Das Neue Museum in Berlin

Manchmal vergeht die Zeit erstaunlich schnell. Ich habe es gestern bemerkt, dass schon wieder fast zwei Monate seit dem Historikertag vergangen sind und festgestellt, dass ich immer noch nicht alle eigentlich fest eingeplanten Beiträge über ihn geschrieben habe. Einen Teil werde ich wohl niemals schreiben, aber über das Neue Museum in Berlin muss ich doch noch ein paar Worte verlieren, denn dieses hat mich wirklich beeindruckt.

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Das Museum wurde 1855 eröffnet, um die Sammlungen von Gipsabgüssen, das Ägyptische Museum, die Ur- und Frühgeschichtliche Sammlung, die Ethnografische Sammlung und das Kupferstichkabinett unterzubringen und war in einem opulent ausgestatteten Stil gebaut worden. Im Zweiten Weltkrieg bekam das Gebäude einen Bombentreffer ab. Die Sammlung war zum Glück vorher ausgelagert worden, aber es handelte sich um einen Totalschaden. Die DDR konnte oder wollte das Gebäude nicht wieder aufbauen und die weniger beschädigten Räume wurden als Magazin benutzt. Erst nach der Wende wurde versucht, die Museumsinsel wieder zu vervollständigen. Der Architekt David Chipperfield hat sich allerdings nicht an einer Rekontruktion des alten Gebäudes in alter Pracht versucht, sondern sein Ziel war die Integration der Zerstörung in die Architektur. Die alten, noch erhalten gebliebenen Teile des Gebäudes blieben in ihrer Halbzerstörung erhalten und die zerbombten Teile wurden durch eine moderne Architektur ersetzt. Das ist nicht unumstritten, führt aber zu einem enorm eindrucksvollen Gebäude. Selbst wenn in ihm keine so hochkarätige Sammlung untergebracht wäre, würde sich der Besuch lohnen. Fotos können nur einen schwachen Eindruck des Raumeindrucks vermitteln, aber gerade dieses Gebrochene, dieses Nebeneinander von modernen Elementen und alten, von Zerstörtem und Erhaltenen führt zu einem enormen Wow-Faktor. Ich habe noch kein Museum erlebt, dessen Architektur so dermaßen von den Ausstellungsstücken ablenkt. Häufig geht man in einen Raum und ist erstmal vom Raumeindruck erschlagen, bevor man dann erst die Ausstellungsgegenstände bemerkt.

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Diese Mischung muss allerdings nicht klappen: Im Neuen Museum funktioniert sie, aber auch an anderen Stellen in Berlin wurde in einem ähnlichen Stil gebaut und dort wirkt es, je nach Ausführung, nicht so gut. Den Einbau im Deutschen Dom fand ich einfach furchtbar, das ist nicht nur ein schlechter Baustil, sondern auch ein furchtbar verwirrendes Museum. Vielleicht werden irgendwann unsere Kinder auf entsprechende Bauten schauen und uns die schlimmsten Bausünden vorwerfen, die Frage ist aber wohl eher, ob es gute oder schlechte Architektur ist. Das Neue Museum gehört aber auf jeden Fall zu den gelungenen Varianten. Wer sich auch ohne die Reise nach Berlin einen Eindruck von der Architektur machen will, findet hier einen virtuellen Rundgang.

Die Sammlungen haben es natürlich auch in sich. Ägyptisches, Mittelalterliches, Bronzezeitliches, das Neue Museum besitzt eine Sammlung, aus der man auch problemlos drei oder vier Museen bestücken könnte. Das ist vielleicht das große Problem der Museumsinsel: Sie besitzt so viele tolle Sachen, dass man neben dem Trouble eines Historikertages nicht dazu kommt, sich alles in Ruhe anzuschauen.

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Zwei Sachen sind aber besonders auffallend: Zum einen wirkt der Ausstellungsraum der Nofretete wie ein Zeichen in Richtung Ägypten, dass man auch wirklich überhaupt nicht bereit ist, die Nofretete irgendwann zurückzugeben. Die ägyptische Altertümerverwaltung und v.a. ihr Leiter Zahi Hawass fordern ja schon seit langem die Rückgabe der Büste und Berlin wehrt ab. Während Ägypten behauptet, dass die Ausfuhr damals nicht Rechtens war, behauptet Berlin natürlich das Gegenteil. Der neue Ausstellungsraum wird das Ganze wohl nicht besser machen: Zum einen ist die Nofretete jetzt in einer der zentralen Stellen des Museums, in einem der vier Türme untergebracht, in einem eigenen Raum, in dem außer ihr nichts zu sehen ist. Außer einer Büste ihres Entdeckers. Rückgabe? Ausgeschlossen!

(Leider ist in dem Raum das Fotografieren verboten und dieses Verbot wird auch streng überwacht. Aufgrund der anfälligen Farben der Nofretete und der generellen Unfähigkeit von Touristen, ihren Blitz zu deaktivieren, kann ich dies verstehen, aber leider habe ich daher keine Bilder aus dem Raum.)

Das andere Highlight kam ganz unverhofft und hat mich wirklich umgehauen:

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Das ist der sogenannte "Berliner Goldhut". Ein 74,5 cm hoher, aus dünnem Gold gefertigter Kultgegenstand, mit dem man die Mondphasen bestimmen und vorhersagen kann. Viel mehr weiß man leider nicht über ihn. Er wurde aus dem illegalen Kunsthandel für das Museum gesichert, stammt wohl aus Süddeutschland, in ganz Europa wurden nur 4 ähnliche Exemplare gefunden, von denen dieser der prachtvollste ist. Seine Entstehungszeit wird auf 1000 bis 800 v.Chr. geschätzt. Ja, diese unglaubliche Kunstfertigkeit ist so alt, stammt aus einer Zeit, in der in Griechenland noch lange Jahre auf einen herumziehenden blinden Sänger warten musste, als Rom noch Sumpfland am Tiber war und irgendwo in Süddeutschland, in dem man normalerweise in dieser Zeit in Wäldern hausende Barbaren vermuten würde, produziert irgendwer diesen Hut und vergräbt ihn dann so, dass er 3000 Jahre übersteht. Wahnsinnig, alleine dafür lohnt sich der Besuch!

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