Zwei Beispiele gelungener Datenvisualisierung

Digitale Geschichtswissenschaft wird heiß diskutiert, aber was bedeutet sie eigentlich? Gibt es überhaupt sinnvolle Anwendungsgebiete für sie? Welche Projekte gibt es bisher?
In den letzten Wochen bin ich auf zwei Projekte gestoßen, die sich vor allem mit der Visualisierung von größeren Datenmengen befassen. "Mapping the Republic of Letters" thematisiert die Briefwechsel, welche die europäischen Intellektuellen der Frühen Neuzeit untereinander führten. Diese Briefnetzwerke bildeten das Rückgrat der Wissenschaftskommunikation dieser Zeit. Ausgehend von den editiert vorliegenden Briefen wurden die Netzwerke auf einer Karte sowohl in ihrer räumlichen als auch ihrer zeitlichen Dimension visualisiert. Das Ergebnis spricht für sich:

Das sieht nicht nur großartig aus, sondern zeigt auch sehr gut die Informationsflüsse in Europa. Vor allem die nur geringen Kontakte zwischen Paris und London sind erstaunlich – und das ist etwas, das man den gedruckten Editionen so nicht entnehmen kann. Vor allem kann man diese Analyse jeweils detailliert für verschiedene Personen und Orte durchführen. Wohin schrieb Voltaire? Wie war Basel in die scientific community dieser Zeit eingebunden? Vorher wäre das das Thema ganzer Abschlussarbeiten und drögem Auswerten riesiger Datenbestände gewesen, jetzt kann man das innerhalb weniger Mausklicke herausfinden.
Das Schöne daran ist, dass die Forschergruppe aus Standord diese Daten online für alle zur Verfügung stellt und auf einer komfortablen Webseite geradezu zum Rumspielen einlädt. Nicht nur Frühneuzeitler dürfen einen Blick auf diese Plattform werfen.

Das andere Projekt wird in diesem spannenden Video von Hans Rosling gezeigt. Es geht um die Entwicklung der Lebenserwartung und des Einkommens weltweit in den letzten 200 Jahren:

Es ist geradezu erstaunlich, wie Europa im 19. Jahrhundert rasant den Rest der Welt abhängt und wie diese dann nach und nach aufholt. Selten sieht man den Effekt der medizinischen und hygienischen Forschung und Entwicklung derart deutlich. Die Ungleichheit steigt rapide und auch während der Rest der Welt langsam – und regional deutlich verschieden mit Afrika als Schlusslicht – aufholt, bleiben enorme Unterschiede bestehen. Aber trotzdem liegt die Lebenserwartung weltweit deutlich höher als vor 200 Jahren.
Auch hier macht es unglaublichen Spaß, selbst mit den Daten herumzuspielen, die Google freundlicherweise zur Verfügung stellt. Besonders ist mir eine Sache ins Auge gefallen: In den 1930er Jahren fällt die Lebenserwartung eines europäischen Landes innerhalb kürzester Zeit noch unter die afrikanische zurück. Das Land ist die Ukraine und diese Visualisierung von Krieg, Terror und Hunger ist erschreckend. Viel erschreckender als die blanken Zahlen.
Die Seite bietet es auch an, verschiedene Indikatoren nebeneinander zu legen. Wer also das Prokopfeinkommen für keinen sinnvollen Indikator hält, kann auch etwas anderes nehmen. Wer sich etwas Zeit nimmt, kann aus diesen Daten noch mehr interessantes herausarbeiten. Eine Sache ist aber klar: Solche Projekte nützen der Forschung und der Allgemeinheit besonders, wenn sie ihre Daten frei zur Verfügung stellen. Wenn diese nur auf dem Rechner von Prof. XY liegen, kann dieser damit seine eigenen Forschungen betreiben. Stehen sie hingegen allen zur Verfügung, kann jeder seine Fragen an die Daten richten und so die Wissenschaft voran bringen.

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2 Antworten zu Zwei Beispiele gelungener Datenvisualisierung

  1. Pingback: weblog.histnet.ch » Blog Archive » Schmalenstroer.net – Geschichtsblog des Monats Dezember 2010

  2. Philipp sagt:

    Faszinierenden Forschungsbeispiele! Für den Sonntagmorgen genau die richtige Mischung aus Unterhaltung und Wissenschaft. ;-)

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