If Hitler comes – A cautionary tale

„If Hitler comes“ von Douglas Brown and Christopher Serpell erschien im August 1940. Die Wehrmacht hatte gerade Frankreich erobert, dort entstand das Vichy-Regime, welches eng mit den Deutschen kooperierte und Großbritannien schaffte es zwar in Dünkirchen einen Großteil der kontinentalen Truppen zu retten, stand aber ansonsten fast alleine in der Welt. Der Battle of Britain tobte heftigst. Churchill versuchte verzweifelt, die Hilfe der USA zu sichern. An diesen Kontext knüpft „If Hitler comes“ an und der Untertitel „A cautionary tale“ zeigt die Richtung an – es geht darum, den Kampfwillen der Briten anzufeuern. Gewidmet ist das Buch „To Those Who Will Not Let This Happen“. Es handelt sich also um ein Stück Propaganga, das im typischen „Was wäre, wenn“-Stil verfasst ist.
Die Geschichte folgt dem neuseeländischen Journalisten Charles Fenton, dessen Aufzeichnungen über die schleichende britische Unterjochung unter die Naziherrschaft irgendwann in der Zukunft nach dem großen, vernichtenden Krieg von Maori-Archäologen gefunden wurde. Das Ausgangsszenario ist so simpel wie zur Entstehungszeit des Buches auch realistisch: Die Kampfeslust und Moral der britischen Bevölkerung schwindet nach den Niederlagen rapide. Gerüchte, leise Forderungen nach Frieden und die Frage, was denn Europa die Briten angehe, kommen auf. Die britische Regierung kann sich gegen diese Erosion der Moral nicht lange behaupten und schließlich kommt es zu einem Friedensvertrag. Die britische Armee stellt das kämpfen ein, die eingezogenen Wehrpflichtigen kehren zurück, aber der Friedensvertrag verzögert die : Zum einen fällt Großbritannien in eine schwere wirtschaftliche Depression nach Kriegsende. Die zurückkehrenden Soldaten können nicht mehr in ihre alten Jobs zurückkehren, Unzufriedenheit und Not entstehen. Diese Unzufriedenheit manifestiert sich in einer faschistischen Bewegung, den „Greyshirts“ unter ihrem Anführer Patrick Roose, welche durch Krawalle und Ausschreitungen die Regierung unter Druck setzen. Zum anderen bleibt die Kriegsmaschinerie der Nazis unter Waffen und Großbritannien wird so erpressbar – die eigene, abgerüstete Armee ist nicht mehr in der Lage, die Bedrohung durch die deutsche Luftwaffe zu bekämpfen. Großbritannien ergeht es nicht anders, als es anderen, kleineren Ländern im Zweiten Weltkrieg ging: Die Bedrohung durch die Deutschen führt zu einem „Freundschaftsvertrag“ und der Installation eines Marionettenregimes. Zuerst kommen nach der Unterzeichnung des Freundschaftsvertrages, bei der demonstrativ deutsche Bomber über London kreisen, deutsche Berater ins Land, welche schnell die eigentliche Macht übernehmen. Die Presse wird zensiert, das Parlament wird zugunsten einer autoritären Regierung aufgelöst und die Monarchie abgeschafft. Unliebsame und kritische Leute werden verhaftet und keiner tut etwas dagegen. England versinkt in Lethargie, kein Widerstandsgeist kommt auf, jeder inklusive des Hauptcharakters druckst herum, versucht sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren und das Land ist völlig den neuen Herrschern ausgeliefert. Die Besetzung Großbritanniens geht aber noch weiter: Nachdem zuerst nur ein paar „Berater“ in den Schaltstellen der Macht waren, kommt es nach einer Reihe von durch die Greyshirts angezettelten Krawallen zu einer „Einladung“ deutscher Truppen. Das Regime wird weiter verschärft und wiederum bleibt der Widerstand aus. Selbst die kleinsten Formen eines möglichen Widerstandes werden sofort ausgelöscht. Es kommt noch schlimmer: Hitler kommt nach Großbritannien und ein gescheitertes Attentat auf ihn führt zur kompletten Besetzung Großbritanniens. Das Land ist endgültig besiegt und nur noch ein Vasall der Deutschen. Zur politischen Verfolgung inklusive Konzentrationslagern kommen auch ökonomische Not und Elend. Der Krieg geht nämlich weiter, Großbritannien wird ausgeplündert, der Handel in London kommt zum Erliegen, die Kolonien gehen verloren und britische Arbeiter werden zwangsweise zum Arbeiten nach Europa gebracht.
Die Moral der Geschichte ist klar – die Deutschen müssen besiegt werden, ein Frieden mit ihnen ist nicht möglich und jedes noch so kleine Flüstern über einen Friedensvertrag ist der Anfang vom Ende. Neben dieser klaren Botschaft schwingen allerdings auch sehr dystopische Elemente mit: „If Hitler comes“ zeigt kein heroisches Bild der britischen Bevölkerung, sondern genau das Gegenteil. Sie duckt sich vor dem Feind weg und akzeptiert alle noch so harten Maßnahmen. Es ist nicht der gemeinsame Kampf, sondern gnadenlose Vereinzelung und Feigheit. Jeder versucht, dem plötzlich losbrechenden Ansturm der Nazis irgendwie zu entkommen, ihm zu entgehen. Nicht auffallen ist eine der wichtigsten Maximen. Die Darstellung von England als geschlagener und feiger Nation ist vielleicht die schärfste Waffe des Buches – es vermittelt die Botschaft, dass man Deutschland militärisch schlagen muss, denn falls die Nazis einmal die Macht übernommen haben, gibt es keine wirksame Gegenwehr mehr.
Besonders interessant ist auch, wie die Bedrohung der „britischen Idylle“ transportiert wird. Dies geschieht vor allem über Ortsnamen. Die Konzentrationslager stehen nicht irgendwo, sondern an bestimmten, bekannten Orten. Die Nelson-Statue auf dem Trafalgar Square wird durch eine Hitler-Stature ersetzt. Die siegreichen Nazis schlagen nicht irgendwo ihr Hauptquartier auf, sondern natürlich im Buckingham Palace. Gerade durch die Vermittlung, dass das geschilderte Unheil genau vor der Haustür der Leser geschieht, an Orten, die ihnen genau vertraut sind, gewinnt das Buch an Plastizität und erhöht seine Propagandawirkung. Der Bauernhof aus George Orwells „Animal Farm“ kann überall liegen. Aber hier geht es um die eigene Umgebung und das eigene Lebensumfeld, was von der im Jahre 1940 gerade drohenden Okkupation durch das Böse gedroht wird. Dadurch gewinnt das Buch seine Kraft.

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