Agora – Die Säulen des Himmels

Alexandria im Jahre 391 nach Christus: Das Christentum befindet sich im Aufwind, die Straßen sind voll mit Predigern, aber es gibt auch noch die Anhänger der alten heidnischen Religionen. Inmitten dieser Situation unterrichtet die Philosophin Hypatia ihre Schüler, versucht die Geheimnisse des Universums zu ergründen, aber kann gleichzeitig nicht verhindern, dass sie zwischen die Fronten des Konfliktes zwischen den zwei Religionen gerät. Agora – Die Säulen des Himmels ist ein spanischer Monumentalfilm, der sich allerdings erfreulich von anderen Antikenfilmen abhebt und nicht wie leider viel zu häufig auf sinnlose Gewaltdarstellung und platte Geschichten setzt (das aktuellste Beispiel dafür ist wohl die US-Serie Spartacus: Blood & Sand). Auch das Szenario hebt sich erfreulich von den üblichen Standardszenarien ab, die sich entweder mit Gladiatoren, dem Ende der römischen Republik, Kleopatra oder Troja beschäftigen. Diese Szenarien sind natürlich die bekannten Publikumsmagnete, aber das spätantike Szenario von Agora ist im Gegensatz dazu erstaunlich frisch und funktioniert richtig gut.

Agora will – wie so ziemlich jeder Antikenfilm – natürlich keine historisch korrekte Darstellung sein, sondern ist ein Lehrstück über die Konsequenzen fundamentalistischer, religiöser Gewalt. Agora ist deutlich moderner als das Setting in der Spätantike einen zuerst glauben lässt – der Angriff religiöser Fanatiker auf Wissenschaft, Toleranz und friedliches Miteinander ist ein brandaktuelles Thema, das in Agora auch noch brilliant bedrohlich dargestellt wird. Gerade die historischen Zuspitzungen – oder, je nach Perspektive, die Verfälschung der Geschichte führen dazu, dass Agora so gut funktioniert. Die Bilder der schwarzgekleideten, bärtigen Christen, die die Bibliothek von Alexandria zerstören, erinnern frappierend an Taliban und radikale Islamisten. Nur, dass sich hier nicht das bedrohliche Fremde, das Andere, die fremde Religion zeigt, sondern das Christentum in seiner ebenfalls hässlichen und radikalen Form. Die Botschaft von Agora ist die Warnung vor religiösem Fundamentalismus und diese wird großartig in Szene gesetzt – da stürmt ein wütender Mob aus Christen die legendäre Bibliothek von Alexandria, reißt wertvolle Schriftrollen aus den Regalen, verbrennt sie, Statuen werden zerstört und der Zuschauer sitzt mit dem beklemmenden Gefühl im Kinosessel, dass er gerade Zeuge der endgültigen Vernichtung von antikem Wissen ist. In einer anderen Szene macht sich Hypatia Gedanken über die Umlaufbahn der Sterne – direkt im Anschluss unterhalten sich drei Mitglieder der Parabolani, einer militärischen und besonders radikalen Gruppe der Christen in den Ruinen der Bibliothek ebenfalls über die Sterne. Diesmal aber unter anderen Vorzeichen – einer der Fanatiker behauptet, dass die Erde eine Scheibe sei, ein anderer antwortet, dass die Antwort auf die Frage, ob die Erde eine Kugel oder eine Scheibe sei, nur Gott wisse. Gerade solche Szenen machen Agora so verstörend – der Triumph der Ignoranz und Gewalt über die von der Philosophin Hypatia verkörperten modernen Wissenschaft ist schwer verdaulich, bedrückend und verstörend. Und genau hier liegt auch die Botschaft des Filmes – er will aufrütteln gegen religiös motivierte Gewalt. Hier zeigt sich auch, wie geschickt das Szenario gewählt wurde: Es geht nicht um eine fremde Religion, sondern eben um das Christentum, welches hier die Rolle des Bösewichts übernimmt. Wie gesagt, Agora ist ein Antikenfilm, der höchst moderne Fragen behandelt. Und daher ist er absolut sehenswert.

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