Verdun

Der Name Verdun steht wie kein anderer für das sinnlose, industrielle Schlachten des Ersten Weltkrieges. Die deutsche Offensive sollte endlich den Durchbruch bringen, Frankreich „weißbluten“ lassen und den Krieg doch noch zu gewinnen. Die Bilder sind bekannt und grauenhaft zugleich: Eine zerbombte Mondlandschaft, von Gräben zerfurcht, in der Soldaten sich gegenseitig unter miserabelsten Bedingungen töteten, mörderische Sturmangriffe, in Richtung Gegner wabernde Gaswolken, Stacheldraht und das ständige wummern der Artillerie. Am Ende blieben über 300.000 Tote in Verdun zurück, einen wirklichen Sieg konnte keine Seite für sich beanspruchen.

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Heute ist über das Schlachtfeld buchstäblich Gras gewachsen – oder um genauer zu sein, ein Wald. Ein wunderbar großer, dichter Laubwald, durch den man auf breiten Straßen fahren kann. Doch auch über 90 Jahre nach der Schlacht erkennt man an jeder Stelle die Wunden des Krieges. Der Boden ist zerklüftet von Bombenkratern und praktisch jede Stelle ist uneben. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man überall Gräben, Bunker liegen versteckt im Wald und Schilder warnen den Besucher, die Pfade zu verlassen – es liegt noch zu viele Munition im Boden. Und immer noch massenweise Tote. Die ehemalige Mondlandschaft ist überwachsen, aber immer noch sichtbar. Vor allem der Kontrast des munter wachsenden Waldes, der voller Leben steckt und den in ihm verborgenen Stätten des Todes ist ein Eindruck, der schwer zu verdauen ist, aber durchaus typisch für ehemalige Schlachtfelder ist.

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Ein Besuch in Verdun ist aber in den allermeisten Fällen kein Waldspaziergang, sondern der Besucher wird die "offiziellen" Gedänkstätten besuchen. Diese gliedern sich in zwei Kategorien – zum einen die übrig gebliebenen Reste der umkämpften Forts, Bunker oder Schützengräben und zum anderen die später errichteten Gedenkmonumente.

Von den Forts – heftig befestigte und heftig umkämpfte Stellungen – sind zwei zu besichtigen: Fort Vaux und Fort Douaumont. Beide liegen wie verendete Wale in der Landschaft, zerschossen, zerklüftet und irgendwie unwirklich. Die ehemals ebenen Dächer sind mittlerweile eine grasbewachsene Berglandschaft, von Granattrichtern durchpflügt, mit herumliegenden Trümmerteilen von beeindruckender Größe. Das Innere der Forts ist nichts für klaustrophobisch veranlagte: Wasser dringt durch die Decke ein, von der Decke hängen die Tropfsteinfäden, es riecht muffig, der Boden ist feucht, es ist eng, jede Bewegung hallt, alles ist verwinkelt und an diversen Stellen liegen noch nicht geborgene Leichen. Fort Douaumont beherbergt noch über 900 Leichen von deutschen Soldaten, die nach einem Treffer nicht geborgen werden konnten.DSC08093

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In Verdun gibt es jede Menge offizielle Gedenkstätten – praktisch jedes dort kämpfende Regiment hat einen eigenen Gedenkstein. Die drei zentralen Stätten sind allerdings das Verdun-Memorial, das Beinhaus mit dem Soldatenfriedhof und die "Tranchée des Baionettes", eine etwas merkwürdige Gedenkstätte an einer Stelle, an der mehrere Soldaten von einer Granate so verschüttet worden sein sollen, so dass nur noch ihre Bajonette aus dem Boden ragten.

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Die Dimensionen des offiziellen Soldatenfriedhofes sind kaum zu fassen – 15000 Kreuze erstrecken sich über einen Hügel, der von einem monumentalen Beinhaus überragt wird. In diesem lagern die Überreste von 130000 nicht identifizierten Toten. Das sind Zahlen, die kaum zu greifen sind und entsprechend erschlagen ist der Besucher. Das wohl einzig wirklich tröstende an dieser Stelle ist die zentrale Inschrift, die an die Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich erinnert.

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Das Bedrückende, welches das Schlachtfeld ausstrahlt, scheint allerdings an einigen Menschen vorbeizugehen: Hinter dem Beinhaus campen diverse Wohnmobile inkl. Mittagessen auf Klappstuhl und Klapptisch. Es fuhren wegen der Fussballweltmeisterschaft einige Autos mit angeklebten Deutschlandfähnchen herum und ein Tourist rannte sogar mit Fähnchenblumenkette herum. Radsportler nutzen die Berge zum trainieren.

Wer danach noch Zeit hat, sollte sich die Stadt Verdun anschauen. Diese bietet nicht nur ein brachial-monumentales Denkmal zur Schlacht, sondern auch eine sehenswerte Kathedrale, Befestigungen von Vauban und ein wirklich malerisches Flussufer.

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