Der Standort

Es gibt eine Sache, die einem im Studium immer weider eingetrichtert wird: Dr Historiker ist standortgebunden. Ein typischer Geschichtsstudent in Freiburg ist nunmal meistens ein weißer Europäer, stammt aus einer bestimmten Schicht, hat irgendwelche politischen Überzeugungen und ist entweder Mann oder Frau. Dies alles beeinflusst natürlich seinen Blick auf die Geschichte. Natürlich schreibt ein polnischer oder russischer Historiker trotz aller methodischen Reflexion die Geschichte des Zweiten Weltkrieges anders als ein deutscher oder japanischer Historiker. Diese Standortgebundenheit zieht sich durch alles, was ein Historiker produziert. Marxisten würden jetzt „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ falsch verstanden zitieren.
Diese Tatsache ist uns Historikern bekannt. Das große Problem ist aber, dass kritisieren viel leichter ist als die Lösung des Problems. Gerade da die Standortgebundenheit so tief geht, lässt sie sich nur schwer abschütteln. Selbst durch genaue Reflexion der eigenen Arbeit kann man meistens nur ie gröbsten Schnitzer vermeiden, andere bleiben trotzdem und schlagen sich im Text nieder. Was kann man also tun?
Die einfachste Lösung ist natürlich, die ganze Diskussion zu ignorieren und einfach so Geschichte zu schreiben. Die andere ist eine tiefgreifende Reflexion, die letzte den eigenen Standort deutlich zu machen. Die aktuellen Diskussionen um 1968 und die Studentenrevolte bieten sich gut dafür an, dies zu erläutern: Es macht einen Unterschied, ob ein ehemaliger Aktivist quasi über sich selbst und seine Freunde schreibt oder ob ein konservativer CDU-Mann diese Geschichte schreibt. Es ist wichtig, ob die eigenen Eltern Alt-68er sind oder anders eingestellt sind. Dies alles bestimmt trotz aller Ausbildung, allem Quellenstudium und der „historischen Wahrheit“ (wenn es diese gibt) die Bewertung der Studentenproteste, die im Zweifelsfall zwischen „das war dringend notwendig und richtig“ und „die 68er sind an allem Schuld“ schwanken wird.
Diese persönliche Ebene von der historischen Arbeit zu trennen ist schwierig und vielleicht ist es auch von den Beteiligten gar nicht erwünscht. Wichtiger ist es hingegen, klar zu machen, von welchem Standort aus man selbst schreibt. Das Erstaunliche ist allerdings, dass Historiker dies so selten tun. In den allermeisten Büchern und Aufsätzen findet sich kaum eine Verortung, selbst wenn der Autor beispielsweise eine nicht unwesentliche Rolle 1968 gespielt hat. Die Lebensläufe der Historiker auf den Internetpräsenzen ihrer Universitäten listen meistens nur den akademischen Werdegang und Publikationen auf. Der Leser muss daher entweder den politischen Standort des Autors bereits kennen oder versuchen ihn aus dem Text selbst zu rekonstruieren.
Es ist natürlich auch klar, warum das so ist – das Berufsbild vieler Historiker ist natürlich, dass sie einen historischen Gegenstand umfassend behandeln und nicht nur eine von vielen möglichen Sichtweisen produzieren. Außerdem hätte auch ich eine gewisse Abwehrhaltung gegenüber einem umfassenden „Seelenstriptease“. Das Problem ist ja gerade, dass sich hier höchst Privates mit der Arbeit als Historiker vermischt und dass auch nicht alles Private an die Öffentlichkeit geraten muss. So macht es z.B. einen gewaltigen Unterschied, ob jemand die Geschichte der Psychatrie untersucht, der selbst einmal in einer entsprechenden Einrichtung saß oder jemand, der aus ganz anderen Motivationen auf das Thema gekommen ist. So etwas an die Öffentlichkeit zu bringen erfordert enormen Mut und macht auch angreifbar.
Es gibt also kein Patentrezept für dieses Problem – außer vielleicht es sich immer wieder vor Augen zu führen.

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