1972 war alles schlecht.

Ich finde es unglaublich spannend, wie sich Menschen früher die Zukunft vorgestellt haben. Die erhoffte Zukunft ist oft sehr amüsant, es wimmelt vor fliegenden Autos, Raketenrucksäcken, Raumschiffen und frisch kolonisierten Planeten. Gleichzeitig können die verschiedenen Zukünfte durchaus auch etwas über die damalige Verfasstheit und – so schwierig dieser Begriff ist – Mentalität einer Gesellschaft aussagen. Es macht einen Unterschied ob man sich die Zukunft vorstellt wie in der ersten Star Trek-Serie oder ob man die paranoiden Welten eines Philip K. Dicks für das Kommende hält.

Asimovs Zukunftsvisionen habe ich bereits behandelt und jetzt bin ich über einen WDR-Film aus dem Jahre 1972 gestolpert, der das Leben im Jahr 2000 darstellen soll.

 

 

Der erste Teil des Filmes enthält absolut sehenswerten Retrofuturismus. Protagonist Herr B. trägt nicht nur eine selbst in den 70ern bemerkenswerte Bille, sondern das ganze Ambiente des imaginierten Jahres 2000 hat ein herzlich sympathisches 70er Jahre-Feeling an sich, versehen mit einigen Erfindungen, die z.T. frappierend an aktuelle Geräte erinnern. Der Videowecker mit der netten Dame ist zwar nicht Realität geworden, große Flachbildschirme an der Wand hingegen schon. Elektroautos, Carsharing und riesige Datenbanken auch, dafür wirkt der Propellertransrapid herrlich veraltet, 80km zur Arbeit pendeln hingegen heute viele. Die Mikrocontrollerrevolution hat aber auch dieser Film völlig verschlafen – das zweigt sicherlich diesen rapiden Bruch, den die Computertechnik bewirkt hat.

Viel interessanter als nachzuschauen, was bis jetzt Realität geworden ist und was Utopie blieb, ist die im Film ständig durchscheinende Zukunftsangst. Die Welt, in der Herr B. lebt, ist zwar frei von wirklichen Problemen, Herr B. fühlt sich in ihr aber auch nicht wohl. Die technische Entwicklung hat zu einem Verkümmern der menschlichen Kontakte geführt. Freunde kommen nicht mehr zu Besuch, sondern sie kommen per Videochat ins Wohnzimmer. Mechanisierung und Robotisierung haben zu drastisch verkürzten Arbeitszeiten geführt – Herr B. arbeitet nur noch 25 Stunden die Woche und darf mit 50 in Rente gehen. Trotzdem kann er mit der vielen Zeit nichts Richtiges anfangen, er schaut seine 15 Satellitenkanäle und nimmt Psychopillen, die seine Depressionen unterdrücken. Obwohl seine Welt uns fast perfekt erscheint (abgesehen vielleicht von der Todesstrafe für Umweltverschmutzer), ist er nicht zufrieden. Unzufriedenheit in der Utopie – das sind die ersten Anzeichen eines Wandels in der Science Fiction. Im weiteren Verlauf der 70er werden die Szenarien immer pessimistischer und düsterer. Die 80er machen dann mit Filmen wie Blade Runner, Terminator oder Escape from New York auch nicht gerade Lust auf Zukunft. Diese wird plötzlich zu etwas, das verhindert werden muss.

Das versucht auch der zweite Teil dieses Filmes. Plötzlich ruft eine Stimme aus dem Off “Schnitt”, Herr B. wird als Schauspieler enttarnt und es folgt eine Anklage an die damalige Gesellschaft, dass es so nicht weiter gehe. Umweltverschmutzung, soziale Ungerechtigkeiten, Bildungsmisere, globale Ungleichheit, Krieg, hier sind schon im Kern alle Themen versammelt, die später zu den Grünen führen werden. Anschauen lohnt sich also!

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