Die_Reklame

Hier im Blog ist es in der letzten Zeit etwas ruhiger geworden. Das liegt vor allem daran, dass sich bei mir gerade viel ändert – am 1. August geht es mit einem neuen Job in einer neuen Firma in einer neuen Stadt los. Zudem sind mir gerade andere Projekte wichtiger geworden. Eines davon ist @die_reklame. Hier sammeln Charlotte,
Moritz und ich Anzeigen aus alten Zeitungsdigitalisaten.

Das Ganze ist mit voller Absicht streng unwissenschaftlich gehalten und befriedigt eher den Hang zu Kuriositäten als die wissenschaftliche Erkenntnis. Wir wählen die Anzeigen einfach nach persönlichem Interesse aus. Wir verzichten auf eine statistische Analyse. Wir machen uns den Spass, auch in absoluten Nischenzeitschriften zu suchen. Es ist erstaunlich, welch abseitige Zeitungen und Zeitschriften digitalisiert vorliegen. Und das vielleicht wichtigste: Es macht richtig, richtig Spass. Es ist manchmal schwer, die neu gefundenen Anzeigen nicht direkt zu twittern, weil sie so toll sind. Es ist schwer, nicht jede Anzeige im eigenen Account direkt zu retweeten.

@die_reklame lebt vor allem auf Twitter. Wer will, kann uns aber auch auf Facebook und Instagram folgen.

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Digitalisierter Werbemüll aus der Vergangenheit und für die Zukunft

Ted Nelson’s Junkmail Cartons gehören zu den wohl interessantesten Sammlungen auf archive.org. Ted Nelson füllte über Jahre die Antwortkarten in Magazinen aus, mit denen man mehr Informationen über Produkte von Firmen anfordern konnte. Und damit geriet er natürlich in so ziemlich jeden Werbeverteiler der amerikanischen Tech-Industrie.

Ted hat also im Laufe der Jahre jede Menge Werbung bekommen. Diese hat er aber nicht weggeworfen, sondern in Kartons gelagert und aufbewahrt. Diese Kartons sind irgendwann in die Hände des Internet Archive geraten, welches sie einfach eingescannt und online gestellt hat.

Das Ergebnis ist eine umfassende Sammlung, die einen detaillierten Einblick nicht nur in die technische Entwicklung, sondern etwa auch in Werbestrategien, die Ästhetik der Technologiewerbung und damit auch in Zukunftsvorstellungen und das damals Mögliche. Denn man kann es mittlerweile kaum glauben: So manches, was mittlerweile völlig selbstverständlich war, war vor 20, 30 Jahren noch Zukunftsmusik. Oder halt extrem teure Technik für Firmenkunden. Und wo sonst findet man einen Katalog mit altem Druckerwerkzeug? Einen zu alten Frankiermaschinen? Von Filmkameras? Oder einen alten Werbegeschenke-Katalog?  Ted Nelson hat die Prospekte davon gesammelt, die sonst wohl für immer verloren wären.

Denn kaum eine Technologiefirma aus den Anfängen des Computerzeitalters hat überlebt. Bei der schnellen Entwicklung der Technik genügte häufig eine falsche Entscheidung, ein falsch platziertes Produkt oder das setzen auf das falsche Pferd/die falsche Computerplattform, um eine Firma in die Insolvenz schlittern zu lassen. Außerdem hat kaum eine Firma das Firmenarchiv wirklich gepflegt.

Für den deutschsprachigen Raum gibt es eine entsprechende Sammlung meines Wissens nicht. Vielleicht haben einige Museen etwas Vergleichbares im Depot, aber deutsche Museen und große Scanprojekte auf urheberrechtlich wackeligem Terrain funktionieren nicht zusammen.

Aber wie würde man selbst ein entsprechendes Projekt aufbauen? Man könnte es machen wie Ted und einfach eine gigantische Menge Werbepost an die eigene Hausadresse schicken lassen und erstmal in Kartons lagern. Das ist aber natürlich nicht nur für Leute mit Mitbewohnern wenig ideal. Es ist auch wenig wahrscheinlich, dass man die Kartons dann jemals einscannen wird.

Man könnte auch regelmäßig die erhaltene Post scannen und dann entsorgen, aber dann quillt nach dem Urlaub der Briefkasten trotzdem über. Und ich wage es zu bezweifeln, dass man ernsthaft jeden Werbebrief dann auch scannt, wenn man abends müde von der Arbeit kommt. Dafür bräuchte man einen wirklich guten Workflow.

Eine wirklich interessante Alternative wären externe Dienstleister, welche Briefe scannen. Diese richten sich an Leute, die wirklich viel unterwegs sind oder an Firmen, die keine Lust auf Zettelwirtschaft haben und komplett digital arbeiten. Das Prinzip ist einfach: Man lässt seine Mail zu einem dieser Dienstleister umleiten und dieser öffnet die Briefe, scannt sie ein, schreddert das Original und leitet einem die Scans weiter.

Mit  Hilfe dieser Anbieter könnte man ein entsprechendes Projekt problemlos umsetzen: Die Werbepost wird direkt zum Anbieter bestellt, dieser öffnet und scannt sie ein. Die Scans landen dann bereits digital aufbereitet bei einem. Wenn man das noch mit einem DMS mit Texterkennung koppelt, hat man ein fast vollständig automatisiertes Archivierungssystem gebaut.

Preistabelle eines Anbieters

Wohlgemerkt: Könnte. Denn die Dienstleister lassen sich Ihre Dienste gut bezahlen. Die Privatkundentarife sind bei Grundgebühren von um die 20 Euro monatlich meistens mit 20-30 Inklusivbriefen ausgestattet. Weitere Briefe kosten dann gerne mal über einen Euro pro Stück. Bei einem entsprechenden Werbevolumen geht eine entsprechende Lösung schnell ins Geld. So reizvoll ein entsprechendes Projekt auch klingt, mit den entsprechenden Nebenkosten ist das als Hobbyprojekt nur schwer umzusetzen. Größere Institutionen mit ordentlichem Budget oder Firmen können sich sowas leisten – der Aufbau einer Datenbank über die Werbeaktivitäten der Konkurrenz ist auf jeden Fall ein paar Euro wert.

Mittlerweile ist der Versand von Werbung per Post völlig out und wird zunehmend von Mailnewslettern und Social Media verdrängt. Es wäre kaum ein Problem, ein entsprechendes Archiv an Newslettern anzulegen. Das ist jetzt völlig uninteressant – aber in 20 oder 30 Jahren ist das sicherlich höchst spannend.

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Selbstverteidigung

Es sind zwei Nachrichten, die aufhorchen lassen:

  • Tausende Webseiten nutzen sogenannte „Session replay-Scripte„, welche jede Eingabe, jede Mausbewegung und jeden Klick aufzeichnen und im Nachhinein wieder „abspielbar“ machen. Dabei werden auch Daten aufgezeichnet, die der Nutzer zwar eingegeben, aber nicht abgesendet hat. Die Interaktionen mit der Webseite sind lückenlos nachvollziehbar.
  • Tracking-Skripte klauen E-Mailadressen aus Webbrowsern. Zwei Werbefirmen haben Skripte entwickelt, die Mailadressen aus den Passwortmanagern der üblichen Browsern klauen und diese zum Tracking missbrauchen.

Das ist nur die Spitze des Eisbergs – die Werbeindustrie hat bereits einige weitere „nette“ Tools im Angebot. Wie wäre es etwa mit Handyspielen, die ständig das Mikro laufen lassen, um herauszufinden, welche Sendungen und welche Werbung im Fernsehen ihr gerade schaut? Nebeneffekt ist natürlich, dass der Werbeanbieter einfach mal ständig eine Wanze in eurer Hosentasche laufen hat.

Was technisch machbar ist, wird auch gemacht. Egal, ob es moralisch verwerflich ist, ob es für böse Dinge missbraucht werden kann und auch völlig egal, ob es sinnvoll ist. Werbetreibende gieren nach Daten über die von ihnen beglückten Kunden und die Werbeindustrie stellt diese bereit.

Für den einzelnen Nutzer bleibt neben einer wagen Hoffnung auf eine gesetzliche Regulierung aktuell nur die digitale Selbstverteidigung: Man sollte sich nicht von den freundlich formulierten Bitten diverser Webseiten erweichen lassen und den Adblocker ausschalten. Denn das wird dann gnadenlos ausgenutzt.

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Storify macht dicht und löscht alles

Auch tot: Dinosaurier

Genauso tot wie Storify: Dinosaurier

Storify ist/war ein nettes Tool, mit dem man Beiträge aus Sozialen Medien sammeln und mit ihnen eine Geschichte erzählen konnte. Gerne genutzt wurde es zum Beispiel, um die Tweets zu einer Konferenz oder Tagung zu sammeln. So konnte man einen Rückblick anbieten und auch nicht twitternden Teilnehmern einen guten Eindruck der Online-Debatte vermitteln.

Doch damit ist jetzt Schluss: Storify macht dicht. Am 16. Mai 2018 wird alles abgeschaltet und gelöscht. Nutzer können bis dahin Ihre Inhalte exportieren. Es ist aber abzusehen, dass dies nicht alle Nutzer machen. Selbst wenn sie es machen und die Daten als HTML-Datei auf der eigenen Festplatte speichern, werden diese wohl nur noch selten wieder ins Internet gestellt werden.

Selbst wenn das Archiveteam angekündigt hat, dass sie die Inhalte retten wollen, zeigt dieser Vorgang mal wieder die Fragilität von Onlinediensten. Storify war immerhin 7 Jahre online. Andere Dienste haben nicht diese Lebensdauer erreicht, aber irgendwann erwischt es wohl jeden Dienst. Nach und nach hat es jeden von Historikern gerne und viel genutzten Dienst erwischt. Der Social-Bookmarking Dienst Del.icio.us, welcher für viele User die erste Begegnung mit dem Web 2.0 bedeutete, wurde mehrfach verkauft und ist mittlerweile gut, aber abgeschaltet in den Händen von Pinboard gelandet. Flickr ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Bei Blogspot wartet man eigentlich nur noch darauf, dass Google es abschaltet. Das Interesse daran hat der Konzern schon lange verloren. Yahoo hat Pipes und natürlich auch Geocities abgeschaltet. TwitPic ist tot und damit alle Bilder in euren frühen Tweets. Und wenn wir ehrlich sind, riecht Twitter auch schon etwas komisch.

Wer also seine Inhalte nicht nach einer Weile verlieren will, sollte sich überlegen, ob er nicht seine Inhalte selbst hosten will. Statt einem Storify hätte man auch ein normales Blog mit eingebundenen Tweets nutzen können. Dann ist man nicht von einem Dienstleister abhängig, der je nach wirtschaftlicher Lage den Dienst einfach einstellt. Wer seinen Krams selbst hostet und darauf aufpasst, wird keine bösen Überraschungen erleben. Gebt nicht die Kontrolle über eure Inhalte ab, denn kein Anbieter hat sich dieses Vertrauen verdient!

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Neues für PlanetHistory

PlanetHistory ist um ein paar weitere Geschichtsblogs gewachsen. Neu hinzugekommen sind folgende Blogs:

Wer selbst ein Blog betreibt und mit aufgenommen werden will, darf sich gerne melden.

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Baut die Synagogen wieder auf!

Umriss der alten Synagoge in Freiburg, 2017 als Brunnen rekonstruiert und höchst umstritten

Der aktuelle Trend in der Innenstadtgestaltung beinhaltet häufig die Rekonstruktion von kriegszerstörten Gebäuden. Sei es das Stadtschloss in Berlin, die Frauenkirche in Dresden, das Residenzschloss in Braunschweig, Schloss Herrenhausen in Hannover, das Stadtschloss und die Garnisionskirche in Potsdam oder Teile der Frankfurter Altstadt: Rekonstruktion ist in, die alten Gebäude sind nicht nur bei Stadtplanern, sondern auch in der Bevölkerung beliebt. In den letzten Jahren wurden wohl in Deutschland mehr Schlösser errichtet als jemals zuvor.

Dazu kommen die ganzen Gebäude, die bereits im Nachgang des Weltkrieges wieder aufgebaut wurden. Von Würzburger Residenz über die Freiburger Altstadt hin zum Münsteraner Prinzipalmarkt wurde vieles zerstört und dann mehr oder weniger originalgetreu wieder aufgebaut.

Der SPD-Politiker Rahed Saleh schlägt in der FAZ nun vor, die in der Reichspogromnacht zerstörten Synagogen ebenfalls wieder aufzubauen. Es ist ein Vorschlag, der einen gewissen Charm hat. Zum einen gehörten auch die Synagogen zum damaligen Stadtbild und prägten dieses enorm. Wer Freiburg kennt und den Platz der alten Synagoge vor seiner Umgestaltung kennt, der darf sich gerne hier anschauen, wie die alte Synagoge auf dem Platz gewirkt hätte. Bei der Neugestaltung hätte man an Stelle des sehr merkwürdigen Brunnens in Form der Synagoge, der dann bei heißen Wetter zum Plantschen benutzt wird, auch auf eine Rekonstruktion setzen können.

Von daher gefällt mir der Vorschlag sehr, sehr gut. Wer Burgen, Schlösser, Kirchen und Rathäuser historisierend wieder aufbaut, sollte die Synagogen nicht vergessen. Denn ohne sie fehlt ein Teil der Stadt.

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Der Muff von 1000 Jahren – schlechte Raumluft mit Technik bewerfen

Es wird Winter und draußen wird es kalt, dunkel und schmuddelig. Wir hocken also vermehrt drinnen. Historiker und sonstige Stubenhocker sitzen sogar in den schönen Sommermonaten die ganze Zeit am Schreibtisch und lesen Bücher, schreiben hochwissenschaftliche Texte und grübeln über die Vergangenheit. Aber wie bereits unsere Mütter uns beibrachten: Ständig drinnen hocken ist nicht gesund und man sollte regelmäßig lüften, um nicht im eigenen Mief zu hocken.

Ich bemerke es aber zu selten, wenn die Luft schlecht wird. Genau wie ein Frosch im sich nur langsam erhitzenden Wasser gewöhne ich mich an schlechte Luft. Zeit, das Problem mit etwas Technik zu bewerfen – denn Luftqualität lässt sich natürlich messen. Luftqualitätssensoren gibt es in mehreren Varianten. Zum einen als Standalonegeräte, zum anderen als Modul für Bausatzsysteme wie die üblichen Arduinos. Als dritte Alternative gibt es Sensoren, die sich in komplette Hausautomatisierungslösungen eingliedern und als vierte Möglichkeit sündhaft teure Profigeräte.

Die Standalonegeräte sind recht langweilig – sie zeigen die Luftqualität auf einer Skala von Gut bis Schlecht an.

Das abgebildete Gerät kostet ca. 26 Euro, kann durch Piepsen schlechte Luftqualität melden und macht ansonsten nichts Spannendes, außer man findet Temperatur und Uhrzeit spannend.

Meine technischen Skills reichen jetzt nicht aus, um einen Sensor an Arduinos und sonstigen Bastelplattformen zu betreiben. Daher kann ich nichts dazu sagen. Auch komplette Heimautomatisierungslösungen werde ich mir erstmal nicht in die Wohnung holen und Profigeräte sind einfach zu teuer.

Spaßiger ist hingegen der Rehau Raumluftsensor USB Stick. Dieser hat die Form eines herkömmlichen Sticks, lässt sich an jeden PC anschließen und bietet daher  die Möglichkeit, die Messwerte auszulesen und -werten. Mit ca. 30 Euro ist er einfach ein nettes Spielzeug.

Die Bedienung ist simpel. Idealerweise wird der Stick mit einem Verlängerungskabel an den PC angesteckt, damit die Raumluft nicht unter dem Schreibtisch, sondern auf Kopfhöhe gemessen wird. Dann muss man nur noch die Windows-Software installieren, die zwar recht spartanische Optionen bietet, aber trotzdem ein konfuses UI besitzt. Im Kern muss ich die Länge der Aufzeichnung festlegen, wobei es hier ein hartes Limit von 20000 Einträgen gibt sowie den Messintervall. Mit den unten festgelegten 20000 Messpunkten und einer Messung alle 5 Sekunden kann ich also 20000*5 Sekunden = 1666 Minuten = 27,7 Stunden messen. Wer den Intervall höher setzt, kann länger aufzeichnen. Alle weiteren Optionen kann man ignorieren, außer man will in Comic Sans messen.

Das Ergebnis sieht dann folgendermaßen aus:

Man sieht, dass die Luftqualität in meiner Wohnung bei geschlossenem Fenster kontinuierlich schlechter wird. Um 13 Uhr habe ich daher einmal kurz gelüftet, was nur einen geringfügigen Effekt hatte – bereits 20 Minuten später lag der Messewert wieder auf dem Vorniveau und stieg weiter an. Um 13:50 habe ich daher längere Zeit gelüftet, was einen wirklichen Effekt zeigte – die Messwerte gingen deutlich und dauerhaft zurück. Im Anschluss daran stiegen sie wieder fleißig an bis sie gegen 16:30 den roten Bereich erreichten. Dies zeigt der Sensor auch mit Hilfe einer LED direkt am Stick an – im grünen Bereich bei ordentlicher Luft leuchtet er Grün, bei schlechter Luft rot. Zusätzlich sendet das  Programm im Systemtray Nachrichten, wenn die Luft schlechter wird.

Ich kann also wunderbar sehen, wie die Luftqualität gerade ist, wie sich die Luft im Laufe der Zeit verändert und mich bei schlechter Luft benachrichtigen lassen. Man sieht auch, wo die Empfehlung, alle paar Stunden mal kräftig zu Lüften, herkommt.

Ein weiteres Beispiel: Man sieht, dass die Luftqualität im Laufe des Vormittags langsam schlechter wird, dass ich um 17:40 gelüftet habe und das sie ab 19:00 schlagartig schlechter wurde. Lüften hat das Problem dann für eine Weile gelöst, aber so wirklich befriedigend ist die Luftqualität gerade nicht. Vor dem Schlafen werden also noch einmal die Fenster aufgesperrt.

Aber was misst das Gerät eigentlich genau? Es misst sogenannte VOCs („volatile organic compounds“ / Flüchtige organische Verbindungen). Wie Wikipedia uns freundlicherweise aufklärt, handelt es sich dabei laut Richtlinie 1999/13/EG vom 11. März 1999 über die Begrenzung von Emissionen flüchtiger organischer Verbindungen um „eine organische Verbindung, die bei 293,15 Kelvin einen Dampfdruck von 0,01 Kilopascal oder mehr hat oder unter den jeweiligen Verwendungsbedingungen eine entsprechende Flüchtigkeit aufweist.“ Aha. Besser erklärt es die Hilfefunktion der Luftsensor-Software:

Was sind VOC?
Die englische Abkürzung VOC (Volatile Organic Compounds) bezeichnet die Gruppe der flüchtigen organischen Verbindungen. VOC umschreibt gas- und dampfförmige Stoffe organischen Ursprungs in der Luft. Dazu gehören zum Beispiel Kohlenwasserstoffe, Alkohole, Aldehyde und organische Säuren. Viele Lösemittel, Flüssigbrennstoffe und synthetisch hergestellte Stoffe können als VOC auftreten, aber auch zahlreiche organische Verbindungen, die in biologischen Prozessen gebildet werden. Viele hundert verschiedene Einzelverbindungen können in der Luft gemeinsam auftreten.

Was sind die Quellen für VOC?
VOC entstehen aus sehr unterschiedlichen Quellen. Außenluftquellen sind z.B. technische Prozesse, in denen Stoffe aus unvollständiger Verbrennung entstehen (besonders Kraftverkehrsabgase) oder als flüchtige Nebenprodukte aus industriellen und gewerbemäßigen Vorgängen. Mögliche Innenraumquellen sind Produkte und Materialien zum Bau von Gebäuden und zur Innenausstattung (zum Beispiel Fußboden-, Wand- und Deckenmaterialien, Farben, Lacke, Klebstoffe, Möbel und Dekormaterialien). Bedeutsam sind zudem Pflege-, Reinigungs- und Hobbyprodukte, auch Tabakrauchen, selbst die Nahrungsmittelzubereitung sowie der menschliche Stoffwechsel.

Welche gesundheitlichen Wirkungen können VOC haben?
üblicherweise sind die einzelnen VOC-Konzentrationen sehr gering und gesundheitliche Beeinträchtigungen nicht zu befürchten. Konzentrationen, die gesundheitliche Beeinträchtigungen bewirken, können unmittelbar nach Bau- und umfangreichen Renovierungsmaßnahmen auftreten, sowie bei unsachgemäßer Verarbeitung und massivem Einsatz wenig geeigneter Produkte. Geruchsbelästigungen, Reizungen und Symptome, die nicht unmittelbar einer Krankheit zugeordnet werden können, wurden als akute Wirkungen auf Menschen beschrieben. Diese Effekte müssen vermieden werden, ebenso mögliche chronische Wirkungen

Luftschadstoffe also, die man nicht in der Bude haben will. Interessanterweise stimmen diese VOC-Werte meistens auch grob mit den CO2-Werten des Raumes überein:

Wir erinnern uns: Steigt die CO2-Konzentration in einem Raum, macht uns dies müde und träge. Wir werden unkonzentriert und können schlechter arbeiten. 

Ein paar weitere Dinge zu diesem Sensor:

  • Standardmäßig kalibriert sich der Sensor jedes Mal, wenn Ihr ihn mit Strom versorgt, neu und nimmt den aktuellen Messwert als Wert für gute Luft. Startet Ihr den Stick also in einem bereits total vermieften Raum, wird das wenig helfen.
  • Wenn man bei gedrückter STRG-Taste doppelt auf das Rehau-Logo klickt, kommt man in ein spezielles Optionsmenü, in dem man diversen Krams einstellen kann:
  • Wie man sieht, kann man das Gerät auch in einem Servermodus starten und per Telnet abfragen. Das habe ich nicht ausprobiert.
  • Eine ausführliche Anleitung dazu befindet sich im Installationsordner in der engineering.txt
  • Es lassen sich Logdateien speichern und dann in anderen Programmen auswerten. Diese sehen so aus:

„Date time[yyyy-mm-dd Hh:Nn:Ss]“ „CO2/VOC level[ppm]“
2017-11-07 16:43:10 1220
2017-11-07 16:43:21 1219
2017-11-07 16:43:31 1224
2017-11-07 16:43:41 1226
2017-11-07 16:43:51 1213
2017-11-07 16:44:01 1223
2017-11-07 16:44:11 1231
2017-11-07 16:44:22 1231
2017-11-07 16:44:32 1230
2017-11-07 16:44:42 1231
2017-11-07 16:44:52 1228
2017-11-07 16:45:02 1200

  • Das Gerät lässt sich auch ohne PC etwa an einer USB-Powerbank betreiben. Die LED zeigt die Luftqualität an.
  • Gerade Historiker, die viel mit Archivalien arbeiten, haben häufig Kontakt mit Staub und Schimmel. Dies ist ebenfalls gesundheitsschädlich und kann zu extremen Problemen führen. So ein Stick hilft hier natürlich nicht weiter, man muss sich anders schützen. Fragen Sie Ihren Arzt oder Archivar.

In einem irgendwann folgenden Beitrag basteln wir uns dann aus einem alten Raspberry Pi eine Luftmessstation.

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Brothers in Arms

Ich wurde von Moritz mit etwas bedacht, was man so um 2007 herum „Blog-Stöckchen“ genannt hat. Und wenn dann noch die Europeana involviert ist, dann muss ich einfach mitmachen.

Kurz zusammengefasst: Es geht um dieses Bild aus dem Fundus der Europeana und die „Aufgabe“ ist ein freies Assoziieren zum Bild.


John Heywood; John Heywood. Victoria and Albert Museum. CC BY.

Der erste Eindruck, den das Bild hervorruft, ist ein „das hätte es bei uns früher nicht gegeben“. Wir sind zwar als Kinder auch mit Fahrrädern durch die Nachbarschaft gefahren, aber Spielzeugpistolen waren in diesen vielleicht speziell westdeutschen 80er und frühen 90er Jahren meiner Kindheit ein ewiger Streitpunkt zwischen meinen Eltern und mir. Ich fand die als kleiner Steppke total toll, meine Eltern fanden das jedoch deutlich weniger gut. Derartig große Spielzeugwaffen hätten sie mir mit Sicherheit weggenommen. Gleichzeitig zeigt dieses Bild auch, was sich allgemein geändert hat – die Spielzeugwaffen auf dem Bild sehen nämlich doch recht echt aus. So werden Spielzeugwaffen gar nicht mehr hergestellt, weil es eine Verwechselungsgefahr mit echten Waffen gibt und die Polizei auf solche entsprechend schießwütig reagiert. Eine Gesellschaft, in der Kinder mit solchen Spielzeugwaffen auf dem Fahrrad rumcruisen können, ist also auch eine Gesellschaft, in der keiner auf die Idee kommt, dass diese Kinder gerade mit echten Waffen herumlaufen und die Polizei rufen. Eine Gesellschaft ohne Schulamokläufe und ja, auch ohne Terrorismus. Bzw. mit einem anderen Terrorismus, denn das England der 80er Jahre war mit Lockerbie und IRA kein Hort des Friedens.

Recherchiert man dem Bild etwas hinterher, zeigt es sich schön und schnell, warum ich die Plattform Europeana als Blogger so selten nutze und welche Probleme sie hat. Zum einen ist der Autor falsch verknüpft. Klickt man auf den Autoren John Heywood, dann wird ein buntes Sammelsurium von Treffern von Leuten mit diesem Namen angezeigt. Laut Europeana hat dieser im 16. Jahrhundert mehrere Bücher geschrieben, über die im 19. Jhd weitere Bücher geschrieben wurden und dann hat der gleiche Autor angeblich in den 1980er Jahren das Alltagsleben in England fotografiert. Weiterhin werden auch Treffer angezeigt, bei denen nur der Nachname identisch ist. Das ist ärgerlich, weil anscheinend bei der Erstellung der Plattform nicht auf eine saubere Zuordnung von Personendaten geachtet wurde.

Ein größeres Problem ergibt sich aus den angegebenen Bildlizenzen. Europeana gibt eine CC-BY-SA 4.0 als Lizenz an:

Klickt man aber auf den Quelllink zum Victoria & Albert Museum, steht dort

Und jetzt stehe ich hier als armer Blogger, der keine Lust auf einen großen Rechtsstreit mit einem britischen Museum hat: Welche Lizenz ist denn jetzt richtig? Urheberrecht braucht Eindeutigkeit – ansonsten werden die Inhalte nicht genutzt, weil jede noch so grobe Lizenzprüfung scheitert. Ich gönne mir jetzt die Einbindung oben, aber ich kann auch jeden Verlagslektor verstehen, der eine entsprechende Bildnutzung ablehnt.

Weiterhin erweist sich das Interface der Europeana einfach als etwas konfus. Direkt beim V&A browsen sich die tollen Bilder von John Heywood deutlich besser.

 

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Wie man ein Drogenkartell leitet

Vom Tellerwäscher zum Millionär soll es ja so manch einer gebracht haben, aber es gibt nur wenige Geschichten, in denen jemand vom Geisteswissenschaftler zum Millionär wird. Zeit also für einen anderen Job. Ich habe daher  Narconomics – How to run a drug cartel von Tom Wainwright gelesen.

Wainwright war beim Economist als Mexiko-Korrespondent beschäftigt, als in Mexiko die Konflikte zwischen den Drogenkartellen besonders heftig tobten. Auf dem Höhepunkt der Gewalt starben in Mexiko mehr Menschen als parallel im Irak während des zweiten Golfkrieges. Schießereien, spektakuläre Massenmorde, Einschüchterung und Angst bestimmten das Klima und selbst der mexikanische Staat wurde durch die enorm finanzstarken Kartelle herausgefordert. Es ist leicht, den Polizisten vor Ort zu bestechen oder einzuschüchtern, wenn man praktisch unbegrenzte Mengen an Dollar besitzt.

Auch als Wirtschaftsjournalist konnte er sich diesem Thema nicht verschließen und so entstand dieses Buch, das die Geschäfte mit den Drogen aus einer ökonomischen Sicht in den Blick nimmt und versucht, die Ökonomie des Kampfes gegen die Drogen zu untersuchen.

Dies hat z.B. auch Roberto Saviano in seinem großartigen Buch Gomorrha ähnlich gemacht, in dem er die unglaublichen Profite und Wertsteigerungen des Drogenhandels und -schmuggels anschaulich darstellte. Wainwright treibt dies jetzt etwas auf die Spitze und macht das höchst unterhaltsam.

Er startet bei den Produzenten des Kokains, den eher ärmeren Bauern in den Anden und arbeitet heraus, dass alle Versuche, den Fluss der Drogen durch die Störung des Anbaus scheitern müssen. Zum einen fehlt es im Andenraum an wirklichen Alternativen zum Koka-Anbau. Die Bauern landen so trotz aller Bekämpfungsversuche immer wieder bei dieser Pflanze, weil sie ihre Familien ernähren wollen. Zum anderen verhielten sich die Kartelle hier wie der US-Supermarktriese Walmart, der seine Lieferanten auch möglichst ausquetscht und sie auf steigenden Kosten sitzen lässt. Zudem sind die Gewinnmargen im Drogengeschäft so hoch, dass auch stark gestiegene Koka-Preise sich nur geringfügig auf die Endpreise auswirken.

In einem weiteren, launigen Kapitel beschreibt er die Probleme der Kartelle in der Personalbeschaffung – denn fähiges Personal ist auch für ein Drogenkartell nur schwer zu finden. Hier versteckt sich sogar eine Beobachtung, die wohl einiges über den kapitalistischen Umgang mit den „Human Resources“ aussagt: In den Industrieländern fällt es den Kartellen schwer, fähiges Personal zu finden. Denn immerhin gibt es andere Erwerbsmöglichkeiten für Leute mit etwas Grips im Schädel und Drogenhandel ist ein Beruf mit hohem Risiko, irgendwann im Knast zu landen. Entsprechend ist ein Job etwa als Drogenkurier nicht sonderlich attraktiv. In ärmeren Ländern sieht dies schon wieder anders aus: Dort gibt es aufgrund mangelnder Alternativen jede Menge potenzieller Bewerber. Aus diesen Gründen ist der Umgang mit den „Mitarbeitern“ ein völlig anderer: Wainwright schildert den Fall eines europäischen Drogenkurieres, der aus eigener Unfähigkeit eine größere Menge an Drogen verschlampt und trotzdem eine zweite Chance bekommt und kontrastiert dies mit den brutalen Gepflogenheiten in Lateinamerika.

Solche manchmal sehr überraschenden Erkenntnisse machen das Buch zu einer erhellenden Lektüre. Durch die Konzentration auf das Geschäft und den Vergleich zu normalen Firmen schafft es Wainwright, einen neuen Blick auf das Geschäft mit den Drogen zu werfen. Nur eines lernt man in diesem Buch nicht: Ein Drogenkartell wird keiner der Leser mit den Informationen aus dem Buch starten können.

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Internet Archive digitalisiert 25.000 78rpm Schellack-Platten

Das Internet Archive hat (mal wieder) einen gar wunderbaren Schatz digitalisiert und frei verfügbar gemacht: 25.000 alte Schellack-Platten . Die Sammlung enthält sehr unterschiedliche Musikstile von Jazz über Blues zu Country hin zu Big Band und weiteren. Mehr Informationen über die Inhalte und die Geschichte der Sammlung(en) gibt es hier.

Besonders cool ist, dass für die Digitalisierung ein spezieller Plattenspieler mit vier Armen benutzt wurde. Da es zu 78rpm-Zeiten keinen genauen Standard für die Größe der Nadel des Tonabnehmers gab, existierten Plattenspieler mit verschiedenen Nadeldicken. Dies macht sich auch im Klang bemerkbar – die einzelnen Nadeln hören sich auf ordentlichem Audioequipment durchaus unterschiedlich an.

Es gibt also jede Menge völlig unbekannter Musik zu entdecken – und das ist ein riesiger Spaß!

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