Die Wewelsburg bei Paderborn und die SS

Die Wewelsburg bei Paderborn wäre eigentlich eine relativ unbedeutendes Schloss im Stile der Weserrenaissance, deren einzige nicht wirklich interessante Besonderheit ist, dass sie einen dreieckigen Grundriss besitzt. 1934 beschließt allerdings die SS, die Burg zu ihrer Ordensburg auszubauen. Die Pläne dafür gehen ins Gigantische, werden allerdings nie realisiert. 1945 wird die Burg gesprengt, damit sie nicht den Alliierten in die Hände fällt und ausgiebigst geplündert. Seitdem ranken sich diverse Gerüchte um die Burg, welche häufig als eine Art okkulte Zentrale der SS gesehen wird. In der rechten Szene hat das Symbol der „Schwarzen Sonne“, welches in den Fußboden der Burg eingelassen wurde, mittlerweile den Status eines der zentralen Symbole erlangt und es gibt auch diversen anderen Quatsch rund um den dort vermuteteten Nazi-Okkultismus – am deutlichsten wird dies wohl im Computerspiel „Return to Castle Wolfenstein“, in dem ein amerikanischer Spezialagent mit mächtig viel Schusswaffengebrauch den Plan genetisch manipulierte „super soldiers“ verhindert. Am Ende gipfelt das Spiel in der versuchten Wiederbelebung des mittelalterlichen Kaisers Heinrich I. durch die SS auf eben jener Burg. Auch wenn es nicht im Namen steckt – das namensgebende Castle Wolfenstein, dessen „Wolfenstein 3D“ genannter Vorgänger das Genre der Egoshooter begründete, wurde von der Wewelsburg bzw. den sich um sie rankenden Gerüchten inspiriert. Die Wewelsburg ist also ein real existierender Ort, um den sich so viele Legenden ranken, dass die wirkliche Geschichte des Ortes darunter verloren geht.

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Seit kurzem gibt es auf der Wewelsburg endlich eine neue, ausführliche Ausstellung zur Geschichte der Burg und zur Geschichte der SS. Diese ist – parallel zur ebenfalls neu gestalteten Austellung „Topographie des Terrors“ in Berlin – eine Ausstellung, die sich vor allem um die Täter dreht und die versucht, die SS darzustellen. Gelten die Nazis auch heute noch gerne als „die wenigen“, die „das Volk“ verführt haben, trifft dies noch viel stärker auf „die SS“ zu, welche für alle Verbrechen zuständig war. Die neue Ausstellung „Ideologie und Terror der SS“ versucht daher, die Organisation in ihrer durchaus vielfältigen personellen Zusammensetzung zu erklären, ihre Verbrechen darzustellen und die dahinter stehende Ideologie zu ergründen. Verknüpft wird dies mit der Geschichte der Wewelsburg, deren Besatzung und deren angegliedertes KZ als Beispiel für die gesamte Organisation dient. Die neue Ausstellung ist sehr gelungen. Geschichte, Organistation, Sozialstruktur, Ideologie und Verbrechen werden anschaulich dargestellt. Besonders lobenswert ist vor allem das mit vielen Gegenständen, Dokumenten und Quellen gearbeitet wird, diese aber nicht in tumbes Nazibestaunen abdriften. Diese Dokumente sind häufig in ausziehbaren Schubladen unter den Vitrinen untergebracht – die Ausstellung lässt sich also sowohl im Schnelldurchlauf als auch detailliert begehen. Negativ fällt allerdings auf, dass man sich als normal großer Mensch ständig bücken muss, um die in den Schubladen liegenden Dokumente zu lesen – nach einiger Zeit geht dies dann doch etwas in den Rücken.
Nach diesen beiden Teilen der Ausstellung kann der Besucher durch den Burggraben in die Burg gehen und dort die „Gruft“ und den „Obergruppenführersaal“ besichtigen – die einzigen Stellen innerhalb der Burg, in denen sich die Bautätigkeit der Nazis wirklich sichtbar widerspiegelt. Die Ausstellungsmacher haben den Spagat zwischen Ausstellen und Verhinderung gruseliger Faszination gut hinbekommen: Der Obergruppenführersaal mit der bereits erwähnten schwarzen Sonne wurde mit bunten Sesseln und Informationsmaterial gefüllt, so dass die Besucher nicht gruselnd und erfurchtserfüllt allein gelassen werden. Außerdem verhindern bunte Sessel effektiv eventuelle Versuche von Neonazis, die Räume provozierend für sich zu nutzen.

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Direkt im Anschluss folgen die mörderischen und menschenverachtenden Konsequenzen aus der zuvor erläuterten Ideologie: Die Wewelsburg besaß ein angegliedertes Konzentrationslager, dessen Häftlinge von der SS zu Bautätigkeiten an der Burg gezwungen wurden. Deren Erfahrungen und Leiden werden ausführlich dargestellt. Dies bietet den nötigen Kontrast zur Ausstellung der Täter.
Den Schluss der Ausstellung bildet die Nachwirkung der SS, die natürlich nicht 1945 mit ihrem Verbot einfach so verschwand. Die Organisation verschwand, Täter und Opfer blieben allerdings am Leben. Während die Opfer sich in mühsamen Kämpfen eine karge Entschädigung erkämpfen mussten, gelangten die Täter häufig schnell wieder zurück ins normale Berufsleben, konnten Karriere machen und verfassten zum Teil schwer verträgliche Rechtfertigungsliteratur. Der Kontrast zwischen diesen Polen macht diese Abteilung wieder sehr schwer verdaulich. Alles in allem kann man vor der Ausstellung nur den Hut ziehen – sie schafft es, die Geschichte der SS gut mit dem Ort Wewelsburg zu verknüpfen, sie rückt Täter und Opfer in das Blickfeld und sie vermeidet dankenswerterweise jeglichen Nazi-Faszinationstourismus, indem sie die beiden erhaltenen SS-Räume in Burg selbst auf sinnvolle Weise umnutzt. Wer nur wegen des Gruseleffekts der okkulten Naziburg dort hinfährt, wird enttäuscht – und belehrt.
Bemerkenswert ist weiterhin der sehr gut sortierte Museumsladen, in dem man die aktuelle Forschung zum NS-Regime und vieles mehr findet. Wenn nur andere Museumsläden so ausgestattet wären anstatt Bleistifte mit römischem Adler oder anderen Plunder zu verkaufen.

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Die Burg an sich ist heute allerdings ein ambivalenter Ort, der zwischen Gedenken und Ausflugsort schwankt. Die SS-Ausstellung ist im ehemaligen Wachgebäude untergebracht. In der Burg sind außerdem das Historische Museum des Hochstiftes Paderborn und eine Jugendherberge untergebracht. Dies führt dazu, dass bei gutem Wetter in den Ferien die gesamte Anlage voll mit spielenden Schülern auf Klassenfahrt ist. Weiterhin dient sie als Sonntagsausflugsziel für diverse Gruppen und Privatpersonen, die fröhlich schmausend im Burgcafé sitzen.
Die Weiternutzung eines solchen Ortes ist schwierig – belässt man ihn als Ort der Täter, als gruseliges „Hauptquartier des Bösen“, dann schafft man einen Ort im Sinne der SS, einen Ort, an dem statt Gedenken oder Aufklärung ein merkwürdiges, einschüchterndes Staunen vorherrscht. Es ist definitiv wünschenswert, dass es nicht so kommt und dass der Ort umgewandelt wird und zwar genau entgegen der Interessen der SS. Eine zivile Weiternutzung nimmt dem Ort seine Kraft – fröhlich spielende Kinder sind der wohl stärkste Kontrast zur SS-Nutzung.
Gleichzeitig bleibt aber ein etwas unangenehmes Gefühl übrig: Die Wewelsburg war eben nicht nur Ordensburg der SS, sondern es gab auch ein der Burg zugehöriges Konzentrationslager, um billige Arbeitskräfte für den Umbau zur Verfügung zu haben. 1285 Menschen starben dort – direkt neben der Burg. Die Spuren des Lagers sind mittlerweile nur noch schwer zu erkennen – abgesehen von der Ausstellung, in der das KZ und seine Insassen ausführlich behandelt werden, blieb an der Burg nur noch ein Teerstrich an der Burgmauer erhalten. Das Gelände des ehemaligen KZ wird heute in einer doch etwas merkwürdigen Weise genutzt und das ehemalige Torhaus wurde zu einem Wohnhaus inkl. Wintergarten.
Und daher bleibt doch ein etwas merkwürdiges Gefühl zurück, weil die Opfer zu kurz kommen. Die Ausstellung macht es richtig, aber wer die Burg besichtigt, muss schon längere Zeit suchen, um Spuren zu entdecken. Die Ausflugs- und Ferienatmosphäre rund um die Burg unterstreicht diesen Eindruck noch mehr. Besonders nachdenklich wird man etwas später, wenn man wieder mit dem Auto aus dem Dorf herausfährt und an den Laternen noch die von der Landtagswahl hängen gebliebenen Plakate der NPD sieht…

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1 Response to Die Wewelsburg bei Paderborn und die SS

  1. M. Schup sagt:

    Vor ca. 10 Jahren war ich mit Freunden aus England in der Wevelsburg und auch in dem sehenswerten Museum. Zu unserem Besuch kamen tatsächlich irgendwelche „schwarzgestiefelten Dumpfbacken“ in das Museum. -Ich habe mich geschämt. Aber mein Freund sagte beschwichtigend: „Don´t worry Michael. We have the same in England. -Das war für mich ein schwacher Trost. Was habe ich gelernt? -Man muß helle wach bleiben! Selbst nach 60 und mehr Jahren lebt immer noch das „braune Gedankengut“ .

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