Herzlichen Glückwunsch, Wikipedia!

Je älter ich werde, desto häufiger tauchen Ereignisse und Jubiläen auf, die mir immer wieder vor Augen führen wie alt ich geworden bin. So auch heute: Die Wikipedia feiert ihren 10. Geburtstag. 10 Jahre und es kommt einem vor als wenn es die Wikipedia immer schon gegeben hätte. Kurz irgendwas nachschlagen und innerhalb weniger Sekunden ein (halbwegs) verlässliches Ergebnis bekommen, ist etwas, an das man sich unglaublich schnell gewöhnt und die letzten Jahre hat die Wikipedia diese Funktion übernommen.

Es ist wohl der perfekte Zeitpunkt, um auf die Wissenssituation vor Wikipedia zurückzublicken: Es gab bei mir zuhause zwei Lexika. Das eine war das Bertelsmann-Lexikon und das andere eine ältere Ausgabe des Meyers, welchen meine Eltern noch in der DDR gekauft haben, weil er billiger war. Insgesamt wohl ein Regalmeter Wissen. Alphabetisch sortiert, immer verstaubt und um einem Verweis nachzugehen, musste man wieder die Treppe herauflaufen, um einen anderen Band zu holen. Und dann kam Microsofts Encarta, hunderte Euro günstiger, auf CD-Rom, mit mehr Bildern, zum Teil mit Videos, Tönen und Originalquellen. Vielleicht war Encarta die beste Umsetzung der Multimediautopie der 90er Jahre, aber um etwas nachzuschlagen musste man trotzdem immer noch die CD aus dem Schrank holen, die CD einlegen und das Interface war im Rückblick auch nicht so toll. Trotzdem vergrößerte sich die Staubschicht auf dem Bertelsmann-Lexikon im Regal immer mehr. Alleine die Möglichkeit, schnell Informationen zu suchen und auch zu finden, war Gold wert. Den hochgehypten Brockhaus habe ich als Kind und in der Schule nie benutzt. Der stand vielleicht in der Stadtbücherei, aber mal ehrlich: Warum sollte man da hingehen, wenn man auch die Encarta im Schrank hat? Mit dem Aufkommen der CD-Brenner hatte man damals auch die aktuelle Version der Encarta im Schrank und zahlte dafür nur die 1,99DM für einen CD-Rohling. Und auch wenn ich mittlerweile so klinge wie der Opa von nebenan: Ich habe meine Schulzeit ohne Wikipedia abgeschlossen.

Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wann ich das erste Mal auf Wikipedia aufmerksam geworden bin. Es muss irgendwann zwischen 2003 und 2005 gewesen sein. Irgendwann tauchten die Wikipedia-Links in Foren, Mailinglisten und auf Internetseiten auf, um Behauptungen und Aussagen zu belegen. Ich begann mich mit der Seite auseinanderzusetzen, nicht nur die Artikel zu lesen, sondern auch das dahinterstehende Konzept zu erkunden. Diskussionsseiten zu lesen. Das Autorenportal zu nutzen. Die FAQs dort habe ich alle gelesen. Das Konzept des Freien Wissens prägt mich bis heute. Im Dezember 2005 habe ich mir dann meinen eigenen Account erstellt nachdem ich zuvor ein paar kleinere Verbesserungen anonym vorgenomen hatte. An dieser Stelle müsste jetzt eine große Meistererzählung meiner zunehmenden Aktivität folgen, meinen Interaktionen mit der Community und wilde Geschichten über Löschschlachten, Trollbekämpfung, Richtungskämpfe innerhalb der Autorenschaft und natürlich den Fluch und den Segen der zunehmenden Aufmerksamkeit. Das alles geschah aber (leider?) nicht, mein Beitragscounter steht heute bei eher mageren 377 Beiträgen – und der Großteil davon ist eher marginal, Vandalismusbekämpfung, Verbesserung von Rechtschreibfehlern oder das Hinzufügen eines Beleges. Kleine Dinge. Nicht gerade viel. Das Einzige, was ich mir zugute halten kann, sind ein paar hundert hochgeladene Bilder auf den Wikimedia Commons.

Die Gründe dafür sind mir selbst etwas schleierhaft. Im Prinzip wird es wohl die Kombination von zwei Dingen sein: Zum einen sind viele Artikel bereits so ausführlich, dass es für den Otto-Normaluser kaum noch etwas hinzufügen gibt. Die großen Überblicksartikel und die von ihnen ausgehenden Spezialartikel sind bereits so erschlagend, dass man bereits einiges an Zeit investieren muss, um erst einmal einen Überblick zu bekommen. Um Verbesserungen einzufügen, muss man häufig bereits ein kleinerer Experte sein und es stellt sich ein Gefühl ein, das der handelsübliche Student aus der Bibliothek kennt: Vor einem nicht nur ein Regal Bücher, sondern eine ganze Regalreihe, die sich zu allem Überfluss auch noch quer um den Raum windet und in Nebenräumen verschwindet, alles voller Bücher zum Thema, niemals alles zu lesen, vieles relevant, vieles veraltet, egal oder uninteressant. Das Gefühl hier noch ein weiteres Buch ins Regal zu schreiben fühlt sich ungefähr so an wie die kleine Verbesserung am Ende eines Artikels in der Wikipedia. 2005 sah dies noch anders aus, da gab es noch “unerkundetes Land”. Ich habe es damals nicht erkundet.

Es ist aber nicht nur dieses Gefühl des “ich habe keine Ahnung vom Thema, was soll ich da noch tun?”, was mich abhält. Was vielleicht der Kern ist: Wikipedia-Artikel sind harte Arbeit. Recherchieren, belegen, schreiben, bebildern, Diskussionen, alles das ist Arbeit, kostet Zeit und verlangt unglaublichen Arbeitsaufwand. Es ist vielleicht das Erstaunlichste am gesamten Projekt Wikipedia, dass so viele Mannstunden Arbeit in etwas so altruistisches gesteckt wurden. Nicht nur hunderte Stunden. Tausende. Hunderttausende. Millionen Stunden. Dafür ist den gesammelten Freiwilligen nicht genug zu danken – vor allem, da ich selbst die Wikipedia gerne nutze, aber meinen Arsch nicht hochbekomme.

Es gibt nämlich ein Thema, das eigentlich schon fast peinlich ist anzusprechen: Ich habe meine Bachelorarbeit über den Journalisten Giselher Wirsing geschrieben, welcher eine höchst interessante Karriere in drei Systemen hinlegte: Als junger Nationalkonservativer, stark geprägt von der Konservativen Revolution, schreibt er in der Weimarer Republik gegen diese, macht im Dritten Reich Karriere, übernimmt die Hauptschriftleitung zuerst der Münchener Neuesten Nachrichten und dann der Wehrmachts-Auslandspropagandazeitschrift Signal, arbeitet in höheren SD-Kreisen, schreibt gegen die Kriegsgegner Bücher mit hohen Auflagen und bringt es auch nach dem Krieg zu einigem Einfluss in der westdeutschen Publizistik. Seine Wochenzeitung “Christ und Welt”, welche mittlerweile nur noch als Beilage in der ZEIT weiterlebt, ist praktisch vergessen. Zwischen 1948 und 1963 war sie allerdings die auflagenstärkste deutsche Wochenzeitung und Giselher Wirsing war ihr Chefredakteur. Die anderen Akteure des Tat-Kreises besetzten auch einflussreiche Positionen – besonders Hans Zehrer wurde zum starken Mann hinter Axel Springer. Warum führe ich das jetzt so weit aus? Einfach weil die verlinkten Wikipedia-Artikel schlecht sind. Immer noch besser als alle gedruckten Lexika, aber zu dem Thema könnte man einiges mehr schreiben, ausführlicher, mehr Kontext bringen und mehr Fakten & Informationen einfügen. Man? Das liegt alles, feinsäuberlich und akribisch recherchiert, auf meiner Festplatte. Und es prangt auch aus dem Kopf dieses Blogs: Das Bild oben zeigt meinen Schreibtisch in der Endphase der Arbeit. Das kleine rote Buch oben ist Klaus Fritzsches “Politische Romantik und Gegenrevolution. Fluchtwege in der Krise der bürgerlichen Gesellschaft: Das Beispiel des Tat-Kreises”, darunter Wirsings “Schritt aus dem Nichts”. Warum ich das alles nicht in die Wikipedia-Artikel eingefügt habe? Ich weiß es nicht – vielleicht, weil es Arbeit ist und Arbeit haben Studenten bereits genügend. Oder weil ich zu faul war. Und es jeden Tag noch bin.

Daher bleibt mir zum 10. Jubiläum von Wikipedia eigentlich nichts anderes zu sagen als Danke. Ihr habt den Arsch hochbekommen und die größte, umfangreichste und einflussreichste Enzyklopädie der Weltgeschichte geschrieben. Ihr habt unzählige Stunden eurer Freizeit investiert, Artikel zu den obskursten Themen geschrieben und ich nicht. Danke dafür!

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