Das Heinz Nixdorf MuseumsForum

Ich überlege momentan, ob ich meine Masterarbeit über ein Thema mit Computerbezug schreiben soll. Die genauen Details verrate ich erst, wenn ich meine Idee etwas konkretisiert habe, aber da ich über Weihnachten eh im wunderschönen Münsterland war (mit Schnee übrigens auch sehr sehenswert, allerdings auch sehr matschig) bot dies eine ideale Gelegenheit, das weltgrößte Computermuseum nach Hinweisen zu meiner Idee zu durchstöbern.
Das Heinz Nixdorf MuseumsForum im etwas abgelegenen Paderborn wurde 1996 in Gedenken an Heinz Nixdorf, den deutschen Computerpionier gegründet und bietet auf 2 Etagen einen umfassenden Blick nicht nur auf die Geschichte der Computer, sondern auch der Schrift und Mathematik. Als Besucher ist man zuerst etwas überrascht, dass man zu Beginn mit mesopotamischer Keilschrift konfrontiert wird. Der Rückgriff in die graue Vorzeit erweist sich allerdings als ein wunderbar funktionierendes Konzept.

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Anhand der parallel dargestellten Entwicklung von Schrift und Mathematik (hier mit einem Fokus auf Datenverarbeitung, vereinfachenden Rechenmethoden als eine frühe Informatik präsentiert) wird der Besucher mit immer komplexer werdenden Geräten konfrontiert. Tontafeln weichen Stein, Wachs & Papyrus, die nachgebildete Schreibstube eines mittelalterlichen Mönches zeigt ausgeklügelte Werkzeuge, dann tauchen die ersten Druckerpressen auf, dazu verschiedene, immer raffiniertere Methoden, um den Satz der Druckerzeugnisse zu erleichtern und schließlich die ersten Schreibmaschinen. Es gehört vielleicht eine ganz besondere Form des Wahnsinns dazu, sich für eine Sammlung von Schreibmaschinen zu begeistern, aber anscheinend habe ich mir ihn irgendwo eingefangen: Die Sammlung ist einfach nur toll. Die frühen Modelle zeigen noch eine enorme Typenvielfalt, aus der sich langsam die Gestalt der uns bekannten Maschinen herausbildet.

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Gleichzeitig sind sie ein sehr schönes Beispiel für den Lock in-Effekt: Die ersten Maschinen zeigen noch eine Vielfalt der Tastenbelegungen, aber die QWERTY-Tastatur setzt sich schon in der Frühphase sehr schnell durch und hat auch den Schritt auf Computer und mittlerweile sogar Smartphones geschafft – trotz ihrer eigentlich unergonomischen Belegung, einfach aufgrund der Macht der Gewöhnung schreiben wir auch auf den modernsten Geräten noch mit einer Tastenbelegung, die entwickelt wurde, damit die Hebel der Schreibmaschinen sich nicht verhakten.

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Die parallel zu dieser Entwicklung dargestellte Entwicklung der Rechentechnik bietet auch einige Überraschungen. Die von Menschen eingesetzte Genialität, um sich das Rechnen zu vereinfachen und zeitaufwändige und fehleranfällige Rechenschritte zu verbessern, erscheint geradezu grenzenlos und gleichzeitig immer wahnwitziger: Ist ein Rechenschieber oder ein frühneuzeitliches Rechentuch noch schnell in seiner Funktion zu verstehen, stand ich als Kind des Computerzeitalters und des Taschenrechners recht ratlos vor den immer grotesker werdenden Rechenmaschinen, deren Funktionen immer mächtiger wurden, aber auch immer arkaner.

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Das Tolle am NHF ist, dass es solche Maschinen dem Besucher als Nachbau zum Ausprobieren anbietet – Erfolg wird aber trotz Anleitung nicht garantiert.
Die parallele Entwicklung von Schrift und Rechenmaschinen mündet – in einem Computermuseum nicht sehr überraschend – nach einem kurzen Schritt über Lochkartentechnologie natürlich im Computer. Hier beginnt das Museum wirklich zu scheinen, denn die Computersammlung ist einzigartig. Zuse-Rechner. Teile von UNIVAC, der Computer, welcher mit den Gemini-Missionen in den Weltraum geschossen wurde, diverse weitere Großrechner, ein Cray-Supercomputer, einer von nur ca. 70 erhaltenen Apple I, ein Xerox Alto, die gesamte Riege der Heimcomputer, frühe IBM-Kompatible und in einer Ecke wartet sogar Ralph Baers Brown Box – die weltweit erste Videospielkonsole.

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Wie gesagt, man braucht eine ganz besondere Form des Wahnsinns für dieses Museum. Technikfreaks laufen mit leuchtenden Augen durch die Ausstellung, Menschen für die Computer ein Buch mit sieben Siegeln sind und alte Computer nur Elektroschrott, könnten zwar einiges lernen, sollten sich aber vielleicht doch den Eintritt sparen und lieber zur Wewelsburg fahren oder die Paderborner Innenstadt und Kaiserpfalz erkunden.

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Einen ganz großen Fehler hat das Museum allerdings trotz allem: Es endet zu abrupt. Die letzte Ergänzung scheint von 2002/03 zu sein und das merkt man bei der Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts deutlich. Computerjahre verlaufen nämlich noch schneller als Hundejahre. Gegen Ende steht der Besucher vor einer Wand voller Handys, welche deren Entwicklung zeigen soll. Die als die modernsten Handys präsentierten Geräte sind ihrerseits mittlerweile hoffnungslos veraltete… Museumsstücke.

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