Die Simpsons diffamieren die westliche Zivilisation

Bibliotheken sind ein Ort der Wissenschaft, der Stille und des konzentrierten Brütens über komplizierte Texte. Lautes Lachen gehört nicht in einen Lesesaal. Wer plötzlich einen Lachkrampf bekommt, wird von allen Seiten schräg angeschaut. Dummerweise ist mir aber letzte Woche genau das passiert – und bei dem Text ist es auch kein Wunder.

Er stammt vom Medienpädagogen Werner Glogauer, der sich im Anhang zur zweiten Auflage seines Buch "Die neuen Medien verändern die Kindheit" 1993 über die damals neu im ZDF ausgestrahlte Serie "Die Simpsons" auslässt. Diese sind natürlich mittlerweile ein absoluter Klassiker, weltbekannt, preisgekrönt, in der viel zu vielten Staffel und wohl keiner würde ihnen ein irgendwie schädliches Verhalten unterstellen. Außer Werner Glogauer, der einen wirklich lesenswerten, weil komplett absurden Verriss der Serie schrieb. Nicht nur der Produzent Matt Groening ist hier moralisch vollkommen gestört, sondern die Serie verhöhnt auch noch die westliche Zivilisation, ist moralisch unter aller Kanone und außerdem ist sie natürlich auch die Negation des Guten.

Ich kann es einfach nicht so gut zuammenfassen, den Text muss man einfach selbst lesen:

Zeichentrickserie »Die Simpsons«

»Die Simpsons« gehörten in den USA bald zu den Superstars des Fernsehens. Das Konterfei der Trickfiguren wird auf T-Shirts, von denen in den USA mehr als 80 Millionen verkauft wurden, auf Bechern, Bettwäsche, Spielsachen und Lebensmittelpackungen. Es gibt eine eigene »Simpsons Illustrierte«. Die Serie wird weltweit ausgestrahlt und kann auch in Afrika und Asien empfangen werden. Der Erfinder und Autor der Serie ist Matt Groening, geboren 1954 in Portland, Oregon. Er studierte am Evergreen State College in Olympis, Washington Journalismus, Philosophie, Film und Popkultur, an dem er ohne Prüfungen und Zensuren einen Abschluß erreichen konnte. Er konzentrierte sich immer mehr auf Cartoons und verfaßte die Serien »Leben in der Hölle«, mit der er wohl versuchte, seine Probleme zu bewältigen. Nachdem ihn seine Freundin verlassen hatte, entstanden die Folgen »Liebe in der Hölle«, »Schule ist die Hölle« und »Kindheit ist die Hölle«. Die »Simpsons« waren zuerst Pausenfüller in einer Unterhaltungsschau (1987) und kamen drei Jahre später als eigene Serie in das Fernsehprogramm.

Das ZDF übernahm von einem privaten Sender die in den USA mit Hilfe eines aggressiven Marketings lancierte Sendung »Die Simpsons«. Die vom ZDF in grellen Farben angepriesene Sendung gibt nicht nur das gesamte gesellschaftliche Leben der Lächerlichkeit preis, sondern sie zielt auf systematische Zersetzung aller positiven zwischenmenschlichen Werte, wie Achtung vor dem anderen, Toleranz und Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft und Gemeinsinn, konstruktive Problemlösung und nicht zuletzt Bildung und Wissen. Darüber hinaus schrecken die Macher der Sendung nicht davor zurück, die Negation dieser Werte, ihre Umkehrung, an deren Stelle zu setzen: Das rücksichtslose Ausleben jeglicher Impulse und Affekte, hemmungslose Aggressivität und Destruktivität werden geschürt und verherrlicht. Hinter einer vordergründig menschlich anrührenden Komik verbirgt sich eine radikale Entmenschlichung.

Die Familie wird als »Schlachtfeld« dargestellt, auf dem jeder gegen jeden kämpft. So quälen sich alle Mitglieder der »Simpsons« gegenseitig beim Psychiater mit elektrischen Stromstößen. In der Familie werden die aggressiven Vorgehensweisen eingeübt, die auch in anderen Lebensbereichen eingesetzt und ausgelebt werden. Der Vater unterweist seinen Sohn gegen dessen anfängliche Bedenken sehr genau in unfairen Kampftechniken (»Dann tritt ihm in die Familienjuwelen!«; er macht an einem Sandsack vor, wie man dem Gegner ein Stück Fleisch aus dem Körper herausreißt). Der Großvater stellt für Bart den Kontakt zu einem Militaria-Händler her, der ihn zur kriegsmäßigen Bildung einer Band anleitet

Der Umgang zwischen den Ehepartnern, unter den Kindern und zwischen Eltern und Kindern ist durchgängig von Herabsetzungen, Beleidigungen, Gefühlsrohheit, Mißachtung und Gewalttätigkeiten gekennzeichnet. Die verbale Kommunikation besteht vorwiegend aus einer Aneinanderreihung von Ausdrücken aus der Fäkalsprache. Die schweren Verhaltensstörungen des Sohnes und die massiven Hospitalismusschäden des jüngsten Familienmitgliedes werden als »Gag« eingesetzt.

Der dargestellte Umgang in der »Familie Simpson« fuhrt unweigerlich zur Vereinzelung aller Personen. Werte, die zu allen Zeiten die Voraussetzung für menschliche Entwicklung und Zusammenleben bildeten, wie Einfühlungsvermögen und Mitgefühl, werden diffamiert »Armer Homer! Wieder mal wird er im Fernsehen als Trottel vorgeführt, und dies vor der ganzen Nation. Marge versucht ihn zu trösten: »Wenn du es geschafft hast, drei Kinder groß zu ziehen, die dazu fähig sind, einen Wildfremden niederzuschlagen und zu fesseln – dann hast du als Vater nicht ganz versagt««

Schule

Die heutige Schule, deren Aufgabe es mehr denn je ist, durch differenziertes pädagogisches Handeln mitmenschliche und kulturelle Werte zu vermitteln, wird in der Serie als Zwangsanstalt dargestellt Alle Autoritäten sind so negativ überzeichnet, daß eine vertrauensvolle Lehrer-Schüler-Beziehung absurd erscheint. Ihre freundliche Fassade dient lediglich zur Durchsetzung von Ordnung, Sauberkeit, Pünktlichkeit und Aussonderung. So hindern sie die Kinder an der sogenannten freien Entfaltung: kein Kaugummi, kein Sprühen, kein Aus-der-Reihe-Tanzen. Verbindliche Orientierungen für das gemeinsame Lernen in der Schule werden auf diese Weise als »Repressionen« abqualifiziert. Die Kinder würden in der Schule dressiert. So ist es auch durchaus beabsichtigt, daß der Schuldirektor nach dem bekannten Behavioristen Skinner benannt ist

Außerdem wird dem jugendlichen Zuschauer durch die besonders naheliegende Identifikation mit der Comic-Figur Bart die Opferrolle aufgezwungen. Die Schule sei immer bedrohlich, und zwar über die Gegenwart hinaus: Beim Mathematiktest droht die Lehrerin den Schülern zukünftiges Versagen im »Kampf ums Dasein« an. Auch als Bart sich hilfesuchend an den Direktor wendet, stellt dieser seine rigiden Prinzipien über die für jeden verantwortungsbewußten Pädagogen selbstverständliche Unterstützung des Schülers und wird damit als kinderfeindlich abgestempelt.

Bei der Darstellung der Schüler entfernt sich die Serie besonders krass von der Realität Während in der Schulwirklichkeit alle Schüler freundschaftliche Beziehungen haben oder sie sich wünschen, beschränkt sich die Serie ausschließlich auf die Darstellung von Niedertracht und Gewalt: Über den Schwächeren wird gelacht, Verrat und Bespitzelung bestimmen das Schulklima, erworbenes Wissen wird allein dazu benutzt, dem Mitschüler übel mitzuspielen. Die Serie ist geradezu eine Anleitung zu gestörter Beziehungsaufnahme und zu gewaltvollem Verhalten; Vereinzelung ist das Resultat.

Die Methode, mit der dem Zuschauer alle gewaltvollen Handlungen als berechtigte Notwehrhandlungen suggeriert werden, ist die permanente Darstellung Barts in der Opferrolle. Dieses krasse Ausgeliefertsein findet in Barts Alpträumen, in denen er mordenden Monstern standhält, seine schreckliche Steigerung.

Bart wird immer als Opfer des sogenannten schulischen Zwangs hingestellt. Durch diese Rolle, die Mitleid hervorrufen soll, wird jede seiner Gewalttaten als »Gegengewalt« legitimiert Oft wird er vom Vater dazu angeleitet: »Für uns Simpsons gelten andere Rechte.«

Vernunft besteht nach Alfred Adler, dem Begründer der Individualpsychologie, aus der Verbindung von Intelligenz und Gemeinschaftsgefühl. Das Anliegen einer an positiven Werten orientierten Pädagogik ist es, Schüler zum Lernen anzuleiten und sie in die Lage zu versetzen, ihr Wissen konstruktiv einzubringen. Das ist die Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben.

Die Autoren der Serie haben das Gegenteil im Sinn. Sie verfolgen die Absicht, Bildung systematisch zu entwerten und umzudeuten. So wird Barts Entmutigung als eine Tugend dargestellt, wenn er sagt: »Ich bin ein Versager, ja Mann, aber ich bin stolz darauf.« Anknüpfend an Vorurteile gegenüber Wissenschaft und eine um sich greifende Bildungsfeindlichkeit – »zu viel denken ist ungesund« (2. Folge) werden die »Genies« der zweiten Folge als kaltherzig, neunmalklug und arrogant dargestellt. Sie produzieren sich mit unsinnigen Fertigkeiten (z.B. Rückwärtssprechen) und haben das einzige Ziel, besser zu sein als die anderen und diese zu übervorteilen. Dazu paßt auch die von Vater Homer für seinen Sohn bestimmte Lebensperspektive: »Vielleicht machst du mal das, wovon alle Simpsons seit Generationen träumen: jemanden kräftig übers Ohr hauen.«

Schüler werden durch das Vorleben destruktiver, aggressiver und gewalttätiger Verhaltensmuster in ihrer Persönlichkeitsentwicklung entscheidend gehemmt. Wie jeder verantwortungsbewußte Pädagoge weiß, führt eine solche Schwächung zu zunehmender Orientierungslosigkeit und Aggressivität

Zusammenleben

Auch die Darstellung des Zusammenlebens in der Comic-Serie ist ein Zerrbild der Wirklichkeit. In der Serie gibt es kein gleichwertiges soziales Zusammenleben, sondern es werden Fronten aufgebaut und Mißtrauen gesät, um die Vereinzelung der Menschen voranzutreiben. Groening bietet den Zuschauern nur zwei Alternativen an: Werde selbst Führer und übe Macht aus, oder ordne dich unter.

Die Macher der Serie glorifizieren in Bart die erste Variante. Er verstößt gegen alle Normen und Regeln gesellschaftlichen Zusammenlebens, untergräbt sie und setzt sie außer Kraft. Damit tritt er gegen die führenden Autoritäten an. In verschiedenen Situationen übernimmt Bart selbst die Führungsrolle. Zum Beispiel leitet er in der dritten Folge die Aufstellung und paramilitärische Ausbildung einer Schülerarmee.

Die zweite Variante wählt Homer für das Verhältnis zu seinem Chef. Die Beschreibung der Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehung entspricht nicht der Realität des ausgehenden 20. Jahrhunderts, sondern erinnert bei dem Gartenfest in der ersten Folge an das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Fabrikbesitzer und Arbeiter in den Anfängen des Industriezeitalters.

Die Parteinahme des Zuschauers wird suggestiv beeinflußt, indem an bestehende Einstellungen angeknüpft wird: Der Chef von Homer ist nicht Besitzer irgendeiner Fabrik, sondern Betreiber eines Kernkraftwerks. Er wird als zynisch, hinterhältig und gewissenlos dargestellt – ein Mensch, der mit allen Mitteln seine Macht erhalten will und nur auf seinen Profit bedacht ist. Die Abhängigkeit der Arbeiter wird als absolut dargestellt: als Arbeitnehmer und als Bewohner der Region, in der das Kernkraftwerk steht Die Bewohner der Stadt ordnen sich bereitwillig diesem despotischen Chef unter, sie verlieren ihre individuelle Persönlichkeit und werden zur manipulierbaren Masse.

Den Machern geht es immer wieder um die Konstruktion von Feindbildern und darum, die Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Über die Identifikation der Zuschauer mit der Familie wollen sie erreichen, daß ein mitmenschliches Zusammenleben unmöglich erscheint. So beschimpft Groenings »Hauptfigur« seinen Vater aufs Schlimmste und bezeichnet seine Schwester als »Streberleiche« und »Schleimwachtel«, weil sie der Lehrerin mit einem Geburtstagsgeschenk eine Freude machen möchte. Außerdem empfiehlt Bart »coole, blutrünstige Kriegsbücher« und ist nur solange gegen den Krieg, »bis ich alt genug bin, selber einen anzufangen«.  Auf diese Weise werden den Zuschauern Kriegsstrategien und militärisches Vokabular vermittelt, die Gewalt wird als vermeintliche Konfliktlösung verherrlicht

Groening diffamiert die westliche Zivilisation. Die Eßkultur wird bei ihm zur »Freßkultur«; die Religion muß herhalten für »Witze« beim lischgebet; Bildung wird abgewertet, der Opernsänger als »Dickarsch« bezeichnet.

Die Sprache dient nicht mehr dem Austausch und der zwischenmenschlichen Verständigung, sondern wird auf Beleidigungen, Befehle, »coole« Sprüche und sinnentleerte Sätze reduziert (Der Ueblingsspruch von Bart ist: »Hab keine Kuh, Mensch!«) Sprache wird nur noch dazu benutzt, um sich voneinander abzugren¬zen und Fronten zu bilden – jeder gegen jeden. Damit besteht das Zusammenleben in der Serie nur noch aus mißtrauischen, feindseligen Begegnungen vereinzelter Individuen.

Werner Glogauer ist übrigens nicht irgendein aus einem Loch gekrochener Irrer, sondern emeritierter Professor für Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik an der Universität Augsburg, war seit den 50ern bis heute als Medienpädagoge tätig und seine Bücher erreichten enorme Auflagen – das Werk, in dem dieser Simpsons-Verriss erschien, erlebte immerhin 4 Auflagen zwischen 1993 und 1998. Dazu war er auch als Gutachter für diverse Gerichte tätig (u.a. im Verfahren gegen den jugendlichen Amokläufer von Bad Reichenhall)

Auch ein weiterer Blick in sein Buch ist durchaus amüsant: MegaMan sollte wegen der eingesetzten "kriegerischen Vernichtungswaffen" nicht von Kindern und Jugendlichen gespielt werden, Fernsehen und VHS sind generell schädlich (außer die Serie Alf, auch wenn diese zuerst bei Kindern zu einem Schock führen kann, weil Alf androht die Familienkatze essen zu wollen), Walkmans führen zu schlimmsten Hörschäden und Heavy Metal führt zu schlimmsten Gewalttaten, Drogenkonsum und Morden. Oder um es anders auszudrücken: Der radikale Medienumbruch in den 80er Jahren war zu viel für Glogauers Weltbild. Und für Satire hatte er anscheinend auch nicht viel übrig.

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2 Antworten zu Die Simpsons diffamieren die westliche Zivilisation

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