Soziales Lesen

Auf Zeit.de gibt es momentan eine Diskussion über soziales Lesen bzw. die Anmerkungsfunktion von Amazons Ebook-Reader Kindle, die gnadenlos am Thema vorbei geht. Worum geht es? Amazon bietet ja in einem Versuch, den Buchmarkt umzukrempeln und unter seine Kontrolle zu bekommen, den Kindle an, ein elektronisches Ebook-Lesegerät. Dieser bietet die Möglichkeit, Bücher auf einem E-Ink-Display zu lesen und natürlich auch direkt über Amazon zu kaufen. Natürlich darf auch eine Funktion nicht fehlen, mit der man Textstellen markieren und kommentieren kann. Das ist zwar dem Vernehmen nach deutlich komplizierter als das normale Unterstreichen in gedruckten Texten, aber dafür haben digitale Notizen natürlich auch ihre Vorteile – sie lassen sich einfacher speichern und verarbeiten und außerdem kann jeder Nutzer seine eigenen Notizen anfertigen ohne vom Geschmiere der Vorgänger gestört zu werden.

Amazon speichert diese Notizen in einem typischen Datenkrakenmanöver auf den eigenen Servern und nicht nur auf dem Gerät selbst und hat nun eine Funktion eingeführt, die ein „soziales Lesen“ ermöglichen soll. Amazon wertet aus, wie viele Leute bestimmte Passagen markiert haben und zeigt dies an. Für den ersten Zeit-Kommentator ist dies der Untergang der Lesekultur (http://www.zeit.de/kultur/literatur/2010-05/sozial-lesen-glosse) und der Einbruch der ungebildeten Massen in die persönliche Hochkultur. Die Replik, ebenfalls auf Zeit Online enthält hingegen etwas erträglicher, zielt aber abgesehen von der Betonung, dass man die Funktion auch einfach ausschalten kann, auch am Thema vorbei.

Der Wert dieser Funktion liegt sicherlich nicht bei dem, was man normalerweise Literatur nennt. Keiner braucht diese Funktion, um die Witze bei Douglas Adams zu bemerken. Interessanter wird das Ganze hingegen bei Sachbüchern und akademischen Texten. Wir wissen nicht erst seit „Die Weisheit der Vielen“ von James Surowiecki, dass die häufig als ungewaschener Pöbel dargestellten Massen durchaus kollektiv weise Entscheidungen treffen können. Diverse Web 2.0-Webseiten beweisen es jeden Tag. Und wenn man in Seminaren mal ganz unauffällig nach links oder rechts schaut, bemerkt man, dass auch die Nebenmänner und -frauen meistens ähnliche Textpassagen in den Lesetexten angestrichen haben. Die wichtigen Kernpunkte und Thesen eines Textes sollte nämlich jeder anstreichen, selbst wenn der Autor sie gut versteckt hat.

Soziales Lesen könnte daher durchaus das akademische Lesen revolutionieren – zumindestens können wir Professoren erwarten, die in ein paar Jahren / Jahrzehnten darüber meckern, dass die Studenten nur noch die „vorgekauten“ Textstellen lesen und nicht mehr den ganzen Text. Die Auswirkungen auf die Produktion akademischer Texte sind jedenfalls interessant – was macht der Autor, der gerne langatmig schwafelt und über so eine Funktion jetzt zwangsweise auf wenige wichtige Sätze reduziert wird? Und wie viele Autoren werden sich darüber aufregen, dass kein Leser ihre Kernaussagen markiert und fühlen sich missverstanden?

Soziales Lesen hat also durchaus Potenzial – zu schade, dass es sich hier unter der Kontrolle eines Konzerns entfaltet, welcher eh schon zu viele Daten sammelt. Eine offenere Lösung wäre auf jeden Fall wünschenswerter.

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