Wer ist das Schweinchen?

Der SPIEGEL 21 aus dem Jahr 1959 enthält einen gar bemerkenswerten Artikel mit dem Titel „Wer ist das Schweinchen?“ Aufhänger ist eine erregte Suche der deutschen Textilfabrikanten nach dem „Schweinchen“, dem ersten deutschen Textilunternehmer, der seine Produktion zum Teil ins Ausland verlagern will. Der Spiegel findet ihn schließlich in der Person des Gelsenkirchener Textilkaufmannes Ferdinand Deluse. Dieser, stets auf Kostensenkung und Maschinisierung setztend, beschloss sich an mehreren Textilfabriken in Hongkong zu beteiligen:

Obwohl Ferdinand Deluse in seinen westdeutschen Fabriken bereits relativ billig produzieren kann, versprach er sich von der Eigenproduktion in Hongkong noch größere Umsätze. Begleitet von seiner Ehefrau, studierte er im Februar 1958 an Ort und Stelle die Lohn- und Arbeitsbedingungen. Deluse fand: Die Näherinnen erhalten einen Stundenlohn von einem halben Hongkong -Dollar (37 Pfennig), sie arbeiten täglich zwölf Stunden und sieben Tage in der Woche. Im Jahr gibt es nur vier (unbezahlte) Feiertage. Kurzentschlossen bot Deluse drei Wäschefabriken, mit einer Belegschaft von zusammen 600 Näherinnen, finanzielle Beteiligungen an. Die Chinesen schlugen ein.

Die Argumente für die Produktionsverlagerung sind uns allen wohlbekannt – man hört sie heute praktisch unverändert jeden Tag:

Vorher stellte Deluse gründliche Vergleiche der Herstellungskosten von Herrenoberhemden in Westdeutschland und in Hongkong an. Deutsche und Hongkonger Fabrikanten haben die gleichen Materialkosten, sie kaufen die Rohbaumwolle beide zum Weltmarktpreis. Während aber die deutschen Produzenten ihren Akkordnäherinnen einen Stundenlohn von 2,40 Mark – einschließlich Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung – zahlen müssen, verdient eine Hongkonger Näherin nur 37 Pfennig je Stunde; die Soziallasten sind so gut wie bedeutungslos.

Bemerkenswert ist allerding die Abwehrhaltung der anderen deutschen Textilfabrikanten gegenüber der Produktion in Hongkong: Eine derart heftige Reaktion ist man heute nicht mehr gewöhnt. Da wird vehement abgestritten selbst in Hongkong produzieren zu wollen. Der, der es trotzdem als Erster tut, ist ein „Schweinchen“ und das Ganze gipfelt in folgender Aussage der Seidensticker GmbH: „Mit den Schlitzaugen machen wir doch keine Geschäfte.“ Eine Aussage, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss: „Mit den Schlitzaugen machen wir doch keine Geschäfte.“ Wohlgemerkt: Es geht hier um die britische Kronkolonie Hongkong und nicht um die kommunistische VR China, was solche Reaktionen begründen könnte.

Was steckt also dahinter? Höchstwahrscheinlich blanke ökonomische Angst. Wie im Artikel vorgerechnet wurde, lagen die Produktionskosten in Hongkong deutlich niedriger, so dass die produzierten Hemden trotz Transportkosten und Zöllen deutlich günstiger waren:

Schon in den vergangenen Jahren waren nämlich Hongkong-Hemden in der Bundesrepublik wegen ihrer niedrigen Preise gut verkauft worden. Eine Anzahl westdeutscher Importeure, so etwa die Hamburger Firma Bergmann und Co., ließ in Hongkong und Japan Hemden europäischen Schnitts verfertigen, deren Endverkaufspreise knapp über zehn Mark lagen und deren Qualität den wesentlich teureren heimischen Erzeugnissen kaum nachstand.

Allein aus Hongkong wurden im vergangenen Jahr Textilien im Wert von 22,5 Millionen Mark – vorwiegend Herrenhemden – in die Bundesrepublik importiert. Das ist mehr als ein Siebentel der gesamten deutschen Einfuhren von Textil -Fertigwaren. Im gleichen Zeitraum sank die bundesdeutsche Oberhemdenproduktion um fast vier Prozent.

Die Unternehmer konnten natürlich wie immer nicht auf einen Konsum-Patriotismus der Käufer setzen, die Produktion sank und die deutsche Textilindustrie befand sich schon vor 1959 in einer tiefen Krise. Ferdinand Deluse hat also nur das bestehende Tabu gebrochen im Ausland zu produzieren und damit natürlich die Krise weiter angeheizt – etwas, das die Unternehmen vieler Textilfabrikanten gefährdete. Trotz dieser heftigen Reaktion – mittlerweile produziert fast nur noch der Trigema-Affe in Deutschland.

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