italien zu wenig Substanz steckt. Man merkt ihm die Begeisterung an, die Freude am Reisen, die Freude am Lesen, aber gleichzeitig bringt er doch wenig vom Land mit nach Hause und zum Leser. Er ist wie jemand, der im Urlaub war und dann zuhause allen groß und breit erzählt „Dubrovnik! Wunderschön! Muss man gesehen haben!“, aber der nicht beschreiben kann, warum man denn jetzt Dubrovnik gesehen haben muss, aber dass die Frauen da hübsch waren und dass das Essen lecker war. Es gibt aufmerksamere Beobachter der Welt.

Aber dann gibt es einen Nachtrag, fast nur eine Fußnote in seinem Text über Paris, die dieses Buch so bemerkenswert macht. Kerr veröffentlicht diesen 1901 geschriebenen Text dann im Jahr 1920. Dazwischen war bekanntlicherweise etwas:

„Da kam die große Neuschichtung: Der Weltkrieg; der ihre Lebensfrist mehrt – wenn auch nicht ihre Lebenskraft.
Wir waren siebzig, sie nur vierzig Millionen. An Toten haben beide fast gleichviel. Die Sieger sind besiegter als die Besiegten.
Und ich empfinde den Schmerz darüber so stark wie den Schmerz um eignen Verlust. Wie den tiefen Schmerz um den Aderlaß der Heimat. Eine Weltminderung; hier wie dort.
Rüde Schurken und verantwortungslose Trottel (die stets über zersetzenden Einfluß klagten!!) haben zwei solche Völker zu geistesschwachem Mord gepeitscht.
Ins Gesicht spucken soll man ihnen, öffentlich; jeder, der will; der Reihe nach: Dem ehrlosen Prahlgesindel dieser spät Entafften.
Ins Gesicht spucken; öffentlich; jeder der will.“

Weltminderung. Was für Worte! Was ein Ausdruck des Schmerzes über die Verluste des Weltkrieges!

Weltminderung – das trifft wohl auch das, was wir jetzt gerade erleben. Die Welt ist in den letzten zwei Jahren rauher, garstiger, gefährlicher geworden. Optionen und Möglichkeiten haben sich verschlossen. Viele Länder sind nicht mehr wirklich zu bereisen. Der Optimismus ist auf einem Tiefpunkt. Die Welt ist weniger. Gemindert. Ein Verlust für uns alle. Vielleicht fand ich diesen Nachtrag im Text so beeindruckend.

(Warum schreibe ich hier eigentlich sonst nichts über den russischen Angriff auf die Ukraine oder auch den Coronavirus? Ich habe dazu erstaunlich wenig wirklich gehaltvolles zu sagen. Ich bin kein Osteuropa-Experte, bin nur vor jetzt sieben Jahren mal 14 Tage durch die Ukraine gereist. Ich bin nicht der Experte für irgendwelche geopolitischen Themen oder gar für Militärstrategien. Ich bin auch kein Virologe und weiß nur das, was man sich während der Pandemie so angelesen hat. Daher kann ich zu den aktuellen Debatten wenig Gehaltvolles beitragen. Und so nett es ist, Historiker zu sein, manchmal bringen einen auch Erklärungen tief aus der Geschichte nicht weiter. Daher halte ich mangels Expertise einfach mal die Klappe)

Wer übrigens vielleicht auch die Klappe halten hätte sollen: Alfred Kerr. Denn zu den rüden Schurken und verantwortungslosen Trotteln, die Deutsche und Franzosen zu geistesschwachem Mord gepeitscht haben, gehört auch er.

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PenPlot: Radfahren

Sta Gold Metallic auf schwarzem Tonkarton

Ein schneller, etwas ungenauer PenPlot einer alten Kapitelgrafik der österreichischen Allgemeinen Sportzeitung aus den 1930ern. Diesmal ohne dass ich groß etwas gelernt hätte, aber ich mag die Grafik einfach sehr.

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Denkmäler, die rumstehen #3 – Waldkirch

Erster Eindruck: Ein normales Denkmal von einem örtlichen Sportverein, das irgendwann vor Ewigkeiten aufgestellt wurde und jetzt trotz enorm faschistischem Sprachduktus weiterhin rumsteht, weil es dann halt noch nicht so total kaputt ist.

Zweiter Eindruck: Moment mal, 1980? Die haben ernsthaft im Jahr 1980 – Neunzehnhundertachtzig! – einen dicken, großen Gedenkstein zu ihrem 100jährigen Jubiläum aufgestellt und dann DIESE Inschrift eingemeißelt? Und dann haben sich versammelt, der ganze Verein, feierlich, höchstwahrscheinlich noch mit allen örtlichen Honoratioren vom Bürgermeister abwärts und vielleicht noch mit dem Landrat und dem örtlichen Bundestagsabgeordneten und dann haben sie feierlich DIESE Inschrift enthüllt? Im Jahre 1980? Und dann haben sie sich nach der Enthüllung am Bierpilz gemütlich ein paar Bier gezwitschert und eine Bratwurst gegessen? Grundgütiger!

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