Denken statt denkmalen?

Der Berliner Historiker Wolfgang Wippermann hat ein kleines Buch mit einem provokanten Titel geschrieben: "Denken statt denkmalen. Gegen den Denkmalwahn der Deutschen." Der Titel ist hier Programm, Wippermann rechnet in fast schon fieser Art und Weise mit den Denkmalen dieser Republik ab. Diese sei nämlich von einem regelrechten Denkmalwahn befallen, überall würden unzählige neue Denkmale entstehen und auch die alten würden mit aller Sorgfalt gepflegt. Doch welche Intention verbirgt sich hinter den steinern gewordenen Erinnerungen? Wer baut Denkmale und warum?

Als Historiker ist man natürlich dazu verpflichtet, alles aus der Geschichte herzuleiten und das macht auch Wippermann: Das Buch ist nicht nur ein scharfer Angriff auf unsere heutigen Denkmalbauer, sondern greift tief in die Geschichte zurück und typisiert verschiedene Arten von deutschen Denkmalen.
Wippermann beginnt im Mittelalter. Dort seien Denkmale aufgrund des biblischen Bilderverbotes selten gewesen. Nur Heilige hätten welche bekommen, aber Herrscherbilder sind selten – ihm fallen nur der Bamberger und der Magdeburger Reiter ein und die diversen Rolands, die als Zeichen der städtischen Autonomie vor den Rathäusern aufgestellt wurden.

SONY DSC Eines der wenigen mittelalterlichen Denkmale: Der Magdeburger Reiter

In der frühen Neuzeit hätte sich diese geändert: Je mächtiger die Fürsten wurden, desto häufiger setzten sie sich ein Denkmal, bevorzugt eine Reiterstatue. Diese repräsentieren immer noch "den ideologischen Ansprich dieser Fürsten auf eine absolutistische Herrschaft, den sie in der Realität oft noch gar nicht hatten". Wippermann fragt sich hier, warum diese Denkmale nicht im Zuge diverser Revolutionen gestürzt wurden. Dies ist eine Frage, die sein gesamtes Buch durchtreibt: Abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen, v.a. nach dem Ende des Dritten Reiches, hat kaum eine deutsche Regierung die Denkmale der Vorgänger gestürzt. Immer noch stehen in unserem Land die Reiterstatuen der absolutistischen Fürsten, Bismarcktürme, die Monumente an diverse Kriege, die den Tod für’s Vaterland glorifizieren, nationalistische Monumente, Bauwerke wie das Niederwalddenkmal oder das Hermannsdenkmal, welche sich gegen Frankreich richten und Denkmale des Kalten Krieges herum, unter Denkmalschutz gestellt, mit enormem Geldaufwand restauriert und keiner scheint die hinter ihnen stehende Ideologie zu hinterfragen. So hängen beispielsweise die Gedenktafeln, welche entweder an den Krieg 1871 oder den 1914 erinnern und die Toten der jeweiligen Gemeinde auflisten, in fast jeder Kirche.

SONY DSC Absolutistischer Machtanspruch: Die goldene Reiterstatue August des Starken in Dresden

Ausgehend von diesen Überlegungen beginnt Wippermann die Denkmalpolitik der deutschen Staaten zu untersuchen und unterscheidet die errichteten Denkmale in verschiedene Kategorien. Diese ordnet er entweder der Kulturnation (Denkmale für "Dichter und Denker" wie die Walhalla bei Regensburg), der Volksnation (v.a. das Hermannsdenkmal und das Niederwalddenkmal), der Staatsnation (Denkmale des zweiten Kaiserreiches, die v.a. die Hohenzollern glorifizierten) und der Kriegsnation (Denkmale für die in Kriegen gefallenen, v.a. die für 1871 und 1914).

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Nationalistisch: Das Niederwalddenkmal am Rhein

Danach wird die Darstellung chronologischer: Die Weimarer Republik stellt für Wippermann ein denkmaltechnisches Mittelding dar. Demokratische Denkmale wurden kaum errichtet, auch keine Denkmale, die an die Revolution 1918 erinnern sollten. Die Denkmale blieben kriegerisch, erinnerten an die Gefallenen und verherrlichten den Ersten Weltkrieg. Gleichzeitig gab es allerdings auch einige avangardistische Denkmale, die allerdings umstritten blieben und von den Nationalsozialisten häufig geschleift wurden.
Besonders auffällig an diesen ist, dass sie trotz gewaltiger Projekte kaum Anstalten unternahmen, eigene Monumentaldenkmale zu errichten. Das wichtigste Projekt dieser Epoche, das Tannenberg-Denkmal, wurde bereits in der Weimarer Republik geplant und begonnen, aber ansonsten finden sich kaum Projekte. Auch wurden zwar Denkmale der politischen Gegner zerstört, viele andere blieben aber erhalten. Gleichzeitig gab es diverse Initiativen zum Bau nationalsozialistischer Denkmale, v.a. für Horst Wessel und Albert Leo Schlageter, die allerdings von der Führung der NSDAP eher kritisch gesehen wurden. Diese wenigen Denkmale der NS-Zeit wurden fast alle in der direkten Nachkriegszeit zerstört, einige allerdings erstaunlicherweise einfach umgewidmet. So wurde aus dem Schlageter-Denkmal in Billerbeck nach der Niederlage einfach ein "Kriegsgefangenen-Denkmal".

Die zwei deutschen Staaten betrieben natürlich auch eine jeweils eigene Denkmalpolitik. In der DDR dominierte natürlich der Bau sozialistischer Denkmale, welche häufig sozialistische Helden glorifizierten. Wippermann gießt hier zum einen Hohn und Spott über kleinere Gedenktafeln aus: So amüsiert er sich über eine Gedenktafel, die an den Bau einer Wasserleitung erinnert und natürlich über dieses Highlight: "In diesem Haus fanden 1922 die ersten Zusammenkünfte der Mitglieder der Kommunistischen Kindergruppe statt". Kritischer sieht er den Umgang der DDR mit den KZ-Gedenkstätten, in welchen häufig nur den kommunistischen Insassen gedacht wurde oder alle Insassen zu verfolgten Kommunisten stilisiert wurden.

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Anklage an die Westalliierten und die Nazis in einem: Gedenkstein im Doberaner Münster.

Die alte BRD hingegen besitzt eine Denkmalkultur, die häufig vom Verschweigen der NS-Vergangenheit geprägt ist. Während die auf dem Boden Westdeutschlands befindlichen Konzentrationslager häufig ganz bewusst dem Vergessen übergeben wurden und erst in den 80ern eine wirkliche Beschäftigung mit ihnen begann, erinnerten im ganzen Land neu errichtete Denkmale entweder nur an den spärlichen Widerstand oder sie benutzten den höchst problematischen Slogan "Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft", unter dem Opfer und Täter gleichermaßen fallen. Gleichzeitig beinhaltet er auch eine enorme Schlagrichtung gegen die DDR. Auch die Denkmale für die Vertriebenen und Kriegsgefangenen stellen häufig eine Anklage gegen die Sowjetunion dar und keine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus.

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Mahnt zur Einheit: Gedenktafel in Lübeck

In der neuen BRD nach 1990 entwickelte sich eine neue Denkmalkultur, die von Wippermann heftigst angegriffen wird. Sowohl das Holocaustmahnmal und das Ehrenmal der Bundeswehr im Bendlerblock, werden heftigst kritisiert, der Autor attackiert hier vor allem die von ihm wahrgenommene zunehmende Denkmalinflation. So habe der Entschluss, dass das Holocaustdenkmal nur den ermordeten Juden gewidmet wurde, dazu geführt, dass jetzt fast zwangsläufig für andere Opfergruppen ebenfalls Denkmale errichtet werden müssen. Gleichzeitig sieht er eine gewisse Beliebigkeit des Denkmalbaus: So berichtet er über ein Denkmal, das ursprünglich vor dem Berliner Hauptbahnhof platziert werden sollte, dann aber an der FU Berlin landete und einem anderen Erinnerungszweck gewidmet wurde. Wahrlich erstaunlich!

Etwas fraglich sind aber die Schlussfolgerungen, die er zieht. Die Frage, warum auch heute noch Denkmale existieren, die den Krieg verherrlichen und den Tod glorifizieren, ist natürlich gerechtfertigt. Doch soll man wirklich derartig bilderstürmerisch vorgehen und das Hermannsdenkmal schleifen? Die Siegessäule stürzen? Die Kaiserpfalz in Goslar sprengen?

Weiterhin erschließt sich mir nicht, was am Denkmalbau spezifisch deutsch sein soll. Wippermann spricht sogar von einem “deutschen Denkmalwahn”. Andere Länder frönen allerdings auch dem exzessiven Denkmalbau, z.T. sogar monumentaler und weniger reflektiert. Ein internationaler Vergleich wäre hier dringend nötig, denn ich habe das Gefühl, dass sich im Denkmalbau nicht unbedingt etwas spezifisch deutsches manifestiert.

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Umstritten: Das Denkmal für die ermordeten Juden in Berlin

Eine weitere Frage ist, ob es wirklich “die Deutschen” sind, die Denkmale erreichten. Wippermann erläutert in seinem Buch auch die Geschichte des Holocaustmahnmales und hier waren es zuerst einige Publizisten um Leo Rosh, die auf die Errichtung drängten. Im weiteren Buch tauchen Fälle von Ministern auf, die eigenständig Denkmale errichten, lokale Initiativen, staatliche Machtrepräsentationen und Denkmale, die von irgendwem gestiftet wurden. Der Begriff der “Deutschen” taugt hier nichts, es handelt sich um Gruppen, die ihre Duftmarke im öffentlichen Raum hinterlassen wollen. Die Motive dafür sind unterschiedlich, es ist aber eben nicht Wahn, sondern Kalkül.

Die nächste Frage ist die nach dem alltäglichen Umgang mit diesen Denkmalen. Klar glorifizieren viele Denkmale zum Ersten Weltkrieg diesen. Ob jemand dieses heute noch ernst nimmt, steht auf einem anderen Blatt. Hier ist glaube ich einfach die Zeit solcher Monumente abgelaufen, ihre erhoffte Wirkung verpufft und sie werden größtenteils ignoriert. Dies ist vielleicht das wichtigste Gegenargument: Die meisten Denkmale stehen einfach rum und stören nicht. Ihren eigentlichen Zweck, an irgendwas zu erinnern, haben sie meistens schon verloren.

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