Einsam, überwacht und arbeitslos. Ängste vor den neuen Medien im Jahr 1984

Till Westermayer hat sich letztens gewundert, warum unglaublich viele FDP-Anhänger auf sein Blog kommen. Ursache war eine Rede, die er auf dem letzten Parteitag der Grünen in BaWü gehalten hat und in der er eine grüne Netzpolitik entwarf. Die Wurzeln fand er bereits in der Frühphase der Partei in den großen Kampagnen gegen die Volkszählung, in den Ängsten vor dem “Orwell Jahr 1984” und Ablehnung des Kabelfernsehens. Als Quelle diente ihm ein 1984 von Fritz Kuhn herausgegebenes Buch mit dem schönen Titel “Einsam, überwacht und arbeitslos. Technokraten verdaten unser Leben.” Er hat mir freundlicherweise dieses Buch eine Weile ausgeliehen. (Ja, ich habe ein Buch per Twitter ausgeliegen! Der Wahnsinn!)

kuhn1

Wer etwas im Buch schmökert, wird sich in ein Klima der Bedrohung und des Misstrauens versetzt sehen. Schon der Titel des Buches ist unglaublich plakativ und polemisch – “Einsam, überwacht und arbeitslos. Technokraten verdrahten unser Leben”. Das muss man sich einfach mal auf der Zunge zergehen lassen. Diese Angst vor den neuen Medien, die schon der Titel transportiert, trieft auch aus allen Zeilen des Buches und aus jedem Beitrag. Kabelfernsehen ist bereits die Vorstufe zum Orwellschen Überwachungsstaat, das geplante (und am Ende gescheiterte) BTX-System muss bekämpft und boykottiert werden, es droht die Totalüberwachung durch ISDN und auch Datenbanken, der maschinenlesbare Personalausweis (nicht der neue ePerso, der alte!) oder Prototypen der E-Mail werden kritisiert und angegriffen. Als großer Buhmann und als Möchtegern-Big Brother lautert immer BKA-Chef Horst Herold im Hintergrund. Mit seiner forcierten Technisierung des BKAs und dem Einsatz von Computern und Rasterfahndung gegen die RAF hatte er sich im linken Milieu dieser Zeit nicht nur unbeliebt gemacht, sondern hatte es sogar bis zum Schreckensgespenst gebracht – der “Heroldsche Polizeistaat”, der z.T. identisch mit dem ebenso befürchteten “Atomstaat”, ist eine der Ängste, um die sich dieses Buch dreht.

kuhn2

Karikatur aus dem Buch

Das Misstrauen gegen den Staat ist hier deutlich zu greifen. Im Rückblick, nachdem die Computertechnik den deutschen Staat auf dem kalten Fuß erwischt und überfahren hat, ist dieser Fokus zuerst etwas überraschend. Mittlerweile ist jede Woche irgendein Politiker in den Medien, der unhaltbaren Unfug über das Internet verbreitet und wir haben uns an den Gedanken gewöhnt, von digitalen Stümpern regiert zu werden und nicht von gemeinen Technokraten. Man würde auch eine größere Konzentration auf private Firmen erwarten, aber wenn man bedenkt, dass wir es damals (noch) mit staatlichen Monopolisten zu tun hatten, klärt sich die Verwunderung etwas. Wer betreibt die “Verkabelung” der Republik? Wer plant das zentralistische BTX? Die Bundespost und damit eine staatliche Monopolbehörde.

Dazu – nicht vergessen, wir sind im Jahre 1984 – kommen reale Ängste vor Orwells dystopischer Überwachungswelt. Die Technik der Fernsehkabel war ursprünglich mit Rückkanal geplant worden und daher quasi die befürchtete Realisierung der orwellschen Televisoren, welche die Menschen auch im eigenen Wohnzimmer nie aus den Augen lassen. So absurd wie dies im Rückblick erscheint – in einer Zeit, in der Google & Co schier unendliche Datenberge ansammeln und mit Hilfe der Verknüpfung dieser Bestände häufig mehr über uns wissen als wir selbst, scheint diese Angst nur zu berechtigt.

“Kunden, die “Großes rotes Plüschherz” kauften, kaufen auch “Ehering” und “Babywagen”

Bedenkt man dann noch die zunehmende staatliche Gier nach eben diesen Daten, dann ist es plötzlich nicht mehr unberechtigte Panikmache zwischen RAF und Pershing, sondern eine völlig berechtigte Skepsis gegenüber einer Technik, die drohte das eigene Leben radikal zu verändern.

kuhn3

Einige Dinge wurden technisch anders, das offenere Internet setzte sich gegenüber BTX durch, Kabelfernsehen ist ein alter Hut, aber in den Zeiten von Vorratsdatenspeicherung, IMSI-Catchern, Bundestrojanern, Facebook und Apple werden uns diese Überwachungsmöglichkeiten der neuen Technik täglich vor Augen geführt. Das ist vielleicht das Erstaunlichste an der gesamten Geschichte – die anfänglichen Ängste scheinen in den späten 80ern verschwunden zu sein während sich parallel die Computer rasant verbreiteten und jetzt haben wir den Schlamassel. Die Frage, was die Technisierung der Gesellschaft mit eben dieser anrichtet, ist nämlich noch lange nicht beantwortet und die zwei großen Visionen der 80er stehen immer noch zur Debatte: Führt das Netz zu einer Renaissance der öffentlichen Debatte, zu einer Demokratisierung der Medien und mehr Transparenz? Oder droht der düstere Überwachungsstaat, der seine Untertanen auf Schritt und Tritt verfolgt? Diese Fragen sind hochaktuell und gerade deshalb lohnt sich auch der Blick in die Frühzeit eben jener Diskussion.

Wer sich selbst ein Bild von der Atmosphäre der frühen 80er, grünen Technikängsten und dem einsamen, arbeitslosen Überwachten Bundesbürger machen will, dem habe ich hier einen Scan des Buches hochgeladen. Viel Spaß damit.

Dieser Beitrag wurde unter Computerhistorie, Quellen abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Responses to Einsam, überwacht und arbeitslos. Ängste vor den neuen Medien im Jahr 1984

  1. Matthias sagt:

    Hallo,
    Der Link zum Scan des Buches scheint in Leere zu führen.

  2. admin sagt:

    Stimmt, ich hatte das verschoben. Neuer Link ist hier, in meinem doch etwas chaotisch wirkenden eBook-Verzeichnis:

    http://www.schmalenstroer.net/books/Kuhn%20-%20Einsam,%20uberwacht%20und%20arbeitslos.pdf

  3. @sebaso sagt:

    Hier, wenn jemand das selber lesen will: http://t.co/9HMpjYHO via http://t.co/LRarzni7

  4. RT @sebaso: Hier, wenn jemand das selber lesen will: http://t.co/9HMpjYHO via http://t.co/LRarzni7

  5. Pingback: Die Telekom und der Geist des Bildschirmtextes | Schmalenstroer.net

Kommentare sind geschlossen.