Ein ungleicher Vertrag

Wenn es um das Thema Kolonialismus geht, dann liest man häufig von ungleichen Verträgen oder sogenannten Schutzverträgen, die mit den lokalen Häuptlingen getroffen wurden, um sie danach um ihr Land und unter die Herrschaft der jeweiligen Kolonialmacht zu bringen. Dabei wurde natürlich von den Europäern heftigst getrickst, die lokalen Stammesführer waren häufig Analphabeten, verstanden den Inhalt der Verträge kaum und natürlich wurden auch alle anderen Mittel genutzt, um sie über’s Ohr zu hauen. Das ist einem eigentlich bekannt und praktisch keine Darstellung des Kolonialismus kommt ohne eine Erwähnung dieser Verträge aus. Aber wer hat schonmal so einen Vertrag gelesen? Erstaunlicherweise findet man solche Verträge anscheinend auch nicht online, bzw. sie sind wenn überhaupt gut versteckt. Und dann gibt es noch das Problem mit der Schrift – die damals übliche Kurrentschrift ist nicht ohne etwas Übung lesbar.

Als Historiker stolpert man natürlich in den Archiven häufig über in der Kurrentschrift verfasste Quellen und daher belege ich dieses Semester eine Übung zum Thema. Und da dort einer dieser ungleichen Verträge als Übungsmaterial behandelt wurde, habe ich ihn einfach mal in normal lesbare Schrift transkribiert und veröffentliche ihn hier.

Vertrag

In Anbetracht daß King Koto von Abo den Wunsch zu erkennen gegeben, friedlich und freundschaftlich Beziehungen zwischen ihm und seinem Lande und dem deutschen Reiche herzustellen und zu kräftigen, haben der kaiserliche Konter-Admiral und Chef des West-Afrikanischen Geschwaders Herr E.H. Knorr, mit der gehörigen Vollmacht versehen, einerseits mit King Koto von Abo für sich, seine Häuptling und sein ganzes Land andererseits nachfolgende Vertrags-Artikel beschlossen und festgestellt.

Art. I.

Seine Majestät der deutsche Kaiser nimmt hierdurch, in Gewährung des Wunsches des King Koto von Abo, die Oberhoheit über King Koto, seine Häuptlinge und Alles unter ihrer Herrschaft stehende Land huldvollst entgegen und will ihnen den Schutz ihrer Rechte und ihres Besitzes, sowie alle anderen den deutschen Unterthanen gebührende politische und bürgerliche Vortheile angedeihen lassen.

Art. II.

King Koto von Abo verspricht für sich und seine Häuptlinge, daß sie mit allen legalen Häuptlingen dauernd Frieden halten, zur Niederhaltung jedes Aufruhrs jeden Beistand leisten und daß sie alle Streitigkeiten mit Angehörigen dieses Landes oder Freunden der deutschen Regierung unterbreiten und sich deren Entscheidungen unterwerfen wollen.

Art. III.

King Koto von Abo verspricht einerlei Abkommen oder Vertrag weder schriftlich noch mündlich mit irgend einer fremden Nation oder Macht einzugehen, es sei denn mit Wissen und Genehmigung Seitens der kaiserlichen deutschen Regierung.

Art. IV.

Dieser Vertrag tritt mit dem Tage seiner Unterzeichnung in Kraft. Unterzeichnet in doppelter Ausfertigung, den 17. Januar 1885, in der Stadt Mangamba.

Unterschriften

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2 Responses to Ein ungleicher Vertrag

  1. D.Rödiger sagt:

    Guten Tag,

    beim Stöbern nach der alten Kurrentschrift bin ich auf Ihre Seite und diesen Vertrag gestoßen.
    Ich habe mir erlaubt, ein paar Kleinigkeiten zu korrigieren:

    Vertrag

    In Anbetracht daß King Koto von Abo den Wunsch zu erkennen gegeben, friedlich*e* und freundschaftlich*e* Beziehungen zwischen…

    Art. II.
    King Koto von Abo verspricht für sich und seine Häuptlinge, daß sie mit allen l*oy*alen Häuptlingen…

    …Angehörigen dieses Landes oder Fre*m*den der deutschen Regierung…
    (Wenn ich die Handschrift anschaue, muss dort Fremden stehen – vergleich Sie mal selbst. Halten Sie das ‚e‘ und das ‚d‘ zu – dort kann nur ein ‚m‘ (3 Bögen – statt 4 für ‚un‘; ebenso fehlt der Bogen über dem ‚u‘) stehen. Vielleicht ist gemeint, dass Bürger der deutschen Regierung generell in diesem Land fremd sind? Anders kann ich mir das nicht erklären.)

    Art. III.
    King Koto von Abo verspricht *k*einerlei Abkommen oder Vertrag…

    Art. IV.

    …Ausfertigung, den *26*. Januar 1885, …

    Ob es für Sie überhaupt noch interessant ist, kann ich natürlich nicht beurteilen – ist dieses Thema immerhin vom Juli 2010.

    Mit freundlichen Grüßen,
    D.Rödiger

  2. admin sagt:

    Vielen Dank für den Hinweis!

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