Fred Kaplan – 1959. The year everything changed.

Fred Kaplan, amerikanischer Pulitzerpreisträger, hat eine steile These: 1959 sei das Jahr gewesen, in dem sich „alles veränderte“. Kultur, Technik, Gesellschaft, Kunst, alle seien in diesem Jahr zu neuen Ufern aufgebrochen, Neues sei entstanden und am Ende des Jahres sei die (amerikanische) Gesellschaft deutlich liberaler gewesen als zu Beginn:

„The flight of the Lunik set off a year when chains of all sorts were broken with verve and apprehension – not just in the cosmos, but in politics, society, culture, science, and sex. A feeling took hold that the breakdown of barriers in space, speed, and time made other barriers ripe for transgressing. 1959 was the year when the shockwaves of the new ripped the seams of daily life, when humanity stepped into the cosmos and also commandeered the conception of human life, when the world shrank but the knowledge needed to thrive in it expanded exponentially, when outsiders became insiders, when categories were crossed and taboos were trampled, when everything was changing and everyone knew it – when the world as we now know it began to take form.“

Kaplan lehnt sich also sehr weit aus dem Fenster und so mancher Leser wird sich jetzt fragen, was 1959 überhaupt Spannendes passiert ist. Gut, die Berlinkrise. Und ein paar Raketenstarts, aber 1959 liegt außerhalb der prägenden Daten, die man als Deutscher mit der Geschichte verbindet. Fred Kaplan schreibt aber als US-Amerikaner eine geradezu mit Scheuklappen versehene US-zentrierte Geschichte. Kaplans These stützt sich vor allem auf Entwicklungen in der Kunst und der Musik sowie Gerichtsurteile, in denen bestimmte Gesetze, die eine Verbreitung von „obszönem Material“ kassiert werden. Weitere Elemente sind die Besuche von Mikoyan und Chruschtschow in den USA, das Weltraumprogramm, die Erfindung des Mikroprozessors und die Zulassung der Antibabypille durch die FDA. Der Fokus liegt aber ganz klar auf dem kulturellen Bereich. Dabei hat Kaplan zwei Hauptlinien ausgemacht – zum einen die Entwicklung der Beats rund um Allen Ginsberg und die Entwicklungen im Jazz, die er als Jazzfan geradezu unerträglich breit auswalzt. Ergänzt wird dies durch weitere Episoden und Ereignisse aus dem Jahre 1959,
Man merkt dem Buch in jedem Kapitel an, dass Kaplan kein Historiker ist – Kaplan versucht, ein Panorama oder eine Collage des Jahres 1959 zu schreiben, ordnet seine Themen dabei chronologisch an und verschließt sich jeder systematischen Unterteilung. Das Ergebnis ist, trotz der steilen Thesen und der Jazzdominanz, erstaunlich erfrischend zu lesen. Kaplans großer Fehler ist aber, alles in das Jahr 1959 hineinquetschen zu wollen. Dabei verwendet er drei Tricks, um „sein Jahr“ besonders wichtig erscheinen zu lassen:

1)Er nimmt Prozesse, die schon lange im Gang sind, macht aber ein Ereigniss aus, das für ihn besonders wichtig ist. Allen Ginsbergs Karriere ist hier wohl das beste Beispiel – die beginnt schon lange vor 1959, Kaplan wertet aber eine Lesung in diesem Jahr als großen Durchbruch.
2)Es werden Entwicklungen, die erst viel später wichtig werden, auf ihre Ursprünge zurückgeführt. So wurde der Mikrochip zwar 1959 erfunden, entfaltete seine Wirkung erst lange Zeit später.
3)Längere Prozesse werden auf wenige Ereignisse zusammengestaucht, die natürlich in besagtem Jahr stattfinden.

Fred Kaplan hat also die grundliegensten Probleme jeder Periodisierung gnadenlos missachtet und dies führt dazu, dass sein Buch und seine These nicht haltbar sind. Das Buch zwingt den Leser allerdings dazu, sich über diese Periodisierungsprobleme Gedanken zu machen, gerade weil es alles falsch macht. Besonders auffällig ist das Denken in bestimmten Jahren – wer etwas reflektiert herangeht, der weiß natürlich, dass die Jahresenden völlig willkürlich definiert sind und dass man höchstens mit den stillen Tagen zwischen Weihnachten und Silvester ein gewisses Jahresende begründen kann, aber nicht muss. Kaplan bemerkt noch nicht einmal, dass sein Untersuchungszeitraum einfach nicht zum Thema passt – er bezieht vieles auf die Kennedy-Präsidentschaft und die Versprechungen des Präsidentschaftswahlkampfes. John F. Kennedy kündigt seine Präsidentschaftskanidatur allerdings genau einen Tag nach Kaplans angeblich alles ändernden Umwälzungen am 1. Januar 1960 an. Die Timeline vorne im Buch quetscht dies gerade noch herein, indem sie am 31. Dezember 1959 verkündet: „John F. Kennedy bereitet sich darauf vor, seine Präsidentschaftskanidatur anzukündigen.“
Das Denken in Jahren ist natürlich weit verbreitet und wohl kaum einer kann sich gegen das Denken in Jahrzehnten mit speziellem Charakter schützen – die 50er mit Wirtschaftswachstum und Mief, die rebellischen 60er, die 70er mit Blumenhippies und die grell bunten 80er mit den schlechten Frisuren sind einfach dermaßen in unsere Gehirne eingebrannt, dass man sich nur schwer davon lösen kann. Kaplan versucht natürlich etwas dieses Denkschema aufzubrechen, indem er viele der den 60ern zugeschriebenen Veränderungen im Jahr 1959 verortet. Kaplan geht aber nicht den nötigen Schritt, er denkt weiterhin in Dekaden und da irgendwas ja den spezifischen Charakter einer Dekade ausmachen muss, ist es jetzt bei ihm ein bestimmtes Jahr. Und damit reiht er sich in eine ganze Reihe Autoren ein, die dem jeweils letzten Jahr eines Jahrzehnts einen Umbruchscharakter zuschreiben. Für die Jahre 1919, 1929, 1939, 1949 und 1989 braucht man nicht wirklich lange suchen, aber für das Jahr 1969 gibt es ebenfalls einen Autoren, der sogar genau den gleichen Untertitel benutzt wie Kaplan. 1979 soll auch ganz wichtig gewesen sein und 1999 ging ja bekanntlich eh die Welt unter.

Die einzige wirkliche Stärke des Buches liegt in seiner Schwäche – gerade da es so viel falsch macht, zwingt es den Leser zum Nachdenken über die Probleme einer derartigen Geschichtsschreibung. Und das kann durchaus fruchtbar sein.

Dieser Beitrag wurde unter Bücher veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.